Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2023 - Bühne

Bild: "Chornobyldorf. Archäologische Oper" von Roman Grygoriv & Illia Razumeiko / Opera aperta bei Theater der Welt in Frankfurt © Artem Golkin

"Chornobyldorf - eine archäologische Oper" haben die Ukrainer Roman Grygoriv und Illia Razumeiko ihr Stück getauft, das sie für das eigene Ensemble "Opera Aperta" in Kiew entworfen haben und das nun beim Frankfurter Festival "Theater der Welt" aufgeführt wurde. Aber um Tschernobyl geht es nur am Rande, stellt Nachtkritiker Michael Laages fest: "Archäologisch allerdings ist dieses Musiktheater tatsächlich - denn es gräbt sehr tief in musikalischen Traditionen der Region am südöstlichen Rand Europas. (…)  Die dörflich-abgeschiedene Welt im geographischen Südosten Europas, etwa in den Grenzregionen Rumäniens, Bulgariens und eben auch der Ukraine und Russlands, ist immer präsent an diesem Abend, und die Rituale, die sie prägen, klingen zu uns herüber wie aus einer Zeit vor aller Zeit. Auch die Musik setzt auf diesen extrem fremden Ton - gleich zwei sehr ungewöhnliche Saiten-Instrumente sind im Einsatz neben Cello und Gitarre: das auch in Ungarns Folklore-Tradition populäre 'Hackbrett', eine Art liegende Zither, die gezupft, gestrichen und geschlagen werden kann (und hier auch wird!), außerdem das Dulcimer, ein weiteres Zither-Instrument. Was die drei Musiker in diesen Konstellationen erarbeiten, wirkt oft gleißend und schrill…"

Weiteres: Nachtkritiker Christian Rakow unterzieht Hans-Thies Lehmanns Standardwerk "Postdramatisches Theater" einer Relektüre und denkt über einen erweiterten Spannungsbegriff nach. Besprochen werden die Tanzperformance des kubanischen Ballet Revolución in der Alten Oper Frankfurt (FR) und das Stück "Billy's Joy" der Needcompany beim Wiener Impulstanzfestival (Standard)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2023 - Bühne

Szene aus "La Resurrezione" im Schlosstheater Schwetzingen. Foto:Christian Kleiner.

FR-Kritikerin Judith von Sternburg hat eine sehr weltliche Aufführung von Händels frühem Oratorium "La Resurezzione" im Schlosstheater Schwetzingen gesehen. Die "assoziativen Rätselbilder", die Calixto Bieito für das Nationaltheater Mannheim auf die Bühne bringt, sind Geschmackssache, meint Sternburg. Die musikalische Gestaltung hingegen ist "über jeden Zweifel erhaben", freut sie sich: "Wolfgang Katschner dirigiert als Spezialist und lässt das kompakte Ensemble aus dem Orchester des Nationaltheaters farbenreich agieren. Quer- und Blockflöte einstimmig spielen zu lassen, ist so ein harmloser Einfall und so wirkungsvoll. Drei Solistinnen und zwei Solisten füllen mit großen Opernstimmen das kleine Theater mit weltlicher Inbrunst, ohne den Raum zu sprengen. Sie benutzen ihn aber komplett, vor allem der Engel ist nicht auf die Bühne angewiesen: Amelia Scicolone, die ein wirklich unverschämter, nachher auch durchaus blutrünstiger Engel ist und schon mit ihrer Auftrittsarie die Latte hochhängt. Immense Vehemenz und Beweglichkeit treffen in ihrem Sopran aufeinander, das aggressiv energiebündelige ihres Auftritts lässt einen nicht an Gott, aber an die fabelhafte Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger glauben. Patrick Zielke als Luzifer ist ein Kraftbolzen und irgendwo auch gutmütiger Kerl - bezwingt Scicoline ihn wirklich oder lässt er sich bloß bezwingen -, aber auch sein gemächlich schwingender Bass kann bei Bedarf an Tempo gewinnen. Auf den zweiten Blick ist nichts Derbes an ihm."

