Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2023 - Bühne

Esther Slevogt unterhält sich für die nachtkritik mit dem israelischen Theatermacher und -lehrer Gad Kaynar Kissinger: "Als allererstes ist es Müdigkeit - Müdigkeit und Resignation darüber, dass das ganze kritische Theater, das es ja einmal gab, nicht geholfen hat, die Situation zu verändern", schreibt er. Palästinensische Theatermacher würden sich nur selten zu den aktuellen Ereignissen äußern: "Ein Doktorant von mir, ein sehr bedeutender palästinensischer Wissenschaftler, Schauspieler und Regisseur, sagt: 'Es ist sehr schwierig, was in diesen Tagen vorgeht. Ich verurteile - wie viele in der palästinensischen Gesellschaft - die barbarischen Taten der Hamas. Andererseits fühle ich mich durch den Hass, der sich jetzt in Israel auch gegen arabische Zivilisten entlädt, in eine Zwickmühle gebracht.' Es gibt auch einige palästinensische Theaterleute, die sich solidarisch zeigen mit ihren jüdischen Kolleginnen und Kollegen, weil sie zusammenarbeiten. Die meisten schweigen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich mich als Linker zu diesem Schweigen verhalten soll."

Szene aus "Keine Sorge (Religion) von Bonn Park. Foto: Thomas Rabsch


Bonn Parks Stück "Keine Sorge (Religion)" am Düsseldorfer Schauspielhaus löst in SZ-Kritiker Alexander Menden wenig aus. Schon das Konzept, den Theaterbesuch "irgendwie liturgisch zu fassen" überzeugt ihn nicht, zumal, wenn er wie in Düsseldorf "zwischen Feierlichkeit und Albernheit" schwankt. "Hauptthemen der anderthalbstündigen para-religiösen Riten sind Beruhigung und Ahnungslosigkeit. Die Botschaft ist: 'Du weißt sehr wenig', das Mantra lautet: 'Keine Sorge. Sorg dich nicht. Sei unbesorgt. Wehe, du sorgst dich!' ... Das 'Wehe, du sorgst dich' und die Aufforderung an die Gemeinde, 'recht fest' das Maul zu halten, sind die einzigen etwas bedrohlichen Elemente, die ja die Würze wahrer Religion sind. Dabei fehlt es nicht an Apokalyptik, aber dieser die echte Dringlichkeit. Wenn der Chor singt 'Wahrscheinlich geht die Welt noch diese Woche unter', klingt das wie eine Rentnerbeschwerde am Kiosk als eine Warnung zur Umkehr. Wer sich im Düsseldorfer Schauspielhaus zum Kichern einfindet, wird auf seine Kosten kommen. Wer Erlösung erwartet, ist falsch."

Weiteres: John von Düffel wird Intendant am E.T.A. Hoffmann-Theater in Bamberg, meldet die SZ. Besprochen werden Romeo Castelluccis Inszenierung des "Rheingolds" an der Oper Brüssel (FAZ) und "(Broken) Bridges" des transnationalen Hamburger Kollektivs Hajusom auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2023 - Bühne

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Sibel Kekili hat Michel Friedmans Buch "Fremd" über das Aufwachsen als jüdisches Kind in Deutschland nach dem Holocaust auf dessen Wunsch hin auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht. Im Zeit-Interview mit Peter Kümmel sprechen beide über Antisemitismus und Rassismus in Deutschland. Friedman: "Ich bin in den Sechzigerjahren als Zehnjähriger nach Deutschland gekommen, in ein durch und durch antisemitisches Land. Ich erlebte das Original des Nachkriegsdeutschlands, mit seiner Verlogenheit, seiner Verklemmtheit, seiner Heuchelei, mit dem Versuch, die Tapeten jede Woche weiß zu übermalen, weil das Braune schon wieder durchkam. Seitdem ich hier lebe, ist der Judenhass immer mehr oder weniger auf dem gleichen Stand - und er ist immer auch in der bürgerlichen Gesellschaft verankert gewesen. Er liegt in allen wissenschaftlichen Untersuchungen zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung." Kekilli ergänzt: "Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung gab es in Deutschland schon immer. Man wollte es nur nicht wahrnehmen. Dazu gehört, dass wir uns nicht als Einwanderungsland sehen, obwohl viele Menschen hierherkamen und beim Aufbau halfen …"

