Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 05.07.2004 - New York Times

Wunderschön zu lesen ist eine Sottise des Schriftstellers Gary Shteyngarts über Amerika und seine Einwanderer. In den einschlägigen Ratgebern für Immigranten erkennt man laut Shteyngart das Wesen Amerikas am Besten. "Ein Land voller Krämer und Träumer, Hausarbeitsmodellen, falscher Kindermodel-Wettbewerbe und grassierendem Identitätsschwindel. Es bedeutet hauptsächlich in Südkalifornien zu leben, mitten unter kambodschanischen Doughnut-Tycoons und chinesischem Wäscherei-Imperien es bedeutet an Gott zu glauben (am besten Jesus Christus) und ihn (sie) zu einem Teil von allem machen, was man tut." Als er 1980 aus der Sowjetunion in die USA kam, bezog Shteyngart seine Verhaltensregeln noch aus einem schmalen Büchlein. "Direkt auf den sowjetischen Immigranten abzielend betonte das Buch den ausgiebigen Gebrauch eines Deos und die Verpflichtung, schmerzhaft zu grinsen, wann immer ein Amerikaner anwesend war (ich merkte mir diese Ratschläge unter dem Motto 'smell-n-smile')." Elena Lappin steuert ihre Erfahrungen als illegaler Einwanderer bei. Sie wurde 26 Stunden am Flughafen von Los Angeles festgehalten, weil sie als Britin kein Visa hatte.

Überraschend milde, ja generös beurteilt Larry McMurtry Bill Clintons viel gescholtene wie beworbene Memoiren "My Life" (erstes Kapitel). Das Werk ist "die bisher reichhaltigste präsidentielle Autobiografie - kein Buch erzählt uns lebendiger oder ausführlicher wie es ist, für acht Jahre Präsident der Vereinigten Staaten zu sein." Wie sanft Clinton mit seinem Vater umgeht, beeindruckt McMurtry besonders, und wenn er "in den Bereich ernsthafter Politik kommt, wird seine Erzählstimme zuversichtlicher und die Geschichte beginnt ihre Anziehungskräfte zu entfalten." Der Kollege Michiko Kakutani vom Mutterblatt dagegen hält Clintons Buch für "schlampig, selbstverliebt und oft himmelschreiend dumpf." Es liest auch der Meister selbst, zum Anhören.

Aus den weiteren Besprechungen: "Hendrik Hertzberg ist amüsant, aufschlussreich und halsstarrig. Seine Zeit ist vorüber, unsere hoffentlich noch nicht", notiert Richard Brookhiser zu "Politics", einer Sammlung von Artikeln des Urgesteins des politischen Journalismus in den USA. Franklin Foer schafft es in "How Soccer Explains the World" (erstes Kapitel) zwar nicht, das Versprochene einzulösen, aber sein "faszinierender, exzentrischer Essay" über den Fußball und seine Fans lässt das schnell vergessen, jubelt Joe Queenan. In belletristischer Hinsicht sticht Michael Andre Bernsteins Roman "Conspirators" (erstes Kapitel) hervor, eine "lange, unterhaltsame" Geschichte über politische Ränkespiele im untergehenden Habsburger Reich. Alan Riding gefallen nicht nur die bizarren Charaktere dieser gierigen und dekadenten Ära, er lobt auch den dem Sujet angemessenen "eleganten und mäandernden Erzählstil" des Debütautors.

Im New York Times Magazine begleitet Jennifer Senior die beste Verkäuferin für Sexspielzeuge auf Verkaufstour in die amerikanische Provinz: Linda Brewer, die Königin der Passion Parties. Herausgekommen ist eine köstliche Reportage. "Seitdem sie im Außendienst tätig ist, rast Linda Brewer in einem silbernen Cadillac Escalade durch den Süden, mit einem Nummernschild, auf dem 'Funlady' steht. Auf der Straße bemerken das Männer oft und hupen, um dann erstaunt und amüsiert zu gucken, wenn sie merken, dass die Frau am Steuer auf die Sechzig zugeht.".

Im langen Titel ruft Ted C. Fishman wieder einmal das chinesische Jahrhundert aus, gestützt auf eine lange Latte gut recherchierter Details. Sara Corbett war mit einem professionell Reisenden auf Blitztour in Lissabon: Rick Steve, sympathisch und manisch zugleich, steht hinter den erfolgreichsten Reiseführern für Europa. Er verführt vor allem Ältere zum Sprung über den Atlantik und hofft damit, ein wenig zur Annäherung der beiden Kontinente beizutragen. Im Rest geht es um die Welle. Brian Wilson von den Beach Boys gesteht Deborah Solomon, dass er immer noch nicht surfen kann und den Herbst am liebsten mag, Catherine Saint Louis unterhält sich mit Regisseur Stacy Peralta über die Sucht nach der Welle (Peraltas Dokumentarfilm "Riding Giants" startet demnächst), und eine Diaschau zeigt uns Kelly Slater & Co als Models.