In der FAZ fragt sich Wiebke Hüster, in welcher Welt der Ballettdirektor John Neumeier eigentlich lebt: Laut Berichten in russischen Zeitungen soll er einen Vertrag mit dem Bolschoi-Ballett über die Aufführungsrechte für sein Ballett "Die Kameliendame" verlängert haben. Während andere Choreografen wie Alexei Ratmansky die Zusammenarbeit nach dem Überfall auf die Ukraine sofort beendeten - jedoch gegen ihren Willen und ohne Nennung ihres Namens in Moskau weiter aufgeführt werden - scheint Neumeier diese Wirklichkeit konsequent zu ignorieren, kritisiert Hüster.

Weiteres: Welt-Kritiker Manuel Brug hat beim Festival Aix-en-Provence bisher sechs hervorragende Opernpremieren erlebt und gibt einen Überblick. Tagesspiegel-Kritiker Eberhard Spreng sah beim Theaterfestival in Avignon vor allem politische Stücke.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2023 - Bühne

Viel "Versöhnungstheater" und kaum kritische Fragen erlebte Janis El-Bira (Berliner Zeitung) beim Treffen von HKW-Kurator Max Czollek mit der wegen ihres autoritären Führungsstils kritisierten Gorki-Intendantin Shermin Langhoff im Haus der Kulturen der Welt. Obwohl Langhoff eine ziemlich provokante These in die Welt setzte: "Auch am Maxim-Gorki-Theater gibt es wahrscheinlich AfD-Wähler. Das ist die eine kleine Enthüllung, mit der Gorki-Intendantin Shermin Langhoff an diesem heißen Nachmittag im Haus der Kulturen der Welt herausrückt. ... Gut, rund 20 Prozent AfD-Stimmen bei der Sonntagsfrage müssen sich allein schon rein statistisch auch in der etwa 200-köpfigen Theaterbelegschaft niederschlagen, schiebt die Intendantin direkt hinterher. Aber ihr Hinweis geht über bloße Gedankenspiele hinaus. Denn das Ringen um Räume und Ressourcen, das betont sie im Laufe der knapp anderthalb Stunden mehrfach, geschehe nicht nur nach außen gegenüber Politik, Gesellschaft und Feuilleton, sondern eben auch im Inneren der eigenen Institution, in den eigenen Reihen. Was bedeutet das für diejenigen, die nicht mitziehen? Sind das also wirklich alles AfD-Nahe?"

Weiteres: nmz-Kritiker Joachim Lange teilt seine Eindrücke vom Aix-en-Provence Theaterfestival. Besprochen werden Tiago Rodrigues' "Catarina und Von der Schönheit, Faschisten zu töten" beim Festival "Theater der Welt" in Frankfurt (FR), zwei Aufführungen in Aix: Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Mozarts Oper "Così fan tutte" und Simon McBurneys Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" im Rahmen des Festival d'Aix-en-Provence, Cornelia Maria Rainers Inszenierung von Werner Schwabs Stück "Die Präsidentinnen" bei den Festspielen Reichenau (Standard), Michael Garschalls Inszenierung von Guiseppe Verdis "Don Carlo" beim Opern-Sommerfestival Klosterneuburg (Standard), Wagners "Siegfried" in Erl (nmz), Tilmann Köhlers Inszenierung von Frank Martins Oper "Le vin herbé" an der Oper Frankfurt (FR, FAZ) und "Mythos P.A.N." im Extended Reality Theater (XRT) am Staatsschaupiel Nürnberg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2023 - Bühne

George Benjamins "Picture a day like this". Foto: Jean-Louis Fernandez / Festival d'Aix-en-Provence 


Die Brände der Banlieue sind kaum verraucht, da beginnen in Frankreichs Süden die großen Sommerfestivals. Beim Opernfestival in Aix-en-Provence erlebt SZ-Kritiker Reinhard Brembeck grandiose Werke, zum Beispiel eine Uraufführung des Briten George Benjamin, den Brembeck als derzeit besten Opernkomponisten rühmt: "Dieses Werk aus Gefühlstiefe, humanistischer Kunstfertigkeit und expressiver Formstrenge heißt 'Picture a day like this', es ist eine spirituelle Feengeschichte. Die Frau bringt es nicht fertig, auch nur einen glücklichen Menschen zu finden, um so ihren Sohn zu retten, sie reift aber an der heillosen Welt. George Benjamin, der seine Uraufführung beim Opernfestival in Aix-en-Provence auch selbst dirigiert, ziseliert mit wenigen Instrumenten ein sich wundersam immer wieder verdichtendes und zuletzt ins Versöhnte weitendes Drama."

