Heute in den Feuilletons

Mit letzter Tinte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.04.2012. In der SZ und der übrigen Weltpresse droht Günter Grass, mit Lyrik den Weltfrieden wieder herzustellen - gegen voraussehbare israelische Verbrechen. In der Welt holt Henryk Broder zum Gegenschlag aus. In der FAZ bedauert Monika Maron die Pleite der Solarfirma Q-Cells, die der Stadt Bitterfeld neue Hoffnung gegeben hatte. Und der Internetbuchhändler Libri.de streicht alle FAZ und SZ-Zitate aus Angst, dass es ihm wie dem Perlentaucher ergeht.

SZ, 04.04.2012

Ahmadinedschad wird sich heute bei der Frühstückslektüre der SZ wohl ziemlich freuen: Günter Grass, dessen Walrossschnurrbart feierlicher Weise sogar die Seite 1 der SZ ziert, verschafft in einem Gedicht mit dem Titel "Was gesagt werden muss" seinem Unmut darüber Ausdruck, dass womöglich das "Verdikt 'Antisemit'" drohe, würde er, was er dann auch tut, die "Atommacht Israel" als Gefahr für den Weltfrieden, als "Verbrecher" und "Verursacher der erkennbaren Gefahr", der womöglich das "iranische Volk auslöschen" wolle, darstellen:

"(...) Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten
das voraussehbar ist (...)"

Hier die spanische Übersetzung in El Pais.

Konstantin Wegner, Justiziar des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, meldet sich mit einer Beschreibung wahrhaft paradiesischer Zustände in der Urheberrechtsdebatte zu Wort: So sei ja mittlerweile "alles (...) legal und zu angemessenen Preisen" im Netz erhältlich, und "der rechtliche Schutz nun schafft gerade Anreize für kreatives Wirken. Er schafft die wirtschaftliche Basis für Kreativität und hat unserer Gesellschaft ihre kulturelle Vielfalt beschert."

Weiteres: Abgedruckt ist die dritte Folge von Navid Kermanis Reisenotizen aus Pakistan. Peter Vogt liest einen in der aktuellen Ausgabe des Bulletin of the German Historical Institute erschienenen Aufsatz von Jens Beckert und Hartmut Berghoff über Risiken und Unsicherheiten in der Ökonomie (hier das pdf). Jens Bisky freut sich, dass das BMW Guggenheim Lab in Berlin nun im Pfefferberg in Prenzlauer Berg Quartier beziehen kann. Gustav Seibt singt den Abgesang auf Bitterfeld nach der Q-Cells-Pleite.

Besprochen werden neue Techno-Veröffentlichungen, die Damien-Hirst-Ausstellung in der Tate Modern in London, die Catrin Lorch arg über den Unternehmerkünstler Hirst seufzen lässt, Robert Ciullis Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm" am Theater an der Ruhr in Mühlheim, Luc Bessons neuer Film "The Lady" über die Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi und Bücher, darunter kurz und bündig viele Taschenbücher sowie Simon Schwarz' "Packeis", eine Biografie über den Entdecker Matthew Henson in Comicform, deren Entstehen der Autor in einem Blog dokumentierte (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Welt, 04.04.2012

Deutschland liefert U-Boote an Israel, die dem Land einen atomaren Gegenschlag erlauben, wenn es selbst atomar angegriffen wird. Dagegen veröffentlicht Günter Grass gleichzeitig in der SZ, der New York Times, El Pais und La Reppubblica ein Gedicht. Für Henryk Broder ist Grass' zu Versen arrangierte Flugblattprosa sehr wohl antisemitisch: "Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den 'Verursacher der erkennbaren Gefahr' zu entwaffnen."

Weitere Artikel: Andrea Backhaus unterhält sich mit Maria Nicanor, Kuratorin des Guggenheim Labs, das trotz fremdenfeindlicher Drohungen nun nach Berlin kommen will. Hanns-Geord Rodek spricht eine Reisewarnung für London aus - wegen erwartbaren Chaos' an den Flughäfen während der olympischen Spiele. In seiner Kolumne "J'accuse" erklärt Alan Posener, dass Amerika keineswegs so freiheitlich ist, wie es behauptet. Besprochen werden die 3-D-Version von James Camerons "Titanic"-Film und ein Theaterabend, der Rainald Goetz und den Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner verarbeitet, im Berliner HAU-Theater.

