Der Filmemacher SergeiLoznitsa , der dem Westen seine Untätigkeit im Ukraine-Konflikt seit der Krim-Annexion vorwirft und eine Schließung des Luftraums über der Ukraine fordert, wird aus derUkrainischenFilmakademieausgeschlossen, weil er sich gegen einen pauschalen Boykott russischer Filme ausgesprochen hatte. "Loznitsa, so heißt es zur Begründung in einer Mitteilung des Filmfestivals Odessa, habe sich als 'Kosmopolit' bezeichnet", berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Aber angesichts des Krieges sollte jeder Ukrainer sich zuseinernationalenIdentitätbekennen. Zwischentöne seien derzeit nicht angebracht. Außerdem seien Filme des Regisseurs, der in Weißrussland geboren wurde und in Kiew aufwuchs, zum Festival russischer Filme im französischen Nantes eingeladen, zu einem Programm unter dem Titel 'Von Lemberg bis zum Ural'. Auf der Webseite des Festivals, das vom 31. März bis zum 3. April läuft, wird der Krieg unmissverständlich verurteilt."
Außerdem: In der Jungle Worldrettet Dierk Saathoff PaulVerhoevens Erotikthriller "Basic Instinct" 30 Jahre nach dessen Kinopremiere vor dem Vorwurf der Homophobie.
Im Labyrinth des Identitären: Nadav Lapids "Aheds Knie" In seinem Film "Aheds Knie" leidet der israelische Filmemacher NadavLapid an seinem Heimatland und seiner Rolle als Kulturschaffender dort. Das erzählt er jedoch "auf eine intensive, manchmal fast experimentelle Weise", schreibt Bert Rebhandl in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. "Dabei geht es ihm wesentlich um Zirkelschlüsse der Identität. Die Wüste von Avara, visuell ein klassischer Topos für das Exotische, wird bei Lapid zu einem Labyrinth des Identitären." Philipp Stadelmaier von der SZverstrickt sich gern in die Widersprüche des Films: "Zu seinem Protest gehört die intrinsischeVerbundenheit. Darin liegt die politische Intelligenz von Lapids Filmen: in der Evidenz der Unmöglichkeit, Angeklagtes und Gehasstes loszuwerden, wenn es sich schon in einem selbst befindet. ... Ohne diese präzise, formal gnadenlose Auseinandersetzung mit dieser Verbundenheit wäre Lapids Kino ein beliebiges politisches Pamphlet, eine 'Position', eine schiere Behauptung. Lapid verwandelt seinen Film in eineWaffe, diesichselbstzerlegt. Und ganz am Schluss, als alles schon abgedreht war, nahm er sogar finanzielle Förderung vom israelischen Kulturministerium an."
Weitere Artikel: René Wildangel berichtet im Tagesspiegel vom Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki. Besprochen wird CélineSciammas "Petite Maman" (Standard, mehr dazu hier),
Audrey Diwans "Das Ereignis" nach dem Buch von Annie Ernaux Im Standardspricht die Regisseurin AudreyDiwan über ihre Adaption von AnnieErnauxs autobiografischem Abtreibungsbericht "Das Ereignis". Den Kritiker Dominik Kamalzadeh erinnert der Film zuweilen an einen Spionagefilm. "Ich hatte Jean-Pierre Melvilles Résistance-Drama 'Armee der Schatten' im Kopf", erklärt dazu Diwan, "denn es geht um eine Idee von Widerstand: Menschen, die im Schatten flüstern. Wenn das Gesetz etwas verbietet, muss man in den Untergrund gehen. Die Angst ist das zentrale Gefühl, auch im Buch."
Außerdem: In der FAZgratuliert Claudius Seidl der Schauspielerin MichaelaMay zum 70. Geburtstag. Besprochen werden die auf Sky gezeigte, gleichnamige Serienadaption von ThomasPletzingersRoman "Bestattung eines Hundes" (Freitag, Welt, FAZ), MikeMills' "C'mon, C'mon" mit JoaquinPhoenix (NZZ), "Jump, Darling" mit ClorisLeachman (SZ), die Apple-Serie "The Last Days of Ptolemy Grey" mit SamuelL. Jackson (Presse), die auf Artegezeigte, dänische Miniserie "Blinded - Schatten der Vergangenheit" (SZ) und die Apple-Serie "WeCrashed" (Freitag).
