Warum zeigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich kaum mehr Theaterinszenierungen, fragt Harald Hordych Anne Reidt, Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Kultur, und Meike Klingenberg von der Programmgruppe "Theater bei ZDF/3sat" im SZ-Interview. Ein Grund liege darin, so Reidt, dass die Übertragung von unterhaltenden Stücken, wie aus dem Ohnsorg-Theater, die damals das Publikum begeisterten, heute nicht mehr funktionierten: "Das Volkstheater spielt heute im Dschungelcamp. Heidi Kabels Epigonen performen auf Instagram. Und das Theater geht durch ähnliche Transformationsprozesse wie wir Medien oder unsere ganze Gesellschaft: Welcher Kanon verbindet uns noch, wer spricht für wen? Mit welchen Mitteln hilft Theater, unser Zusammenleben auszuhandeln, und was machen wir mit den neuen digitalen Möglichkeiten bis hin zur künstlichen Intelligenz?"
Weiteres: Die Kooperation John Neumeiers mit dem Moskauer Bolschoi-Ballett geht weiter, meldet die FAZ. In einer Presseerklärung begründete Neumeier die Zusammenarbeit mit der Vermittlung der "'humanen Werte, die das jetzige russische Regime so sträflich missachtet.'" Was genau das bedeuten soll ist allerdings unklar. Lotte Buschenhagen unterhält sich für den Tagesspiegel mit dem Leiter der Komödie am Kurfürstendamm Martin Woelffer.
Besprochen werden Schorsch Kameruns Inszenierung seines Stücks "Cap Arcona" am Theater Lübeck (nachtkritik), Katharina Schmidts und Roman Koniecznys Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Swaantje Lena Kleffs Inszenierung von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik), Christina Tscharyiskis Inszenierung von Franz und Paul von Schönthans Schwank "Der Raub der Sabinerinnen" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik, FR), Nurkan Erpulats Adaption von Behzad Karim Khanis Roman "Hund, Wolf, Schakal" am Gorki Theater (nachtkritik, taz, tsp), Karsten Wiegands Inszenierung der Strauss-Oper "Elektra" am Staatstheater Darmstadt (FR), Michael Quasts Inszenierung von Philipp Mosetters Stück "Der Fleck", uraufgeführt in der Volksbühne Frankfurt (FR), die Premiere von Tuğsal Moğuls Inszenierung von "And Now Hanau" im Willy-Brandt-Saal des Rathauses Schöneberg (taz, Welt),
Der Theatermacher Falk Richterunterhält sich in der taz mit Anna Fastabend darüber, wie er zum Theater kam und was seine Eltern davon hielten ("Mein Coming-Out als Künstler war interessanterweise gleich schlimm für meine Eltern wie mein Coming-Out als homosexueller Mann"), über den Kampf gegen die Neue Rechte und autofiktionales Schreiben: "Interessant wird es dann, wenn man die eigene Geschichte mit einem gesellschaftlich relevanten Thema verbinden kann. Bei 'The Silence' (Richters neues Stück über die Kriegstaumata seiner Eltern, Anm. d. Red.) war es die Traumatisierung von Gesellschaften, über die nicht gesprochen wird, und die Frage von Täter und Opfer. Bei meinem Vater, der mit 18 in den Krieg eingezogen wurde, könnte man sagen, er war Opfer, weil er dazu gezwungen wurde, aber er war natürlich auch Täter, weil er Menschen umgebracht hat. Und jetzt erleben wir in Russland und der Ukraine und auch in Israel und Gaza wieder, wie ganz viele junge Leute zu Tätern werden und gleichzeitig ganz sicher selbst Schäden davontragen werden."
Der Generalintendant des Theaters Erfurt, Guy Montavon,wurde nach Vorwürfen des Machtmissbrauchs beurlaubt. Endlich, ruft Peter Laudenbach in der SZ. Hinweise auf sein problematisches Verhalten gab es schon vor Jahren, meint Laudenbach, die Stadtverwaltung hätte Konsequenzen ziehen müssen. Aber ob Montavon wirklich gekündigt wird, ist immer noch nicht klar, so Laudenbach: "Da die Vorgänge im Theater zwar gegen alle Anstands- und Compliance-Regeln verstoßen, aber offenbar weder strafrechtlich noch arbeitsrechtlich relevant sind und vor einem Arbeitsgericht keine fristlose Kündigung rechtfertigen dürften, wollte sich die Stadtverwaltung mit Montavon auf einen Auflösungsvertrag und eine Abfindung verständigen. Der gleiche Stadtrat, der Montavons Vertrag vor zwei Jahren bis 2027 verlängert hat, war nicht bereit, ihm diese Abfindung zu bewilligen. Montavon ist also beurlaubt, aber nicht gekündigt. Wie es weitergeht: völlig offen. Finden sich nicht doch noch Beweise, die eine fristlose Kündigung rechtfertigen, wird die Stadt ihn wohl weiterbezahlen müssen."