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - New York Times

Lang ist die Liste der neuen Kurzgeschichten, die sich die New York Times Book Review in dieser Ausgabe vornimmt. "Entweder ist es das coolste Ding, das gerade in der anspruchsvollen Literaturszene abgeht oder der verdammt schlagende Beweis, dass die amerikanische Belletristik fast am Ende ist", poltert Walter Kirn über "Oblivion" von David Foster Wallace. Eindeutiger und wohlmeinender fällt Thomas Mallons Resümee über "The Lemon Table" aus, der neue Kurzgeschichtenband des etwas arrivierteren Julian Barnes. "Viele scharfe, sogar grausame, komische Bilder. Stilistisch vermeidet Barnes Bravourstücke und zieht den dauerhaften, gefälligen Witz des englischen komischen Realismus vor, in dem schiere Intelligenz und genaue Beobachtung die ganze Konstellation tragen, Zeile für Zeile und Seite für Seite." Hier liest Barnes selbst. Den Short-Stories-Schwerpunkt komplettieren Besprechungen von E. L. Doctorows Band "Sweet Land Stories" (Auszug) und David Bezmozgis' Zyklus "Natasha" (Auszug).

Laura Secor nähert sich der legendären Leiterin des Verlags Simon & Schuster, Alice Mayhew, die so aufsehenerregende Bücher wie "All the President's Men" herausbringt, um ihre Person aber ein großes Geheimnis macht. Geoffrey Wheatcroft begeistert sich für die gesammelten Briefe des "Geistesgiganten" Isaiah Berlin aus den Jahren 1924-1946, die einen guten Teil der sozialen und literarischen Geschichte Englands im 20. Jahrhundert entschlüsseln. Cristina Nehring lästert schließlich über den neuen Typus des Buchliebhabers, der stolz auf seine Belesenheit ist, ansonsten aber nichts zu sagen hat.

Im New York Times Magazine tröstet uns Arthur Lubow, dass nicht nur in Berlin die Kultur am Boden ist: Das altehrwürdige New York Philharmonic Orchestra kränkelt, denn das Geld fließt nicht mehr, schreibt Lubow. "Vor etwas mehr als zehn Jahren brachten Radio- und Fernsehverträge etwa 700.000 Dollar jährlich ein. Heute dümpelt man bei 150.000 herum. Und wenn das Orchester ein wichtiges neues Werk eines berühmten zeitgenössischen Komponisten einspielen will, muss es den Hut herumreichen."

Für Michael Ignatieff macht der Irak Amerika endgültig zu einem ganz gewöhnlichen Land. "Die Illusion, von der die USA im Irak und überall aufwachen müssen, ist die, dass sie Gottes Vorsehung erfüllen oder (für diejenigen mit säkulareren Ansichten) der Motor der Geschichte sind. Im Irak ist Amerika nicht der Schöpfer der Geschichte, sondern ihr Spielzeug." Erfrischend ist Deborah Solomons Gespräch mit Ronald P. Reagan, der so ganz andere Ansichten als sein präsidentieller Vater hat. Außerdem wägt Barry Bearak die Chancen des brasilianischen Präsidenten Lula ab, wie versprochen das Los seiner Landsleute zu verbessern. Und Benoit Denizet-Lewis geht der Frage nach, wie aus den mittelmäßigen Tennisspieler Brad Gilbert der beste Trainer der Welt werden konnte.

Magazinrundschau vom 21.06.2004 - New York Times

"Ästhetisch und psychologisch potent", so lautet Daniel Mendelsohn Urteil zu Colm Toibins historischem Roman (erstes Kapitel) mit und über den Schriftstellers Henry James (mehr). "'The Master' ist unzweifelbar die Arbeit eines erstklassigen Romanciers", stellt Mendelsohn fest. Ihn stört aber die Gefühllosigkeit, die von James offensichtlich auf Toibin abgefärbt habe. Toibin selbst beschreibt seinen Protagonisten mit unverhohlener Faszination: "Alles an ihm ist zweideutig. Von allem was er war, war er ebenso das Gegenteil. Er liebte seine Familie, er vermisste sie, er sehnte sich danach, von ihr weg zu sein. Er liebte England, ihn grauste es vor England. Er liebte es, nachts auszugehen, er hasste es, nachts auszugehen. Er liebte Frauen, er liebte Männer. Er liebte die Arbeit, er fürchtete die Arbeit." Letzeres können wir nachvollziehen.

Mit seinem neuen Buch "Dress Your Family in Corduroy and Denim" (erstes Kapitel sowie eine Lesung zum Anhören) hat David Sedaris (mehr auf Deutsch) die "schnelle, saubere und geschwätzige Form des Seelengründelns" perfektioniert, ätzt Stephen Metcalf.

