Magazinrundschau

Freak der Freaks

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.11.2017. In der NYRB empfiehlt Timothy Garton Ash den Deutschen, mit ihren Rechten zu reden. Im New Yorker erklärt Peter Schjeldahl seine Frustration mit Leonardo da Vinci. Im New York Magazine überlegt Rebecca Traister, wo genau wir in der Missbrauchs-Debatte gerade stehen. In Eurozine zupft Maurice Earls den Briten schon die Mohnblume aus dem Knopfloch. Micromega beglückwünscht den Zentralrat der Ex-Muslime. Gentlemen's Quarterly erzählt, warum Putin William Browder hasst.

New York Review of Books (USA), 07.12.2017

Timothy Garton Ash erklärt dem internationalen Publikum den Erfolg der Rechtspopulisten in Deutschland und stellt die Führungsriege der AfD vor: die "schrille und unangenehme" Beatrix von Storch, die in der Schweiz residierende Bankerin Alice Weidel, und den Altkonservativen Alexander Gauland, der in seinen Tweed-Jackets "so englisch aussieht, dass er einfach deutsch sein muss". Anders als in den USA und Großbritannien geht es hier nicht um ökonomische Ungleichheit, meint Garton Ash, sondern um eine Ungleichheit der Aufmerksamkeit. "Es ist die Kultur, nicht die Ökonomie, Flachkopf!" Und dann kommt er auch auf Rolf Peter Sieferles Buch "Finis Germania" zusprechen: "Dass der Spiegel Sieferles Buch einfach von seiner Bestseller-Liste verschwinden ließ, ist das extreme Beispiel eines im zeitgenössischen Deutschland verbreiteten Vorgehens. Wer einen bestimmten Punkt überschreitet, der als rechts oder antisemitisch angesehen werden könnte, wird aus der respektablen Gesellschaft ausgeschlossen und mit einem leuchtend roten - oder eher braunen - Buchstaben gebrandmarkt. Nazi-Insignien, Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung sind gesetzlich verboten (was Facebook gerade erfahren muss), aber es gibt auch eine breitere gesellschaftliche, kulturelle und politische Durchsetzung von Tabus. Viele würden sagen, dass dies entscheidend zu einer Politik der Mitte und zivilisierten Debatte in Deutschland beigetragen hat. Ich weiß, dass viele junge Deutsche diesen Ansatz aus vollem Herzen unterstützen. Fände es der Rest der Welt etwa besser, wenn Deutschland nicht jedes Anzeichen einer Wiederkehr des Schlimmsten, was die moderne Menschheit hervorgebracht hat, mit einem Tabu belegte? Doch dieser Ansatz fordert seinen Preis, und der Wahlerfolg der AfD zeigt, dass der Preis steigt. Sieferles 'Finis Germania' ist das späte, unbedeutende Werk eines traurigen, verwirrten und doch unbestreitbar großen Geistes. Nur zu sagen: 'Rechts, antisemitisch, revisionistisch - fort mit Dir, Satan, und raus aus der Bestseller-Liste!', ist eine beklagenswert unzulängliche Reaktion. Sieferle mit einem Tabu zu belegen, bestätigte tatsächlich seine Behauptung, dass es dieses Tabu gibt, also etwas, das außerhalb des rationalen Diskurses gestellt wird."

Besprochen werden außerdem Masha Gessens Russland-Buch "The Future Is History" (dem Robert Cottrell allerdings einen etwas lockeren Gebrauch des Totalitarismus-Begriffs vorwirft) und Karl Ove Knausgards Kataloge und Essays für Munch-Ausstellungen in Oslo, San Francisco und New York .

Eurozine (Österreich), 17.11.2017

Maurice Earls gibt in der Dublin Review of Books (online in Eurozine) seiner herzlichen Schadenfreude über den Brexit-Schlammassel Ausdruck. Als Ire sieht er natürlich den Anti-Katholizismus als einen Faktor des britischen Exzeptionalismus. Sein Spott konzentriert sich dann ganz auf die Mohnblume im Knopfloch, mit der die Briten ihrer Veteranen, aber auch vergangener Größe gedenken: "David Cameron und Michael Gove waren bei einem Besuch in China einige Jahre nach der Rückgabe Hongkongs empört, dass man sie bat, ihre Mohnblumen zu entfernen, die in diesem Land als ein Symbol der nationalen Erniedrigung während der Opiumkriege angesehen werden. Sie sagten nein und beriefen sich auf ihre politische Freiheit. Damals glaubte der Westen noch, dass Kapitalismus nicht ohne parlamentarische Demokratie funktionieren könne. Nach dem Brexit wird das Vereinigte Königreich, oder was davon geblieben sein wird, Handelsbeziehungen mit der massiven chinesischen Wirtschaft suchen, und seine Repräsentanten könnten sich veranlasst sehen, die Mohnblume wegzustecken. Das Problem mit den Chinesen ist allerdings, dass sie ein gutes Gedächtnis haben. Und sie sind nicht die einzigen: Die Inder sind auch ein bisschen so."