Joseph Hanimann berichtet in der FAZ vom Theaterfestival in Avignon, das mit Julie Deliquets Adaption von Frederick Wisemans Dokumentarfilm "Welfare" einen unglücklichen Auftakt genommen hat und mit weiteren Ausfällen rechnen muss: "Die Zeiten sind auch für dieses berühmteste unter den internationalen Theaterfestivals mit einem Etat von gut siebzehn Millionen Euro schwer geworden."

Besprochen werden Frank Martins selten gespieltes Tristan-und-Isolde-Oratorium "Le vin herbé" an der Oper Frankfurt (das FAZ-Kritiker Jan Brachmann mit seiner geradezu "mönchischer Inbrunst" tief bewegt, FR), Dirk Lauckes Politgroteske "Operation Abendsonne" (die Nachtkritiker Simon Gottwald die Praxis nahebringt, vor Ende der Regierungszeit noch schnell gut bezahlte Posten zu besetzen), Stücke beim Festival Theater der Welt in Frankfurt, darunter "Ultimate Safari" von Flinn Works (FR), der Auftakt der Nibelungenfestspielen in Worms mit Pinar Karabuluts "Brynhild" (FR, SZ, taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2023 - Bühne

Im Interview mit der FAZ plädiert der Theaterregisseur Christopher Rüping: "Lasst uns mal ein Klassiker-Fasten machen!" Elmar Krekeler freut sich in der Welt, dass die "Intensivschauspielerin" Lena Urzendowsky bei den Nibelungenfestspielen in Worms als Brynhild jetzt erstmals auf einer Bühne groß rauskommt. Eva-Maria Magel stellt in der FAZ den Theatermacher Willy Praml vor. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Gerhard Stadelmaier dem Theaterkritiker Georg Hensel zum Hundertsten.

Besprochen werden K. D. Schmidts Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Staatstheater Mainz (FR) und "Slippery Rope" von Yael Ronen und Shlomi Shaban im Münchner Metropoltheater (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2023 - Bühne

Picture a Day Like This © Jean-Louis Fernandez


In der FAZ ist Anja-Rosa Thöming noch ganz benommen von dem Gefühlsbad, in das sie die Uraufführung von George Benjamins Oper "Picture a Day Like This" beim Festival d'Aix-en-Provence warf. Es geht um eine Mutter, die ihr kleines Kind verloren hat, von einer höheren Macht allerdings ein Wunder in Aussicht gestellt bekommt, wenn sie es schafft, einem glücklichen Menschen einen Hemdsknopf abzuluchsen. Thöming beeindruckte der Schmerz, den Mezzosporanistin Marianne Crebassa auszudrücken vermochte, wenn sich wieder mal ein vermeintlich Glücklicher als arme Seele entpuppt: "Marianne Crebassa gestaltet die anspruchsvolle Rolle der trauernden und doch immer hoffenden Frau mit beeindruckender Größe. Die Mezzosopranistin ist sicherlich eine der besten Sängerinnen ihrer Generation, für einen Komponisten wie Benjamin ein Geschenk. Alles an der kultivierten Stimme wirkt reich und schlank zugleich, quasi bruchlos übergehend von einer vollen, nur leicht herben Tiefe über eine warme Mittellage hin zur leicht ansprechenden, gesunden Höhe." Auch nmz-Kritiker Joachim Lange ist beeindruckt: "Benjamin setzt bei jeder Szene mit genau dosierten Mitteln an und hält mit untrüglichem Sinn für das rechte Zeitmaß für diese Art Selbsterkenntnismusik, die Spannung. Für die Zuhörer und wohl auch für die Protagonisten sind alle Gesangspartien ein Fest."

