Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2023 - Bühne

Szene aus "Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig. Foto: Rolf Arnold


"Zumindest nicht ungerecht" wird Regisseur Nurad David Calis am Schauspiel Leipzig Bertolt Brechts "Arturo Ui", meint Andreas Platthaus in der FAZ. Richtig glücklich wird er mit der Inszenierung zu der im Exil verfassten Parabel auf Hitlers Aufstieg zur Macht jedoch nicht. Zwar ist sie weitgehend texttreu, sie ergeht sich allerdings bisweilen in allzu burleskem "Comedian-Humor", kritisiert Platthaus. Außerdem wird "Homoerotik auf eine Weise inszeniert wird, die man als Erbteil einer anderen Epoche abgetan dachte - böse könnte man mit Brecht sagen, dass auch bezüglich dieser Klischees der Schoß noch fruchtbar ist. Was der durch die Besetzungsliste suggerierten Diversität - nicht nur Ui wird von einer Frau auch gespielt, auch dessen Gefolgsmann Emanuele Giri (Annett Sawallisch), die unglücklichen Bowl und Hook (jeweils Aicha-Maria Bracht) und eben einer der Trustees (Schergaut) - wieder den Zahn zieht. Zumal all diese Travestie inhaltlich folgenlos bleibt. Das muss nicht Calis' Fehler sein; mit den Brecht-Erben ist als Rechtegebern bekanntlich nicht ganz leicht regietheatern."

Besprochen werden außerdem Aufführungen der Puccini-Oper "Il Trittico" an der Deutschen Oper Berlin und der Staatsoper Wien (Welt) sowie die Uraufführung von Alberto Franchettis musikalischer Komödie "Don Buonaparte" aus dem Jahre 1939 am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz  (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2023 - Bühne

Es hat geradezu etwas "Gespenstisches", wie die deutsche Kulturwelt nach den Angriffen der Hamas auf Israel einfach weitermacht, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. Zwar gibt es Solidaritätsbekundungen, doch in weiten Teilen zeigen die Theater-und Opernhäuser eine "erstaunliche Unfähigkeit zur Empathie", so der Kritiker. Die Reaktion des Gorki-Theaters, die Aufführung von Yael Ronens "The Situation" (unser Resümee) abzusagen, sieht Laudenbach da noch als eine der sinnvollsten Maßnahmen an: "Die Aufführung nicht zu zeigen, bedeutet in dieser Situation nicht einfach einen Abend ohne Theater. Die Nicht-Vorstellung markiert eine Leerstelle und ein notwendiges Innehalten."

Weitere Artikel: Torben Ibs stellt in der taz den Regisseur Nuran David Calis vor, der für das Schauspiel Leipzig Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" inszeniert hat. Bei der Nachtkritik ist die Hamburger Poetikvorlesung der Schauspielerin Julia Riedel zu lesen und zu sehen. Alle spielen Wagners "Der Ring des Nibelungen", stellt Welt-Kritiker Manuel Brug fest und gibt einen Überblick. Dabei fällt auf: auch kleine Theater trauen sich an Inszenierungen heran und in der Schweiz liegt gerade ein "wagnerisches 'Ring'-Epizentrum".

Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von "Im Namen der Brise" mit Texten von Emily Dickinson am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Henryk Ibsens "Peer Gynt" am Münchner Residenztheater (FAZ), Lev Puglieses Inszenierung von Alberto Franchettis musikalische Komödie "Don Buonaparte" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz (nmz) und Michael Dissmeiers Inszenierung von Albert Lortzings "Der Wildschütz" am Theater Altenburg Gera (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2023 - Bühne

Szene aus "Die Brüder Karamasow" am Schauspielhaus Bochum. Foto: Armin Smailovic.

