Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2022 - Film

Lässt sich von einem Hubschrauber testen: Tom Cruise in "Mission Impossible 6"


Tom Cruise wird morgen sechzig. Bei 54books erklärt Fabius Mayland, warum er dem Actionstar, der seine Stunts selbst ausführt gerade in seine oberflächlichsten Filmen einiges abgewinnen kann: "Der einzige andere Darsteller, der sich für das Actionkino so verletzbar gemacht hat, dürfte wohl Jackie Chan sein, dessen Produktionen in den Achtzigern und Neunzigern im Abspann häufig Outtakes zeigten, in denen die Stunts daneben gingen - und Jackie sich den einen oder anderen Knochen brach. Aber auch dieser Vergleich hat seine Grenzen: in den Genrefilmen Jackie Chans (und auch seiner fast ebenso halsbrecherischen Kolleg*innen der 1980er und 1990er, Sammo Hung, Yuen Biao, oder Michelle Yeoh) geht es - nicht immer, aber häufig - um eine sehr direkte Körperlichkeit, um Faustkämpfe, die von schnellen Bewegungsabläufen geprägt sind. Was Tom Cruise hingegen besonders zu faszinieren scheint, ist, wenn man es so sagen möchte, der Mensch als Cyborg: auf dem Motorrad, im Flugzeug, mit Saugnäpfen an einem Wolkenkratzer. Die Bewegtbilder, die diese Filme mit so viel Realismus einfangen, handeln von Menschen, deren Grenzen von Maschinen getestet werden." In der SZ schreibt Tobias Kniebe zum Sechzigsten von Cruise.

Altersdiskriminierung und Diversity-Klischees - das waren Themen zweier Podiumsdiskussionen beim Filmfest München. Dabei ist es "höchste Zeit, das Identitäre - also die Bestimmungen aufgrund von unhintergehbaren biologischen oder geo- und soziopolitischen Determinanten wie Gender, Age, Race und Class - hinter sich zu lassen und endlich einmal genauer hinzusehen", denkt sich Dunja Bialas auf Artechock. "Keine Orthodoxie und keine Ortho-Regie, wie es jetzt durch das Diversitätspostulat à la Hamburger Filmstiftung MOIN passiert, die eine Diversity-Checkliste der Projektförderung voranstellt, aber auch kein 'Junge Frauen first', kein 'Alte Frauen first'. Kein 'Alte weiße Männer first', kein 'Junge migrantische Männer first'. Sondern bitte ausschließlich den Mut, Dinge anders zu machen, sich von alten Schablonen und Denkweisen verabschieden, ohne neue Schablonen zu fordern oder gar zu praktizieren, wie es heute mehr und mehr der Fall ist."

Besprochen werden die Amazon-Serie "The Terminal List" mit Chris Pratt (BlZ) und Emmanuel Carrères Film "Wie im echten Leben" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2022 - Film

Der deutsche Film hat gewiss ein Marketing-Problem, aber vor allem "fehlen wagemutige Filme", meint Christian Bräuer, Chef der Yorck-Kinos in Berlin, im Interview mit der Berliner Zeitung. "Ich glaube, dass wir in der Kinofilmproduktion einen Paradigmenwechsel brauchen. Wir haben eine Förderlandschaft, die sich letztlich auf das Finanzieren von Produktionen beschränkt. Was fehlt, ist der Blick für das Publikum. Für wen wird dieser Film gemacht? Und es fehlt die Einsicht, dass Kino Kinogeschichten braucht. Oft werde ich in Bezug auf eingereichte Drehbücher gefragt, ob das Thema passt. Falsche Frage! Wichtig ist, ob die Dramaturgie passt. Und ob die filmische Umsetzung die große Leinwand braucht. Bei den Stoffen fehlt uns ganz offensichtlich Originelles, Kreatives, und da fehlt auch die Vielfalt, die wir in der Gesellschaft haben. Damit sich da etwas ändert, müssen wir bei den Förderungen Strukturen hinterfragen. Ansonsten verliert der deutsche Film weiter den Anschluss."

