Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 26.04.2004 - New York Times

Der Quäker Josiah Harlan war nicht nur der erste Amerikaner in Afghanistan, er schaffte es sogar, ein Suzerain, ein König der Afghanen zu werden. Rudyard Kipling inspirierte das Leben des Abenteurers zu "The Man Who Would Be King", den gleichen Titel gibt nun Ben Macyntire seiner "packenden, skrupulös recherchierten" Biografie dieses vergessenen amerikanischen Nationalhelden des 19. Jahrhunderts. Alexander Frater hat die Geschichte des schillernden Hasardeurs mit glänzenden Augen gelesen. "In Kabul überlebte Harlan eine Cholera-Epidemie ('viel Alkohol und Drogen', lernte er, war die beste Prophylaxe), studierte Alchemie und malte planlos herum. Als er, gelangweilt wie er war, hörte, dass Ranjit Singh, der Maharadscha von Punjab, europäische Generäle rekrutierte, reitete er nach Lahore, wo er einen verkommenen einäugigen Alkoholiker vorfand, der Partys veranstaltete, bei denen Harlan 'ohne Reue und Scham an Intimitäten teilnahm, die zu beschreiben sich von selbst verbietet'."

Weitere Besprechungen: Im Aufmacher feiert David Brooks Ron Chernows Biografie (erstes Kapitel) über den vernachlässigten Founding Father Alexander Hamilton als neues Standardwerk. Den Erfolg von Lynne Truss' Polemik für die Einhaltung der Grammatikregeln "Eats, Shoots and Leaves" in England kann Edmund Morris schließlich nur schwer nachvollziehen.

Im New York Times Magazine erinnert sich Dan Barry in einem kurzweiligen Text an seinen ufogläubigen Vater, die nächtelangen Diskussionen, die er in seinem Bett mitverfolgte, und all die Beweise für extraterrestrisches Leben. "Diese Fotografie mit Ektoplasma, das aus dem Mund einer Frau tropfte wie aufgewärmtes Charleston Chew. Diese Geschichte über den Farmer, der vor den Augen seiner Frau verschwand, während sie über ein Feld gingen." Näheres im ersten Kapitel seines Buches "Pull Me Up".

Des weiteren unterhält sich Deborah Solomon mit Jehane Noujaim, die gerade einen Dokumentarfilm über den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera abgedreht hat. "Al Jazeera könnte die einzige Basis des Arabischen Nationalismus sein, die noch übrig ist." David Rieff warnt davor, den angezählten Arafat zu unterschätzen, und Matti Bai fragt sich, ob ein altmodischer Tür-zu-Tür-Wahlkampf Bush noch retten kann.

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - New York Times

Das bisher intimste Porträt von Stalin hat der britische Journalist Simon Sebag Montefiore mit "Stalin. The Court of the Red Tsar" (erstes Kapitel) vorgelegt, lobt Richard Pipes. Sebag sehe Stalin als "superintelligenten und begabten Politiker, der seine historische Rolle über alles stellte, ein nervöser Intellektueller, der manisch Geschichte und Literatur las, und ein zappeliger Hypochonder, der an chronischer Tonsillitis, Psoriasis und Rheuma litt. Dieser einsame und unglückliche Mann ruinierte jede Liebe und Freundschaft seines Lebens, indem er sein Glück politischen Zwängen oder seiner kannibalistischen Paranoia opferte. Er glaubte, die Lösung für jedes menschliche Problem sei der Tod." So ganz kann Pipes, selbst Professor der Geschichte, Stalin doch nicht als Intellektuellen akzeptieren, trotzdem kommt an dieser sorgfältig zusammengetragenen und lebhaft präsentierten Biografie in Zukunft keiner mehr vorbei, glaubt er.