Was für ein Ereignis! ruft Nachtkritiker Andreas Wilink nach Johan Simons Inszenierung von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" am Schauspielhaus Bochum. Die Extreme dieser Erzählung hat Simons in eine siebenstündige (!) Inszenierung übertragen, samt einer Wanderung durch das Theater. Gelangweilt hat sich der Kritiker nicht: "Die Aufführung nimmt das Wesen einer hellwachen Séance an, um ganz bei sich zu sein und aus ihrer lauernden Entspanntheit jähe Ekstase, wilde Jagd, kollabierende Gemütsruhe, psychische Blitzgewitter und moralische Absolutismen hervorzubringen. Jede(r) ist ein Mensch in der Revolte, ob sie sich vehement artikuliert oder still implodiert. Johan Simons gestaltet den Aufruhr der Herzen und Hirne in einer reichen Fülle von Form und Farbe. Prinzip Disharmonie: Da ist etwa Smerdjakow, der bei einem epileptischen Anfall vom Stuhl kippt, während ein Country-Song dudelt; seine Hände zucken, als fingerten sie über die Saiten einer Gitarre. Vater Fjodor schaut ungerührt zu und geht ab, bevor Gruschenka auftritt, die Tür des Kühlschranks aufreißt, worauf grell eine Passage aus Schostakowitschs vierter Sinfonie ausschwappt und diese 'Maria Magdalena' wie mit entflammbarer Flüssigkeit übergießt." In der FAZ bespricht Hubert Spiegel das Stück.

Weiteres: Das Gorki-Theater hat die nächste Aufführung des Stückes "The Situation" der israelischen Regisseurin Yael Ronen abgesagt, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Es behandelt den palästinensisch-israelischen Konflikt "mit schwarzem Humor", was auch "israelkritische Statements" einschließe. In Folge der Angriffe der Hamas auf Israel, erschien dem Theater die Aufführung nicht mehr angemessen, so Seidler. In einem Statement zur Absage bekundet das Theater seine Solidarität mit Israel und mit jüdischen Menschen in Deutschland.

Besprochen werden Antje Schupps Inszenierung von Martin Bieris Stück "Roaring" am TD Berlin (taz), die von Jean-Paul Gaultier kuratierte Revue "Falling in Love" im Friedrichstadt-Palast Berlin (Welt), Florian Lutz' Inszenierung von George Bizets Oper "Carmen" am Staatstheater Kassel (FR, nmz), Pauline Roelants' und Maarten van der Puts (United Cowboys) Inszenierung von Tschaikowskys "Der Nussknacker" am Staatstheater Kassel (FR), Nuran David Calis' Inszenierung von Bertolt Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig (SZ), Marie Schleefs Inszenierung von "Kim Jiyoung, geboren 1982" nach dem Roman von Cho Nam-Joo am Schauspiel Köln (nachtkritik), Jana Vettens Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Landestheater Coburg (nachtkritik), Christoph Marthalers Inszenierung von "Im Namen der Brise" mit Texten von Emily Dickinson am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), Laurent Chétouanes Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Theater Aachen (nachtkritik), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Henryk Ibsens Stück "Peer Gynt" am Residenztheater München (nachtkritik), Lies Pauwels Inszenierung von "Love Boulevard" am Berliner Ensemble (tsp, BlZ) und Steven Cohens Performance "Put your heart under your feet ... and walk" im Rahmen der Reihe Performing Arts Season am Haus der Berliner Festspiele (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2023 - Bühne

Besprochen werden Matthias Faltz' Inszenierung von Goethes "Reineke Fuchs" an der Frankfurter Volksbühne (FR), die Inszenierung "High" der Performance-Gruppe She She Pop am Berliner HAU (nachtkritik, Tagesspiegel), Bruno Cathomas' Inszenierung "Moliéres Amphitryon" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Nuran David Calis' Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Lies Pauwels' Stück "Love Boulevard" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sonne/Luft" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik) und Karin Beiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Anthropolis III: Ödipus" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2023 - Bühne

"Falling in Love" im Friedrichstadtpalast. Foto: Friedrichstadtpalast.

Auf "eine düstere Showkathedrale, die sich aber in den nächsten drei Stunden in eine farb- und sensationssprühende optimistische Welt der Superlative verwandeln wird, die immer neue spektakuläre Bilder für die Sehnsucht nach Liebe, Freiheit und Gemeinschaft findet", trifft Nachtkritikerin Esther Slevogt in der neuen Friedrichstadtpalast-Revue "Falling in Love", kuratiert von Jean-Paul Gaultier. Rauschhaft begeistert sieht Slevogt ein "stylisches wie mitreißendes Bild für Gemeinschaft, Diversität und Zusammenhalt daraus, das auch das Publikum zu Standing Ovations aus den Sitzen reißt. Die fliegenden Frauen am Bungee-Trapez steigern die Euphorie kurz darauf noch, weil ihnen mit ihrem zirzensischen wie schwindelerregenden Spektakel tatsächlich so etwas wie die Vermittlung eines Freiheitsgefühls gelingt. Alles ist möglich. Wir schaffen das!"

