Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2023 - Bühne

Rune: Hannah Law, Carolina Verra. Quelle: Theater Hagen


Die Werke Merce Cunninghams sind nicht leicht zu tanzen, führt Wiebke Hüster in der FAZ anlässlich ihrer Besprechung einer Aufführung von Cunninghams "Rune" im Rahmen des Tanzabends "Re-Creations" am Theater Hagen aus: "Das Schlimmste aber sind die Barfuß-Balancen auf dem Ballen mit sehr hochgezogenem Spann, die sogenannte 'halbe Spitze'. Das ist schwerer als auf Spitze die Balance zu halten, weil der Körperschwerpunkt nicht über dem Ballen ist, auf dem das Gewicht ruht, sondern dahinter über der Ferse, die in der Luft steht. Daher wackeln die besten Tänzer trotzdem manchmal." In Hagen jedoch wurden diese und andere Hürden souverän gemeistert, jubelt Hüster: "Sie verkörpern Merce Cunninghams nüchterne Selbstinterpretation 'My feeling is very strongly that we are human beings engaged in certain situations', und dieses Einverständnis überträgt sich. Die Begegnungen, Blicke und Berührungen der Tänzer wirken komplex und magisch gerade aufgrund ihrer poetischen, intensiven, nicht leicht zu deutenden Qualität: Bravo für Yu-Hsuan (Mia) Hsu, Evan Inguanez, Stefano Milione, Hannah Law, Maria Sayrach-Baró und Carolina Verra."

In der FR bespricht Sylvia Staude sehr angetan "Hard to be Soft - A Belfast Prayer", eine Choreographie der Nordirin Oona Doherty, die beim Tanzfestival Rhein-Main zu sehen ist. Es geht, frei von Ironie und Nabelschau, um Themen wie "toxic masculinity". Mit dem, was man sich klassischerweise unter Tanz vorstellt, hat die Aufführung wenig zu tun, aber eindrücklich ist sie allemal: "Sam Finnegan und John Scott sind zwei ältere Männer mit gehöriger Wampe und dem Mut, sie zu zeigen. Ganz langsam schieben sie ihre Füße voran, bis sie sich in der Mitte treffen und ihre nackten Bäuche sich berühren. Sie umarmen sich, aber nicht wie Sumo-Ringer, eher als wollten sie sich trösten, aneinander Halt suchen."

In der nachtkritik wendet sich Atif Mohammed Nour Hussein gegen den Bekenntniszwang mit Blick auf den Krieg in Israel und Gaza. Im Zentrum steht das Berliner Gorki-Theater und die Aussetzung des Stücks "The Situation". Hussein plädiert dafür, das Theater bis auf weiteres Theater bleiben zu lassen: "Im Statement der Theaterleitung steht wie nebenbei noch etwas Beunruhigendes: 'Jetzt ruft die Hamas dazu auf, jüdische Einrichtungen in Deutschland zu attackieren. Das stellt uns an die Seite aller jüdischen Menschen in Deutschland.' - Wo standet Ihr denn zuvor? Sicherlich doch genau auch da, nehme ich an. Vermutlich zwingt hier die eigene Verunsicherung das Offensichtliche zu betonen, führt letztlich eher zur Verunklarung. Lasst es doch einfach. Macht da weiter, wo Ihr stehengeblieben seid oder bleibt tatsächlich stehen. Haltet das aus! Im Theater entscheiden die Bühne und der Saal. Nicht die Fahne auf dem Dach und nicht die Zeilen auf der Website. Lasst Euch nicht zurufen, 'Ihr habt doch euren Moralischen Kompass verloren!' Das ist eine widerliche, semantische Konstruktion - spricht sie doch eher von der Verdinglichung des Menschen als von unserer Fähigkeit, Mitgefühl und Vernunft miteinander zu verbinden."