Caravan (Indien), 01.11.2017

Gurinder Chadhas Historiendrama "Viceroy's House" über Louis Mountbatten, den letzten britischen Vizekönig Indiens, sorgt für Kontroversen. Die Filmemacherin fühlt sich von der Kritik missverstanden und ist der Ansicht, einen in alle Richtungen ausgewogenen Film gedreht zu haben, was wiederum Manik Shamira so nicht stehen lassen kann: Historische Details seien falsch perspektiviert oder würden als neue Erkenntnis lauwarm präsentiert, obwohl sie von der Geschichtsschreibung seit Jahrzehnten diskutiert werden. Nicht zuletzt schmeichle die Regisseurin der historischen Figur - und geht ihr damit auf den Leim: "Vermutlich versehentlich setzt der Film damit ein Projekt zur Mythenbildung fort, das Mountbatten selbst einst lanciert hat. Zahlreiche Forscher haben darauf hingewiesen, dass Mountbatten dazu neigte, die öffentliche Wahrnehmung seiner Taten und des Erbes der Raj gezielt zu steuern. Der Historiker Ramachandra Guha nannte Mountbatten einst 'einen Pionier der Meinungsmache und des Image-Managements'. ...  Zum Vorteil für Mountbatten ist die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Durchbruch des Films um ein gehöriges Stück einfacher geworden. In der Welt des Kinos, des Fernsehens und der Nachrichten entwickelte er einiges an Schlagkraft - und zwar so sehr, dass seine Auftritte in der BBC zu Glanzzeiten von gut zehn Millionen Leuten verfolgt wurden. Nur die Auftritte der Queen waren noch erfolgreicher. Mountbatten fand viel Gefallen am Kino und lieferte sich mit dem vorletzten Vizekönig, Lord Wavell, Gefechte darüber, ob Kino über der Literatur stehe. Sein ganzes Leben lang trug er in Indien und jenseits davon zu Propaganda-Filmen, Dokumentationen und Spielfilmen bei. Die Manipulationen, die er während seiner Amtszeit in Indien vorantrieb, zählen zu seinen erfolgreichsten und durchschlagendsten. Er hinterließ damit bleibende Verzerrungen in der Geschichtsschreibung des Subkontinents, des Britischen Empires und von seiner Person selbst."

Außerdem: In einer epischen, fast schon Buchlänge erreichenden Reportage schreibt Anna MM Vetticad über die von zahlreichen Skandalen gesäumte Karriere des indischen Schauspielers Salman Khan, der im großen indischen Film-Triumvirat der Khans (neben Aamir und Shah Ruhk Khan) den kontroversen Part übernimmt.
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Slate.fr (Frankreich), 18.11.2017

Slate.fr stellt in Auszügen ein Buch über die Bewegung Young Lords vor, die in den Siebzigern in den USA aktiv war. Es handelte sich um eine Gruppe junger puertoamerikanischer Nationalisten, die sowohl für die Unabhängigkeit ihres Landes als auch gegen jedwede Diskriminierung eintrat. Das Buch rekonstruiert in Erzählungen ehemaliger Aktivisten die vergessene Geschichte dieser "lateinamerikanischen Black Panther", die auch feministisch und schwulenfreundlich waren. Eine von ihnen beschreibt die notwendige Abgrenzung zum Feminismus weißer Frauen: "In der weißen Frauenbewegung hatten viele eine separatistische oder bourgeoise Einstellung und sagten: 'Die Frauen sind unterdrückt, weil sie daheimbleiben müssen und nicht arbeiten dürfen.' … Wir kamen aber aus einer Gesellschaft, in der Frauen fast immer schon gearbeitet haben. In puncto Privilegien und sozialer Klasse haben wir sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten. [...] Einige Frauen haben uns gesagt. 'Ihr müsst eure Männer verlassen.' Aber für uns kam das, trotz unserer Problemen mit Machismus oder Patriarchat, nicht in Frage. Wir wollten in unserer Gemeinschaft bleiben, und dort gab es Männer, Frauen, alte, Junge und Kinder. Wir wollten mit allen reden. Für uns bestand die Antwort auf den Sexismus nicht nur darin, dass sich die Frauen zusammentun und dagegen wehren, sondern auch im Aufbau von Männergruppen, in denen sich Männer mit ihrem eigenen Machismus konfrontieren konnten."

