Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2022 - Film

Im Filmdienst schreibt Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, zum Tod des französischen Kunsthistorikers Jean Louis Schefer, der 1980 mit "L'homme ordinaire du cinéma" eine der "ganz großen Theorien des Films" aufstellte, doch war er, so Gass, keine akademische Übung, sondern eher "'ein großartiges Gedicht', wie Gilles Deleuze schrieb, ohne Vergleich jedenfalls. ... Das Kino, wie Schefer 1991 in einem wichtigen Text in der Zeitschrift Trafic schreibt, macht den Zuschauer zum Mutanten. Der gewöhnliche Mensch des Kinos - Schefer bekennt freimütig die Anspielung auf Musils 'Mann ohne Eigenschaften' - ist aber kein Idiot, jemand mit kognitiven Defekten und Begrenzungen; er ist nicht schlicht, sondern voraussetzungslos -; er ist eine Art Maschine, Teil eines Apparats, der denkt für die begrenzte Zeit, die man sich ihm hingibt. Erst durch die Maschine wird er zu einem Übermenschen, zu etwas, das er nicht war, nicht ist, niemals sein kann, zu reinem Denken, Denken in Bildern; Bilder, die Experimente sind, nicht Darstellungen. Dieser Mensch, sofern man ihn so noch nennen will, ein einsamer und sprachloser sicherlich, wird durch das Kino erfunden. Durch das Kino betrachtet der Film den Menschen, nicht umgekehrt, wie es bei der Kunst der Fall ist. Durch das Kino stellt sich der Film den Menschen vor, nicht der Mensch die Welt, wie durch die Literatur. Kunst am Film ist angekleistert, doch der Regen vor dem Kino ist ihm artverwandt."

Weiteres: In der NZZ berichtet Andreas Scheiner über die Proteste britischer Muslime gegen Eli Kings "The Lady of Heaven", ein Film über Fatima, die Tochter Mohammeds. Besprochen werden Pascal Elbés Komödie "Schmetterlinge im Ohr" (SZ) und Baz Luhrmanns Biopic über Elvis (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2022 - Film

"Drei Jahrzehnte nach der Wende wird in Deutschland immer noch viel Aufwand betrieben, um den Osten aufs Skurrile zu reduzieren. Ist es nicht Wahnsinn, so hat es doch Methode", stellt Claudia Schwartz in der NZZ fest. Den Anlass für diese Betrachtung bietet ihr Leander Haußmanns aktueller Film "Stasikomödie", über den sie nur mit dem Kopf schütteln kann - für sie ein symptomatischer Film, dass Westdeutschland die DDR nicht verarbeitet habe. Der Film bewege sich "weniger in der Tradition der satirischen Entlarvung à la Chaplins 'The Great Dictator', wie er sich das in einem Interview selber schönredet. Viel eher bedient er mit dem Opportunismus der seichten bundesrepublikanischen Filmkomödie der Achtziger den allgemeinen Unwillen, sich mit dem Osten zu beschäftigen." Die Filmkritik schreibe derweil "Sätze, die weit über eine Kinoleinwand hinausreichen. Die DDR? Längst vergessen. Das Nachdenken über ein Unrechtsregime? Nicht mehr aufgeschoben, sondern aufgehoben."

Weitere Artikel: In der FAZ plaudern die Filmemacherin Florian Gallenberger und Alexandra Maria Lara, die Doppel-Spitze der Deutschen Filmakademie, darüber, dass sie gerne Filme drehen und sich in der deutschen Filmpolitik aber vielleicht doch einmal was ändern sollte. Besprochen werden Baz Luhrmanns "Elvis"-Biopic (Standard, mehr dazu bereits hier), Dario Argentos "Dark Glasses" (Jungle World, unsere Kritik hier) und die Sitcom "How I Met Your Father" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2022 - Film

