Adolphe Binder, vom Tanztheater Wuppertal geschasste Intendantin, übernimmt ab Sommer 2023 für zunächst zwei Spielzeiten die Leitung des Balletts am Theater Basel, meldet die nachtkritik. Im Van Magazinrät Antonia Munding dazu, sich auch mal Kulturstätten jenseits der großen Metropolen anzuschauen und besucht das Theater Ulm. In der SZ staunt Renate Meinhof über die kurzfristige radikale Umbesetzung, die bei der Inszenierung der "Ariadne auf Naxos" an der Berliner Staatsoper vorgenommen wurde.
Besprochen werden Philipp Stölzls Inszenierung von Matthew Lopez' "Das Vermächtnis" am Münchner Residenztheater ("Dies Vermächtnis dürfte das erste sein, das Komik wie Tragik derart geschickt, ja überwältigend ineinander verstrickt", meint Michael Skasa in der Zeit). Außerdem Ezio Toffoluttis Inszenierung von Giacomo Puccinis "Madame Butterfly" in Lübeck (nmz), Paul Georg Dittrichs Inszenierung von Guiseppe Verdis "Falstaff" in Bremen (nmz).
Yael Fischer in "Marie, Romy, Petra". Foto: Ida Zenna / Theater Zwickau Überaus klug und "ästhetisch wohlgeformt" findet Dorion Weickmann in der SZ Annett Göhres choreografische Hommage "Marie! Romy! Petra!", mit der sie an die großen, wendungsreichen und tragischen Leben von Marie Curie, Romy Schneider und Petra Kelly am Theater Zwickau erinnert: "Die Friedens- und Menschenrechtsaktivistin Petra Kelly war die Greta Thunberg der 1980er-Jahre: ein anstrengendes Vorbild, dauerfurios und von missionarischem Eifer beseelt. Kelly verkörperte den Gegenentwurf zur grünen Toskana-Fraktion eines Joschka Fischer. Wer sich erinnert, wie ihre Augenringe Jahr um Jahr tiefer und die Momente ihrer Isolation größer wurden, der schaut gebannt auf Annett Göhres Kelly-Porträt. Wie überhaupt auf dieses weibliche Dreigestirn, in dem selbst die zeitlich weit entrückte Marie Curie leuchtet. Die Forscherin, die der Radioaktivität den Namen gab und sich von ihr zerfressen ließ. Getreu der Maxime: Fortschritt verlangt eben Opfer."
Besprochen werden Rafaële Giovanolas Tanzstück "Sphynx" am Mainzer Staatstheater (FR), Kornél Mundruczós "MiniMe" an der Berliner Volksbühne (taz), Matthew Lopez' Gesellschaftsepos "Das Vermächtnis" (FAZ) und Rued Langgaards radikalreligiöses Stück "Antikrist" an der Deutschen Oper Berlin (das Jan Brachmann in der FAZ absolut faszinierend findet, auch oder gerade in der Regie von Ersan Mondtag, im Tsp fragt sich Udo Badelt allerdings, wofür Mondtag letzten Endes all die "visuelle Opulenz" auffährt).
Thiemo Strutzenberger und Moritz von Treuenfels in Matthew Lopez' "Vermächtnis". Foto: Sandra Then / residenztheater In großen Bögen erzählt Matthew Lopez' weithin gefeiertes Stück "Das Vermächtnis" in Anlehnung an E.M. Fosters "Howard's End" von schwulem Leben in New York, von Trauer und Tod, Freiheit und Kunst, Liebe und Wahrheit. Philipp Stölzls auf zwei Abende verteilte, sechsstündige Inszenierung am Münchner Residenztheater hat Yvonne Poppek in der SZüberwältigt: "Es ist ein so satter Abend, präzise, ausbalanciert, von großer Wahrhaftigkeit, auch mit dem Mut, dick aufzutragen. Und es ist ein Abend der Schauspieler, die das Publikum mit Leichtigkeit durch die zwei Teile tragen oder eher: mitreißen." In der Nachtkritikfindet Maximilian Sippenauer das auf zwei Abende verteilte Stück fulminant gespielt, am Anfang sehr witzig und kurzweilig, aber dann wird es ihm emotional zu hochtourig, zu sehr Netflix: "Das Stück verkitscht zusehends zwischen den Erzählklischees britischer Romantik, Paul-Auster-haften New-York-Platitüden und Hollywood-Romcoms. Natürlich kommt es zum öffentlichen Skandal bei Erics Hochzeit (Der besoffene Toby mahnt seinen Ex, er heirate den Falschen), natürlich widerfährt Toby eine künstlerische Katharsis im Karrierehöhepunkt der Broadway-Premiere ('Kein einziger Satz, den ich geschrieben habe, ist wahr', Schluchz!), natürlich holt alle die tiefe seelische Einsamkeit an Weihnachten ein. Man wünscht sich eine Brechung dieser Tropen, wenn auch nur eine ironische, aber je länger das Stück dauert, umso mehr merkt man: Lopez meint das alles ernst."