Begeistert von der Schau ist in der Berliner Zeitung auch Sören Kittel: "100 Millionen (!) Swarovski-Steine, Kostüme von Gaultier und Kosten von 13 Millionen Euro machen das Stück vor allem zu einer Materialschlacht - die sich allerdings wirklich sehen lassen kann. ... Doch all diese Arbeit würde seltsam leer wirken, wenn Callum Webdale als You nicht alles zusammenfügen würde. Der begnadete Tänzer, der gehörlos geboren wurde und sich beim Rhythmus nur auf die gefühlten Schallwellen verlässt, kann nicht nur die Tanzschritte jeder anderen Figur des Ensembles imitieren, sondern hat bis zu letzten Szene so viel Spaß bei seiner Arbeit, dass man seien Blick nicht abwenden kann. Ist es noch Gebärdensprache oder schon Modern Dance?" Und SZ-Kritikerin Johanna Adorjan versucht am Ende gar nicht mehr für ihre Zeitung mitzuhalten: "Im Notizblock finden sich zuletzt nur noch einzelne Worte. Mozart, Matrose, Zylinder-BH. Laser, Lüster, Lametta. Nebel, Wasser, Riesendiamant. Gelb, Pink, Orange. Völlig wehrlos gibt man sich hin."

Besprochen werden außerdem René Polleschs "Fantomas" an der Berliner Volksbühne ("Produktive Irritationen in homöopathischen Dosen. Und mittendrin als Highlight der Wuttke-Slapstick, wegen dem die Inszenierung zu einem Renner werden wird", prophezeit Katja Kollmann in der taz. "Nicht nur beim läppischen Diskursgeplänkel über das Wort 'Terror' - 'das Wort sagt mir nichts', nuschelt Angerer - geht einem die Leichtfertigkeit der Reflexionsreflexe mit Blick auf den gegenwärtigen Terrorschock im Nahen Osten contre cœur", notiert Simon Strauß in der FAZ. Die Szene schockierte auch Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Theater muss nicht unbedingt und unmittelbar und immer Bezug nehmen auf das, was in der Welt passiert. Aber man kann schon eine Haltung erwarten, irgendetwas Eigenes, das mehr wäre als diese um sich selbst kreisende, zynische Pollesch-Idolatrie." Weitere Kritiken in der nachtkritik, Berliner Zeitung, SZ), Volker Löschs "Dreigroschenoper" am Staatsschauspiel Dresden (Welt) und Christoph Marthalers "Im Namen der Brise - mit Gedichten von Emily Dickinson" am Hamburger Schauspielhaus (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2023 - Bühne

Szene aus "Fantomas". Bild: Apollonia Theresia Bitzan

"Hey, ist das noch Pollesch?", fragt sich Nachtkritiker Christian Rakow nach dem neuen Pollesch-Stück "Fantomas" an der Berliner Volksbühne verwundert. Denn in dem Mix aus Louis de Funès-Filmen, der Netflix-Serie "The Americans" und Andrej Belyjs Roman "Petersburg" wird so viel gegründelt, geschlurft und geplaudert, als wäre Castorf aus den Wänden der Volksbühne gekrochen, meint Rakow: Aber "die Nummern sitzen, und da kann man auch mal Ebbe aushalten. Eigentlich. Aber doch hat der Abend etwas aus der Zeit Gefallenes. Er zehrt vom Kräftepatt des Kalten Krieges, im Fernsehen läuft Ronald Reagan, der KGB taugt als harmloser Gag-Lieferant. Die vor-revolutionären russischen Bombenbastler des Stücks wirken blind für den Imperialismus, den Putins Regime wiederbelebt. Und wenn Kathrin Angerer einmal das Wort 'Terror' schwer über die Lippen kommt, dann zuckt man jäh zusammen, in diesen Tagen, da die Hamas die israelische Zivilbevölkerung mordet und in Geiselhaft nimmt. Weil das Stück tatsächlich so wenig Resonanz bietet, weil es so unterbelichtet scheint im Angesicht der Wirklichkeit."

