Einmal volle Taschen bitte: Standardsituation des modernen Sportfilms in "Air" An BenAfflecks "Air" über den Erfolg von MikeJordan und den Nike-Air-Sneakerszeigt sich Perlentaucher Jochen Werner exemplarisch, wie sich das Genre des Sportfilms gewandelt hat: Heute sind sie vor allem Businessfilme - es geht nicht mehr um Individuen, die sich durchboxen, sondern um die Tiefe der Taschen, die zu füllen sind. "Die klassische Hollywood-Außenseitergeschichte braucht die Individualisten, die sie im Film verkörpern, inzwischen nur noch als Staffage, de facto werden die Außenseiterrollen längst von den Konzernen, um die diese Narrative arrangiert werden, eingenommen. Die klügsten Erzählungen nutzen diese Verschiebungen für ein komplexes Spiel mit immer ambivalenteren Identifikationsstrukturen", doch "so weit auf selbstreflexives Territorium wagt sich Affleck nicht vor", meint Werner.
Michael Meyns von der tazkam bei dem Film das gallige Lachen: "Eine Geschichte von einem erfolgreichen Unternehmen, das durch einen cleveren Deal noch erfolgreicher wird als Underdog-Geschichte zu erzählen; darauf muss man erst einmal kommen. 'Air' reiht sich damit in eine wachsende Zahl von Filmen ein, die gleichzeitig der grassierenden80er-Jahre-Nostalgie genügen, aber auch dem Interesse an Geschichten über unternehmerische Erfolge. ... Bunt und lustig ist das, voller Ballonseide und wildwucherndem Haar, vor allem aber einem ausgeprägtem Hang zur Nostalgie. Würde man der Welt von 'Air' Glauben schenken, müsste man die 80er Jahre für eine nachgeradebukolischeZeit halten." Für FAZ-Kritiker Bert Rebhandl schraubt der Film ein bisschen zu sehr am Geniekult rund ums Unternehmertum: Irgendwer hat immer in letzter Sekunde den rettenden Geistesblitz. "Standardsituationen" solcher Art "werden in 'Air' von der Musik unterlegt, die in Ronald Reagans Amerika die Hitparaden dominierte." So blicke der Film "überraschend nostalgisch auf eine Zeit zurück, in der sich die heutigen Konfliktlinien in den Vereinigten Staaten gerade stärker abzuzeichnen begannen".
Besprochen werden außerdem AaronHorvaths und MichaelJelenics Animationsfilm "Super Mario Bros" (Perlentaucher, Standard), TarikSalehs Thriller "Die Kairo-Verschwörung" (FR, Tsp, taz), eine DVD-Ausgabe von ShunjiIwais "The Case of Hana und Alice" (taz), die zweite Folge der letzten Staffel der Serie "Succession" (TA), Reiner Holzemers Doku "Sein oder nicht sein" über LarsEidinger (NZZ), der Horrorfilm "The Pope's Exorcist" mit RussellCrowe (FR), ConstanzeGrießlersvon 3sat online gestellte Doku "Lust oder Qual - Die vielen Seiten des Alleinseins" (FAZ), RamziBenSlimans "Neneh Superstar" über Rassismus im Tanz (SZ) und die auf Sky gezeigte Serie "Tender Hearts" (Freitag). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen und welche nicht.
Von Umberto Eco bis le Carré: "Die Kairo-Verschwörung" In "Die Kairo-Verschwörung" des schwedischen Regisseurs TarikSaleh wächst sich der Tod eines Großimams zu einem Thriller im Stil von John le Carré aus. SZ-Kritikerin Sonja Zekri sieht in dem Film auch "eine Feier der Schönheit des Islams", trotz vieler ästhetische Zugeständnisse ans westliche Unterhaltungskino. "Marktgängig" wirkt der Film dennoch nicht auf sie, denn es gibt "ein paar Spezifika, die den Film auf angenehme Weise absetzen" als da sind die großzügig verteilten al-Sisi-Bilder in den Büros oder der spitze Humor, der sich in den "frommen Floskeln" äußere, "die in der islamischen Welt noch jede Schweinerei kaschieren sollen. ... Eine Freude für Kenner ist zudem der heitereZynismus, mit dem Saleh das komplizierte Verhältnis der Azhar-Universität zum Staat durchspielt." Im SZ-Gespräch spricht der Regisseur teils auch über seine Skrupel, diesen Stoff anzufassen, bei dem man flugs zum "nächsten Salman Rushdie" werden könne. Deshalb ist es ihm auch "wichtig zu sagen, dass mein Film keine Kritik am Islam übt, sondern einfach ein spannender Thriller ist, für den Religion den Hintergrund bildet, nach dem Vorbild von Umberto Ecos 'Der Name der Rose'."