Weitere Artikel: Jakob Hayner trifft für die WAMS die slowenische Theaterregisseurin Mateja Koležnik. Besprochen werden Heinz Kreidls Inszenierung von James Shermans "Der muss es sein" in der Frankfurter Komödie (FR).
Trajal Harrell: Tambourines. Foto: Orpheas Emirzas.Dass die neue Leitung des Zürcher Schauspielhauses den Choreografen Trajal Harrell mit seinem Ensemble nicht übernehmen will, ist für Lilo Weber in der NZZ unbegreiflich. Sein letztes Stück "Tambourines" überzeugt, wie Harrell selbst deutlich macht, als Reaktion auf Nathaniel Hawthornes Roman "The Scarlet Letter", die aktueller nicht sein könnte: "Tatsächlich muss man Genderdiskussionen und postkoloniale Theorie nicht mögen, um diesen Tanz zu lieben. Trajal Harrell ist weit davon entfernt, sein Publikum in irgendeiner Art erziehen zu wollen. Seine bunte Truppe predigt nicht Diversität, sie lebt sie. Den Nerv unserer Zeit trifft sein Tanz auf einer anderen Ebene. In einer Gesellschaft lauter vereinzelter Menschen, die alle nach Einzigartigkeit streben, in einer Gesellschaft, in der jeder und jede für sich reklamieren kann, von irgendwoher und irgendwem diskriminiert zu werden, lebt dieser Tanz Gemeinsinn vor. Das ist das wirklich Subversive am Tanz des Trajal Harrell. Er setzt Gemeinsinn da, wo Worte und Rede Gemeinsinn zersetzen. Und das an einem Schauspielhaus."
Im Theater BaselsiehtNachtkritiker Jürgen Reuß die "Sommergäste": "Aus Maxim Gorkis bürgerlicher Intelligenzija ist in Dietmar Daths Überschreibung die gehobene Ebene von Digitalisierungswurschtlern samt Entourage geworden. Schlau genug, an der KI-getriebenen Ausbeutungsblase zu verdienen. Und stark genug von Verschwörungstheorien angefixt, um sich im Abglanz des Weltwirtschaftsforums zu sonnen, das der Stakeholderschamane Klaus Schwab jährlich in Davos veranstaltet." Die Inszenierung weiß mit digitalen Elementen zu spielen, kann den Kritiker zwischen "Wohlstandsaufhellern und Elendsbetäubern" aber nicht zu hundert Prozent überzeugen: "Man ist versucht, dasselbe Fazit zu ziehen, das Gorki 1904 nach seiner Uraufführung zog: 'Das Stück ist nicht besonders, aber ich habe getroffen, wohin ich gezielt habe.'"
Weiteres: Der Standard widmet sich österreichischen Theaterskandalen.
Besprochen wird: Antonín Dvořáks "Rusalka" an der Berliner Staatsoper (FAZ).
Am Wochenende ist der Schauspieler Fabian Hinrichs in Rene Polleschs Stück "ja nichts ist ok" zu sehen. Im Zeit-Gespräch mit Peter Kümmel geht er hart mit dem deutschen Theater ins Gericht: "Ich spüre oft nur die Absichten, die moralischen Botschaften hinter einem Bühnenkunstwerk, aber nicht viel, was mich woanders hinführt - ins Offene, zu mir selbst, in künstlerische Atmosphären auch, die riskant sind. Das ist eher ein wackeres Ablatschen von Programmpunkten. Aber hat es alltagserschütternde Kraft, und sei es auch nur für zehn Minuten? Zu oft begegnet mir eine Funktionärskultur, gemacht von Funktionären für Funktionäre. Auch ein Teil der Theaterkritik könnte sich ja mal fragen, welches Geschäft sie betreibt, wenn sie all jene Stimmungen und Atmosphären kaum aufnimmt, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat. Vielleicht ist aber auch kein Auge, Ohr und kein Herz dafür vorhanden?"
