Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 24.01.2006 - New York Times

Im Magazin finden sich zwei feine Artikel zum Thema Verhaltenspsychologie: In einem ellenlangen, aber hübsch kurzweilig verfassten Beitrag macht Charles Siebert Bekanntschaft mit echten Tierpersönlichkeiten. Wo immer alle auf die evolutionären Tricks der Tiere schauen, um davon zu lernen, besucht er Verhaltensforscher, die sich mehr für die Deppen der Wildnis interessieren. Für die amerikanische Fischerspinne etwa: Extrem gut beim Jagen, extrem kurzsichtig in puncto Fortpflanzung, jagt und frisst sie doch auch ihre potentiellen Brutpartner. Das geht natürlich nicht. Sex und Dinner, meint auch unser Autor, das sollte man schon auseinander halten können. Als Spinne. Als Persönlichkeit sowieso.

Und Charles McGrath erklärt die Wonnen und Gefahren der Kurznachricht (SMS): Sie ist billig (zumindest in Südostasien) und ein so simples wie effektives Lebenszeichen - einerseits. Andererseits jedoch ist sie depressionsfördernd (weil sie augenfällig macht, dass wir einander nicht allzu viel zu sagen haben) und birgt, in China etwa, durchaus Risiken im Handling. Auf Mandarin nämlich klingen manche Wörter wie Zahlennamen: Für "Ich liebe dich" tippt man 520, für "Geh hin, wo der Pfeffer wächst" die 748. Nur nicht vertippen.

Schlicht begeistert zeigt sich Rezensent David Kamp in der Book Review von einem Buch der L.-A.-Times-Kolumnistin Norah Vincent. Ein gut gedachtes wie gemachtes und sogar unterhaltsames Stück investigativer Journalismus sei das, schreibt er. Eine Portion Mut, kann man sagen, gehört wohl auch dazu, um sich, wie die Autorin, in Männerkleider zu schmeißen, und mit straffem Sport-BH und Stoppelpaste im Gesicht, als Mann unter Männern, zum Bowlen oder ins Striplokal zu schieben. Warum nur tut man sich das an? Um ein bisschen investigativ zu sein, klar. Aber die Autorin ist auch mächtig froh, einmal nicht von allen Seiten begafft zu werden ("Respekt durch Nicht-Beachtung" nennt sie das), und dankbar für einen neuen Blick auf die Dinge: Oder hätten Sie gedacht, dass Männer richtig freundlich zueinander sein können, verbindlich, mit ordentlichem Handschlag und so und Lichtjahre entfernt von den "unterkühlten Luftküssen, die Frauen untereinander austauschen"?

Ferner: Christopher Hitchens liest eine "elegante" Neuübersetzung von Gustave Flauberts "Bouvard and Pecuchet" - jene beiden armen Teufel, die Flaubert gegen Rousseaus "große Geste", das menschliche Los zu verbessern, ins Feld schickt. Hillary Frey stellt fingerlicking "mystery and suspense stories" von Joyce Carol Oates vor. Joshua Clover empfiehlt mit Pound sämtliche Gedichte von Charles Reznikoff ("thematisch, kann man sagen, ist das jüdisch, amerikanisch, urban"). Und Judith Shulevitz heizt die Evolutionsdebatte weiter an: Wenn der Darwinismus wirklich so ein Argument ist, warum trollen sich die Kreationisten dann nicht?

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - New York Times

Julian Barnes ist nicht so leicht zu charakterisieren wie seine Landsmänner, also Martin Amis, Ian McEwan, Salman Rushdie oder Kazuo Ishiguro, konstatiert Terrence Rafferty. Barnes' neues Buch "Arthur and George" handelt von der Begegnung von Arthur Conan Doyle und George Edalji. Edalji, Sohn eines Persers und einer Engländerin, war fälschlicherweise wegen Verstümmelung von Pferden verurteilt worden war. Conan Doyle sorgte dafür, dass er rehabilitiert wurde - eine Art britische Dreyfus-Affäre (mehr hier). Auch diese Geschichte von Barnes ist beschreibungsresistent, aber Rafferty gibt sich Mühe: "Mit großer Geste hat Julian Barnes einen urenglischen Roman geschrieben über jene existenziellen Fragen, die der Engländer üblicherweise den Franzosen überlässt. 'Arthur and George' verbirgt seine Gedanken über das Ungewisse geschickt, er versteckt sie diskret hinter den Vorhängen, während Szenen von Dickenscher Kraft und Farbkraft in kaminfeuerbeleuchteten Räumen spielen."