Pure Musik, reiner Sex: "Elvis" zeigt den Weg zum Paradies

Für die FAS hat Bert Rebhandl Baz Luhrmanns kommenden Donnerstag startendes Biopic "Elvis" gesehen, der Leben und Wirken Presleys zu einer Art mystisch-ekstatischen Geschichte formt: In den "vielen impliziten Zeitlichkeiten" des Films "zeigen sich Aspekte einer Paradieserzählung, in der Elvis sich gleichsam in aller Unschuld die schwarze Musik aneignen kann, woraufhin der Sündenfall nun eher darin bestehen würde, dass die Schlange Parker ein Geschäft aus etwas machte, was bei Elvis noch pure Musik und reiner Sex ist. Dem Problem der kulturellen Aneignung tut Luhrmann geschickt Genüge, indem er die Musik von Elvis wie ein Kollektivgut betrachtet, das durch den weißen Sänger hindurchgegangen ist, ihm aber nie allein gehörte. Viele der geläufigen Titel sind wie mit verteilten Rollen zu hören, sie werden in heute geläufige Hip-Hop-Idiome übertragen, sie gehören hier der Popkultur insgesamt, namentlich wieder vor allem der schwarzen."

Weiteres: Lest mehr Roland Barthes, ruft uns Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne entgegen, nachdem er bei Barthes Stellen zum Kinobesuch nachgelesen hat: "Fünf Seiten genügen, dann ist der Tag gerettet." Hanns-Georg Rodek erinnert in der Welt an die Nonsense-Komödien von Thomas Gottschalk und Mike Krüger, die vor 40 Jahren die deutschen Leinwände fest im Griff hatten. In der FAZ gratuliert Patrick Bahners dem Schauspieler John Goodman zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Dario Argentos "Dark Glasses" (Artechock, Filmfilter, critic.de, unsere Kritik hier), Nicolette Krebitz' "AEIOU" (taz, Artechock, Jungle World, mehr dazu hier), Simon Brückners AfD-Doku "Eine deutsche Partei" (Artechock, unsere Kritik hier), die vom ZDF online gestellte, ukrainische Serie "Hide and Seek" (taz, mehr dazu bereits hier), die Groteske "Massive Talent", in der Nicolas Cage sich selbst spielt (Artechock, Standard, mehr dazu hier), Greg Björkmans "Press Play and Love Again" (Artechock), Max Feys "Zwischen uns" (Artechock) und das deutsche TV-Comedy-Stelldichein "Die Geschichte der Menschheit (leicht gekürzt)" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2022 - Film

Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider in "Le Train de Pierre Granier-Deferre"


Der große Jean-Louis Trintignant ist tot. "Er war der Star, dem sein Ruhm egal war", schreibt Andreas Kilb in der FAZ in Anspielung darauf, dass der Schauspieler auch den größten Filmemachern und Projekten absagte, auf Galas wenig gab und das Rampenlicht scheute, selbst wenn er alle Preise einheimste, die man als Schauspieler einheimsen kann. Mit Vorliebe drehte er "schwierige, durchtriebene, zweideutige, politische Filme, die im Glanz seines Spiels aufleuchteten. Dabei hatte man nie das Gefühl, dass er sich in seinen Rollen verausgabte. Er floss in seine Figuren wie Wasser in ein Gefäß, ohne dass die kleinste Anstrengung zu spüren war."

Seine "schmale geschmeidige Erscheinung strahlte den Habitus sanfter vergeistigter Männlichkeit aus", hält Claudia Lenssen auf ZeitOnline fest. "Umso mehr faszinierte ihn die Ambivalenzen. In Eric Rohmers 'Meine Nacht bei Maud' (1969) brüstet er sich seiner katholischen Ehe-Moral, um festzustellen, dass weder er selbst noch seine madonnenhafte Frau den frommen Prinzipien standgehalten haben. In Costa Gavras' Politdrama 'Z' (1969), einer Abrechnung mit der griechischen Militärdiktatur in den sechziger Jahren, verkörperte er die Schlüsselfigur eines maßlos arroganten, gleichwohl unbestechlichen Untersuchungsrichters." Auch Patrick Straumann staunt in der NZZ über die Ambivalenzen in Trintignants Spiel: "Es waren die komplexen Empfindungen und die Niederlagen, die seinen Figuren einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte garantierten."

Welt-Kritiker Gerhard Midding folgt der Physiognomie Trintignants: "Sein Blick war aufmerksam und beharrlich. Er ergründete sein Gegenüber. Nicht immer war eindeutig, ob Liebe oder Skepsis in ihm lag. Doch "er war schmächtig, sein Kopf schien zu groß für die schmalen Schultern, auf denen er ruhte. Die Augen waren sein zuverlässigstes Instrument, um zu verführen." Sein "Lächeln war stets flüchtig, ruhte in der Erkenntnis der Vergänglichkeit. Denn seine erstaunliche Schaffenskraft (...) war tiefer Schwermut abgetrotzt."