Außerdem: In der FAZ freut sich Marc Zitzmann über gelungene Bühnenadaptionen zweier Ingmar-Berman-Filme am Luxemburger Théâtre de la Ville. Insbesondere ein von Ivo van Hove verantwortetes "Persona"-Stück überzeugt: "Gleicht Bergmans Schwarz-Weiß-Film einer Aquatinta von Odilon Redon, so evoziert van Hoves Adaptation ein Seestück von Turner." Christopher Ransmayer nähert sich ebenfalls in der FAZ Anselm Kiefers "Solaris"-Eisenvorhang an, der ein Jahr lang die Wiener Staatsoper schmücken wird. Für Zeit Online bespricht Christine Lemke-Matwey einen Essayband des Opernsängers Ian Bostridge.

Besprochen werden Miet Warlops Konzertperformance "One Song" auf der Leipziger Euro-Scene (nachtkritik) und Johannes Harneits Musiktheater "Händel's Factory" an der Hamburger Opera Stabile (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2023 - Bühne

"Le grand macabre" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.


Eigentlich, meint FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann, ist György Ligetis Endzeit-Oper "Le Grand Macabre" für heutige Verhältnisse ein bisschen altbacken. Wie gut, dass sich Vasily Barkhatov an der Oper Frankfurt "keinen Deut um Ligetis Regieanweisungen" schert, sondern den Schwank, in dem ein Sensenmann das Ende der Welt zur Mitternacht voraussagt, auf geniale Weise ins Heute versetzt, freut sich Fuhrmann: "Schon vor Beginn des Stücks werden Fernsehnachrichten über das Herannahen eines Kometen in direktem Kollisionskurs mit der Erde in allen möglichen Sprachen projiziert." Die vielen weiteren schlauen Regieeinfälle will der Kritiker nicht verraten, "nur so viel: Beim Hofastronomen spuken Einhörner und Spinnen als gepixelte Videos (Ruth Stofer, Tabea Rothfuchs) durch den Wohnwagen, und die dröge Hofgesellschaft bei Fürst Go-Go verwandelt sich in eine von Olga Shaishmelashvili mit extravaganter Kostümierung ausgestattete 'Tanz auf dem Vulkan'-Party." In der FR bespricht Judith von Sternburg das Stück.

SZ-Kritiker Ronen Steinke besucht die Puppenspielerin Shlomit Tripp, die mit ihrem Puppentheater "Bubales" Kindern spielerisch jüdische Kultur vermittelt. In Berlin-Kreuzberg war das schon vor den aktuellen Ereignissen in Israel manchmal schwierig, berichtet Steinke (Schulkinder störten die Vorstellung mit "Allahu Akbar"-Rufen, die Lehrer blieben untätig), jetzt habe sich die Situation allerdings noch einmal verschlimmert: "Ein paar Tage sind vergangen seit dem Treffen in Shlomit Tripps Puppenwerkstatt, da schickt sie eine Whatsapp-Nachricht. Sie hat schlechte Nachrichten bekommen. Die türkische Gemeinde in Hamburg, die eigentlich die 'Bubales' eingeladen hatte, hat gerade einen Rückzieher gemacht. Die Show ist abgesagt. Begründung: Man könne aktuell nicht für ihre Sicherheit garantieren."

Weiteres: Michael Bartsch teilt in der taz Eindrücke vom Dresdner Theater-Festival "Fast Forward". Taz-Kritikerin Katja Kollmann hat sich beim Festival "Theater der Dinge" am Theater Strahl in Berlin gut amüsiert.