Weiteres: Auch wenn sich Elias Khoury in "Das Tor zur Sonne" der palästinensischen Flüchtlinge annimmt, ist es keine der üblichen Geschichten von Verzweiflung und Anklage, versichert Lorraine Adams, dieses "wahre Meisterwerk" bleibe der komplizierten Wirklichkeit verbunden. Michael Beschloss ist überzeugt, dass John Lewis Gaddis mit seiner Geschichte des Kalten Krieges "The Cold War" nicht nur ein Standardwerk abgeliefert, sondern auch "wahre Geschichte" geschrieben hat.

Bis zu eine Million junge Japaner sind Hikikomori, teilt Maggie Jones im New York Times Magazine mit. Sie sperren sich in ihrem Zimmer ein und kommen einfach nicht wieder heraus. "Nachdem er in der Schule jahrelang gehänselt wurde und keine Freunde fand, zog sich Y.S. im Alter von 14 Jahren in sein Zimmer zurück und guckte Fernsehen, surfte im Internet und baute Modellautos - 13 Jahre lang. Als er im April vergangenen Jahres endlich sein Zimmer verließ, hatte er sein halbes Leben eingeschlossen verbracht."

David Rieff erinnert daran, dass auch die Demokraten die Demokratisierung der Welt vorantreiben wollen, notfalls mit Gewalt. Die Homosexuellen sind gleichberechtigt, aber deshalb sind noch lange nicht alle Homosexuellen gleich, schreibt der Jurist Kenji Yoshino und plädiert für die nächste Stufe der Emanzipation, das Aufgehen in der Gesamtgesellschaft. Jon Gertner empfiehlt die Kampagne für einen Grundlohn als Wahlkampfthema für die Demokraten, um in der Wertefrage wieder Lufthoheit zu erlangen.

Magazinrundschau vom 10.01.2006 - New York Times

Für das New York Times Magazine begibt sich Arthur Lubow nach Leipzig, um "the hottest thing on earth" zu studieren: die Maler der Leipziger Schule. Lubow trifft auch Gerd Harry Lybke, den Galeristen von Neo Rauch, der eigentlich Kosmonaut werden wollte und mit Kunst nur als Nacktmodell der Leipziger Akademie in Berührung kam. "Lybkes Karriere als Kunsthändler begann 1983, als er in seiner WG die einzige private Galerie in Leipzig eröffnete. 'Eigen + Art' war ein Spaß, kein Geschäft (jetzt schon). 'Ich habe die Galerie nackt eröffnet', erzählt Lybke. 'Ich hatte echte Dreadlocks, weil ich meine Haare nicht wusch, und drei Vogeleier im Haar. Nach dieser Eröffnung hatte ich mit einigen gutaussehenden Mädchen zu tun, und ich fragte mich 'Warum nicht noch einmal?'"

Weiteres: Jonathan Mahler erzählt die Geschichte von Salim Hamdan, der zu einem Erfolg oder Desaster des Anti-Terror-Feldzugs werden könnte, je nachdem, ob er Terrorist oder doch nur Osama bin Ladens Chauffeur ist. Noah Feldmann fordert den Kongress dazu auf, den Präsidenten zu kontrollieren.

