Bücherbrief

Beobachtungsmonster

02.01.2014. Das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf, ein Debütroman über die ganz große Liebe, Klatsch von den besten Pariser Partys des 19. Jahrhunderts, eine Anthologie moderner Schweizer Poesie, Frauenpower auf Arabisch - dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Januar.
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Weitere Anregungen finden Sie den Büchern der Saison vom Herbst 2013 und unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Herbst 2013, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in den Leseproben in Vorgeblättert und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Wolfgang Herrndorf
Arbeit und Struktur
Rowohlt Verlag 2013, 448 Seiten, 19,95 Euro

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Wolfgang Herrndorfs jetzt als Buch erschienenes Blog "Arbeit und Struktur" hat die Rezensenten mächtig beeindruckt. Bevor er sich nach langer Krankheit im August 2013 das Leben nahm, hat Herrndorf in seinem Blog über seine Krankheit geschrieben - er hatte einen Gehirntumor -, über seine Freunde, über Spatzen und Mäuse und Bäume. Als Dokument der Tapferkeit bezeichnet es FR-Rezensent Ulrich Seidler, den, wie auch die Rezensenten in FAZ, taz, SZ und Zeit, der Humor und selbst in dieser extremen Schreibsituation spürbare Formwille Herrndorfs bewundert. Und natürlich die Courage, mit der sich Herrndorf seiner Krankheit gestellt hat: direkte Konfrontation war der einzig mögliche Weg für ihn, erklärt in der Zeit Ijoma Mangold.

Katharina Hartwell
Das fremde Meer
Roman
Berlin Verlag 2013, 576 Seiten, 22,99 Euro

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Katharina Hartwells Roman "Das fremde Meer" hat nur ein Thema: die Liebe. In zehn verschiedenen Variationen spielt sie das Thema durch und doch geht es dabei immer nur um eine Liebesgeschichte: Marie, die immer mit dem schlimmsten rechnet, verliebt sich unsterblich in Jan. Als sein Leben in Gefahr gerät, erfindet sie neun Geschichten über die Magie der Liebe. Im Dradio Kultur ist Rainer Moritz voller Bewunderung für diesen Debütroman, der vielleicht nicht in allen Details gelungen ist, aber gekonnt die Genres und Töne wechselt und mutig die "abgesicherten Schlupflöcher" des Erzählens verlässt. In der Berliner Zeitung ermuntert Cornelia Geissler die Leser, sich vom etwas schleppenden Anfang des Buchs nicht abschrecken zu lassen: "je tiefer man eintaucht, desto mehr fängt es seinen Leser ein". Wer mehr über die 29-jährige Autorin wissen will: Dana Buchzik hat sie für die Welt porträtiert.

Alice Munro
Liebes Leben
Erzählungen
S. Fischer Verlag 2013, 368 Seiten, 21,99 Euro

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Alice Munros vermutlich letzter Erzählband - die 84-Jährige hat es selbst verkündet. Und die Rezensenten ziehen noch einmal den Hut vor der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin. Munro ist auf der Höhe ihrer Kunst, die Geschichten "randvoll mit Unausgesprochenem", lobt Sylvia Staude in der FR. Dieses Unausgeprochene, dass sich mit dem Ausgesprochenen die Waage hält, ist das wesentliche Merkmal der Erzählkunst Munros, meinen auch die Kritiker von FAZ und SZ. Munro schreibt hier auch zum ersten Mal offen autobiografische Erzählungen. Und ob es nun um die Parkinson-Krankheit ihrer Mutter oder den Verlust der Kindheit geht, sie trifft immer den richtigen Ton, lobt Andreas Kilb in der FAZ.

Edmond de Goncourt, Jules de Goncourt
Journal 1851-1896
Erinnerungen aus dem literarischen Leben. 11 Bände
Gerd Haffmans bei Zweitausendundeins 2013, 7000 Seiten, 250 Euro

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Elf Bände, siebentausend Seiten über das literarische Leben im Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Ergebnis? Reinstes Rezensentenglück. Die Brüder Goncourt konnten nicht nur schreiben, sie waren auch immer auf den richtigen Partys, versichert in der FR Arno Widmann. In der SZ singt Lothar Müller ein Liebeslied auf die "Beobachtungsmonster", die in ihrem Journal eine nuancierte Enzyklopädie der Mode, des Kunstgewerbes und der technisch-zivilisatorischen Neuerungen liefern, bissige Lästereien über das Sexualleben von Zeitgenossen wie etwa Flaubert oder Maupassant, Einblicke in Interieurs geben, Salongespräche aufzeichnen, Einschätzungen zeitgenössischer Kunst zum besten geben und und und. Eigentlich haben sie Facebook vorweggenommen, stellt Jens Jessen in der Zeit fest. Dazu passt, dass sie selbst, Antisemiten, die sie waren, auch ganz schön hässlich aussehen konnten.