Für Artechock hat Rüdiger Suchsland ein Statement des russischen Filmkritikers AntonDolinübersetzt, der mittellos sein Land verlassen hat, nachdem er die russische Invasion kritisiert hatte und dafür von Nationalisten mit dem Tod bedroht wurde: "Es ist unmöglich, in einem Land zu leben, selbst in dem eigenen und geliebten Land, in dem man geknebelt wird. Besonders für einen Mann, dessen einziges Werkzeug sein Wort ist. Außerdem konnte ich die Luft in Moskau einfach nicht mehr atmen, wo die Menschen weiter ihre persönlichen Pläne diskutierten, Filme ansahen, Kunstdiskussionen führten, Vernissagen und Premieren besuchten, während in der Ukraine Menschen getötet wurden und starben. Jede Minute einer solchen Existenz bestätigte das Offensichtliche: Sie sind Komplizen. ... Meine Heimat ist Russland, ich habe mir nie eine andere gewünscht. Aber es gibt kein Russland mehr. Russland ist ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf." Nicht nur einander berührende Utopistinnen: Céline Sciammas "Petite Maman" Mit CélineSciammas "Petite Maman" kommt "ein magisch funkelndes Kleinod" (wie Perlentaucherin Thekla Dannenberg den Film bei seiner Weltpremiere auf der Berlinale nannte) in die deutschen Kinos. Der 70-Minüter handelt von einem Mädchen, das seiner Mutter dabei behilflich ist, das Haus der eben verstorbenen Großmutter auszuräumen. Anke Leweke schwärmt in der taz, "was für mitreißende Heldinnen, eigensinnigePionierinnen, berührendeUtopistinnen" Céline Sciammas Filme bevölkern und so auch in diesem "Zeitreisefilm, der seine verwunschenen Bilder aus der Ernsthaftigkeit von Kinderspielen entwickelt, bedingungslos die Perspektive seiner Protagonistin einnimmt, ihre Empfindungen teilt und mitteilt."
Einen "philosophischenDiskursfilm unter Kindern" sahFR-Kritiker Daniel Kothenschulte. Sciamma und die Kamerafrau Claire Mathon "beherrschen die Magie des Minimalismus: das Herbstlicht beim Vollenden des Waldhauses, die Kerzen bei einem Kindergeburtstag, die Dämmerung bei einer Bootsfahrt in Dani Karavans Skulpturenpark Axe Majeur." Weitere Kritiken schreiben Martina Knoben (SZ), Christiane Peitz (Tsp), Kevin Neuroth (Freitag) sowie Dunja Bialas und Rüdiger Suchsland (Artechock).
Beziehungskleinklein und Dahinsiechen in Grauzonen: "Drei Etagen" von Nanni Moretti Mit "Drei Etagen" hat NanniMoretti den gleichnamigen Roman von EshkolNevo verfilmt: Erzählt wird von drei Etagen eines Hauses, in dem drei Familien drei Geschichten erleben. Während Nevo in seinem Roman dieses Haus "noch als Mikrokosmos der Gesellschaft" zeigt, beschränke sich Moretti allerdings "auf das Beziehungskleinklein", schreibt Fabian Tietke im Tagesspiegel enttäuscht über den Regisseur: Dessen Erfolge in den letzten 20 Jahren "hätten ihm den Freiraum geboten, neue Perspektiven für einen selbstironischen Blick auf das bürgerliche Italien zu finden, andere Stimmen zu integrieren. Stattdessen hat er sich für immer konventionellere Zugänge entschieden." So stehe dieser Film "beispielhaft für dieses ästhetische Mittelmaß". Perlentaucher Robert Wagner konnte dem Film hingegen durchaus etwas abgewinnen: Er "ist äußerst dicht, wirkt aber beiläufig. Vor Melodramatik scheut sich die Erzählung und belässt Situationen lieber unklar, ambivalent und unaufgelöst. Statt Katharsis bleibt den Figuren nur ein Dahinsiechen in moralischen und emotionalen Grauzonen." Weitere Kritiken auf ZeitOnline, im Freitag und auf Artechock. Für die taz hat Thomas Abeltshauser mit Morretti gesprochen.
