Peter Handke

Don Juan

(erzählt von ihm selbst)
Cover: Don Juan
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416365
Gebunden, 191 Seiten, 10,00 EUR

Klappentext

Peter Handke erzählt nichts weniger als "die endgültige und die einzig wahre Geschichte Don Juans". Genauer gesagt: Er lässt Don Juan selbst erzählen, sieben Tage lang in einem Maigarten nahe Port-Royal-des-Champs, und nur ab und an findet sich ein Kommentar desjenigen, dem die Abenteuer der vergangenen sieben Tage vorgetragen werden. Dieser Zuhörer bezeugt, dass all die Don Juans im Fernsehen, in der Oper, im Theater oder auch im "primären Leben" die falschen sind. "Don Juan ist ein anderer. Ich sah ihn als einen, der treu war - die Treue in Person." Das heißt nun nicht, daß die Geschichten mit Frauen, Geschichten von geglückten Begegnungen und geglückten Abschieden, ausgeblendet bleiben, im Gegenteil: An jeder Station der Reise, die Don Juan zunächst zu einer Hochzeit in den Kaukasus führt, dann nach Damaskus, am dritten Tag in die nordafrikanische Enklave von Ceüta, weiter auf einen Bootssteg in einem Fjord bei Bergen, zu einer Düne in Holland ? überall trifft er Frauen, mit denen er, energisch trauernd, in eine Zeit des großen Innehaltens eintauchen kann, in eine Zeit, in der Augenblick und Ewigkeit in eins fallen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.08.2004

Iris Radisch schwelgt in einer eingehenden Rezension in diesem neuen Buch von Peter Handke, in dem Don Juan einem Wirt in sieben Tagen von Begegnungen mit sieben Frauen erzählt. Die Rezensentin betont, dass es im Grunde keineswegs um die Legende des Don Juan geht, sondern die ganze "schwere Metaphysik des Handkeschen Oeuvres" in sich trägt. Dass die Geschichte dennoch "leichtgewichtig und charmant" daherkommt, imponiert und gefällt Radisch dabei ausnehmend gut. Die Erzählung stellt einen weiteren "Baustein" zum "großen babylonischen Handke-Buch" dar, an dem der Autor schon seit Jahren fortschreibt und dreht sich um die "Idee vom erfüllten Augenblick", stellt die Rezensentin fest. Handke konzipiert die Don-Juan-Gestalt als Gegenentwurf zu Faust und zeichnet ihn als eine "Figur des Überflusses" mit magischen und übersinnlichen Kräften, erklärt Radisch weiter. Dem Autor gehe es darum, einen "Gegenzauber" zur "Lebens- und Erfahrungsleere der zivilisierten Welt" zu schaffen. Zwar entfernt sich Handke wie schon in früheren Büchern auch mit dem "Don Juan" ein weiteres Stück vom "ungebrochenen Erzählen, das nur noch in kurzen Passagen aufrecht erhalten wird und einem "beweisenden, störrischen und betörend spröden Erzählen" gewichen ist, wie die Rezensentin feststellt. Dennoch bezaubert das Buch durch seine "märchenhafte Verschrobenheit und kalkulierte Komik", lobt Radisch, die es bewundert, mit welchem "romantischen Starrsinn" Handke weiterhin an unzeitgemäßen Beobachtungen festhält.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.08.2004

Peter Handke hat Don Juan seines "Verführertums" und seiner dämonischen Züge beraubt, und Lothar Müller klatscht, verwundert zunächst, dann überzeugt, Beifall für Handkes Coup, dem Verführer seine Dramatik zu rauben: "Kein Artushof erwartet ihn, kein Turnier" und seine Blicke können zwar nach wie vor "Wunden schlagen" schlagen und die liebenden Frauen werden zurückgelassen, doch "es liegt kein Triumph in seinen Abschieden", denn dieser Don Juan ist eine ehrliche Haut, ist gar ein Geschöpf der Trauer und der Melancholie. Der Rezensent kann sich denken, was Handke antrieb: der "Wunsch, Don Juan möge in einer frühen Schicht der mittelalterlichen Epen wurzeln. Von seiner Zukunft in der Frühen Neuzeit, von der hochfahrenden Subjektivität seiner ersten Bühnenauftritte unter dem gewittrig-barocken Himmel der Gegenreformation soll er noch weit entfernt sein." Und als solcher purzelt er in den Garten eines Gastwirtes, der sein Erzähler wird. Denn "für ihn gelten erzählerische Gesetze, in denen er dieser Zukunft als willensstarker, rücksichtslos handelnder Verführer ein Schnippchen schlagen kann". Fazit: ein erfrischender Don Juan, dan des "Jungbrunnens der alten Epik".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.08.2004