Aus den weiteren Besprechungen: Bryan Burrough notiert erstaunt, wie sehr ihn die Geständnisse des Auftragskillers Frank Sheeran erheitert haben. In "I Heard You Paint Houses" (erstes Kapitel) zitiert der Anwalt Charles Brandt aus den Gesprächen mit seinem langjährigen Klienten, der nicht nur behauptet, den Gewerkschaftler Jimmy Hoffa umgebracht zu haben, sondern auch Plausibles zum Mord an John F. Kennedy zu sagen hat. Niemand beschreibt Schlachten besser als John Keegan, gesteht David Fromkin, ansonsten aber ist ihm Keegan zu altmodisch, um in "The Iraq War" die wirkliche Herausforderung, den Guerrilla-Krieg, adäquat zu beschreiben. Robert J. Richards ist nicht so ganz überzeugt von Niles Eldredge, der in "Why We Do It" den Kampf um Energie und nicht die Verbreitung der Gene als Triebfeder des Lebens bestimmen will. Laura Miller widmet sich in ihrer Last-Word-Kolumne schließlich dem verachteten Genre der Ratgeberliteratur, das sein Goldenes Zeitalter in den Siebzigern erlebte. Ein besonders schönes Exemplar, Thomas Harris' "I'm O.K. - You're O.K." wird demnächst neu aufgelegt.

Im New York Times Magazine berichtet Jeffrey Gettleman aus Falluja, wo er sich die kuriose Truppe ansieht, die für Ruhe, wenn auch nicht für Frieden in der Rebellenhochburg sorgt. Die Falluja-Brigade besteht aus ehemaligen Rebellen und Soldaten der Republikanischen Garde Saddam Husseins, alle vor kurzem noch Feinde der Amerikaner. Gettleman ist mitten drin: "Mein Übersetzer Khalid und ich waren plötzlich allein. Die Offiziere hinter dem Schreibtisch bemerkten mich und warfen stechende Blicke in meine Richtung. Khalid wurde ein wenig unruhig. 'Es ist wie ein Treffen des Generalstabs der Republikanischen Garde', flüsterte er mir zu. 'Diese Leute sind schlecht. Sie hassen Amerikaner. Lass uns von hier verschwinden.'" Zum aktuellen Stand im Irak-Krieg hat die New York Times ein erschöpfendes Dossier eingerichtet.

Außerdem weiß Chuck Klostermann nicht so recht, ob er lachen oder weinen soll, wenn er sieht, wie Metallica (Bilder) mit Hilfe eines Therapeuten den Rock aus ihrem Leben zu bannen versuchen. Im Aufmacher staunt Paul Tough über den Plan des Reformers Geoffrey Canada von der Harlem's Children Zone, der die Zukunft der Kinder von Harlem ändern möchte, nicht Stück für Stück wie bisher, sondern in einem großen Schwung. Hier erklärt er sein ambitioniertes Projekt selbst.

Magazinrundschau vom 14.06.2004 - New York Times

"Einige wenige intuitive, sensible Visionäre mögen 'Ulysses', James Joyce' neuen Wälzer begreifen und verstehen, ohne einen Trainingskurs zu absolvieren, aber der durchschnittlich intelligente Leser wird wenig oder gar nichts herausbekommen - selbst bei genauer Lektüre, man möchte fast sagen Studium - außer Verwirrung und ein Gefühl von Ekel." Am 16. Juni jährt sich der Bloomsday zum hundertsten Mal, was die New York Times Book Review veranlasst, ihr stolzes Archiv zu bemühen und uns Joseph Collins' lesenswerte Orginalbesprechung des Klassikers von James Joyce aus dem Jahr 1922 zu präsentieren, gefolgt von Sean O'Faolains Gedanken zum Jubiläum 1954, um schließlich John Banville für die Gegenwart sprechen und Joyce unter anderem als Gründervater der irischen Tourismusindustrie würdigen zu lassen. Auch im Magazin ist Bloomsday: Jonathan Wilson porträtiert die jüdische Gemeinde Dublins, die wieder wächst, selbst wenn Leopold Blooms Welt langsam verblasst..

Der englische Literaturkritiker und frisch bestallte Oxford-Professor für Poesie Christopher Ricks hat sich den Dichter Bob Dylan vorgenommen und dessen Texte eingehend untersucht. Dabei herausgekommen ist, meint ein zu gleichen Teilen befremdeter und begeisterter Jonathan Lethem, "entweder die intimste rock-kritische Untersuchung, die je veröffentlicht wurde, oder die dümmste, oder beides..." Ricks' Methode nenne sich "Close Reading" und "wird bei näherer Betrachtung in Ricks' Händen zu einem lebhaften Sport, voller verführerischer Anspielungen, neckischer Exkursen, freiem philosophischen Sinnieren und Scherzen zum Aufstöhnen." Dazugestellt ist ein Artikel über Ricks von Charles McGrath, die Musikerin Lucinda Williams (mehr hier und hierwürdigt ihren Kollegen Dylan, und Ricks selbst spricht schließlich über die Musik seines Helden.