Weiteres: Maria Wiesner gratuliert in der FAZ Dan Aykroyd zum Siebzigsten. Besprochen werden die Filmkomödie "Nicht ganz koscher" von Stefan Sarazin und Peter Keller, die beim Münchner Filmfest mit dem Fritz-Gerlich-Preis 2022 ausgezeichnet wurde (filmdienst), die Diana-Doku "The Princess" (Tsp) und "Der beste Film aller Zeiten" von Gastón Duprat und Mariano Cohn (FAZ).
Stichwörter: Kinogeschichte, Filmkomödie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2022 - Film



Jöns Jönssons Komödie "Axiom" erzählt von Julius, einem notorischen Lügner, der immer wieder die Geschichten anderer für seine eigene ausgibt. Man erkennt es, aber begreift nicht die Absicht dahinter, schreibt ein beeindruckter Daniel Kothenschulte in der FR: "'Axiom' - so nennt man jene Offensichtlichkeit, die keines Beweises mehr bedarf. Das Spiel mit derart unumstößlichen Vorurteilen ist das Brot der Hochstapler, aber es ist auch das Fett auf den sozialen Stellschrauben der Klassengesellschaft. Carl Zuckmayers verwandelter Uniformträger, der 'Hauptmann von Köpenick', kam gar nicht in die Verlegenheit zu schwindeln, so überzeugend wirkte das Axiom, das ihn umgab. ... Jönsson hat aber nicht einfach eine moderne Köpenickiade über die immer komplexeren sozialen Codes des heutigen Klassismus geschrieben. Auch als Theaterautor tätig, verortet er mit seinen geschliffenen Dialogen ein Wertesystem, in dem sich Menschen in einer Art Dauer-Bewerbungsgespräch befinden. Die Wechselwirkungen von Selbstdarstellung und Vertrauensvorschuss liefern den idealen Nährboden für Soziopathen."

Auch Bert Rebhandl ist in der FAZ voll des Lobes: "Jönsson, gebürtiger Schwede, der nach einem Studium an der HFF Potsdam-Babelsberg im deutschen Film eine künstlerische Heimat gefunden hat, setzt nicht auf eine Dramaturgie der Eskalation, sondern lässt seinen Protagonisten und dessen Geschichten zirkulieren. Selten hat man Sozialität so bei der Arbeit sehen können wie in diesem auf allen Ebenen großartigen Film: Kamera, Musik (im Abspann gibt es eine fantastische Nummer von Yung Lean), Sound, Schauspiel, alles greift wie von selbst ineinander, nichts wirkt dabei jemals deterministisch."


Penelope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martínez, eine phantastische Lockenperücke - was kann das anderes sein, als "Der beste Film aller Zeiten", den Cruz als skrupellose Regisseurin mit ihren zwei Hauptdarstellern Banderas und Martinez dreht? Ein Film über das Kino also, den das argentinische Regisseurduo Gastón Duprat und Mariano Cohn hier zum besten gibt. Tagesspiegel-Kritikerin Jenni Zylka hat sich bestens unterhalten: "Die gemeinsamen Proben der drei Alphatiere in einer architektonisch kühnen Prunkvilla werden schnell zum Fegefeuer der Eitelkeiten: Lola wickelt die Schauspieler in Folie, so dass sie sich nicht mehr regen können, als sie vor ihren Augen deren Trophäen-Sammlung schreddert - als 'Übung für das Ego'. Für eine Szene mietet die Regisseurin einen Kran, an dem sie einen Felsen über den Männern baumeln lässt, um den 'Spieldruck zu erhöhen'. Es knallt ständig zwischen dem sich bescheiden gebenden Ivan mit seiner angestrengt-ausgestellten Menschlichkeit, der methodisch an seine Rollen herangeht, und der laxen Arbeitsmoral des Frauenhelden Felix, in dessen Sportwagen allmorgendlich ein anderes Starlet posiert."   

Hochamüsant, versichert im Standard auch Bert Rebhandl: "Wer mit Hirn an die Sache herangeht, wird ein bisschen mehr Freude daran haben, aber auch in diesem Fall sind die bescheuertsten Witze einfach die besten - zum Beispiel, als ein Nachbar mit Hammer für einen Moment als Avantgardemusiker missverstanden wird." "Es ist eine Freude, explizit auch eine Schadenfreude, Größenwahn auf der Leinwand beim Platzen beizuwohnen", bekennt in der taz Carolin Weidner. Und Zeit-Kritikerin Anke Leweke erkennt nach viel Gelächter: "Womöglich ist Eitelkeit auch eine existenzielle Form der Ehrlichkeit."