Szene aus "Rheingold". Bild: Monika. Rittershaus
Alle Konventionen von Wagners "Rheingold" werden in Romeo Castelluccis Inszenierung im Brüsseler La Monnaie gesprengt - und das Publikum jubelt, staunt Egbert Tholl in der SZ: "Bevor das berühmte Es-Dur-Wogen erklingt, dreht sich ein Reif, zwei Meter Durchmesser, dreht sich und dreht sich, bis er Schwung verliert und scheppernd zu Boden sinkt. Dann setzt holprig die Musik ein, im Halbdunkel der Bühne werden die goldglänzenden Rheintöchter sichtbar, drei singen, drei sind sanfte Ballettverdopplungen, Alberich ist an einen Stahlträger gekettet, ein hässlicher Zausel mit Schuppenhaut. Eine Wasserwolke sinkt herab, ein goldener Laserstrahl verweist auf das Gold - Castellucci hat sein erstes, faszinierend schönes Bild erschaffen."

Außerdem: In der FAZ wirft Boris Motzki einen Blick auf israelische Gegenwartsdramatik am Beispiel der Dramatikerinnen Yael Ronen und Sivan Ben Yishai, die beide immer wieder am Berliner Gorki-Theater arbeiten. Besprochen wird die Inszenierung "(Broken) Bridges" von Hajusom / Soeurs Doga & Viktor Marek im Hamburger Kampnagel (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2023 - Bühne

Sabine Leucht schreibt in der nachtkritik zur Eröffnung des Münchner "Spielart"-Festivals, in der SZ berichtet Egbert Tholl. Die italienische Tänzerin Alessandra Ferri wird ab 2025 Ballettdirektorin des Wiener Staatsballetts, melden FAZ und SZ. Maryam Abu Khaled, Ensemble-Mitglied des Berliner Gorki-Theaters, hat dem Gorki auf Instagram "Einseitigkeit" wegen seiner Israel-Solidarität vorgeworfen, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden "Das 13. Jahr" der Theatergruppe Signa in Hamburg (SZ) und Christian Spucks bisher viel gelobte Choreografie "Madame Bovary" für das Staatsballett Berlin (die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster jedoch ziemlich kalt ließ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2023 - Bühne

Schauspieler Michael Maertens und Regisseur Michael Sturminger werden beim nächsten "Jedermann" in Salzburg nicht dabei sein, meldet Christine Dössel meldet in der SZ. Stattdessen wird es eine ganz neue Inszenierung geben, lesen wir. Für die österreichische Theaterwelt sind diese plötzlichen und überraschenden Absetzungen ein ziemlicher "Knaller", schreibt Dössel. Jürgen Kesting bespricht in der FAZ eine CD Edition zum hundertsten Geburtstag von Maria Callas, die umfangreichste, die es bisher gab.

Besprochen werden Giacomo Puccinis Oper "Madame Butterfly" im Admiralspalast Berlin, aufgeführt vom Nationalen Opern- und Balletttheater Charkiw unter der Leitung von Oleg Orishchenko (tsp), Christian Spucks Ballett-Adaption von Gustave Flauberts "Bovary" (Welt) und Mable Preachs Performance-Projekt "I Am. We Are" im Ballhof Zwei in Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2023 - Bühne

Szene aus "Madame Bovary" am Staatsballett Berlin. Foto: Staatsballett Berlin.