In der nachtkritikbegrüßt der Autor Hannes Becker die zunehmende Mehrsprachigkeit in der zeitgenössischen Dramatik als Ausdruck sozialer Diversität, denn: "Mehrsprachigkeit im Theater zuzulassen bedeutet: Nicht-Verstehen zuzulassen, mehrere Publika statt eines Publikums anzusprechen und die real Anwesenden bei einer Theateraufführung heterogen zu adressieren. Außerdem: sich Probleme einzuhandeln, die ohnehin da sind. Wer Sprachen wie Türkisch und Kurdisch, Hebräisch und Arabisch, Russisch und Ukrainisch, vor allem aber: Deutsch und jede andere Sprache zusammen auf die Bühne bringt, ruft beinahe zwangsläufig vorhandene politische Konflikte in den Theaterraum hinein. Andererseits wird so eben auch klar: Momente des Nicht-Verstehens sind häufig das, wovon mehrsprachige Inszenierungen leben - Nicht-Verstehen, Missverstehen, Verstummen und Zum-Schweigen-Bringen, Machtverhältnisse und Gewaltakte, die direkt die Sprechfähigkeit der Spieler*innen betreffen."
Weitere Artikel: Viele Musicals fallen im Ruhrgebiet durch, nicht aber Carsten Kirchmeiers Inszenierung des Broadway-Klassikers "Hello, Dolly!" am Musiktheater in Gelsenkirchen. Das Stück über die Sehnsüchte von Arbeitern aus Yonkers, einer an New York City angrenzenden Provinzstadt, passt hier vermutlich perfekt hin, glaubt Max Florian Kühlem in der SZ: "Zwar hat sich hier mittlerweile eine hohe Dichte an guten Hochschulen und großartigen Kultureinrichtungen etabliert. Hippe Viertel entstehen. … Doch Gelsenkirchen ist auch weiterhin die Stadt mit der höchsten Armutsquote in Deutschland." In der NZZdenkt Bernd Noack darüber nach, was das Zürcher Schauspielhaus erwartet, wenn Rafael Sanchez und Pinar Karabulut ab 2025 gemeinsam die Intendanz des Hauses übernehmen: "Die eine pocht auf den gesellschaftspolitischen Anspruch, der andere nimmt das Theater gerne auf die leichte Schulter." Ebenfalls in der NZZ hat sich Marianne Zelger-Vogt mit der deutschen Sopranistin Marlis Petersengetroffen, die nun am Opernhaus Zürich in Barrie Koskys Inszenierung von Franz Lehars Operette "Die Lustige Witwe" sehen ist.
Besprochen werden Bernhard Mikeskas Inszenierung von Thomas Braschs "Mädchenmörder:: Brunke" am Staatstheater Braunschweig (taz) und Kornel Mundruczos Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Berliner Staatsoper (VAN). In der FAZ gratuliert Reiner Burger dem Kölner Hänneschen-Theater zu 222 Jahren Puppenbühne.
Weitere Artikel: Georg Kasch überlegt sich auf nachtkritik, was das Theater zum Thema AfD und erstarkendem Rechtsextremismus noch zu sagen hätte. In der Welt setzt sich Jakob Hayner mit der in einem offenen Brief laut gewordenen Forderung auseinander, Richard III. solle in Shakespeare-Aufführungen nur noch von Menschen mit Behinderung gespielt werden (siehe auch hier).
Besprochen werden Kornél Mundruczós Inszenierung der Oper "Rusalka" Antonin Dvořáks an der Berliner Staatsoper (SZ), Molières "Tartuffe" im Berliner Renaissance-Theater (Tagesspiegel) und Péter Eötvös' Oper "Valuschka" am Theater Regensburg (Welt).