Weitere Besprechungen: Recht zufrieden ist David Gates mit "Moanin' at Midnight" (erstes Kapitel), James Segrests und Mark Hoffmans Biografie der flüchtigen Blues-Größe Howlin' Wolf. Auf "unterhaltsame" Weise, verspricht Joe Klein, beschäftigt sich Greg Kot mit dem Musiker Jeff Tweedy, der mit Wilco gegen den Mainstream zu schwimmen versucht. David L. Ulin schwärmt von der "unerwarteten Tiefe", die er in Geoff Nicholsons Satire "The Hollywood Dodo" (erstes Kapitel) entdeckt hat. David Frum schließlich ist Walter Russell Mead dankbar, obwohl der Bush in seinem Buch "Power, Terror, Peace and War" bescheinigt, bisher alles richtig gemacht zu haben. Denn damit zeigt Mead vor allem, notiert Frum, dass "es die Opposition bisher noch nicht fertig gebracht hat, eine kohärente und überzeugende Alternative zu präsentieren".

Im New York Times Magazine untersucht James Traub in einer dieser profunden Riesenreportagen die nukleare Bedrohung im Allgemeinen und die Probleme mit Irans Nuklearprogramm im Speziellen. Die USA glänzen mit einer recht ambivalenten Haltung. "Viele Staaten ohne Nuklearwaffen beschweren sich darüber, dass die USA neue Bestimmungen anstrebt, um andere daran zu hindern, überhaupt Atomenergie zu nutzen - aber zugleich selbst offen die Vereinbarung zur Abrüstung verletzt. Darüber hinaus hat die Bush-Regierung damit begonnen, eine neue Generation taktischer nuklearer Waffen zu entwickeln. Zeugt das nicht, wie die Iraner behaupten, von einer Doppelmoral?

Außerdem porträtiert Jonathan Mahler den Militäranwalt Charles Swift, der die Häftlinge in Guantamo besser verteidigt als das der Regierung lieb ist. Und Helen Epstein erklärt, warum der Kampf gegen Aids in Afrika nicht vorangeht.

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - New York Times

Frederick P. Hitz, ehemaliger Mitarbeiter des CIA, lehrt in Princeton Literatur und vergleicht die Agentenromane etwa von John Le Carre oder Graham Greene mit der Realität der Geheimdienstler. Ein Ergebnis: die Wirklichkeit schlägt meist die Fiktion. Andererseits, notiert Laura Miller, haben berühmte Doppelagenten oft die einschlägigen Werke konsumiert, bevor sie selbst zum Agenten wurden. "Sergeant Clayton J. Lonetree verschlang 'trashige Spionageromane', bevor er mit einer russischen Frau und schließlich mit dem KGB anbandelte, während er als Wachmann der Moskauer Botschaft eingesetzt war. Robert P. Hanssen vom FBI, der 15 Jahre lang amerikanische Staatsgeheimnisse verkaufte, sagte aus, dass er ein Doppelagent sein wollte, seit er die Autobiografie von Kim Philby gelesen hat, ein Mitglied der verräterischen Cambridge Five."

Aus den weiteren Besprechungen: Aus ihrer Untersuchung der viktorianischen Inneneinrichtung (Beispiele) rekonstruiert Judith Flanders die Befindlichkeit eines ganzen Zeitalters, weshalb Alida Becker das Buch als Schlüssel zum Entziffern bisher unentdeckter Symbole der zeitgenössischen Literatur empfiehlt. Außerdem erfährt die Hausfrau, warum man drei Haarbürsten besitzen sollte. Liesl Schillinger bespricht drei Bücher, die jeweils von einem Autorinnenteam geschrieben wurden und zwangsläufig selbstbestimmte Frauen als Protagonistinnen aufweisen. Lisa Zeidner hält Romane, die in Einzelgeschichten zerfallen, für hybrid und deshalb Lisa Glatts Debüt "A Girl Becomes a Comma Like That" (erstes Kapitel) für antriebslos. Außerdem hat die Redaktion eine Auswahl der besten Neuerscheinungen des vergangenen halben Jahres zusammengestellt: für den Strand (in Deutschland lese: für den verregneten Sonntag).

Das New York Times Magazine gründelt im Dunstkreis von Wirtschaft, Politik und Kriminalität. Paul Krugman untersucht, warum Alan Greenspan vom Volkshelden zur tragischen Figur verkommen ist. "Er ist der Bush-Clique auf den Leim gegangen, obwohl er einseitige Steuersenkungen immer strikt abgelehnt hat. "Greenspan machte seine Bedenken nie öffentlich, vielleicht um seinen Freund O'Neill (den ehemaligen Finanzminister) zu schonen. Und als er realisierte, wie unverantwortlich die Steuersenkung wirklich war, war er gefangen - zu tief verstrickt in die Politik der Regierung, um das Ruder ohne Gesichtsverlust herumzureißen."