Mit Spannung hat SZ-Kritikerin Dorion Weickmann den Einstand von Christian Spuck am Staatsballett Berlin erwartet. Und er ist nicht enttäuscht! Mit seiner Adaption von "Madame Bovary" zeigt Spuck in sieben Bildern "das Psychogramm einer Frau, deren Begehren sich in Illusionen verfängt und von vornherein zum Scheitern verurteilt ist", so Weickmann. Eine Sensation ist vor allem Weronika Frodyma, die die Bovary tanzt, schwärmt der Kritiker: "Weil Frodyma eine Leuchtkraft entfaltet, die das Innere der Figur erst zu erhellen, dann zu verzehren scheint... Spucks Choreografie rührt an Unsagbarem. Es gelingt ihr dank fein justierter Körperrhetorik. Allein die geballten Fäuste, mit denen Emma jede eheliche Umarmung quittiert! Die orgiastische Verzückung, mit der sie ihre Liebhaber lockt und ihnen zugleich auf den Leim geht, wirkt wie serielles Tantra: ekstatische Posen als Genussverstärker." Auch taz-Kritikerin ist ergriffen von dieser Bovary: "Gegen Ende wird das Spiel von Weronika Frodyma zunehmend differenzierter und ergreifender. Ihr letzter langer Tanz ist der einer Frau, die sich selbst verloren hat und durch eine Wüste bewegt, in der ihr nichts mehr vertraut ist." Im Tagesspiegel bespricht Sandra Luzina das Stück.


Szene aus "Das 13. Jahr" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Erich Goldmann.

Nachtkritiker Michael Laages wird im Stück "Das 13. Jahr" am Schauspielhaus Hamburg in einen Zwölfjährigen verwandelt und taucht ein in ein verwunschenes Dorf weit ab von der Zivilisation. Das dänisch-österreichische Performance-Kollektiv SIGMA hat in einer alten Industriehalle eine Simulation erschaffen, erklärt er: "Zehn Häuser mit winziger Wohnküche und Schlafraum dahinter, gruppiert um eine Art Dorfplatz, in deren Mitte ein Felsblock liegt. Drum herum ist düstre Bergwelt zu erahnen, die immer im Nebel liegt." Die Zuschauer sind Teil der Inszenierung und werden zu einer Gruppe von Kindern, die sich bei einem Schulausflug in das rätselhafte Bergdorf verlaufen und dort von den sichtlich armen Familien gastfreundlich aufgenommen werden, so Laages: "Tatsächlich bekommen wir es mit den Familien zu tun, jeweils vier von uns mit immer nur einer... Immer ist beträchtliche, ja tendenziell gefährliche Spannung zwischen den Familien zu spüren, einige gelten gar als 'böse'." Aber die Simulation fragt vor allem danach, wie es eigentlich mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft bestellt ist, meint der Kritiker: "Würden wir denn unsererseits Geflüchtete (...) bei uns aufnehmen? Wohl kaum. Daran zerbricht gerade unser ehedem so friedliches Sozialgefüge."

Besprochen werden Richard Strauss' "Elektra", mit der sich Waltraud Meier in einem "Rosenregen" von der Bühne verabschiedete (Tsp, SZ, FAZ), Nora Schlockers Inszenierung von Yasmina Rezas Monolog "Anne-Marie die Schönheit" am Münchner Residenztheater (FAZ), Stephan Toss' Tanzstück "Don José" am Nationaltheater Mannheim (indem zur Abwechslung mal der Liebhaber aus Bizets "Carmen"-Oper im Mittelpunkt steht, weiß Judith von Sternburg in der FR), Tom Gerbers Inszenierung des Stephen Sondheim Musicals "Follies" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes Film "Amour" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik) und Yair Shermans Inszenierung von Shakespears "Das Wintermärchen" am Theater Freiburg (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2023 - Bühne

Szene aus "Der geflügelte Froschgott" am DT Berlin. Foto: Thomas Aurin. 