Nach all den Schlagzeilen am Berliner Staatsballett (Unsere Resümees) soll's nun der neue Intendant Christian Spuck richten - als erste Amtshandlung hat er ein Viertel der 80 Tänzerinnen und Tänzer aus der Gruppe geworfen, berichtet Samiha Shafy, die Spuck für die Zeit während der Proben zu seinem ersten Stück, einer Adaption der Madame Bovary, begleiten durfte. Eine Ballettkompagnie sei keine Demokratie, auch wenn er Entscheidungen im Team mit den Ballettmeisterinnen treffe: "Die Frage ist, wo so etwas wie Machtmissbrauch beginnt. Braucht ein Künstler, eine Künstlerin nicht eine gewisse Kompromisslosigkeit, um etwas Besonderes zu erschaffen? Spuck nickt. Er habe manchmal das Gefühl, sagt er, dass heutzutage auch derjenige eine Medaille bekommen müsse, der bei den Olympischen Spielen auf dem 25. Platz gelandet sei. 'Damit sich alle wertgeschätzt fühlen. Aber so nimmt man den Menschen das, was wichtig ist im Leben, nämlich Erfolg und Misserfolg.' (…) Wenn alle sich nur wohlfühlen wollten, 'ist das für die Kunst im Endeffekt genauso gefährlich wie die Routine'."

Weitere Artikel: In der Berliner Philharmonie feierte am Dienstag "Regen" Premiere, ein Stück, geschrieben, inszeniert und vorgetragen von Ferdinand von Schirach. Gar nicht schlecht, gesteht Cornelius Pollmer in der SZ, auch weil Schirach durchaus auch körperlich Talent für eine "gewisse Komik" mitbringt: "Es funktioniert ganz gut, weil der Bühnen-Schirach jenen gebrochenen Mann und seinen Zug ins Depressive gut darzustellen versteht, über den er nicht nur in 'Regen' schreibt. Und weil der vorgetragene Text niemanden überfordert." In der nachtkritik berichtet Michael Bartsch von akuten Geldsorgen an Sachsens Bühnen: Dazu muss man wissen, dass in Sachsen die Kulturfinanzierung etwas anders als im Rest der Republik organisiert ist: Hier regelt das Sächsische Kulturraumgesetz wichtige Teile der Finanzierung. (…) Das Kulturraumgesetz sieht außerdem keine regelmäßige Anpassung der Freistaatszuschüsse von anfangs 150 Millionen Mark an die nunmehr acht Kulturräume vor."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2023 - Bühne

Auch die Theaterszene findet kaum zu Solidaritätsbekundungen mit Israel. Die Gründe dafür liegen wohl in dem politischen Ballast, den der Nahostkonflikt automatisch aufruft, vermutet Janis el Bira in der nachtkritik: "Aber die Stille ist doch laut, mit der auch in weiten Teilen der Theaterszene dem Horror der vergangenen Tage begegnet oder vielmehr lieber nicht begegnet wird. Auf den Social-Media-Profilen der meisten großen Häuser jedenfalls scheint die Welt in Ordnung, oder wenigstens nicht schlechter dran als vor dem Wochenende. Ausgerechnet die Theater, die sonst groß sind in Solidaritätsbekundungen, im Mahnen und Einmischen, die öffentlich mitgetrauert haben um die Opfer des Terrors in Paris und Nizza, in Hanau und Halle, in Butscha und Kramatorsk - ausgerechnet sie halten sich jetzt zurück." Und wenn es bei simpler Symbolik bleibt, zumindest irgendeines Zeichens bedarf es jetzt: "Geht es nicht auch um Zeichen, die man setzt, wissend darum, dass sie notwendig unterkomplex bleiben? Dass sie nie den Vollumfang des Leids abbilden werden? Dass das Brandenburger Tor, dieses deutsche Nationalsymbol in Gehdistanz zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas, am Wochenende in den Farben der israelischen Flagge angestrahlt wurde, war ein solches Zeichen, ein Signal. Sehr deutlich, sehr einfach wurde da gezeigt, was vermeintlich nicht extra gesagt werden muss. Manchmal ist das Nicht-Komplexe gerade gut genug."