Besprochen werden Rued Langgaards von heiligem Zorn befeuerte Oper "Antikrist" in Berlin (die Niklaus Hablützel in der taz als musikalische Bußpredigt stoisch über sich ergehen lässt, FR-Kritikerin Judith von Sternburg weiß zu schätzen, dass Ersan Mondtag dem Stück eine echte Chance gibt, SZ), Barrie Koskys Inszenierung von Leos Janaceks Erotikoper "Das schlaue Füchslein" an der Bayerischen Staatsoper (SZ, FAZ), Moritz Eggerts und Andrea Heusers Kinderoper "Iwein Löwenritter" in Bonn (taz), Necati Öziris Wagner-Persiflage am Zürcher Schauspiel (FAZ), Kornél Mundruczó Familienhorrorstück "MiniMe" an der Volksbühne (Tsp, Nachtkritik), Mazlum Nergiz' Cruising-Stück "Coma" wird im Wiener Schauspielhaus (Standard).
Komisch: Aenne Schwarz als in der Pnethesilea. Foto: Lucia Hunziker Nach Eva Trobischs "Penthesilea"-Inszenierung am Theater Baselnotiert Thomas Rothschild in der Nachtkritik ziemlich irritiert, dass er bei Kleists Trauerspiel selten so gelacht habe. Denn eigentlich steht diese Heroine vor einem Problem: "Wie argumentieren, wenn die Frau ihre Stärke just mit Eigenschaften und Mitteln bestätigt, die Männern zu Recht als negativ angekreidet wird? Wie lässt sich die Ausübung von (mörderischer) Gewalt, die als typisch männlich verurteilt wird, ins Positive wenden, wenn sie einer Frau zugeschrieben wird? Dieses Problem stellt sich jeder Regisseurin, jedem Regisseur bei einer Inszenierung von Kleists wohl vertracktestem Drama. Eva Trobisch, die als mehrfach preisgekrönte Filmemacherin mit dieser 'Penthesilea' erstmals am Theater inszeniert, löst das Problem, indem sie es ignoriert. Der komödiantische Ansatz nimmt dem Stück trotz und mithilfe der blutüberströmten Protagonist:innen seine Schwärze. Und ersetzt den Schrecken - siehe oben - durch Lachen."
Besprochen werden Heinrich Kleists "Verlobung in St. Domingo" im Theater Willy Praml (FR), Frank Castorfs Inszenierung von Irina Kastrinidis' Text "Schwarzes Meer" am Landestheater Niederösterreich (die Martin Pesl in der Welt nicht mal als Familienunternehmung goutieren mag) und Necati Öziris Persiflage auf Richard Wagners 'Ring des Nibelungen' am Zürcher Schauspielhaus ("jung, divers, verwöhnt" findet Ueli Bernays in der NZZ die Unternehmung).
Szene aus "Der Termin". Foto: Marcel Urlaub Katharina Volckmers Roman "Der Termin" über Hitler-Komplex und Selbsthass einer deutschen Frau, die sich in von einem Gynäkologen einen jüdischen Penis verpassen lassen will, war erst in England ein Erfolg, erschien vergangenes Jahr auch hierzulande und ist nun von Laura N. Junghanns auf die Bühne des Wiener Volkstheaters gebracht worden. Gelingt dank der tollen Hauptdarstellerin Lavinia Nowak, meint Michael Wurmitzer im Standard: "Mit burschikoser Frisur (…) lungert sie im Stuhl, stemmt die Füße lässig in die Beinhalter oder stellt sich auf die Polsterung, um ihren Hintern zu zeigen: Ist er zu groß? Wie sie die Stimmung zwischen forsch, skeptisch und intim moduliert, ist stark. Wütend klagt sie über die Sexualisierung und Bewertung weiblicher Körper. Keck will sie einen Sexroboter, um sich - es wird schlagartig traurig - nicht auf andere Menschen einlassen zu müssen, die sie verletzen könnten."