Weitere Artikel: Der ehemalige Staatsanwalt und Thriller-Autor Mark Costello bezweifelt, dass härtere Strafen für Wirtschaftsverbrecher die Lösung sind. Michael Lewis macht das Shareholder-Denken für alle unsympathischen Züge des Kapitalismus verantwortlich. Bruce Poter porträtiert einen Delinquenten, der den Business-Anzug gegen einen Gefängnis-Overall tauschen musste. Stephen Dubner und Steven Levitt erzählen die Geschichte eines Geschäftsmannes, der Bagels in Geschäftsvierteln verkauft und dadurch die "White Collar Crimes" aus nächster Nähe beobachten kann.

Magazinrundschau vom 01.06.2004 - New York Times

Es scheint wenig Gründe zu geben, Pauline Kael (mehr) und Susan Sontag (mehr und mehr) zu vergleichen", schreibt Michael Wood über Craig Seligmans ungewöhnlichen Versuch "Sontag & Kael". Anfangs (erstes Kapitel) weiß keiner, worauf der "eloquente Zweifler" Seligman hinaus will, er springt von einer zur anderen, und scheint nur die Konversation am Laufen halten zu wollen. "Doch dann werden die Umrisse einer echten Diskussion zwischen Sontag und Kael sichtbar, auch wenn sie nie eine geführt haben: Kael meint, wir lieben die Ernsthaftigkeit viel zu sehr, weshalb wir in die Abgründe unser Liebe zum Trash hinabtauchen müssen, um dieser Feierlichkeit zu entkommen", notiert Wood. "Aber es ist auch möglich, mit Sontag zu argumentieren, dass der Feind etwas anderes ist: Frivolität, die Bedrohung der Ernsthaftigkeit, die mit unserem Verlangen nach Schnelligkeit und Neuem einhergeht." Die anfängliche Skepsis des Rezensenten löst sich in Bewunderung auf. "Seligmans Offenheit und Gewandtheit, seine Bereitschaft, seine Zweifel ernst zu nehmen und seine Meinung zu ändern, führt uns zu Orten, die wir ohne ihn nicht hätten erreichen können."

Weitere Besprechungen: Verlyn Klinkenborg leistet Roland Emmerich Flankenschutz und stellt eine Reihe von alarmierenden Büchern vor, die die Klimadebatte ein für alle Mal entscheiden könnten, "wenn sie nur jemand lesen würde". Die Medien gedeihen am besten, wenn sie verantwortungsvoll kontrolliert werden, weiß James Fallows nach der Lektüre von Paul Starrs "detail- wie nuancenreicher" Untersuchung "The Creation of the Media"(erstes Kapitel). Außerdem preist Stephen Metcalf eine Neuausgabe der Gedichte von Philip Larkin, in die nur jene Meisterwerke aufgenommen wurde, die auch der Poet selbst für würdig befunden hat.


Für das New York Times Magazine besucht Ilan Greenberg Georgiens neuen Präsidenten Mikhail Saakashvili, und hält ihn für fähig, das Land trotz tiefverwurzelter Gesetzlosigkeit zum Licht zu führen. "134 Tage nach der samtenen Revolution nahm Saakashvili einen Anruf seines Generalstaatsanwalts entgegen. Ein persönlicher Freund und finanzieller Unterstützer seiner Präsidentschaftskampagne hatte einen Regierungshubschrauber beschädigt, den er für seinen persönlichen Gebrauch gemietet hatte. Dieser Freund hatte das Steuer übernommen, seinen Sohn auf den Schoß genommen und war prompt abgestürzt. Der Schaden belief sich auf eine Million Dollar. der Generalstaatsanwalt erzählte Saakashvili, dass sich der Mann weigerte, den Schaden zu bezahlen, und herumschrie, er sei ein Freund des Präsidenten. [...] Saakashvili zögerte einen kurzen Moment, befahl 'Ins Gefängnis!' und knallte den Hörer auf die Gabel."

Weitere Artikel: Stephen Rodrick wundert sich, wie Schauspieler Christopher Walken trotz seines Hangs zu schlechten Filmen immer begehrter wird. Elizabeth Weil sieht sich die unbeugsamen Rentner genauer an, die in einem Akt zivilen Ungehorsams illegal billige Medikamente aus Kanada importieren (allein das Foto der Senioren in Rebellenpose lohnt die Lektüre). Benoit Denizet-Lewis taucht ab in die Liebeswelt der Minderjährigen und sieht sexuelle Befreiung, Online-Chats und Chauvinismus munter nebeneinander.

Magazinrundschau vom 24.05.2004 - New York Times

Das New York Times Magazine macht mit einer bilderlosen Seite auf (wie die taz vor einigen Wochen): "The Photographs are us" steht darauf. Im Aufmacher liefert Susan Sontag (mehr) einen Essay zu den Fotos von den Folterungen in Abu Ghraib. Milde ist sie nicht. "Es geht nicht darum, ob eine Mehrheit oder Minderheit der Amerikaner so etwas tut, sondern ob die Art der Politik, die die Regierung verfolgt und die Hierarchien, die sie ausführen, so etwas möglich macht. In diesem Licht gesehen sind wir die Fotografien. Das heißt, sie sind repräsentativ für die fundamentale Korruption jeder ausländischen Besetzung in Verbindung mit der ausgeprägten Politik der Bush-Regierung."