Paul Auster
Winterjournal
Rowohlt Verlag 2013, 256 Seiten, 19,95 Euro

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Paul Austers Autobiografie hat einige Rezensenten verführt, die ihn als Romanautor eigentlich schon abgeschrieben hatten. Auster erzählt hier seine Lebensgeschichte auf ziemlich originelle Art: als Geschichte seines Körpers, der unmittelbaren körperlichen Reaktionen auf Schmerzen, Ängste, Sorgen und Sex. Für den taz-Rezensenten René Hamann war es ein kleiner Schock: Er erinnert sich an einen 20 Jahre jüngeren Autor, den er gelesen hat, als er selbst 20 Jahre jünger war. Der Erkenntniswert des Buchs jedenfalls ist enorm, lobt Hamann. Entwaffnend ehrlich beschreibt Auster die Empfindungen des Körpers, Liebesbeziehungen, Wohnungen, Erfahrungen von Krankheit und Tod, so FAZ-Rezensent Paul Ingendaay. "Wunderbar assoziativ", lobt ein hingerissener Harald Jähner in der FR.


Lyrik

Roger Perret (Hrsg.)
Moderne Poesie in der Schweiz
Eine Anthologie
Limmat Verlag 2013, 640 Seiten, 48 Euro

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600 Gedichte aus den letzten 100 Jahren, von 250 Autoren, die entweder Schweizer sind oder sich eine Weile in der Schweiz aufgehalten haben - es spricht nicht für die deutschen Rezensenten, dass dieser Band bisher nur in der NZZ besprochen wurde. Roman Bucheli jedenfalls verspricht Überraschungen (Songtexte von Sophie Hunger, Textbilder von Paul Klee, Texte von Francis Giauque), Wiederzuentdeckendes und manche Kuriosität. In der Südwestschweiz erklärt Beat Mazenauer: "In der poetischen Verrücktheit und Verrückung kristallisiert sich der Zeitgeist einer kriegerischen Epoche. Was zuweilen grob und chaotisch wirkt, war das Resultat von neuen ästhetischen Prinzipien. 'Es ist nämlich cheibe schwär, verrückt z'dichte', brachte es Robert Walser auf den Punkt." Es gibt eine Reihe von Erstübersetzungen in dieser viersprachigen Ausgabe. Bei der Auswahl war Perret offenbar ziemlich originell - mit Lücken - und er war kühn genug, die Gedichte in Kapiteln anzuordnen, gemeinsame Motive, Formen oder jedenfalls eine Korrespondenz der Autoren und Texte offenbarend. Schöner kann man die Tatsache, dass Gedichte Echos anderer Gedichte sind, nicht verdeutlichen, meint Bucheli.


Sachbuch

Constanze Kurz, Frank Rieger
Arbeitsfrei
Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen
Riemann Verlag 2013, 286 Seiten, 17,99 Euro

Digitale Technik braucht den Heuhaufen, um die Nadel zu finden, meint Hans Hütt in der taz und hat damit den prägenden Satz gefunden, der nicht nur dieses Buch resümiert, sondern auch die Erkenntnisse aus dem NSA-Skandal, der den Autoren bei ihrer Recherche dazwischenfunkte. Wie die Geheimdienste mit Big Data umgehen, ist noch nicht Gegenstand des Buchs. Dafür untersuchen sie die neuesten Automatisierungstechnologien der Wirtschaft, bei denen man sich fragt, ob der Mensch nun endgültig wegrationalisiert wird. Hütt will es nicht nur negativ sehen und rät Politikern, das Buch aufmerksam zu lesen und eine eventuell anfallende Automatisierungsdividende möglichst in Bildung zu stecken. Auch Kai Biermann ist in Zeit online erleichtert, dass die beiden Autoren vom Kulturpessimismus, der besonders in der FAZ, wo sie häufig schreiben, so grassiert, zum Glück weit entfernt sind: "Kurz und Rieger häufen kein schlechtes Karma an, sie beklagen nicht, dass auf einem Hof nur noch anderthalb Bauern arbeiten statt wie früher fünfzig. Sie dokumentieren, sie werten nicht."

