Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 15.11.2005 - New York Times

Caravaggios "Taking of Christ" wurde 1603 in Rom für stolze 125 Scudi verkauft. der Maler war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Als das bis dahin vergessenen Bild 1921 in Edinburgh für lausige acht Guineas unter den Hammer geriet, wurde es für das Werk eines unbekannten Holländers gehalten. Jonathan Harrs Bericht "The Lost Painting" (erstes Kapitel), wie eine italienische Kunststudentin es 1990 wieder aufspürte, liest sich besser als ein Thriller, versichert Bruce Handy. "Wir bekommen hier C.S.I. für Historiker serviert."

A. O. Scott verfasst eine leidenschaftliche Suada nicht nur gegen den National Book Award, der am Mittwoch verliehen wird (hier die Finalisten), sondern gegen das grassierende Auszeichnungswesen überhaupt. "Es wird niemandem entgehen - nicht einmal den 'Gewinnern' - dass die bloße Idee der Vergabe von Medaillen und Preisgeldern für eine ästhetische und intellektuelle Leistung absurd ist, wenn nicht gar obszön. Desweiteren wird die Auswahl unweigerlich die Fäulnis des literarischen Status Quo anzeigen, der entweder hoffnungslos schwerfällig und abgekapselt ist oder von modischen außerliterarischen Überlegungen bestimmt wird, gefesselt also entweder von konservativer Selbstgefälligkeit oder politischer Korrektheit."

Weitere Artikel: David Orr diskutiert salomonisch elitäre und populäre Reaktionen auf Garrison Keillors erfolgreiche Lyrikanthologie "Good Poems". Am Nachfolgeband stört ihn nun aber Keillors Behauptung, der Sinn von Gedichten liege darin, uns Mut zu machen. "Das ist nicht Zweck der Poesie, dafür gibt es Scotch. Zweck der Poesie ist die Poesie." Ansonsten schneiden zwei historische Bände recht gut ab: Gordon S. Wood lobt Sean Wilentz' "monumentale" Studie "The Rise of American Democracy" und Max Boot verneigt sich vor David Reynolds, der in "In Command of History" schildert, wie Winston Churchill den Zweiten Weltkrieg und vor allem seine Rolle darin in seiner historischen Aufarbeitung beschönigte (erstes Kapitel).


Das Kino bestimmt diese Ausgabe des New York Times Magazine. Charles McGrath diskutiert die christliche Grundierung von C.S. Lewis' Fantasy-Zyklus "The Chronicles of Narnia", dessen erster Teil demnächst unter der Ägide von Disney in die Kinos kommt. Lewis' Glaube zeige sich nicht nur zwischen den Zeilen, etwa in der Figur des Löwenkönigs Aslan. "Aslan ist schrecklich und schön zugleich, ernst aber voller Liebe, sein Atem duftet nach Weihrauch, und sein bloßer Anblick bringt die meisten Wesen zum Erzittern. Er ist nichts weniger als Gottes Sohn, der stirbt und dann wieder aufersteht, und über die sieben Bände hinweg die Kinder immer wieder testet, sie aber letztlich rettet und in die ewige Sciherheit führt - alle außer Susan, die sich zu sehr für 'Nylonstrümpfe und Lippenstift und Einladungen' zu interessieren beginnt."

Der Rest des Heftes ist der filmischen Verarbeitung des Irakkriegs gewidmet. Tom Bissell sichtet Dokumentarfilme zum aktuellen Konflikt, und findet keinen so überzeugend wie "The Dreams of Sparrows" von Hayder Mousa Daffar, der Bagdad porträtiert. "Dies ist eine Stadt voller bewaffneter Männer und modischer Frauen, die nervös in ihren Wohnungen Kette rauchen, eine Stadt, in der Kinder einer Privatschule Kritzelbilder hochhalten und sagen 'Hier zielt der Panzer auf den Hubschrauber, und sie feuern mit Granaten und Raketen aufeinander.'"

Weiteres: A. O. Scott meint, dass George Clooney nun die Rolle des liberalen Helden einnimmt, die Warren Beatty und Robert Redford in den 70ern innehatten. Lynn Hirschberg ergründet, wie sich der Schauspieler Peter Sarsgaard auf die Rolle als Scharfschütze der Marines vorbereitet hat. Peter de Jonge beobachtet, wie der Vietnam-Veteran Dale Dye Darsteller auf den Krieg vor der Kamera vorbereitet. Matt Bai gesteht dem überwiegend demokratischen Hollywood zu, in Sachen Irakkrieg die Lage schnell realistisch eingeschätzt zu haben.

