Im Kino

Schwanengesang ohne Schwere

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
18.06.2026. Der Tod trägt einen Adidas-Trainingsanzug und kommt immer näher. Sophie Fillières hat kurz vor ihrem eigenen Lebensende einen heiteren, spielerischen Film übers Abschiednehmen gedreht.

Der Tod schleicht sich langsam an. Zunächst ist er nicht mehr als eine der vielen kleinen Irritationen, die Barbie Bichettes Alltag bestimmen. Vorher war da zum Beispiel der Typ, der sich, als er aus einem Aufzug tritt, noch einmal umdreht, wie um zu überprüfen, ob er nach dem Toilettengang auch gespült hat. Oder die redselige Frau auf dem Platz gegenüber in der Straßenbahn, die sich von Barbie ihre Einkäufe vor die Wohnungstür tragen lässt. Oder der Schüler, der ihr zunächst allzu höflich den Vortritt lässt, nur um dann allzu neugierig durch das Fenster des Lehrerzimmers zu schauen, in dem sich Barbie mit ihrer Schwester, einer Lehrerin, unterhält.

Jetzt eben: der Tod. Als Barbie ihn zum ersten Mal erblickt, sitzt er noch zwei Tische entfernt. Und hat gerade, wie ihr der Kellner mitteilt, ihren Drink bezahlt. Schnitt für Schnitt und Stuhl für Stuhl rückt er näher, bis er direkt bei Barbie sitzt und sie fragt, ob sie ihn nicht erkenne. Er trägt einen Adidas-Trainingsanzug und einen dunklen Bart und stellt sich als jemand aus ihrer Kindheit vor. Sie erinnert sich nicht. Oder vielleicht doch? Es gab da diesen einen Freund, aber der ist mit 22 gestorben… Ist der Mann am Tisch sein Wiedergänger? Oder eben: der Tod selbst?

Die Regisseurin des Films, Sophie Fillières, hatte sich selbst im Juli 2023 am Tag nach dem Ende der Dreharbeiten schwerkrank in ein Hospiz eingewiesen und starb wenige Wochen später. Sie war 58 Jahre alt, drei Jahre älter als Barbie, die Hauptfigur ihres letzten Films "Mein Leben, mein Ding", mit der Fillières möglicherweise auch sonst die eine oder andere Eigenschaft teilt. Schaut man sich den Film heute an, so schwebt der Tod unweigerlich über ihm, oder besser: ist in ihn verwoben, in jede einzelne Szene. Gleichzeitig ist es natürlich müßig, darüber zu spekulieren, wie sehr das nahende Lebensende Fillières' ihre Arbeit am Film faktisch beeinflusst hat. Zumindest wusste sie wohl noch nichts von ihrer Krankheit, als sie das Projekt - auch das Drehbuch stammt von ihr - erstmals in Angriff nahm. Vollendet wurde der Film von Fillières' Kindern Agathe und Adam Bonitzer.


In jedem Fall ist "Mein Leben, mein Ding" ein Schwanengesang, dem alle Schwere fehlt, auch da, wo er von Abschieden handelt. Einerseits ist Barbie, schon bevor sie den leibhaftigen Tod trifft, offensichtlich dabei, aus dem Leben zu fallen. Mit der Trennung von ihrem Mann kommt sie ebenso wenig klar wie mit ihrem fortschreitenden Alter, ihre beiden Kinder, Sohn Junior und Tochter Rose, machen sich recht forsch über sie lustig, ihren Job bei einer Werbeagentur mag sie selbst nicht mehr so recht ernst nehmen - schließlich würde sie ohnehin lieber Gedichte schreiben, anstatt sich Werbesprüche für "Frühstücksflocken mit Loch drin" auszudenken. Andererseits klammert sie sich, fröhlich vor sich hin quasselnd, an allem fest, was ihr über den Weg läuft. Mal labert sie ihren Computerbildschirm an, mal, halbnackt, ihr eigenes Spiegelbild, mal ihren Therapeuten; der sich standhaft weigert, auch nur irgendwie auf Barbies Selbstentblößungen zu reagieren.

Fillières' Film erzählt von einer Frau, die den Faden ihres Lebens verloren hat. Alles, was dieses Leben einmal ausgemacht hat - Liebesgeschichten, die Familie, die Arbeit, ihr Selbstverständnis als Dichterin - löst sich unter ihren Fingern auf. Barbie betrachtet ihr eigenes Leben, das den Bach herunter geht, freilich selbst nicht als eine Tragödie, sondern als eine Komödie. Als Spiel, als Sprachspiel zumal. Gleich zu Beginn probiert sie aus, was unterschiedliche Fonds mit den Worten "Ma vie" - "Mein Leben" anstellen. Später im Film machen sich immer wieder einzelne Worte und Redewendungen selbstständig, manche werden zum Zentrum kleinerer lyrischer Eskapaden, andere vagabundieren zwischen dem Französischen und dem Englischen hin und her, selbst einzelnen Buchstaben ist nicht zu trauen, einer verwandelt sich womöglich in eine Hundepfote. Nicht nur Barbie, auch die Sprache ist dabei, das Band zur Welt zu kappen.

Alles zerfällt, also zerfällt der Film gleich mit. In drei große und noch viel mehr kleine Teile. Insbesondere der erste Teil, der Barbie durch einen äußerlich noch alltäglichen Alltag folgt und mit der Begegnung mit dem Tod endet, ist fast schon eine Sketch-Parade, agil und doch unaufgeregt an der Performance der hervorragenden Hauptdarstellerin Agnès Jaoui entlang gefilmt. 

Der zweite Teil bewegt sich ins Geschlossene, in eine Klinik, in die Barbie eingeliefert wird. Ganz besonders eng verschränken sich hier innerfilmische und außerfilmische Realität, wobei Fillières sich gleichzeitig ganz besonders vehement von klassisch-realistischen Krankheitschroniken fernhält. Barbie erweist sich, wen wundert's, als eine reichlich verschrobene Patientin. Den Krankenschwestern geht sie unter anderem damit auf die Nerven, dass sie sie "Fanfan" nennt. Und zwar alle. Sich selbst nennt sie irgendwann ebenfalls Fanfan. Das Sprachspiel regrediert zum Stammeln. Das Ich und das Andere: alles ist Fanfan.

Der dritte Teil bewegt sich ins Offene. Ins Offene und ins Grüne und weg aus Frankreich. Gleichzeitig zurück in die Kindheit und vorwärts in etwas, das nach dem Leben kommt.

Lukas Foerster

Mein Leben, mein Ding - Frankreich 2024 - OT: Ma vie ma gueul - Regie: Sophie Fillières - Darsteller: Agnès Jaoui, Angélina Woreth, Édouard Sulpice, Philippe Katerine u.a. - Laufzeit: 99 Minuten.