Die Politik der USA gegenüber Saudi-Arabien wurde maßgeblich von den finanziellen Beziehungen der Bush-Familie zum saudischen Königshaus geprägt, behauptet Craig Unger in "House of Bush, House of Saud". "Er klebt sogar ein Preisschild auf die saudischen Zuwendungen an die Familie Bush: erschütternde 1.476 Milliarden Dollar, in einem Zeitraum von 30 Jahren, als Geschenke an mit den Bushs verbundene Wohltätigkeitsorganisationen und als Investitionen in die familieneigenen Unternehmen." Jonathan D. Teppermann nimmt das alles recht ruhig zur Kenntnis und gibt durchaus zu, dass hier "schamlos" geschachert wurde. Das verschwörungslastige Buch insgesamt aber scheint ihm beizeiten "an der Grenze zur Selbstparodie".

Weitere Artikel: Restlos begeistert ist Ted Conover von Edward Conlons "ausufernden, gewitzten, meinungsstarken und wunderschön geschriebenen" Memoiren mit dem etwas pathetischen 'Titel "Blue Blood". Conlons Berichte von seiner Arbeit als Polizist in New York formierten sich zu einem "reichhaltigen ethnografischem Dokument". Daniel Soar empfiehlt "The View from Stalin's Head", den Erstling von Aaron Hamburger, ein Band mit zehn "attraktiven" Kurzgeschichten, die meist in Prag spielen und deren Protagonisten "meistens männlich, meistens Mitte Zwanzig, meistens amerikanisch, meistens schwul und meistens jüdisch" sind.

Das New York Times Magazine ist einem Thema gewidmet, das endgültig aus der politischen Agenda in den USA verschwunden zu sein schien: das Gesundheitssystem. Hillary Rodham Clinton schreibt den Aufmacher und beweist zumindest zu Beginn Selbstironie: "Ich weiß, was Sie jetzt denken. Hillary Clinton und Gesundheitsfürsorge? Gab's schon mal. Hat nichts gebracht."

Melanie Thernstrom beobachtet eine Ärztin, die einen interessanten "narrativen" Diagnoseansatz verfolgt. Sie lässt ihre Patienten ausführlich von ihren Leiden erzählen und achtet dabei vor allem auf Satzbau, Zeitwechsel, Subplots und Pausen. Lisa Sanders annonciert die Rückkehr des guten alten Hausdoktors, der die Patienten kennt und persönlich vorbeikommt. Zumindest zu denen, die es sich leisten können.

Magazinrundschau vom 13.04.2004 - New York Times

Viel ist schon zu lesen gewesen über "Against All Enemies", Richard Clarkes Attacke gegen die Terrorismusbekämpfung des Weißen Hauses, jetzt hat James Risen sich das Werk (Auszug) vorgenommen und platzt bald vor Lob. "Eine Rarität unter all den Washington-Insider-Memoiren - es liest sich wirklich hervorragend". Das erste Kapitel, in dem der langjährige Sicherheitsberater Clarke die turbulenten Tage nach dem 11. September rekapituliert, sei zugleich das beste, schwärmt Risen. "Ich hoffe, Clark hat die Rechte nach Hollywood verkauft, denn ich würde bezahlen, um diesen Film zu sehen." (Schon passiert, wie die FAZ heute meldete.) "In der Nacht des 12. September wanderte der Präsident alleine durch den Situation Room, als er inne hielt und Clarke und einigen Beratern sagte: 'Gehen Sie noch einmal alles durch, alles. Ich will wissen, ob Saddam das getan hat.' Clarke war 'düpiert, ungläubig'. Er sagte dem Präsidenten: 'Al Qaida hat das getan.' 'Ich weiß, ich weiß, aber ich will wissen, ob Saddam involviert war. Ich will jeden Fetzen sehen.' Nachdem der Präsident gegangen war, sagte einer von Clarkes Mitarbeitern: 'Wolfowitz hat ihn.'" Lob auch für Steve Colls Vorgeschichte des 11. September, die "beste bisher" (erstes Kapitel).

