Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 45

Magazinrundschau vom 09.08.2016 - Guardian

In Catrine Clays scharfsinniger und faktenreicher Biografie über Emma Jung erfährt Lucy Scholes, wie viel die Psychoanalyse der skandalösen Ehe zwischen Emma und Carl Gustav Jung zu verdanken hat. So liest sich Jungs Schrift "Ehe als psychologische Beziehung" auch wie das Erklärungsmodell der Partnerschaft zwischen Emma, der tugendhaften, begabten Ehefrau und Mutter im Hintergrund, und dem neurotischen, launischen und promisken Carl Gustav, lernt Scholes: "Die Beziehung zu den Eltern - ob gut oder schlecht - hat einen direkten Einfluss auf die Wahl des Ehepartners. Eine typische Vereinigung, so argumentiert er, besteht oft aus einem Partner, der eine positive Beziehung zu seinen Eltern erfahren hat, und einem Gegenpart, der 'mit Erbanlagen belastet ist, die manchmal nur sehr schwer in Einklang zu bringen' sind. Der Umgang mit der komplizierten Psychologie des letzteren kann für den ersteren eine beträchtliche Belastung sein, in Folge kann sich dieser, oft in unangenehmer Weise, in der labyrinthischen Natur des anderen verlieren, da seine einzige Beschäftigung darin besteht, die Drehungen und Wendungen dieses Charakters zu verfolgen."

Im Ostkongo finden seit mehreren Jahren regelrechte Raubzüge gegen Mädchen statt, die entführt und von Gruppen vergewaltigt werden, berichtet Lauren Wolfe im Guardian. Untersuchungen der lokalen Behörden, die zum Jagen getragen werden mussten, und der UN haben kaum etwas gebracht: "Denise war vermutlich das 39. Kind, das im Dorf Kavumu vergewaltigt wurde, seit der erste Fall am 3. Juni 2013 angezeigt worden war. Jedesmal hatte eine Gruppe von Männern ein Mädchen zwischen 18 Monaten und 11 Jahren aus ihrem Bett gestohlen, vergewaltigt und in einem Feld liegengelassen, das von entlassenen Soldaten bewirtschaftet wird. Mindestens zwei Mädchen sind an ihren Verletzungen gestorben. ... Weil die Mädchen so klein sind, sind ihre Organe oft irreparabel zerstört. Denis Mukwege, Gründer und medizinische Direktor des Panzi-Krankenhauses, sagt, er und seine Mitarbeiter würden oft weinen, wenn sie die Kinder operieren. Eine andere Ärztin erzählte, die Brutalität der Vergewaltigungen habe sie zum ersten Mal in ihrem Leben in Ohnmacht fallen lassen. 'Wenn ich ein Kind behandele, dessen Blase und ganzer Unterleib zerstört ist, denke ich, das kann ich wirklich nicht mein ganzes Leben lang machen', sagt Mukwege."

Magazinrundschau vom 12.07.2016 - Guardian

In Schanghai gab es nach der Kulturrevolution kein einziges Klavier. Heute werden in China 80 Prozent aller Klaviere weltweit produziert. Madeleine Tien blickt auf die Geschichte der klassischen Musik in China zurück, die oft auf unreflektierte Aneignung stieß, noch häufiger aber auf totale Ablehnung oder tiefe Bewunderung: "Eine der ersten Schmutzkampagnen zielte auf die Musik Debussys, die als der zurückgelassene Schund des westlichen Imperialismus angeprangert wurde. Sie griff sich He Luting heraus, den Direktor des Konservatoriums in Schanghai und großen Verehrer des franösischen Komponisten. He Lutings standhafte Weigerung, auch unter seelischer und körperlicher Folter, ein Verbrechen zu gestehen, war ein Akt unvorstellbar heldenhaften Widerstands. In seiner Geschichte der Musik im 20. Jahrhundert, 'The Rest is Noise", bemerkt Alex Ross: Kein Musiker hat sich jemals mutiger gegen den Totalitarismus gestellt.' Der Dirigent des Schanghai Sinfonie Orchesters, Lu Hongen, wurde ebenfalls verhaftet. Einige Tage vor seiner Hinrichtung sprach er zu seinen Zellengenossen: 'Fahren Sie nach Österreich, in die Heimat der Musik. Gehen Sie zu Beethovens Grab und legen Sie einen Strauß Blumen nieder. Und sagen Sie Beethoven, sein Schüler lebt in China."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - Guardian

