Magazinrundschau

Hand in der Keksdose

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.09.2018. Popula schreibt über das Leben nach der Abschiebung. Der Rolling Stone lernt in Mexiko, was noch lukrativer ist als Drogenhandel. Eurozine denkt über Kryptowährungen nach. Die London Review geißelt das Duckmäusertum der Millennials. GQ zählt seine Spermien. Die NYT lässt sich von Lina Khan Amazon's Antitrust Paradox erklären. Longreads schnuppert den Duft der Zibetkatze.

Popula (USA), 31.08.2018

Außer Lateinamerikanern werden in den USA zunehmend Immigranten aus den subsaharischen Ländern Afrikas ausgewiesen. Viele von ihnen kamen als Kinder ganz legal in die USA, haben es aber versäumt, rechtzeitig die Staatsbürgerschaft zu erwerben. Wegen geringer Vergehen (Ladendiebstahl, Marihuanabesitz) festgenommen, werden sie oft abgeschoben in Länder, an die sie sich nicht mal mehr erinnern, schreibt Ashoka Mukpo in ihrer sehr lesenswerten Reportage. Und sie werden in ihrem vermeintlichen "Heimatland" nicht unbedingt immer freundlich aufgenommen, wie Rückkehrer zum Beispiel in Liberia lernen müssen. Das Land, von der Amerikanischen Kolonialgesellschaft und den Nachfahren amerikanischer Sklaven gegründet, hat ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den Rückkehrern: "Die Unzulänglichkeit, die den Liberianern durch die Position ihres Landes in der globalen Ordnung vermittelt wird, kann Ressentiments gegenüber Menschen mit amerikanischen Akzenten hervorrufen. Verschlimmert wird das noch durch den Ekel über die Leichtfertigkeit und Arroganz, die - so wird vermutet - hinter der vertanen Chance der Deportierten auf ein besseres Leben steht. Für diejenigen, die nach einer strafrechtlichen Verurteilung oder Gefängnisstrafe in Liberia ankommen, ist der Empfang kalt - sogar feindlich. 'So schlimm es auch klingt, jemand sagte mir, dass ein Liberianer, sobald er erfährt, dass du deportiert wurdest, dich auf Lebenszeit hassen wird', sagt jemand, der dort lebt. Er wurde 2010 aus Minneapolis abgeschoben, weil er ein Motel mit einer Spielzeugpistole ausgeraubt hatte, als er Ende 20 war. 'Aber heimlich. Sie werden es dir nie sagen. Man findet es erst heraus, wenn man pleite ist, dann warten sie darauf und sagen: Du dreckiger Hund, sieh dich jetzt an.'"

Longreads (USA), 11.09.2018

Die Dinge, die wir gern riechen, sind nicht unbedingt die, die wir uns dabei vorstellen. Jasmin zum Beispiel - riecht gräßlich in reiner Form. Galle, Fäkalien, animalische Öle dagegen können absolut fantastisch riechen, versichert Katy Kelleher in einer Führung durch die Urstoffe klassischer Parfüme: "Bei meinem Versuch, die Anziehungskraft scheinbar abstoßender Inhaltsstoffe zu verstehen, sprach ich mit Ärzten, die die Nase studieren, Parfümeuren, die das Organ nähren, und sogar mit einer Zooarbeiterin, die während ihrer Arbeitszeit den reinen, unverdünnten Duft der Zibetkatze einatmet [das faulig riechende Sekret aus den Drüsen unter ihrem After wird gern und oft in Parfüms verwendet. Mehr hier, die Perlentaucher-Redaktion]. Während sie verschiedene Theorien darüber hatten, warum Dunkelheit ein wesentliches Element der Schönheit zu sein scheint, waren sie sich alle über eine Sache einig: Es kommt auf den Kontext an. Im richtigen Kontext kann sogar der Geruch des Todes ansprechend sein. Im richtigen Zusammenhang kann Erbrochenes begehrenswerter sein als Gold. Im richtigen Kontext, mit der richtigen Musik im Hintergrund, beginnt man, sich für die glamouröse Killerin oder den sardonischen Drogendealer zu interessieren."
Stichwörter: Parfüm