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - New York Times

D. T. Max beschäftigt sich im New York Times Magazine mit der relativ neuen Disziplin des literarischen Darwinismus. Deren Vertreter suchen in Büchern nach grundlegenden menschlichen Verhaltensweisen. Jane Austens "Stolz und Vorurteil" ist für sie eine wahre Schatzkammer und hat eine ähnliche Bedeutung wie die Fruchtfliege für Genetiker. "Die meisten Frauen in dem Buch bemühen sich, Männer von hohem Status zu heiraten, was sich mit dem darwinistischen Gedanken deckt, dass Weibchen nach Männchen suchen, deren Rang den Erfolg ihres Nachwuchses sichern wird. Gleichzeitig konkurrieren die Männer üblicherweise um die hübschesten Frauen, was mit der These Darwins übereinstimmt, dass Männchen Jugend und Schönheit als Zeichen reproduktiver Fitness ansehen. Darcys und Elizabeths Hin und Her verdeutlichen die Anstrengungen, die Männchen und Weibchen unternehmen, um zwischen kurzzeitiger Anziehung (ein kesser Gang, ein hübscher Geck), und langfristiger Zweckmäßigkeit (Stabilität, Verpflichtung, Reichtum, grundsätzliche Gesundheit) zu unterscheiden."

Weiteres: David Rieff diskutiert, ob Amerikas Grenzen offen bleiben sollen. Lisa Belkin porträtiert den Kinderarzt Holmes Morton als Mediziner der Zukunft. Morton studiert an seinen Patienten von den isolierten Amish People und Mennoniten seltene Erbkrankheiten und entwirft, basierend auf dem jeweiligen Genbild, individuelle zugeschnittene Therapien, die das Ausbrechen dieser Krankheiten von vornherein verhindern sollen. Alex Witchel stellt Sarah Smiley vor, die in ihrer Zeitungskolumne die Ängste einer Soldatengattin formuliert. Lawrence Ferlinghetti, 86-jähriger Eigentümer des legendären City Lights-Buchladens in San Francisco, klärt Deborah Solomon darüber auf, dass die Beatniks mit ihren Perfomances den Rappern den Weg gewiesen haben.

In der Sunday Book Review kann Terence Rafferty Gabriel Garcia Marquez' "aufgeweckte, perverse kleine Fabel" "Memories of my Melancholy Whores" (hier die deutsche Ausgabe) über einen alten Mann, der für alle Frauen seines Lebens bezahlt hat, nur empfehlen. David Brooks erfährt aus Jerome Karabels Untersuchung der amerikanischen Meritokratie "The Chosen" (erstes Kapitel), wie die Abgänger der amerikanischen Eliteuniversitäten die Aufnahmekriterien so modifiziert haben, dass auch ihrer Kinder wieder nach Yale und Harvard kommen. Charles Peters leuchtet James T. Pattersons historischer Abriss "Restless Giant" der amerikanischen Jahre von Watergate bis zum ersten Wahlkampf George Bushs durchweg ein. "Und Rachel Donadio erzählt ein paar Anekdoten rund um Bücher von Politikern.

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - New York Times

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist die aktuelle Literatur rund um den Irak-Krieg. Als "packende" Chronik der Vorgeschichte, des Verlaufs und der Folgen der Invasion empfiehlt Fareed Zakaria George Packers "The Assassins Gate" (erstes Kapitel). Zakaria bewundert die nüchterne Zurückhaltung, mit der Packer die Arroganz des Verteidigungsministeriums beschreibt, die zu fatalen Fehleinschätzungen führte. "Rumfelds Sprecher Larry di Rita reiste im April 2003 nach Kuwait, um den amerikanischen Beamten dort mitzuteilen, dass das Auswärtige Amt schon in Bosnien und dem Kosovo gepfuscht habe und dass die Bush-Regierung deshalb die Macht an die Iraker übergeben und spätestens nach drei Monaten das Land wieder verlassen wolle."

James Traub bespricht zwei Bände, in denen Argumente für den Krieg aufgeführt werden, jeweils von Linken und Konservativen. In Thomas Cushmans "A Matter of Principle" beeindruckt Traub ein Beitrag des polnischen Journalisten Adam Michnik, der den Einsatz von Gewalt für die Verteidigung der Menschenrechte mit folgenden Worten rechtfertigt. "Ich kann mich an keinen Text von mir erinnern, in dem behauptet wird, man sollte Hitler ohne Waffen bekämpfen. Ich bin kein Idiot. In Saddams Staat gab es nur einen Platz für die Opposition - den Friedhof."

