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Im Kino

Grundlegende Widersprüche

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
19.10.2011. Der spanische Autorenfilmer Pedro Almodovar verkauft seinem Arthouse-Publikum mit "Die Haut in der ich wohne" ein waschechtes pulp movie unter blendender Oberfläche. Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter" porträtiert einen unversöhnten Schriftsteller und ehemaligen Stasi-IM.


1971 dreht der Spanier Jess Franco den Softsex-Krimi "Sie tötete in Ekstase", in dem ein Mediziner auf der Suche nach einem Heilmittel für Krebs auch vor Genexperimenten mit menschlichen Embryonen und Material tierischen Ursprungs nicht Halt macht. Von einer medizinischen Ethikkommission heftig in seine Schranken verwiesen, begeht der Mann bald Selbstmord, seine schöne Frau (Soledad Miranda) übt fortan Rache an den Wissenschaftlern, die sie für den Tod ihres Mannes verantwortlich macht.

In Pedro Almodovars neuem Film "Die Haut in der ich lebe" gibt es mehrmals Gelegenheit, ausgerechnet an diesen vergessen geglaubten, unter Kunstverdacht nun gerade nicht stehenden Pulpfilm zu denken: Etwa wenn Antonio Banderas als Dr. Ledgard, ein Star der plastischen Chirurgieszene, vor einer ganz ähnlichen Kommission einen Vortrag über künstlich unter Einsatz von Tiergenen gezüchtete Menschenhaut hält und die Kommission ihn auf ganz ähnliche Weise attackiert. Oder wenn Teile von Ledgards Haus in einem 70er Decor gehalten sind, das direkt dem 70er Overkill von Francos Film entsprungen scheint. Oder wenn Elena Anaya als Vera, eine rätselhafte Frau, die Ledgard unter mysteriösen Umständen im Keller seines Luxushauses gefangen hält, sich, endlich befreit, einen schwarzen, halb durchsichtigen Umhang umwirft, der ihr bei der Flucht durchs Treppenhaus hinterher flattert, wie das auch bei Soledad Miranda in "Sie tötete in Ekstase" zu sehen war:



Nun mögen solche Ähnlichkeiten rein zufälliger Natur sein. Trotzdem wirken sie wie Tupfer, die auf den eigentlichen Referenzraum des Films hinzudeuten scheinen: Mit "Die Haut, in der ich wohne" verkauft der einstmals als "spanischer John Waters" gehandelte, längst zum verlässlichen Arthouse-Lieferanten arrivierte Regisseur seinem Publikum ein waschechtes pulp movie mit allen spekulativen Derbheiten, versteckt allerdings unter einer wohl ausgeleuchteten Oberfläche. Das ist kein Zufall in einem Film, in dem es gerade auch um das Verhältnis zwischen innerer Essenz und äußerem Schein geht. "Niemand kann Dir Dein Innerstes nehmen, niemand kann es zerstören", heißt es in einem kitschigen Yoga-Video, das Vera in ihrem Wohlstandskerker sieht. Und auch der Film selbst entblättert seinen Kern erst nach und nach - unter vielen Schichten aus filmhistorischen Zitaten und kunstvoll eingesetzten Rückblenden, in denen "Die Haut, in der ich wohne" zusehends ins Absurde rückt, nur, um im allerletzten Satz, nach allen psychischen Verschüttungen, zur grundlegenden Selbsterkenntnis zu finden: "Ich bin..."



Das klingt rätselhafter, als es an sich ist, allerdings verbieten die Wendungen, die "Die Haut, in der ich wohne" auszeichnen, detaillierte Erläuterungen. Nur soviel: Der Plot streift die Mad-Scientist-Thematik genauso wie chirurgische Übergriffe aus einem sensationalistischen Groschenheft, er verbindet das Motiv des jugendlichen Straftäters spielend mit hitchcock'schen Vertigoismen, vernäht den Racheplot eines Rape-Revenge-Films mit absurden Sexzenen, die aus einem 70er-Pornofilm stammen könnten, ohne aber - und hier wird es eben doch nochmal sehr spannend - das in den letzten Jahren genährte Almodovar-Publikum ästhetisch zu verschrecken: Dem Film mangelt es an allem Groben, visuelle Oberfläche und Klang sind mit fetischistisch-sinnlicher Hingabe inszeniert - schöner klang es nie, sah es nie aus, wenn sich ein Chirurg den Gummihandschuh überstreift. Man merkt fast nicht, wie einem dabei der Boden unter den Füßen entzogen wird und jeder moralische Rückzugsort verloren geht - während Almodovar das große Melodram ganz spielend obenauf setzt.

Womöglich ist "Die Haut in der ich wohne" ganz einfach nur eine unendlich böse, versteckte schwarze Komödie darüber, wie ein Mann plötzlich doch noch für eine Frau, die er liebt, entgegen allen Widrigkeiten, interessant wird. Wenn dem so wäre: Aua, Senor Almodovar, das saß!

Thomas Groh

***



"Ich hör' diese scheiß westdeutschen Filmfragen genau raus", sagt Paul Gratzik am Anfang, im Ruderboot, auf einem kleinen See. Annekatrin Hendel, die Regisseurin des Films, die mit ihm im Boot sitzt, ist gar keine Westdeutsche, wie Gratzik hat sie in der DDR gelebt, ihrer Stimme hört man sogar die Dialektfärbung an, seiner nicht. Trotzdem ist der Schriftsteller Gratzik, Autor der proletarischen Romane "Transportpaule" und "Kohlenkutte" sowie zahlreicher Bühnenstücke, misstrauisch. Vor allem anderen will er nicht vereinnahmt werden, von niemandem. Und den Kapitalismus mag er sowieso noch immer nicht.