Weitere Artikel: Fareed Zakaria weiß nach Hans Blix' Erinnerungen (erstes Kapitel) über seine Zeit als UN-Waffeninspektor im Irak nun, dass Washington "mit ein wenig Anstrengung" seine Ziele im Irak auch durch internationale Strukturen und Institutionen erreicht hätte. Wer Mary Stuart wirklich kennenlernen möchte, dem empfiehlt Gerard Kilroy John Guys skrupulöse Biografie der tragischen Königin. Erstmals seien die verschiedenen Versionen der Geschichte unter einem Buchdeckel versammelt. Und Richard Eder mag den "halluzinatorischen, widersprüchlichen, erratischen Realismus", mit dem der somalische Autor Nuruddin Farah in seinem Roman "Links" die lange Phase der Gewalt und der Clankriege seines Landes schildert.

In ihrer Kolumne plädiert Margo Jefferson für das schamlose Kopieren von Passagen, die uns etwas sagen. Mit der Zeit entstehe so ein informelles Logbuch der Lektüre und der Befindlichkeiten. Jefferson notierte sich 1971 eine bitterschöne Zeile von W.E.B. Du Bois. "Was wir fürchten ist, dass unsere Unzulänglichkeiten mehr sind als nur allzumenschliche Schwächen."

Im New York Times Magazine plädiert James Traub in einem dieser endlos-kundigen Artikel für das harte Geschäft des Nation Building. Zufrieden mit seiner von kurzfristigen Jahresbudgets bestimmten Regierung ist er nicht. "Die Größe des Ziels zeigt nur die intellektuelle Armut und die ideologische Selbstversenkung der Nachkriegsplanung."

Außerdem porträtiert Herbert Muschamp Miuccia Prada, die als Kunstmäzenin ebenso "bilderstürmerisch" agiert wie als Modeschöpferin. Und Tina Rosenberg wirbt für das in Verruf geratene Pestizid DDT, das in der Dritten Welt noch gute Dienste leisten könnte.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - New York Times

Kein Mitleid für Charles Baudelaire, er war nicht tragisch, sondern einfach drogenabhängig, behauptet Frank Hilton in seiner Biografie "Baudelaire in Chains". Alle seine Probleme lassen sich daraus erklären: "die Unfähigkeit, seine finanziellen Probleme zu lösen, seine unbefriedigenden Beziehungen, seine schlechte Gesundheit, sein guignon - das dämonische Pech, dem er ausgeliefert zu sein glaubte - und, am wichtigsten, seine chronischen Schwierigkeiten, einmal beständig kreativ zu arbeiten." In ihrer Besprechung vergleicht Laura Miller Baudelaire mit dem Kollegen Samuel Taylor Coleridge (zu empfehlen ist die ressourcenreiche Seite der University of Virginia), ein Bruder im Geiste, der einfach Glück hatte, dass er Brite war. "Französische Romantiker tendierten zum Theatralischen und Grandiosen, während die Briten sich durch Offenheit auszeichneten, gepaart mit ironischer Selbstverunglimpfung." (Und wer hat die besseren Gedichte geschrieben, hm?)

Etwas zurückhaltender als Outlook India (nachzulesen in der Magazinrundschau vom 1. März) bespricht Philip Bobbitt Ian Burumas and Avishai Margalits Untersuchung über die Wurzeln und Auswirkungen unseres verzerrten Orientbilds: Interessanterweise vergleicht Bobbitt "Occidentalism" (erstes Kapitel) mit Lee Harris' "Civilization and its Enemies" (erstes Kapitel). Harris, konservativer Essayist, tritt für einen Konfrontationskurs gegenüber dem militanten Islam ein und erinnert daran, dass der Aufschwung des Westens auch in seiner Skrupellosigkeit begründet lag. "Harris sieht in Bin Laden eine Spiegelung der Missstände in der westlichen Welt; Buruma und Margalit sehen im Okzidentalismus die Reaktion von Elementen innerhalb unserer eigenen Kultur auf den universellen Anspruch des Westens."