Gentlemen's Quarterly (USA), 04.09.2018

Mit den Männern geht's zuende. Mit den Frauen eventuell auch. Männer sterben ohnehin früher als Frauen, aber sie haben noch ein ganz anderes Problem, das durch eine breite Studie jetzt wie Beton erhärtet wurde: Die Zahl ihrer Spermien sinkt in dramatischen Tempo. Außerdem sinkt die Menge des Spermas "pro Schuss", die Penisse werden kleiner, der Abstand zwischen Anus und Geschlechtsteil (der als wichtiges Maß gilt) sinkt, die Hoden werden kleiner und sind häufiger von Krebs betroffen. Alle kennen die Ursache, schreibt Daniel Noah Halpern: Es liegt am Plastik, an Weichmachern und an anderen Chemikalien. "ich rufe Shanna H. Swan an, eine Reproduktionsmedizinerin am Mount-Sinai-Krankenhaus. 'Die Frage nach der Bedeutung von Daten führt immer zu einer Extrapolation über die Daten hinaus', sagt Swan, 'das ist immer heikel. Aber man kann fragen: Wieviel ist nötig? Ab wann ist eine Art in Gefahr? Und wir sind definitiv auf diesem Weg.' Dieser Weg führt in der dunkelsten Perspektive dazu, dass wir Babies überhaupt nicht mehr auf natürliche Weise zeugen können, am Ende vielleicht sogar zu gar keinen Babies mehr." Allerdings, so Halpern, eröffnet sich vielleicht ein Ausweg: Man hat bereits weiblichen Mäusen weibliche Stammzellen entnommen und damit neue Mäuse erzeugt.
Anzeige

Novinky.cz (Tschechien), 06.09.2018

Der Journalist Jan Rovenský hat in Tschechien den Band "Mezi méty a minarety (Zwischen Mythen und Minaretten)" herausgegeben, der ausführliche Gespräche mit Islamexperten enthält. Novinky veröffentlicht den Auszug eines Gesprächs mit dem Nahost-Korrespondenten Břetislav Tureček, der daran erinnert, dass es Zeiten gab, in denen Muslime den Mitteleuropäern durchaus genehm waren. "Während des Ersten Weltkriegs kämpften muslimische Soldaten auf unserer Seite - also damals noch für Österreich-Ungarn - gegen Russland. Es handelte sich um rund 130.000 osmanische Soldaten, die Wien in den Jahren 1915-1916 anheuerte und die zum Beispiel in Galizien und Rumänien kämpften. Österreich und Deutschland mussten nämlich ihre Reihen auffüllen, unter anderem deshalb weil die Tschechen in großem Stil zu den Russen überliefen. Die Türken schickten ihre militärische Elite nach Europa (…) und die Soldaten, die an der Front verwundet wurden oder sich in den Lagern mit Ruhr oder Typhus ansteckten, kamen zur Behandlung oft zu uns, wo sie auch starben. Es gab Lazarette in Pardubice, Břeclav und Olomouc. In Olomouc (Olmütz) gibt es auch einen großen Soldatenfriedhof, wo viele osmanische Soldaten beerdigt wurden, was kaum bekannt ist."
Stichwörter: Tschechien

New York Times (USA), 07.09.2018

David Streitfeld legt ein sehr lesenwertes Porträt über die junge Juristin Lina Khan vor, die durch den Artikel "Amazon's Antitrust Paradox" im Yale Law Journal sehr großes Aufsehen erregte. Der Artikel ist bereits über 100.000mal abgerufen worden - eine astronomische Zahl für einen wissenschaftlichen Text. Für kartellrechtliche Maßnahmen ist es nötig nachzuweisen, dass die Marktmacht eines Unternehmens den Kunden schadet. Das ist trotz seiner pharaminösen Größe bei Amazon auf den ersten Blick nicht der Fall, denn Amazon konkurriert durch niedrige Preise. Khans Artikel argumentiert nun, "dass Monopolregulatoren, die sich auf Verbraucherpreise konzentrieren, zu kurzfristig denken. Nach Ansicht Khans hat ein Unternehmen wie Amazon - also eines, welches Dinge verkauft und mit anderen konkurriert, die ebenfalls Dinge verkaufen, und welches zugleich die Plattform bereitstellt, wo dieser Handel stattfindet - einen inhärenten Vorteil hat, der den fairen Wettbewerb untergräbt. "Die langfristigen Interessen der Verbraucher sind Produktqualität, Vielfalt und Innovation - Faktoren, die am besten durch einen robusten Wettbewerbsprozess und offene Märkte gefördert werden", schreibt sie." Der Artikel hat laut Streitfeld bereits eine lebhafte Debatte ausgelöst - Streitfeld setzt viele Links.
Stichwörter: Amazon, Monopole, Monopolrecht

