Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 13.09.2004 - New York Times

Eine wahre Fundgrube, diese Ausgabe! Art Spiegelman hat ein neues Buch geschrieben - oder besser: ein neues Buch gezeichnet? David Hajdu weiß nicht so recht, was er mit "In the Shadow of no Towers" anfangen soll. "Ein seltsam dünner, aber robuster Zwitter von einem Buch - eine intime Erinnerung an die Attacken auf das World Trade Center, die Spiegelman aus der Nähe miterlebt hat, ein Schwadronieren über ihre Auswirkungen auf die Welt im Allgemeinen und den Autor im Besonderen, und eine Monografie der Sonntagszeitungs-Comic-Strips des frühen 20. Jahrhunderts, alles auf 42 überformatigen Seiten."

"Ist diese Sammlung ein Revival oder ein hübsches Grab", fragt William Deresiewicz angesichts der "Gesammelten Erzählungen" von Isaac Bashevis Singer (mehr). Um dann nur umso begeisterter zu applaudieren. "Drei dicke Bände bringen den allergrößten Teil seiner Kurzerzählungen zusammen, fast 200 Geschichten insgesamt. Und was war er für ein Kurzgeschichtenschreiber! Der schiere Überfluss seiner Produktion, zusammen mit seinem berühmten Interesse am Sex, lässt an einen jüdischen Boccaccio denken, und Singer ist wirklich boccaccianisch in seiner Ausgelassenheit, seiner Leichtigkeit und seiner Fantasie. Ich habe mich vielleicht zweimal gelangweilt, während ich die 2.500 Seiten dieser Sammlung gelesen habe."

Weiteres: Begleitet von einer vor Understatement bebenden kurzen Vorrede druckt die New York Times Book Review "The Bargain" ab, die "vermutlich letzte unveröffentlichte Erzählung" von Truman Capote (hier mehr über ihn, hier mehr von ihm), geschrieben vor mehr als fünfzig Jahren. Leon Wieseltier schreibt einen poetischen Nachruf auf den polnischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Czeslaw Milosz.

Der Nihilismus hat ganz Amerika erfasst, behauptet Cornel West in "Democracy Matters" (Leseprobe). Caleb Crain bewundert zwar die "enorme" Allgemeinbildung des Autors, überzeugt ist er aber noch lange nicht. Dafür schreibe West zu "nachlässig". Harvey Weinstein und Jonathan Burnham von Miramax wollen auch auf dem Buchmarkt Geld verdienen und haben deshalb Kristin Gore, die Tochter Al Gores, damit beauftragt, das Buch zu schreiben, kolportiert Ana Marie Cox. Und verreißt auch gleich wie nebenbei das "Sammy's Hill" (erstes Kapitel) betitelte Ergebnis. "Es ist nicht schlecht, es ist halt auch nicht gut."

Das New York Times Magazine nur noch kurz: Abgedruckt ist ein Auszug aus Stephen Greenblatts vielgelobtem Buch "Will in the World: How Shakespeare became Shakespeare". Hier überlegt er, warum Shakespeare so unsterbliche Stücke schreiben konnte: Zunächst durch genaue Beobachtung von Alltagsszenen - und ein wenig Magie. "Bei einer Gelegenheit war Shakespeare offensichtlich beeindruckt vom Gelächter des Londoner Mobs über das Opfer einer öffentlichen Exekution. Ich glaube, beim Nachdenken über dieses Lachen fand er nicht nur einen Weg, den grausamen Hohn zu unterminieren, sondern auch seine eigene Fähigkeit - und die des Theaters -, innere Vorgänge darzustellen. Das Ergebnis - ein bedeutender Moment in Shakespeares Entwicklung als Künstler und Mensch - war 'Der Kaufmann von Venedig'."

James Traub porträtiert den "No. 1 guy in the world's No. 1 city": Donald Trump. Walter Kirn schlägt vor, den 11. September ad acta zu legen. Das Datum werde sowieso nur missbraucht. Lisa Belkin berichtet im Titel über die Integration eines behinderten Kindes in einen ganz gewöhnlichen Kindergarten.