Die Mythen der nationalen Identität der Engländer und ihre Europhobie! Geoffrey Wheatcroft nimmt sie in einem Essay gründlich auseinander und erinnert nebenbei daran, dass in den Anfangstagen der europäischen Vereinigung "die Tories kosmopolitischer und europhiler waren als Labour. Einer von Churchills ehemaligen Gefolgsleuten, Robert Boothby, war ein enthusiastischer Anhänger der Bewegung für ein vereinigtes Europa und wurde 1949 Delegierter im Europarat. Die Europäische Menschenrechtserklärung von 1950, die europhobe Tories so wütend macht, seit sie durch den Human Rights Act von 1998 zum britischen Gesetz wurde, war maßgeblich von englischen Juristen entworfen worden - und Konservativen, vor allem David Maxwell Fyfe, der spätere Innenminister und Justizminister. Als die Briten verspätet ihre hochmütige Verachtung des Europäischen Projekts bereuten und den Beitritt beantragten, geschah dies unter Harold Macmillans Tory-Regierung."

Außerdem: Jordan Kisner porträtiert den schwedischen Starkoch Magnus Nilsson. Tom Vanderbilt erkundet die Ursprünge unseres Geschmacks.

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Guardian

Die Schriftstellerin A.L. Kennedy verlässt London, verrät sie Sarah Crown, die Luft in Wivenhoe im noblen Essex sei doch viel besser. Dass es in der Metropole aber nicht nur schlimm war, kann man auch ihrem Roman "Serious Sweet" entnehmen, der London als Ort charakterisiert, an dem Geld, Wettbewerb und Armut regieren, sich Humanität und Liebe jedoch immer wieder ihren Weg bahnen. Über ihr Buch sagt Kennedy: "Alle Begebenheiten sind real. Ich habe sie über Jahre hinweg gesammelt. Ich hatte am Ende mehr als ich gebrauchen konnte. London ist so ein riesiger Ort und die Menschen stehen unter einem enormen Druck, sie sind erschöpft und ausgebrannt, aber im Wesentlichen sind sie doch tolerant. Die Zeitungen verbringen all ihre Zeit damit zu erzählen, wie schrecklich die Leute sind, aber tatsächlich sind hier die Menschen erstaunlich freundlich und gehen recht sanft miteinander um."

Rachel Aspden erzählt am Beispiel der jungen Ägypterin Ruqayah die Geschichte einer jungen Generation von Mursi-Anhängern, die die Proteste gegen Mubarak und dann gegen die drohende Absetzung von Mursi angeführt und dabei ihr Leben riskiert hatten. Nach ihrer Rückkehr an die Macht säte die Armee unter den gerade erst geeinten Ägyptern wieder Zwietracht, befeuerte die Angst vor Terrorismus und erstickte das Bedürfnis nach Freiheit, schreibt Aspden, die dennoch auf die Generation der Protestierer setzt: "Sie hatten mit vereinten Kräften einen Diktator gestürzt, sie hatten die ersten echten Wahlen in Ägyptens Geschichte miterlebt und sie hatten, wie kurz auch immer, Freiheit und Selbstrespekt gekostet. Als sie älter wurden, konnten sie den Handel, den ihre Eltern und Großeltern mit dem Staat gehabt hatten - Repression im Tausch gegen scheinbare Sicherheit und Stabilität - nicht akzeptieren. Beim Versuch sie zu unterwerfen, hatte die Armee eine Zeitbombe geschaffen. Wie stabil das Land auch schien, es würde es in der Zukunft nicht mehr sein."

Magazinrundschau vom 31.05.2016 - Guardian

Howard W. French blickt recht bitter auf seine Zeit als Reporter bei der New York Times zurück und beklagt Diskriminierung und mangelnde Repräsention von Schwarzen selbst in dieser Bastion des liberalen Journalismus. Die Aufgaben der wenigen schwarzen Reporter waren klar: Mord und Totschlag in Afrika oder in den amerikanischen Innenstädten. Oder Bürgerrechtskram. "Lasst schwarze Leute über schwarze Themen schreiben, die gelten gemeinhin als undurchdringlich, wenn nicht gar gefährlich. In jenen Tagen saß auch häufiger eine kleine Clique von schwarzen Reportern zusammen und ärgerte sich darüber, dass der Wahlkampf 1988 allein von weißen Journalisten bestritten wurde, die Jesse Jackson, den einzigen schwarzen Kandidaten, so herablassend behandelten, dass es an Beleidigung grenzte. Meist beschrieben sie ihn mit Codewörten wie street smart."