Weitere Artikel: Durch die unmäßige Erweiterung des Copyrights bedrohen Unternehmen die öffentliche Sphäre, schreibt Lawrence Lessig in "Free Culture" (erstes Kapitel). "Wuchtig argumentiert", notiert der beeindruckte Rezensent Adam Cohen. Grimmig, aber gelungen, findet Christopher Dickey Rich Atkinsons Buch über seine Erfahrungen als eingebetteter Reporter in der 101st Airborne Division, deren Soldaten sich im Irak von der Politik missbraucht fühlten. Als mehr oder weniger gerade heraus lobt Molly Haskell schließlich "Peninsula of Lies" (erstes Kapitel), Edward Balls literarische Untersuchung einer transsexuellen Beziehung im provinziellen Charleston des Jahres 1969.

Zu empfehlen ist wieder einmal das New York Times Magazine. Niall Ferguson wirft einen lesenswerten Blick auf Europa, das gerade als Eurabia neu erfunden wird - von den muslimischen Einwanderern. "Hinter den Nachrichten vom Terrorismus findet ein historischer Wandel statt: Muslimische Immigranten füllen Europas demografische Leere und gestalten dessen Zukunft."

Außerdem beschreibt Bruce Barcott, wie die Bush-Administration heimlich, still und leise die Klimapolitik der USA radikal verändert hat. Und David Brooks verteidigt die oft geschmähten Vorstädte. Denn hier und nicht in den Metropolen sei der amerikanische Traum auch heute noch zu Hause.

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - New York Times

Die USA sind groß geworden, weil auch zwielichtige Menschen ihren zwielichtigen Geschäften nachgehen durften. So könnte man Walter A. McDougalls These zusammenfassen, die er in "Freedom Just Around The Corner" präsentiert, dem ersten Band einer dreiteiligen Geschichte seines Landes. Gordon Wood bespricht das Buch interessiert und glaubt, dass McDougalls Auffassung von der "kreativen Korruption" einen entscheidenden Beitrag zu Amerikas Selbstverständnis leisten wird. "Weil unsere hohen und noblen Ideale von Freiheit und individuellen Rechten so krass mit der oft grotesken Realiät des amerikanischen Lebens kontrastieren, ist jede Phase unserer Geschichte von Disharmonie geprägt, schreibt McDougall. Zur Unterstützung zieht er Samuel P. Huntington heran: 'Amerika ist keine Lüge, es ist eine Enttäuschung. Aber es kann nur eine Enttäuschung sein, weil es auch eine Hoffnung beinhaltet', eine Hoffnung, die Bob Dylan 'die Freiheit hinter der nächsten Ecke' nennt." Hier Robert Kaplans langes Porträt von Samuel Huntington im Atlantic Monthly, aus dem das schöne Zitat stammt.

Die Idee hinter Lauren Slaters Wissenschaftsbuch "Opening Skinner's Box" ist "simpel, aber genial", muss Peter Singer zugeben. "Man nehme zehn wegweisende psychologische Experimente des vergangenen Jahrhunderts von den Seiten einschlägiger Journale, entstaube den schrecklich akademischen Stil, in dem sie beschrieben wurden, füge ein paar persönliche Details über die Forscher hinzu und erzähle sie als intellektuelle Abenteuer neu." Herausgekommen sei, trotz ein paar kleineren Ungenauigkeiten, "ein sehr lesbarer, wenn auch sehr persönlicher Report über das, was wir über die menschliche Natur wissen und was wir nicht wissen."