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - New York Times

Eine jüdische Familie, die 1935 von Berlin nach New York zieht, der Vater ein Häretiker, die Mutter eine von den Nazis vertriebene Ärztin, fünf schwierige Kinder, und ein 18-jähriges Hausmädchen, die das alles erzählt. John Leonard preist Cynthia Ozicks neuen Roman "Heir to the Glimmering World" (erstes Kapitel) als "brillante Beschreibung zerstörter Welten". Wer jetzt noch zweifelt, dem schenkt Leonard nach: Das Buch sei "ein Märchen mit verschlossenen Räumen, irren Gesängen, geheimen Büchern und geraubten Babies. Und eine Kindergeschichte, eine Ödipus-Tragödie über den Mord am Vater und das Weitermachen danach. Und ein Nachfolger des viktorianischen Romans. Aber auch eine grimmige Parabel über 'Säuberungen'." Alles in einem Buch.

Weitere Besprechungen: Jeff Turrentine liest neu erschienene Kurzgeschichten als Analyse der kollektiven Gemütsverfassung seiner Landsleute nach dem 11. September. Bwundernswert, wie tief sich die Journalistin Lorraine Adams für ihren Erstling "Harbor" (erstes Kapitel) in die algerische Gemeinde der USA hineinrecherchiert hat, staunt Neil Gordon in seiner Besprechung. Der "herkuleanische" Eifer, mit dem Eli Zaretsky riesige Mengen an Material für ihre Geschichte der Psychoanalyse zusammengetragen hat, nötigt Daphne Merkin zwar Respekt ab. Allerdings stört sie neben dem "pedantischen Stil" auch der "Soziologenjargon", in dem "Secrets of the Soul" (erstes Kapitel) gehalten ist. Das "Letzte Wort" hat Laura Miller, die sich dem derzeit erfolgreichen Genre der alternativen Geschichtsschreibung zuwendet.

Das New York Times Magazine lohnt sich wieder mal: Lynn Hirschberg liefert ein Porträt der spanischen Regie-Ikone Pedro Almodovar, zum Ausdrucken und in Ruhe lesen. So fängt es an: "Im Stau in einer schwarzen Limousine auf dem Weg zum Palais des Festivals für die Cannes-Premiere seines neuen Films "Bad Education", wirkte Pedro Almodovar, wie so oft, ängstlich und neugierig zugleich. Er zappelte, er wuselte. Als er das Fenster herunterließ, schrien die Paparazzi, die in drei Reihen tief gestaffelt neben dem langsam fahrenden Auto herliefen: 'Pedro! Pedro!' und verdeckten seinen Blick auf die Straße, wo die Wände mit seinem Bild gepflastert waren und die Fans darauf warteten, ihn zu überrennen. Er versuchte daran vorbei zu sehen zu sehen. Ihn interessierte was eine Frau in der Menge anhatte, welche Beziehung zwei Männer zueinander hatten, die Eis aßen. Er suchte nach Einzelheiten, nach den ersten Anzeichen einer Geschichte, nach dem Film." Als Bonbon gibt es eine Bilderstrecke mit Almodovars Filmfrauen.

Außerdem: Samantha M. Shapiro stellt eine christliche Universität bei Los Angeles vor, wo zwar stramme Christen herangezogen werden sollen, aber auch die Moderne Einlass erhält. Roger Lowenstein leidet mit den Präsidentschaftsbewerbern, die versprechen müssen, was sie nicht halten können: Jobs. Im Leitartikel haut David Rieff in die gleiche Kerbe und beschreibt die Zwänge, in denen der zukünftig mächtigste Mann der Welt stecken wird. Deborah Solomon spricht schließlich mit Elizabeth Edwards, Frau des demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten.

