Szene aus "Andersens Erzählungen" am Residenztheater München. Foto: Sandra Then nmz-Kritiker Wolf-Dieter Peter ist von der ersten Sekunde an verzaubert von Philipp Stölzls Inszenierung des Musiktheaterstücks "Andersens Erzählungen" im Münchner Residenztheater: "Der schwarze Zwischenvorhang hebt sich zu einer Kutschenfahrt auf dem Meeresgrund. Neugierige Fischlein und zauberhaft durchsichtige Quallen umschweben den aufgeschnittenen Innenraum, in dem Andersen mit seinem frierenden Gegenüber, dem 'Mädchen mit den Schwefelhölzchen' plaudert." Nicht nur die herrlich märchenhafte Atmosphäre dieses Stücks über Hans-Christian Andersens Leben entzückt den Kritikern, sondern auch das perfekte gewählte Ensemble: "... etliche Märchenfiguren hin zu den kopfüber hereinschwebenden und dennoch schön singenden Meerschwestern von Laura Richter und Suzanna de Ruiter. Über all ihre reizvollen Porträts hinweg beeindruckte der den realen Fotografien Andersens frappierend ähnliche Moritz Treuenfels - inklusive des immer wieder notwendigen liebedienend unterwürfigen Rundrückens, der schlacksigen Körpersprache und einem nuancierten Sprechen. Ein Schicksal wird hier nahegerückt, anrührend und mitleidend." SZ-Kritikerin Christiane Lutz zückt das Taschentuch, wenn hier die tragische Geschichte der kleinen Meerjungfrau mit Andersens unglücklichen Liebesbeziehungen verknüpft wird. Schön und traurig ist das und zieht dabei alle "Register des Theaterzaubers", schwärmt die Kritikerin.
Szene aus "Schwanda-der Dudelsackpfeifer" am Musiktheater an der Wien. Foto:Matthias Baus. Vorbei mit dem Märchen ist es hingegen in Tobias Kratzers Inszenierung von Jaromir Weinbergers Oper "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" am Musiktheater an der Wien - und das ist hervorragend, freut sich Egbert Tholl in der SZ. Weinbergers Oper feierte Ende der 1920er Jahre enorme Erfolge, bis zur Machtergreifung der Nazis - und der Komponist fliehen musste. Eigentlich basiert diese Geschichte von Schwanda, der sich mit dem Räuber Babinsky, dem geheimen Liebhaber seiner Frau, zu einer Reise in die Unterwelt aufmacht, auf tschechischen Märchen - bei Kratzer ist davon aber nicht mehr viel zu spüren, meint Tholl: "Es gibt immer noch eine Eiskönigin und einen (nicht sonderlich effizienten) Teufel, aber unter der Kuscheldecke der Gemütlichkeit zieht Kratzer ein dunkles Sehnen, Begierden, Abgründe hervor." Vollständig eingenommen ist der Kritiker vom Orchester unter der Leitung von Petr Popelka: Niemand "kann sich diesem Gleißen und Funkeln entziehen, der ganze Raum wird Klang, und Odzemek, Polka, Furiant, die tschechischen Tänze und alle anderen Derivate von Volksmusik, von denen Weinberger eine Überfülle in seine Partitur stopfte, erhalten eine helle, silbrige Härte. Das Sediment blubbert nur noch in exakt kalkulierten Dosen hoch, etwa beim mehrfach wiederkehrenden Lied Dorotas, in dem sie Heimat und kleines Glück besingt."
Kratzer hat sich bei der Inszenierung von Arthur Schnitzlers erotischen Fantasiewelten aus der "Traumnovelle" inspirieren lassen, verrät FAZ-Kritiker Reinhard Kager: "Dementsprechend sexuell aufgeladen ist vor allem die Szene in der Hölle, wo Babinsky mit dem Teufel (ebenso imposant gesungen wie dargestellt von Krešimir Stražanac) in einem Kartenspiel auf dem nackten Körper einer Frau um Schwandas Seele pokert. Nach Babinskys ergaunertem Sieg verwandelt sich die trostlose Kellerbar in eine Art Lusthöhle, in der sich, überblendet von Videoaufnahmen, Halbnackte oder Latexbekleidete tummeln." In der nmzbespricht Joachim Lange das Stück.