Außerdem: "TilSchweiger schraubt am Unterboden der Spaßgesellschaft", stöhnt ein genervter Andreas Scheiner in der NZZ über den neuen Manta-Film des 59-Jährigen und stellt außerdem fest: Wenn eine deutsche Komödie zum Hit werden soll, dann braucht es darin Angebote fürs Publikum, um andere hämisch auslachen zu können. Für die Welt spricht Elmar Krekler mit IrisBerben über das Sterben - aus Anlass ihres neuen Films, Till Endemanns Verfilmung von Susann Pasztors Sterbe-Roman "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster".
Besprochen werden Ben Afflecks "Air - der große Wurf" über den Siegeszug des Nike-Klassikers Air Jordan in den Achtzigern (Tsp, Standard), SophieLinnenbaums "The Ordinaries" (Welt), die bei der Berlinale ausgezeichnte und jetzt auf Disney+ gezeigte Miniserie "The Good Mothers" über den Terror der 'Ndrangheta (Tsp) und die BluRay-Ausgabe von AndréFarwagis "Leidenschaftliche Blümchen" aus dem Jahr 1978 mit NastassjaKinski (critic.de).
Sieht viel mehr nach Depardieu aus: "Maigret" Maigret, das war in den Romanen von GeorgesSimenon die Verkörperung einer in sich ruhenden Selbstgewissheit im Angesicht der sittlichen und moralischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, schreibt Tobias Kniebe in der SZ. Umso interessanter findet er PatriceLecontes gleichnamigen Film (unser Resümee), in dem auch die Leibesfülle GérardDepardieus den Regisseur nicht daran hindert, Maigret als strauchelnden Mann zu zeigen, dem man aus gesundheitlichen Gründen gar seine Pfeife genommen hat. Maigret als "beschädigter Mann" - "dieser Idee verleiht Gérard Depardieu hier die durchscheinendste, verletzlichste und anrührendstePräsenz, die man sich vorstellen kann. Sie offenbart den eigentlichen Kern von Patrice Lecontes erzählerischem Unterfangen. Eine Figur, die anfangs viel mehr nach Depardieu als Maigret aussieht, wird auf Entzug gesetzt und zugleich mit Versuchungen konfrontiert, aber nur, um dann nach und nach ihr wahres Selbst zu enthüllen - das wegführt von allen schmutzigen, eben doch nicht gezähmten, zerstörerischen Begierden. Hin zu einer Souveränität, die all das überwunden hat, die sich im Vertrauen und der Liebe eines anderen Menschen aufgehoben weiß. Kurz gesagt, hin zu Maigret, wie er als Urbild immer war."
Außerdem: Im Tagesspiegelempfiehlt Andreas Busche eine Schau des Berliner Kinos Arsenal zum Werk der moldawisch-ukrainischen Regisseurin KiraMuratowa, die von der Kulturpolitik der Sowjetunion teils hart gegängelt wurde. In seiner Serienkolumne für die Zeiterinnert Matthias Kalle an die Autodarstellungen in "Beverly Hills 90210". Besprochen werden Frauke Finsterwalders "Sisi und ich" (Standard, FAZ, unsere Kritik), ChristopheHonorés "Der Gymnasiast" (Jungle World, unsere Kritik) und MichalBlaškos "Victim" (FAZ).
Die Welt als Müll und Verstellung: "Matter out of Place" Artechock-Kritiker Philipp Stadelmaier hat sich bei seinem ersten Besuch des Grazer Diagonale-Festivals zum österreichischenFilm in Stadt wie Festival prompt verliebt. Was insofern auch gut passt, da das Festival inhaltlich einen deutlichen Schwerpunkt auf die Erkundung von Orten legte: "Matter Out Of Place" von NikolausGeyrhalter erweist sich hier als "Schlüsselfilm. Das Thema ist der Müll, dem Geyrhalter in verschiedenen Variationen rund um die Welt folgt, doch tatsächlich sucht Geyrhalter nach einer filmischen Form für die Struktur, die Müll (als menschliches Abfallprodukt und Signatur des Menschen) und die Natur des Planeten aufeinander bezieht. Die großformatigen, statischen Einstellungen richten genaue Blickwinkel ein, die Natur und Müll vereinen. Der Müll taucht auf unter Wiesen, auf Lastwagen, in Mülldeponien im Globalen Süden und reichen Bergdörfern in der Schweiz. Er ist bereits ein Teil der Natur, ein Schlüssel zur Welt - und gleichzeitig ihre Vermüllung und Verstellung. Der Müll bleibt Rest, Überschuss, a matter out of place, der seinem Verschwinden widersteht, nie in die Natur integriert werden kann, auch dann nicht, wenn beide ununterscheidbar werden." Der Filmemacher "verwandelt die (naheliegende und einfache) ökologische Forderung nach einer Reduktion von Müll und Nachhaltigkeit in den (komplexen) Nachvollzug der fatalen Präsenz des Menschen auf der Erde, die das Anthropozän zum Purgamentozän macht."