Besprochen werden NadavLapids "Aheds Knie" (Tsp, Perlentaucher, Artechock), die Fassbinder-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn (Artechock), Domee Shis Pixar-Animationsfilm "Rot" (FR), der Science-Fiction-Film "The Adam Project" mit RyanReynolds (Presse) und die DVD-Ausgabe von EvaHussons "Ein Festtag" (taz). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Im Rahmen einer Online-Retrospektive zu den Filmen von MauricePialat zeigt La Cinetek auch dessen Serie "La maison du bois", "ein kleines Filmwunder", das Presse-Kritiker Patrick Holzapfel nur wärmstens empfehlen kann: Die Serie "treibt in einem großen Meer erzählerischer Möglichkeiten. Wie in seinen Kinofilmen bemüht sich der für seinen außergewöhnlichen Naturalismus bekannte Regisseur vor allem darum, der Ambivalenz des alltäglichen Lebens Ausdruck zu verleihen. Dabei gewinnt das widersprüchliche Nebeneinander von Traurigkeit, lächelnden Gesichtern, Spiel und Ernst dank der Zeit, die Pialat den Figuren über sieben Folgen hinweg schenken kann, enorm an Kraft. Satt angespannt auf den nächsten Plot-Twist zu warten, leben wir quasi mit den Menschen mit, erst dadurch entsteht eine tiefgehendeIdentifikation."
Besprochen werden Nanni Morettis "Drei Etagen" (FAZ), PedroAlmodóvars "Parallele Mütter" (Jungle World, Artechock) und die Arte-Doku "Selenskyj - Ein Präsident im Krieg" (ZeitOnline).
Die Feuilletons trauern um den Schauspieler WilliamHurt, den kulturell und intellektuell distinguierten Unscheinbaren unter den namhaften Hollywood-Schauspielern der letzten knapp 40 Jahre. "Nie behauptete Hurt, die Figur zu sein, die er gerade spielte", schreibt Gerhard Midding auf ZeitOnline. "Achtsam und kunstvoll stellte er sie stattdessen her", er war "ein VerwandlungskünstlerderbritischenSchule". Wirklich gesehen haben muss man, mit welcher Coolness Hurt seinerzeit Lawrence Kasdans hitzig-schwitzigen Sommernachtsmetropolen-Film "Body Heat" eröffnete:
Atemberaubende Exzesse wie in KenRussells legendärem Drogenfilm "Altered States" - Hurts Leinwanddebüt - blieben eine Ausnahme, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Hurt hat in seinen Rollen keine Manierismen kultiviert. Diese Unscheinbarkeit bemängelte die Kritik zu Beginn seiner Karriere gelegentlich, Hurt machte sie erfolgreich zu seinem Markenzeichen. Selbst in Interviews wirkte seine Mimik so undurchschaubar, dass man sich fragte, ob aus seinen artikulierten Antworten eher Nachdenklichkeit oder doch Arroganz spricht."
Er meisterte "die Kunst der Verkörperung all dessen, was eben nicht schon auf der eigenen Oberfläche schimmert", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Daneben markierte Hurt "eine klassische, fast altmodische Männlichkeit, die er wie eine leere Leinwand einzusetzen wusste". Hurts große Zeit waren die Achtziger, unterstreicht Claudius Seidl in der FAZ, als er seine Hauptrollen "mit nicht viel mehr als ein paar Blicken und Gesten spielte, mit Drehbuchsätzen, die am besten zu ihm passten, wenn LawrenceKasdan sie geschrieben hatte." Fritz Göttler lobt in der SZ die "cooleDiversität" in Hurts ersten Filmen. Nicht alle, aber immerhin einige Nachrufe erwähnen zumindest am Rande, dass Hurts Freundin MarleeMatlin ihn vor zehn Jahren in ihrer Biografie beschuldigte, sie psychisch misshandelt und vergewaltigt zu haben.
Außerdem: Vor 25 Jahren feierte die seitdem kultisch verehrte Serie "Buffy" Premiere - was Dierk Saathoff in der Jungle World in seiner Würdigung zum Anlass nimmt, mit den emsigsten Fan-Theorien genervt aufzuräumen, die "Buffy" allesamt aus falschen Gründen gut finden.