Weiteres: Simon Strauß schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Berliner Theaterarzt Hartmut Rühl. In der FAZ meldet Kerstin Holm, dass der Intendant des Moskauer Bolschoi-Theaters, Wladimir Urin, von seinem Amt zurücktreten musste, wohl weil er kurz nach dem Beginn der Invasion in der Ukraine einen offenen Brief gegen den Ukrainekrieg unterzeichnete. Nachfolger soll auf Putins "persönlichen Wunsch" hin Valery Gergiev, jetziger Intendant des Petersburger Mariinsky-Theaters, werden. Egberth Tholl porträtiert in der SZ die Sopranistin Vera-Lotte Boecker.
Besprochen werden Luke Percevals Adaption von George Orwells Roman "1984" im Berliner Ensemble (tsp, nachtkritik, FAZ, BlZ), Ewan Jones Inszenierung des Musicals "Something rotten" am English Theatre Frankfurt (FR), Martina Drostes Inszenierung des Jugendtheaterstücks "Deine Kämpfe - meine Kämpfe" am Schauspiel Frankfurt (FR), Martin Kušejs Inszenierung von Molières "Menschenfeind" am Wiener Burgtheaters (SZ, nachtkritik), in einer Doppelbesprechung William Forsythes Choreografie "Friends of Forsythe" am ZKM in Karlsruhe und Ioannis Mandafounis' Performance "A la carte" im Bockenheimer Depot (SZ), Jette Steckels Inszenierung von Kleists "Prinz von Homburg" an der Berliner Schaubühne (Welt), Paul Kubelkas Inszenierung von "Bis nächsten Freitag" am Wiener Theater in der Josefstadt (FAZ), Michael Thalheimers Adaption von Kafkas "Der Prozess" am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik), Carl Philip von Maldeghems Inszenierung von "Die Erfindung der Demokratie - Der vergessene Teil der Orestie", einer Neufassung von Aischylos' Tragödie die "Eumeniden" am Salzburger Landestheater (nachtkritik), Nils Cortes Inszenierung des digitalen Theaterstücks "Symmetrie" im XRT am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik).
Szene aus "Wir wissen, wir könnten und fallen synchron" Foto: Markus Bachmann. Die "Geschichte einer Heilung" siehtNachtkritiker Gerhard Preußer mit "Wir wissen, wir könnten und fallen synchron" am Theater Bonn. Emel Aydogdu hat das Stück über eine Teenagerin, die an Bulimie erkrankt, nach dem Roman von Yade Yasemin Önder inszeniert und das ist ihr, findet Preußer, durchaus gelungen: "Die eindringlichsten Momente sind in der Mitte der Inszenierung, wenn die Hauptfigur (wie sie sich selber nennt) Halt sucht in der krankhaften Struktur der Bulimie: ein zuckender Tanz mit autoaggressiven Gesten, dann werden die Gesichter der Darsteller:innen live in Großaufnahme projiziert, während kleine gelbe Puppenhände an ihren Mündern zerren. Dazu läuft ein Song: 'Surrounded by a shield'. Die Sucht als selbstzerstörerischer Schutz. Im Hintergrund der Bühne (Ausstattung: Eva Lochner) steht ein riesiger Mund mit langer roter Zunge, die auch eine Rutschbahn ist. Dieses verschlingende und erbrechende Monster hat sechs lange, weiche Arme und umschlingt die gesamte Bühne. Das vieldeutige plastische Symbol ist auch die Liebe des abwesenden Vaters, die zugleich weiterwirkt, behindert und doch fehlt. Auch die verbal nur angedeutete Auseinandersetzung mit der Mutter wird ausagiert zu einer minutenlangen, stilisierten Dreier-Keilerei."