Besprochen werden FraukeFinsterwalders "Sisi und ich" (Artechock, unsere Kritik), ChristopheHonorés "Der Gymnasiast" (Artechock, unsere Kritik), ByunSungHyuns auf Netflix gezeigter koreanischer Thriller "Kill Boksoon" (ZeitOnline), SophieLinnenbaums "The Ordinaries" (Artechock), TilSchweigers "Manta Manta, Zwoter Teil" (Artechock) und der Apple-Film "Tetris" (Welt).
Claudius Seidl gratuliert in der FAZChristopher Walken zum Achtzigsten, und er erinnert sich an die Szene zu Anfang von "The Deer Hunter", "wenn die Männer, noch in Amerika, Bier trinken und Billard spielen. Und dann kommt 'Can't Take my Eyes off You' aus den Lautsprechern, alle grölen mit und lassen sich zu einem gewissen Körperstampfen hinreißen. Während Walken einen geradezu grazilen Tanz wagt mit dem Queue und den Kugeln - es ist, als öffnete sich inmitten der proletarischen Eintönigkeit ein Fenster der Utopie. Denn dass Walken ein Tänzer ist, auch in solchen Filmen, in denen er weder singt noch sich zum Rhythmus der Musik bewegt, ist vielleicht der stärkste Reiz, den seine Performances zu bieten haben."
In der SZ gratuliert Fritz Göttler. Zu den Meldungen des Tages (hier im Tagesspiegel) gehört, dass Mariette Rissenbeek mit dem Erreichen der Altersgrenze im nächsten Jahr die Internationalen Filmfestspiele Berlin verlässt.
Szene aus "Der Gymnasiast" Christophe Honorés neuer Film "Der Gymnasiast " ist ein Film der Trauer eines Sohns um den Vater, der bei einem Autounfall ums Leben kam, erzähltPerlentaucher-Kritiker Karsten Munt: "In blau und rosa schimmern Leid und Lust. Ein ständiger Wechsel, der wirkt, als könne sich das Leben nicht entscheiden, ob es in Leidenschaft aufblühen oder in Trauer stillstehen sollte. Blau, wie schon 'Sorry Angel' blau war, rosa wie Honorés Filme es im besten Fall sind (und 'Der Gymnasiast' ist ein solcher Bestfall): sanft, leidenschaftlich, aufrichtig."
Er macht autobiografische Filme, sagt Honoré im Gespräch mit Michael Meyns in der taz, und Marcel Proust ist dabei eine Inspiration für ihn: "Es war mir ein Anliegen, loyal über meine Erfahrungen und Erlebnisse zu erzählen. Ich will sie nicht beschönigen oder aufweichen, sondern aufrichtig sein. Aber um diese Wahrhaftigkeit hinzubekommen, kann man keine buchstäbliche Wiedergabe wählen, man muss verklausuliert erzählen, nicht eins zu eins die Realität nachbilden, sondern über den Umweg der Stilisierung."