Robert F. Worth stellt einen Leseleitfaden mit Klassikern für angehende Irakreporter zusammen. Und Dexter Filkins liest Michael Goldfarbs "Ahmad's War, Ahmad's Peace", mit dem Goldfarb an seinen irakischen Übersetzer Ahmad Shawkat erinnert, der im Oktober 2003 ermordet wurde.

Somini Sengupta berichtet im New York Times Magazine aus Nepal, wo die letzten hundertprozentigen Kommunisten der Erde für die Revolution kämpfen. "Der Guerillakrieg der Maiosten, der von kleinen Kämpfern in Flip-Flop-Springerstiefeln geführt und von der Wut gegen die lange Unterdrückung aufgrund von Kasten und ethnischer Zugehörigkeit genährt wird, begann vor fast zehn Jahren in den Dörfern des Rolpa-Bezirks, im westlichen Vorgebirge des Himalaya. Seitdem hat er eine eigentümliche Mischung aus Terror und Verlangen über das Land getragen, mehr als 12.000 Menschenleben gefordert und ist zu der wahrscheinlich ausdauerndsten und ruinösesten kommunistischen Erhebung in der Welt geworden."

James Traub macht einige Verbesserungsvorschläge für das katastrophale Image der USA im Ausland. Roger Lowenstein schildert, wie die großen Unternehmen die betriebseigene Altersvorsorge gegen die Wand gefahren haben. Maureen Dowd diskutiert das paradoxe aktuelle Frauenbild. Und Deborah Solomon unterhält sich mit dem ehemaligen Leibkoch von George und Barbara Bush Ariel de Guzman über die kulinarischen Vorlieben seiner Schutzbefohlenen.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - New York Times

Der Büroarbeiter des 21. Jahrhunderts verbringt im Durchschnitt nur etwa 11 Minuten mit einer Aufgabe, dann unterbricht ihn ein Anruf oder eine E-Mail und er fängt mit etwas Neuem an. Für das New York Times Magazine hat Clive Thompson Wissenschaftler besucht, die mit großem Aufwand Einfachheit und Ordnung in das Leben der Computerarbeiter bringen wollen. Etwa mit einem E-Mail-Programm, dass die Dringlichkeit einer Nachricht einschätzt. "Als Mary Czerwinksi das Programm zum ersten Mal ausprobierte, verschaffte es ihr drei Stunden ununterbrochenes Arbeiten, bevor es sie mit einer Nachricht belästigte. Die Software bestimmte auch, zur Überraschung zumindest eines Microsoft-Angestellten, dass E-Mail-Botschaften von Bill Gates nicht unbedingt dringend waren. Gates schreibt gerne lange, diskursive Texte, über die seine Angestellten dann meditieren sollen." Hier eine Seite mit Ordnungstipps für Leute, die nicht auf die Wissenschaft warten wollen.

Weitere Artikel: Sean Wilentz verlegt die Anfänge der aktuellen republikanischen Politik zurück auf die Etablierung der Whig Party im Jahr 1830. Jon Gertner beschreibt, wie riesige Baufirmen wie die Toll Brothers mit am Reißbrett entworfenen Luxussiedlungen das Hinterland Amerikas verändern. Und auf den Funny Pages wartet der fünfte Teil von Elmore Leonards gar nicht so lustiger Erzählung "Comfort to the Enemy".

Vorsicht! "Dies ist kein Coffeetable-Kunstband", warnt John Updike in der Book Review. In Jed Perls "New Art City" (erstes Kapitel) über die Hochphase der New Yorker Kunst in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Bilder) und ihre Nachwirkungen gibt es auf 550 Seiten zwar viele Abbildungen, aber sie sind klein und schwarz-weiß. Dafür entschädigt Perl, Kritiker bei New Republic, seine Leser mit einer "überwältigenden Kenntnis" der Szene von Willem de Kooning 1948 bis Donald Judd 1982. Und er teilt gerne aus, etwa gegen Jackson Pollock: "'ein Künstler mit einer fein abgestimmten, ziemlich kleinen lyrischen Begabung', der von seinen vielen Unterstützern und Massen an Publicity profitierte. Gegen Ende der 40er 'wurde die Technik des Tröpfelns und Schleuderns der Farbe, die Pollock von den Surrealisten geborgt hatte, repetitiv, ein Gewirr von Linien ("Lavender Mist"), das die Leinwand ein bisschen zu effektiv auffüllt'."

