Lust am Okkultismus: "Lucifer Rsing" von Kenneth Anger Die Feuilletons trauern um den Avantgarde-Filmer, Queer-Cinema-Pionier und den berüchtigten Hollywood-Gossip-Meister KennethAnger (auf internationale Nachrufe verwiesen wir bereits gestern). Er war "der ungeheuerlichste Filmemacher der Welt", schreibt Katharina J. Cichosch in der taz. "Anger lieferte Avantgarde in jeglicher Hinsicht: Gay Cinema, Underground, Okkultismus, Mediensatire - tauchte alles auf, weit bevor es Einzug in den Filmmainstream erhielt. Die Vermählung aus Popmusik und Film? Hat er schon in den 50ern vorweggenommen. Generationen an Filmemacher:Innen zehrten von seiner Ästhetik. Seine Filme folgten stets dem Credo: Je mehr Oberfläche, umso mehr Abgrund." FAZ-Kritiker Claudius Seidl erblickt in dem Filmkünstler den "AlbtraumHollywoods, einen der Männer, vor denen Eltern ihre Kinder und Lehrer ihre Schüler warnen. Es schien ihn eine Schwärze zu umgeben, ein Dunkel, vor dem sich jeder anständige Mensch erst einmal fürchtet, bevor er eine unbeleuchtete Gasse oder einen tiefen Keller betritt. Kenneth Anger war die Verkörperung aller unamerikanischen Umtriebe - und zugleich war er dabei natürlich so amerikanisch, wie es die Filme von David Lynch und Martin Scorsese sind oder die Rückseiten der Bilder von Paul Schrader und Quentin Tarantino." Weitere Nachrufe schreiben Barbara Wurm (Standard), Jürg Zbinden (NZZ) und Willi Winkler (SZ). Wenn das Glück in den Augen strahlt: "Perfect Days" von Wim Wenders In Cannes hatte WimWenders' zweiter Film seinen Auftritt (die Kritiken zu seinem Porträt über Anselm Kiefer resümierten wir hier): Sein in Japan entstandener "Perfect Days" erzählt von dem Toilettenputzer Hirayama, mit dem offenbar so mancher Festivalfilmkritiker gerne tauschen möchte, so glücklich und beseelt wirkt er in all seinem Tun. Gespielt wird er von KojiYakusho, der in Japan als Filmstar gefeiert wird, wie Daniel Kohtenschulte in der FRinformiert: Der von ihm dargestellte Hiarayama "vollbringt seine Arbeit mit der Würde eines einsamen Samurai, wobei ihm allerdings die japanische Liebe zu Ästhetik im Alltag zugute kommt. Viele der öffentlichen Klohäuschen in Tokio sind bewunderte Meisterwerke funktionaler Architektur, und selbst die Uniform des Personals wirkt ausgesprochen stilvoll. ... Neben Kaurismäkis liebenswertem Beitrag ist es schon die zweite Chaplineske im Wettbewerb, und man bewundert die Selbstverständlichkeit abseits aller Prätention." Mit diesem Schauspieler hat Wenders einen echten Glückstreffer gelandet, findet Maria Wiesner in der FAZ. Yakusho "spielt den wortkargen Hirayama mit ausdrucksstarken Augen, in denen man Momente kurzer Freude sogar hineinhuschen sieht, wenn der Rest des Gesichts beim Untertauchen im öffentlichen Onzenbecken unter der Wasserfläche verschwindet." SZ-Kritiker Tobias Kniebe erlebte einen "Film der Kontemplation und Genügsamkeit, noch minimalistischer als sonst bei" Wenders. Und für Marie-Luise Goldmann ist dieser Film der "vielleicht perfekteste aller Wim-Wenders-Filme". Die NZZ hat mit Wenders gesprochen.
Tim Caspar Boehme von der tazsah derweil in Cannes NanniMorrettis "Il sol dell'avvenire", in dem sich Morretti selbst in der Rolle eines Regisseurs inszeniert.
Weitere Artikel: Für ZeitOnlinespricht Patrick Heidmann mit der Dokumentarfilmemacherin LauraPoitras über deren Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" (unsere Kritik) und den Niedergang des Investigativjournalismus in den USA. Kurt Sagatz spricht im Tagesspiegel mit SebastianMarka, der für Amazon Wolfgang und Heike Hohlbeins Fantasyroman "Der Greif" als Serie adaptiert hat.
Besprochen werden RobMarshalls Realverfilmung des Disney-Zeichentrickklassikers "Arielle, die Meerjungfrau" (Standard, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Fubar" mit ArnoldSchwarzenegger (ZeitOnline, Presse, FAZ) und die zweite Staffel der ARD-Serie "MaPa" (BLZ).