Besprochen werden Markus Fischers vorerst nur in der Schweiz startende Verfilmung von JeremiasGotthelfsNovelle "Die schwarze Spinne" mit Lilith Stangenberg und RonaldZehrfeld (NZZ), die Krimikomödie "Mord in Saint-Tropez" mit ChristianClavier (taz), die Serie "The Last Days of Ptolemy Grey" mit SamuelL. Jackson als Demenzkrankem (FAZ), die zweite Staffel der norwegischen Serie "Beforeigners" (FR) und die Netflix-Serie "Queer Eye of Germany" (TA).
Christian Berndt hat sich für Dlf Kultur bei deutschenFilmfestivalsumgehört, wie diese künftig mit russischenFilmen verfahren wollen. Die meisten sprechen von einem Dilemma - Delegationen lädt man aus, aber auf Filme will man nicht wirklich verzichten. "Es gibt zum Beispiel in Russland eine sehr interessante Entwicklung, sich mit der Kolonialvergangenheit auseinanderzusetzen", erklärt Heleen Gerritsen vom goEast-Festival in Wiesbaden. "Da gibt es seit einigen Jahren auch Filmemacherinnen, ethnisch gesehen sind das zwar keine Russen, sondern sie kommen zum Beispiel aus Jakutien oder Sibirien. Da gibt es eine unabhängige Bewegung, in der neue, spannende Filme entstehen. So etwas jetzt zu boykottieren, fände ich in einem deutschen Kontext unverständlich."
Carolin Ströbele spricht auf ZeitOnline mit der in Istanbul lebenden, ukrainischen Filmemacherin Maryna Er Gorbach, deren auf dem Donbass im Jahr 2014 spielender Film "Klondike" gerade auf der Berlinale gezeigt wurde. "Dass Putin Ambitionen hatte, die Ukraine zu besetzen, war keine Überraschung für mich. Ich hätte keinen Antikriegsfilm gedreht, wenn ich ein Ende der Kämpfe im Donbass für absehbar gehalten hätte. Ich hätte es nicht für nötig gehalten, immer und immer wieder darauf hinzuweisen. Aber meine Intuition als Künstlerin hat mir gesagt: Das ist erst der Anfang." Und wenn schon der kaum geahndete Abschuss eines malaysischen Flugzeugs über der Ostukraine im Jahr 2014 "kein 'heißes Thema' ist, wer wird sich dann für die Menschen im Donbass interessieren, die überhaupt keine Stimme haben?"
Aktualisiert: Nur online bei der SZfinden wir einen knappen Nachruf von Fritz Göttler auf den Drehbuchautor MaxZihlmann, der am Samstag gestorben ist. Zihlmann brachte die Karrieren von Klaus Lemke und Rudolf Thome - gemeinsam bildeten sie die "Münchner Gruppe" - entscheidend nach vorne: "Das Ende fester Bindungen, das Ende des Erzählens - nie war deutsches Kino näher am großen Vorbild, der NouvelleVague in Paris, als mit der Münchner Gruppe."
Außerdem: Dominik Kamalzadeh gratuliert im Standard MichaelHaneke zum 80. Geburtstag. In der tazerinnern Thies Marsen und Jim Tobias an den Regisseur FredZinnemann, der vor 25 Jahren gestorben ist. Und eine traurige Nachricht von gestern Abend: Der Schauspieler WilliamHurt ist seinem Krebsleiden erlegen.
Besprochen werden die vom ZürcherKammerorchester begleitete Premiere von WuTsangs Stummfilm-Adaption von HermanMelvilles "Moby Dick" (NZZ), JustinChons Regiedebüt "Blue Bayou" (Tsp) und DanielDamlers Buch über Batman (FAZ).