ZeitOnline bringt eine Fotostrecke. Weitere Nachrufe in SZ, Dlf Kultur, FR und im Tagesspiegel. Und hier sehen wir ihn nochmal in einer wunderbaren Szene in Dino Risis "Il Sorpasso" - wirklich niemand hat in Momenten des Schweigens in kleinsten Regungen so ausdrucksvoll gespielt:



Weitere Artikel: In 14 Ländern Asiens und des Nahen Ostens will man den neuen Disney/Pixarfilm "Lightyear" nicht zeigen, weil sich darin zwei Frauen küssen, berichten Kathleen Hildebrand (SZ) und Valerie Dirk (Standard)  "Zutiefst unerfreulich" findet Marion Löhndorf von der NZZ Tom Hanks' Statement, er würde heute keinen homosexuellen Mann mehr spielen, da er ja selbst nicht homosexuell sei. Natalie Mayroth wirft für die taz einen Blick auf die Debatten um Vivek Agnihotris indischen Film "The Kashmir Files": Während die einen seine Arbeit als hindunationalistische Propaganda kritisieren, sieht er selbst sie als Plädoyer für Humanismus. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Isabella Rossellini zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Dario Argentos "Dark Glasses" (Tsp, unsere Kritik hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2022 - Film

Absurde Essenzen: "The Last Son" von Tim Sutton

Rapstar Machine Gun Kelly fegt in Tim Suttons auf DVD erschienenem Western "The Last Son" buchstäblich mit einem Maschinengewehr weg, was wegzufegen ist - und stößt damit bei tazler Ekkehard Knörer durchaus auf reges Interesse. Denn der Regisseur "hat sich Gedanken gemacht, wie man heute überhaupt noch einen Western angehen kann. Er verzichtet vollkommen auf Figurenpsychologie, regelt stattdessen die mythischen Züge des Genres, ohne mit der Wimper zu zucken, nach oben. Er zieht das auch durch, nicht ohne Ernst, nicht ohne Blut, in Breitleinwandbildern von einiger Wucht und vor musikalischer Drohkulisse. ... Die Kritik hat an dem Spielfilm Spannung, Psychologie und zusammenhängende Handlung vermisst. Dabei ist es gerade die Reduktion des Genres auf seine (absurden) Essenzen, die Sutton hier unternimmt. Spätest-Western? Post-Western? Meta-Western? Egal."

Außerdem: Marisa Buovolo gratuliert Isabella Rossellini in der NZZ zum 70. Geburtstag: Insbesondere in ihrem Spätwerk "bewegt sie sich mühelos zwischen Pop, Kunst und Wissenschaft". Besprochen werden "Massive Talent" mit Nicolas Cage (ZeitOnline), Max Feys "Zwischen uns" (SZ), der neue Pixar-Animationsfilm "Lightyear" (Tsp) und die Serie "The Midwich Cuckoos" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2022 - Film

Kleine triste Welt: "Eine deutsche Partei" von Simon Brückner

Auf gewisse Weise hat Welt-Kritiker Frédéric Schwilden durchaus Freude an "Eine deutsche Partei", Simon Brückners Dokumentarfilm über die AfD, der ohne erhobenen Finger auskommt, auch nicht zum Ziel hat "vorzuführen" oder gar zu enttarnen, also "stocknüchtern" ist, "aber trotzdem saukomisch." Denn "die Partei, die wir da im Film sehen, ist ein Haufen von halbgebildeten Menschen, die angetrieben von Narzissmus und einem nationalen Hang zum Pubertären und Vulgären eine Schicksalsgemeinschaft bilden". Ähnlich gelagert ist auch Andreas Wilckes "Volksvertreter", der vor wenigen Wochen in die Kinos kam. Nach diesen beiden Filmen dürften "selbst einige AfD-Wähler*innen erkennen, wie armselig, klein und trist die Welt ihrer gewählten Volksvertreter ist", glaubt Gareth Joswig in der taz.