Ondulierte Zuckerwatte im pastelfarbenen Puppenhaus: Wes Andersons "Asteroid City"
"Augenblicklich dominiert in Cannes eine berückende Kombination von Style & Stars", schreibt Josef Lederle im Filmdienst. Der Grund: WesAndersons "Asteroid City" hatte Premiere - und der verschrobene US-Autorenfilmer fährt in seinem Ensemblefilm mal wieder eine ganze Fußballmannschaft an Stars auf. Es geht um ein Kaff in New Mexiko in den Fünfzigern, in dessen Nähe mal ein Meteorit heruntergekommen ist. Das "Spiel mit Farben, Einstellungen und Bildausschnitten" macht den Film "zu einem schwelgerischen Kino der puren Schaulust", freut sich Lederle. Andreas Busche vom Tagesspiegeltaucht zwar tief ein in die "saturierten Pastellfarben eines hyperartifiziellen Westernsettings." Aber "die Selbstbezüglichkeit der Schauwerte ... produziert nicht mehr als hübsch ondulierteZuckerwatte. Wenn Stars in diesen überbordend ausgestatteten Kino-Dioramen ausdruckslos ihre Sätze aufsagen (ein Highlight ist ein sprachloser Jeff Goldblum als spindelbeiniger Außerirdischer), stellt sich leicht Genügsamkeit ein." Für Standard-Kritikerin Valerie Dirk steht der Film für eine Tendenz des Festivals in seiner zweiten Woche: "Der Realismus hat sich aus den Kinosälen der Croisette verabschiedet, nachdem die Anfänge von Authentizität und realen Begebenheiten geprägt waren." Marie-Luise Goldmann und Jan Küveler streiten in der Welt, ob Anderson mit diesem Film nun seinen Höhepunkt erzielt hat oder seinen Niedergang einläutet.
Kino über den Genuss: "La Passion de Dodin Bouffant" Rüdiger Suchsland von Artechockschwärmt von Tran An Hunghs "La Passion de Dodin Bouffant": "Auf den ersten Blick handelt es sich um staatstragendes französisches Starkino mit Juliette Binoche und Benoit Magimel in den Hauptrollen. Auf den zweiten Blick aber ist dies sehr viel mehr: Nämlich ein Film über die Kunst; über Geschmack; über die feinen Unterschiede; über Eleganz und Anmut; über alles das, was dem allermeisten Kino fehlt und vielleicht unserer Zeit überhaupt fehlt. Über den grassierenden Bewusstseins- undKulturverlust."
Mehr vom Festival: Dunja Bialas sammelt für Artechock Verstreutes auf. Bert Rebhandl porträtiert im Standard die Schauspielerin LilyGladstone, die im neuen, in Cannes gezeigten Scorsese-Film "Killers of the Flower Moon" alle Kritiker in ihren Bann zog (unser Resümee). Marie-Luise Goldmann muss für die Welt die Lupe rausholen, um die Festivalfilme mit queerem Inhalt im Programm zu finden.
Abseits der Croisette: Philipp Meier empfiehlt in der NZZ Filme aus dem Programm des japanischen Festivals Ginmaku in Zürich. Karl Fluch porträtiert im Standard die Schauspielerin HalleBailey, die in Rob Marshalls (Besprechungen beim Perlentaucher, im Filmdienst und in der FR) Realverfilmung des Disney-Animationsklassikers "Arielle, die Meerjungfrau" die Titelrolle spielt. Karsten Essen schreibt im Filmdienst zum Tod von HelmutBerger (weitere Nachrufe hier).
Besprochen werden LauraPoitras' Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" (Perlentaucher, taz), zwei (hier und dort online stehende) WDR-Dokumentarfilme über die rassistischen Anschläge in Solingen 1993 (FAZ), die Netflix-Serie "Fubar" mit ArnoldSchwarzenegger (TA), die Netflix-Serie "The Diplomat" (TA) und eine Barschel-Doku auf RTL+ (FAZ). Und eine traurige Nachricht aus den USA: Der Avantgarde-Filmer, Queer-Cinema-Pionier und unzuverlässige Hollywood-Historiker KennethAnger ist im gesegneten Alter von 96 Jahren gestorben. Erste Nachrufe liefern Variety, der Hollywood Reporter, die New York Times und die Washington Post. Eine Empfehlung wert ist außerdem diese Staffel des Podcasts You Must Remember This, in der es um Kenneth Angers umstrittene "Hollywood Babylon"-Bücher geht.
So gut wie früher: Aki Kaurismäkis "Fallen Leaves" Seit Montag hat AkiKaurismäkis Arbeiterklassen-Trilogie aus den Achtzigern einen vierten Teil, jubelt Daniel Kothenschulte in der FR: "Fallen Leaves" hatte im Wettbewerb von Cannes Premiere, der Film handelt (wie üblich bei Kaurismäki) in dunklen Pastellfarben von der sich vorsichtig entfaltenden Liebe zwischen zwei Arbeitslosen: "Im Universum des von ihm selbst geschaffenen, oft kopierten lakonischen Melodrams bewegt sich Kaurismäki mit schlafwandlerischer Sicherheit. Es ist, wie wenn sich unsere Lieblingsrockband von früher mit einem neuen Album zurückmeldet - was dabei aber höchst selten geschieht: Es ist so gut wie früher." Der Film spielt erneut "in einer geschlossenen, dem heroischen Losertum geweihten Aki-Kaurismäki-Welt, die nur an manchen Ecken an das reale Helsinki erinnert", schreibt Tobias Kniebe in der SZ: "Aber immerhin gibt es darin Radionachrichten, scheinbar ganz real aus der Zeit der Dreharbeiten eingeblendet. Sie handeln von russischen Raketen auf ein ukrainisches Einkaufszentrum und den toten Zivilisten im zerbombten Theater von Mariupol. Und sie passen dann doch zum Elend der Heldin, einer schüchternen Aushilfskraft, die immer wieder ihren Job verliert. In ihrer kleinen Wohnung zu Hause warten nur diese düsteren News - und die Einsamkeit." Tim Caspar Boehme macht in der taz bei so viel Wiedererkennungseffekt Einwände laut: "Zu vieles wirkt nach abgespulter Routine."