Szene aus "Die Soldaten" an der Elbphilharmonie. Foto: Daniel Dittus. Berthold Seliger ist im NDhin und weg von Calixto Bieitos Inszenierung der Oper "Die Soldaten" von Alois Zimmermann an der Elbphilharmonie in Hamburg. Ein "faszinierendes Monster" habe Bieito da erschaffen, ein Drama über das Militär als moralisch verkommenem und übermächtigem Teil der Gesellschaft. Zimmermann folgte dem Ideal des "totalen Theaters", weiß Seliger, das alle Kunstformen miteinander verbinden will und einer ungeheuer komplizierten Partitur folgt, die ursprünglich als "unspielbar" galt: "Es ertönt eine aggressive, durch alle Instrumentengruppen stürmende, wilde Zwölftonmusik, die Holzbläser kreischen, die Streicher spielen verrückte Akkorde, die sich vom zweifachen zu einem dreifachen Fortissimo steigern, und wenn diese kakophonischen Klänge einmal abgedimmt werden, durchbrechen Vibraphon und Glocken mit Fortissimo-Aufschreien den Sound, der sich immer wieder aufs Neue auf- und abschwingt in einem furiosen Preludio. Hier wird die Fährte gelegt, die in den folgenden zwei Stunden zu harscher Brutalität führt: Diese Soldaten sind nicht nur wie bei Tucholsky 'alle Mörder', sondern sie sind ein entgleister, roher, bigotter Haufen jenseits aller Zivilität - eine barbarische Truppe eigenen Rechts, nicht nur im Krieg, sondern gerade auch im 'zivilen' Dasein." Seliger weist dankend daraufhin, dass die Veranstalter die komplette Oper in einem Stream zu Verfügung stellen.
Weiteres: Manuel Brug stellt in der Welt fest, dass in deutschen Theatern Operette, Musical und Musiktheater den Publikumsgeschmack treffen, obwohl sich die Feuilletons für diese Genres wenig interessieren.
Besprochen werden Benedict Andrews Inszenierung von Tschaikowskys Oper "Pique Dame" in der Bayerischen Staatsoper (FAZ, SZ), Kornél Mundruczós Inszenierung von Dvořáks Oper "Rusalka" an der Berliner Staatsoper (tsp) und Guntbert Warns Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Renaissance-Theater in Berlin (tsp).
In der FAZ macht sich Sophie Kliieisen Gedanken über das Verhältnis zwischen Intendanz und Geschäftsführung an Deutschen Theatern. Die kürzlichen Personalwechsel am Deutschen Theater in Berlin und am Staatstheater Wiesbaden zeigen, dass man sich mit der Vereinbarkeit von wirtschaftlichem Kalkül und künstlerischer Freiheit schwer tut: "Welche Eigenschaft soll ein Theater prägen, wenn beides zugleich so schwer umzusetzen ist: eine ausgeglichene Bilanz und eine gewisse künstlerische Unberechenbarkeit? Ein Vorschlag zur Güte: Man unterwerfe Geschäftsführungen einer ähnlichen Auswahlprozedur wie künstlerisch Verantwortliche und ermögliche der Kunst eine Mitsprache. Selbst Dream-Teams sollen schon gescheitert sein. Setzen sich aber die Ambivalenzintoleranz und ihre Neigung zum Dreisatz als Modell zur Bewältigung des menschlichen Makels durch, verliert nicht nur das Theater."
Die jüdische Schauspielerin Anouk Elias spielte am Würzburger Bahnhof in einer Solo-Inszenierung Anne Frank und wurde Opfer antisemitischer Anfeindungen, berichtet Christiane Lutz in der SZ. Das Theater Würzburg reagierte erst sehr spät: "Wie dringlich Anouk Elias sich immer wieder um Gespräche und bessere Sicherheitsmaßnahmen bemühte, ist gut dokumentiert. Als das Theater nichts änderte, suchte sie Hilfe bei der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, bei den Antidiskriminierungsstellen B.U.D. und der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS). Eine Mitarbeiterin von RIAS fuhr daraufhin zu einigen Vorstellungen nach Würzburg an den Bahnhof und dokumentierte antisemitische Zwischenfälle."
Besprochen werden Anaïs Durand-Mauptits Inszenierung von "Die Kunst der Freude" nach dem Roman von Goliarda Sapienza am Theater Aachen (nachtkritik), Doris Uhlichs Choreografie "In Ordnung" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, nachtkritik), Alexander Eisenachs Inszenierung seines Stücks "Zonenrandgebiet. Deutsch-deutsche Grenzerfahrung" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), das Tanzstück "Queen Blood" Ousmane Sy im Mousonturm in Frankfurt (FR), Lorenzo Fioronis Inszenierung von Modest Mussorgskys "Boris Godunow" am Nationaltheater Mannheim (FR), Anna Webers Inszenierung von Eduard Künnekes Operette "Der Tenor der Herzogin" an der Oper Chemnitz (nmz), Karin Henkels Inszenierung von Kafkas "Das Schloss" am Münchner Residenztheater (SZ), Claude De Demos und Jorinde Dröses Solo-Stück "Motherfuckinghood" am Berliner Ensemble (SZ).