In der morgen erscheinenden Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller an seine wenig erfreulichen Begegnungen mit Woody Allen. Der Porträtfilm, der im Zuge entstand, steht auf Youtube:
Besprochen werden AlisonKuhns Dokumentarfilm "The Case You - Wir klagen an", in dem Schauspielerinnen von MissbrauchbeimCasting berichten (SZ), Paola Calvos und PatrickJasims Dokumentarfilm "Luchardoras" über mexikanischeWrestlerinnen (SZ), Marie Amiguets Dokumentarfilm "Der Schneeleopard" (SZ, mehr dazu hier), Lukas Ladners Porträtfilm "Eva-Maria" über eine behinderte Frau, die sich ein Kind wünscht (Presse), der auf Netflix gezeigte Science-Fiction-Film "The Adam Project" (Tsp, FAZ), die Netflix-Doku "The Andy Warhol Diaries" (Standard) und der neue "Jackass"-Film (SZ).
Durchschaubare Rituale: "Tage der Jugend" (Wir Film) In seiner Artechock-Kolumne empfiehlt Rüdiger Suchsland YuliaLokshinas 30-minütigen Dokumentarfilm "Tage der Jugend" aus dem Jahr 2015, den der Verleih derzeit "aus gegebenem Anlass" frei zugänglich gestellt hat. Der Film beobachtet ein militär-patriotisches Jugend-Camp auf einer russischen Insel. "Die Kinder üben den bewaffneten Kampf, lernen patriotische Lieder und werden im orthodoxen Glauben unterrichtet. ... Die Erwachsenen erklären ihnen, wie das Sterben auf dem Schlachtfeld am besten aussieht." Gezeigt werden "recht durchschaubare Männlichkeitsrituale. Als Rituale und in ihrer universalen Form reichen sie weit über das hinaus, was wir heute als 'Ukraine' zu verteidigen gewohnt sind und als 'Russland' zu hassen, sie reichen weit über das hinaus, was, wie manche denken, der Ort ist, an dem die Freiheit und die Demokratie verteidigt wird. ... Es sind diese Menschen, die vor fünf Jahren auf der Insel Sachalin gedreht wurden und von denen manche vielleicht gerade heute im Feldzug der Russen verheizt werden."
Filmischer Möglichkeitsraum: "Europe" von Philip Scheffner Mit "Europe" greift PhilipScheffner, sonst für essayistisch-dokumentarische Filme bekannt, die Geschichte einer Protagonistin seines Films "Havarie" wieder auf, um sie in Form eines Spielfilms weiter zu erzählen. In "zunächst freundlich hellen Einstellungen vermisst die Kamera von Volker Sattel die Schauplätze von Zohras Leben", schreibt Jan-Philipp Kohlmann im Tagesspiegel. "Sobald ihr das Aufenthaltsrecht entzogen wird, verbannt der Film sie zunächst aus dem Bild. Der Bildkader wird verengt, Zohra bleibt im Off, auf die Fragen ihrer Mitmenschen kommt keine Antwort mehr. Es ist ein Regieeinfall mit geisterhafterWirkung, der die Ausgrenzung der Protagonistin aus ihrem sozialen Raum ganz auf die formale Ebene überträgt."
Dafür öffnet sich "ein filmischer Möglichkeitsraum", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "Das Moment des Diskontinuierlichen" trete "an die textuelle Oberfläche, und zwar mithilfe der simpelsten filmischen Techniken. ... Die 'Armut' der Mittel hat Methode: Dass die Kräfte der Fiktion (mit Deleuze gesprochen: die Mächte des Falschen) nicht in einer Situation des Überflusses und der Saturiertheit, sozusagen als bloßes Wohlstandsornament, entfesselt werden, sondern sich ganz im Gegenteil an eine Erfahrung des Ausgeschlossenwerdens, der Zutrittsverweigerung knüpfen: Darin artikuliert sich der politische Kern von Scheffners Film." Weitere Besprechungen auf Artechock und critic.de. Außerdem hat Dunja Bialas mit Scheffner gesprochen.
Besprochen werden AlisonKuhns Dokumentarfilm "The Case You" über Missbrauchserfahrungen beim Schauspiel-Casting (ZeitOnline), die Arte-Serie "Diener des Volkes" mit WolodymyrSelenskyj (Artechock, mehr dazu hier), Pedro Almodóvars "Parallele Mütter" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), Petra Seegers "Vatersland" (Artechock), Justin Chons "Blue Bayou" (Artechock), eine Ausstellung über die Filmemacherin AlanisObomsawin im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (Tsp), Marie Amiguets Dokumentarfilm "Der Schneeleopard" (Artechock, mehr dazu bereits hier), der Zeitreisefilm "The Adam Project" mit RyanReynolds und JenniferGarner (Welt), die vom ZDF gezeigte, achte Staffel von "Der junge Inspector Morse" (ZeitOnline) und der neue Jackass-Film (Artechock).