Pandaemonium (Großbritannien), 15.11.2017

Doch, es gibt noch Fairplay in Britannien. Der Runnymede Trust half 1997 mit seinem Bericht "Islamophobia: A Challenge for Us All", den Begriff der "Islamophobie" einzuführen, der dann nach dem 11. September eine ungeahnten Aufstieg erlebte. Nun legt die Organisation eine neue Fassung des Berichts vor - und bat Malik, in einem Kapitel seine Kritik an diesem Begriff zusammenzufassen. Dieses Kapitel veröffentlicht er in seinem Blog. Er betont wie schon so oft, dass "Fanatismus und Hate Speech bekämpft werden müssen, aber vor allem auf einer politischen und moralischen Ebene, und nicht durch eine Gesetzgebung, die die Redefreiheit einschränkt". Gegen die auch von immer mehr Linken geforderten Sprechverbote setzt er die Erfahrung, dass Verbote meist auf eine Macht verweisen: "'Du darfst das nicht sagen' ist allzu häufig die Antwort der Machthabenden auf jene, die sie in Frage stellen. Zu akzeptieren, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden dürfen, heißt zu akzeptieren, dass bestimmte Formationen der Macht nicht in Frage gestellt werden dürfen. Die Bedeutung der Redefreiheit liegt gerade darin, dass sie die Idee von Tabuzonen in Frage stellt. Darum ist sie nicht nur in der Praxis der Demokratie wesentlich, sondern gerade für Gruppen, die an dem demokratischen Prozess bisher nicht teil hatten und deren Stimmen zum Beispiel aus Rassismus zum Schweigen gebracht wurden."

Hospodarske noviny (Tschechien), 16.11.2017

Anlässlich des hundertsten Jahrestags der Oktoberrevolution bemerkt der Ökonom Tomáš Sedláček in seiner Kolumne: "Wenn man sich Marx' Ziele anschaut, die er im Kommunistischen Manifest formulierte (kostenfreie Gesundheitsfürsorge, kostenfreie Bildung, Schutz der Arbeitenden), so wurden diese eher vom Kapitalismus realisiert als durch die von ihm vorgeschlagenen Methoden. Der demokratische Kapitalismus hat also den Kommunismus mit seinen eigenen Waffen geschlagen - er konnte dessen Träume erfüllen, ohne seine Methoden zu übernehmen. Ist der demokratische Kapitalismus fehlerlos und nicht zu verbessern? Natürlich nicht! Aber wer möchte heute schon nach Nordkorea emigrieren? Nicht einmal Marx würde es wollen, wenn er noch lebte."

Gentlemen's Quarterly (USA), 01.12.2017

Sean Flynn erzählt die Geschichte des amerikanischen Geschäftsmanns William Browder, der in Russland einen Hedge Fonds managte, bis sein Steueranwalt Sergej Magnitsky in einem russischen Gefängnis zu Tode gefoltert wurde, nachdem er einen Steuerbetrug russischer Gangster aufgedeckt hatte. Browder, der die Verantwortlichen bestraft sehen wollte, kehrte in die USA zurück und machte so lange Stunk, bis 2012 der "Magnitzky Act" erlassen wurde, den Diktatoren überall auf der Welt hassen. Denn unter diesem Gesetz können ihre Gelder eingefroren und Einreiseverbote für die USA verhängt werden. Die Russen versuchen alles, dieses Gesetz zu kippen. Inzwischen wird Browder sogar beschuldigt, Magnitsky selbst ermordet zu haben. Umso bestürzender für ihn als er erfuhr, dass Donald Trump Jr. sich während des US-Wahlkampfs mit einer russischen Anwältin getroffen hat, die im Auftrag ihrer Regierung den "Magnitzky Act" zu Fall bringen soll. Die Russen versuchen gleichzeitig immer wieder, Browders Auslieferung durchzusetzen, zuletzt in Britannien. "Am Ende war es für Browder nur eine Unbequemlichkeit. Aber was, wenn er in Finnland gewesen wäre? Die Finnen sind gute Leute, aber sie haben auch eine 500 Meilen lange Grenze mit Russland. Würde ihnen Bowder einen internationalen Konflikt mit einem größeren, aggressiveren Nachbarn wert sein? Er kann vernünftigerweise sagen, dass er das nicht wert wäre. 'Ich bin sehr realistisch, wer zu meiner Verteidigung käme', sagt er. 'Ich bin meine Verteidigung.'"