Besprochen werden Peter Kastenmüllers Inszenierung "Das Leben ist unaufhaltsam" am Theater Basel (nachtkritik), Christiane Pohles Inszenierung "Schmerz Camp" am Theater Bremen (nachtkritik), Rosetta Cucchis Inszenierung von Marco Tutinos Oper "La Ciociara" und Ella Marchments Inszenierung von Camille Erlangers Oper "Le juif polonais" beim Wexford Opera Festival (FAZ), die Wiederaufnahme des Monthy-Python Musicals "Spamalot" am Broadway (SZ) und die Choreografie "Geteilter Abend" von Verena Billinger und Sebastian Schulz beim Tanzfestival Rhein-Main (FR).
Györgi Ligetis "Le Grand Macabre" erlebt gerade eine ziemliche Konjuktur, jetzt wird die Oper auch an der Wiener Staatsoper aufgeführt, inszeniert von Jan Lauwers, freut sich Alexander Keuk in der Neuen Musikzeitung: "Überzeichnung gerät bei Lauwers lustvoll und fast schon auf eine natürliche Art und Weise, während der Beginn, als tatsächlich zum von Ligeti erfundenen 'Breughelland' auf der Bühne die Breughels Gemälde als Raumelemente erscheinen, kurze Angst vor klassischen Missverständnissen bekommt. Doch da Lauwers stark visuell mit Körpern und Bewegung arbeitet und sich Ligetis schillernde Partitur samt einem exzellenten Sängerensemble dazugesellt, entsteht dieser spezielle Wiener Weltuntergang als performatives Gesamtkunstwerk - und zwar nicht mit der humorpolternden Brechstange, sondern subtil, mit erschreckender Präzision." Eleonore Büning vergleicht die Wiener Inszenierung von Ligetis "Le Grand Macabre" mit der an der Frankfurter Oper (VAN).
DFDC: À la carte. Foto: Dominik Mentzos."Wer könnte einem solchen Werben widerstehen?", fragt Sylvia Staude in der FR angesichts der "Charmeoffensive" der Dresden Frankfurt Dance Company, die mit "À la carte" im Bockenheimer Depot zum ersten Mal unter der Leitung des Choreografen Ioannis Mandafounis auftritt: "Nicht länger als eine gute Stunde dauert 'À la Carte', selbst bei Schlagzeug- und vollem Körper-Einsatz ist es leicht wie ein Soufflé. Und eine herzliche Einladung, sich auf den neuen Tanzchef und sein famoses Ensemble einzulassen - eigentlich ist kaum zu befürchten, dass diejenigen, die seit Forsythes Ballett dem Tanz verfallen sind, sich dieser Einladung verschließen werden."
Einer "niemanden irritierenden, aber auch keinen herausfordernden Wagner-Zurichtung" wohnt Manuel Brug beim "Lohengrin" in der Inszenierung von Christof Loy an der National Opera in Amsterdam bei. Es "wird ziemlich brav am Libretto lang inszeniert. Die Musik, die das Nederlands Philharmonisch Orkest unter Lorenzo Viotti volltönend und strukturklar produziert, kapellmeisterlich glatt, sehr gut reproduziert, aber mit wenig interpretatorischem Eigensinn aufgeladen. Viotti, bei dem man immer noch nicht genau sagen kann, ob er Dirigent ist oder nur Instagram-verliebter Dirigentendarsteller, dirigiert seinen ersten Wagner professionell, nicht viel mehr. Er hält auf seiner beherzten Entdeckung der 'Lohengrin'-Langsamkeit gekonnt zusammen, viele Blicke für die Sänger hat er nicht übrig. So ähnlich inszeniert diesmal Loy, mit großer Allfresco-Geste in den Tableaux, die durch zehn meist nur ungläubig erstaunt herumeilende Tänzer Bewegung vortäuschend aufgelockert werden, gekonnt feinzeichnende, intimere Momente, die aber weder über Elsa und Lohengrin noch über Ortud und Telramund wirklich Neues erzählen."