Besprochen wird Olivia Hyunsin Kims Musiktheater "Turning Turandot" nach Giacomo Puccinis Oper an der Staatsoper Hannover (nmz), Claus Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" im Münchner Residenztheater (Zeit Online), Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" am Opernhaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2023 - Bühne

Szenenbild aus "Mothers-A song for Wartime." Foto: Bartek Warzecha

Marta Górnickas Chorstück
"Mothers" am Berliner Maxim-Gorki-Theater lässt SZ-Kritiker Peter Laudenbach auch eine Weile nach Vorstellungsende nicht los. Die polnische Regisseurin und Sängerin hat zusammen mit aus der Ukraine und Belarus geflüchteten Frauen über Monate dieses Stück erarbeitet, so Laudenbach, indem es darum geht, "was Frauen im Krieg erleiden, um ihren Stolz und um die Lieder, die Trost spenden, Zusammenhalt schaffen, oder wie in einer letzten Erinnerung die zerstörte Heimat bewahren". Laudenbach geht das durch Mark und Bein: "eine Zeile aus einem lustigen ukrainischen Kinderlied, 'Lass uns küssen', wird so brachial, düster und immer lauter wiederholt, bis es wie eine Drohung klingt. Die Stimmen flüstern, brüllen, sprechen und singen. Die Körper stampfen oder verharren still, sie rücken wie zum gegenseitigen Schutz und wie in einer Front zusammen oder verteilen sich als lauter Einzelne, oft auch Verlorene auf der großen, leeren Bühne. Der Form des Chors ist dabei von archaischer Wucht und Härte und gleichzeitig vollkommen gegenwärtig, weil er Erfahrungen formuliert, die gleichzeitig extrem persönlich und die Erfahrungen ganzer Gesellschaften sind." Auch tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper hat einen "starken Theaterabend" erlebt: "Und wenn die Vorstellung auch nur eine Stunde dauert: Eine Ewigkeit wird durchmessen, ein Grauen, das anhält."

Weiteres: Die amerikanischen Opern stecken in der Krise. Die Metropolitan Opera versucht es nun mit modernen Themen, weiß FAZ-Kritikerin Frauke Steffens und bringt eine Oper über das Leben von Malcolm X auf die Bühne.

Besprochen werden Paul Spittlers Inszenierung von Shakespears "Was ihr wollt" am Theater Dortmund (nachtkritik), Herbert Fritschs Inszenierung der musikalischen Komödie "Pferd frisst Hut" mit Musik von Herbert Grönemeyer am Theater Basel (nachtkritik, SZ, FAZ, taz), Rebekka Davids Inszenierung "Leonce und Lena, nowhere to run" nach Georg Büchner am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Caner Akdenizs Inszenierung von "(Making) Woyzeck" nach Georg Büchner am Schauspiel Essen (nachtkritik), Wen Huis Performance "New Report on Giving Birth" beim Tanzfestival Rhein-Main (FR), Sarah Kortmanns Theaterversion von Goethes "Werther" an der Volksbühne im Großen Hirschgarten in Frankfurt (FR), Gil Mehmerts Inszenierung des Musicals "Jekyll & Hyde" am Staatstheater Darmstadt (FR), Claudia Bossards Inszenierung von "Bunbury. Ernst sein is everything!" nach Oscar Wilde am Deutschen Theater Berlin (tsp) und Laurent Pellys Inszenierung von Léo Delibes Oper "Lakmé" (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2023 - Bühne

In der FAZ versucht Sophie Klieeisen sich ein Bild von der Haltung deutscher Schauspielhäuser zu Israel und den Hamas-Angriffen zu machen und stellt fest: Es herrscht vor allem große Unsicherheit, nur wenige Häuser beziehen klar Position oder zeigen ein Zeichen mit der Israel-Flagge. Oft flüchtet man sich in allgemeine Phrasen, so Klieeisen: "Dass die Unsicherheit über die angemessene Reaktion groß ist, kann man auch daran ablesen, dass viele Häuser keine eigenen Stellungnahmen veröffentlichen. Dafür dient den Theatern in Dresden, Leipzig, Köln, Weimar, dem Hamburger Schauspielhaus oder dem Deutschen Theater Berlin das Statement des Bühnenvereins als Ausweichvorlage. Der letzte Satz des von Carsten Brosda verfassten Schreibens klingt wie der Wunsch nach einem von der Wirklichkeit ungestörten Weitermachen: 'Die Theater und Orchester wollen und werden auch weiterhin das Miteinander in Vielfalt und Freiheit in unserer Gesellschaft fördern.'"