Die restriktive Kulturpolitik der Polnischen PiS-Regierung trifft auch die Theaterszene, weiß Victoria Großmann in der SZ. Am Krakauer Słowacki-Theater beispielsweise soll der Direktor abgesägt werden: "Eine Regisseurin hatte den polnischen Klassiker 'Dziady' (Ahnen) von Nationaldichter Adam Mickiewicz inszeniert und dabei mehrere Rollen, die üblicherweise von Männern gespielt werden, mit Frauen besetzt. Das reichte für einen Skandal. Gegen Theaterdirektor Krzysztof Głuchowski wurde im Februar 2022 ein Abberufungsverfahren eingeleitet, das andauert. Głuchowski sagte in einem Interview mit der Gazeta Wyborcza, die zuständige PiS-geführte Woiwodschaft versuche mit ständig neuen Vorwürfen und Inspektionen im Theater, ihn mürbe zu machen. Er rechne täglich mit seinem endgültigen Rauswurf." Aufgegeben hat die Szene allerdings noch lange nicht: "Die Widerstandskraft erscheint groß. So wirkt auch Theaterdirektorin Sotowska-Śmiłek vielleicht etwas müde vom ewigen Kampf ums Geld, aber nicht eingeschüchtert. 'Wir können auf private Sponsoren setzen', sagt sie, 'und wir verdienen unser eigenes Geld." Etwa aus Vermietungen der Säle. Vor allem aber sei das Theater künstlerisch erfolgreich, die Vorstellungen oft ausverkauft, unverdrossen bereitet die Spielstätte sechs bis acht Premieren pro Spielzeit vor.'"

In der NZZ besucht Bernd Noack in Berlin das Deutsche Theater, dessen Leitung, mit einigen Vorschusslorbeeren, Iris Laufenberg übernommen hat. Zu einer eigenen Handschrift hat die Neue noch nicht gefunden, meint Noack. Was die ersten Premieren betrifft: Das Rainald-Goetz-Stück "Baracke" (unser Resümee) ist für den Kritiker ein "seltsam zahmer Goetz, der sich zwischen Gesellschafts-Bashing ins Familiäre zurückzieht." Noch einmal deutlich schlechter kommt "Weltall Erde Mensch" weg ("Themen-Wirrwarr in abgehobener Science-Fiction-Atmosphäre, der Staunen und spöttisches Lächeln provoziert"), während dem Suzie-Miller-Monolog "Prima Facie" eine große Zukunft im deutschsprachigen Raum prognostiziert wird. Das Fazit? "Sicher handelt es sich nicht um einen verunglückten Auftakt, eher um einen soliden, vielleicht ein bisschen zu zahmen, zu ehrfürchtigen Anfang im frisch gekürten Theater des Jahres."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2023 - Bühne

Szene aus "Rausch". Foto: Nils Heck

Drei Saisonpremieren hat das Schauspiel Essen unter der neuen Leitung durch die Regisseurin Selen Kara und die Dramaturgin Christina Zintl nun hinter sich - und spätestens nach der Aufführung von Armin Petras' "Rausch" ruft Martin Krumholz in der SZ: Essen ist zu beneiden! Denn diese Inszenierung, die auf dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg beruht, "vibriert förmlich vor Lust am exzessiven Schau-Spiel, an verrückten Ideen, an sinnlicher Kraft." Petras inszeniert "mit sicherem Instinkt für die Qualität der Vorlage, die auf der Hypothese beruht, der Mensch sei 'mit einem halben Promille zu wenig auf die Welt gekommen' und müsse dem systematisch abhelfen. Selbstoptimierung durch Alkohol, nur tagsüber genossen, nicht abends, nicht am Wochenende. Die Helden sind vier frustrierte Lehrer, und ihren Plan ziehen sie gnadenlos durch. Petras hat einen wunderbaren Einfall gehabt: Er flankiert den Gang der Handlung durch einen Kinderchor, der die Schülerschaft darstellt, prächtig singt und ab und zu auch kleinere schauspielerische Aufgaben übernimmt. Eine Art Basso continuo, der dem Stück den kammerspielartigen Zuschnitt raubt."

Im Tagesspiegel resümiert Ute Büsing das 15. Internationale Theaterfestival in Tiflis, das mit 54 Produktionen aus allen Teilen Georgiens einen neuen Rekord aufstellte und mit vielen freien Theatern ein Zeichen gegen staatlichen Einfluss setzte: "Der Staat in Gestalt der Kulturministerin von der herrschenden Partei Georgischer Traum greift immer heftiger ein. Wie bereits bei der Leitung des Nationalen Filmcenters und beim Haus der Schriftsteller versucht sie, linientreue Administratoren einzusetzen."