HVG (Ungarn), 11.09.2018

Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin und Theaterkritikerin Andrea Tompa wägt im Interview mit Zsuzsa Matrahazi die Erfolgsaussichten der durch die Regierung versuchten Neuausrichtung des Literaturkanons ab. "Nach meiner achtzehn Jahre dauernden Erfahrung mit einer Diktatur kann ich sagen, dass Menschen keine schlechten Werke oder Propagandaveröffentlichungen lesen. Kunst, die einer äußeren Erwartung entsprechen will, ist nie gut. Sie wäre auch nicht gut, wenn ich zum Beispiel den imaginierten Erwartungen Péter Esterházys entsprechen wollte. Auch die Exemplare der 'Nationalbibliotheks'-Reihe schmücken lediglich die Zimmer von Schuldirektoren auf dem Lande, doch die Menschen in der U-Bahn lesen etwas anderes. Ich hoffe, dass die vom Markt lebende Literatur nicht so ausgeliefert ist, wie das Theater oder andere Felder, die auf staatliche Institutionen angewiesen sind. Aber leider kann es das Überleben der Literatur durchaus beeinflussen, wenn Museen, Kulturhäuser und Bibliotheken, die Autoren-Leser-Begegnungen organisieren, sich den kulturkämpferischen Vorgaben beugen und gewisse Schriftsteller nicht mehr einladen."

New York Review of Books (USA), 27.09.2018

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins durchforstet der Kulturwissenschaftler Jackson Lears mit gleich neun Bücher zum Thema 1968 und die Gegenkultur in den USA, u.a. "In Search of the Lost Chord: 1967 and the Hippie Idea" von Danny Goldberg und "The Making of a Counterculture: Reflections on the Technocratic Society and Its Youthful Opposition" von Theodore Roszak. Wichtig scheint Lears die Erinnerung an die Ära in mehrfacher Hinsicht: So werde stets die popkulturelle Bedeutung hervorgehoben, die religiöse aber unterschlagen: "Letztere war es, die den amerikanischen Radikalismus von den Aufständen in Paris und anderen europäischen Städten im Frühling 1968 unterschied. Amerikanische Radikale ließen den antiklerikalen Geist der Europäer vermissen. Geistliche marschierten in den ersten Reihen der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung mit. Kings Entscheidung, sich gegen den Krieg auszusprechen, war zentral für die Legitimation des Widerstands … Die Frage, wie die Gegenkultur trivialisiert und dämonisiert wurde, verdient einen genaueren Blick auf die Machenschaften der Agents provocateurs und der Sensationspresse. Langfristig wurde ein Großteil der gegenkulturellen Gärmasse von der Therapiekultur der Selbstwahrnehmung oder der Identitätspolitik absorbiert. Gegenkulturelle Empfindsamkeit lebt fort in der ökologisch informierten Ahnung, dass der Mensch sich in die Natur einfügen muss, nicht sie beherrschen. Doch diese Empfindsamkeit existiert losgelöst von einer Kritik technokratischer Ratio, die etwa das wachsende Verteidigungsbudget und das nukleare Wettrüsten miteinbezieht. Die Macher des öffentlichen Diskurses sollten die gegenkulturelle Kritik eines technokratischen Ethos wiederausgraben, das den Sicherheitsstaat legitimiert. Ohne diese Kritik fehlt der oft moralisierend geführten Auseinandersetzung über die Außenpolitik die moralische Ernsthaftigkeit. Sich der religiösen Dimension der 60er-Proteste bewusst zu werden, erlaubt die Wiederbelebung eines vergessenen und bedeutsamen Teils unserer Vergangenheit."

Außerdem: Sue Halpern liest Bücher zur Geschichte der Privatsphäre in den USA.
Stichwörter: 1968