Frauke Finsterwalders Film "Sisi und ich" schafft es, die Kritik zu begeistern: "Am ehesten ist 'Sisi und ich' vergleichbar mit Marie Kreutzers hervorragendem Film 'Corsage' aus dem vergangenen Jahr", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ. "Beide widmen sich Sisis letzten Jahren, ihrem Ringen mit den Ansprüchen der Öffentlichkeit, mit ihrem kaiserlichen Gemahl und der Unmöglichkeit von Freiheit." Der Film spielt auf Korfu, so weit möglich von allen "Sissi"-(mit Doppel-S)-Klischees entfernt, schreibt Perlentaucher Jonas Nestroy: "Für Sisi die Möglichkeit, sich ein nahezu männerloses Refugium fernab von Hof und Habsburger Doppelmonarchie aufzubauen: Nur Kammerzofen, die man auch küssen kann, eine strenge Diät mit Kokain und Ziegenmilch." Johanna Adorjan interviewt dazu die beiden Hauptdarstellerinnen Susanne Wolff und Sandra Hüller für die SZ
Außerdem: Rainer Hermann guckt für die FAZtürkische Propagandaserien. Besprochen werden Sophie Linnenbaums Debütfilm "The Ordinaries" (taz und FAZ), Yun Sung-hyuns "Kill Boksoon" (SZ), "Maigret" (FR), "John Wick 4" (NZZ), Lars Kraumes "Der vermessene Mensch", den Hanns-Georg Rodek in der Welt zusammen mit Steve Mcqueens Filmserie "Small Axe" bespricht, und "Manta Manta - Zwoter Teil" ("zum Schreien bescheuert" laut Julia Lorenz in Zeit online, aber nicht online). Hier ein Überblick über alle Filmstarts der Woche.
Eine starke These vertritt Andreas Kilb in der FAZ: Bisher sei der wunderbare Simenon-Film "Monsier Hire" Patrice Lecontes bester Film, jetzt sei es sein neue Maigret-Film "Maigret und die junge Tote". Mit Staunen betrachtet Kilb die Schauspielkunst von Lecontes Maigret-Darsteller Gérard Depardieu, der zuletzt eher für den "konsequenten Crashkurs" in seinem Leben von sich reden machte. "Es gibt Simenon-Verfilmungen, die von einem Fall, und solche, die von einer Epoche handeln. 'Maigret' gehört zur zweiten Kategorie, und deshalb ist Depardieu die ideale, vielleicht die einzig denkbare Besetzung für die Hauptrolle. Sein Spiel ist noch reduzierter als das von Jean Gabin, der den legendären Kommissar dreimal verkörpert hat und in der Erinnerung noch immer alle nachfolgenden Serienhelden überragt. Dafür schlägt Depardieus Präsenz alle anderen Darsteller der Rolle um Längen. Sein kolossales Gewicht scheint vor der Kamera um die Hälfte zu schrumpfen."
Antonina Miliukova in "Tchaikovsky's Wife"
In Kirill Serebrennikows Russland "wird es nie mehr richtig hell", schreibt Eleonore Büning in der NZZ in der Besprechung von Serebrennikows Film "Tchaikovsky's Wife". Der Regisseur erzählt hier die "tragische Mesalliance" mit Antonina Iwanowna Miliukowa, die Tschaikowski heiratet, um seine Homosexualität vor der Gesellschaft zu kaschieren. Serebrennikow benutzt dabei bisher unbekannte Quellen, so Büning, die das Bild Antoninas neu bewerten. Der Film, über den sie anfangs leicht mokant berichtet, nimmt sie am Ende doch gefangen: "Wie gespenstisch ähnlich sieht der amerikanische Schauspieler Odin Lund Biron dem Komponisten! Er schlüpft so tief hinein in die Rolle, dass man meint, er sei Tschaikowsky direkt aus dem Gesicht geschnitten. Biron war bis 2022 Mitglied der Theatertruppe Serebrennikows am Gogol-Center in Moskau, heute lebt er in Berlin. Sein Tschaikowsky hat einen bizarr vieldeutigen Humor. Er ist verwöhnt und gewohnt, zu kommandieren. Divenhaft charmant, zynisch. Zugleich unsicher und launisch. Seinen Diener und Bettgenossen Aljoscha scheucht er herum. Seine Frau, Mittel zum Zweck, wird schikaniert, sobald sich ihre Mitgift in Luft aufgelöst hat."
Außerdem: Georg Seeßlen plädiert in einem Essay für epd film für eine "neue Philosophie des Kinos". Carolin Weidner berichtet für die taz von der letzten Ausgabe des Grazer Filmfestivals "Diagonale" unter Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger. Susan Vahabzadeh gratuliert Eric Idle von den "Monty Python" in der SZ zum Achtzigsten. Ulrich Seidler schreibt für die Berliner Zeitung den Nachruf auf den im Alter von nur 53 Jahren verstorbenen Schauspieler Robert Gallinowski.
Besprochen werden der ARD-Fernsehfilm "Wolfswinkel" (taz, Berliner Zeitung und FAZ unter der Überschrift "So stellt man sich beim WDR also das braune Brandenburg vor") und Frauke Finsterwalders neueste Sissi-Verfilmung "Sisi & Ich" (Tagesspiegel).