Es ist das Festival der alten Männer, stellt Hanns-Georg Rodek (65) in der Welt fest: Ein Großteil der gefeierten Filmemacher ist deutlich über 70 oder kratzt demnächst an dieser Schwelle. Über 60 sind dann eh nochmal ein paar mehr. "Cannes weiß, dass es damit ein Problem hat, in zehn Jahren wird keiner der großen Autorenfilmer mehr drehen, aber Cannes braucht sie als Marke, sie sind das Lebensblut des Festivals, nicht die Hollywood-Blockbuster, die man allerdings gerne mitnimmt. Die kommenden Almodóvars und Wenders' wachsen nicht mehr automatisch auf Bäumen, das neue Kino organisiert sich nicht mehr um Starregisseure, sie müssen aufgepäppelt werden."
Mit seiner harten Politik gegenüber den Streamern - wer in Cannes gezeigt werden will, muss seine Filme im Anschluss auch im Kino zeigen - hat Festivalleiter Thierry Frémaux genau richtig gehandelt und aufs richtige Pferd gesetzt, findet Rüdiger Suchsland auf Artechock: Es zeigt sich, dass er "gestern schon Politik für morgen gemacht hat. ... Denn jetzt kriechen alle Streamer zu Kreuze, jetzt geht es ihnen schlecht. Es gibt eine Kannibalisierung zwischen den Streamern, die alle ums Überleben kämpfen. Sie häufen alle riesige Schulden übereinander, und es ist schon jetzt klar, dass es zu einer Flurbereinigung kommt."
In der FAZ macht Maria Wiesner erste thematische Stränge im Wettbewerb aus: "Gleich vier Wettbewerbsbeiträge beginnen eine Korrespondenz überKontinenteundKulturkreise hinweg. Es geht darum, wie Menschen miteinander reden (oder nicht mehr dazu in der Lage sind), wann sie einander manipulieren und wie sie Kinder in diese Spiele hineinziehen." Konkret meint sie HirokazuKore-Edas "Monster" (über einen Lehrer, der sich Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt sieht), JustineTriets "Anatomy of a Fall" über eine Schriftstellerin, die bezichtigt wird, ihren Mann ermordet zu haben, JessicaHausners "Code Zero" über sektenartige Ernährungsdogmen, die sich an einer Schule ausbreiten, und NuriBilge Ceylans "About Dry Grasses", in dem es ebenfalls um einen Lehrer und Missbrauchsvorwürfe geht.
Jenseits von Cannes besprochen werden LauraPoitras' Dokumentarfilm "All The Beauty and The Bloodshed" über die Künstlerin Nan Goldin (FAZ, mehr dazu bereits hier), die Horrorkomödie "Renfield" mit NicolasCage als Dracula (Standard, taz), RasmusDinesens Dokumentarfilm "Terroir - Eine genussvolle Reise in die Welt des Weins" (Filmdienst), die neunte Folge der letzten Staffel der HBO-Serie "Succession" (TA) und die Serie "Juan Carlos - Liebe, Geld, Verrat" (taz).
Sandra Hüller stellt sich der Jury ein zweites Mal in diesem Wettbewerb: "Anatomy of a Fall" Halbzeit in Cannes und gute Laune bei Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche, "weil der Wettbewerb in diesem Jahr auf der ganzen Linie überzeugt". Mit JustineTriets Gerichtsdrama "Anatomy of a Fall" gesellt sich ein weiteres Highlight hinzu - es ist (nach Jonathan Glazers "The Zone of Interest", mehr dazu hier und in Hanns-Georg Rodeks Besprechung in der Welt) der zweite Film dieses Wettbewerbs, in dem Sandra Hüller eine Hauptrolle spielt: Hier gibt sie eine Schriftstellerin, die bezichtigt wird, ihren Ehemann ermordet zu haben. In den Mittelpunkt des Films rückt dabei "die Anatomie einer Ehe. Die Wahrheitssuche, ob Mord oder Suizid, legt Schicht für Schicht eine komplizierte, nach einem tragischen Unfall sich langsam auflösende Beziehung offen. ... Es ist ein schauspielerischer Drahtseilakt, weil Hüllers Figur nie um die Sympathien der Jury im Gerichtssaal buhlt. 'Anatomy of a Fall' will sich keiner absoluten Wahrheit annähern", auch "weil zwischenmenschliche Beziehungen, zwischen Charakterschwächen, persönlichen Kränkungen, Egoismen sowie einer Vielzahl vertrauter Momente, am Ende immer ein Konstrukt subjektiver Erfahrungen bleiben. Gut möglich, dass Sandra Hüller in diesem Jahr ihre Palme erhält." Auch tazler Tim Caspar Boehme sieht Hüller in Höchstform: Sie "verkörpert diesen egoistischen Künstlertypus mit einer bis ins Kleinste nuancierten Ambivalenz, zwischen manipulativ und verletzlich schwankend". Auf Artechockwinkt Rüdiger Suchsland eher ab: Hüllers erster Auftritt im Festival war viel besser, dieser hier ist nur "solide, der Film als Ganzes erinnert aber mehr an gehobenes Fernsehen".