Martin Meyer stellt in einer großen Besprechung Peter Handkes "Don Juan" als Mann vor, der kein Täter oder Verführer ist, sondern ein Verführter - wie Handke selbst auch, setzt der Rezensent hinzu, weil sich der Autor und sein Alter Ego nämlich aufs "Seinlassen der Menschen und Dinge", auf die Beschreibung der sinnlichen Phänomene, auf die Anschauung und Wahrnehmung , auf Meditation und Kontemplation einließen statt auf dramatische Handlung. Die amourösen Abenteuer diesen modernen Don Juan seien schnell erzählt, meint Meyer, wohingegen in typisch langsamer und genauer Handke-Manier die Orte erfasst und beschrieben würden, die Don Juan passiert. Was sei denn Liebe anderes als "das Gespür für Umgebung", fragt Meyer entzückt. Handkes Don Juan begeistere sich nicht nur für die Frauen, sondern erforsche jeweils ihre besonderen Räume und Welten; insofern interpretiert Meyer Handkes Protagonisten nicht so sehr als großartigen Frauenhelden denn als "freien Menschen", der Herr seiner Zeit und seiner Sinne sei. Das Pathos sei jedoch eingedampft, versichert der Rezensent, und Ironie verstecke sich hinter den Zeilen dieses Romans, der jenes spezifische "Handke-Land" entwirft, das "heute kein anderer Autor zu erfassen und beschreiben vermag".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.07.2004

"Ein merkwürdig schillerndes Buch", grübelt Jörg Magenau über Peter Handkes "Don Juan", "radikal im Gestus, widersprüchlich in seiner weltabgewandten Sinnlichkeit, irritierend in seiner gelegentlich kostbar tönende Sprache". Doch worum geht's? Don Juan fällt dem Erzähler, einem Einsiedler in der ehemaligen Klosteranlage Port Royal des Champs, über die Klostermauer buchstäblich vor die Füße. Im Garten des Klosters, der einstigen Hochburg des elitären, sehr frommen Jansenismus, nach dem die menschliche Seele nur durch die Gnade Gottes erlöst werden kann, hier nun erzählt Don Juan von den sieben Frauen, denen er in den letzten sieben Tagen begegnet war, wie Magenau uns berichtet, im Kaukasus, in Damaskus, in Cueta oder auf einer holländischen Düne. Don Juan ist ist auf der Flucht, Handke macht den Jäger zum Gejagten geworden, den "Eroberer zum Heimatlosen", den "Sexprotz zum Melancholiker". Am Ende wusste Magenau von Don Juan weniger als er zuvor zu wissen meinte. Doch: "Literatur kann auch dazu dienen, aufzuräumen und Platz zu schaffen für neue Möglichkeiten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.07.2004

Ina Hartwig atmet auf: keine "Veschrobenheiten", keine proserbische Agitprop. Sondern: Handke in Höchstform! "Schon auf den ersten Seiten", schreibt sie, "ist man umfangen von jenem sicheren, knappen, traumverlorenen Ton, der uns vertraut ist aus Handkes besten Büchern". Sein Unternehmen diesmal: "einen heutigen, modernen Don Juan zu schaffen" - das zumindest vermutet die Rezensentin nach genauer Betrachtung von narrativer Konstellation (Don Juan schneit dem mönchischen lebenden Ich- Erzähler ins Haus, erzählt seine Geschichten, die man jedoch nur aus dem Mund des anderen, des Gastgebers erfährt), den Geschichten selber (Don Juan verführt nicht, die Frauen streben ihm zu, alles ist freiwillig, niemand zieht den Kürzeren), sowie Handkes philosophischen Verweisen auf Pascal und Racine. Ist das hier die Versöhnung von Libertinismus und Jansenismus, von Lust und Teue, Exzess und Askese? Kehrt das eine Konzept (Don Juan) beim anderen (dem Erzähler) ein? Ja, vermutet die Rezensentin, die ganz entzückt ist von diesem neuen Don Juan, der sogar Vater ist und "die Treue in Person" (Handke) - "ein postheroischer, postemanzipativer Don Juan, könnte man sagen, der die Frauen im Plural begehrt, doch im Bewusstsein, der Einzelnen kein Leid anzutun", oder auch: die "Liebesutopie Peter Handkes, erzählt von ihm selbst". Eine "Herrenphantasie"? Na klar. "Aber wie phantasievoll geschrieben!"
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