Besprochen werden die Doku "I Am A Cliché" über die schwarze britische Punkmusikerin Poly Styrene (taz), der Zeichentrickfilm "Minions: The Rise of Gru" (taz, SZ), Ronny Trockers "Der menschliche Faktor" (taz), Emmanuel Carrères Film "Wie im echten Leben" mit Juliette Binoche als Putzfrau undercover (taz, perlentaucher) und die Diana-Doku "The Princess" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2022 - Film

"Der deutsche Film befindet sich einer schweren Krise. International ist er praktisch unsichtbar", diagnostiziert Daniel Kothenschulte in einem Essay für den Filmdienst. "Es ist der qualitative Niedergang, der immer weniger Anreize schafft, ins Kino zu gehen. Ironischerweise aber nicht weniger Anreize, Filme zu produzieren. Denn die Förderstrukturen machen es Produzierenden einfacher, schlechte statt gute Filme zu produzieren. Obwohl die Filmförderung in Deutschland bei der Staatsministerin für Kultur angesiedelt ist, spielt bei der Vergabe der Gelder - anders als etwa in Österreich - eine künstlerische Evaluierung praktisch keine Rolle. Bei der Mittelvergabe wird auch nicht berücksichtigt, dass künstlerische Filme im Gegensatz zu Unterhaltungsfilmen anders budgetiert werden müssen. Sie brauchen vielleicht weniger Spezialeffekte und ein kleineres Team am Set, dafür aber eine jahrelange Drehbucharbeit und längere Drehzeiten. Die belgischen Dardenne-Brüder drehen ihre Filme eben nicht in 28 Tagen herunter, sondern proben und drehen jede Szene so lange, bis alles stimmt - auch wenn es 60 Tage dauert."

Dabei gibt es durchaus ein Bedürfnis nach interessanten Filmen, erzählt Volker Schlöndorff, der mit seinem jüngsten Film "Der Waldmacher" durch die deutschen Kinos gezogen ist, in epd Film: "Ich selbst bin, was das Überleben der Kinos bei uns betrifft, nach der Rundreise durch 44 große und kleine Häuser in 39 Städten optimistischer als zuvor. Eine neue Generation von Betreibern wird ihre Altersgenossen mit ihrer Lust am Film anstecken. Und das Bedürfnis nach unmittelbarem Leben und Gemeinschaft wird stärker sein als der Reiz der virtuellen Erlebnisse. Ausverkauft waren tatsächlich zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder alle Kinos, die ich mit dem Dokumentarfilm 'Der Waldmacher' seit dem 5. April besucht habe. Weil es mir wichtig war, dass mein anderes, hoffnungsvolleres Bild von Afrika auch gesehen wird, habe ich diese Tour gemacht und allabendlich mit dem Publikum diskutiert. Der Verleih meinte, keine noch so aufwendige Werbekampagne könnte eine vergleichbare Wirkung erzielen. Wichtiger als für den Film war die Reise aber für die Kinos: Hoffnung auf die Rückkehr der Zuschauer."

Im Tiefenrausch - Filmmuseum Frankfurt


Thomas Stillbauer begibt sich für die FR unter Wasser. Die Ausstellung des Frankfurter Filmmuseums: "Im Tiefenrausch" zeigt, was man wissen muss über das Genre des Tiefseefilms. Besonders gut gefallen hat ihm "das Rondell in der Mitte mit Filmszenen im Großformat, von außen und innen zu erleben. Es zieht alle, die stöbernd vorbeischwimmen, wie ein Strudel an. Weil vier Projektionen gleichzeitig laufen, weiß man gar nicht, wo man zuerst mit dem Blick hinpaddeln soll, aber auf Dauer stellt sich ein rauschhaftes Erlebnis ein. Kampf unter Wasser, Taucher, geheimnisvolle Wracks, Fische, U-Boote, Haie, Meerjungfrauen, Delfine, die Schönheit der Tiefsee, auch in Form von Zeichentrickfilmen - und überall das scheinbar endlose Blau."