Geteilte Essstörungen unter Wohlhabenden: "Club Zero" Mit JessicaHausners Schuldrama "Club Zero" hatte eben ein weiterer Palmenfavorit Weltpremiere, schreibt Valerie Dirk im Standard. Der Film handelt davon, wie ein neues Schulfach "BewusstEssen" zu sektenartigen Verstrickungen führt. Diese "formalistische Kunstkinosatire auf die Nahrungszwänge der Bessergestellten" inszeniert die Regisseurin "in gewohnt distanzierenden, durchkomponierten Bildern mit Liebe zum designten Detail, während der Percussion- und Gesangssoundtrack die Spannung hält und Gesellschaftshorror - etwas offensiver als Tati - mit Humor versetzt. ... Trotz Satire und typisierten, auf Distanz bleibenden Figuren, hat sich auch ein Funke emotionale Tiefe in 'Club Zero' geschlichen, nämlich dann, wenn er den gefährlichen Konkurrenzdruck einer geteilten Essstörung erfahrbar macht und die Ratlosigkeit von Eltern, deren Kinder in selbstzerstörerisches Verhalten abdriften, Ernst nimmt."
Abseits von Cannes: Sandra Kegel befasst sich für die FAZ mit der Lage von Schauspielerinnen über 40, die kaum noch Rollen finden - und wenn, dann selten interessante. Zwar gibt es namhafte Schauspielerinnen in diesem Alter, die präsent und auszeichnungswürdig bleiben. Doch das sind Ausnahmen, wie eine Studie des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock belegt: "Demnach nimmt hierzulande der Anteil von Frauenfiguren, die älter als dreißig sind, ab, während mehr als zwei Drittel der zentralen Figuren über fünfzig männlich sind. Zwar nehme das Personal mit zunehmendem Alter insgesamt ab, doch während dies bei Schauspielern ab fünfzig der Fall sei, würden ihre Kolleginnen bereits ab Mitte dreißig aussortiert. Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass Frauenfiguren mit Schauspielerinnen besetzt werden, die wesentlich jünger sind als die Rollenvorlage. 'Das führt bisweilen zu aberwitzigenKonstellationen, dass wir vierundzwanzigjährige Schauspielerinnen sehen, die im Film ein abgeschlossenes Ingenieurstudium haben, außerdem zwei Teenagerkinder und im Beruf auch noch erfolgreich sind', sagt die Schauspielerin Anke Sevenich."
Weitere Artikel: Andreas Busche (Tsp) und Johanna Adorján (SZ) sprechen mit LauraPoitras, deren (im Tagesspiegelbesprochener) Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" (mehr dazu bereits hier) jetzt in den Kinos anläuft. In der FAZgratuliert Claudius Seidl JoanCollins zum 90. Geburtstag. Besprochen werden A. V. Rockwells "A Thousand and One" (taz), die Realverfilmung des Disney-Animationsfilmklassikers "Arielle, die Meerjungfrau" (Welt, Tsp, Presse), ein Dokumentarfilm über MichaelJ. Fox und dessen Parkinson-Erkrankung (TA) die Comedyserie "German Genius" mit Kida Khodr Ramadan (FAZ) und die ZDF-Serie "WatchMe - Sex sells" über Erotik-Plattformen (taz).
Familienidyll unweit vom Massenmord der Nazis: Jonathan Glazers "The Zone of Interest"
Die Kritiker legen sich fest: Mit JonathanGlazers Auschwitz-Film "The Zone of Interest" (lose basierend auf dem gleichnamigen, aber eher kritisch aufgenommenen Roman des vor wenigen Tagen verstorbenen Schriftstellers MartinAmis) und NuriBilgeCeylans "Kuru Otlar Üstüne" liefen im Cannes-Wettbewerb nun zwei der aussichtsreichsten Kandidaten auf eine Auszeichnung. Tim Caspar Boehme bespricht in der taz beide Filme: Glazers Wettbewerbsbeitrag über den von Spießigkeiten und Routinen durchsetzten Alltag einer Nazi-Familie in direkter Nachbarschaft zum Vernichtungslager Auschwitz, das nie in den Bildkader rückt, "ist ein auf kalte Weise böser Film. Das Grauen, von dem er erzählt, drängt im vermeintlich normalen Leben der Familie Höß nie ganz an die Oberfläche. Es wirkt dadurch bloß noch erschreckender."