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erblickt in Brückners Film derweil einen späten Nachfahren des "cinéma vérité" wie beispielsweise eines Frederick Wiseman. "Es ist wirklich so wie 1965, als D. A. Pennebaker seinen Klassiker 'Hier Strauß' über den CSU-Politiker drehte: Man wundert sich über die Unbekümmertheit der Gefilmten. Einmal diskutieren Berliner Abgeordnete, ob sie einen Antrag für eine Verordnung stellen sollen, in jedem Klassenzimmer Grundgesetz und Deutschlandfahne vorzuhalten. 'Warum sollten wir denn in jedem Klassenzimmer ausgerechnet Artikel 1 aufhängen, mit dem Satz 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'?', gibt ein AfD-Abgeordneter zu bedenken. ...  Schnell finden auch andere Parteifreunde Passagen des Grundgesetzes, die ihnen so gar nicht gefallen."

Der Film ist "eher ein dokumentarisches Sammelsurium rechtspopulistischer Partei- und Medienarbeit, denn eine stringente Analyse der diskursiven Kraftfelder in der Partei", meint Lukas Foerster im Perlentaucher. Als "Sittenbild einer politischen Interessengemeinschaft" fand er ihn aber doch interessant. Beeindruckt hat ihn vor allem eine Begegnung im Film: "Im Rahmen einer Tour durchs EU-Grenzgebiet tritt der AfD-Jungkader Aaron Kimmig in der bosnisch-kroatischen Grenzregion einer Gruppe afghanischer Flüchtlinge entgegen, befragt einen von ihnen über seine bisherige Reise und weiß schlichtweg nichts zu entgegnen, wenn sein Gegenüber freundlich und schlüssig darlegt, warum er die Strapazen nicht bereue und keineswegs vorhabe, umzudrehen. Die Szene hat keine unmittelbare Folgen, für den Mann aus Afghanistan ohnehin nicht, aber eben auch nicht für Kimmig, und gerade das macht sie stark. Sichtbar wird in diesem Moment, wohin die diskursiven Verhärtungen im aktuellen politischen Diskurs führen: zur Unfähigkeit, sich von der Welt da draußen irritieren zu lassen."

Massives Talent: Nicolas Cage als Nicolas Cage


Tom Gormicans Nicolas-Cage-Komödie "Massive Talent" führt ganz tief ins Spiegellabyrinth der Meta-Ebenen, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz: Nicolas Cage spielt darin Nicolas Cage, dem dann auch noch der jüngere Nicolas Cage (gespielt von Nicolas Cage) entgegen tritt. Reizvoll ist das auch vor dem Hintergrund, dass Cage - sowohl in echt, als auch in diesem Film - viele Jahre so ziemlich jeden Schrottfilm runterkurbeln musste, um seinen Schuldenberg abzubauen. "Cage ist bei alledem in Hochform. Dass er sich so hinreißend selber spielt, könnte man zugleich als Auskunft über die Egozentrik des realen Nicolas Cage verstehen. Dem Film schadet das kein bisschen." Und "ein schöner Zug dieses nicht bloß für Nicolas-Cage-Fans unbedingt sehenswerten Films im Film ist die Selbstverständlichkeit, mit der er die anspruchsvollere Filmgeschichte zum solideren Mainstreamkino in Beziehung setzt."

Weitere Artikel: Immer höhere Kosten, immer mehr Konkurrenz, und zugleich immer abspenstiger werdende Kunden: Die Streaminganbieter - oder zumindest Netflix, das anders als Amazon und Disney über keinerlei zusätzlichen Einnahmequellen verfügt - kommen derzeit gehörig ins Schwitzen, berichtet Wilfried Urbe in der taz. Bei der DVD-Wiederveröffentlichung von Wolfgang Petersens Fernsehfilm "Die Konsequenz" aus dem Jahr 1972 nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Alexander Ziegler packen Welt-Kritiker Tilman Krause unbehagliche Zweifel: Ist der damals als einer der ersten deutschen Filme, die Homosexualität unter Männern sichtbar machten, im Grunde nicht die verkappte Geschichte eines Pädosexuellen? Mauro Müller schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schauspieler Philip Baker Hall.