In die "schönsten Absurditäten und Pointen" schraubt sich Ingrid Lausunds Jenseits-Monolog "Der geflügelte Froschgott" am Deutschen Theater Berlin, freut sich SZ-Kritiker Peter Laudenbach. Lausund kennt er schon als Drehbuchautorin der Serie "Tatortreiniger". War diese allerdings noch sehr diesseitig angesiedelt, geht es hier um das Leben nach dem Tod, so der Kritiker. Wenn es denn eines gibt? So entspinnt Lausund hier "ein Gedankenspiel über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Jenseitsvertrauens...Kennen Theologen zum Beispiel die Antwort auf die Frage, ob die Lieblingspizzeria mit der Schlager-Jukebox wohl jenseits- und transzendenzfähig ist?" Dabei glänze die Uraufführung von Regisseur FX Mayer durch "zwei bestens gelaunte Schauspieler, Regine Zimmermann und Bernd Moss, aus Lausunds Aberwitz-Monolog eine sehr musikalische Sprech-Operette, mal im Chor, mal im Duett, und immer mit maximaler Charme-Offensive: zwei Performer für ein Halleluja." Rasant findet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung diesen Text: Er "stapelt Annahmen, Folgerungen und Zweifel aufeinander, verliert sich auf Nebensträngen der Spitzfindigkeit, kehrt zum Ausgangspunkt zurück, knallt gegen Widersprüche". Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl hat sich amüsiert, findet aber auch, dass Lausunds Humor Geschmackssache ist.

Weitere Artikel: NZZ-Kritikerin Marion Löhndorf besucht die Retrospektive der "Schmerzensfrau" Marina Abramović in der Royal Academie of Arts in London, in der ihre, oft extremen, Performances von Künsterlinnen nachgestellt werden: "Am spektakulärsten in 'The House with the Ocean View', einer Performance, die auf das Jahr 2002 zurückgeht: Drei Frauen stehen auf Plattformen an einer Wand der Royal Academy, 24 Stunden am Tag über zwölf Tage hinweg. Sie betrachten das Publikum, und das Publikum betrachtet sie. Sie sprechen nicht und trinken nur Wasser." Welt-Kritiker Manuel Brug besucht eine Probe mit dem neuen Direktor des Berliner Staatsballetts Christian Spuck. Im FR-Interview unterhält sich die Opernsängerin Waltraud Meier mit Markus Thiel.

Besprochen werden Dimitris Papaioannous Performance "Ink" im Haus der Berliner Festspiele (tsp) und Roland Wilsons Rekonstruktion der Heinrich Schütz Oper "Tragicomedia von der Dafne" (deren Noten verschollen sind) beim Heinrich Schütz Musikfest in Dresden (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2023 - Bühne

Die Frau ohne Schatten. Bild: Opéra Lyon.
Ein mitreißendes "Opernmonstrum" ist "Die Frau ohne Schatten" von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, die an der Oper Lyon von Daniele Rustioni inszeniert wird, meint Joachim Lange in der Neuen Musikzeitung. "In den ersten beiden Aufzügen projiziert er das im Märchenhaften verhaftete Kaiserpaares und das beschwerliche, aber redliche Leben des Färbers Barak auf zwei gesellschaftlich gegensätzliche Sphären. Auf der einen Seite eine sich ritzende Selbstmordkandidatin im Luxus mit Krankenschwestern. Auf der anderen Seite ein prekäres Milieu, in dem der Färber nicht nur drei Brüder mit durchbringen, sondern sich auch mit seiner ausgesprochen kapriziösen jungen Frau rumärgern muss." Ein hervorragend besetztes Stück, das den Kritiker in seiner Düsternis auch deshalb überzeugt, "weil die eindrucksvoll vollgebaute Drehbühne mit ihrer Zweiweltenbehausung um ein (metaphorisches) Palmenparadies der Spagat zwischen psychologisierend Märchenhaft hier und derb realistisch dort mit dunkler Opulenz gelingt. Über allem schwebt von Beginn an ein gewaltiger Felsblock, der ebenso auf die dem Kaiser angedrohte Versteinerung wie auf Keikobad verweisen mag. Der befindet sich später wie aufgebahrt darunter, wenn seine Tochter ihn anfleht. Er kehrt sogar wie eine erweckte Mumie ins Leben zurück. Das bleibt in der sich auflösenden Bühnenwelt aber eher eine Imagination der Kaiserin auf dem Weg zu sich selbst. Und diesmal in ihre Einsamkeit."