Mitunter "unglaublich" findet der sehr begeisterte FR-Kritiker Daniel Kothenschulte diesen Film: "Aus der 'Holocaust Fiction' hat Glazer das Fiktive weitgehend ausradiert. Die deutschen Dialoge, die Glazer mit den Schauspielerinnen und Schauspielern stattdessen entwickelte, wirken so authentisch wie die historischen Schauplätze. Sie rekonstruieren die private Rückseite des Massenmords, von der es nur wenige Bilddokumente gibt." Durchaus provokant findet auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche diesen Film: Doch "die Gegenüberstellung von Banalem und Bösen hat sich als Beschreibungsmuster für die dunkle Seite der Conditio humana inzwischen aber auch etwas abgenutzt." Allerdings kommt Busche "auch nicht umhin, Bewunderung für Glazers formale Strenge" zu empfinden, wie auch "für Sandra Hüllers Kühle, die ihren spitzen Humor in ihren besten Rollen zum Frösteln bringen kann. Hier aber schlägt sie um in eine herrische Eiseskälte." Für die FAZbespricht Maria Wiesner den Film. Spielt Leonardo DiCaprio an die Wand: Lily Gladstone in Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon" Außer Konkurrenz präsentiert das Festival Martin Scorseses dreieinhalbstündige Apple-Produktion "Killers of the Flower Moon". Der Hollywood-Altmeister erzählt in seinem womöglich letzten Film auf Grundlage von David Granns Sachbuch "Das Verbrechen" von einer Mordserie an amerikanischen Ureinwohnern im Oklahoma der 1920er-Jahre - diese waren zu Geld gekommen, da sich unter ihrem Reservat unverhofft erheblicheÖlreserven fanden. Scorsese ist "ein weiteres spätes Meisterwerk gelungen", freut sich Jan Küveler in der Welt: "Wenn man so will, hat sich auch Scorsese auf seine alten Tage der Identitätspolitik zugewandt, erzählt nicht nur, wie so oft in seinen berühmtesten Filmen, eine Kriminalgeschichte als Milieustudie, sondern als Zeugnis, als Aufarbeitung, als späte moralische Genugtuung."
Mit Robert de Niro und LeonardoDiCaprio sind die beiden wichtigsten Schauspieler in Scorseses Schaffen hier erstmals vereint vor der Kamera zu sehen, wie sich alle Kritiker freuen - nur um umgehend zu bedauern, dass damit die eigentliche Schauspiel-Entdeckung des Films etwas ins Hintertreffen gerät: "Aus den Bildern dieses Films spricht eine große Trauer", schreibt Anke Leweke hinter Bezahlschranke auf ZeitOnline. "Er zeigt die Perspektive der Täter, doch sein emotionales Zentrum ist die Figur der Mollie, eine der Osage-Frauen. Auch bildlich: In den meisten Szenen mit der jungen Frau ist sie in der Bildmitte positioniert, aufrecht sitzend, beobachtend. LilyGladstone, eine Schauspielerin mit indigenen Wurzeln, verleiht der Figur der Mollie eine große Gravität." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel, NZZ und Tages-Anzeiger.
Abseits der Croisette besprochen werden der zehnte Teil der im Kino gezeigten Serie "Fast & Furious" (BLZ), die Paramount-Serie "From" (Zeit), die Netflix-Serie "Stumm" (FAZ), die Apple-Serie "Silo" (FAS) und die auf Sky gezeigte Doku-Serie "Juan Carlos. Liebe, Geld, Verrat" (BLZ).
Jung geblieben dank Digital-Botox: Harrison Ford (80) in "Indiana Jones und das Rad des Schicksals" Die Filmkritiker in Cannes haben alle nur Augen für den neuen Indiana-Jones-Film, der in wenigen Wochen sowieso regulär in allen Kinos läuft und von Festivalleiter Thierry Frémaux sehr öffentlichkeitswirksam platziert wurde. Erstmals führt nicht StevenSpielberg Regie bei der Archäologen-Sause. Stattdessen sitzt Hollywood-Routinier JamesMangold auf dem Regiestuhl. Hauptdarsteller Harrison Ford, mittlerweile achtzig Jahre alt, spielt den Archäologen mit Hut und Peitsche in vielen Szenen dank digitalem Verjüngungsfilter beeindruckend geliftet. Andreas Busche vom Tagesspiegelist skeptisch , wie Hollywood und Cannes hier im Kino der Vergangenheit das Kino der Zukunft errichten wollen: "Dass selbst Cannes den RetrowahnderUS-Studios inzwischen bereitwillig in das Weltkino, das an der Croisette eigentlich gefeiert wird, eingemeindet, verrät etwas über die Situation des Festivals - und des Kinos. Im vergangenen Jahr schaute bereits Tom Cruise mit 'Top Gun: Maverick' vorbei, der Film brach danach alle postpendemischen Einspielrekorde. ... 'Indiana Jones und das Rad des Schicksals' dreht das Rad der Zeit so weit zurück, wie kein Hollywood-Blockbuster zuvor - in die Epoche von, so viel sei verraten, Archimedes. Von hier aus kann das Kino tatsächlich nur eine Richtung einschlagen: die Zukunft." Weitere Kritiken in Presse, ZeitOnline, FAZ, Welt, Tages-Anzeiger und Standard.
Außerdem von der Croisette: Tim Caspar Boehme von der tazerfährt in WangBings dreieinhalbstündigem Dokumentarfilm "Youth (Spring)" viel über die teils tristen Arbeitsbedingungen in chinesischen Textilfabriken. Andreas Scheiner wirft für die NZZ einen Blick auf die Skandale und Skandälchen, die das Festival in Cannes begleiten.
Besprochen werden UlrichSeidls "Sparta" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Das Gesetz nach Lidia Poët" über die erste Rechtsanwältin Italiens (Jungle World), Oliver Hermanus' Kurosawa-Remake "Living" nach einem Drehbuch des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro (SZ), der Vierteiler "Juan Carlos - Geld, Liebe, Verrat" (Freitag) und der zehnte "Fast & Furious"-Blockbuster (Standard).