Weitere Artikel: Christopher Caldwell ärgert sich über Michael Maars Enthüllung in der FAZ (mehr hier), dass Nabokovs "Lolita" eine Vorgängerin hatte: "Ob man der Anklage des Plagiats glaubt, hat viel damit zu tun, ob man 'Lolita' für Kunst oder Dreck hält." (Maar, der die Dreifaltigkeit in Nabokov, Mann und Proust sieht, hat eine solche Anklage natürlich niemals erhoben!). Richard Ragan schildert die Stille am ehemaligen Bahnhof des nordkoreanischen Ryongchon, wo vor einem Monat Waggons mit Sprengstoff explodiert sind. Susan Dominus widmet sich einem pikanten Phänomen: "Erstaunlich" viele der Feuerwehrmänner, die an Ground Zero im Einsatz waren, haben ihre Frauen für die Witwen ihrer umgekommenen Kameraden verlassen. Der Schriftsteller und Drehbuchautor Hanif Kureishi erklärt im Interview, wie man einen Film "sexy" macht. Baz Dreisinger annonciert die Rückkehr von "music's misery man" Morrissey. Und Allison Glock porträtiert den Radiomoderator Ryan Seacrest, dem sein Arbeitgeber Fox Television für seine Morgenshow eigens ein 10-Millionen-Dollar-Studio in Los Angeles errichtet hat.

In der New York Times Book Review werden zwei Bücher über Israel vorgestellt: "How Israel Lost" (Auszug) nennt sich Richard Ben Cramers provokative Bilanz, in der er die Fehler Israels gegenüber den Palästinensern aufzählt. "Ignorant und deshalb unerheblich" urteilt Elena Lappin, noch dazu gegen "einen Staat im Krieg". Cramer liefere "eine selbstverliebte Schmährede voller simplifizierender Meinungen, als würde er über einen Teller voller Bagels kiebitzen." (kommt laut Duden aus der Gaunersprache und bedeutet, beim Karten- oder Schachspiel zuschauen). David Horovitz, einst Rabin-Anhänger, beschreibt den alltäglichen Terror, dem er und seine israelischen Mitbürger durch palästinensische Machtpolitiker ausgesetzt sind. "Still Life With Bombers" ist ein "eindringliches" Buch, meint Walter Reich.

Außerdem: "Fesselnd und einnehmend" erzählt Joseph Wilson in "The Politics of Truth" (Leseprobe) über seine Jahre als streitbarer Diplomat der USA, gluckst John W. Dean, besonders beeindruckt hat ihn aber der Teil, als Wilson herausfindet, dass seine Frau eine verdeckte CIA-Agentin ist. Michael Kinsley zollt David Brooks durchaus Respekt für dessen soziologisch angehauchte Charakterstudie der Amerikaner "On Paradise Drive". Weniger lustig findet er die ungenauen Generalisierungen, und spätestens beim kritischen Appell am Ende des Buches erkennt er: "David Brooks ist nicht nur ein Liberaler. Er ist Franzose. J'accuse." Dwight Garner folgt James Kelmans schottischen Antihelden in "You Have to Be Careful in the Land of the Free" recht unwillig durch fast alle Bars Nordamerikas, um schließlich festzustellen: "Dieses Buch braucht mehr Momentum."

Magazinrundschau vom 17.05.2004 - New York Times

Nach dem 11. September (Auszüge hier und hier) hat sich William Langewiesche, Starreporter des Atlantic Monthly, den Ozeanen zugewandt, und dort nur Anarchie, Piraten und Gesetzlosigkeit entdeckt. "Elektrifizierend" findet Nathaniel Philbrick die Reportagensammlung "The Outlaw Sea" (Leseprobe), die sich in einem Stück auch mit dem Untergang der Estonia befasst. "Die Erzählung erlangt eine opernhafte Größe, wenn wir die verzweifelten und herzzerbrechenden Versuche einiger gut gewählter Charaktere mitverfolgen, die versuchen, aus dem sinkenden Schiff zu entkommen. Loyalität und Liebe zählten wenig auf diesem dem Untergang geweihtem Schiff. Diejenigen, die inne hielten, um Geliebten oder Freunden zu helfen, kamen um, und wie Langewiesche notiert, gab es unter den Überlebenden überproportional viele Singles."