"'In der Schule habe ich etwas über Konsens gelernt, über diverse Genitalien, über Lust, über queeren Sex.' So beginnt das Stück 'LECKEN' des freien Performancekollektivs 'CHICKS*',beschreibt Zain Salam Assaad in der taz den Beginn eines Stücks, das nun auf dem Theaterfestival Plauen-Zwickau nicht aufgeführt werden kann. Die Performance "soll Jugendliche ab 14 aufklären und sexuell weiterbilden. Dafür sitzen zwei Performer*innen mit dem Publikum in einem Stuhlkreis. Zuschauende halten grüne und rote Lichter in den Händen und beantworten damit die Fragen rund um Körper und Sexualität. Zwischendurch laufen Popsongs über Oralsex, Menschen erzählen in Videos von ihren sexuellen Erfahrungen." Ob die Absage wirklich finanzielle Gründe hat oder vielleicht doch eher wegen Druck von Rechts zustande kam, kann Assaad nicht sagen, ist sich aber sicher: "CHICKS* ist ein Flinta-Kollektiv, das daran arbeitet, in der Schule vernachlässigte Fragen zu Sexualität, Queerness und Geschlecht zu beantworten...Doch die Absage ist ein Zeichen dafür, dass es um queere Kultur gerade in Sachsen schlecht bestellt ist. Mit Blick auf die große Zustimmung zur AfD dort könnte sich das Problem in Zukunft noch deutlich verschärfen."

"Im Theater unterm Dach ist eine bizarre Parallelgesellschaft zu besichtigen. Die Gruppe Polyformers lädt zu einer 'interaktiven Reise ins Reichsbürger-Land' ein - so der Untertitel ihres Erlebnisabends 'König von Deutschland'. Der widmet sich einer real existierenden Fantasie-Nation, über die ein gewisser Peter Fitzek seit 2012 als oberster Souverän herrscht", führt Patrick Wildermann im tagesspiegel ein in einen Theaterabend über "Selbstverwalter, Aussteiger und Schwurbler." Er findet: "'König von Deutschland' funktioniert glänzend als Aufklärungs-Parcours aus performativen Szenen und Selbstbildungsangeboten", der ihm klarmacht: "Man hat es bei Reichsbürger:innen nicht mit lustigen schrägen Vögeln zu tun. Sondern mit gefährlichen Ideolog:innen."

Weiteres: Das Wiener Burgtheater hat eine Klimabilanz aufgestellt (taz), "party in a nutshell" wird am Staatstheater Braunschweig aufgeführt (taz) und die FR interviewt die Sopranistin Adriana Gonzáles aus Guatemala.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2023 - Bühne

Michael Wolf denkt im Tagesspiegel anlässlich eines Essays des Schweizer Theatermachers Milo Rau über dessen Konzept politischer Kunstpraxis nach. Rau gehe es in seinen Arbeiten um Schnittpunkte von Realität und Inszenierung, wobei er gelegentlich, etwa in "Das Kongo-Tribunal" oder dem Film "Das Neue Evangelium", die Nähe zu zweifelhaften Kollaborateuren sucht. "Arbeiten wie diese riefen regelmäßig Kritik hervor. Ist das nicht nur ein neuer Kolonialismus, der ferne Tragödien ästhetisch ausschlachtet? Werden die Opfer hier nicht vorgeführt? Was weiß dieser wohlbehütete Schweizer überhaupt von all den Orten, an denen er mit seinem Team aufschlägt, von den Landlosen in Brasilien, den Kriegsopfern in Mossul, von den russischen Dissidenten? Oder grundsätzlich gefragt: Darf er das? Nein, natürlich nicht. Und das weiß er auch selbst, genau deshalb tut er es. Er versucht die Widersprüche der Gegenwart sichtbar zu machen, in dem er sich in sie verstrickt, auch indem er Schuld auf sich lädt."