Literatur, die das Internet schreibt: Die Sache mit Ana Marie Cox' erstem Roman "Dog Days" ist zwar zunächst verwirrend, aber sehr lohnend, verspricht Christopher Buckley in der Book Review. Ana Marie Cox (Kurzporträt) betreibt den politischen Klatschblog Wonkette ('Politik für Leute mit schmutzigen Gedanken'). Ihr größter Erfolg war 2004 die Identifizierung von Jessica Cutler, die ihre sexuellen Eskapaden in der politischen Welt Washingtons ebenfalls in einem Internet-Tagebuch (hier eine Replika) veröffentlicht hatte. In dem "flotten, schlauen, schmutzigen, informierten und sehr gut geschriebenen Roman wiederum lenkt nun die 28-jährige Protagonistin Melanie Thorton, Mitarbeiterin bei der Kampagne für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, das Medieninteresse von den politischen Problemen ihres Kandiaten - und ihrem eigenen Liebeskummer - ab, indem sie einen fiktiven Blog entwirft, der angeblich von einer lokalen Freidenkerin geschrieben wird, die sich selbst Capitolette nennt. (Ja, das reimt sich auf Toilette.)" Es gibt sogar schon wieder eine Trittbrettfahrerin, die offensichtlich einen echten Blog unter dem Pseudonym aus dem Roman veröffentlichen wollte.

Liesl Schillinger möchte die boshaftesten Stellen in den drei (!) Bänden der gesammelten Rezensionen des New-York-Magazine-Kritikers John Simon am liebsten rot anstreichen, nur des grausamen Vergnügens wegen. Über Liza Minelli etwa lästerte Simon: "Ihre Nase ist immer auf halbem Weg, ein Rüssel zu werden, ihre Blubberlippen können der Gravitation nichts entgegensetzen und ihr Kinn versucht immer sein Äußerstes, sich in den Hals zurückzuziehen".

Weitere Besprechungen: Die Anthologie "Journalistas" mit Texten von Journalistinnen aus den vergangenen 100 Jahren hat den zunächst skeptischen Jill Abramson vollauf überzeugt, der die Stücke "wunderbar" und die Auswahl "hervorragend" findet. Tommie Shelbys "glänzende" Gedanken zur Identität und den Problemen der Schwarzen in den USA "we who are dark" übertreffen alles bisher dagewesene, schwärmt der Harvard-Soziologe Orlando Patterson. Mit gemischten Gefühlen dagegen begegnet Walter Kirn dem neuesten Streich von Paul Auster, "The Brooklyn Follies".

Rachel Donadio salutiert M. H. Abrams, der 1962 die ehrwürdige "Norton Anthology of English Literature" (mehr), den bekanntesten Kanon englischsprachiger Literatur, gegründet hat und nun die Geschäfte abgibt. Dazu gibt es zum Vergleichen die Inhaltsverzeichnisse der ersten (Teil 1 und 2) und der jüngsten Version (Teil 1 und 2) .

Magazinrundschau vom 03.01.2006 - New York Times

Einen zweiten Einstein wird es aus zwei Gründen nicht geben, vermutet John Horgan. Zum einen gibt es heute so viele brillante Physiker, dass einzelne nicht herausstechen. Zum anderen entfernt sich die Physik zunehmend vom Alltag. "Bei den Bestsellern 'Eine kurze Geschichte der Zeit' von Stephen Hawking und 'Das elegante Universum' von Brian Greene fällt es besonders auf, dass die Physik zunehmend esoterisch, wenn nicht gar eskapistisch geworden ist. Viele der besten und schlauesten Physiker sind damit beschäftigt, eine Aufgabe zu vollenden, mit der sich Einstein in seinen letzten Jahren herumgeschlagen hat. Es geht darum, eine 'vereinte Theorie' zu finden, die Quantenphysik und allgemeine Relativitätstheorie verknüpft, die strukturell und mathematisch aber so inkompatibel sind wie Karo- und Punktmuster."