Aus den weiteren Besprechungen: Tony Hendra freut sich über eine neue Stimme in Sachen Wein. "Schlau, großzügig, aufmerksam, lustig und vor allem frei von jedweder Arroganz begebe sich "The Accidential Connoisseur" Lawrence Osborne, ein Engländer (!), auf die Spur des guten Geschmacks (hier ein Interview zum Anhören). Zakes Mdas Roman "The Madonna of Excelsior" erzählt "klug und intelligent" von den letzten 30 Jahren in Südafrika, und hat Neil Gordon bewegt zurückgelassen. Gabriel Schoenfeld klagt bitterlich über David Edmonds' und John Eidinows Nacherzählung des berühmten Schachduells zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky. "Bobby Fischer goes to War", biete zwar lohnende Einblicke in die hochinteressante Beziehung von Kommunismus und Schach, sei aber manchmal auch "lahm wie eine Schnecke" (hier ein Auszug aus dem Buch, hier mehr über das Duell, und hier ein langer Artikel aus Atlantic Monthly über Bobby Fischer).

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - New York Times

"Der amerikanische Strafvollzugsapparat spuckt jedes Jahr 600.000 wütende, ungelernte Menschen aus", schreibt Brent Staples. Für immer mehr Amerikaner gehört das Gefängnis zum Alltag. Jennifer Gonnermann porträtiert in "Life on the Outside" eine Mutter von vier Kindern, die für ihre erste Straftat, den Verkauf von Kokain, für 16 Jahre ins Gefängnis musste. Staples ist erschüttert, wie normal ein Gefängnisaufenthalt mittlerweile geworden ist, nicht nur für Erwachsene aus armen Gesellschaftsschichten, sondern auch für die Kinder, die ihre Eltern im Gefängnis besuchen. "Mit jeder Generation gewöhnen sich die Familien ein Stückchen mehr daran, ihr Leben in Gefangenschaft zu verbringen."

Weitere Besprechungen: "Stechenden Witz" bescheinigt Richard Eder Edwidge Danticats "The Dew Breaker" (erstes Kapitel), eine Sammlung von Geschichten über das Leiden der Haitianer - im Exil oder in der Heimat. Großes Lob von Anthony Walton erntet George Pelecanos für sein neues Werk "Hard Revolution" (erstes Kapitel). Der Krimiautor habe mittlerweile eine Reife erreicht, die es ihm erlaube, die Grenzen seines angestammten Genres zu sprengen. Joseph Nocera staunt, wie fest die Verantwortlichen bei Coca Cola davon überzeugt sind, mit ihrem Produkt die ganze Welt erlösen zu können: Constance L. Hays bringe in ihrem Firmenporträt "The Real Thing" genug Beweise, um diese These eindrücklich zu untermauern.

Im New York Times Magazine finden wir eine Reportage von Joshua Kurlantzick, der die Cambodian Freedom Figthers (mehr) besucht hat. Sie wollen Tausende von Rebellen ausrüsten, um Premier Hun Sen - ein ehemaliger Roter Khmer - zu stürzen. 2000 waren die CFF verantwortlich für "eins der schlimmsten Blutbäder in der jüngsten Geschichte der kambodschanischen Hauptstadt". Sie treffen sich wöchentlich in einem kalifornischen Einkaufszentrum, die amerikanische Regierung scheint nichts dagegen zu haben.

Außerdem porträtiert Russell Shorto den politischen Kabarettisten Al Franken - eine Art Rush Limbaugh der Demokraten mit politischen Ambitionen. James Gleick beschreibt den zunehmenden Kampf um Namensrechte im globalisierten Weltmarkt. Und Clive Thompson untersucht, ob im Internet weniger gelogen wird.