Weiteres: Jonathan Teppermann wagt eine Synopse der aktuellen Werke zur amerikanischen Außenpolitik, die sich in zwei Klassen aufteilen: auf der einen Seite die Bücher mit der einen, großen, sexy Idee, die Bush und Cheney gefallen, sich für die wirkliche Politik aber nicht eignen, auf der anderen Seite die komplizierten, abwägenden Argumentationen, die zwar trocken, aber realitätsnäher sind. Anthony Gottlieb erfreut sich an Tony Judts Arbeit "Postwar", in der der Historiker in ungeheurer Detailtiefe die erstaunliche Entwicklung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg schildert. Gottlieb staunt: "Was einst wie die zuckenden Glieder eines Sterbenden aussah, war in Wirklichkeit der Beginn neuen Lebens."

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - New York Times

Für das New York Times Magazine berichtet Elizabeth Rubin aus Afghanistan und von den Frauen, die sich um einen Sitz im Parlament bewerben. Dabei stößt sie auch immer wieder auf Landays, zweizeilige Kurzgedichte, die von den Frauen üblicherweise beim Wasserholen, Waschen, oder auf Hochzeiten rezitiert werden. "Sie sind körperlich und brutal, leidenschaftlich und direkt. Eines, das ich im vergangenen Monat einige Male zu hören bekam, war fast eine Drohung an den Geliebten. Es zeigt, wie tief verwurzelt das Gefühl der Stammesehre sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist. 'Hast Du keine Wunde in der Mitte Deiner Brust, werde ich gleichgültig bleiben, selbst wenn Dein Rücken durchlöchert ist wie ein Sieb.'"

Weitere Artikel: Noah Feldman hofft, dass die Iraker bei der Abstimmung über die Verfassung der Demokratie ihre Sympathie erweisen, wenn schon nicht den Amerikanern. Michael Kimmelman besucht den Maler Raymond Pettibon, der glaubt, seine Kunst sei leichter zu verstehen als die meisten Gedichte. Michael Lewis besucht New Orleans und schickt eine Reportage aus der Stadt seiner Jugend. Deborah Solomon plaudert mit Intellektuellenliebling und Regisseur Noah Baumbach über seinen Film "The Squid and the Whale". Auf den Funny Pages gibt es das vierte Kapitel von Elmore Leonards Erzählung "Comfort to the Enemy".

Aufmacher der New York Times Book Review ist die Besprechung von Joan Didions Buch "The Year of Magical Thinking", in dem sie den Tod ihres Mannes verarbeitet. Trotzdem zieht das Buch den Leser nicht runter, versichert Robert Pinsky. "Ihre Art ist verdammt komisch, sie säbelt die Banalität mit einem Stil weg, der rücksichtslos und doch akribisch ist."

Magazinrundschau vom 04.10.2005 - New York Times

1936 konnte Max Schmeling seinen Erzrivalen Joe Louis noch auf die Bretter schicken, 1938 musste er nach nur 122 Sekunden und drei Niederschlägen selbst aufgeben. David Margolicks historische Reportage "Beyond Glory" zu den beiden Kämpfen bejubelt Joye Carol Oates als Schwergewicht von einem Buch, das wahrscheinlich definitive Werk zu einem sportlichen und politischen Weltereignis. "Als der zweite Kampf im Juni 1938 im Yankee Stadion ausgetragen wurde, in dem der 24 jährige amerikanische Schwarze und Titelverteidiger Louis gegen den 32-jährigen Schmeling, Starsportler der Nazis, antrat, ging es ebenso um die Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und Nazideutschland wie um den Kampf zwischen zwei begnadeten Athleten. Fast 70.000 Zuschauer und geschätzte 100 Millionen Menschen, die das Ereignis vor dem Radio verfolgten: 'das größte Publikum, das es jemals gab.'" Zur Einstimmung die beiden Originalartikel zu den Kämpfen 1936 und 1938 aus der New York Times.

"Alles deutet darauf hin, dass Michelangelo Merisi, Schläger, Gangmitglied, Mörder und großartiger Maler, bekannt als Caravaggio, leicht zu verärgern war", schließt Christopher Benfy aus Francine Proses "flotter" Biografie des italienischen Barockkünstlers ("Caravaggio"). "Es gibt da die kleine Geschichte von dem entgleisten Tennisspiel. Wir wissen alle, dass Tennis frustrierend sein kann, aber Caravaggios Match endete mit dem Mord an seinem Gegenspieler."