Weiteres: Welt-Kritiker Jakob Hayner schaut sich die aktuelle Situation der deutschen Bühnen an, die sich langsam von der Pandemie erholen, aber sich auch neu ausrichten wollen. Die Schauspielerin und Regisseurin Emmy Werner wurde mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet, freut sich Uwe Mattheis in der taz.

Besprochen wird Rui Hortas Choreografie "Core" beim Tanzfestival Rhein-Main (FR).
Stichwörter: Israel, Hamas, Brosda, Carsten

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2023 - Bühne

Wiebke Hüster freut sich in der FAZ über Sebastian Webers berührendes Solo "The Long Run" im Leipziger LOFFT: "Der tänzerische Marathon, den Weber mit 'The Long Run' souverän und berührend präsentiert, erinnert an seine Lehrjahre in der überwiegend schwarzen New Yorker Tap-Community der Neunzigerjahre. Es ist eine Hommage an Künstler wie James 'Buster' Brown oder Steve Condos, eine Erinnerung an die Zeit mit ihnen, an ihr Vermächtnis, sich die Dinge anzuverwandeln, Schritte zu 'stehlen', aber niemals zu 'kopieren' - und es ist eine Demonstration dessen, was Weber ausmacht, woran er glaubt und was er kann: phantastisch, virtuos, reflektiert tanzen und dabei laut nachdenken."

"Die Ärztin" am Theater St. Gallen. Foto: Jos Schmid.

In der Geschichte um die titelgebende "Ärztin" am Theater St. Gallen, das Robert Icke sehr lose auf Schnitzlers "Professor Bernhardi" aufbaut, "verdichten die St. Galler so gut wie jedes als 'woke' apostrophierte Gegenwartsthema und treiben damit ein derartiges Verwirrspiel, dass nach der Pause ein relevanter Teil des Publikums darauf verzichtet, sich in Fragen von Geschlechter-Identität, Rassismus, Diversität, Sterbehilfe, Katholizismus, Medizinethik und Antisemitismus weiter belehren zu lassen", hält ein doch ziemlich genervter Nachtkritiker Erich Nyffenegger fest. "Der Abend krankt insgesamt an einer Überfrachtung, die beim Zuschauen zur Überforderung wird und Einsichten erschwert: Als ob man von jemandem im freien Fall verlangte, er solle während des Absturzes ein kompliziertes Kreuzworträtsel lösen. Was bleibt, ist eine Ratlosigkeit, die dem Willen zum Opfer fällt, in gut zwei Stunden eine Gegenwart erklären zu wollen, die selbst in zwei Wochen nur ungenügend umrissen werden könnte."

Weiteres: Die FAZ freut sich über vierzig Jahre Theater neben dem Turm in Marburg - und über das Geburtstagsfestival anlässlich dieses Jubiläums. Die WELT streamt Richard Strauss' "Salome" in der Inszenierung von Dmitry Tcherniakov an der Oper Hamburg bei Arte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2023 - Bühne

Szene aus "Le nozze di Figaro" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: W. Hösl.