Die hiesigen Filmverleiher machen derzeit ukrainischesGegenwartskino wieder sichtbar. In der SZschreibt Sofia Glasl über die so zugänglich gemachten Filme, die teils im Kino, teils als Video on Demand laufen. "Der wohl präsenteste Dokumentarfilm über die Ukraine ist derzeit 'Winter on Fire', der seit seiner Fertigstellung 2015 auf Netflix verfügbar ist. ... Darin lässt sich der Krieg zu seinen Ursprüngen zurückverfolgen, zu den Euromaidan-Protesten im Winter 2013/2014. Der Filmemacher JewgeniAfinejewski verwebt Interviews mit Handykameramaterial zu einer Art Tagebuch der Protestierenden - als Gegenperspektive zu den offiziellen Statements der Politiker, wie er selbst sagt. Sein Film ordnet die Ereignisse kaum ein, wirft die Zuschauer hinein in Straßenkämpfe und Sanitätszelte." Netflix hat den Film via Youtube frei zugänglich gemacht:
Anlässlich von Marie Amiguets Dokumentarfilm "Der Schneeleopard" über einen Schriftsteller und einen Fotografen, die einen Schneeleopard zu Gesicht bekommen wollen, brichtFR-Kritiker Daniel Kothenschulte eine Lanze für den oft ignorierten, wenn nicht gar verfemten Natur-Dokumentarfilm, der anders als seine Verächter meinen, eine reiche Tradition des "visuellen Erzählens" habe. Auch der aktuelle Film schlägt ihn in seinen Bann, zumal die Kommentierung "nicht vom filmenden Zoologen, sondern vom eher unwissenden, aber neugierigen Mitreisenden, dem Schriftsteller", erfolgt. "Die Kameraarbeit ist auch etwas anders als gewohnt. Die stillen Landschaftsaufnahmen stehen lange genug auf der Leinwand, dass man keine Erklärungen braucht und sich selbst darin umsehen kann. Tatsächlich ist die tibetische Natur auch dann ein Ereignis, wenn sich gerade kein Tier darin bewegt." Und "immer wieder machen sich die Reisenden klar, wie wenig sie eigentlich über die unberührte Welt wissen, die sie da durchstreifen." Sicher, die filmischen Zutaten stimmen und die Musik stammt sgar von Warren Ellis, dennoch ist dieser Film "kein großartiges Kunstwerk geworden", ärgert sich Katharina Granzin in der taz. "Wenig mehr als schöne Oberfläche" wird geboten und nicht um das Tier geht es, sondern um Kunstwollende auf dem Naturtrip: "Die programmatische Abwesenheit eines tieferen Interesses am abgelichteten Lebewesen macht diesen Film in erster Linie zu einem Hochglanzdokument der Eitelkeit."
Außerdem: Im Tagesspiegelempfiehlt Fabian Tietke das Festival "Tricky Women", das Animationsfilme von Frauen zeigt - einige der Filme sind auch online zu sehen.
Besprochen werden PhilipScheffners "Europe" (Perlentaucher), PedroAlmodóvars "Parallele Mütter" (Perlentaucher, FR, taz, Freitag, Standard, Presse, Welt, mehr dazu bereits hier), Petra Seegers "Vatersland" (Freitag), Domi Shees neuer Pixar-Film "Red" (SZ), ClaireDenis' nach 20 Jahren auch in Deutschland im Kino gezeigter Kannibalinnenfilm "Trouble Every Day" (Jungle World), eine von Arteonline gestellte Doku über Nosferatu (FAZ, Murnaus Horrorfilm selbst zeigt der Sender auch), die DVD-Ausgbe von StefanRuzowitzkys "Hinterland" (taz) und der neue Jackass-Film von JohnnyKnoxville (Welt, Tsp). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
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