Björn Hayer sieht Deep-Fake-Pornos, in denen die Köpfe bekannter Personen auf kopulierende Körper montiert werden, in einem kleinen Essay für die Welt als einen Akt digitaler Gewalt, begangen von einer Porno-Industrie, die die übelsten Tendenzen des Kapitalismus verkörpert: "Das Filmen des Aktes mit falschen Gesichtern dient ja nicht nur dem zweifelhaften Amüsement bestimmter Nutzer, sondern unterliegt dem Zweck, die eingebaute Person bewusst vorzuführen und ihre persönliche Integrität und Intimität zu verletzen. Diese penetrative Logik muss man als digitale Vergewaltigung bezeichnen, die in ihrer weitreichenden Konsequenz bei Weitem noch nicht Eingang in die Strafgesetzgebung gefunden hat."
Helmut Berger als Bankier Keinszig im "Patern 3".
Im amerikanischen Kino hat die Imagewerbung Schweizer Banken eindeutig nicht verfangen, muss Andreas Scheiner in der NZZkonstatieren: "Wenn Schweizer einmal ordentlich vorkommen, dann ordentlich verkommen. Finanzhai, Aasgeier, das Charakterprofil ist klar vorgegeben. Frederick Keinszig kommt einem in den Sinn, aus 'The Godfather Part III'. Der Chefbuchhalter des Vatikans, Übername: 'God's Banker'. In Wahrheit ist er ein teuflischer Strippenzieher. Er will Michael Corleone, den Paten persönlich, um sein Erspartes bringen. Helmut Berger spielt diesen Keinszig als die personifizierte Habgier in Mausgrau. Am Ende baumelt die Ratte stranguliert an der Brücke."
Besprochen werden Robert Schwentkes "Seneca" mit John Malkovich als Titelhelden (taz), die Paramount-Serie "Rabbit Hole" mit Kiefer Sutherland als Industriespion (FAZ) und die andere Paramount-Serie "Tulsa King" mit Sylvester Stallone als einem alten Mafiaboss, der aus dem Gefängnis entlassen wird (SZ).
Sandrine Kiberlain in "Tagebuch einer Pariser Affäre" "Tagebuch einer Pariser Affäre" ist eine Dialogkomödie (mehr in unserer Kinokolumne). Im Gespräch mit Jörg Taszman vom Filmdiensterklärt Regisseur Emmanuel Mouret sehr intelligent, wie man ein so dialogisches, fast theaterhaftes Genre überhaupt zum Film macht: Er hat beschlossen, die beiden Protagonisten immer in einem Raum, nie sitzend interagieren zu lassen. Auf das scheinbar Filmischste an einem Film über ein Paar, das "nur Sex" haben will, verzichtet er aber ganz: Sexszenen: "Es ist doch aufregender, sich Dinge vorzustellen. Erotik baut genau darauf auf. Man zeigt ein kleines bisschen, um sich den Rest dann auszumalen. In Sexszenen finden sich auch keine dramaturgischen Herausforderungen für die Geschichte. Es sei denn, man hat sie extra dafür geschrieben. In diesem Film haben die beiden Hauptfiguren aber keine Probleme beim Sex. Im Gegenteil: Sie sagen immer wieder, dass es in dieser Hinsicht zwischen beiden sehr gut läuft. Und wenn alles gut läuft, ist es doch besser, man stellt es sich vor, als es zu zeigen."
Mit vielen Details über die Auswahlverfahren und interne Streitigkeiten erzählt Hanns-Georg Rodek in der Welt, wie es dazu kam, dass einer der herausragenden deutschen Filme des letzten Jahres - Christian Petzolds "Roter Himmel" - bei den Nominierungen für den Deutschen Filmpreis durch alle Roste fiel und nicht einmal genannt wurde. Honni soit qui mal y pense: "Es gibt die Lesart, dass 'die Akademie' Christian Petzold einfach nicht mag. Er hat ihr Konstrukt häufig kritisiert, sagt frei heraus, dass sie 'nicht mein Zuhause ist'. Es sei nicht in Ordnung, dass eine private Institution öffentliche Gelder verteile; die fast drei Millionen, die an die 'Lola'-Gewinner ausgeschüttet werden, stammen aus dem Etat der Bundeskulturbeauftragten Claudia Roth, sind Steuergelder. Petzold ist nie in die Akademie eingetreten, kann also jetzt auch nicht austreten. Er hat sie aber auch nicht boykottiert, er war bei ihr auf Podien, hat sich bei Podcasts beteiligt."
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