Weitere Besprechungen: In J.M. Coetzees Werk fühlt sich Ward Just wie in einer romanischen Kirche an einem Novembertag. Der neue Roman "Slow Man" stehe nun den Vorgängern in Exaktheit und Kühle in nichts nach, aber diesmal glaubt Just, "ein Banjo im Chor zu hören". Rick Moodys "The Diviners" (erstes Kapitel) beschreibt den Entstehungsprozess einer Fernsehserie, in der die ewige Suche des Menschen nach Trinkwasser dargestellt werden soll. Hört sich nach nicht viel an. Aber wenn es wie hier darum geht, "ein Figurenensemble in den Fängen einer angenehmen Hysterie zu schildern", ist Moody in seinem Talent, bezeugt zumindest Stephen Metcalf.


New York ist das wahre politische Gravitationszentrum der USA, behauptet das New York Times Magazine und belegt dies in einer Reihe von Artikeln. Sam Tanenhaus sieht die denkwürdige Bürgermeisterkandidatur von William F. Buckley 1965 als Wendepunkt der amerikanischen Politik. "Es war seltsam genug, dass Buckley, Autor, Chefredakteur der National Review, Kolumnist, Redner und Störenfried - bar jeglicher Erfahrung in praktischer Politik - sich um diesen undankbarsten aller Jobs bemühte. Noch merkwürdiger war, dass sein Wahlkampfstil zu Vergleichen mit Oscar Wilde, Evelyn Waugh, Noel Coward und Mort Sahl einlud. Aber wirklich verrückt war die Tatsache, dass er ernst genommen wurde."

Weiteres: Russell Shorto beharrt darauf, dass der Liberalismus - zumindest die amerikanische Variante - in Manhattan erfunden wurde. Matt Bai warnt die bisher fehlerfreie Hillary Clinton vor neuen Fallstricken in der demokratischen Politik. James Traub vergleicht den Stil des gegenwärtigen Bürgermeisters Michael Bloomberg mit dem seines demokratischen Herausforderers Fernando Ferrer. Auf den Funny Pages wartet der dritte Teil von Elmore Leonards Fortsetzungserzählung "Comfort to the Enemy".

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - New York Times

In diesen wenig gloriosen Zeiten kommt Walter Kirn ein erfolgreicher amerikanischer General wohl ganz recht. Jedenfalls lobt er E. L. Doctorows Nacherzählung des letzten Feldzugs des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 "The March" (erstes Kapitel) in den Himmel. "Historische Romane müssen ohne die übliche Spannung auskommen, die uns durch die Ereignisse treibt. Statt dessen müssen sie uns einfangen, halten und tragen, so wie eine Schlange eine Maus verdaut, in rhythmischen Muskelstößen, die gleichzeitig schieben und ziehen. Nennen wir es peristaltisches Erzählen. E. L. Doctorows packender fiktionaler Report über den letzten Feldzug General William Tecumseh Sherman durch die Städte und die Dörfer der Südstaaten funktioniert genauso - ein Erzählstil, wie er passender nicht sein könnte, weil er die Art veranschaulicht, wie Shermans Eroberungsheer sich bewegte, wie ein höllischer Raubwurm oder eine fleischfressende Schnecke."

Das Entdecken von Fehlern ist bei Filmen schon zu einem beliebten Zuschauersport geworden. Aber auch jedes Buch ist voll davon, meint Nora Krug. Aus den weiteren Besprechungen: John Berendts erstes Buch ("Midnight in the Garden of Good and Evil") über die amerikanische Kleinstadt Savannah, stand mehr als vier Jahre auf der Sachbücher-Bestsellerliste der New York Times ". Und obwohl Berendt in "The City of Falling Angels" (erstes Kapitel) diesmal aus Venedig berichtet, wird er sich damit nicht annähernd so lange halten können, unkt Adam Goodheart. Recht freundlich bespricht Garrison Keillor Paul Hemphills Biografie "Lovesick Blues" über den Country-Musiker Hank Williams. Freundlich auch, dass es Williams-Klassiker wie den "Lovesick Blues", "Move It On Over", "Your Cheatin' Heart" und "Hey Good Lookin" in Auszügen als mp3 zu hören gibt. Ja, auch in den Schulen ist Amerika zwischen Arm und Reich und Schwarz und Weiß geteilt, gesteht Nathan Glazer zu nach der Lektüre von Jonathan Kozols "The Shame of the Nation". Kozols Begründungen kann er aber ebenso wenig folgen wie den Lösungsvorschlägen.