Magazinrundschau vom 15.03.2004 - New York Times

Die interessantesten Artikel stehen diesmal nicht in der Book Review, sondern im New York Times Magazine. Michael Ignatieff begründet in einem Essay noch einmal, warum er für den Irak-Krieg war und kritisiert die Kriegsgegner: Natürlich "hat ein Regimewechsel erhebliche Kosten - tote Irakis, tote Amerikaner, die Spaltung zwischen Amerika und vielen seiner Allierten sowie den Vereinten Nationen. Ich könnte jeden respektieren, der sagt: Diese Kosten sind einfach zu hoch. Was ich schwieriger zu respektieren fand, war, wie gleichgültig meine Antikriegsfreunde gegenüber den Kosten waren, die durch einen Verbleib Saddam Husseins an der Macht entstanden wären. Diese Kosten - die entstanden wären, wenn wir 'richtig' gehandelt hätten - wären alleine von den Irakis getragen worden."

Weiteres: Jennifer Senior führt die groß angelegte Reihe über Störenfriede im Haus Saud mit dem Anwalt Ron Motley fort, der prominente Saudis wegen Mithilfe zum Terror vor Gericht bringen will. Ein Special über Männermode präsentiert unter anderem einen Artikel von Cathy Horn, die die Schauen von John Galliano (Video) und Hedi Slimane (Bilder) vergleicht. Und Lynn Hirschberg verabschiedet Gucci.

Die New York Times Book Review: Jayson Blair ist berüchtigt. Der 27-Jährige stürzte die New York Times in eine ihrer schwersten Krisen. Vier Jahre lang konnte er gefälschte und abgekupferte Artikel in einem der renommiertesten Blätter der Welt veröffentlichen, bis er endlich aufflog (hier der Abschlussbericht der internen Untersuchungskommission, mit allen in Frage kommenden Artikeln). "Burning Down My Master's House" hat er seine Bekenntnisse betitelt, und mit der Anerkennung für den treffenden Titel endet auch das Lob, das Jack Shafer für seinen geschassten und "fabulierenden" Ex-Kollegen übrig hat. "Reue ist ein Gericht, dass in diesen Memoiren überhaupt nicht serviert wird. Er hätte gestehen können, aber alles, was er zustande bringt, sind Entschuldigungen. Er macht seine manische Depression für sein Verhalten verantwortlich."

Weitere Artikel: Will Blythe empfiehlt "Little Children" (erstes Kapitel), Tom Perottas "außergewöhnlichen Roman über Ehebruch und Kindserziehung in den Weiten der amerikanischen Vorstadt. "Was ist Perotta Anderes als ein amerikanischer Tschechow, dessen Charaktere sogar in ihrem lächerlichsten Moment von einer leuchtenden humanen Aura gesegnet und erhöht werden?" A.O. Scott lobt Chang-rae Lee, der in "Aloft" (erstes Kapitel hier, eine Lesung zum Anhören hier) das Genre des Vorstadtromans mit der Einwanderererzählung verbindet. Immerhin "sympathisch" findet Brooke Allen schließlich Jeffrey Myers kompakte Biografie (erstes Kapitel) des glamourösen Schriftstellers Somerset Maugham.

Magazinrundschau vom 08.03.2004 - New York Times

3299 Seiten, 20 Jahre Arbeitszeit. William T. Vollmann (mehr) präsentiert "Rising Up and Rising Down", ein Monster von Buch, das nicht weniger sein soll als eine erschöpfende Analyse der Gewalt. "Ein seltsames Buch", meint Scott McLemee, "rigoros wie die euklidische Geometrie, und doch verschlungen wie eine Bretzel." Vollmann möchte Formeln entwickeln, die bestimmen, wann Gewalt legitim ist. Der Rezensent glaubt, er hat sich damit übernommen. "Manchmal verbinden sich die narrativen und theoretischen Erzählstränge und der Autor scheint kurz davor, sein Material zu synthetisieren... Aber solche Passagen werden schnell von der Flut an Logorrhöe weggespült." Keine Einzelperson wisse wohl mehr über Gewalt als der obsessive Vollmann, konstatiert der Rezensent schließlich, aber im Endeffekt sei diese Studie vor allem "ein beachtenswertes Beispiel des Buchs als Möbelstück".