Szene aus Daniil Charms' "Jelisaweta Bam" am Theater Zwickau-Plauen. Foto: André Leischner
In der nachtkritikfreut sich Michael Bartsch über die Ausgrabung von Daniil Charms' Stalinismus-Komödie "Jelisaweta Bam". Carlos Manuel hat es am Theater Zwickau-Plauen inszeniert. Tragischer Stoff, aber Bartsch muss immer wieder lachen, wie Charms das ins Absurde dreht. "Was unser gegenwärtiges, eher zu Schwermut und sublimierter Empörung neigendes Theater lernen kann, ist auf jeden Fall der spielerisch-offensive Umgang mit Nöten, das im Halse stecken gebliebene und sich dennoch befreiende Lachen. Den Glauben an die überwindende Kraft von Esprit, Fantasie und Jonglage mit den Weltproblemen. Denn im Vergleich mit unserem heutigen, meist autosuggerierten Elend waren die damaligen Verhältnisse wirklich existenzbedrohend. Regisseur Carlos Manuel bringt Witz und Charme mit, inszeniert aber ohne billige Lacherköder." Und er hilft auf der Bühne aus, ebenso eine Inspizientin und eine Regieassistentin, die das fehlende Darstellerpersonal an dem kleinen Theater bravourös ergänzten. "Eine Offenbarung in Plauen, wie Theater schon mal ging und auch heute wieder anders gehen könnte", findet Bartsch.
Weitere Artikel: Ronald Pohl unterhält sich für den Standard mit der Schauspielerin und Biologin Isabella Rosselini über ihre One-Woman-Show "Darwin's Smile" im Landestheater St. Pölten. "Ich erwarte von Tieren nicht, dass sie mir beibringen, wie ich mich verhalten soll. Mein Interesse an Tieren gleicht dem eines Biologen an Zellstrukturen", erklärt sie ihm. In der FAZ (Bilder und Zeiten) plädiert der Literaturwissenschaftler Mathias Meyer dafür, auf deutschen Bühnen nicht nur Shakespeares "Hamlet" sondern auch mal Konrad Ekhofs "Der Bestrafte Brudermord" aus dem Jahr 1781 zu spielen. Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von Hannovers neuem Real Dance Festival.
Besprochen werden Claude De Demos und Jorinde Dröses "#Motherfuckinghood" am Berliner Ensemble (nachtkritik) und Thomas Jonigks Inszenierung von Ibsens "Gespenstern" am Schauspiel Köln (nachtkritk).
Susann Thiede in "Alles" von Alistair McDowall am Theater Cottbus. Foto: Bernd Schönberger
Dramatiker wissen auch nicht immer, was am besten für ihre Texte ist, denkt sich FAZ-Kritiker Christoph Weissermel bei der Aufführung von Alistair McDowalls "Alles" am Theater Cottbus: Das Stück "führt als Monolog durch das unspektakuläre Leben einer betont durchschnittlichen Frau der Gegenwart. Nur zwei Regieanweisungen sieht der Originaltext vor: Eine einzelne Person soll den Text sprechen, und sie soll dies zügig tun. Im Gegensatz zur Uraufführung am Londoner Royal Court Theatre 2020 ignoriert in Cottbus Regisseur Rafael Ossami Saidy gleich beide - zum Glück. Denn dadurch, dass vier Schauspielerinnen die namenlose Protagonistin in unterschiedlichen Lebensphasen geben, gelingt es, Stimmungsverschiebungen des Textes besser zur Geltung kommen zu lassen. Anstelle den Text herunterzurasen, gibt ihm Saidy auch im wörtlichen Sinne Raum: 'Alles' wird als Theaterrundgang inszeniert".