Mehr Demokratie bedeutet in der Türkei traditionellerweise mehr Islamismus, weiß Christopher Caldwell, den die bevorstehenden Beitrittsgespräche der EU mit der Türkei zu einem kompakten Ausblick im New York Times Magazine auf die politische Zukunft des Landes veranlassen. "Nationalismus ist jetzt die plausibelste Alternative zur A.K.P. (Tayyip Erdogans pro-islamischer Partei). Ein böses Erwachen für die alten Verbündeten der Türkei, die alle noch dem Glauben anhängen, dass eine kemalistisch 'loyale Opposition' den Enthusiasmus der A.K.P. 'dämpfen' wird oder dass das Land die Möglichkeit hätte, zu dem halbdemokratischen, westlich-orientierten Regime zurückzukehren, das der freien Welt so gut in den Kram passte. (...) Europa und die USA sind mit der offenen Frage konfrontiert, ob die Reform dieses Staates nach den Wünschen der Gesellschaft zu irgendetwas anderem führen kann als zu einer islamischen Republik."

Abgedruckt ist ein Auszug aus Joan Didions demnächst erscheinenden Buch "The Year of Magical Thinking" über den Tod ihres Mannes. Lynn Hirschberg porträtiert den Modedesigner Alber Elbaz, der das lange vor sich hin kränkelnde franzöische Haute-Couture-Haus Lanvin verjüngt und wiederbelebt hat. Michael Ignatieff identifiziert die gestörten Beziehungen zwischen Staat und Bürgern als schlimmste Folge von Katrina. Deborah Solomon unterhält sich mit Stephen Colbert, der seinen erfolgreichen "renommiert idiotischen" Nachrichtensprecher nun in einer eigenen Show geben wird (Vorschau). Auf den neu eingerichteten Funny Pages ist der zweite Teil von Elmore Leonards Erzählung "Comfort to the Enemy" zu lesen.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - New York Times

Ted Widmer, Leiter des C. V. Starr Center for the Study of the American Experience, macht sich in einem Brief aus Istanbul Sorgen über den Verkaufserfolg des türkischen Thrillers "Metal Firtina" (Metal Storm), in dem ein Krieg der USA gegen die Türkei im Jahr 2007 heraufbeschworen wird. Antiamerikanische Fantasien haben bei Amerikas wichtigem Verbündeten Hochkonjunktur. "Eine türkische Zeitung stellte kürzlich fest: 'Zu keinem Zeitpunkt der türkischen Geschichte gab es eine derartige Antipathie gegen die Vereinigten Staaten.' Der amerikanische Botschafter in der Türkei musste offenbar Wissenschaftler bemühen, die bewiesen, dass der Tsunami in Asien vergangenen Winter nicht von einer amerikanischen Nuklearexplosion verursacht wurde. (Die kulturellen Missverständnisse gehen auch in die andere Richtung; die Fernsehserie 'West Wing' porträtierte die Türkei vor kurzem als Land, in dem Frauen geköpft werden, weil sie Sex mit ihrem Verlobten hatten)."

Mit dem vor 25 Jahren geschriebenen und nun postum erschienenen, trashigen Roman "Fan-Tan" (erstes Kapitel) von Marlon Brando hat Joe Queenan offensichtlich einen Heidenspaß gehabt. "'Ein paar derbe Szenen ausgenommen - in einer entleert sich die Heldin auf der Brust des Helden, in einer anderen benutzt der Held gestohlene Perlen als Liebeshilfe beim Rendezvous mit seiner Geliebten - ist das die Art von Roman, den man locker einem Teenager zum Geburtstag schenken könnte. Mit einem Haufen verwegener, blutrünstiger Piraten, skrupelloser Kriegsherren, pikaresker Huren, unbestechlicher Sikh-Leibwächter und aphrodisierender Mineralien ist 'Fan-Tan' vor allem - eine herrliche Spinnerei."

Frank Rich ist ganz begeistert von Zadie Smith' neuem Roman. In "On Beauty" (Leseprobe) sieht er eines der wenigen komischen Bücher, die den Kulturkampf in den USA mildern können, weil beide Seiten schmunzeln müssen. Arthur Schlesinger jr. erinnert an den Theologen Reinhold Niebuhr (1892-1971), dessen ambivalentes Menschenbild in diesen wild religiösen Zeiten von Nutzen sein könnte. Niebuhr selbst erklärt es kurz: "Die Fähigkeit des Menschen zur Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zu Ungerechtigkeit hingegen macht Demokratie notwendig." Sarah Glazer offenbart, dass nach den Mangas, die eher von Jungs gelesen werden, jetzt auch die für das weibliche Publikum gedachten Shojos weggehen wie warme Semmeln.