Besprochen werden Dario Argentos "Dark Glasses" (Perlentaucher), Nicolette Krebitz' "AEIOU" (Zeit, mehr dazu bereits hier und dort), Erik Haffners TV-Comedian-Blödelparade "Die Geschichte der Menschheit (leicht gekürzt)" (man "riskiert eine Erfahrung von Befremdung", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ), Pascal Elbés "Schmetterlinge im Ohr" (Freitag), Jane Campions Klassiker "Das Piano", der nun wieder in die Kinos kommt (Tsp) und Dario Argentos Giallo "Dark Glasses" (Perlentaucher).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2022 - Film

Zwei Berliner in Frankreich, in einem Film, der französisches Kino nach Berlin holt: "AEIOU"

Sophie Rois liebt einen deutlich jüngeren Mann, noch dazu einen, den sie unterrichtet - das ist die Prämisse von Nicolette Krebitz' Liebesfilm "AEIOU", zu dem wir an dieser Stelle schon aus zwei Interviews mit der Filmemacherin zitierten. SZ-Filmkritikerin Annett Scheffel fühlt sich mit diesem Film ziemlich frei: "Nichts in dieser Film-Romanze ist festgeschrieben. Aber alles ist möglich. Und erklärt werden muss sowieso nichts." Der Film ist "wie französisches Kino in Berlin. So richtig stilecht mit einer Amour Fou und surrealen Einsprengeln, mit vielen lässig gerauchten Zigaretten und kleinen Gaunereien. Im letzten Teil des Films flieht das Paar in einer Nouvelle-Vague-Variation an die Côte d'Azur. Was folgt, ist ein flirrender Freiheitsrausch: Wie Kinder streifen sie als Taschendiebe durch die Altstadtgassen, baden nackt im Meer und schlafen endlich miteinander." Bei all dem schaut auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sehr gerne zu: "Immer wieder nennt ihre weibliche Pygmalion-Geschichte die Klischees förmlich beim Namen - und verleiht ihnen in der Entzauberung wiederum einen eigenen Zauber." Und sowieso famos ist dann auch noch Udo Kier in einer Nebenrolle als "freundlicher Nachbar. Es ist eine Filmfigur von fast märchenhafter Unschuld," - womit wir, ganz ehrlich, bei Udo Kier am allerwenigsten gerechnet hätten.

Weitere Artikel: In seinem Intellectures-Blog empfiehlt Thomas Hummitzsch eine durch Berlin, Leipzig und Hamburg tourende Reihe mit Filmen aus der Ukraine. Fritz Göttler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Philip Baker Hall.

Besprochen werden Nicolette Krebitz' "AEIOU" (SZ, FR, mehr dazu bereits hier), Marc Boettchers Dokumentarfilm über die Sängerin Belina, der heute beim Jüdischen Filmfest Berlin Brandenburg zu sehen ist (Tsp), die Nicolas-Cage-Komödie "Massive Talent", in der Nicolas Cage Nicolas Cage spielt (SZ), Simon Brückners Dokumentarfilm "Eine deutsche Partei" über die AfD (FR), der im "Toy Story"-Universum angesiedelte Pixar-Animationsfilm "Lightyear" (Standard, ZeitOnline), Pascal Elbés Schwerhörigenkomödie "Schmetterlinge im Ohr" (SZ) und die Netflix-Dokuserie "Web of Make Believe" (taz). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2022 - Film

Bilder, die die Welt braucht: Sophie Rois und Milan Herms in "AEIOU"

In ihrem neuen Film "AEIOU" erzählt Nicolette Krebitz nach "Wild" (über die Liebe zwischen einer Frau und einem Wolf - unsere Kritik) erneut eine Liebesgeschichte unter ungewöhnlichen Vorzeichen: Er (Milan Herms) ist irgendwo um die 20, sie (Sophie Rois) ist deutlich älter. Warum interessiert sich die Filmemacherin für solche Konstellationen, hat Marie-Luise Goldmann im Welt-Interview gefragt: "Weil ich mir nichts Langweiligeres vorstellen kann, als Sophie einen gleichaltrigen Mann gegenüberzusetzen und mir dieses Blabla dann anzugucken. Erstens, weil ich denke, dass es diese Geschichten schon tausendmal gibt. Und zweitens, weil mich nicht interessiert, was das Patriarchat einer unabhängigen Frau für Alltagsprobleme beschert, sondern weil ich wissen will, was dieser Frau ganz unabhängig vom herrschenden Gesellschaftsmodell für sie selber einfällt. ... Ich habe diesen Film auch für mich gemacht, um Bilder in die Welt zu setzen, die die Welt braucht."