Weitere Artikel: In der Zeit parliert Christine Lemke-Matwey mit der Opernsängerin Waltraud Meier. In der FAZ bespricht Irene Bazinger zwei Aufführungen am Schauspielhaus Hamburg: Karin Beiers "Anthropolis"-Inszenierung und Christoph Marthalers Emily-Dickinson-Abend "Im Namen der Brise".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2023 - Bühne

Szene aus "Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig. Foto: Rolf Arnold


"Zumindest nicht ungerecht" wird Regisseur Nurad David Calis am Schauspiel Leipzig Bertolt Brechts "Arturo Ui", meint Andreas Platthaus in der FAZ. Richtig glücklich wird er mit der Inszenierung zu der im Exil verfassten Parabel auf Hitlers Aufstieg zur Macht jedoch nicht. Zwar ist sie weitgehend texttreu, sie ergeht sich allerdings bisweilen in allzu burleskem "Comedian-Humor", kritisiert Platthaus. Außerdem wird "Homoerotik auf eine Weise inszeniert wird, die man als Erbteil einer anderen Epoche abgetan dachte - böse könnte man mit Brecht sagen, dass auch bezüglich dieser Klischees der Schoß noch fruchtbar ist. Was der durch die Besetzungsliste suggerierten Diversität - nicht nur Ui wird von einer Frau auch gespielt, auch dessen Gefolgsmann Emanuele Giri (Annett Sawallisch), die unglücklichen Bowl und Hook (jeweils Aicha-Maria Bracht) und eben einer der Trustees (Schergaut) - wieder den Zahn zieht. Zumal all diese Travestie inhaltlich folgenlos bleibt. Das muss nicht Calis' Fehler sein; mit den Brecht-Erben ist als Rechtegebern bekanntlich nicht ganz leicht regietheatern."

Besprochen werden außerdem Aufführungen der Puccini-Oper "Il Trittico" an der Deutschen Oper Berlin und der Staatsoper Wien (Welt) sowie die Uraufführung von Alberto Franchettis musikalischer Komödie "Don Buonaparte" aus dem Jahre 1939 am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz  (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2023 - Bühne

Es hat geradezu etwas "Gespenstisches", wie die deutsche Kulturwelt nach den Angriffen der Hamas auf Israel einfach weitermacht, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. Zwar gibt es Solidaritätsbekundungen, doch in weiten Teilen zeigen die Theater-und Opernhäuser eine "erstaunliche Unfähigkeit zur Empathie", so der Kritiker. Die Reaktion des Gorki-Theaters, die Aufführung von Yael Ronens "The Situation" (unser Resümee) abzusagen, sieht Laudenbach da noch als eine der sinnvollsten Maßnahmen an: "Die Aufführung nicht zu zeigen, bedeutet in dieser Situation nicht einfach einen Abend ohne Theater. Die Nicht-Vorstellung markiert eine Leerstelle und ein notwendiges Innehalten."

Weitere Artikel: Torben Ibs stellt in der taz den Regisseur Nuran David Calis vor, der für das Schauspiel Leipzig Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" inszeniert hat. Bei der Nachtkritik ist die Hamburger Poetikvorlesung der Schauspielerin Julia Riedel zu lesen und zu sehen. Alle spielen Wagners "Der Ring des Nibelungen", stellt Welt-Kritiker Manuel Brug fest und gibt einen Überblick. Dabei fällt auf: auch kleine Theater trauen sich an Inszenierungen heran und in der Schweiz liegt gerade ein "wagnerisches 'Ring'-Epizentrum".

Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von "Im Namen der Brise" mit Texten von Emily Dickinson am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Henryk Ibsens "Peer Gynt" am Münchner Residenztheater (FAZ), Lev Puglieses Inszenierung von Alberto Franchettis musikalische Komödie "Don Buonaparte" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz (nmz) und Michael Dissmeiers Inszenierung von Albert Lortzings "Der Wildschütz" am Theater Altenburg Gera (FAZ).