Viel hält Daniele Muscionico in der NZZ nicht vom neuen Job des Intimacy-Coaches, der zunächst an Filmsets, inzwischen auch vermehrt an Bühnen eingesetzt wird: "Ein Liebesakt soll ähnlich planmäßig ausgeführt werden wie ein Duell zwischen einem Hahnrei und seinem Konkurrenten. Mit dieser Sichtweise kratzen die neuen Unruhestifterinnen des Theaters, zumeist sind es tatsächlich Frauen, allerdings an einer alten, liebgewonnenen Vorstellung von Kunst. Sie besagt: Intimität, eine intime Szene vor Publikum, bedarf eines genialischen Moments, der Eingebung, der Inspiration. Erst im Zustand der Entäusserung sei der Künstler zu dem befähigt, was Kunst in ihrem Ursprung ist. Ein Date mit Gott."
Außerdem: In der FAS porträtiert Verena Harzer den amerikanischen Schauspieler und Dramatiker Jeremy O. Harris, der für sein Stück "Slave Play" für zwölf Tony Awards nominiert war. Besprochen werden Thimo Butzmanns Band "Wilde Bühne & Nachfahren" über das Theater des Westens (Tagesspiegel), Stefano Podas Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz), Pinar Karabuluts Inszenierung von Dostojewskis "Der Spieler" am Theater Basel (nachtkritik), Christopher Rüpings Inszenierung von Necati Öziris Bearbeitung des "Ring des Nibelungen" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), Laura Linnenbaums Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" am Düsseldorfer Schauspielhaus und Matthias Köhlers Stuart-Inszenierung in der Werkstatt des Theaters Bonn (FAZ) und Sharon Eyals Choreografie "Wet" im Kraftwerk Mitte (FAZ).
"Once to be realised". Foto: Thomas Aurin An der Deutschen Oper Berlin fand - von den Zeitungen bislang unbemerkt - die Uraufführung von "Once To Be Realized" statt, ein "Multi-Komponierenden-Projekt aus 130 unausgeführten Skizzen" des Komponisten Jani Christou. nmz-Kritiker Roland H. Dippel war hin und weg: Das ist "Musiktheater der Zukunft", ruft er. "Eine Pianistin hängt nach schroffen, direkt auf den Saiten im Hohlraum des Flügels erzeugten Tönen wie leblos über der Brüstung der Kantine. In einem Hof blasen Musiker bei unwirscher Feuchtigkeit in Rohre, die man auf den ersten Blick für Alphörner halten könnte. Auf dem Hauptpodium in der Tischlerei sitzen die Musiker zu Gesangssplittern aus der altgriechischen Tragödie in Bereitschaft - mit Glitzersteinchen auf den Augenlidern. Eine Sängerin zieht im erdbeerfarbenen Kleid ihre Kreise, andere Akteur*innen verharren weit hinten um einen Tisch. So viel Spielaktion, Raumerkundungslust und vor allem so viele Ortswechsel gab es in dieser Häufung von Personal und Mitteln selten bei einer Biennale-Produktion. Ein Nekrolog, ein Gedanken-Tsunami und demokratisches Konzept-Event aus einem Guss. ... Analyse und Intuition, Genius und Genuss, Überraschung und Überwältigung - all diese Angebote prasseln auf das zur Begeisterung gewillte Publikum."
Weitere Artikel: Victor Efevberha stellt in der taz die Hamburger Schauspielagentur Black Universe Agency vor, die auf die Vermittlung schwarzer Schauspieler spezialisiert ist. Christoph Weissermel berichtet in der FAZ vom gebeutelten Theaterbetrieb in den USA. Christine Dössel singt in der SZ ein kleines Liebeslied an die Schauspielerin Nicole Heesters, die demnächsten 85 wird.
Besprochen werden eine "Elektra" am Grand Théâtre in Genf (von Ulrich Rasche "im Bühnengeiste von Einar Schleef" inszeniert, freut sich Joachim Lange in der nmz, Rasche macht aus der Strauss-Oper "etwas, das man so noch nie gesehen hat", lobt auch Thomas Schacher in der NZZ), Benjamin Brittens "Peter Grimes" mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle an der Oper Wien (Standard) und Tonio Kleinknechts Adaption von Manns "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull" für das Theater Aalen (nachtkritik).