Eine sonderbare Gestalt ist Gratzik heute. Zu seinem braunen Hut trägt er durchweg Hemd und Krawatte, darüber aber abgerissene Wollpullover und speckige Winterjacken. Er trinkt Bier in der Straßenbahn, Korn in der Konditorei und auch sonst dreht sich viel um Alkohol. Fast meint man, in den Rissen durch diese prekäre Existenz noch immer einen der grundlegenden Widersprüche nachvollziehen zu können, die diesen Mann prägten: nämlich den zwischen dem Intellektuellen Gratzik, der zwar eine Außenseiterfigur der DDR-Literaturszene war, aber gleichzeitig doch ein Freund Heiner Müllers und Förderer Sascha Andersons und dem Arbeiter Gratzik, der in der Nachkriegszeit Tischler lernte und noch in den Siebzigern, als er längst literarische Erfolge feiern konnte, in der Brigade Kernbau im VEB Transformatorenwerk Dresden Trafos baute. Ein Widerspruch, der natürlich kein prinzipieller ist, sondern ein historisch gewachsener, aber eben einer, den auch der Arbeiter- und Bauernstaat DDR nicht aufzulösen imstande war.

Über diesen Aspekt der Biografie Gratziks, der zumindest für sein eigenes Selbstverständnis wichtig sein dürfte, hätte ich gerne mehr erfahren. Es ist aber durchaus verständlich, dass Hendel sich für einen anderen Widerspruch interessiert: Der fein- und eigensinnige Literat Gratzik verfasste ab den sechziger Jahren als IM "Peter" Berichte über Künstlerkollegen für die Staatssicherheit. Immer wieder wird im Film direkt aus diesen Berichten, die genau so geschwätzig und niederträchtig sind, wie man sie sich vorstellt, vorgelesen, der Verfasser selbst betreibt, mit ihnen konfrontiert, in erster Linie Sprach-, nicht Selbstkritik: Wie konnte er nur solche Sätze schreiben, was für ein fürchterliches Deutsch. Anfang der Achtziger löste er sich von der Stasi und wurde selbst zunehmend verdächtig, unter anderen schrieb dann sein eigener Schützling Anderson Berichte über ihn.



Beeindruckend ist die Rechercheleistung, die hinter dem Film steckt und auch, dass es der Regisseurin gelungen ist, so viele Menschen dazu zu bringen, mit ihr über unangenehme Passagen des eigenen Lebens zu sprechen. Hendel hat nicht nur Gratzik vor die Kamera bekommen, sondern auch zwei seiner drei Kinder, einige damalige Weggefährten, seine ehemalige Geliebte Renate Biskup, eine Opernsängerin, die bei der Aktenlektüre in Wut ausbricht und - vielleicht am erstaunlichsten - sogar seinen Stasi-Führungsoffizier Günter Wenzel. Der scheint der einzige zu sein, der mit der Vergangenheit seinen Frieden gemacht hat, wahrscheinlich vor allem, weil es ihm gelungen ist, die Gegenwart komplett zu ignorieren; er sitzt ruhig vor der Kamera und vertritt in entspannter Rede die Staatsräson der DDR, als habe sich die Welt seit den frühen Achtzigern nicht verändert. Alle Interviews sind in einer Weise gefilmt und geschnitten, die den Gesprächspartner respektiert, ohne ihm zu viel Raum für Selbstdarstellung zu geben. Eher überflüssig erscheinen neben diesen eindrücklichen Szenen die glücklicherweise im Film eher peripheren Versuche, Vergangenheit mittels Malerei und Geräuschkulisse zu evozieren.

Aufzudecken gibt es in der politischen Biografie Gratzik nicht mehr viel, ihr komplettes Scheitern liegt längst offen zutage. Wenn der Film dann trotzdem noch einmal nachfragt, das Vergangene noch einmal ausbreitet, trifft er auf einen Widerstand, der sich nicht in die Geschichtsschreibung integrieren lässt: auf den inzwischen lebenden Menschen Gratzik selbst, einen 75-jährigen Grantler, der von 600 Euro monatlicher Rente lebt und noch letztes Jahr ein dramatisches Stück namens "Der Führergeburtstag" verfasst hat. Dass "Vaterlandsverräter" das Unversöhnte, Unzeitgemäße an Paul Gratzik nicht wegerklären will, sondern aushält und neu befragt, ist eine große Stärke des Films.

Lukas Foerster

Die Haut, in der ich wohne - Spanien 2011 - Originaltitel: La piel que habito - Regie: Pedro Almodovar -Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Alamo, Blanca Suarez, Eduard Fernandez, Barbara Lennie - Länge: 120 min.

Vaterlandsverräter - Deutschland 2011 - Regie: Annekatrin Hendel - Mit: Paul Gratzik, Matthias Hering, Ernstgeorg Hering, Ursula Karusseit, Raphaela Schröder, Günter Wenzel, Renate Biskup, Antje Mauksch, Gabriele Dietze - Länge: 97 min.

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