Tagesspiegel, 04.04.2012

Peter von Becker meint in einem Hintergrundartikel zu Grass' lyrischer Israelkritik zwar nicht, dass Grass Antisemit sei, aber der "Versuch der im Gedicht gleich mitgelieferten Selbstreflexion wirkt hier nicht befreiend. Man spürt eher die Pein und auch die Peinlichkeit. Natürlich weiß Grass, dass ihm das zumindest in Deutschland und teilweise auch im Ausland eine Diskussion eintragen wird, in der Töne und Misstöne der einstigen Paulskirchen-Rede von Martin Walser ('Auschwitzkeule') wieder anklingen dürften."
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Aus den Blogs, 04.04.2012

Der Prozess der FAZ und der SZ gegen den Perlentaucher hat unerwartete Konsequenzen für die Buchverlage, berichtet Ilja Braun im Blog der Linkspartei. Der Internetbuchhändler libri.de (mit dem der Perlentaucher nicht zusammenarbeitet) hat in einer Rundmail alle Verleger gebeten, Zitate der FAZ und SZ, die in Klappentexten stehen, zu entfernen - es sei denn, es liegt eine Vereinbarung mit den Zeitungen vor. Bundesgerichtshof und OLG Frankfurt hatten dem Perlentaucher zwar weitgehend Recht gegeben, aber gleichzeitig entschieden, dass im Prinzip jedes Zitat einzeln auf seine Rechtmäßigkeit geprüft werden müsse.: Braun kommentiert: "Grundsätzlich kann der Online-Händler nach dem Urteil des OLG Frankfurt nicht ausschließen, dass im Einzelfall doch einmal ein Text, der aus einer Rezension zitiert, gegen Rechte der Autoren verstößt. Gerade Werbetexte (sog. Blurbs) erfüllen nämlich häufig nicht die hohen Anforderungen, die das Zitatrecht stellt."

TAZ, 04.04.2012

Stephan Wackwitz schreibt voller Bewunderung über Heinz Schlaffers Buch "Geistersprache", das den magischen Ursprüngen der Lyrik nachspürt: "Das Metrum als ursprüngliche Methode, Dämonen durch Wiederholung zu bannen und durch akustische Regelmäßigkeit zu zähmen, damit sie menschlichen Zwecken gehorchen. Die schamanistisch-ästhetisch-erotische Dreifachbedeutung des Worts 'Zauber' und seine Rolle in Romantik, Symbolismus und kunstreligiösem Okkultismus. Das Fortleben archaischer Magie in modernen lyrisch-musikalischen Gemeinschaftserlebnissen wie der Popmusik. Der literarische Liebeszauber, den Schlaffer in einer anmutigen Reprise seiner Habilitationsschrift über die 'musa iocosa' beschreibt. Der Dichter als Schamane. Seine Begabung als göttlicher Wahnsinn."

Weiteres: Regine Müller hat sich bei Krakau eine Aufführung von Krzysztof Pendereckis Lukas-Passion angesehen. Andrin Schumacher erinnert an die Schriftstellerin Louise de Vilmorin, die vor 110 Jahren geboren wurde. Susanne Knaul bemerkt, dass auch nach einem Jahr die Ermordung des israelisch-palästinsischen Theatermanns Juliano Mer Khamis noch immer unaufgeklärt ist.

Und Tom.

Spiegel Online, 04.04.2012

Amerikanische Filmstudios und Musiklabels haben sich zusammengetan, um gegen "Urheberrechtsverletzungen" zu kämpfen, berichtet meu.. Was eine Urheberrechtsverletzung ist, definiert dabei die Verwertungsindustrie: "Zu den am Montag angekündigten Vereinbarungen gehört ein Sanktionssystem, das unabhängig von richterlichen Anordnungen funktionieren soll." Von blauen Briefen bis zur Kappung des Internetanschlusses ist hier die Rede. "Sollte ein Betroffener eine unabhängige Beurteilung seines Falles wünschen, so müsste er das beantragen - für eine Bearbeitungsgebühr von 35 Dollar. In den Vorstand des CCI sollen erwartungsgemäß nur Vertreter der Inhaltelieferanten und Service-Provider entsandt werden."

NZZ, 04.04.2012

Marko Martin besucht zu dessen Achtzigstem den in Berlin lebenden serbischen Schriftsteller Bora Cosic, den er als große alten, "listig-heiteren Mann der serbischen Avantgarde" verehrt: "Der Firnis der europäischen Zivilisation, lehrt uns Cosic, ist dünn, und die alten Zeiten waren keineswegs immer gut. Dass Nostalgie jedoch auch anders als auftrumpfend und ausgrenzend sein kann, beweist sein soeben neu erschienenes Buch 'Frühstück im Majestic', das an die Künstlerwelt der sogenannten Belgrader Moderne erinnert."