Der einzigartige, aber auch einzigartig entrückte HelmutBerger ist tot. In seinem Leben spiegeln sich Aufstieg, Dekadenz und Verfall des großen europäischen Kinos. Mit Visconti wurde er zum schönsten Mann der Welt, mit dessen Tod stürzte auch er ab: Genre- und Trash-Kino, schließlich auch "Dschungelcamp" und späte Erlösung an der Berliner Volksbühne. Aber "zwischen Schund und Kult fand er einen traumwandlerischenWeg", schreibt Bert Rebhandl im Standard. Er war "ein blonder Gott, schön und verdorben zugleich", schreibt Manuel Brug in der Welt. "Dabei war in seine Schönheit, wie man in Viscontis 'Gewalt und Leidenschaft' sehen konnte, von vornherein ein Element vonGefährdung, von Nervosität und Verfall eingewoben, sie wirkte nie ganz ausbalanciert", führt Andreas Kilb in der FAZ aus. "Das machte sie so attraktiv. Der Gigolo und Terrorist, den Berger in Viscontis Film von 1974 verkörperte, blieb seine größte Rolle, weil er die Zweideutigkeit seiner Erscheinung wie in einem Vexierbild festhielt. Er war bezaubernd, und er war ein Monster. Der Zauber verging mit der Zeit, das Monströse blieb."
Berger war immer dann ganz besonders gut, "wenn sich seine Rollen ganz nah an seiner eigenen Lebensrealität bewegten", hält Anke Sterneborg auf ZeitOnline fest: "wenn sein eigener Narzissmus gepaart mit seiner Zerbrechlichkeit ihren Widerhall in den Figuren fanden; wenn die Membran zwischen Rolle und Persönlichkeit gefährlich dünn und durchlässig war. Der flatterhafte, halbseidene Dandy, der für alle Ausschweifungen offen ist, der weltfremde Arroganz mit spöttischer Blasiertheit verbindet, Unersättlichkeit mit Maßlosigkeit, das war eine gelebte Rolle." Diese Art der "Selbstentblößung war für Berger seit jeher eine gehobene Form der Kunst. Die Überschreitung von Grenzen war sein Sujet, bürgerliche Normen waren für einen wie ihn da, geschleift zu werden", schreibt Harry Nutt in der FR. Ein schönes Comeback hatte Berger in den späten Neunzigern mit einem Gastauftritt im Musikvideo zu Blumfelds "Tausend Tränen Tief":
Derweil geht das Filmfestival in Cannes weiter. Mit seinem vierstündigen, außerhalb des Wettbewerbs gezeigten Dokumentarfilm "Occupied City" befasst sich Steve McQueen mit der Besetzung Amsterdams durch die Nazis. Aufnahmen des heutigen Amsterdam stehen Textpassagen gegenüber aus dem Buch "Atlas of an Occupied City, Amsterdam 1940-1945" der niederländischen Regisseurin BiancaStitger, McQueens Lebensgefährtin. "Es ist eine Kriegserzählung, wie man sie wahrscheinlich noch nicht gesehen hat", versichert Hanns-Georg Rodek in der Welt. ""Es ist wie das System der Stolpersteine in Deutschland, nur auf Film: Die sachliche Stimme der Fotografin Melanie Hyams nennt eine Adresse, erzählt in kurzen Worten, wer dort wohnte und was dort während des Krieges passiert ist. McQueens Kamera zeigt währenddessen das Gebäude in seinem heutigen Zustand. Oder Hyams sagt trocken 'abgerissen', wenn ein Neubau an der Stelle steht." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erlebte "ein konzeptuell forderndes Denkmal für den jüdischen Widerstand während der deutschen Besatzung. Jede Szene des mit Pause fast viereinhalbstündigen Filmereignisses führt an Orte, deren Geschichte mit dem Nazi-Terror verbunden ist." Allerdings treten Bild und Text dabei auch in Konkurrenz miteinander, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, und dies "besonders wenn man deutlich hört, was die gefilmten Personen sprechen. Die Aufmerksamkeit droht dann, von der Bewegung der Bilder geleitet, vom Text wegzudriften. So als müsste diese 'darunterliegende' EbenedesGeschichtlichen, etwa dass die Niederlande der Staat mit den meisten jüdischen Opfern in Westeuropa sind, sich dagegen wehren, von der Gegenwart verdrängt zu werden." Die Kunst der Überwältigung - überwältigende Kunst: Wim Wenders' "Anselm" Im Wettbewerb außer Konkurrenz lief zudem WimWenders' 3D-Dokumentarfilm über AnselmKiefer. Für Andreas Busche vom Tagesspiegelsind die beiden "ein gutes Match", gerade auch weil sie "so wenig Berührungspunkte haben. Das Deutsche, das bei Kiefer so massiv im Zentrum allen Denkens steht, ist bei Wenders ein negativerRaum. Dieses Mächtige, was dann - auch das eine Erkenntnis von 'Anselm' - in den eigenen Worten des Künstlers wie ein Soufflé in sich zusammenfällt, bringt Wenders in seinen hochaufgelösten 3D-Bildern geradezu ins Schweben. ... Hier ploppt nichts aus der Kinoleinwand heraus, Wenders spürt vielmehr in die Bilder hinein. Kiefers Skulpturen stehen fast beweglich wie Mobilés im Raum, das Kino wird selbst plötzlichskulptural." Einen von Kiefer überwältigten Wenders sah Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Und er nutzt die 3D-Technik, um diese seine Überwältigung an uns Zuschauer weiterzugeben. Es geht um Vermittlung, es geht um Verstehen, es geht nicht um eine kunstgeschichtlich kritische Sicht auf Kiefers Werk. Wenders ist so affirmativ gegenüber Kiefer wie des Künstlers Haltung gegenüber deutscher Vergangenheit lange als affirmativ kritisiert wurde. Anselm Kiefer ist in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen, weil er überwältigen und nicht bewältigen wollte, weil er deutsche Geschichte nicht einem klaren Urteil, sondern dem Zweifel unterwarf. Der Zweifel, er ist grau, und Grau ist die dominierende Farbe von Wenders' Film."