Für das New York Times Magazine porträtiert James Traub die NGO Bono, auch als Sänger von U2 bekannt. "Er ist eine seltsame Erscheinung, dieser Rock Star mit dem Stoppelbart und den getönten Gläsern - ein neuer und bisher unerforschter Planet in einer sich gerade herausbildenden Galaxie aus transnationalen, multinationalen und subnationalen Organisationen. Er ist eine Art Ein-Mann-Staat der seine Haushaltskasse mit der globalen Währung des Ruhms füllt. Natürlich ist er auch eine Emanation des Starkults. Aber es ist Bonos Bereitschaft, seinen Ruhm einzusetzen, mit einer zielgerichteten Beständigkeit und einer Toleranz für Einzelheiten, die ihn zur politisch einflussreichsten Figur in der jüngeren Popgeschichte gemacht haben."

Weiteres: "Alle Teenager sind Dogmatiker, ein Teenager mit einer Bibel ist einfach nur ein konsequenterer Teenager." Mark Lilla besucht eine Massenpredigt von Billy Graham, und erinnert sich dabei an seine sieben Jugendjahre als Evangelikaler. Jonathan Dee widmet sich dem Regisseur David Cronenberg, der es einfach nicht schafft, sich dem Mainstream hinzugeben und richtig Geld zu verdienen. Und Deborah Solomon unterhält sich mit dem Begründer der afro-amerikanischen Geschichtsforschung John Hope Franklin über das Rassengefälle in den USA.

In der neu eingerichteten Sektion "Funny Pages" wird der erste Part der 14-teiligen Fortsetzungsgeschichte "Comfort to the Enemy" veröffentlicht, die Krimischriftsteller Elmore Leonard (Website) exklusiv für das Magazine verfasst hat. "Ein deutscher Kriegsgefangener des Lagers mit dem Namen Deep Fork hatte sich das Leben genommen, er hat sich in der vorvorherigen Nacht im Waschraum der Anlage erhängt." Dazu gibt es einen mp3-Podcast mit Leonard im Interview.

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - New York Times

Vier Jahre nach 9/11 zieht Mark Danner im New York Times Magazine Bilanz und muss erkennen, dass der Krieg gegen den Terror die Terroristen zwar verändert, aber auch gestärkt hat. "Die schiere Anzahl und Bandbreite der terroristischen Attacken drängt die Vermutung auf, dass al-Qaida zu einem al- Qaidaismus geworden ist - dass die einst relativ kleine, konspirative Organisation durch den amerikanischen und allierten Angriff zu einer weltweiten politischen Bewegung mutiert ist, mit Tausenden von Anhängern, die ihre Methoden annehmen und ihre Ziele verfolgen. Nennen wir es eine virale al-Qaida, die von hochmotivierten Anhängern der nächsten Generation getragen wird, die sich aus dem virtuellen Trainingscamp des Internet das geeignete Handwerkszeug für den Terror herunterladen... 'Wir haben eine Quecksilberkugel genommen', sagt der Aufstandsexperte John Arquilla, 'und dann mit einem Hammer draufgeschlagen'."

Weiteres: James Traub traut auch einer reformierten UN wenig zu und stellt seine eigene Variante einer multinationalen Organisation vor. Eine "Friedens- und Sicherheitsgemeinschaft" nach Vorbild der NATO, in der sich nur Staaten versammeln, die gewisse Kernprinzipien akzeptieren. Mary Anne Weaver diskutiert die Frage, warum Osama bin Laden weder 2001 in Tora Bora noch in den Jahren danach in Pakistan geschnappt worden ist. A. O. Scott setzt große Hoffnungen auf die zwei neuen Literatur- und Debattenmagazine The Believer und n+1. Deborah Solomon unterhält sich mit dem Schriftstelller Andrei Codrescu, der erst aus Rumänien und nun aus New Orleans fliehen musste.

Auch die Book Review steht im Schatten des Terrors, wenn auch der literarischen Version. Benjamin Kunkel erstellt ein weites Panorama der einschlägigen aktuellen Werke und diskutiert dann die Frage, ob dieses Genre nun am Ende ist, nachdem die Realität die Fiktion überholt hat. Zumindest erfüllt der Terror als Sujet eine wichtige literarische Funktion. "In dem fantastischen Alptraum eines Terror-Romans war der Terrorist jener Setzer öffentlicher Zeichen, der der Romancier gerne sein würde, aber naturgemäß daran scheitert."

Tom Reiss erinnert an Joseph Conrad, der 1911 mit "Under Western Eyes" den wahren Klassiker der Terror-Literatur vorgelegt hat (hier die Besprechung von damals als pdf). Leider kennt ihn kaum jemand. "Das Problem ist vielleicht, dass es nicht um chemische Sprengsätze sondern um die explosiven Bestandteile der Seele geht." Besprochen werden außerdem T. C. Boyles Erzählband "Tooth and Claw", Pamela Pauls Untersuchung zur Pornografisierung unserer Gesellschaft, und zwei Bücher über Bars und Kneipen, die sich diesem archaischen Ort der Gemeinschaft einmal journalistisch nüchtern (erstes Kapitel) und einmal persönlich erinnerungstrunken (erstes Kapitel) annähern.