Ein Hauch von Haschisch weht SZ-Kritiker Helmut Mauró von der Bühne der Bayerischen Staatsoper entgegen. Das ist aber nicht der Grund, warum sich der Kritiker bei Evgeny Titovs Inszenierung von Mozarts "Le nozze die Figaro" herrlich amüsiert hat. Da ist zunächst einmal die Musik: "Stefano Montanari bringt das Orchester zu einer wahrlich eleganten Klangrede, ein bisschen klanghistorisch aufgeraut, aber nicht ruppig rechthaberisch. Das Ergebnis von Montanaris sichtbar leidenschaftlicher Anstrengung: ein authentischer Klang, eine Musik, die in sich glaubhaft ist und erst mal keiner Bebilderung und Texterzählung bedarf." Und dann ist die Inszenierung, die Titov zum Teil in einer ausladenden Hanfplantage spielen lässt, manchmal auch einfach lustig, freut sich Mauró: "Als Figaro die Räuberpistole seiner adeligen Herkunft auftischt, wird es Susanna zu viel. Und doch, das ist schon lustig, wenn sie rüberschaut zu dem jamaikanisch-britischen und keineswegs weißen Bassbariton Willard White und wieder zurück zu Figaro und ebenso ungläubig wie belustigt immer wieder nachhakt: Sua padre?" In der nmz ist Kritiker Wolf-Dieter Peter weniger angetan und beklagt Titovs "Holzhammer-Ästhetik", Trost spendeten ihm dafür die Solisten. Ähnlich sieht es Judith von Sternburg in der FR: ein bisschen "derb" findet sie das alles, lobt aber das "junge, starke Ensemble".

Weiteres: Tagesspiegel-Kritikerin Ute Büsing berichtet vom Theater-Festival "Kosovo Theatre Showcase" in Pristina.

Besprochen wird Claus Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" am Residenztheater München (Zeit, FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2023 - Bühne

Eine "Bewegungskunst-Alternative in Deutschlands Nordwesten" macht Jens Fischer in der taz aus: Alfonso Palencia Tanzabend "Seelen" am Stadttheater Bremerhaven zeigt ihm, dass auch abseits der gut finanzierten Großstadtbühnen Außergewöhnliches geleistet werden kann. An eine lange kulturgeschichtliche Tradition schließt die Aufführung schon qua ihres Namens an. Der Entzauberung der Seele durch die Naturwissenschaft begegnet Palencia mit einer Mobilisierung der expressiven Kräfte der Seelen-Semantik: "Im Bühnenhintergrund tanzen schwarz gewandete Seelen-Darstellerinnen an Stangen, schmerzkunstvoll um Tote trauernd und dabei in leidvolle Einsamkeit verstrickt. Grau gewandete Kolleg:innen ruckeln ihre Körper morgengymnastisch träge hin und her, erblühen ruckartig, verfallen in irritierte Suchbewegungen und recken Arme offenbarungswillig gen Himmel. Es sind laut Palencia die gerade aus dem Leben verabschiedeten, noch in einem Zwischenreich sich verunsichert orientierenden Figuren - enthusiastisch umwirbelt von fröhlich weiß gewandeten Seelendarsteller:innen, die sich schon zu Hause fühlen im Jenseits, Himmel, Nirvana, Hades, in der Unter-, Neben-, Über-, Nachwelt oder wie auch immer ihre neue, metaphysische Heimat heißen mag. Die Weißen umarmen die Grauen oder kümmern sich im Wortsinne berührend um die Schwarzen, verführen sie auch zu formidablen Pas de deux."

Münchner Volkstheater, Was ihr wollt: Henriette Nagel, Jan Meeno Jürgens, Lorenz Hochmuth © Arno Declair


Darf man Shakespeare so "angespitzt gegenwärtig" aufführen, wie Christian Stückl das im Münchner Volkstheater mit "Was ihr wollt" versucht? Ja man darf, findet Teresa Grenzmann in der FAZ, vor allem, wenn man mit so viel Lust an der boulevardesken und auch sehr bayrisch-krachledernen Übertreibung bei der Sache ist: "Jede Minute dieser gute zwei Stunden dauernden Typenkomödie strotzt vor Situationskomik, ein bayerisches Südseegewitter an Pointen à la 'Inchilliconcarneation des Teufels', das die ohnehin schon zeitgemäße Übersetzung von Jens Roselt noch um ein Vielfältiges ins Sprech der 90er-Jahrgänge auf der Bühne katapultiert. (...) Geht das zu weit? Räkelt sich da etwa der Gewissenswurm auf der pinkfarbenen Plastikcouch im knallroten Waikiki-Beachhüttchen? Ach nee, die Bedenken sind wie feinster Meeressand auf der Oberfläche der allgemeinen Sorglosigkeit: schnell weggeweht. Und der bloßgestellte Malvolio gerät in seiner Selbstgefälligkeit ironischerweise zu so etwas wie dem Inselmaskottchen. Ein Zu-weit-Gegangen gibt es in dieser Inszenierung nicht. Wirbelstürmischer Applaus."