Weitere Artikel: Das Zürcher Schauspielhaus sucht eine neue Intendanz, meldet Ueli Bernays in der NZZ. Besprochen werden ein "König Lear" mit Charlotte Schwab in der Hauptrolle bei den Festspielen Bad Hersfeld (FR) und Parnia Shams Theaterstück "Ist" beim Theater der Welt in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2023 - Bühne

L'opéra de quat'sous de Bertolt Brecht, Kurt Weill et Elisabeth Hauptmann
Direction musicale Maxime Pascal - Mise en scène Thomas Ostermeier
Festival d'Aix-en-Provence 2023 © Jean-Louis Fernandez


Beim Opernfestival in Aix-en-Provence wurde Thomas Ostermeiers Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" aufgeführt. Das passte wie die Faust aufs Auge, meint im Tagesspiegel Eberhard Spreng. Und dann wieder nicht: "Macheaths bedingungsloser Hedonismus, seine individuelle Rücksichtslosigkeit, ist heute keine Ausnahme mehr. Das Raubtierhafte ist Allgemeingut geworden, Schocks der Selbsterkenntnis beim bürgerlichen Festivalpublikum unwahrscheinlich. Die von Karl Marx prognostizierte moralische Verrohung der Menschheit im Kapitalismus ist fast ein Jahrhundert älter geworden und hat andere Formen angenommen. Die Welt ist müde geworden und die Jugend erfindet andere Posen des Protestes, um gesehen zu werden und aus dem legendären Schatten zu treten, den Brecht beschwor. Nicht in Aix, sondern im 30 Kilometer entfernten Marseille."

Welt-Kritiker Manuel Brug wurde leicht unbehaglich bei der Vorstellung, dass Mackie gleich zu den "Polizistenhunden" sagen würde: "Man schlage ihnen ihre Fressen / Mit schweren Eisenhämmern ein".  Aber dann war's doch nicht so schlimm: "Der smoothelegante Birane Ba singt das freilich unverbindlich als der nette Schwarze von nebenan, der doch nur ziemlich bester Freund aller sein will. So gibt es einen szenischen Kommentar nur hinterher. Wenn, explizit nach dem Applaus und als Zugabe ausgewiesen, noch vor roten Farbtafeln in einem Lied zu 'Geht und greift die neue Faschisten an' aufgerufen wird. ... Doch davor und dazwischen tänzelt diese 'Opéra de quat'sous' als verführerisch leichtfüßiges Kulinarikum dahin. Auf Französisch klingen die meisten der kämpferischordinären Brecht Sentenzen nach Esprit und Elegance und vor allem die unkaputtbare Kurt Weill-Musik in ihrer billigglitzrigen Instrumentierung gleißt und verführt ungemein. So wohnt man einem zwischen Music Hall und Cabaret schillernden Reigen weltberühmter Songs bei, die hier mehr nach Moulin Rouge und Cage aux Folles als nach dem Mond über Soho klingen - und nur noch sehr weit entfernt von Klassenkampf und Kapitalismuskritik tönen." (Die Aufführung kann man am 12.7. um 22 Uhr auch auf Arte sehen)

Weiteres: In der FAZ freut sich Jan Brachmann, dass es plötzlich Karten für Bayreuth gibt. Andrea Paluch macht für die Zeit eine Theaterreise nach Kiew. Im van Magazin berichtet Merle Krafeld über die Schwierigkeiten, einen rechtlichen Rahmen für Angestellte am Theater zu schaffen.

Besprochen werden Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" an der Oper Frankfurt (van), die Revue "Berlin-Berlin" in der Alten Oper Frankfurt (FR) und Heidi Speckers Fotos von der Komischen Oper vor ihrer Sanierung (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2023 - Bühne

Impression von Traja Harrells Tanzsolo "Sister or he buried The Body". Foto:Orpheas Emirzas.