Szene aus "Prinz Friedrich von Homburg". Foto: Armin Smailovic Einen "starken Kommentar ins Reale hinein" siehttaz-Kritikerin Kathrin Kollmann mit Jette Steckels Inszenierung von Heinrich von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" an der Berliner Schaubühne. Wie die Regisseurin die Handlung des preußischen Kriegsdramas in die Gegenwart holt, funktioniert gut, nickt Kollmann und denkt "beim Anblick der schwarzen Bühnenrampe unwillkürlich an die Schwarzerde der Ukraine." Die Aufführung bleibt nah am Original, nur am Ende greift Steckel stark ein: Ihr Prinz darf nicht einfach in Ohnmacht fallen, so die nachhaltig beeindruckte Kritikerin, dem Todesurteil zwar entronnen, erschießt er sich ganz am Ende: "Renato Schuch stattet seinen Homburg mit einer berührenden Fragilität aus. Wenn er geht, scheint es, als würde ihn eine unsichtbare Last nach unten drücken. Sein Homburg steht für den Menschen, der in den Krieg geworfen wird und versucht Mensch zu bleiben. Mit dem Blick eines gehetzten Tieres exerziert er und führt alle vor, die am Krieg nicht verrückt werden. Trotzdem fährt er einen Sieg ein, weil er schnell und richtig reagiert hat, und wird für sein eigenmächtiges Handeln zum Tode verurteilt. Da rollt er sich wie ein übergroßer Embryo ein in den Schoß der Kurfürstin."
FAZ-Kritiker Simon Strauß kann hingegen nur den Kopf schütteln: "Bis auf das drastische Anfangsbild wirken die von vielen Blacks getrennten und mit melodischer Musik unterlegten Soldatenszenen arglos, fast leichtfertig." Völlig unangebracht in dieser Zeit, wo der Krieg doch so nah und real ist, findet Strauß: "Es wird viel laut und schwer geatmet, viel Kleidung an- und ausgezogen, und ein paarmal geht im Zuschauerraum auch plötzlich das Licht an. Aber vom zerstörerischen Eindruck des Krieges auf den menschlichen Geist, vielleicht sogar auf seine Seele wird so wenig spürbar." Peter Laudenbach bemängelt in der SZfehlende Subtilität und zum Teil unfreiwillige Komik. Im Tagesspiegelbespricht Christine Wahl das Stück, bei Nachtkritikschreibt Elena Philipp.
Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" am Opernhaus Zürich (Welt) und Karin Baiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theaterstück "Anthropolis" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Zeit).
Mit dem Bühnenbild der Inszenierung der György-Ligeti-Oper "Le Grand Macabre" an der Wiener Staatsoper kann sich Reinhard Kager in der FAZzwar nicht anfreunden. Musikalisch wird hingegen einiges geboten: "Pablo Heras-Casado, einer der seltenen Dirigenten, der sowohl in der Alten als auch in der Neuen Musik bewandert ist, hat das Wiener Staatsopernorchester fest im Griff und sorgt nicht nur für rhythmische Prägnanz, sondern auch für die nötige Transparenz, um den strukturellen Komponenten von Ligetis vielschichtiger Partitur folgen zu können. (...) Außerordentlich gelingt auch Georg Nigl die Gestaltung der Titelpartie des Nekrotzar. Obgleich die Rolle sonst oft mit dunklen Bassbaritonen besetzt wird, schafft es der hell timbrierte österreichische Bariton, mit exaltiertem Changieren zwischen Gesang und Sprechgesang die Überspanntheit dieser zwiespältig-schrillen Figur zu vermitteln. In seinem seidenen Schlafrock könnte dieser Nekrotzar auch aus einer psychiatrischen Anstalt entflohen sein."