Georg Kasch beschäftigt sich in der nachtkritik mit Dragqueens. Die sind im Zuge jüngerer Kulturkämpfe ins Fadenkreuz homophober Kritiker geraten und zum Lieblingsfeindbild all derer avanciert, die gegen nicht-Eindeutigkeiten im Bereich des Geschlechtlichen polemisieren. Dabei geht es bei Dragqueens gar nicht um Identität, sondern um ein "als ob". Einige jüngere Bühnenarbeiten mit Drag-Bezug zeigen, wie reichhaltig die Szene ist: "Bastian Kraft etwa inszenierte den Andersen-Abend 'Ugly Duckling' am Deutschen Theater Berlin als Drag-Empowerment (und stellte in 'Rusalka' an der Staatsoper Stuttgart den Hauptrollen je einen Dragartist an die Seite). Alain Platel setzte ihrer Kunst, aber auch ihrem Kampf in 'Gardenia' ein melancholisches Denkmal. Und Künstler:innen wie Taylor Mac (etwa in 'Holiday Sauce... Pandemic!'), Olympia Bukkakis und Le Gateau Chocolat (in Tobias Kratzers 'Tannhäuser') weiten mit ihren Bühnenpersonae das Ausdrucks- und Möglichkeitsspektrum des klassischen Dragqueen-Bilds. Anders als bei der Travestie steht bei den Dragqueens nämlich nicht die perfekte Imitation im Vordergrund, sondern eine kreative Explosion der als weiblich gelesenen Äußerlichkeiten mit Verzerrungen, Überbetonungen, Glitches. Und 'schleppen' damit noch ein paar Deutungsangebote mehr mit."

Weitere Artikel: Margarete Affenzeller schreibt im Standard über ein Theaterfestival mit österreichischer Beteiligung im chinesischen Wuzhen. Auch ein Interview mit Festivalleiter Meng Jinghui hat Affenzeller geführt. Ebenfalls im Standard erfahren wir von Katharina Rustler, dass ein von der Künstlergruppe Gelitin gestalteter Brunnen im Stadtteil Sonnwendviertel für Kontroversen sorgt.

Besprochen werden Inszenierungen der Richard-Strauss-Oper "Frau ohne Schatten" an der Staatsoper Stuttgart und der Opéra National de Lyon (FAZ), Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" am Staatstheater Mainz (FR) und Robert Carsens Puccini-Inszenierung "Manon" an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2023 - Bühne

Szene aus "Salome" an der Oper Hamburg. Foto: Monika Rittershaus. 


SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck ist völlig begeistert von Asmik Grigorians Interpretation der "Salome" in einer Inszenierung von Dimitri Tcherniakov an der Staatsoper Hamburg. Sowieso ist diese Aufführung ein Coup, freut sich der Kritiker, genial wie Tcherniakov wieder einmal zeigt, wie "die Menschenpsyche ihre seltsamsten Neurosen austreiben kann. So hat er die 'Salome', der Text stammt von Oscar Wilde, aus der Zeit Jesu in die Moderne versetzt. Zentral ist ihm ein Gedanke: Was auf der Bühne gesungen wird, ist bei ihm nicht nur realer Dialog, es sind immer wieder auch die Gedanken der Partygäste." Angetan hat es dem Kritiker aber vor allem die Salome selbst: "Sie kann girren, locken, zärteln, sie könnte alle und jede haben. Nur der frauenfeindliche Vorzeigeintellektuelle (im Original Johannes der Täufer) ist impotent ihren Verlockungen gegenüber, zynisch lächelt er diese Frau aus seinem Leben. Und die steigert sich, keine kann das derzeit so grandios wie Grigorian, in einen Blut- und Sexrausch hinein, dessen psychischen Exzessen sie selbst erliegt. Exitus und Riesenjubel." FAZ-Kritiker Jürgen Kesting hat den Abend etwas anders erlebt: "Wie sauber das sorgsam einstudierte Staatsorchester auch spielte, der Aufführung fehlte es an Spannung, Atmosphäre, sensualistischem Zauber." Für Judith von Sternburg ist Grigorian ebenfalls das "Ereignis des Abends", wie sie in der FR versichert.