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - New York Times

Wer hat den Bericht der Untersuchungskommission zum 11. September eigentlich gelesen, fragt Richard A. Posner und kommentiert das Schriftstück für die Leser der New York Times Book Review einmal ausführlich. Den bürokratiesprech-freien wie konsistenten Stil lobt er als "unerwarteten literarischen Triumph". Mit der vorgeschlagenen Zentralisierung des Geheimdienstapparats ist er weniger einverstanden. Die Reaktion sei typisch amerikanisch. "Amerikaner sind keine Fatalisten. Wenn ein Mensch mit 95 stirbt, wird die Familie seinen Tod wahrscheinlich als medizinisches Versagen auffassen. Wenn die Nation einen Überraschungsangriff erlebt, ist unsere instinktive Reaktion nicht, dass wir von einem gerissenen Gegner überrumpelt worden sind, sondern dass wir die falschen Strategien oder Strukturen hatten, also ändern wir sie, dann sind wir wieder sicher. In Wahrheit waren die Strategien und Strukturen gar nicht so schlecht; sie wurden verbessert, weitere Verbesserungen werden keinen großen Effekt haben." Außerdem finden sich der Originaltext des Dokuments und eine Zusammenfassung der bisherigen Berichterstattung zum Thema im Netz.

Weitere Besprechungen: "David Mitchell ist, da besteht kein Zweifel, ein Genie." Aber der Ehrgeiz, der auf jeder Seite seines neuen Romans "Cloud Atlas" (erstes Kapitel) zu spüren sei, kommt Tom Bissell auch ein wenig suspekt vor. Richard Eder preist Maureen Howards "Silver Screen" (erstes Kapitel), kunstvolle Variationen über das schwierige Leben als Star. David Orr empfiehlt einen Sammelband mit dem Oeuvre des formalistischen Dichters Donald Justice (Auszug). Drei neue Enthüllungsbücher über Fehler und Intrigen der Familie Bush und ihren Freunden können Jacob Weisberg dagegen nicht vom Hocker reißen.

Für das New York Times Magazine besucht und porträtiert David Samuels die politische Aktivistin Susan Lindauer. Sie hatte vielfältige Kontakte zu Diplomaten arabischer Länder, mit denen sie sich über die Jahre immer wieder getroffen hat. Lindauerin bezeichnet sich als Kriegsgegnerin, das FBI hält sie für eine irakische Spionin. David Brooks stellt Rezepte zur Neuorientierung der republikanischen Partei aus. Pat Jordan stellt Joe Paterno vor, legendärer Footballtrainer, der es auch mit 77 Jahren einfach nicht lassen kann. Und James Traub hofft inständig, dass John Kerry endlich klare Worte findet und Nuancen mal Nuancen sein lässt. Denn "um das Maßvolle zu verteidigen, ist Extremismus erlaubt".

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - New York Times

"Fesselnd, extrem komplex und überaus bezaubernd" findet Luc Sante die Fortsetzung von Marjane Satrapis grafischem Roman "Persepolis". In "Persepolis 2" (ein paar Blicke) hat die Protagonistin nun nicht mehr mit der Iranischen Revolution zu kämpfen, sondern mit der eigenen Entwicklung. "Satrapis Stimme ist so kunstvoll natürlich wie ihr Zeichenstil, niemals zeigt sie Bemühtheit oder Berechnung, sie kommuniziert einfach, auf eine Art unvermittelt, wie es ein Brief von einem Freund sein kann, in diesem Fall ein wunderbarer Freund."

Sarah Glazer schimpft, dass die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs feministischem Standardwerk "Das andere Geschlecht" völlig veraltet, aber vor allem fehlerhaft und unvollständig ist. Als Zuckerl gibt es eine Leseprobe von Tom Wolfes neuem Roman "I Am Charlotte Simmons", der im November herauskommen soll. Ansonsten ist diese Ausgabe dem bevorstehenden Schulanfang gewidmet: So sinniert Laura Miller etwa mit Barbara Feinberg, warum es so viele problemorientierte, depressive und vor allem langweilige Jugendbücher gibt. Oder Suzy Hansen analysiert den wachsenden Markt der Hausarbeiten gegen Gebühr.

Warum die Seele der Japaner neuerdings einen Schnupfen bekommen kann, erklärt Kathryn Schulz im New York Times Magazine. Dort wird gerade eine Krankheit erfunden. "Jetzt bewirbt eine riesige Kampagne der pharmazeutischen Industrie die leichte Depression, von deren Existenz die meisten Japaner bis vor kurzem überhaupt nichts wussten. Japan ist ein Versuchsfeld geworden für das, was wir durch die globale Expansion der westlichen Psychopharmaka gewinnen und verlieren können."