Im Tagesspiegelportraitiert Sandra Luzina die Choreografin Ligia Lewis, der das Berliner HAU eine Werkschau widmet. Lewis, die in der Dominikanischen Republik geboren wurde und in Florida aufwuchs, "geht immer von politischen Fragen aus, doch ihre Stücke sind keine simplen politischen Statements. Sie zeichnen sich durch ein ausgeklügeltes Zusammenspiel aus Bewegung, Text, Musik und Licht aus und tendieren oft ins Fantastische und Surrealistische. Ein dunkler Humor und auch Nonsense durchziehen ihre Imaginationen. Zudem finden sich zahlreiche Referenzen an die europäische Tanz- und Theatergeschichte; aber Lewis transformiert das Material aus einer Schwarzen Perspektive." Die aktuelle Arbeit "A Plot / A Scandal" "ist eine Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Kapitalismus. Lewis begibt sich auf die Spuren ihrer Ururgroßmutter, die um 1900 in Hispaniola, der heutigen Dominikanischen Republik, geboren wurde. Sie praktizierte Voodoo, obwohl die weißen Kolonialherren das verboten hatten. Zudem besaß sie als Schwarze Frau ein Stück Land, was damals als skandalös galt."
Weitere Artikel: Für die taz Nordinterviewt Katrin Ullmann Kerstin Evert und Uta Meyer, die Leiterinnen des Netzwerks "Explore Dance". In der nachtkritikdenkt Michael Wolf über das Verhältnis von Politik und Theater als Form nach. Im Standardist zu lesen, dass nächstes Jahr Verdis "Aida" in die burgenländische Oper im Steinbruch zurückkehrt.
Besprochen wird eine "Carmen"-Inszenierung im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin (nmz).
Lilith Stangenberg als "Antigone". Foto:Thomas Aurin. Eine "schnörkellos klare, ästhetisch bestechende" Aufführung des letzten Teils von Roland Schimmelpfennigs Theater-Epos "Anthropolis" hat FAZ-Kritikerin Irene Bazinger am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gesehen. Lilith Stangenberg gibt "Antigone" in der Inszenierung von Karin Baier als "exzentrisch entrückte" schon von Beginn an Verlorene, so Bazinger: "Rasend schlägt sie die Kalksteine aneinander, dass dichter Staub aufsteigt, was die Unbeugsame, zuletzt nackt und ohne Perücke, wie eine spirituell aufgeladene Skulptur des Untergangs erscheinen lässt. Mit Kreons juristischer Buchstabentreue ist dieses tolle Luftwesen nicht zu fassen. Antigone hat keine Angst vor dem Sterben, sie ist schon tot. Anders ihre gemäßigtere Schwester Ismene, die bei Josefine Israel als kraftvolles, emanzipiertes Girlie auftritt und im Familienstreit vergeblich die Trotzkarte ausspielt. Damit freilich ist beim Pokerface Kreon nichts zu holen, den Ernst Stötzner als blank polierten Aktendeckel im gehobenen Dienst zeigt, der raffiniert allen Machtwillen hinter Pflichterfüllung verbirgt. Selbst Maximilian Scheidt als sein devoter Sohn Haimon, Antigones Bräutigam, hat gegen diesen abgebrühten Realo keine Chance."
Im Nachtkritik-Interview mit Esther Slevogt spricht der israelisch-palästinensische Schauspieler Ala Dakka über die aktuelle Situation in Israel. Er habe sowohl bei den Massakern der Hamas als auch bei Israels Militäroffensive in Gaza Verwandte und Bekannte verloren. Was in Gaza passiere sei grauenhaft, "aber als Bürger dieses Landes muss ich Ihnen sagen: Die Leute auf der Welt sind wirklich blind, wenn sie das Ausmaß des Schocks nicht begreifen, den diese Ereignisse hier bewirkt haben - ich meine: Kein Land würde sich so etwas gefallen lassen, nicht in den wildesten Träumen! Kein Land auf der Welt würde akzeptieren, dass 1400 seiner Bürger an einem einzigen Tag brutal ermordet werden...Und dann sollen sie an die Leiden der Palästinenser denken und mit Nachsicht reagieren? Als ein Palästinenser, der hier lebt, sage ich Ihnen: Das Trauma, das diese Ereignisse ausgelöst haben, ist enorm. Mir scheint, dass die internationalen Medien blind dafür sind. Aber ich erlebe auch die Blindheit eines Teils der jüdischen Gesellschaft hier gegenüber dem, was gerade in Gaza passiert. Gaza ist jetzt ein Schlachthaus."