Außerdem: 25 Jahre nachdem Judy Winter das letzte Mal die Marlene am Berliner Renaissance-Theater gegeben hat, schlüpft nun der deutsch-niederländische Sänger Sven Ratzke unter der Regie von Guntbert Warns in die Rolle. Im Welt-Interview mit Jakob Hayner erklärt er, was heute noch an der Dietrich fasziniert: "Wie sie ein Image kreiert hat, das war etwas Neues. Heute gibt es Facebook und Instagram, jeder macht sich selbst zu einer Ikone - mit ganz vielen Filtern und trotzdem schlechter als sie damals." "Berlin hat eine neue 'Marlene'", applaudiert Patrick Wildermann im Tagesspiegel zufrieden nach der Premiere. "Sven Ratzke singt gut, nur richtiger Marlene-Charme kommt einfach nicht auf", meint hingegen Irene Bazinger in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Heiki Riipinens Inszenierung "Insomnia" am Berliner Ensemble (taz), Tina Laniks Inszenierung von Nino Haratischwilis "Phädra, in Flammen" ("Der Funke springt nicht über", meint Wolfgang Kralicek in der SZ), Theresa Reibers Musiktheaterproduktion "Warten auf Gertrud oder das Treffen der 100 Wunderkinder" in der Berliner Villa Elisabeth (Tsp), Wilke Weermanns Inszenierung von Kim de l'Horizons "Hänsel & Greta & The Big Bad Witch" am Theater Bamberg (nachtkritik) und Ohad Naharins Choreografie "Last Work", getanzt vom Hessischen Staatsballett in Darmstadt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2023 - Bühne

Szene aus "Phädra, in Flammen" am Akademietheater der Wiener Burg. Foto: Marcella Ruiz Cruz


Am Wiener Burgtheater hat Tina Lanik Nino Haratischwilis "Phädra, in Flammen" inszeniert. Sehr verhalten, dennoch schrammt sie nur knapp an der Seifenoper vorbei, seufzt nachtkritiker Martin Thomas Pesl: "Slogans, die ein Aufstehen gegen rechts beschwören, schreien einen da in schwarzen Lettern auf rotem Grund an. Thematisch passt dieser Abend ausnahmsweise genau ins Programm, zumindest dem dramaturgischen Aufbau nach. Denn Panopeus erfährt von den Umtrieben der beiden Frauen und schlägt daraus prompt Kapital für seine religiös fundamentalistischen Pläne: Endlich wieder Menschenopfer und Hetzjagden in Athen! Über seine Gesamtlänge betrachtet gerät das Politische des Abends dann aber doch stark ins Hintertreffen: Häusliches und Herzschmerz dominieren den Dialog." Bald schon fühlt sich Pesl "im Groschenroman, wenn eine Off-Stimme nicht nur die Mondphase zu Beginn jeder Szene beschreibt, sondern auch die Gefühlslage der Hauptfigur."

Phädra verliebt sich in Haratischwilis Fassung nicht in ihren Stiefsohn, sondern in ihre künftige Schwiegertochter. An Rechtsradikalismus hatte die Autorin weniger gedacht, bekennt sie im Gespräch mit der SZ: "Für mich geht es um das Private, das politisch wird, und darum, wann ein privates Leben zum Machtinstrument wird - so, wie gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien immer wieder missbraucht wird. Ich habe das Stück selbst vergangenes Jahr in Tiflis inszeniert."

Weitere Artikel: In der FR berichtet Marcus Hladek vom Solocoreografico-Festival im Gallus-Theater Frankfurt.

Besprochen werden Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Sartres "Fliegen" am Residenztheater München (nachtkritik, SZ), die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs "Bondi Beach" in der Inszenierung von Schirin Khodadadian am Stadttheater Ingolstadt (nachtkritik), Jan Neumanns "kurz&nackig - Staatstheater Mainz" (nachtkritik), Klaus Nomis Hommage an die Callas an der Staatsoper Berlin (BlZ), Annette Paulmanns Lena-Christ-Solo "Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst" an den Münchner Kammerspielen (SZ), Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von Shakespeares "Sturm" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Anna-Sophie Sattlers Inszenierung von Wedekinds "Lulu" im Kulturhaus Frankfurt (FR), Volker Löschs Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" Staatsschauspiel Dresden (taz) und drei Choreografien, mit denen die neue Ballettdirektorin Cathy Marston ihren Einstand in Zürich gab (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2023 - Bühne

In der FAZ erinnert sich der Dramatiker Marius von Mayenburg, wie er zum ersten Mal Stücke des neuen norwegischen Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse las. Das war um 2000, das "Blut-und-Sperma-Theater" erreichte seinen Höhepunkt auf deutschen Bühnen. Doch bei Fosse passierte fast nichts, es gab nur Menschen, die versuchten zu kommunizieren: "Wie Ibsen wurde auch Fosse oft imitiert. Wirklich geglückt ist das selten. Zu eigen, zu wenig erlernbar ist Fosses grimmiger Humor, seine jeden überflüssigen Laut schluckende Traurigkeit, die Musikalität seiner Sprache. Viel zu sagen, ohne viele Worte zu machen, das Große im Kleinen sichtbar werden zu lassen - bei Fosse ist das keine stilistische Prätention, sondern psychologisch exakte Figurensprache. Jede seiner Figuren schweigt anders."