Außerdem porträtiert Jonathan Dee den Performance-Künstler im Priestergewand, Reverend Billy (homepage). Clive Thompson grübelt, ob das professionelle Engagement des Militärs beim Entwickeln von Computerspielen den Krieg surrealer machen wird. Jason deParle liefert eine Reportage über das Kindererziehen in Amerikas vergessenen Vierteln. Und Deborah Solomon unterhält sich mit Vincent Gallo, einst Calvin-Klein-Modell und jetzt Drehbuchschreiber, Regisseur und Schauspieler in seinen eigenen Filmen. Das Filmplakat für seinen neuen Streifen ist ein gut geplanter Skandal.

Magazinrundschau vom 16.08.2004 - New York Times

Großes Lob erntet Orhan Pamuks siebter Roman "Snow" (erstes Kapitel) von Rezensentin Margaret Atwood. Sie rühmt Pamuks "hohe Kunst des Geschichtenerzählens" und erklärt das Buch zu einer "unverzichtbaren Lektüre für unsere Zeit". Ka, ein türkischer Dichter mit Schreibblockade, kehrt nach zwölf Jahren Exil in Frankfurt in seine Heimatstadt Istanbul zurück, um dem Begräbnis seiner Mutter beizuwohnen, seine Jugendliebe wiederzufinden und über eine Selbstmordwelle junger Mädchen zu recherchieren, die von ihrer Schule gezwungen worden waren, das Kopftuch abzulegen. Auf der ersten Seite ist Ka schon tot, ermordet, und ein Freund beginnt seine Geschichte zu erzählen. Es ist eine "Male Labyrinth Novel", schreibt Atwood, ein Genre, "dessen Spuren man bei De Quincey, Dostojewski und Conrad findet, und das Kafka, Borges, Garcia Marquez, DeLillo und Auster" pflegten. Das schönste Kompliment hebt sich die begeisterte Rezensentin bis zum Schluss auf. "'Snow' ist das bisher letzte Kapitel in Pamuks großem Projekt: sein Land schreibend zu erschaffen." Dazu gibt es noch ein Interview mit dem Schriftsteller.

Weitere Besprechungen: John Kerry "wirkt auf mich, als würde er sich wirklich wünschen, wir wären nicht im Krieg", verkündet Christopher Hitchens nach dem Genuss dreier neuer Bücher über den Bush-Herausforderer. "Wir sehen einen Mann, der einen perfekten Friedenspräsidenten abgeben würde oder abgegeben hätte." Al Gore beschreibt Ross Gelbspans "Boiling Point" (erstes Kapitel) als eine "Mischung aus leidenschaftlicher Stellungnahme und klarer Analyse" zum Thema globale Erwärmung. Ebenso "wunderbar" wie die sieben vorherigen findet Charles Taylor Alan Fursts achten Spionageroman, "Dark Voyage" (erstes Kapitel).

James Bennett, von 2001 bis letzten Monat Israel-Korrespondent der New York Times, porträtiert im elfseitigen Aufmacher des Magazins den israelischen Premier Ariel Sharon.

Weitere Artikel: Arthur Lubow versucht zu begreifen, wie es dazu kommen konnte, dass die seltsamen Plastikfiguren von Michael Lau in Japan und Amerika einen Hype ausgelöst haben. Der Künstler selbst hat dafür eine ganz einfache Erklärung: "In einer sehr langweiligen Welt passiert etwas, die Leute fahren darauf ab, und Michael Lau hat es erfunden", sagt er. Matthew Brzezinskli folgt den Gangs von der Großstadt aufs Land, wo die Polizei wenig Erfahrung und das Geschäft noch Potenzial hat. Und Deborah Solomon erfährt von dem Wirtschaftswissenschaftler Ray C. Fair, wie man das Ergebnis der Präsidentenwahl vorhersagt, und warum der Irak-Krieg keine Rolle spielen wird.