Besprochen werden heute in erster Linie Literaten-Biografien. Reiner Stach hätte in seiner Schilderung der "Decisive Years" (erstes Kapitel) von Franz Kafka - zwischen 1910 und 1915 - ruhig mehr interpretieren können, meint Marco Roth. James Campbell kommen Jerome Charyns mit "Savage Shorthand" (erstes Kapitel) betitelten, mitunter unterhaltsamen, aber ungeordneten Meditationen über Isaac Babel wie eine Vorab-Materialsammlung für eine größere Darstellung vor. James Fenton lobt die von 971 auf 548 Seiten gekürzte Fassung von Juliet Barkers Porträt des englischen Dichters William "Wordsworth" (erstes Kapitel) zwar als lesbarer, vermisst aber die Anmerkungen und die Bibliografie. Daran, wie Darlene Harbour Unrue das innere Leben der amerikanischen Autorin "Katherine Anne Porter" beschreibt (erstes Kapitel), hat Paul Gray nichts auszusetzen. Für einen tieferen Blick empfiehlt er aber doch Porters eigene Kurzprosa.

Unter dem schönen Titel "Bitter Orange" stellt Audrey Slivka im New York Times Magazine die ehemalige ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko vor, die gerade die Opposition gegen die von ihr vor einem Jahr mitgegründete Regierung anleitet. "Timoschenko ist eine zwingende Mischung aus rücksichtsloser Berechnung, eisernem Willen und aufrichtigen Gefühlen. Nachdem sie die Jahrestags-Demonstration der Orangenen Revolution im November gekapert hatte, weinte sie auf der Bühne, als Juschtschenko ihre Arbeit als Premierministerin kritisierte. Imn Frühjahr 2004 beobachtete ich Timoschenko, als sie die Opposition zu einem Erdrutschsieg über das Kutschma-Regime führte. Nach einem Tag brutaler Politik ging sie in die Lobby des Parlaments und weinte, von ihren Gefühlen übermannt, in den Armen einer ihr unbekannten Journalistin. Aber nur für eine Sekunde. Einen Moment später, als die Reporter auf sie aufmerksam wurden, hatte sie sich wieder unter Kontrolle und ließ wiederum meine Kollegin den Tränen nahe zurück."

Weiteres: Der amerikanische Philosoph Kwame Anthony Appiah plädiert in einem Vorabdruck aus seinem neuen Essayband für ein neues Kosmopolitentum. Ein südafrikanischer Tierpräparator versucht die ausgestorbenen Quaggas wieder zu züchten, berichtet D. T. Max mit einiger Sympathie für den hartnäckigen Schöpfer. Und Daphne Merkin beschwert sich mit irritierender Freude am Detail darüber, dass der Schönheitswahn nicht mal mehr vor der Vagina halt macht.

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - New York Times

Der Schriftsteller John Updike hat ein Faible für Kunst. Seine gesammelten Essays über amerikanische Kunst "Still Looking" kann Geoff Dyer mit wenigen Beanstandungen empfehlen. Denn die geografische Beschränkung gereiche dem geistigen Omnivoren Updike im Vergleich zu der ausufernden Essaysammlung "Just Looking" sichtlich zum Vorteil. "Im Endeffekt ist der Band ein hochselektiver Überblick über die amerikanische Kunstgeschichte. Updike weiß eine Menge über Kunst - Updike weiß über vieles eine Menge - was aber am deutlichsten klar wird, ist sein Drang, Neues zu lernen. Seine Berichte von Ausstellungen zu lesen ist so, als würde man in ihnen herumschlendern - nicht mit einem eifrigen Führer, sondern eher mit einem ebenso umgänglichen wie scharfsichtigen und gelehrten Gefährten."

Die letzten Bücher des Comic-Autors Harvey Pekar waren eher mau, meint Dave Itzkoff. Umso begeisterter ist er von Pekars neuem - und bestem Buch - "The Quitter". Der Held ist "ein agressiver, potenziell explosiver Jugendlicher, der sich für seine Eltern, jüdische Immigranten aus Polen, schämt. Sie können sich nicht in das das amerikanische Leben integrieren, und auch der Junge ist unfähig, in den ethnisch gemischten Straßen von Cleveland Freunde zu finden. Als er entdeckt, dass er ein Talent für den Straßenkampf hat, findet Harvey ein geradezu sadistisches Vergnügen daran, seine Fähigkeiten bei der leisesten Provokation zu beweisen" Der entscheidende Unterschied zu anderen Superhelden-Geschichten ist, "dass die Ereignisse den Helden nicht stärker machen, sondern ihn schwächen, weil sie ihm zeigen, wie unzulänglich seine Kräfte eigentlich sind."