"Innerlich ganz still" wird FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster während Trajal Harrells sitzendem Tanzsolo "Sister or he buried The Body" beim Festival Theater der Welt in Frankfurt. Kaum glauben kann sie, wie der amerikanische Choreograf und Tänzer allein in geblümten Röcken auf dem Boden sitzt und dabei "eine Macht wie ein ganzer Chor in der griechischen Tragödie" ausstrahlt: "Irgendwann, wenn er sich von dem Sitzkissen erhebt und die Röcke ablegt, ist das wie eine Transformation. Harrell, nun in Shorts, auf denen in Gold 'No Pain no Gain' steht, an einem anderen Tag in einem fließenden ockerfarbenen Kleid, zeigt sich auftauchend, gegenwärtig, und tanzt auf den Abschied von seinem Publikum zu. Was war es nur, was wir mit ihm teilten? Ein Zug innerer Bilder, eine Erinnerung an frühere Tänze der Befreiung und schwarze einflussreiche Kunst, ein Manifest der Verbindung, ein bleibendes, bindendes, soziales Ereignis, das die ungeminderte Kraft und Magie des Tanzes beschwört. Große Kunst."

Weitere Artikel: Zum einjährigen Jubiläum des jüdischen Theaterschiffs "MS Goldberg" zieht dessen Chef Peter Sauerbaum im Gespräch mit Tagesspiegel-Kritiker André Görke positive Bilanz und informiert über zukünftige Projekte.

Besprochen werden Peter Maxwell Davies Monodrame "Eight songs for a mad King", inszeniert von Katarzyna Bogucka, und "Miss Donnithorne's Maggot", inszeniert von Stefanie Hiltl, die das Staatstheater Mainz zusammen zeigt (FR), das Tanzstück "Nostalgia" von Guy Weizman und Roni Haver am gleichen Ort (FR) und Satoko Ichiharas Inszenierung von "Die Bakchen. Holstein-Milchkühe" im Rahmen des Festivals Theater der Welt in Frankfurt (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2023 - Bühne

Szene aus "Die ersten Menschen" an der Oper Frankfurt. Foto:Matthias Baus.

Die Musik in Tobias Kratzers Inzenierung von Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" an der Oper Frankfurt schlägt FAZ-Kritiker Jan Brachmann von der ersten Note an in ihren Bann. Die Oper wurde 1920 uraufgeführt und seitdem selten gespielt, so der Kritiker, der gar nicht weiß wohin mit seiner Begeisterung für die musikalische Gestaltung: "Das feine Gespinst der leeren Quinte f-c macht den Odem des Lebens hörbar, den alle Kreatur in sich einsaugt. Dann setzt das biegsame Englischhorn ein, gleitet langsam nach unten und windet sich bald darauf wieder empor wie eine Jugendstilranke - eine organische, vegetative Linienführung, die gleich wieder Bild, bewegtes Bild werden will. Dazu sinken Akkorde nieder, durch Septimen, Nonen und Undezimen so flauschig gemacht, dass sie in amerikanischen Radioschlagern der späten Dreißigerjahre stehen könnten oder in den Ein- und Überleitungspassagen bei den frühen Genies der Revue und des Tonfilms wie Paul Abraham, Franz Grothe oder Theo Mackeben. Man möchte sich sofort in diese Musik stürzen und in ihr untertauchen oder sie gierig auffressen, sie sich einverleiben, egal, was: Man will sie!" Auch SZ-Kritiker Egberth Toll stellen sich bei dem hier entfachten "Klangsturm" die Ohren auf, außerdem überzeugen ihn die Darsteller in dieser "völlig verrückten" Oper: "Die Typenbesetzung ist fabelhaft: Andreas Bauer Kanabas ein beflissener Adahm, Iain MacNeil ein zottelhaariger, ewig schlechtgelaunt keckernder Kajin, Ian Koziara ein glühend euphorischer Chabel. Und alle bläst Ambur Braid weg als hochemotionale Chawa..." Auch FR-Kritikerin Judith von Sternburg ist voll des Lobs, in der nmz bespricht Wolf-Dieter Peter die Aufführung.