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - New York Times

"Dieses dreckige kleine Buch handelt von der Frage, ob die Probleme, die unser in Ehren gehaltenes und ängstliches Land plagen, durch das Erschießen des Präsidenten gelöst werden können", fasst Leon Wieseltier mit fühlbarem Sarkasmus zusammen. Auch wenn Nicholson Baker in seinem neuen - auch schon auf Deutsch erschienenen - Roman "Checkpoint" den mutmaßlichen Assassinen gehörig an seinem Vorhaben zweifeln lässt, für Wieseltier ist hier eine Grenze überschritten. "Die Radikalität der Rechten hat zu einer Radikalität der Linken geführt. Der amerikanische Liberalismus im Ganzen scheint seinen Kopf zu verlieren. Wenn die Befremdlichkeit gegenüber Bush zu einer Entschuldigung für eine große Vereinfachung wird, wird das schlimme Folgen für den Liberalismus und Amerika haben."

Weitere Besprechungen: Körperlich fit zu bleiben war auch eine Art der Selbsterhaltung, hat Bernhard Knox aus zwei Büchern über die antiken Olympischen Spiele gelernt. Historisch wertvoll, erzählerisch aber leider eine Niete, meint Ethan Bronner zu Dennis Ross' "The Missing Peace", eine Zusammenfassung der vergangenen zwölf Jahre Nahostpolitik. Theo Thait findet in Tony Epriles Debütroman "The Persistence of Memory" ein "fazinierendes Fenster" in das weiße Südafrika zur Zeit des Kalten Krieges. Vladimir Voinovich hat seine satrirische Feder über die Jahre gespitzt, und so wird sein Roman "Monumental Propaganda" (erstes Kapitel) rund um russische Exkommunisten, die sich sehnsuchtsvoll nach Stalin zurücksehnen, auf fast keiner Seite langweilig, lobt Ken Kalfus. Besonders gefällt ihm der Exkurs zur sowjetischen Latrinenkultur.

Das New York Times Magazine ist ganz der Mission Olympia im Schwimmbecken gewidmet. Daniel Mendelsohn stellt zuvor noch einmal richtig, dass es auch bei den Griechen nie um Ruhm und Ehre ging. Michael Sokolove fühlt mit Schwimmer Michael Phelps, der angetreten ist, um Mark Spitz' ewigen Rekord von sieben Goldmedaillen zu knacken. Maura Egan und Christine Muhlke haben die gewaltigen Diätpläne einiger Sportler zusammengetragen. Nur Deborah Solomon schert aus und unterhält sich mit Victoria Gotti, Tochter des Mafiabosses John Gotti, über ihre neue Reality Show.

Magazinrundschau vom 02.08.2004 - New York Times

Völlig verfallen ist A. O. Scott den Eröffnungssätzen von James Woods Essaysammlung "The Irresponsible Self": "Woods Eröffnungen sind unnachahmlich - Glückskekse voll dorniger, kritischer Intelligenz und prickelnder Metaphern -, und sie geleiten uns mit der darauf folgenden Erörterung in einen Zustand der verwirrten Wachheit: 'Der englische Modernismus muss in Einheiten der Ermattung oder der Verneinung gemessen werden.' 'Das Scheinheilige kann unter anderem ein verzerrter Botschafter der Wahrheit sein.' Manchmal werden zwei rätselhafte Aussagen mit einem Semikolon zusammengefügt: 'Die Engländer sind Ekklesiasten, aber selten Metaphysiker; Sie denken in Kirchhöfen.' Und gelegentlich beginnt Wood zur Abwechslung mit einer Frage, die allerdings oft eher rhetorisch ist: 'Mal ehrlich, gibt es wirklich jemanden, der Priester mag?'"

Sehr gelungen Mark Costello ist entzückt von Bryan Burroughs Buch "Public Enemies" (Leseprobe hier), einer Gangster-Galerie der 30er Jahre. Besonders angetan hat es ihm das Porträt des frauen-dämonisierenden J. Edgar Hoover. "Er, der in der Verfolgung männlicher Straftäter unerbittlich war (und bis 43 bei seiner Mutter wohnte), verspürte einen ganz besonderen und wahnhaften Schrecken vor den Frauen, die ihm im Weg standen. Er dämonisierte Bonnie Parker, Ruby Floyd, Kathryn (Mrs. Machine Gun) Kelly und die berüchtigte Ma Barker, Räubermutter der Barker-Karpis Gang. 'Die verwelkten Finger der spinnenhaften, gewieften Ma Barker', kann man in einem von Hoover in Auftrag gegebenen Pressemitteilung lesen, 'kontrollieren, satanischen Tentakeln gleich, die Stränge, an denen das Schicksal der Desperados baumelte.'"