Besprochen werden Lorenz Noltings Adaption von Dorota Maslowskas Roman "Andere Leute" am Emma-Theater in Osnabrück (taz), Christof Loys Inszenierung von Wagners "Lohengrin" an der Nationaloper Amsterdam (FAZ) und David Hermanns Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ohne Schatten" an der Staatoper Stuttgart (FR).
Szene aus "Zeit wie im Fieber" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Björn Klein. Ein Plädoyer für den Zweifel und die Ambivalenz ist Zino Weys Inszenierung von "Zeit wie im Fieber" am Schauspiel Stuttgart für taz-Kritiker Björn Hayer. Wie bezieht man heute Position, ohne in die Falle der einfachen Wahrheiten zu tappen? So rätseln die beiden Protagonistinnen von Weys Stück, der bei Georg Büchner nachfragt: "Um Antworten zu finden, begeben sich die dem Drama 'Leonce und Lena' entsprungene Lena (Sylvana Krappatsch) sowie Julie (Paula Skorupa) aus 'Dantons Tod' auf eine imaginäre Reise. Sie treffen auf allerlei skurrile Typen mit jeweils geschlossener Weltsicht. Hinter Bäumchen am Bühnenrand lugt ein allzu wachsamer Kleinbürger hervor. 'Ich seh jeden, der nicht in die Stroß gehört', ruft der Globalisierungsgegner den beiden Frauen zu. Indessen verteidigt ein Bäckermeister mit überdimensionierter Brezel vor der Brust die Reinheit des Teigs, die für nichts anderes als das rechte Phantasma eines homogenen Volkskörpers steht. Und da ja zu viel Denken ohnehin nur für Knoten im Hirn sorge und uns vom ganzheitlichen Wesen des Kosmos entfremde, setzt eine esoterische Heilerin ganz auf die Kraft der Hufeisen." In der Nachtkritik ist Thomas Rothschild vor allem fasziniert von Björn SC Deigners Textvorlage: "Deigner ist auch Musiker, und wie ein Musiker komponiert er seinen Text, rhythmisiert, stellenweise metrisch: 'manchmal überkommt es mich und dann mit aller macht. und dann will auch ich eine kerbe in diese welt schlagen, auf dass sie zittert.' Es ist diese fast archaische Sprache, ihre prosodische Schönheit und ihr Kontrast zur anhaltenden Aktualität der Motive, aber auch die gewagten Bilder sind es, was den ästhetischen Reiz von Deigners Stück ausmacht."
Besprochen werden außerdem Stefan Kaegis Inszenierung "Société Anonyme" am deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), Ewelina Marciniaks Inszenierung von "Meine geniale Freundin" nach dem Roman von Elena Ferrante am Hamburger Thalia Theater (taz), zwei Inszenierungen von György Ligetis Oper "Le grand macabre", einmal von Vasily Barkhatov an der Oper Frankfurt und von Jan Lauwers an der Staatsoper Wien (SZ), Daniel Kramers Inszenierung von Peter Handkes Stück "Kaspar" am Wiener Akademietheater (SZ, Standard), Karin Baiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theaterstück "Anthropolis" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ).
Besprochen werden Noam Brusilovskys Stück über die Nazi-Mitläufer des Bayrischen Schauspiels am Bayerischen Staatsschauspiel (nachtkritik), Aufführungen beim Monologfestival am TD Berlin (nachtkritik) und die Eröffnung des Tanz- und Theaterfestivals "Euroscene Leipzig" mit Miet Warlops Choreografie "One Song" (FAZ).