Robin Toner stellt zwei neue Bücher über Hillary Clinton vor: "Condi vs. Hillary", in dem Dick und Eileen Morris die Republikaner beschwören, Condoleezza Rice als nächsten Präsidentschaftskandidaten aufzustellen, weil nur sie Hillary stoppen könne, und "The Case for Hillary Clinton" von Susan Estrich, die die Demokraten beschwört, Hillarys Kandidatur nicht zugunsten eines angeblich "sicheren weißen Mannes" auf Eis zu legen. "Estrich nach Dick Morris zu lesen, verursacht eine Art ideologisches Schleudertrauma", erklärt der Rezensent.

Die letzte Ausgabe des New York Times Magazine besteht jedes Jahr traditionellerweise aus Nachrufen. Etwa auf die Origami-Legende Akira Yoshizawa. "Er hatte die (für Origami) revolutionäre Idee, zwei verschiedenfarbige Blätter 'washi' , das handgemachte japanische Papier, zu verleimen und das Papier anzufeuchten, um gegossene, ausdruckstarke Formen herzustellen, wie das Gesicht eines Gorillas, weil das Papier nach dem Trocknen seine Form behält."

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - New York Times

Eine neue Generation von Exil-Tibetanern will nicht mehr nur friedlich gegen die chinesischen Besatzer protestieren, berichtet der Autor Pankaj Mishra in der Titelreportage des New York Times Magazine. "Viele junge Tibetaner sprechen voller Bewunderung von den Khampa-Kriegern des östlichen Tibet, die 1950 gegen die chinesische Invasionsarmee kämpften und 1959 den blutigen Aufstand gegen die chinesische Herrschaft initiierten, der den Dalai Lama schließlich dazu zwang, zwischen einer unterwürfigen Rolle in Tibet und dem Exil in Indien zu wählen. Ein Bericht über die Khampas, der 1987 von dem bekannten tibetanischen Romancier Jamyang Norbu veröffentlicht wurde, veranlasste viele junge Tibetaner, gewalttätigere Lösungen für ihr Problem in Betracht zu ziehen. Oder wie es Norbu, der in den USA lebt, einem Regisseur erzählte, der 1997 einen Dokumentarfilm für PBS produzierte: 'Manche Leute wollen nicht erleuchtet werden, zumindest nicht sofort.'"

Weitere Artikel: Jody Rosen porträtiert Chip Davis und seine Band Mannheim Steamroller, die sich auf Weihnachtslieder spezialisiert und damit immerhin 27 Millionen Alben verkauft haben. Matt Bai fordert eine Neuverteilung der sozialen Aufgaben von Staat und Unternehmen - ersterer soll die Gesundheitsversorgung übernehmen, letztere die Kinderbetreuung. Peter Maass erinnert an die Umweltschäden, die die Ölforderung vor allem außerhalb der USA verursacht. Jesse Green stellt die Eiskunstläuferin Emily Hughes vor, die eine Familientradition fortführt.

Die Book Review: Differenziert, zum Glück nicht hitler-fixiert und wahrheitsgetreu findet Brian Ladd die Geschichte des Dritten Reichs von Richard Evans, deren zweiter Teil "The Third Reich in Power 1933-1939" jetzt erschienen ist. Spannender sei aber immer noch William Shirers epischer Klassiker "Rise and Fall of the Third Reich". Die wirklich großen Erfindungen wurden nicht von berühmten Persönlichkeiten, sondern von unbekannten Arbeitern gemacht, behauptet Clifford Conner in seiner "People's History of Science". Das stimmt nur bis zum Beginn der Neuzeit, widerspricht Jonathan Weiner, den außerdem der penetrant klassenkämpferische Stil Connors Buchs stört. John Horgan hält Chris Mooneys Buch über die Gängelung der Wissenschaft durch die republikanische Regierung "The Republican War on Science" für eine einseitige, aber "grundsätzlich richtige" Schmährede.