Weiteres: Jerome Robbins hat mit seinem Tanz gezeigt, "dass ein Gott so sein sollte, wie jemand, den man irgendwann auf der Straße sieht", doch Deborah Jowitt wird dem genialen und gequälten Broadway-Tänzer und Choreografen in ihrer Biografie nicht ganz gerecht, meint Nicholas Fox Weber. Jonathan Ames' Roman "Wake Up, Sir!" (Kostprobe) erinnert Henry Alford an die Jeeves-Romane von P.G. Wodehouse. Besonders angetan hat es ihm die Hauptfigur, ein neurotischer, jüdischer, dem Alkohol zugeneigter Schriftsteller, der von sich selbst sagt: "Selbst-zerstörerisch, selbst-versunken, selbst-süchtig, selbst-verliebt? Alles mit 'selbst' und einem Bindestrich bin ich." Strobe Talbott empfiehlt Jack F. Matlock Jrs. "Reagan and Gorbachev" (hier das erste Kapitel) als wirkungsvolles Mittel gegen den Reagan-Heiligenkult. Iain Calder schreibt in "The Untold Story" zwar über sein eigenes Blatt (Calder war lange Jahre der Herausgeber des Boulevardblatts National Enquirer), aber mit seinem Lob hat er Recht, wie Bruce Handy findet.

Im Aufmacher des New York Times Magazine Peter Maass auf elf Seiten den Ölmilliardär Vagit Alekperow, nach dem Fall Chodorkowskys der mächtigste Oligarch in Russland - und wohl auch der klügste: "Ich stehe Putin nicht nahe, aber ich behandele ihn mit großem Respekt."

Weiteres: Sheryl Gay Stolberg erklärt, warum die Republikaner in dem Demokraten Tom Daschle, Senator von South Dakota, ihren Hauptfeind wittern. Und John Hodgman verkündet feierlich, dass Susanna Clarkes ''Jonathan Strange & Mr. Norrell" der Harry Potter für Erwachsene werden wird (selbst davon überzeugen kann man sich hier, im pdf-Format).

Magazinrundschau vom 26.07.2004 - New York Times

Die Diskussion über das Imperium der Vereinigten Staaten von Amerika läuft auf Hochtouren. In dieser Ausgabe nimmt sich die New York Times Book Review der vier wichtigsten neuen Büchern zum Thema an, und keines kommt ungeschoren davon.

Als "den bisher ambitioniertesten Versuch, historische Analyse mit dem derzeitigen Weltgeschehen zu verbinden", lobt John Lewis Gaddis den Band des englischen Historikers Niall Ferguson, der den USA ein schlechtes Zeugnis im imperialen Benehmen ausstellt. Trotz bedenkenswerter Argumente leide "Colossus" (erstes Kapitel) aber unter Widersprüchen, wundersamen Abschweifungen und Fehlern. Für eine euphemistische Mogelpackung hält Ronald Steel Michael Ignatieffs Gedanken zu einem politisch-ethischen Kodex in den Zeiten des modernen Terrors. Denn anstatt Folter, Angriffskriege oder gezielte Tötungen zu verbieten, liefere Ignatieff in "The Lesser Evil" (erstes Kapitel) ein "elegant verpacktes Handbuch für nationale Selbstgerechtigkeit".

Francis Fukuyama (mehr) hat für "Multitude" (Leseprobe), das neue Buch der neomarxistischen Denker Michael Hardt und Antonio Negri (bei uns bekannt durch "Empire"), nur ein Kopfschütteln übrig. "Die Schwammigkeit der Analyse kann gar nicht genug betont werden." Nahezu uneingeschränkte Zustimmung erfährt einzig Hugh Thomas' "Rivers of Gold" (erstes Kapitel), das die kurze Ära der spanischen Eroberer wieder aufleben lässt. Paul Kennedy staunt: "Er scheint alle verfügbaren Quellen gelesen zu haben." Schließlich kann ein Gespräch angehört und gelesen werden, dass Paul Kennedy und John Lewis Gaddis über die neue Weltordnung geführt haben.