Die Sopranistin Asmik Gregorian hat gerade zwei Aufnahmen der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss vorgelegt, die SZ-Kritiker Helmut Mauro beide empfehlen kann (vor allem aber die Aufnahme mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter Leitung von Mikko Franck). Außerdem ist sie am Sonntag in München als Lisa in Tschaikowskys "Pique Dame" zu hören. Spielen tut sie aber nicht, erklärt sie Egbert Tholl im SZ-Interview: "Ich bringe mich selbst in der Situation zum Ausdruck. ... Ein Beispiel: Ich machte gerade Turandot. Davor gab es viele Gespräche, warum macht Turandot dies oder das, überlebt sie oder nicht. Danach kommen die Kommentare dazu: Sie ist keine Turandot oder keine Salome oder was auch immer. Da denke ich mir: Ich habe nie versucht, eine Turandot zu sein oder eine Salome. Ich benutze die Rolle und die Musik, um mich selbst auszudrücken, meine Nöte, mein Leben. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was Puccini mit Turandot wollte oder Strauss mit der Salome."
Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns "Das Portal" in der Inszenierung von Herbert Fritsch am Schauspiel Stuttgart (FR) und die Netflix-Serie "Stranger Things" als Bühnenspektakel in London (SZ).
An der Berliner Schaubühne versenden die ukrainischen Theatermacher Pavlo Arie und Stas Zhyrkov Postkarten aus dem Osten, oder eigentlich eher die Gäste des Einweihungsdinners in einer Berliner Altbauwohnung, zwei Deutsche, zwei Ukrainer, die sich aus Mariupol kennen. Man plaudert über Kunst und Krieg. Es ist eine "große Leistung des Abends" dass man danach sofort weiterdiskutieren kann, meint in der taz Katja Kollmann. "Alle vier verbindet eine jahrelange Freundschaft, die Liebe zur Ukraine und der Schmerz um den möglichen Verlust von Mischa, Ehemann von Nastja und enger Freund der anderen. Er kämpft an der Front. Immer wieder spielen die vier wie im Stakkato. Akustisch wird dieses entfesselte Spiel begleitet durch ein Geräusch, das an eine Videokassette im Vorspulmodus erinnert. Regisseur Stas Zhyrkov setzt dieses Stilmittel ein, wenn die Figuren sich gegenseitig Normalität vorspielen. Denn Maria, Lukas, Nastja und Orest können ihre Ohnmacht, Trauer und Verzweiflung nicht in Gesellschaft ausdrücken. Nur wenn sie alleine sind, bricht es aus ihnen heraus. So entstehen vier Szenen mit einer bedrückenden Intimität, in der die Bühne einer einzelnen Figur gehört."
Und da nun mal zwei Deutsche dabei sind, kommt auch die Kollaboration der ukrainischen Nationalisten mit der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu Sprache, erzähltnachtkritikerin Esther Slevogt, "von der sie sich nationale Unabhängigkeit von der Sowjetunion erhofften. Verbrechen ukrainischer Nationalisten an der polnischen und jüdischen Bevölkerung. Hier wird bald auch zwischen den beiden ukrainischen Mitgliedern des Freundesquartetts ein Riss unübersehbar: Während Orest sich stärker mit ukrainisch-nationalistischen Positionen identifiziert, Holodomor oder die Ausrottung der ukrainischen Eliten durch Stalin thematisiert, rückt Anastasia die jüdisch-ukrainische Perspektive ins den Vordergrund. Erzählt, wie mörderisch sich der ukrainische Nationalismus auf das Schicksal der Juden ausgewirkt hat." Auch SZ-Kritiker Peter Laudenbach fand den Abend anregend: "Dass der Text dabei etwas überkonstruiert wirkt, dass das Spiel ab und zu die Grenze zum Kabarett streift, schmälert die Härte und bittere Komik dieses tiefenscharfen Blicks auf die Widersprüche einer vom Krieg veränderten Wirklichkeit nur geringfügig."
Weitere Artikel: Simon Strauß unterhält sich für die FAZ mit dem belgischen Regisseur Ivo Van Hove, neuer Leiter der Ruhrtriennale: "Es wird unter meiner Leitung kein aktivistisches Festival sein", versichert Hove. "Jeder kann denken, was er will. Aber beim Festival geht es um das, was uns verbindet." In der Berliner Zeitungarbeitet Birgit Walter nochmal die skandalösen Vorgänge um die Staatliche Ballettschule Berlin auf.
Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung der Strauss-Oper "Elektra" an der Oper Lübeck (FAZ) und Tatjana Gürbacas Inszenierung von Louise Bertins Oper "Fausto" in Essen (van, NZZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
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