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Karim El-Gawhary
Frauenpower auf Arabisch
Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte
Kremayr und Scheriau Verlag 2013, 203 Seiten, 22,00 Euro

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Es ist kaum möglich, auf Frauen in der arabischen Welt einen objektiven Blick zu werfen. Allzu stark überkreuzen sich religiös begründete Ansprüche des Islam einerseits und - wohlmeinende oder rassistische - Vorurteile des Westens andererseits, so dass sich die Wirklichkeit hinter den Projektionen kaum mehr abzeichnet. Aber Karim El-Gawhary ist das Kunststück laut Nadia Pantel in der SZ gelungen, indem er höchst unterschiedliche Frauen porträtiert und sich dabei der Wertung enthält: Pantel schätzt an dem Buch gerade das nüchtern Protokollierende und den Verzicht auf Erkläronkel-Analysen. Auch Wolfgang Günter Lerch gibt in der FAZ eine dringende Lesempfehlung. Nebenbei liefert El-Gawhary mit seinen Porträts aus Ägypten, Libyen, Syrien, Saudi-Arabien, dem Jemen oder Bahrein eine veritable Rundreise durch die krisengeschüttelten Länder Arabiens. Wer Titel Thesen Temperamente schätzt, kann sich einen von Dieter Moor anmoderierten Beitrag zu dem Buch unter diesem Link ansehen.

Jochen Schimmang
Christian Morgenstern
Eine Biografie
Residenz Verlag 2013, 271 Seiten, 24,90 Euro

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Morgensterns Lyrik ist zwar immer noch populär, aber so was von gar nicht mehr angesagt: Galgenlieder! Jochen Schimmang aber besteht darauf: Morgenstern war einer der besten Autoren seiner Zeit, und sein Einfluss reicht bis weit in die Gegenwart, über Dada bis Gernhardt. Das Ausland mag es nicht vermuten, aber Deutschland hat durchaus eine Tradition dichterischen Humors. Harald Hartung, selbst Lyriker, hat Schimmangs Morgenstern-Biografie in der FAZ mit Sympathie begrüßt. Vor allem leuchtet Hartung Schimmangs Verständnis des Dichters als eines kritischen, zugleich subversiven Autors ein, weil es quer steht zur üblichen Zweiteilung des Morgensternschen Werkes in ein "seriöses" und ein "humoristisches".

Diane Middlebrock
Du wolltest deine Sterne
Sylvia Plath und Ted Hughes. Biografie
Edition fünf 2013, 336 Seiten, 22,90 Euro

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Diane Middlebrook ist eine Pionierin des amerikanischen Feminismus und der Gender Studies. Sie reüssierte unter anderem mit einer Biografie über den Jazzmusiker Billy Tipton, der eine Frau war. Sie war auch die Ehefrau Carl Djerassis, der "Mutter der Pille". Ihre Doppelbiografie über Sylvia Plath und Ted Hughes erschien in den USA bereits im Jahr 2003 und liegt nun endlich auch auf Deutsch vor. Florian Balke begrüßt sie in der FAZ vor allem, weil Middlebrook diese Ehegeschichte nicht einfach als Tragödie beschreibt, sondern als über das je eigene Werk definierte Beziehung, die genau in dem Moment zerbricht, als beide Dichter über die gemeinsam ge- und erlebte Reife hinausgelangen. Besonders hebt Balke Middlebrooks kluge Gedichtanalysen hervor, ohne die eine Biografie von Lyrikern zu bloßer Spekulation verkäme. Auf Salon.com findet sich ein zehn Jahre altes Interview mit Middlebrook: Sie erklärt dort, warum sie nicht an der Schuldfrage interessiert ist und warum sie die Ehe auch (trotz Hughes' Untreue und Plaths Selbstmord) für einen Erfolg hält: "Weil sie zusammen zu Lyrikern wurden. Als sie sich trafen - ich liebe diesen Moment - hatte keiner der beiden brillante Aussichten auf künstlerischen Erfolg. Sie waren ganz gut, aber sie waren College-Studenten und sie waren auf College-Studenten-Niveau gut: voller Versprechen."

Peter Peter
Kulturgeschichte der österreichischen Küche
C. H. Beck Verlag 2013, 288 Seiten, 21,95 Euro

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Muss man so weit ausholen? Ja, es hat sich gelohnt, wenn man die hübsche Formulierung des entzückten Rezensenten Samuel Moser berücksichtigt: Ansetzend vor 27.000 Jahren, also "quasi in der Bauchfalte der Venus von Willendorf", bringt Peter Peter dem Rezensenten zunächst chronologisch bei, was Kelten und Römer und Renaissancefürsten so im Topf hatten - bis es dann zum Eigentlichen kommt, der Wiener Küche, die nicht nur den Vielvölkerstaat des Habsburgerreiches synthetisierte, sondern auch (aber das erwähnt Moser nicht) das Croissant von der Türkei nach Paris brachte. Flott geschrieben sei Peter Peters Band, und dennoch gehe er sorgsam mit den Fakten um. Eine ganz eigene Kulturgeschichte.