In den übrigen Besprechungen stellt Mark Kamine Debütromane vor, Judith Martin widmet sich Sally Bedell Smiths Schilderung der königlichen Aura der Kennedys, und Carlo D'Este empfiehlt Norman Davies Untersuchung des gescheiterten Warschauer Aufstandes gegen die deutschen Besatzer im August 1944.

Matt Bai stellt in der Titelgeschichte des New York Times Magazine die neue Generation von Demokraten vor, die an einer riesigen linksliberalen Revolution und der Neuerfindung der Demokratischen Partei tüfteln. Stephen Mihm fragt sich, ob die neue Generation nichttödlicher Waffen den Krieg wirklich sicherer machen. Christopher Caldwell denkt über die Zauberformel "Integrität" nach, die zwar nichts mehr bedeutet, die aber alle Politiker anstreben. Sam Schechner überlegt, woran die einst übermächtige Deutsche Küchenschabe gescheitert ist. Und Deborah Solomon lässt sich vom Schriftsteller Carl Hiaasen erklären, warum Florida schäbiger ist als man es beschreiben kann.

Magazinrundschau vom 19.07.2004 - New York Times

"KRIEG DICH WIEDER EIN!" rät John Leonard seinem Kollegen Dale Peck, dessen "Hatchet Jobs" eine einzige Fatwa gegen die schreibende Zunft der vergangenen Jahrzehnte sei. Peck glaubt, notiert Leonard, "dass die westliche Literatur mit James Joyce auf die schiefe Bahn geraten, mit Don DeLillo völlig zusammengebrochen und im Ganzen auf den Müll zu werfen ist. Seinem Kollegen Sven Birkerts widmet Peck alleine "über 30 verächtliche Seiten, wegen des Delikts und der Erzsünde der Großzügigkeit in der literarischen Kritik." (Hier einige Kritiken Birkerts zum Nachprüfen.) "Das ist keine Kritik. Es ist nicht mal Performancekunst. Es ist Rowdytum." Passend dazu Laura Kipnis schöner Text über "Peck The Knife" auf Slate.com.

"Drei Geister der Demokraten" und Fast-Präsidenten der Vergangenheit sind angetreten, um John Kerry zu erzählen, wie man es besser macht, stöhnt Ryan Lizza, der die drei Ratgeber recht reserviert bespricht. "Grandios" findet dagegen Terrence Rafferty "The Tyrant's Novel" (erstes Kapitel) von Thomas Keneally, wo ein offenkundig irakischer Schriftsteller mit der unmoralischen Auftragsarbeit des Diktators kämpft. Die neuen Geschichten der deutschstämmigen Ruth Prawer Jhabvala drehen sich wieder einmal um kulturell heimatlose indische Mittelschichtler, seufzt Pankraj Mishra. Für ihn bezeugen "My Nine Lives" (erstes Kapitel) vor allem die Weltentfremdung der Autorin. Alle halbe Stunde kommt in den USA ein belletristisches Buch auf den Markt, stellt Laura Miller schließlich in ihrer Kolumne fest und fragt sich, wer das noch alles lesen soll.

Im New York Times Magazine schaudert Walter Kirn ob der Aussicht auf ein Medikament, dass Untreue kurieren soll. Lawrence Osborne begibt sich nach Hawaii, um dort von Traumwissenschaftler Stephen LaBerge in einem 9-Tage-Kurs zu lernen, wie man seine Träume kontrolliert. Lisa Belkin widmet sich einer neuen Zivilisationskrankheit, der "Aufmerksamkeits-Defizit-Störung". Und Pat Jordan versucht herauszufinden, warum der 22-jährige Baseballer Matt Harrington ein Multimillionen-Dollar Angebot der ersten Liga ausgeschlagen hat und jetzt in der Provinz spielt.