Pamela Paul schreibt über die neue basisdemokratische Form der Rezension, die Bücherblogs. Hier eine Liste der meistgebloggten Bücher 2005.

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - New York Times

Was ist Kunst? Wo beginnt sie, und vor allem: Wo hört sie auf (einige besonders fragwürdige Beispiele)? Zur Beantwortung dieser Frage haben derzeit nur die Künstler etwas zu sagen, die Kunstkritiker haben aufgegeben, zeitgenössische Kunst zu definieren, behauptet Barry Gewen. "Sie sind Experten im Beschreiben und in der Beschwörung aktueller Arbeiten, sie verorten sie im historischen Kontext und schaffen stilistische und intellektuelle Verbindungen zwischen den Künstlern. Aber, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, sie urteilen nicht. Eine Umfrage der Columbia Universität unter 230 Kunstkritikern im Jahr 2002 ergab, dass Bewertungen auf der Prioritätenliste ganz unten stehen. James Elkins ("What Happened to Art Criticism?") nennt diesen Rückzug aus dem Urteil 'eine der bedeutendsten Veränderungen der Kunstwelt im vergangenen Jahrhundert'."

Aus den Besprechungen: Geoffrey Wheatcroft bricht eine Lanze für den umstrittenen Journalisten Robert Fisk. Dessen neues Buch "The Great War for Civilisation" über den Nahen Osten sei zwar viel zu lang und oft peinlich poetisierend, aber stellenweise doch fesselnd und vor allem ehrlich. Shirely Hazard zählt Dan Hofstadters Ode an Neapel "Falling Palace: A Romance of Naples" zu der Handvoll englischsprachiger Bücher, die der alten Metropole Gerechtigkeit widerfahren lassen. In einem Essay fragt sich der Historiker Sean Wilentz, was eigentlich aus der Sympathie geworden ist, die die amerikanischen Parteien und die Literatur seit 1830 füreinander hegten.

Stephen J. Dubner and Steven D. Levitt präsentieren in ihrer Freakonomics-Kolumne im New York Times Magazine eine Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Andrew Francis (Zusammenfassung als pdf), der herausgefunden zu haben glaubt, dass unsere sexuelle Orientierung auch von äußeren Umständen abhängt. "Kein einziger Mann, der einen AIDS-infizierten Verwandten hatte, gab an, in den vergangenen fünf Jahren Sex mit einen Mann gehabt zu haben, kein einziger Mann in dieser Gruppe erklärte, er fühle sich hingezogen zu Männern oder sah sich als homosexuell. Frauen in dieser Gruppe vermieden Sex mit Männern ebenso. Bei ihnen war die Rate von Sex mit Frauen, homosexueller Identität und Anziehung zum gleichen Geschlecht mehr als zweimal so hoch wie bei denen, die keinen Verwandten mit AIDS hatten."

Wie seit fünf Jahren schon gibt es zum Ende des Jahres eine Bilanz der besten Ideen und Erfindungen des Jahres, vom Anti-Paparazzi-Blitz bis zu Zombie-Hunden. Hier die Übersicht. Deborah Solomon erfährt zudem von Peter Watson, der alle seiner Meinung nach wichtigen Ideen in sein Buch "Ideas" gepackt hat, was die schlechteste Idee aller Zeiten war: der Monotheismus. Jim Holt fragt sich, wie die Wissenschaft so streitsüchtig und politisch werden konnte. Noah Feldman warnt die notorisch optimistischen Landsleute vor übertriebenem Pessimismus hinsichtlich der Situation im Irak. Auf den Funny Pages gibt es schließlich die 13. Folge von Elmore Leonards Fortsetzungsgeschichte "Comfort to the Enemy".