Magazinrundschau vom 24.05.2016 - Guardian

Barack Obama und Hillary Cliton behaupten gern, dass Edward Snowden seine Bedenken gegen das Überwachungsprogramm der NSA intern hätte melden können. Mark Hertsgaard hat für einen großen Report mit John Crane gesprochen, der im Verteidigungsministerium für die faire Behandlung von Whistleblowern zuständig war und der vom Fall Thomas Drake berichtet: Dake brachte eben diese NSA-Aktivitäten zehn Jahre vor Snowden auf Tapet. Er stand in der Hierachie der NSA viel höher als Snowden. Er hielt sich an die Whistleblower-Gesetze und erhob seine Bedenken intern. Man machte ihn fertig. Drake wurde gefeuert, von FBI-Agenten mit der Waffe im Anschlag verhaftet und mit Anklagen überzogen, die ihn für den Rest seines Lebens ins Gefängnis gebracht hätten und finanziell und beruflich so gut wie ruinierten." Dem Whistleblower-Beauftragten Crane erging es nicht besser: "Cranes verlorener Kampf für den Schutz von Whistleblowern macht sehr deutlich, dass Snowdon gute Gründe hatte, an die Öffentlichkeit zu gehen. In Dutzenden von Interviewstunden hat Crane berichtet, wie hohe Beamte des Verteidigungsministeriums wiederholt das Gesetz brachen, um Drake zu verfolgen. Zunächst, so sein Vorwurf, gaben sie seine Identität ans Justizministerium weiter, dann hielten sie Beweise zurück (vielleicht vernichteten sie sie auch) und schließlich sagten sie die Unwahrheit gegenüber einem Bundesrichter. Die große Ironie? In ihrem Eifer, Drake zu bestrafen, lehrten die Pentagon-Beamten Snowden, ihren Klauen zu entkommen."

Weiteres: Mark Gevisser erzählt von schwulen Ugandern, die sich vor Verfolgung nach Kenia geflüchtet haben. Jonathan Freedland schreibt über Trump, dem auch Noam Chomsky in einem kurzen Interview nur Grässlichkeiten zutraut.

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Guardian

Vor eineinhalb Jahren lancierte Facebook sein Projekt Internet.org, das Indien ein Rumpfinternet beschert hätte: Indische Telekom-Betreiber sollten Nutzern freien Zugang zu Facebook und zwanzig weiteren, von Facebook ausgewählten Seiten anbieten. Wer mehr will, soll zahlen. Zum Glück ließen sich die Inder nicht für dumm verkaufen, berichtet Rahul Bhatia. Indiens Öffentlichkeit und viele Unternehmen liefen Sturm gegen diesen Angriff auf die Netzneutralität. Facebook setzte Politiker unter Druck, lancierte gewaltige Werbekampagnen, benannte das ganze in Free Basics um - und manipluierte die Algorithmen: "Jeder Inder, der sich bei Facebook einloggte, wurde mit einer speziellen Botschaft begrüßt: Free Basic ist ein erster Schritt, um eine Milliarde Inder mit den Möglichkeiten des Internets zu verbinden. Ohne Deine Unterstützung könnte es in wenigen Wochen unterbunden werden. Unter der Botschaft forderte ein Button die Nutzer, ihn anzuklicken und eine Botschaft an die Regulierer zu schicken. Als wäre das noch nicht übergriffig genug, beschwerten sich viele Nutzer, dass, selbst wenn sie das abgelehnt hätten, all ihre Freunde eine Nachricht bekommen hätten, sie hätten eben doch geschrieben. Die Empörung über die plumpe Taktik war gewaltig. 'FB listet den Account meines Onkels bei den Unterstützern von Free Basics', postete ein Nutzer, 'Mein Onkel ist seit zwei Jahren tot.'"

Außerdem: Felicitas Lawrence recherchiert, in welch kriminellen Strukturen Arbeitsmigranten in Britannien ausgebeutet werden.

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - Guardian

Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère schickt eine Wahnsinnsreportage aus Calais, das sich in eine regelrechte Kriegszone verwandelt hat, um die paar tausend Flüchtlinge abzuwehren, die auf einen Weg nach Britannien hoffen: "Nachts errichten junge Männer in schwarzen Parkas und Strickmützen Barrikaden auf den Straßen, sie benutzen Äste und Einkaufswagen, um die Polizisten abzulenken und den Verkehr zu verlangsamen, in der Hoffnung, auf einen LKW klettern zu können. Es gibt viele Unfälle, viele von ihnen verlaufen tödlich. Selbst für diejenigen, die es in ein Fahrzeug schaffen, ist die Chance verschwindend gering, durch den Hafen zu kommen, zu ausgefeilt sind die Sicherheitsmaßnahmen mit Infrarotsuchern, Wärmebilder und Herzschlagdetektoren. Es ist ein Albtraum für alle Beteiligten: Migranten, Polizei, LKW- und Autor-Fahrer, die entweder fürchten von einem Flüchtling angegriffen zu werden oder einen zu überfahren ... In Richtung Westen ist die ganze Landschaft, die einst bewaldet, hügelig und grün war, in einen riesigen Wassergraben verwandelt worden. Eurotunnel ließ im Herbst die Bäume auf 250 Acre abholzen, um den Migranten keine Deckung zu lassen und die Video-Überwachung zu erleichtern: Jetzt kann sich dort nicht einmal ein Kaninchen mehr verstecken. Einige Monate später ließ das Unternehmen das Gebiet fluten. Der Journalist Bruno Mallet meint: 'Wenn sie könnten, würden sie auch Krokodile herholen.'"