Magazinrundschau vom 12.07.2004 - New York Times

Alan Wolfe sieht die Flut von Polemiken, die den politischen Diskurs in die Buchhandlung verlagert haben, als Rückgriff auf die Tradition der Federalist Papers. "Lange vor der Dekonstruktion waren wir begeistert von einer Hermeneutik des Verdachts. Es gab Parteinahme, bevor wir überhaupt Parteien hatten. Unsere Verfassungsväter warnten vor den Gefahren der Fraktionen, weil wir so selten zusammenhielten." Michael Moore (mehr), Anne Coulter (mehr) & Co beweisen Wolfe, dass die etablierten Eliten und Institutionen nicht mehr in der Lage sind, den nötigen Konsens herzustellen. In einer Präsentation sind einige Zitate aus den neuen Pamphleten versammelt, deren Schärfe man hierzulande nicht gewohnt ist. Mitglieder der Regierung werden mal als Fanatiker bezeichnet, mal mit Hitler verglichen, und ihr Vorgehen firmiert unter "Bushs-Mittelfinger-Politik".

Respektlos, aber witzig ist Christopher Buckleys Stichwortverzeichnis zu Bill Clintons Biografieschmöker, von A wie "Angelou, Maya: liest fürchterliches Gedicht bei Clintons Vereidigung" bis zu "Frau, diese: siehe auch Monica Lewinsky".

Weitere Artikel: Eine intelligent präsentierte "Horde Bilder" die tausendfach belohnen, verspricht Thomas Hoving den Lesern von "Red Grooms", der "bisher beste" Band über den Zeichner, der New York "so perfekt einfängt, dass wir manchmal vergessen, Kunst zu betrachten und nicht die Stadt selbst" (hier einige Beispiele). Philip Caputo bedauert, dass Ex-General Tony Zinni seine Erinnerungen "Battle Ready" (erstes Kapitel) unbedingt mit der Hilfe von Tom Clancy schreiben musste. Als hervorragendes Buch über das Geschäft mit High End Restaurants und "erstaunlich lesbar" empfiehlt Adam Platt "Sirio", in dem Sirio Maccioni die Geschichte seines Esstempels "Le Cirque" erzählt.

In Hochform präsentiert sich das New York Times Magazine. In einer formidablen Titelgeschichte kündigt Charles McGrath die Graphic Novel als Literatur der Zukunft an. In der Herstellung verfahren Art Spiegelman (mehr) und Kollegen aber eher altmodisch. "In gewisser Hinsicht sind Graphic Novels fast ein primitives Medium und benötigen eine Menge Handarbeit: Zeichnen, Tuschieren, Einfärben und Beschriften, fast alles von Hand (auch wenn einige Künstler mit Computerzeichnen experimentieren). Es ist, als ob ein traditioneller Romancier seinen Ausdruck nehmen und ihn dann Wort für Wort kopieren müsste, wie ein federschwingender Mönch in einem mittelalterlichen Kloster. Für einige Zeichner sind vier oder fünf Bilder eine gute Tagesleistung, und sogar ein bescheiden bemessenes Buch kann Jahre brauchen, bis es fertig ist." In einem interaktiven Feature sprechen Heroen der Gattung schließlich selbst über ihre Arbeit.

Deborah Solomon wagt sich in die Höhle des Löwen und interviewt William F. Buckley, Konservativer und Gründer der honorablen National Review. "- NYT: Müssen Sie immer so clever sein? - W.F. Buckley: Mit der Alternative kenne ich mich nicht aus. - NYT: Und warum sind konservative Autoren grundsätzlich witziger als liberale? - W.F. Buckley: Da bin ich mir nicht sicher. Karl Marx war ein Knüller, hab ich gehört."

Weiteres: Robert S. Boynton schildert den Kampf zwischen dem "Guerilla-Dokumentarfilmer" Robert Greenwald und Fox News. Ersterer hat aus unveröffentlichtem Material und internen Memos ein Stück über den Murdoch-Sender gemacht, und hofft, mit einem Schnellstart dem Verbot seines Films zuvorzukommen. Peter Landesmann grübelt über die Unklarheiten und auch den Sinn des lang vorbereiteten Prozesses gegen Saddam Hussein. Und Ted Widmer freut sich über das überfällige Revival des amerikanischen Gründervaters Alexander Hamilton.