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - New York Times

In recht alarmierendem Ton schildert Peter Schneider den Lesern des New York Times Magazine die deutsche Debatte um "Ehrenmorde" und die muslimische Parallelgesellschaft aus der Hauptstadtperspektive. "In Berlin wächst eine neue Mauer empor. Um sie zu überschreiten muss man in die zentralen und nördlichen Bezirke der Stadt gehen - nach Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Dort wird man sich in einer Welt wiederfinden, die der Mehrheit der Berliner unbekannt ist. Bis vor kurzem gaben sich die meisten Berliner der Illusion hin, dass das Zusammenleben mit 300.000 muslimischen Einwanderern und ihren Kindern im Grunde funktioniert."

Weitere Artikel: Deborah Solomon erfährt vom ehemaligen Demokraten und Schauspieler Ron Silver, der kürzlich von Bush in das Institute for Peace gewählt wurde, dass er sich nicht um einen Sitz im Parlament bewerben wird. "Ich fürchte, da würde ich das bisschen Einfluss verlieren, den ich jetzt habe." Im Titel erklärt Michael Lewis wie der geniale Trainer der Footballmannschaft Red Raiders der Texas Tech University, Mike Leach, die Begrenzungen von Raum und Zeit aufhebt. Walter Kirn zweifelt, ob das Shoppen der Zukunft noch Spaß bereiten wird. Auf den Funny Pages ist der zwölfte Teil von Elmore Leonards Erzählung "Comfort to the Enemy" zu lesen.

In der New York Times Book Review ist Bescherung. Die Redaktion stellt ihre zehn Favoriten des Jahres vor, darunter Ian McEwans "Saturday", Zadie Smiths "On Beauty" und Tony Judts "A History of Europe Since 1945". Weitere Geschenkempfehlungen gibt es für die Bereiche Fotografie, Entdeckung, Reise und Kochen.

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - New York Times

Jesus hat mit nichts mit dem Sohn Gottes zu tun, meint der Literaturkritiker Harold Bloom in "Jesus and Yahweh", das Jonathan Rosen schon allein wegen der Fülle an Ideen und Widersprüchen empfehlen möchte. "Jesus Christus ist im Gegensatz zu Jesus ein späteres theologisches Konstrukt, das sehr hellenistisch anmutet. Christus ist für Bloom ein Betrug an Jesus dem Menschen, Yeshua, der offensichtlich in einer jüdischen Welt lebte, an den Bund mit Yahweh glaubte, die Gesetze nicht für tödlich hielt und erschrocken oder zumindest verwundert gewesen wäre über die Religion, die in seinem Namen entstand."

Zwei große, schwere und vielleicht endgültige Biografien gibt es diese Woche anzuzeigen. Mit seinen fast 1.000 Seiten mutet Bob Spitz' "The Beatles" wie eine Bibel an (erstes Kapitel), die Geschichte einer Band, die zeitweise bekannter war als Jesus. Und dazu noch durchgängig mit einem Verve geschrieben, der Jean und Michael Stern ab Seite zehn nicht mehr losgelassen hat. John Simon schwärmt haltlos von Richard Schickels Biografie des Regisseurs Elia Kazan (Filme). Hier stimme alles: gesunde Distanz, ertragreiche Nähe, ausreichend viele Details, aber auch die notwendige Diskretion.

Weiteres: Terence Rafferty vermutet, dass John Banville mit "The Sea" (erstes Kapitel) eine "schlaue Parodie auf jene Art von englischen Roman geschrieben hat, die hingerissene Rezensionen im Guardian und Independent einfährt, zu einem stillen, geschmackvollen Film mit Harold Pinter-Drehbuch gemacht wird und den Man Booker Preis gewinnt". David Lipsky findet Robert Kaplans "Imperial Grunts" (erstes Kapitel), für das der Autor das militärgestützte amerikanische Imperium abreiste, ein wenig zu kriegsbegeistert geworden.