Besprochen wird der Film "Abenteuer eines Mathematikers" über Stanisław Marcin Ulam (Das 'Abenteuer', das der Filmtitel verspricht und über das sich eine vielsagende Szene lustig macht ('Wenn du Abenteuer willst, steig auf einen Berg'), wird nur miterleben können, wer nüchterne Spielführung nicht lauwarm findet, sondern bei großen Themen gerade sachgerecht, nämlich antisentimental", erklärt Dietmar Dath in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2022 - Film

In der Berliner Zeitung empfiehlt Felix Lill die Serie "Haus des Geldes: Korea" bei Netflix. Claudia Reinhard hat weitere Streaming-Tipps zusammengestellt. Und Dietmar Dath annonciert den fünften FAZ-Filmabend mit "Die kleine Hexe".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2022 - Film

"'Squid Game' wird verwurstet. Geplant ist ein Reality-Format", verkündet Andreas Scheiner in der NZZ in einem längeren Text über Trash-TV. "Aus der blutigen Serie soll Ernst werden, der Streaminganbieter sucht Freiwillige, die den Stoff in einer Fernsehsendung nachspielen. Man muss sich fragen: 'Squid Game' in echt? Wie tief sitzt eigentlich Netflix in der Tinte?"

Außerdem: In der Berliner Zeitung empfiehlt Claus Löser wärmstens die beiden Stummfilme "Zwei Herzen im ¾ Takt" und "Zuflucht" im Berliner Arsenal.
Stichwörter: Netflix, Stummfilm

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2022 - Film

Albrecht Schuch wurde auch als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet

Der 72. Deutsche Filmpreis geht an Andreas Kleinerts Drama "Lieber Thomas" (unsere Resümees), meldet unter anderem der Tagesspiegel. "Die neun Lolas für 'Lieber Thomas' setzen eine inzwischen leidige Gewohnheit fort: Die 2100 Mitglieder der Filmakademie scheinen sich seit einer Weile heimlich auf den einen Film zu einigen, der die Verleihung dann dominiert", klagt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der deutsche Film kommt, auch wenn er sich wie im Fall von Dresen und Kleinert, politisch gibt, selten über Allgemeinplätze hinaus; er bleibt stets auf der persönlich-biografischen Ebene hängen." Auch Andreas Dresens "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" galt als Favorit (mehr hier). Beide Filme wären für Christiane Peitz im Tagesspiegel in Ordnung gewesen. Ansonsten aber bot sich ihr unter den Nominierten ein Trauerspiel: Viel "Konfektionsware". "Hat sich die deutsche Filmszene mit dem eigenen Mittelmaß abgefunden, bescheidet sich mit zwei, drei künstlerisch halbwegs herausragenden Produktionen im Jahr? Gilt ansonsten jetzt neben der wirtschaftlichen auch die kulturelle Förderdevise, Hauptsache, in Deutschland wird gedreht?"

Außerdem: Bei artechock berichtet Dunja Bialas vom 39. Filmfest München. Im Welt-Interview spricht der Regisseur und Schriftsteller Emmanuel Carrere, dessen Film "Wie im echten Leben" mit Juliette Binoche diese Woche in die Kinos kommt, über das Scheitern, Journalismus und Freundschaft.

Besprochen werden Apichatpong Weerasethakuls "Memoria" (Standard), Ulrike Frankes und Michael Loekens Doku " We Are All Detroit" über das Industrieverschwinden in Detroit und Bochum (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2022 - Film