Abseits der Croissette besprochen werden Ulrich Seidls "Sparta" (Perlentaucher, FAZ), MasahiroShinodas Yakuza-Film "Pale Flower" aus dem Jahr 1964, der jetzt erstmals in die deutschen Kinos kommt (Perlentaucher), die achte Folge der letzten Staffel der HBO-Serie "Succession" (TA), GuillaumeCanets "Asterix & Obelix im Reich der Mitte" (Welt), der zehnte Teil der "Fast & Furious"-Sause (ZeitOnline, NZZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "White Men Can't Jump" (SZ), die zweite Staffel der ARD-Serie "MaPa" (BLZ, ZeitOnline) und die 3sat-Doku "Helden der Meere" (FAZ).
Jetzt bitte alles, nur keine Revolution: Regisseurin Maiwenn und Johnny Depp in "Jeanne du Barry" Mit Maïwenns Kostümfilm "Jeanne du Barry" haben gestern die Filmfestspiele in Cannes begonnen. "Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, ein Filmfestival mit einem Historiendrama über eine dahinsiechendeRegentschaft zu eröffnen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, und das "in einem Jahr, das laut Cannes-Chef Thierry Frémaux eigentlich für einen Wandel stehen soll." Der Eröffnungsfilm signalisiert allerdings eher Wille zur Tradition: "pompöses Starkino mit Schauwerten, aber betulich erzählt und somit breitenwirksam genug, um den Film vom Festival aus direkt großflächig in den französischen Kinos zu starten." Und dass das Festival damit auch "dem in Hollywood in Ungnade gefallenen JohnnyDepp in Cannes eine Bühne für sein Comeback bietet, wird außerhalb von Frankreich durchaus kritisch gesehen". Anke Leweke von ZeitOnlineerlebte einen "pompös-leeren Auftaktfilm" um höfische Ränkespielereien, die zu nichts führen. Umso mehr beschleicht sie beim Blick aufs Festivalprogramm "das Gefühl: Dieses Programm braucht eine Palastrevolution."
Er interessiere sich nur für den Schauspieler Johnny Depp und die Rede- und Denkfreiheit, zitiert Maria Wiesner den auf seine Entscheidung für diesen Auftaktfilm angesprochenen Festivalleiter Thierry Fremaux in der FAZ. Entsprechend blickt Wiesner auf Depps Verkörperung von König Louis XV.: "Die Rolle mit einem Amerikaner zu besetzen ist ein Wagnis, das Maïwenn klug minimiert: Sie gibt Depp wenig Dialog, er hat die Sätze mit einem Sprachtrainer eingeübt und sich ansonsten laut eigener Aussage an Stummfilmvorbildern wie Charlie Chaplin und Buster Keaton orientiert. Königliche Präsenz durch Körpersprache und Mimik."
Zunächst durchaus fasziniert schautSZ-Kritiker Tobias Kniebe dabei zu, wie die Regisseurin sich in der Titelrolle als Kurtisane aus einer niederen Schicht am Hof von Versailles durchschlägt. Das spiegelt auch Maïwenns eigenes Leben wieder, die als 16-Jährige den Regisseur Luc Besson heiratete und sich in der Filmindustrie behaupten musste. So wirkt auch dieser Film zunächst wie ein "Triumph über alle Widrigkeiten" und "als Selbstbehauptung in einer verrückten Welt". Doch "schlecht daran ist nur, dass Maïwenn ihrer Hauptfigur jede Agenda nimmt, um sie trotz der tobenden Sittenwächter möglichst rein erscheinen zu lassen. Sie ist permanent Opfer weiblicher Aggression um sie herum."
Georg Friedrich in "Sparta" von Ulrich Seidl Abseits der Croisette: In dieser Woche startet UlrichSeidls "Sparta" bei uns. Der Film über einen pädophilen, allerdings nicht übergriffigen Judolehrer namens Ewald (GeorgFriedrich), der eine Gruppe Kinder vor dem Männlichkeitsgehabe in einer kleinen Dorfgemeinschaft schützen will, war vor einigen Monaten ins Gerede gekommen, als eine etwas diffuse Spiegel-Recherche der Produktion vorwarf, Grenzen überschritten zu haben. Die Aufarbeitung durch die österreichische Filmförderung führte zwar zu dem Ergebnis, dass es keine Pflichtverletzung geben habe. Mulmig zumute wird Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz, die dem Film durchaus etwas abgewinnen kann, aber hier und da durchaus: "Einmal duschen die Jungs in Unterhosen und Georg Friedrich steht nackt bei ihnen. Es geschieht nichts weiter, aber was hat Seidl den Kindern am Set gesagt? Wann kippt Schauspielerführung in unzulässigeManipulation. ... Seidl hat vereinzelt offenbar nicht verhindert, dass sie verschreckt wurden, er tröstete und erklärte erst hinterher. Eine Form von Machtmissbrauch: Der Preis der Authentizität, auf die Seidl in seinen stilisierten Bildern so großen Wert legt, darf nicht das Leiden eines Kindes sein." SZ-Kritiker Philipp Bovermann kriegt beim Schauen des Films die eigenen Bilder nicht aus dem Kopf und bleibt sich über weite Strecken sehr uneins, was er von "Sparta" halten soll.
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht mit der Regisseurin UrsulaMeier über ihren Film "Die Linie", der von der Gewalt von Müttern gegen ihre Töchter handelt. Besprochen werden A.V. Rockwells Sundance-Gewinnerfilm "A Thousand and One" (FAZ) und GuillaumeCanets "Asterix im Reich der Mitte" (Standard). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Cannes feiert das Kino und Frankreich: offizielles Postermotiv Heute beginnen die FilmfestspieleinCannes. Dem Festival ist es auch dieses Jahr wieder gelungen, das Who Is Who des internationalen Kinos in den Wettbewerb zu holen, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Unter den französischen Wettbewerbsfilmen gibt es in der traditionellerweise notorisch von Männern dominierten Hauptsektion sogar eine bemerkenswerte Neuerung: Hier "sind die Frauen klar in der Mehrheit: CatherineBreillat, CatherineCorsini, Ramata-ToulayeSy und JustineTriet steht allein Jean-StéphaneSauvaire als männlicher Kollege gegenüber. Macht insgesamt sechs Frauen im Wettbewerb, ein knappes Drittel mithin."
Das heutige Datum wird einmal als Tag in den Geschichtsbüchern stehen, an dem das Kino doch nicht gestorben ist, glaubt Tobias Kniebe in der SZ. Denn die Streamingfilme, die das Festival nun doch zeigt, sind per gesetzlicher Regelung alle an ein großzügig bemessenes Kino-Auswertungsfenster gebunden. "Beim Blick in die USA fällt außerdem auf, dass die Entscheidungsträger aus Pandemiezeiten, die Hollywood in einen riesigen Streamingservice verwandeln wollten, inzwischen nicht nur abgesägt oder entmachtet, sondern mitsamt ihren Ideen endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind. ... Vom Blockbuster-Macher bis zur Filmkunstautorin, es herrscht wieder Aufbruchsstimmungin SachenKinozukunft, und das reiche und vielversprechende Cannes-Programm spiegelt das."
Auch Daniel Kothenschulte von der FRist angesichts vieler äußerst vielversprechender Titel voller Vorfreude: In Cannes "feiert man wieder einmal beides, Frankreich und das Kino". Und das deutsche Kino? Gleich zweimal taucht WimWenders im Festivalprogramm auf: "Damit ist das deutsche Kino erstmals seit Fatih Akin 2017 wieder im Wettbewerb vertreten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Dass der 77-jährige Wenders die Kastanien aus dem Feuer holen muss, ist allerdings kein gutes Omen für den Zustand des deutschen Kinos. Es spricht auch nicht unbedingt für Festivalleiter Thierry Frémaux, der schon bei der Programmverkündung einen 'WettbewerbderEntdeckungen' ausgerufen hatte. Entdeckungen macht man in Cannes in diesem Jahr voraussichtlich wieder nur in der Reihe Un Certain Regard." Die Welt hat Gerhard Middings Porträt der neuen deutschen Festivalpräsidentin IrisKnobloch (hier unser Resümee) online nachgereicht.
Außerdem: Beim FreiburgerFilmforum wurde eine Veranstaltung zur HexenverfolgunginderSubsahara kurzfristig abgesagt, berichtet Matthias Niederberger in der NZZ. "Letztlich sei ein 'Grundgefühl' geblieben, dass das Konzept der Veranstaltung 'nicht sensibel genug' sei." Offenbar hatte die Festivalleitung Angst, "rassistische Stereotype" zu bedienen. Bei den drei Teilnehmern, einem Journalisten, einem Ethnologen und einem Menschenrechtsaktivisten, löste das Unverständnis aus: "Der nigerianische Aktivist Leo Igwe findet, europäische Ethnologen sollten bereit sein, sich mit anderen Auffassungen und Verständnissen von Hexerei in Afrika auseinanderzusetzen" Er sagt: 'Die Begründung ist eine Demonstration von Engstirnigkeit, Intoleranz und mangelnder Bereitschaft, intellektuell zu wachsen.'" In der Jungle Worlderinnert Robin Becker an den Filmemacher ErwinLeiser und dessen Dokumentarfilme über den Nationalsozialismus. In der FAZgratuliert Maria Wiesner PierceBrosnan zum 70. Geburtstag. Besprochen wird TorstenC. FischersZDF-Thriller "Blutholz" (FAZ).
Bei der Verleihung des DeutschenFilmpreises fühlte sich Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek wie bei einem "Belehrungs- und Bekenntnisabend": Ukraine, Türkei und Iran wurden alle ritualhaft bedacht, Missstände in der eigenen Branche wurden hingegen nicht ganz so gratismutig angesprochen.
Besprochen werden die auf AppleTV+ gezeigte Serien-Adaption von GarthRiskHallbergsNew-York-Roman "City on Fire" (Welt, Tsp), AriAsters "Beau is Afraid" (Welt, mehr dazu hier) und die Serie "Jury Duty" (Zeit).
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