Das New York Times Magazine: So schlecht sind die Innenstadtghettos der USA doch nicht, schließt Christopher Caldwell aus den Unruhen in den Banlieues. Der Beweis ist Marseille. Ausgerechnet die Stadt mit den meisten Immigranten sei von den Unruhen verschont geblieben. "Marseille ist nicht wie die meisten französischen Städte, in denen der Stadtkern aus peinlich gepflegten architektonischen Schätzen besteht und die Unordnung an den Rand geschoben wird. Es ist von innen nach außen gestülpt, so dass die 'Innenstadt' und 'Vorstadt' ihren amerikanischen Pendants ähneln. Das könnte Marseille eine Menge Probleme erspart haben."

Ein knappes Jahr nach dem Tsunami besucht Barry Bearak die schwer getroffene indonesische Stadt Banda Aceh, in der allein 90.000 Menschen umkamen. Seine epische Reportage füllt in vier Teilen nahezu das ganze Heft. Gary Rosen kommt von Kazuo Ishiguros "Alles, was wir geben mussten" zur gegenwärtigen Debatte über das therapeutische Klonen in Washington. Und natürlich das elfte Kapitel von Elmore Leonards Fortsetzungsgeschichte "Comfort to the Enemy".

Magazinrundschau vom 22.11.2005 - New York Times

Der Schriftsteller Jonathan Lethem verfasst eine Hymne auf den europäischen Kollegen Italo Calvino, dessen Tod vor zwanzig Jahren er recht persönlich genommen hat. "Calvino, so schien es mir, hatte mühelos geschafft, was kein angelsächsischer Autor von sich sagen konnte: Seine Romane und Erzählungen waren sowohl klassisch modern als auch schwindelerregend postmodern, indem sie Experiment und Tradition vereinten, zugleich konzeptionell und human, intim und mystisch waren. Mit seinen wiederkehrenden Referenzen auf Comics, Volksmärchen und Filme sowie seinen drolligen Erkundungen zeitgenössischer Wissenschafts- und Philosophieströmungen hat er Populäres und Elitäres zu einem international luziden Stil zusammengemischt, den nur er beherrschte."

Weitere Artikel: Julia Briggs' Biografie von Virginia Woolf konzentriert sich erstmals auf das Werk der Schriftstellerin, lobt Curtis Sittenfield, ist aber eher etwas für Kenner. "Wenn Ihr ganzes Wissen über Woolf Nicole Kidmans falsche Nase im Film 'The Hours' umfasst, sollten Sie nicht mit diesem Buch einsteigen." Rafi Zabors Auftakt seiner Lebenserinnerungen "I, Wabenzi" (erstes Kapitel) erreicht laut Liesl Schillinger in Sachen "Opulenz und Abwechslung" die Gefilde von Federico Fellinis Filmklassiker "Satyricon". Jonathan Alter liest die Rechtfertigungschrift "Truth and Duty" der ehemaligen CBS-Reporterin Mary Mapes zum Skandal um gefälschte National-Guard-Dokumente aus George Bush' Jugendzeit als Lehrstück, wie man investigativen Journalismus nicht betreiben sollte.

David Rieff beschäftigt sich im New York Times Magazine mit Evo Morales, der als Indio, Präsidentschaftskandidat Boliviens und Globalisierungskritiker die Riege der USA-Gegner in Lateinamerika entscheidend stärken könnte. Ann Hulbert diskutiert Sinn und Unsinn der Förderung von kleinen Genies. Das private Davidson Institute for Talent Development hat in diesem Jahr etwa den 17-jährigen John Zhou ausgewählt, der die Jury mit seiner Studie von möglichen Interaktionen der Proteine Rev1, Rev3 and Rev7 in Saccharomyces Cerevisiae (alias Bierhefe) überzeugt hatte. Daphne Merkin lobt George Bushs jüngsten Kandidaten für den Supreme Court, Sam Alito, nach einem Blick in das Princeton-Jahrbuch von 1972 als "authentisch uncool", also unabhängig. Deborah Solomon porträtiert Lynne Truss, die mit ihrer Grammatikfibel "Eats, Shoots & Leaves" einen unerwarteten Erfolg hatte. Hier kann man seine Interpunktionskenntnisse testen.