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - New York Times

E-Mails und Computer sind die neuen Feinde von Biografen und Literaturwissenschaftlern, meint Rachel Donadio. Literarische Briefwechsel und Werkfassungen verschwinden im virtuellen Orkus, und Verlage wie Autoren sind sich meist nicht bewusst, was jeden Tag verlorengeht. Zadie Smith (Bücher) etwa hat 12.000 E-Mails auf ihrem Yahoo-Account gesammelt, weiß aber nicht, wie sie diese dauerhaft konservieren soll. Was bleibt, ist Fatalismus. "Ich denke es wird den Weg gehen, den alles geht, was ich auf dem Computer schreibe - in die Vergessenheit. Ich habe keine einzige Zwischenfassung irgendeines Romans oder einer Geschichte gespeichert. Ich überschrieb die Originale einfach immer wieder, bis ich die endgültige Fassung hatte. Es gibt einzig und allein die Bücher."

Sieben Jahre nach dem ersten Teil hat Hilary Spurling nun den zweiten und abschließenden Band ihrer Monumentalbiografie von "Matisse the Master" (erstes Kapitel) vorgelegt, der sich den Jahren 1909 bis 1954 im Leben des französischen Malers (Bilder) widmet. Richard Howard zittert vor Ehrfurcht. "Ich bin mir sicher, nach diesen feinen Ausführungen über die Versuchungen, Fehler und Triumphe von Matisse kann kein künstlerisches Unternehmen und sicherlich kein zeichnerisches Vorhaben im 20. Jahrhundert untersucht werden, ohne sich darauf zu berufen, was er schon geleistet hat."

Weitere Besprechungen: Uneingeschränktes Lob erfährt Howard Sachars "History of the Jews in the Modern World" (erstes Kapitel). Auf 831 Seiten, notiert Steven Zipperstein, "wird überzeugend gezeigt, wie dieses kleine Volk einen unheimlich großen Einfluss ausgeübt hat, wobei dieser Einfluss aber wiederum oft ein Nebenprodukt der weit übertriebenen Beschäftigung mit den Juden und dem Judentum war". Rich Lowry ist nach Steven Watts' Porträt "The People's Tycoon" (erstes Kapitel) überzeugt: Henry Ford war nicht nur Automobilpionier, sondern mit seinem Gespür für die Bedeutung von Mobilität, Konsum, Freizeit und Imagebewusstsein auch ein kultureller Wegbereiter 20. Jahrhunderts. Colm Toibin vermisst in Lewis Dabneys sorgfältiger Biografie des amerikanischen Kritikerpapstes "Edmund Wilson" (hier alle Artikel aus der NYT zu Wilson) nur die Erklärung, wie Wilson zu seinem Stil gekommen ist. In einem Werk dieser Länge sei das allerdings "ein wenig frustrierend". Und Jim Sleeper macht Republikaner wie David Horowitz (der eine Academic Bill of Rights veröffentlicht hat) darauf aufmerksam, dass Allan Bloom und seine Streitschrift für eine liberalere Universität "The Closing of the American Mind" nicht so konservativ sind wie sie vermuten.


Lynn Hirschberg porträtiert für das New York Times Magazine Leslie Moonves, der CBS zum führenden Sender der USA gemacht hat. Trotz der fortdauernden Fragmentierung des Publikums feiert er ungerührt Erfolge mit Mainstream-Fernsehen. Sein Erfolgsgeheimnis scheinen simple Wahrheiten zu sein wie: "Amerikaner mögen das Dunkle nicht." Nun bastelt er daran, wie man die meist deprimierenden Nachrichten mit einem optimistischen Flair präsentieren könnte.

Daniel Smith verhandelt die Frage, ob die Bush-Regierung wissenschaftsfeindlich ist. David Berreby kommt angesichts schwindelnder Raben ins Grübeln, ob der Mensch seine Einzigartigkeit weiter bewahren kann. Deborah Solomon unterhält sich mit dem Pädagogen Jonathan Kozol über Apartheid in der Schule. David Rieff bezweifelt, ob sich die islamische Welt von westlich-demokratischen Idealen überzeugen lässt. Denn der Islam ist kein so leichter Gegner wie der der Kommunismus. John Hodgman stellt Antony als die diesjährige Entdeckung aus der der alternativen Musikszene vor.