Sehr viel mehr Zuhörer, als pandemiebedingt möglich waren, hätte nmz-Kritiker Michael Ernst der Uraufführung von Torsten Raschs "Die andere Frau" an der Dresdner Semperoper gewünscht: Wegen der "klanggewaltigen" Musik von Rasch, aber auch dem "wortgewaltigen" Libretto von Helmut Krausser, "der aus einer biblischen Legende die Poesie des überlieferten Wortes herausgefiltert und sie mit einer zupackend harten heutigen Sprache konfrontiert hat." Das Publikum sitzt im Bühnenraum, "mit dem Blick Richtung Saal. Dort steht zentral auf einem Podest im Parkett eine 'Augenzeugin', die mit betörendem Gesang von der Zerstörung der Stadt Ur berichtet. Zu elektronischem Einspiel singt Sussan Deyhim auf hebräisch diesen prähistorischen Text, dazu flimmern Licht-Spiele von László Zsolt Bordos, erhellen das Ambiente mal goldig und edel, dann mit flirrenden Punkten, Bögen und Strichen. Wie eine Barriere zwischen Bühne und Saal erstreckt sich ein durchgehender, mit Hunderten und Aberhunderten Schuhen drapierter Steg zwischen den vorderen Seitengassen. Zerlatscht, ausgetreten und unbrauchbar geworden, geben sie die Schichten der Äonen wider, in denen Menschen seit Generationen wegen Flucht und Vertreibung über die Erde ziehen."
Andreas Wilink denkt in der nachtkritik über die Theaterkritik nach: "Wenn Kunst der Versuch ist, das Unmögliche zu entwerfen, zu komponieren, zu sprechen, zu spielen, in Bild und Wort zu erfassen, vor uns hinzustellen, und diesen Anspruch ins Werk setzt, gleichgültig, ob Gelingen oder Scheitern dabei am Ende stehen, ist sie dann nicht auch Stachel für den Betrachter, zumal den kritischen Betrachter, der sich habituell in diesem Unmöglichkeits-Raum aufhält, um sein Möglichstes zu tun, indem er es, nennen wir es vorsichtig, bezeugt? Aber selbst auch ahnungsweise ein Sehnen verspürt und das Sensorium besitzt für die Begegnung mit diesem Unmöglichen als dem Anderen. Was freilich das Rätsel der Wahl noch nicht löst."
Besprochen wird außerdem Giacomo Puccinis "Il Trittico" am Aalto Theater in Essen (nmz).
Ueli Bernays rechnet in der NZZ die stark eingebrochenen Besucherzahlen des Zürcher Schauspielhauses während der Pandemie durch, ohne daraus Schlüsse ziehen zu können.
Besprochen werden Thomas Freyers "Treuhandkriegspanorama" am Deutschen Nationaltheater Weimar (FAZ), Juli Zehs "Corpus Delicti" in Wiesbaden (das FR-Kritikerin Sylvia Staude aller Aktualität zum Trotz als "Debattenstück im zwar geistreich Formulierten, aber Abstrakten" verortet), das Musical "Miss Saigon" im Wiener Raimund Theater (Standard), Glucks "Orfeo ed Euridice" an der Komischen Oper Berlin (NMZ) und Giacomo Puccinis "Il Trittico" in Essen (NMZ)
Und dann hat man die Krise: "Orfeo ed Eurydice" an der Komischen Oper. Foto: Iko Freese Über Glucks "Orfeo ed Euridice" soll schon alles gesagt sein? Von wegen! taz-Kritiker Niklaus Hablützel erlebt das Drama der Liebe in Damiano Michieletto Inszenierung an der Komischen Oper, als wäre es das erste Mal: "Hinreißend ist das, weil es so wahr ist. Offenbar gibt es Erfahrungen, die universaler sind als soziale Lagen. Genau das war Glucks Revolution, damals gegen den Adel, heute gegen den ganzen Rest der Welt. David Bates dirigiert diese Musik. Er leitet in England ein eigenes Ensemble für historische Spielpraxis, die mit der Marke 'Alte Musik' inzwischen falsch bezeichnet ist. Bates nimmt Gluck nur musikalisch beim Wort, deswegen klingt er extrem modern. Hell, hart und zupackend spielt das Orchester, das schmucklos einfache Melodien und Akkorde zu einer Folge von Szenen zusammenfügt, die in sich selbst dramatisch sind. Nur sie, nicht der an seine Zeit gebundene Text, machen es möglich, das Phänomen der Liebe zu begreifen als das, was es ist: ein ewiges Rätsel. Sie kommt und geht, ist zum Lachen komisch und zum Weinen schön." Weniger begeistert zeigt sich Frederik Hanssen im Tagesspiegel, dem aber auch noch gut Harry Kupfers legendäre Inszeneirung von 1987 im Kopf ist.