Als "Südafrikas einzigen tragikkomischen Roman von Weltformat" preist Rob Nixon Marlene van Niekerks Debüt "triomf", das zehn Jahre nach seinem Erscheinen nun ins Englische übertragen wurde. Die inzestuöse weiße Benades-Familie will vor der Demokratie in den Norden fliehen, falls die ersten Wahlen im Jahr 1993 an die Schwarzen gehen. Niekerk zeige uns "Menschen, deren Voreingenommenheit und leichthändige Brutalität sich mit wachsender Zärtlichkeit und Liebe zu vermischen beginnen, wie das im Leben oft geschieht. Die Benades sind Geschichte, aber sie sind auch eine der unterhaltsamsten Familien der Gegenwartsliteratur."

Interessiert besprochen werden auch Sarah Dunants Renaissance-Roman "The Birth of Venus" (erstes Kapitel) über die Liebe zu Botticelli und den Klatsch als historische Kraft, Graham Robbs "Strangers", eine Untersuchung über die überraschend weit verbreitete Homosexualität im 19. Jahrhundert sowie Paul Baileys "Uncle Rudolf", eine Erzählung des "Herrn der Briefe" über das Gefühl, am falschen Platz zu sein.

Das New York Times Magazine startet eine Serie von Elizabeth Rubin über "Eindringlinge in das Haus Saud". Im ersten Teil liefert sie ein großartiges Porträt von Mansour al-Nogaidan, der sich vom fanatischen Islamisten in einen Liberalen verwandelte.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - New York Times

Alma Guillermoprieto hat sechs Monate lang versucht, jungen Kubanern modernen Tanz beizubringen. Zum Glück für uns ist Guillermoprieto nicht nur Tanzlehrerin, sondern auch eine wundervolle Beobachterin, frohlockt Katha Pollitt, die von der Menschlichkeit, dem schlauen Humor und der Neugier der Autorin sehr beeindruckt ist. So werde "Dancing With Cuba" zu einem lesenswerten Porträt von Castros Reich. "Die Kunstakademie ist so arm, dass nicht einmal Essen, Kleidung oder Spiegel für die Tanzstudios gestellt werden können. Moderner Tanz ist das Letzte, woran die meisten Kubaner denken. Die ganze Insel ist eingenommen von den übermenschlichen Anstrengungen, die die Zafra verlangt - die zehn Millionen Tonnen schwere Zuckerernte."

Weitere Artikel: Sehr genossen hat Claire Dederer die Lektüre von Lucy Ellmanns Roman "Dot in the Universe". Ellmanns Geschichte über die völlig sinnlose Existenz der Ehefrau Dot, die erst beendet und dann wieder neu begonnen werden muss, kommt der Rezensentin vor wie einer dieser "verrückten, fulminanten Briefe mit vielen Großbuchstaben und leidenschaftlich durchgestrichenen Phrasen und ungebührlichen Ausrufezeichen". Hier kann der Autorin beim Lesen aus ihrem Buch zugehört werden. Daphne Merkin empfiehlt außerdem Lucasta Millers "großartiges" Porträt der Bronte Schwestern. Hingewiesen sei zudem auf Lenora Todaros respektvolle Besprechung von "The Swallows of Kabul", der dritte Roman des algerischen Ex-Offiziers Mohammed Moulessehoul alias Yasmina Khadra, der sich mit der Taubheit beschäftigt, die auf die Gewalt folgt.