In der FAZ spricht Claudius Seidl mit Krebitz - es geht vor allem darum, dass "Wild" mit Nominierungen für den Deutschen Filmpreis überhäuft wurde, wohingegen "AEIOU" lediglich für den besten Schnitt nominiert ist. Die Regisseurin glaubt, der Film "wird von der Akademie vielleicht als ein bisschen arrogant empfunden. Sie hätten Sophie lieber leiden sehen. ... Die Filmakademie sagt: Wir entscheiden selbst, welche Filme die Fördergelder bekommen. Nicht eine Jury, nicht Journalisten und Filmkritiker. Die meisten Autorenfilmer der sogenannten Berliner Schule sind nicht in der Akademie. Ich bin es übrigens auch nicht." Außerdem findet sie, "dass man die Preise von den Fördergeldern trennen sollte. Das heißt, man würde den Filmpreis so lassen, wie er ist: dass die Akademiemitglieder abstimmen, wie bei den Oscars. Und wie bei den Oscars gäbe es Glanz und Ruhm, aber kein Geld. Und unabhängig davon gäbe es eine Jury, die Fördergelder verteilt."

Rocker 0083

In der SZ lauscht David Steinitz Klaus Lemkes Erinnerungen an die Dreharbeiten zu "Rocker", den der Filmemacher 1972 fürs ZDF drehte und der seitdem beachtlichen Kultstatus entwickelt hat. Gedreht wurde mit Laien aus dem Biker-Milieu. "'Wir hatten irre Angst vor den Rockern. Vor denen hätte jeder Angst gehabt. Die sind gekommen und gegangen, wann sie wollten. Wenn auf dem Weg ein Motorrad kaputtging, was ständig passierte, weil die alle aus jeweils 500 verschrotteten Motorrädern zusammengebaut waren, dann blieb die ganze Gang stehen und wartete, bis das Ding repariert war.' ... Nach der letzten Klappe fuhren die Rocker einfach weg, ohne ein Wort. Aber einer warf ihm über die Schulter seine Lederjacke zu. Lemke weiß nicht einmal, wer genau, aber es war der ultimative Ritterschlag. Er trug die Jacke zwei Jahre lang jeden Tag - dann wurde sie ihm geklaut." Auf Flickr gibt es im übrigen ein fantastisches Fotoalbum mit Fotos von Heinrich Klaffs, der die Dreharbeiten dokumentierte.

Weitere Artikel: Der im April verstorbene Schauspieler Michael Degen war zum Zeitpunkt seines Todes nicht 90 Jahre alt, sondern vier Jahre älter, berichtet Michael Scholten in der FAZ: Seine Mutter hatte ihm während der Nazizeit einen gefälschten Pass mit einem späteren Geburtsdatum besorgt - nicht nur um den jüdischen Jungen vor seinen potenziellen Mördern zu schützen, sondern auch um ihn dem Zugriff der Wehrmacht zu entziehen. Für die NZZ porträtiert Andreas Scheiner den israelischen Schauspieler Dov Glickman aus der Serie "Shtisel". Peter Körte und Bert Rebhandl werfen in der FAS einen Blick auf die Filmstarts dieser Woche. In der Presse empfiehlt Patrick Holzapfel die Werkschau Ulrike Ottinger im Wiener Filmmuseum.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2022 - Film

Es liegt ein Grauschleier über der Stadt: "Hide and Seek" (ZDF)

Sanft verärgert zeigt sich der FAZ-Kritiker Oliver Jungen darüber, dass das ZDF sich für die Ausstrahlung der ukrainischen, 2019 entstandenen Thriller-Miniserie "Hide and Seek" kräftig auf die eigene Schulter klopft und diese als gezielte Solidaritätsaktion verkauft. Das hätte es nun wirklich nicht gebraucht, denn zu erleben ist mit dieser "Zeitkapsel", die auf jenen damals noch intakten Straßen gedreht wurde, die in den letzten Monaten hart umkämpft wurden, "eine knallharte, ästhetisch konsequente und höchst spannende Genreserie", welche dann auch "die meisten deutschen Fernsehkrimis locker an die Wand spielt. ... Alle Straßen liegen im Nebel, alle Innenräume wirken lichtlos und bläulich entfärbt. Etwas Bedrohliches schwebt über den heruntergekommenen Orten. Das schwach ausgeleuchtete Betongrau lässt selbst die wenigen edlen Räume kalt und abweisend wirken. So resolut dunkel und spröde werden Noir-Serien hierzulande nicht gehalten."  