Weiteres: Ronald D. Gerste informiert, dass das Washingtoner Holocaust-Museum eine aus der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau entliehene Baracke nach zwanzig Jahren an Polen zurückgeben muss. Besprochen werden Cindy Shermans Ausstellung "That's Me - That's Not Me" in der Vertikalen Galerie in Wien und Manfred Geiers Geschichte der "Aufklärung" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 04.04.2012

(via) Ganz fantastisch: Jeff Desom hat mit diverser Software ein Panorama im Timelapse-Stil aus dem Hinterhof von Alfred Hitchcocks "Rear Window" gebaut. Hier dazu weitere Informationen.

Stichwörter: Alfred Hitchcock

FAZ, 04.04.2012

Monika Maron, die zwei Mal über Bitterfeld geschrieben hat (1981 in "Flugasche" und 2009 in "Bitterfelder Bogen"), ist im Interview sehr traurig, dass die Kreuzberger Solarfirma Q-Cells, die mit ihrer sauberen Zukunftstechnologie neue Arbeitsplätze in der Region geschaffen hatte, am Dienstag Insolvenz anmelden musste (mehr dazu im Handelsblatt): "Die Kombination aus Q-Cells und Bitterfeld hat in den Anfangsjahren in den Menschen etwas besonders Schönes hervorgerufen: Arbeitslust, Begeisterung und das Bewusstsein, das Richtige zu tun. Es waren glückhafte Eigenschaften, die da in den Menschen wachgerufen wurden. ... Auch wenn ich keine Alternative habe, kann ich es sehr bedauern, dass das, was Menschen bei und mit einer Arbeit glücklich macht, kein ökonomischer Faktor ist."

Weitere Artikel: Die Schauspielerin Adriana Altaras hat mit hyperaktiven - Altaras nennt sie "künstlerisch empfindend" - Kindern (ADHS) in Berlin ein Opernprojekt auf die Beine gestellt, berichtet Julia Spinola mit viel Sympathie für die Arbeit. Als "prälegale Ignoranten mit Gratis-Fetisch", die mit ihrer Argumentation nur dem "Weltfürsten Google" dienten, beschimpft Reinhard Müller die Hacker, die auf den Appell von 51 Tatort-Autoren geantwortet haben, das Urheberrecht unangetastet zu lassen (eine etwas informativere Zusammenfassung der Angelegenheit findet man bei Spiegel online). Ai Weiwei hat in seinem Haus vier Webcams installiert und überwacht sich jetzt selbst: "Die Kunst imitiert das Leben", kommentierte er die Aktion trocken gegenüber Mark Siemons (mehr dazu in der taz).

Besprochen werden Klaus Lemkes Großstadtfilm "Berlin für Helden" und eine Renoir-Ausstellung im Kunstmuseum Basel.

Zeit, 04.04.2012

Im Interview mit Julia Gerlach baut der Vorsitzende des libyschen Übergangsrats, Ahmed al-Senussi, allzu großen Erwartungen vor: "Libyen ist noch kein Staat. Es gibt eine Vielzahl von Milizen, die Teile des Landes kontrollieren. Manche von ihnen üben Grechtigkeit aus, andere Rache. Wir befinden uns noch in einem Zustand des Krieges. Die Menschenrechte hier können nicht so sein, wie ihr euch das im Westen vorstellt."

Weiteres: Ijoma Mangold meditiert im Aufmacher über abtretende Fernsehgrößen, von Harald Schmidt bis Peter Sloterdijk, als "Anker der Kontinuität" in schnelllebigen Zeiten. Susanne Mayer trifft die bewunderungswürdige Helen Mirren zum Interview über ihre Rolle in Istvan Szabos Film "Hinter der Tür".

Besprochen werden unter anderem die Aufführung des Botho-Strauss-Stücks "Groß und klein" mit Cate Blanchett in Paris, die große Damien-Hirst-Show in der Tate Modern (die Hanno Rauterberg mit der Erkenntnis verlässt, dass Hirst nicht sein eigener Schmetterling werden wird), Aufnahmen des Cellisten Maximilian Hornung, John Burnsides Antithriller "In hellen Sommernächten" und Adam Zamoyskis "1812" über Napoleons katastrophalen Russlandfeldzug (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Das Dossier verkündet, ganz in Osterstimmung, die Auferstehung jüdischen Lebens in Deutschland. Die Glaubensseiten fragen, wie okay es ist, an Jesus und Yoga zu glauben.