Weitere Artikel: "Denkende schwarze Menschen der Vereinigten Staaten müssen aufhören, beim Wort Rassentrennung in Panik zu verfallen. Es wird der rassenbewusste Schwarze sein, der in der Zusammenarbeit mit eigenen Institutionen und Bewegungen die Farbigen emanzipieren wird." W.E.B. Du Bois schrieb das 1934; heute, fünfzig Jahre nach der richterlichen Aufhebung der Rassentrennung an Schulen (mehr) findet die bewusste Segregation vor allem unter Schwarzen offensichtlich immer mehr Zuspruch, bemerkt Samuel G. Freedman nach der Lektüre dreier Bücher schwarzer Universitätsprofessoren zum Thema. Grund ist die nach Meinung vieler gescheiterte Integration. "In mancher Hinsicht ist die schwarze Unterschicht hoffnungsloser denn je in maroden städtischen Schulen konzentriert, abgeschnitten nicht nur von den Weißen, sondern auch von der blühenden schwarzen Mittelschicht." Außerdem lobt Warren Goldstein Neil Lanctots "Negro League Baseball" (erstes Kapitel), die "skrupulös recherchierte" Geschichte der schwarzen Baseball-Liga, die seiner Meinung nach einige verklärende Klischees korrigieren dürfte. Außerdem bringt die New York Times auf ihren Internetseiten ein Video-Feature über das Gespräch zwischen Cornel West und Henry Louis Gates über die Aufhebung der Rassentrennung.

Wer sich über die Fortschritte in der Kreation maschinellen Lebens kundig machen will, dem empfiehlt Dick Teresi Sidney Perkowitz' "umfassende" und doch "kompakte" Bestandsaufnahme "Digital People". Und wer englischsprachige Kinder hat, kann sich in dieser Ausgabe umfassend über zielgruppengerechte Neuerscheinungen informieren.

Das New York Times Magazine hat sich zur Feier des Frühlings ganz der Landschaftsarchitektur verschrieben. Als Paradebeispiel beschreibt Arthur Lubow begeistert den Landschaftspark Duisburg-Nord, wo Peter Latz alte Hochöfen mit frischem Grün kombiniert hat (Bilder). "Die Atmosphäre von Duisburg-Nord bleibt ein wenig düster. Und so sollte es sein. Duisburg-Nord ähnelt dem Renaissance-Garten Bomarzo, wo der Herzog von Orsini im 16. Jahrhundert einen steilen, nicht sehr vielversprechenden Hang in eine Waldlandschaft umgestaltet hatte."

Außerdem schildert Jane Jacobs, wie die Natur die verlassenen Innenstädte Amerikas zurückerobert. Pilar Viladas porträtiert den belgischen Landschaftsarchitekten Jacques Wirtz. Deborah Solomon widmet sich dem Naturkünstler Andy Goldsworthy. Schließlich werden vier Vorschläge präsentiert, wie man Gras und mehr über Ground Zero wachsen lassen könnte.

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - New York Times

Es mag das vielleicht tausendste Buch über die Bush-Administration sein, dafür ist Bob Woodwards "Plan of Attack" auch das bisher beste, meint Ted Widmer. "Dieses Mal war der Hype gerechtfertigt." Woodward beschreibe in seinem berühmten "blutleeren" Stil, wie die Invasion im Irak geplant wurde, und komme den Protagonisten so nah wie noch keiner zuvor. Kurios ist, dass beide politische Lager das Buch begrüßen. "Für die Demokraten beweist es, dass das Weiße Haus tief gespalten ist, korrupt und planlos. Für die Republikaner, die es auf Bushs Wahlkampfseite gestellt haben, präsentiert es einen entschlussfreudigen Präsidenten, der ab und zu vielleicht die Details durcheinander bringt, aber zuversichtlich ist, dass Amerikas Schicksal darin besteht, Freiheit und Licht nach Babylon zu bringen." Als Extra ein kleiner, feiner Text von Todd S. Purdum über Woodwards Erfolgsgeheimnis.

Ganz begeistert ist Claire Messud von A.S. Byatts (mehr) "Little Black Books of Stories" (Auszug): Die fünf "sorgfältig konstruierten" Erzählungen sind nicht nur Meditationen über die Kunst und ihren Platz in der Welt, sondern auch veritable Gruselgeschichten in der Tradition Edgar Allan Poes. Im Jahre 1912 wurde aus Politik Entertainment, behauptet James Chace in seiner Darstellung des Präsidentenwahlkampfes von Woodrow Wilson (Auszug). Richard Brookhiser lobt in seiner Besprechung vor allem Chacers "knackigen" Stil und die "wohl gewählten" Zitate. Das letzte Wort hat Laura Miller, die eindringlich davor warnt, schlechte Bücher unbedingt zu Ende zu lesen. Am Ende des Lebens wird man es bereuen.

Im New York Times Magazine widmet sich Gary Rivlin in einer Reportage den ungekrönten Königen des Glücksspiels, den Slot Machines. Zu Beginn begleitet er einen Automatendesigner bei seiner täglichen Runde im Atlantis Casino Resort in Reno. "Um acht Uhr an einem warmen Sommerabend beobachtete Baerlocher eine Frau in grünen Polyesterhosen und einer gelb-weiß-gestreiften kurzärmligen Bluse, wie sie an einer von ihm entworfenen Maschine mit dem Namen 'The Price is Right' spielte. Zuerst war die Körpersprache der Frau unverbindlich, sie war dem Spiel nur halb zugewandt, als wäre sie nicht wirklich daran interessiert, was ihr Einsatz bringen würde. Dann gewann sie ein Paar kleine Jackpots und nahm Platz. 'Hab Dich', murmelte Baerlocher leise."