Weiteres: Philipp Hochmair wird den nächsten "Jedermann" spielen, melden die Feuilletons. In der SZ unterhält er sich mit Christine Dössel. SZ-Kritikerin Dorion Weickmann gratuliert der Choreografin Reinhild Hoffmann zum Achtzigsten.

Besprochen werden Claus Peymanns (zweite) Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" am Residenztheater München (Welt), Walter Barts Inszenierung des Stücks "Die Hundekot-Attacke" (SZ), Johanna Wehners Inszenierung von Bram Stockers "Dracula" am Schauspiel Frankfurt (taz) und Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Heiner Müllers Drama "Der Auftrag" am Deutschen Theater Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2023 - Bühne

Szene aus "Der Auftrag" am Deutschen Theater Berlin. Foto: Armin Smailovic.

Ins "Herz der Finsternis" reist Nachtkritikerin Gabi Hift mit Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Heiner Müllers Drama "Der Auftrag" am Deutschen Theater Berlin. Genial findet die Kritikerin in diesem Stück über drei Abgesandte der französischen Revolution, die auf Jamaica einen Sklavenaufstand anzetteln wollen, vor allem die "Skullies": "Das sind grausig komische weiße Maskenwesen, Skelette mit langen, schlenkernden Spinnenfingern und riesigen Schädeln, aus deren Mündern braune Zahnstummel ragen. Es sind Geschöpfe des Künstlers Claude Bwendua und ihr Auftritt in diesem Kontext ist ein Geniestreich. Alle mächtigen weißen Figuren sind Scullies, grinsende Tote, die nicht wissen, dass sie längst gestorben sind." Nach der Pause wird das Stück durch den kritischen Kommentar "Psyche 17" des togoischen Autors und Regisseurs Elemawusi Agbédjidji ergänzt. Diese "Kritik an Müllers durch und durch weißem, völlig egozentrischem Blick" findet die Kritikerin völlig berechtigt, leider "kommt der mit seiner eher kabarettistischen Haltung, seinen Kalauern und seiner augenzwinkernden Romantik gegen das Sprachmonster Müller einfach nicht an. Dazu hätte Jan-Christoph Gockel schon im ersten Teil mehr Einfallschneisen für eine kritische Haltung an Müllers genialischer, vitalistischer Großmannssucht schlagen müssen." Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl hat hingegen einen "fulminanten Doppelabend" erlebt.

Taz
-Kritiker Kornelius Luther hat sich am Theaterhaus Jena mit Walter Barts Inszenierung des Stücks "Die Hundekot-Attacke" gut amüsiert. In der "auf wahren Begebenheiten basierende Stückentwicklung für sechs Personen und einen Dackel" wird auf intelligente Weise die Sensationslust der Kulturwelt auseinandergenommen, so Luther: "Ausgerechnet mit einer Inszenierung, die die Mechanismen des skandalfreudigen Theater- und Kritikbetriebs auf die Schippe nimmt, hat das Ensemble dank des Kot-Wortes als Köder die Aufmerksamkeit, die es verdient."