Das Spiel mit den Geschlechtern gehört in der Oper von Beginn an dazu, bemerkt Manuel Brug in der Welt, mittlerweile gibt es auch einige trans Frauen, die in eigentlich männlichen Rollen auftreten. Das passt aber eigentlich ganz gut zu den ewigen Verwirrspielen des Musiktheaters: "Die Geschlechter verschwimmen: Geht der Mann auf der Bühne mit der weiblichen Stimme als Transmann durchs wahre Leben, oder der Bariton, der gerade noch maskuline Rollen gegeben hat, als Transfrau? Noch sind offene Trans-Gesangsstars Ausnahmen, die europäischen Opernbühnen scheinen sie gerade erst für sich zu entdecken. So gibt es mit 'Lili Elbe' und 'Strella' gegenwärtig gleich zwei neue, sehr unterschiedliche Opern über Transgender-Titelfiguren in St. Gallen und Athen." "Lili Elbe" von Tobias Picker hat eine "durchhörbare, sich von Strawinsky bis zur Gegenwart, bei 'Downtown Abbeys' hüpfendem Tanzthema wie bei Cabaret-Musiken polystilistisch gekonnt bedienende, von Modestas Pitrenas fast etwas zu klangprächtig realisierte Partitur", sie "stellt Menschen und Schicksale in den Fokus, die singenden Personen rühren an." Vielleicht auch eine kontinuierliche Entwicklung: "Und irgendwie ist auch Beethovens 'Fidelio', mit dem 1968 das St. Gallener Theater zum ersten Mal eröffnet wurde, mit einer sopransingenden Crossdresser-Titelfigur ein bisschen trans… Oper eben."
Weiteres: Die Berliner Opernhäuser und Orchester haben ein gemeinsames Statement veröffentlicht, melden die Agenturen. In diesem verurteilen sie Antisemitismus und den Terror der Hamas und rufen zur Solidarität mit jüdischen Menschen auf. Im Aufruf heißt es unter anderem: "Die deutschen Theater und Orchester stehen solidarisch zu Israel. Die Gewaltexzesse gegen die israelische Bevölkerung sind durch nichts zu rechtfertigen. Es ist entsetzlich, dass manche die aktuelle Situation zum Anlass nehmen, antisemitische Hetze in Deutschland zu verbreiten."
Weiteres: Die Volksbühne Berlin hat einen Auftritt des Ex-Labour-Chefs Jeremy Corbyn abgesagt, der sich in "Äußerungen in der Vergangenheit, nicht ausreichend von antisemitischen Positionen distanziert" habe (Begründung des Theaters), meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel vom Beginn des 7. Monolog-Festivals im TD Berlin (ehemals Theaterdiscounter).
Besprochen werden Adrian Figueroas Inszenierung "Pauken" am Hebbel am Ufer Berlin (tsp), Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" am Opernhaus Zürich (FAZ), Evgeny Titovs Inszenierung von "Le nozze di Figaro" an der Staatsoper München (Zeit), Christiane Mudras Inszenierung von Hotel Utopia (SZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter. Die Familie eines deutschen Jahrhunderts: Margarethe, Marianne, Monika, Miriam. Vier Generationen. Sie lieben sich, sie tun sich weh, sie kämpfen um ihre Unabhängigkeit.…
Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell Bernhard ist siebzig, geschieden, kinderlos, und seit er im Ruhestand ist, fehlt ihm etwas: eine neue Beziehung, ein Hobby oder vielleicht doch ein Ehrenamt? Nichts will…
Kohei Saito: Am Ende des Fortschritts Sozialismus oder Barbarei? Sozialismus in der Barbarei! In seinem neuen Buch zieht Kohei Saito eine ernüchternde Bilanz: Teile der Umwelt, die unseren Wohlstand zuverlässig…
Olivia Laing: Crudo Aus dem Englischen von Thomas Mohr. Die Schriftstellerin Kathy verbringt den Sommer in der Toskana, in einem Hotel für Superreiche. Neben dem Schwimmen im Pool und den rauschenden…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier