Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2004. In der Zeit sollte Michel Houellebecq über Bayreuth schreiben, er hat dann aber lieber über Neuschwanstein geschrieben. In der FR findet der Religionswissenschaftler Horst Kurnitzky den Markt noch viel schlimmer als Stalin. Die SZ schaut gebannt auf den Niedergang der SPD. Die FAZ erklärt ihre Zuständigkeit für die Rechtschreibung. Aber die taz war schon da.

TAZ, 12.08.2004

Die taz macht sich stark für eine eigene Rechtschreibreform und sagt mit H.C. Artmann und Jacob Grimm schon auf der Titelseite "Ja zur kleinschreibung", weshalb die ganze Ausgabe konsequent - bis auf Namen und Satzanfänge - kleingeschrieben ist.

Dirk Knipphals erstaunt der Furor der Reformgegner: "Auffällig ist: ein eigentümlicher konservatismus macht sich bei den gegnern breit, der über die bewahrung der sprache hinausgeht. Neue regeln werden als chaos interpretiert, ältere regeln als naturgegebene ordnung nicht hinterfragt. Hinzu kommt dann gerne ein besorgter zungenschlag. Das würde die menschen verunsichern, hat Thomas Steinfeld, literaturchef der SZ, etwa neulich einmal behauptet. Woher er das weiß? Keine ahnung. Klar ist nur, dass sich unter der hand das konservative menschenbild von der notwendigkeit klarer regeln in viele debattenbeiträge einschleicht."

Reinhard Kahl verteidigt die Doppelherrschaft von alter und neuer Rechtschreibung als "zivilisationsgewinn". "Kein weg führt zurück zur alten schreibweise. Alte und neue, wie auch die umgestrickte neue alte rechtschreibung müssen sich vom monotheistischen ersten gebot, habe keine andere orthografie neben mir, verabschieden. der zwangscharakter einer orthopädischen schreibweise ist in deutschland dahin."

Weiter gibt es zum Thema eine Zusammenstellung "deutsch aus 800 jahren" - mit Zitaten von Walter von der Vogelweide bis hin zur RAF. Rolf Landolt vom Schweizer Bund für Vereinfachte Rechtschreibung wundert sich im Interview über die Behauptung, die Rechtschreibreform sei eine von oben verordnete Reform: "Ist es etwa ein vorstoß von unten, wenn zwei großverlage über die rechtschreibung bestimmen wollen? Der 'Bund für vereinfachte rechtschreibung' ist eindeutig eine initiative von unten. Der anstoß für die rechtschreibreform kam ganz bestimmt nicht von oben." Und auf der Medienseite kritisiert Steffen Grimberg das "neue verständnis von journalismus", das sich bei den Zeitungen "bahn bricht: ab sofort wird nicht mehr über reformen berichtet, analysiert, kommentiert - sondern mitreformiert."

Außerdem: Stefan Reinecke hat zugehört, als in Berlin Hans-Jürgen Syberberg und Bernd Eichinger über die Frage diskutierten, wie man Hitler im Film zeigen darf. Tobias Rapp preist die Vielfalt der Berliner Nischenkultur. Auf der Suche nach einem neuen Verlag für das Kursbuch schlägt die taz der heimatlosen Zeitschrift heute vor, sich selbst neu zu erfinden und einen Kursbuch-Verlag zu gründen. Veronika Rall ist unzufrieden mit dem 57. Filmfest in Locarno. Besprochen wird der Film des russischen Regisseurs Alexander Sokurow "Vater und Sohn".

Schließlich Tom.

Zeit, 12.08.2004

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist für die Zeit nach Bayreuth gereist. Jürgen Flimms "Ring" findet er "völlig unbedeutend". Und so schreibt er lieber, was ihm sonst zu Wagner einfällt: Pink Floyd, französische Rockkritik, J.M. Coetzee und Ludwig II.: "Das Schloss Neuschwanstein hat nicht nur Wagners Niveau, es scheint mir sogar ein noch höheres Niveau zu besitzen. Man findet darin Elemente aus Wagners Mythologie wieder, christlich umorientiert und frei von allen Schattenseiten... gleich einem Epos, aus dem alle dunklen Kräfte verbannt worden sind, einem ununterbrochenen Streben nach Reinheit und Licht, einer Welt, die mehr über uns aussagt, als wir über sie aussagen könnten. Wer diese Welt für Kitsch hält, drückt damit nur seine eigene niedere Gesinnung aus; wer Größe besitzt, wird sie zu den größten Kunstwerken rechnen."

Jetzt gibt es noch eine Stimme für die Rechtschreibreform! Michael Naumann erhebt sie - vor allem gegen die Reformgegner: "Was als Sorge um Lesbarkeit und Logik der Sprache einherkommt, erweist sich als politisches Herrschaftsspiel, das keineswegs um die Beseitigung aller Zweifelsfälle kreist; denn die Rechtschreibreform ist in diesen viel toleranter als ihre Vorgängerin aus dem Jahre 1901. Das gesprochene Wort kann seine kollektive Prägung nicht verleugnen; das geschriebene Wort hingegen bedarf spätestens seit Gutenbergs Revolution eines autoritativen Regelwerks - bei Strafe der Unlesbarkeit. Fragt sich nur, wer das Recht hat, solche Beliebigkeit einzudämmen. Für einen Staat, der Schulpflicht und Grundschulausbildung beaufsichtigt, liegt es nahe, dass er diese Aufgabe übernimmt." Dazu hat die Zeit auch Äußerungen von Verlegerinnen und Verlegern gesammelt.

Weitere Artikel: "Kann sich die Linke als reines Retro-Projekt erhalten", fragt Thomas E. Schmidt in der Leitglosse angesichts von Montagsdemos und Hartz IV, "in der jüngeren Zeit entwickelte sie eine Neigung für die sieglose Sache." Derzeit erforschen drei konkurrierende Historikerteams die Geschichte des Flick-Konzerns, Zeit-Autor Thomas Ramge findet das, was bereits bekannt ist, beklemmend genug. Yvonne Poppek porträtiert Jens Harzer, "einen der besten Bühnenschauspieler seiner Generation".

Das Kino sollte "Gott auf Knien" für Alexander Sokurov danken, ruft Anke Leweke. Denn dieser Mann setze "Bilder von verrätselter Wucht und archetypischer Schönheit in die Welt". Seinen Film "Vater und Sohn" also unbedingt ansehen! Christian Welzbacher bedauert den Abriss der Berliner Martin-Luther-Gedächtniskirche, die auf ihrem Triumphbogenfries SA-Männer neben Engelchen versammelt. Thomas Meyer erinnert an das vor 150 Jahren gegründete Jüdisch-Theologische Seminar von Breslau. Wolfgang Ulrich reibt sich die Augen vor Jason Rhoades "Eso-Porno-Gebilde", das in der Lokremise in St. Gallen 1724 (!) Ausdrücke fürs weibliche Geschlechtsorgane aneinanderreiht und damit Kant - cunt (!) - huldigen möchte. Claus Spahn hat in Salzburg einen plüschigen "Rosenkavalier" gesehen. Claudia Herstatt berichtet, dass demnächst die Korrespondenz des Kunstsammlers Carl Hagemann versteigert wird.

Im Aufmacher des Literaturteils feiert Iris Radisch Peter Handkes "Don Juan" als bewundernswert romantisch und unzeitgemäß.

Im Politik- und Wirtschaftsteil ist in mehreren Artikeln die ganze Wahrheit über Hartz zu lesen.

FR, 12.08.2004

"Nie war die Gesellschaft so totalitär, wie es der totale Markt heute ist", schreibt der Religionswissenschaftler Horst Kurnitzky (mehr hier), "jedenfalls nicht in dieser globalen Ausdehnung. Überall stoßen wir auf eine uniformierte reale Welt, und so weit die virtuelle Welt via Fernsehen und Internet Auge und Ohr erreicht, ist auch sie in eine einzige Form gebracht. Nie gab es so viele durch Unterhaltungs- und Sportindustrie gleichgeschaltete Jugendliche, nie war das Bild der Welt derart standardisiert. Sieht man von der Befriedigung materieller Wünsche ab, scheint ein kommunistischer Traum in Erfüllung gegangen zu sein." Der allerdings gelte nicht für alle. "Auf der einen Seite wächst die Armut mit der Zahl der Arbeitslosen und Ausgeschlossenen, und auf der anderen Seite der Reichtum. Wir leben in einer in Auflösung begriffenen Gesellschaft, der ihr humanes Leitmotiv abhanden gekommen ist."

Weitere Artikel: Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin meditiert über die Krise der Sozialdemokratie. "Es ist leicht, sich über Hasselhoff lustig zu machen", stellt Stefan Kaufer in der Kolumne Times Mager fest, "und doch müßig. Denn das Gute siegt immer. Gottseidank."

Besprochen werden die Guy Bourdin-Ausstellung, mit der das Pariser Jeu de Paume als "Zentrum für Fotografie und Bild" wiedereröffnet wurde, eine Ausstellung mit neuen Arbeiten von Mischa Kuball im Siegener Museum für Gegenwartskunst und ein Band mit nachgelassenen Schriften Herbert Marcuses (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

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NZZ, 12.08.2004

Susanne Ostwald befasst sich mit dem Phänomen Michael Moore. Sie stört sich vor allem an seinem unkomplizierten Verhältnis zu Wahrheit und Objektivität: "Die jüngste Debatte darüber, welche Kriegsbilder in die Öffentlichkeit gelangen müssen, weil sie immanenten Informationswert haben, und welche anderen lediglich dazu dienen können, die Sensationslust zu befriedigen, ist an Moore spurlos vorübergegangen: Er zeigt Verstümmelungen in Nahaufnahme und andere Schreckensbilder, die einen hochgradig emotional-manipulativen Charakter haben. Den Irak vor den Angriffen der Amerikaner stellt er wiederum als ein Land dar, in dem Kinder unbeschwert spielen und Frauen lächelnd über die Straße gehen. Das ist reine Demagogie."

Weiteres: Gerhard Gnauck resümiert die Feierlichkeiten in Warschau zum 60. Jahrestag des Aufstands gegen die deutschen Besatzer. Ansonsten gibt es Besprechungen: Rezensiert werden unter anderem das neue Album der New Yorker Experimentalband Black Dice, ein Essayband des Musiktheoretikers David Toops sowie "Handel der Gefühle", der neue Kuba-Krimi von Leonardo Paduras (weitere Buchbesprechungen in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Stichwörter: Irak, Kuba, Michael Moore

FAZ, 12.08.2004

Andreas Platthaus weist in einem monumentalen Aufmacher nach, dass heutige Politiker im Gegensatz zu ehemaligen nicht schreiben können, auch nicht in der ehemaligen Rechtschreibung ("Die Vorstellung aber, dass etwa Horst Köhler und Gerhard Schröder einen gedankenreichen Briefwechsel führen könnten, ist aberwitzig"), und dass sie darum auch nicht über die jetzige hätten entscheiden sollen: "Die Politikersprache hat mit Rechtschreibung nichts zu tun, denn sie dient nur der Äußerung, nicht der Vertiefung. Deswegen sollte die Politik diesen Streit denen überlassen, die täglich mit der Schriftsprache zu tun haben."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger spießt in der Leitglosse den Umstand auf, dass die Tschechische Republik dem Obersten Richter Europas Luzius Wildhaber die Masaryk-Medaille verleiht, womit keineswegs seinem Urteil in einer Klage von Sudetendeutschen gegen die Vertreibung vorgegriffen werden soll. Kerstin Holm berichtet, dass das Hotel "Rossija" in Moskau abgerissen werden soll. Werner Spies erklärt Adalbert Stifters "Der Hagestolz" zu seinem Lieblingsbuch. Christian Geyer gratuliert dem Historiker Arnold Angenendt zum Siebzigsten. Jordan Mejias und Heinrich Wefing beschäftigen sich in zwei Artikeln mit dem Ersten Weltkrieg in amerikanischer Sicht. Frederick A. Lurch besucht Granadas Alhambra heute und gedenkt wehmütig einer Zeit, als Christen und Juden unter Moslems friedlich zusammenlebten.

Dokumentiert wird ein Vortrag Durs Grünbeins über Shakespeare: "Kein entwickeltes Dichterhirn seither, in das er nicht eingebrochen wäre früher oder später - mit der Gewalt einer Erleuchtung."

Nur im FAZ.Net steht bisher die Meldung vom Tod des Historikers Wolfgang Mommsen.

Auf der Filmseite resümiert Andreas Kilb das Festival von Locarno und empfiehlt unter anderem neue Filme von Alan Wade, Laetitia Masson und Kenny Glenaan. Peter Körte berichtet über Pläne für die Pleite gegangene Filmfirma Senator.

Auf der Medienseite stellt Michael Marek die deutsche Allgemeine Zeitung aus Namibia vor. Und Michael Hanfeld fürchtet, dass die ARD zu sehr vom Sport abhängt.

Auf der letzten Seite berichtet Jörg Ebeling über die Renovierung des Palais Beauharnais, der geschichtsschweren Residenz des deutschen Botschafters in Paris. Patrick Bahners hat einem Vortrag des Kunsthistorikers Werner Busch über Turner und Constable zugehört. Und Wolfgang Sandner porträtiert den Dirigenten Franz Welser-Möst, den Chefdirigenten von Cleveland, dem jetzt die Nachfolge Peter Ruzickas in Salzburg angetragen wurde.

Besprechungen gelten dem Rossini-Festival von Pesaro, Yann Samuells französischem Film "Liebe mich, wenn du dich traust" (mehr hier) und einer Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst aus Südafrika im Museum Bochum.

SZ, 12.08.2004

Zwei Texte befassen sich mit der Krise der Parteien in Deutschland, die nicht nur als Krise der SPD allein betrachtet wird. "Sollte sich die SPD tatsächlich von einer etablierten Volkspartei zu einer marginalen Protestpartei entwickeln, dann hätte das am Ende insofern auch Folgen für die CDU, .... als eine Wählerabwanderung von den großen Parteien überhaupt in Gang gesetzt werden würde", schreibt der Kassler Soziologe Heinz Bude. Regierungen würden "in extremer Weise von Klein- und Kleinstparteien abhängig, wodurch das parlamentarische System insgesamt in Misskredit gebracht würde ...."

"Über Monate schaute die Republik gebannt auf den Niedergang der Sozialdemokraten", schreibt der Göttinger Parteienforscher Franz Walter. "Kaum jemand interessierte sich für den Zustand des bürgerlichen Lagers in Deutschland. Und so blieb nahezu unbemerkt, wie sehr sich die Parteien des Bürgertums änderten. Nimmt man allein die Wählerschaft der CDU/CSU, dann ist das bürgerliche Lager keineswegs mehr bürgerlich, sondern dezidiert proletarisch, vor allem aber: ungebildet." Die Union sei auf den proletarischen Wählerzuwachs mental nicht vorbereitet. Zwar werde sie nicht in die gleich Identitätskrise schlittern, wie die SPD. "Doch auch bei der Union ist der Status als Volkspartei gefährdet. Die bürgerliche Bornierung der CDU wird sie etliche Stimmen jener kosten, deren Lebenswelt unbürgerlich, proletarisch ist."

Weitere Artikel: Götz Aly (mehr hier) findet es richtig und human, das Gerhard Schröder heute in Rumänien das Grab seines 1944 als Wehrmachtssoldat gefallenen Vaters besucht. Sonja Zekri erklärt, warum die Hamburger Universität dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Ehrendoktorwürde jetzt lieber doch nicht verleihen will. Fritz Göttler berichtet vom Filmfest in Locarno, wo ihm besonders die Retrospektive zu denken gab, die dem Journalismus im Kino gewidmet ist. Ijoma Mangold untersucht die Auswirkungen der Konzentration im Buchhandel und stellt dabei Rainer Grothuis von der Agentur "Gesellschaft für Formfindung und Sinneswandel" vor, der Marketingvorschläge macht, die auch kleinen Buchhandlungen nützen könnten. Viktor Rotthaler schreibt den Nachruf auf den Filmkomponisten David Raskin. Susan Vahabzadeh fühlt sich in Steven Soderberghs Leiden ein, der eigenem Bekunden zufolge schlechte Filme wie "Ocean's Twelve" macht, weil er leider auch Geld verdienen muss. Jens Bisky berichtet von Plänen zur Neustrukturierung der Stiftung Weimarer Klassik. Gottfried Knapp verabschiedet Leon Golub, "den Reporter unter den Malern", der jetzt in New York gestorben ist.

Besprochen werden Yann Samuells Debütfilm "Jeux d'Enfants", Jannik Johannsens Gaunerkomödie "Stealing Rembrandt" und Sigmund Freunds Briefwechsel mit seinem Freund und Sponsor, "dem zur Neurose gänzlich unbegabten" Mas Eitingon (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).