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In der neuen Sonderausstellung "Hollywood" in der Helmut Newton Stiftung in Berlin reist FAZ-Kritiker Andreas Kilb durch die Geschichte der Traumfabrik "von den Anfängen bis zur Gegenwart der Pornoindustrie im San Fernando Valley". Konzipiert ist die Ausstellung allerdings nicht als "Realgeschichte, sondern als Geschichte des kollektiven Imaginären." Zu erleben sei dabei aber auch, "wie sehr die ins Freie und zur Reportage drängende Hollywoodfotografie der Sechziger- und Siebzigerjahre, die durch die Bildserien von Eve Arnold, Inge Morath und Steve Schapiro vertreten ist, bei Newton wieder zum Arrangement erstarrt. Arnold zeigt Marilyn Monroe bei den Dreharbeiten zu John Hustons 'Misfits' in ungestellten Augenblicken der Erschöpfung wie des Überschwangs. Dagegen wirkt Sigourney Weaver, an der sich Newton nie sattsehen konnte, in jedem seiner Porträts von ihr wie ein Kunstprodukt."

Außerdem: Auch in Österreich ächzen die Programmkinos darunter, dass ihr Hauptpublikum - die Best-Ager der 50er - in diesem Sommer der Pandemieentspannung nicht in die Kinosäle zurück finden, berichtet Valerie Dirk im Standard. Für die Berliner Zeitung wirft Claus Löser einen Blick ins Programm des Jüdischen Filmfestivals in Berlin. Gunda Bartels vom Tagesspiegel beobachtet Chiara Noack, die bei Filmproduktionen auf Nachhaltigkeit achtet, bei der Arbeit. Besprochen wird eine Werkschau samt Ausstellung über Agnès Varda in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2022 - Film

Nicht gut, wie schlecht, so wie wir alle: Léa Seydoux ist "France"

Für epdFilm spricht Thomas Abeltshauser mit Bruno Dumont über dessen neuen Film, die Mediensatire "France". Léa Seydoux spielt darin eine Moderatorin, die an immer noch grelleren Bildern interessiert ist (unser Resümee). "Ich wollte eine Frau zeigen, die in dieser Medienwelt ein Star ist, ein Produkt dieser Welt und zugleich eine, die sich der Leere und Hohlheit dieser Welt bewusst wird", sagt der Regisseur dazu. "Die Medien präsentieren uns Bilder. Und Bilder sind immer Fiktion. Man kann keine Bilder produzieren, die die Realität darstellen. Medien machen im Grunde nichts anderes als Kino, das ist meine Grundauffassung. ... Ich bin näher an Victor Hugo. Wie er halte ich alles für vermischt und voneinander durchdrungen. In meinen Filmen gibt es keine klaren Fronten, es herrscht ein großes Durcheinander. Die Protagonistin in 'France' ist zugleich gut und schlecht, wie wir alle. Mein Film heroisiert eine Antiheldin. Die Medien dagegen machen meist das genaue Gegenteil, sie simplifizieren und sind dabei unglaublich moralisch und urteilend, auch verurteilend." Weitere Kritiken zum Film haben die Jungle World und die SZ online gestellt.

Außerdem: Im Filmdienst spricht Jessica Krummacher über ihren (auf ZeitOnline besprochenen) Film "Zum Tod meiner Mutter". Christiane Peitz empfiehlt im Tagesspiegel eine Werkschau Agnès Varda in Berlin. Dlf Kultur erinnert mit einer "Langen Nacht" von Markus Metz und Georg Seeßlen an Rainer Werner Fassbinder, der vor 40 Jahren gestorben ist. Im Zündfunk-Feature des BR befasst sich Markus Metz außerdem mit "Slow Cinema".

Besprochen werden das mexikanische Familiendrama "Sundown" mit Tim Roth und Charlotte Gainsbourg (FAZ, Tsp, SZ), Julian Radlmaiers marxistische Vampirkomödie "Blutsauger" (Intellectures, unsere Kritik hier) und eine Ausstellung in der Cinémathèque française über Romy Schneider, die FAZ-Kritiker Marc Zitzmann allerdings "unter dem Strich enttäuscht. Sie hakt alle wichtigen Filme ab, entwickelt aber keinen eigenen Diskurs."