La vie des idees (Frankreich), 18.11.2017

In einem Essay setzt sich Mathieu Ferry mit dem Vorwurf des "Terrorismus gegen die heilige Kuh" in Indien auseinander. Seit ihrer späten Erfindung im Mittelalter und dem damit verbundenen Verbot, ihr Fleisch zu essen, seien dies starke treibende Kräfte der hinduistischen Gemeinschaft gewesen. Bis heute würden sie von der nationalistischen extremen Rechten instrumentalisiert, was eine neue Welle von Lynchmorden belege, die wegen "Terrorismus gegen Kühe" - sprich: dem Verzehr ihres Fleisches - seit 2010 begangen wurden. Ferry erzählt die lange Geschichte dieses Verbots, das in jüngster Vergangenheit teilweise gelockert wurde - allerdings nur in bestimmten sozialen Schichten beziehungsweise Kasten. "Die wirtschaftliche Frustration der herrschenden Kasten gegenüber den niedrigen Kasten und den Muslimen bildet den Kontext, in dem die Zielscheiben der Aggressionen stehen. Die Lynchjustiz ahndet einen wirtschaftlichen Aufstieg, der zwar relativ ist, doch das Überlegenheitsgefühl der herrschenden Kasten bedroht. Die an die Opfer gerichtete Botschaft lautete daher gleichermaßen, kein Rindfleisch zu essen, wie ihren untergeordneten Rang in der sozialen Hierarchie beizubehalten."

New York Magazine (USA), 20.11.2017

Tausende von Frauen sprechen plötzlich offen über sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt. Ist das jetzt ein Moment, in dem die gesellschaftlichen Regeln geändert werden? Oder serviert man den Frauen mit Weinstein und Co ein paar Bauernopfer, in der Hoffnung, danach zum status quo ante zurückkehren zu können? Rebecca Traister versucht in ihrem Essay den Punkt zu bestimmen, an dem wir gerade stehen. Sie spricht dabei auch über die Komplizenschaft von Frauen, die nicht erst beginnt, wenn sie sich vom Boss hofieren lassen oder schweigen, wenn der zu ihnen so reizende Vorgesetzte andere Frauen mit Verachtung behandelt. Denn auch sie sind Teil einer Welt, die Männer in einer Art bevorzugt, "die so selbstverständlich langweilig, unsichtbar und vorhersehbar ist", dass selbst Ausgestoßene wie Weinstein oder Wieseltier oder Spacey eines Tages rehabilitiert werden könnten. "Das kann geschehen, weil wir in Männern - selbst in den miesen - das Talent sehen können. Wir können über ihre Fehler und sexuellen Belästigungen hinwegsehen, weil sie der Welt auch etwas Postives geben. Das ist genau das Gegenteil zu der Art, wie wir Frauen beurteilen, deren Erfolge immer noch munter der Tatsache zugeschrieben werden können, dass der Boss sie gern ficken würde."

HVG (Ungarn), 15.11.2017

Man zahlt einen Preis für Widerstand, aber es lohnt sich, meint der Schriftsteller und Dramatiker Mihály Kornis, eine bedeutende Figur schon der ungarischen Samisdat-Literatur, im Gespräch mit Sándor Révész: "In gewissen Momenten muss man auch öffentlich zu seiner Überzeugung stehen. Die Politik redete oft in mein Leben rein und es kann nicht behauptet werden, dass ich nicht erwidert hätte. Ich habe mich oft gegen die Macht gestellt, manchmal sogar gegen die öffentliche Meinung. So erhielt ich auch keine staatlichen Auszeichnungen und ich stehe auch nicht dort, wo ich meiner Meinung nach stehen sollte. Doch langfristig wird es besser für mich sein, dass mich diese heutige Welt ausspuckte."