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Guardian

Mark Townsend rekonstruiert in einem langen Report, wie vier britische Jugendliche aus Brighton in den Dschihad abdrifteten und nach Syrien gingen. Er sieht als Hauptdarsteller in diesem Trauerspiel neben dem gewalttätigen Vater eine rassistische Umgebung und ignorante Behörden: "Ihre Geschichte spiegelt wider, was wir auch von den jungen europischen Muslimen wissen, die an den Terrorattentaten von Paris und Brüssel beteiligt waren: eine Kultur der Delinquenz, die in den Extremismus führt, wie auch die Verbindung zu radikalisierten Brüdern. Sie wirft in Bezug auf die Integration in Britannien eine diffizile Frage auf: Wenn der Multikulturalismus in einer der liberalsten Städte des Landes strauchelt, welche Hoffnung besteht dann für andere Orte?"

Verzweifelt und voller Sarkasmus schreibt der pakistanische Schriftsteller Mohammed Hanif nach dem monströsen Attentat von Lahore mit über siebzig toten Frauen und Kindern: "In ihrer heiligen Logik bombardieren uns die Taliban und ihre sektiererischen Cousins seit einem Jahrzehnt, um uns zu besseren Muslimen zu machen. Wir wurden bessere Muslime, aber nicht gut genug für sie, also bombten sie weiter."

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - Guardian

Bei der Kampagne "Rhodes Must Fall" an britischen Universitäten geht es nicht allein darum, in Oxford eine Statue abzureißen, erklärt der indische Schriftsteller Amit Chaudhuri in einem umfangreichen Essay. Es gehe darum, ein Bildungssystem zu entkolonialisieren, das die westliche Geschichte als eine der Kultur, der Wissenschaft und Moderne denkt, jede andere aber in Begriffen von Rasse und Krieg: "Ein Problem ist auch, dass sich Postkolonialismus-Theorien in ihrer Deutung des kolonialen Aufeinandertreffens fast ausschließlich auf Fragen imperialer Verzerrungen fokussieren: sie ignorieren weithin, was in den nicht-westliche Kulturen in den vergangenen zwei Jahrhundert geschehen ist, sofern es nicht um den Widerstand gegen Kolonisatoren ging. Postkolonialismus-Theorien habe den Rahmen implizit auf die Frage begrenzt - 'Hat das Empire Gutes bewirkt?' -, worauf die Antwort negativ war. Diese Fragestellung haben sich jetzt revisionistische Historiker wie Andrew Robert und Niall Ferguson angeeignet. Ihre Antwort ist ein schallendes Ja."

Frankreichs Gefängnisse sind eine Brutstätte des Dschihadismus, nun sollen Salafisten in gesonderten Abteilungen mit Hilfe von Psychologen, Soziologen und Historikern dekontaminiert werden. Ein extrem skeptischer Christopher de Bellaigue trifft im Gefängnis von Fresnes Geraldine Blin, "eine Frau, deren sanftes Wesen ihre Position als Antiradikalisierungskommissarin Lügen zu strafen scheint": "Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der genauen Beobachtung und Auswertung. In den ersten Wochen sind Häftlinge besonders gefährdet - entweder durch Selbstmord oder durch Missionierung. Der interne Aufklärungsdienst der Gefängnisse muss herausfinden, ob ein Häftling einen schädlichen Einfluss auf andere hat (wenn ja, wird er aus der Abteilung entfernt). Doch Blin denkt ambitionierter, sie hat die Risse der Gesellschaft insgesamt im Blick: 'Wenn wir diesen Leuten zeigen können, dass sich die Gesellschaft für sie interessiert' sagt sie, 'dann können diese Risse gekittet werden'. Blins Enthusiasmus und Verständnis zum Trotz gelten in diesen neuen Einheiten nicht die Regeln der Philanthropie, sondern des Pragmatismus."