Times Literary Supplement (UK), 10.09.2018

Hobbes und Hume, Kant und Nietzsche, Bertrand Russell und Emile Durkheim stehen derzeit nicht hoch im Kurs, seufzt Simon Blackburn, selten hatten Philosophie und Soziologie einen so schweren Stand gegen die Religion wie heute. Wie John Gray in seinem neuen Buch die Denker der Aufklärung und des Atheismus verächtlich macht, lässt Blackburn fassungslos zurück: "Wehe denen, die glauben, die Dinge könnten sich zum Besseren wandeln! Grays Liste ähnelt am Ende an Monthy Pythons 'Was haben die Römer jemals für uns getan?', wenn man Römer durch Aufklärung ersetzt. Wir liegen alle in der Gosse, und sollten nicht hoch zu den Sternen blicken, sondern auf den Müll um uns herum. Das einzige, auf das wir zuschreiten, ist der Tod. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis macht Gray einige überraschende Beobachtungen. Wenn Atheisten betonen, dass Nicht-Gläubige hochmoralische Menschen sein können, erklärt Gray, 'dass es ihnen nicht in den Sinn kommt, zu fragen, welcher Moral sie folgen sollen'. Das ist eine bemerkenswerte Aussage für jemanden, der viele Jahre lang Philosophie, Politik und Wirtschaft in Oxford lehrte, schließlich ist ein großer Teil dieses Fachs genau dieser Frage gewidmet sowie den Philosophen, die mit ihr rangen. Schwer vorstellbar, dass Gray nicht bemerkt hat, dass er von nicht-religiösen Menschen umgeben war, die über diese Fragen lehrten, sie erörterten und diskutierten ... Über Göttliches kann man keine Aussagen machen, war die Schlussfolgerung von Thomas Hobbes, David Hume und Immanuel Kant. Jeder von ihnen fühlte das Bedürfnis zu denken, dass 'da mehr sein müsse', aber jedem war bewusst, dass uns dieser Gedanke nicht weiterführt."

Rolling Stone (USA), 06.09.2018

In Mexiko ist ein neuer Krieg ausgebrochen. Kein Drogenkrieg diesmal, sondern ein Krieg ums Benzin, erzählt Seth Harfe in einer großen Reportage. Öl gebohrt und verarbeitet wird in Mexiko von dem bislang staatseigenen Betrieb Pemex. Kleine Banden und große Mafiaorganisationen bohren überall im Land die Leitungen an und zapfen Benzin ab, das sie dann auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Das Geschäft ist noch lukrativer als der Drogenhandel. Pemex, "eine riesige Geldkuh, die von Korruption durchdrungen ist", wurde von der letzten Regierung privatisiert. Am Problem der Korruption hat das bislang nichts geändert: "Es ist schwierig zu wissen, was in Pemex vor sich geht, aber zwei wichtige Zahlen muss man beachten: Die erste ist 1,5 Milliarden Dollar. In dieser Höhe etwa stehlen die Huachicoleros jährlich. Die zweite sind 19 Milliarden Dollar. So viel hat Pemex im Durchschnitt seit 2013 pro Jahr verloren. Ineffizienzen tragen dazu sicherlich bei, aber staatliche Prüfer vermuten bei über hundert Verträgen mit einem Volumen von mehr als 11 Milliarden Dollar, die Pemex in den letzten Jahren vergeben hat, Betrug. Das sind Verluste, die die Vorwürfe (des neuen sozialistischen Präsidenten) López Obrador glaubhaft scheinen lassen, dass die wilden Schießereien, so schlimm das Problem des Benzindiebstahls auf Straßenniveau auch aussieht, nur ein oberflächliches Symptom eines Free-for-all sind, das meist in klimatisierten Sitzungsräumen stattfindet. 'Jeder hat seine Hand in der Keksdose', sagt ein ehemaliger Pemex-Beamter, der darum bat, nicht genannt zu werden. 'Du berührst die Achillesferse von Mexiko.'"
Stichwörter: Mexiko, Pemex

Guardian (UK), 10.09.2018

Der Schriftsteller Yu Hua lässt seufzend Revue passieren, wie sich China in den vergangenen fünfzig Jahren verändert hat und beklagt den krassen Materialismus, der alle Bereiche des Landes infiziert hat: "In den achtziger Jahren gab es eine Reihe von Studentenproteste in China, die in den Demonstrationen auf dem Tienanmen kulminierten, an denen nicht nur Studenten, sondern Großstädter aus dem ganzen Land teilnahmen. Diese Demonstrationen waren größtenteils motiviert von der Sorge um die Zukunft der Nation und einem Verlangen nach demokratischer Freiheit. Auch heute demonstrieren die Leute noch, aber in kleinerem Maßstab und diese Demonstrationen - 'Massenvorkommnisse' im Parteijargon - unterscheiden sich gravierend von den Protesten in den achtziger Jahren. Heute zielen die Proteste nicht auf einen Wandel der Gesellschaft, sondern auf die Wahrung der materiellen Interesse der Beteiligten." (Das könnte natürlich auch etwas mit den neuen, immer ausgefeilteren Überwachungs- und Bestrafungsmethoden der chinesischen Regierung zu tun haben, über die Christina Larson in der MIT Technology Review berichtet.)

Außerdem bringt der Guardian einen Vorabdruck zu Oliver Bulloughs Buch "Moneyland" über die Erfindung der Steuerparadiese.
Stichwörter: Yu Hua, China