Im New York Times Magazine beschreibt Fernanda Eberstadt den wachsenden Antisemitismus in Frankfreich: "Die meisten europäischen Intellektuellen bestehen auf der Unterscheidung zwischen selbst der schärfsten Kritik an Israel und Antisemitismus. In jüngster Zeit allerdings wurde diese Unterscheidung unscharf. Bei Demonstrationen im Mai 2002, die von den wichtigsten antirassistischen Organisationen in Frankreich organisiert wurden, brüllten die Demonstranten antisemitische Slogans und versuchten vorbeigehende Passanten zu attackieren, die sie für Juden hielten. Linke Veteranen wie Stora, die sich und ihre Kinder mit einem neuen und sehr realen Antisemitismus konfrontiert sehen, fühlen sich von ihren früheren Kameraden verraten: 'Ich war 15 Jahre lang Mitglied der trotzkistischen LCR. Wir kämpften für die Rechte der Frauen, der Homosexuellen, der Immigranten. In den Achtzigern waren wir an der Spitze der Antirassismus-Bewegung' ... Mit bitterem Humor fasst Stora die Veränderung in der französischen Linken vom Antiklerikalismus Zolas bis zur heutigen Sympathie für die Islamisten: 'Die Väter und Großväter fraßen die Priester, die Söhne kämpfen für das Kopftuch.'"

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - New York Times

Es ist Wahlkampf in den USA, und auch die Literaturredaktion der York Times trägt ihr Scherflein dazu bei. Stolze acht Bücher stellt Ethan Bronner im Aufmacher vor, alle kritisieren die Missachtung der Bürgerrechte wie der Privatsphäre nach dem 11. September. "Die meisten legen den Schwerpunkt auf die Gesetzesänderungen, die Bush-Regierung und Kongresses im Namen der Terrorbekämpfung durchgesetzt haben. Die Autoren behaupten, dass die Änderungen die Sicherheitslage nur wenig oder gar nicht verbessern und eher dem Machtzuwachs einer paranoiden, machthungrigen Regierung dienen. Dies sind ernstzunehmende und zunehmend bekannte Vorwürfe, und es ist hilfreich, sie einmal etwas ausführlicher zu diskutieren und sie historisch einzuordnen, wie es die besten der vorgestellten Bücher auch tun. Der zweite Problemkreis, der in diesen Büchern angesprochen wird, geht über die Bürgerrechte hinaus und geht dem auf den Grund, was wir heute unter Privatsphäre verstehen."

Charles Taylor nutzt die Besprechung von Ian Rankins neuem Krimi "Question of Blood" (erstes Kapitel), um die neue schottische Schriftsteller-Generation um Val McDermid, Denise Mina und Louise Welsh zu preisen, die "dieses Genre gerade am stärksten prägen und voranbringen". Ranking selbst steche durch seine Realitätsnähe heraus, etwa in der Beschreibung der Polizeiarbeit, am meisten beeindruckt hat Taylor aber, dass der Autor "uns am Schluss mit einem größeren Rätsel zurücklässt als zu Beginn des Buches".

"Ich kann mir nicht helfen", stöhnt Michel Tomasky über Douglas Brinkleys "Tour of Duty" (erstes Kapitel), aber das schnellgeschriebene Buch über John Kerry und den Vietnam-Krieg "scheint mir weniger eine historische Arbeit zu sein als eine Wahlempfehlung für Präsident Kerry". Sharon Waxman kann Peter Biskinds "Down and Dirty Pictures" (erstes Kapitel) über Harvey Weinstein, Sundance und das unabhängige Kino nur bedingt empfehlen, aber immerhin sei Biskind einer der Wenigen, die Hollywoods Entertainment-Industrie zumindest mit einem Minimum an Ernsthaftigkeit zu interpretieren versuchen. Und Laura Miller lüftet in einem informativen Letzten Wort den großen Betrug rund um den Da-Vinci-Code, mit dessen verführerischer Plausibilität sich Dan Brown gerade eine goldene Nase verdient.

Hingewiesen sie außerdem auf das New York Times Magazine und Deborah Solomons großes Porträt von Roy Disney, dem lange stillen Neffen von Walt Disney, der jetzt zu einem Kreuzzug aufgebrochen ist, um das Imperium wieder unter Kontrolle zu bekommen.