Weiteres: Dorion Weickmann berichtet in der SZ von den Querelen zwischen Ballettchef und Musikdirektor in Stuttgart.
Besprochen werden Frank Castorfs Molière-Revue am Kölner Schauspiel (die Alexander Menden in der SZ als reinen "Klimbim" abtut, gegen den nicht einmal Jeanne Balibar etwas ausrichten könne), die Urfassung von Molières "Tartuffe" an der Comédie-Française in Paris (FAZ), Kirill Serebrennikows Tschechow-Inszenierung "Der schwarze Mönch" am Thalia Theater Hamburg (SZ) und Verdis "Nabucco" am Staatstheater Mainz (musikalisch groß, findet Judith von Sternburg in der FR),
Kirill Serebrennikows "Schwarzer Mönch" am Thalia Theater Hamburg. Foto: Krafft Angerer Jubel und stehende Ovationen für Kirill Serebrennikow, der am Hamburger Thalia Theater Tschechows weniger bekannte Novelle "Der Schwarze Mönch" inzenierte. Wie Kerstin Holm in der FAZ erklärt, geht es darin um einen Schriftsteller, der zur Erholung auf die Obstfarm seiner Kindheit zurückkehrt, dort jedoch gegen das "Sklavennaturell" des alten Gartenpflegers rebelliert und darüber verrückt wird: "Serebrennikow, ein bekennender Buddhist, macht daraus eine Rondoform, als dekliniere er eine anthropologische Grundfigur, rückt aber auch nach dem Rashomon-Prinzip die Figuren abwechselnd ins Zentrum. Der Zweidreiviertelstundenabend steigert sich von zunächst großer Bodennähe spiralförmig allmählich zu einem sehr körperlichen, bildmächtigen, parareligiösen Gesangs- und Tanzspektakel." Am Ende sieht Holm ergreifende Szene: "Die Derwische tanzen, während die menschliche Natur zerbricht."
Serebrennikow wirbelt viele Fragen zum Sinn des Lebens auf und lässt alle unbeantwortet, freut sich Georg Kasch in der Nachtkritik: "Stattdessen öffnet Serebrennikow im Mönchs-Teil noch einmal alle Theaterschleusen: Die Tänzer wirbeln, die herrlichen Sängerstimmen leuchten, Traum und Wirklichkeit vermischen sich in einem ununterscheidbaren Taumel, während auf den vier Holzmonden im Bühnenhimmel Projektionen des aufgesplitteten Kowrin leuchten. Es ist ein Fest. Es ist das Chaos. Es ist die Freiheit." Serebrenniko ist übrigens nach der Premiere gemäß seinen Auflagen nach Moskau zurückgekehrt, das er für letzt Proben in Hamburg verlassen durfte.
Weiteres: Astrid Kaminski stellt in der taz die Choreografin Lina Gomez vor,die gerade am Radialsystem ihr Stück "Träumerei des Verschwindens" einstudiert. Im FAZ-Interview mit Jan Brachmann spricht Benedikt Stampa, der Intendant des Festspielhauses Baden-Baden, über eine Öffnung seines Programms für nicht-klassische Formate. Eberhard Spreng berichtet im Tagesspiegel vom Start des Moliere-Jahres in Frankreichs, das die Pariser Comédie-Française mit "Le Tartuffe ou l'Imposteur" in der Urfassung einläutet.
Besprochen werden die Adaption von Juli Zehs Erfolgroman "Über Menschen" am Münchner Volkstheater (der Reinhard Brembeck in der SZ einen leichten Überschuss an gegenseitigem Verständnis produziert), Frank Castorfs Molière-Abend am Kölner Schauspiel (FAZ), James Sutherlands klar und stilvoll inszeniertes Tanzstück "Kassandra" im Pfalztheater Kaiserslautern (FR), Fatima Moumounis und Laurin Busers Stück "Bullenstress" am Zürcher Schiffbau (das Polizeigewalt NZZ-Kritiker Ueli Bernays zufolge recht klischeehaft behandelt).
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