Ira Glass klagt über die Hexenjagd nach Unflätigkeiten, die die Medienaufsichtsbehörde F.C.C. seit einiger Zeit betreibt. James Traub warnt vor Katastrophen, deren Vorzeichen ebenso deutlich sind wie jene des 11. September. Jennifer Senior porträtiert Bill Richardson, fülliger und kneipenfester Gouverneur von New Mexico, außerdem Latino und heiß gehandelter Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten der Demokraten.

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - New York Times

Im heutigen Deutschland, schreibt Gabriel Schoenfeld, begreife man sich zunehmend als Opfer des Nazi-Terrors, und nicht als Tätervolk. Die Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomber am 13. Februar 1945 spiele bei der gewandelten Sicht auf die eigene Vergangenheit eine prominente Rolle, spätestens seit Jörg Friedrichs "Der Brand". Frederick Taylor widerspricht in seiner Studie "Dresden" (erstes Kapitel) nun der These, dass die Bombardierung unnötig und grausam war, weil Dresdens Bevölkerung unschuldig und die Elbmetropole darüber hinaus weder von strategischer noch kriegswirtschaftlicher Bedeutung war. Außerdem habe das Bombardement nur höchstens 40 000 und nicht 100 000 Menschen das Leben gekostet, und auch Leben gerettet. Schoenfeld überzeugt in seiner Besprechung vor allem dieser Aspekt. "Nur Tage vor dem Angriff erhielten die wenigen übriggebliebenen Juden - bisher durch ihre Ehe mit Ariern verschont - den Deportationsbefehl. Am 16. Februar sollten sie nach Auschwitz gebracht werden. Unter den durch die Brandbomben der Alliierten geretteten Juden war auch der Chronist Deutschlands im Krieg, Victor Klemperer, der mit seinem Manuskript überlebte."

Im Aufmacher empfiehlt John Dust den letzten Roman des im Dezember verstorbenen John Gregory Dunne: "Nothing Lost" erzähle von einem schwarzen Drifter, seinen Mördern und einem publicity-hungrigen Supermodel, mit einem Finale, das Dust nicht weniger als "superb" findet.

Im New York Times Magazine geht der Historiker und Philosoph Michael Ignatieff der Frage nach, ob die USA den Kampf gegen den Terror verlieren können, wie eine solche Niederlage aussehen könnte und wie groß das kleinere Übel sein darf, mit dem man das größere bekämpfen will. Zum Schluss plädiert er: "Wir müssen unseren Glauben an die Freiheit behalten. Wenn Terroristen konstitutionelle Demokratien angreifen, beabsichtigen sie damit, Wähler und Gewählte zu überreden, dass die Stärke dieser Gesellschaften - öffentliche Debatten, gegenseitiges Vertrauen, offene Grenzen und konstitutionelle Begrenzungen exekutiver Macht - Schwächen sind. Wenn Stärken als Schwächen angesehen werden, können sie leicht abgeschafft werden. Wenn das die Logik des Terrors ist, dann müssen die demokratischen Gesellschaften neuen Glauben finden, dass ihre scheinbare Verwundbarkeit eine Form der Stärke ist. Dafür braucht es nichts Neues oder Besonderes. Es bedeutet lediglich, dass diejenigen, die für die demokratischen Institutionen verantwortlich sind, ihre Arbeit machen. Wir wollen CIA-Mitarbeiter, die verstehen, dass die Hunde des Krieges gebraucht werden, aber an die Leine gehören. Wir wollen Richter, die verstehen, dass die nationale Sicherheit keine Carte blanche für die Aufhebung individueller Rechte ist, eine freie Presse, die weiterhin fragt, wo die Gefangenen sind und was mit ihnen gemacht wird."

Unter der Überschrift "The German Question" beschreibt Richard Bernstein die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA seit dem 2. Weltkrieg, schildert die Gründe für die Eiszeit, die der Irakkrieg mit sich brachte, zeichnet für seine amerikanischen Leser ein kurzes, nicht uncharmantes Porträt Joschka Fischers und überlegt schließlich, wie sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern in Zukunft gestalten könnten: "Das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Deutschlands haben zu Veränderungen geführt. Ein langsamer, aber stetiger Prozess führt zu dem, was die Deutschen ein normales Land nennen, ein Land wie andere, obwohl die Deutschen zu verstehen scheinen, dass die bloße Tatsache, dass sie normal zu sein wünschen, bedeutet, dass sie es zumindest in einigen Dingen nicht sein können." Für Bernstein ist klar, dass in Zukunft die EU für Deutschland eine mindestens so große Rolle spielen wird wie bisher die Vereinigten Staaten. Aber dies, meint er, ist der unvermeidliche Preis, den die USA für einen "der größten Triumphe" der amerikanischen Außenpolitik bezahlen müssen: "die Formung eines friedlichen, demokratischen, vereinigten Deutschlands".