SZ-Kritiker Alexander Menden hat in den neuen Aviva Studios eine fulminante Eröffnung des Manchester International Festival erlebt. Das Eröffnungsstück "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" ist ein "satirisch-proklamatorisches LGBTQ+-Singspiel mit Mitmachteil", lesen wir. Der Kritiker ist ganz euphorisch: "Die 15 Darstellenden sind Multiinstrumentalisten, die ... auf höchstem Niveau spielen. Die dazu tanzen, singen, chorisch sprechen und so die Geschichte der 'Faggots' (in etwa die englische Entsprechung von 'Schwuchtel', hier liebevoll verwendet) erzählen, die sich im restriktiv-brutalen heterosexuellen Männer-Staat Ramrod eine Existenznische erkämpfen müssen - bis zur nächsten Revolution, die ihnen den Sieg bringen wird."

Besprochen werden in einer Doppelbesprechung Guntbert Warns Inszenierung von "Tartuffe" und Robert Meyers Inszenierung von Johann Nestroys Stück "Einen Jux will er sich machen" im Rahmen der Festspiele Reichenau (nachtkritik), Christian H. Voss' Inszenierung von "My Fair Lady" im Rahmen der Bad Vilbeler Burgfestspiele (FR), das Stück "Angela (a strange loop)" inszeniert von Susanne Kennedy und dem Künstler Markus Selg im Rahmen des Festivals Theater der Welt (FR) und dessen Eröffnungsstück "Die Bakchen - Holstein-Milchkühe" von Satoko Ichihara (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2023 - Bühne

Der Chor der Milchkühe in Satoko Ichiharas "Bakchen". Foto: Theater der Welt

Mit großer Begeisterung erzählt Esther Boldt in der Nachtkritik vom Festival Theater der Welt, das in diesem Jahr in Frankfurt und Offenbach Station macht. Zum Auftakt ließ die Regisseurin und Autorin Satoko Ichihara in ihrer Euripides-Version "Die Bakchen - Holstein-Milchkühe" Monströses ausbrüten, und Boldt freut sich über eine "überwältigende, strapaziöse und mutige Festivaleröffnung": "Protagonistin des Abends ist eine Frau, die nicht mehr arbeiten wollte und darum heiratete, um den Rest ihres Lebens in einem schönen Haus und materieller Sicherheit zu verbringen - im Gegenzug für saubere, gebügelte Hemden, Essen und Sex. Zuvor hat sie jahrelang als Besamungstechnikerin von Milchkühen gearbeitet, die bekanntlich jährlich kalben müssen, um den menschlichen Bedarf an Milchprodukten zu stillen. Mit grandioser Überdrehung, oft direkt ins Publikum sprechend, spielt Yurie Nagayama diese einsame Hausfrau in Kittelschürze, die sich irgendwie eingerichtet hat in ihrer kleinen Welt. Doch das konventionell wirkende Setting kippt überraschend, als jenes Wesen vor der Tür steht, das die namenlos Bleibende einst bei ihrer Tätigkeit als Samentechnikerin erzeugte: Da besamte sie, aus einer Laune heraus, eine Kuh mit menschlichem Sperma." In der FR berichtet Marcus Hladek von weiteren Inszenierungen, während sich Lisa Berins den Performances widmet, die Festival-Kuratorin Chiaki Soma im Museum für Angewandte Kunst präsentiert.

Weiteres: In der FAZ berichtet Simon Strauss von der Abschiedsfeier für den scheidenden Intendanten des Deutschen Theaters Ulrich Khuon, auf der unter anderen Ulrich Matthes bewegende Worte sprach: "Das Entscheidende, was Matthes sagte, war, dass Khuon als Intendant stets auch Interesse an einem Theater gehabt habe, das seinem eigenen Geschmack nicht entsprach. Diese bescheidende Liberalität war es, die ihn als Intendanten auszeichnete und einen Besuch im DT in vielen Fällen unvorhersehbar machte."

Besprochen werden Johann Nestroys "Einen Jux will er sich machen" bei den Reichenauer Festspielen (Standard), Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares "Julius Ceasar" mit LaienspielerInnen in Oberammergau (SZ) und Florentina Holzingers Performance "Kranetude" am Müggelsee (von der taz-Kritikerin Verena Harzer schöne und verstörende Bilder im Kopf mitnimmt, mehr im Efeu von Samstag).