An dieses Schweigen erinnert sich in der SZ auch sehr gut der Regisseur Falk Richter: "Als Regisseur dirigiert man also vor allem dieses Schweigen. Man findet fünfzig verschiedene Abstufungen von Angsttönen, unzählige Varianten davon, wie Menschen kurz vorm Handeln doch noch davor zurückschrecken und in sich versinken." Bei Thomas Ostermeier war es vor allem die Musikalität der Stücke, die ihn beeindruckte, erzählt er im Interview mit der Zeit: "Er hat einfach ganz anders geschrieben als die damals sehr gehypten angelsächsischen Dramatikerinnen und Dramatiker. Da trat auf einmal eine Stimme auf, die sich an musikalischen Kriterien orientierte, an kompositorischen Prinzipien, wo die Figuren eher aus dem Nichtsagen oder dem Nichtgesagten bestehen statt aus dem, was sie in den Dialogen sagen. Und das, was da entsteht, ist ein eigentümlicher Flow aus Wiederholungen und Andeutungen und vielen abgebrochenen Sätzen. Dieser Flow führt dazu, dass man, wie bei guter Musik, fortgetragen wird. Jon sagt immer, er sei ursprünglich und erst mal Gitarrist, also Musiker. Und dass etwa Bachs Fugen auch eine Grundlage für sein Schreiben darstellen würden."

In der FAZ kann Wiebke Hüster nicht verstehen, dass das Bayerische Staatsballett, das Semperoperballett und das Hessische Staatsballett immer noch Arbeiten des israelischen Choreografen Ohad Naharin aufführen, obwohl der trotz des Krieges noch mit dem Moskauer Stanislawski-Theater kooperiert. Naharin begründet das damit, dass er ja auch in Israel aufgeführt werde, erklärt Hüster und zitiert den Choreografen: "'Die gegenwärtige israelische Regierung ist für den regelmäßigen Missbrauch der Menschenrechte gegen die eigenen Bürger verantwortlich und begeht in den besetzten Gebieten täglich Kriegsverbrechen gegen das palästinische Volk. Das sind Fakten. Und da ich es gestatte, dass meine Stücke in Israel von einer israelischen Company getanzt werden, sollte ich erlauben, dass meine Werke unter jedem anderen Regime, das vergleichbare Abscheulichkeiten begeht, zur Aufführung kommen.' Naharin hat seine Position deutlich gemacht. Dass aber ein deutsches Staatsballett diese Haltung unterstützt, indem es Werke dieses Choreographen einkauft und aufführt, während sich Russlands Theater mit Naharins Namen schmücken und ihn unausgesprochen, aber für alle Welt erkennbar als Russlands Unterstützer reklamieren können, bleibt unverständlich."

Besprochen werden  Theresa Thomasberger Inszenierung von Svenja Viola Bungartens "Die Zukünftigen" am Staatstheater Mannheim (bisschen gleichförmig, findet der mäßig angeregte nachtkritiker Steffen Becker), Julia Hölschers Adaption von Martin Kordićs Roman "Jahre mit Martha" fürs Staatstheater Nürnberg ("Ihr Abend ist so kurz wie leicht, und voller feiner Nuancen", applaudiert Egbert Tholl in der SZ), Jessica Weisskirchens Inszenierung von Ewald Palmetshofers "Edward II. Die Liebe bin ich" als Sadomaso-Trip am Deutschen Theater Berlin ("Bei all dem Gegiere und Gefummel fragt man sich bald, was die eigentlich wollen. Wirklich Macht? Sex? Oder nur spielen?", seufzt nachtkritiker Georg Kasch), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Puccinis "Il trittico" an der Wiener Staatsoper (FAZ-Kritiker Reinhard Kager fand "die Buhs für die Regiemannschaft vollkommen ungerecht").