Weiteres: SZ-Kritiker Egbert Tholl wohnt im Saal der Akademie der Schönen Künste in München einer sehr angeregten Diskussionsrunde zwischen Schauspielern (u.a. Michael Maertens und Wiebke Puls) und Theaterbesuchern über die Ursachen für den "Publikumsschwund" bei. In der FR unterhält sich Sylvia Staude mit der nordirischen Choreografin Oona Doherty.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung des Musicals "Chicago" an der Komischen Oper Berlin (nachtkritik, FAZ, tagesspiegel), Jan Gehlers Inszenierung von "Ajax" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Claus Peymanns (zweite) Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Minetti" am Residenztheater München (nachtkritik, SZ, FAZ), Jule Krachts Inszenierung von Yasmina Rezas Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels" am Theater Lüneburg (nachtkritik), Johannes Leppers Inszenierung von David Mamets Stück "Die Masken des Teufels" am Staatstheater Wiesdbaden (nachtkritik, FR), Sebastian Nüblings Adaption von Sasha Marianna Salzmanns Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" am Gorki-Theater in Berlin (taz, BlZ), Johanna Wehners Inszenierung von Bram Stockers "Dracula" am Schauspiel Frankfurt (FR) und Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Münchner Volkstheater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2023 - Bühne

Sibel Kekilli in "Fremd" am BE. Foto: Moritz Haase


Letztes Jahr erschien Michel Friedmans Buch "Fremd" - Erinnerungen an seine Kindheit als Sohn von Holocaustüberlebenden in Deutschland. Die FR war damals sehr beeindruckt von diesem Band, der auch literarisch eigene Wege ging: ein "atonales Langgedicht" nannte es FR-Kritikerin Judith von Sternburg, die es als einzige für eine überregionale Zeitung besprach. Nun hat es Max Lindemann mit der Schauspielerin Sibel Kekilli auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht. Es war ein besonderer Abend, hält in der taz Sophia Zessnik fest: "Friedmans Text ist nicht nur sehr persönlich, er stellt auch philosophische Fragen zu Zugehörigkeit, Identität und Schuld. Und politisch ist er, das zeigen die Aufnahmen auf der Bühnenwand, die sich mit Kekillis Antlitz abwechseln: fast nostalgische Bilder der BRD in ihrer wirtschaftlichen Hochphase. Dann ein Cut und Bilder von Steine schmeißenden Menschen draußen, verängstigten Menschen drinnen, deren Unterkunft später zu brennen beginnt." Sonja Zekri ist das etwas zu viel, wie sie in der SZ erklärt: "Natürlich muss man den Text nicht zwingend mit Bildern jüdischen Lebens ergänzen, und die historischen Aufnahmen aus Dunkeldeutschland sind gewiss nicht falsch. Aber dass sie den Abend um eine inhaltliche Ebene bereichern, kann man auch nicht sagen."

Jakob Hayner hat Kekilli für die Welt im BE getroffen und fragt: "Eine Frau mit türkischen Eltern, die einen Mann mit jüdischen Eltern spielt, kann man das heute überhaupt noch machen? Kekilli winkt ab, sichtlich genervt von solchen Debatten. Als ob es nur das Eigene und das Fremde gäbe - und nichts dazwischen! Was sie auf der Bühne macht, beschreibt sie mit einem starken Bild: 'Friedman hat mir, was mich sehr freut, dieses literarische Kind anvertraut. Und ich gehe vorsichtig und sensibel mit diesem Kind um - und gebe ihm etwas von mir selbst mit auf den Weg.' Es ist die Utopie einer geteilten Verantwortung ohne Besitzansprüche. Sobald das Kunstwerk auf eigenen Beinen steht, lässt es die starren Identitäten hinter sich."

Besprochen werden außerdem Johanna Wehners Adaption von Bram Stokers "Dracula" für das Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Verdis "Otello" mit Jonas Kaufmann in der Hauptrolle an der Staatsoper Wien (Standard), ein inklusiver "Kaukasischer Kreidekreis" von Helgard Haug und dem Theater Hora im Berliner Hau1 (BlZ), Christian Spucks Choreografie "Bovary" für das Staatsballett Berlin (NZZ) und Strauss' "Elektra" am Mainfranken-Theater Würzburg (FR).