Ronald Düker stellt in der Zeit (online nachgereicht) den aus Afghanistan geflohenen, jetzt in Deutschland lebenden Schauspieler Karim Asir vor, der als afghanischer Charlie Chaplin auf Youtube bekannt wurde: "Karim Asir, der Slapstick-Star mit Netz und doppeltem Boden? Eher nicht. Es ist unmöglich, den Horrortrip zu beschreiben, den er, samt Frau und Baby, im letzten Jahr durchlebt hat. Im Juli wurde ein YouTube-Video aus Kandahar publik, auf dem zwei bestens gelaunte Taliban den Komiker Khasha Zwan in einem Auto ohrfeigten, bevor man ihm, an einem Baum aufgehängt, die Kehle durchschnitt. Das sei, sagt Asir, ein Alarmsignal für alle afghanischen Künstler gewesen. Trotzdem gab er der BBC ein Interview, in dem er diesen Mord für mit dem Islam unvereinbar erklärte. Und postwendend einen Drohbrief der Taliban erhielt: Sollte Asir, der in der Rolle eines Ungläubigen namens Charlie Chaplin aufgetreten sei, nicht bereuen und widerrufen, so dürfe sein Blut genauso vergossen werden wie das von Khasha Zwan."

Besprochen wird Hannes Thór Halldórssons Actionkomödie "Cop Secret" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2022 - Film



Baz Luhrmann erzählt in seinem Film "Elvis" die Geschichte des Rockstars aus der Perspektive von Manager Colonel Tom Parker. "Von der Frage, wie berechtigt der Anspruch der grauen Manager-Eminenz auf den Erfolg seines Mündels gewesen sein könnte, hängt in der Folge viel ab - die Dramatik des Films ebenso wie Luhrmanns künstlerisches Gelingen", erklärt in der NZZ Ueli Bernays. Und so richtig gelingt das eben nicht, meint er. "In einer Hinsicht aber ist 'Elvis' herausragend. Die musikalische Tonspur lebt von berauschender Dichte. Das liegt weniger an den unterschiedlichen Musikern und Musikerinnen, die wie etwa Doja Cat, Jack White, Jazmine Sullivan, Denzel Curry und Eminem den Soundtrack bereichern. Es liegt vor allem am lebendigen Mix. Die Elvis-Songs sind an Arrangements gekoppelt, in denen die Gospel- oder Blues-Einflüsse noch nachklingen. Andere Stücke wiederum werden durch zeitgenössische Sounds ergänzt. Es klingt dann, als würde man aus einer R'n'B-Produktion der fünfziger Jahre bereits ihr späteres Echo im zeitgenössischen Pop heraushören. So verleiht die Musik dem Film eine Aktualität und Spannung, die man auf der dramatischen Ebene vermisst."

Luhrmann mag vielleicht ein "Elvis der Bilder" sein, "nur zu dem aus Memphis findet er keinen Draht", urteilt Daniel Kothenschulte in der FR. "Schon der Einfall, ausgerechnet Colonel Parker, den missbrauchenden Manager, zum eigentlichen Handlungsträger aufzubauen, wertet Elvis ab. Der US-amerikanische Kritiker David Ehrlich verglich es mit einem Britney-Spears-Biopic, das von ihrem Vater erzählt würde."

Der Film hätte so interessant sein können, bedauert in der SZ Susan Vahabzadeh: "Man muss nicht unbedingt die Priscilla-Presley-Perspektive des Films übernehmen, da kommt es einem manchmal so vor, als wäre Elvis, hätte ihn Colonel Parker nicht daran gehindert, höchstpersönlich beim Marsch auf Washington vorangegangen. Aber das Nebeneinander von Elvis, der den Erfolg schwarzer Musiker nun mal irgendwie erst ermöglicht hat, den Sittenwächtern und der Bürgerrechtsbewegung hat seinen Reiz. Leider muss man sie aber erst in einem Filmschnipselsalat freilegen, der aus zu kurz geratenen Szenen, Symbolen, Splitscreens und allerhand buntem Blödsinn besteht, der jeden Erzählfluss erstickt." Weitere Besprechungen in der taz, Berliner Zeitung, Standard, Welt und Zeit.

Besprochen werden außerdem Jonas Carpignanos "Chiara" (FR, taz, Tsp), Nicolette Krebitz' "A E I O U" (Standard), Thomas Oswalds Doku "Tics - Mit Tourette nach Lappland" (taz), Kirill Serebrennikows "Petrov's Flu"(NZZ) Hannes Thór Halldórssons "Cop Secret" (perlentaucher, taz), Ko Myoung-Sungs "The 12th Suspect" (perlentaucher), Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage" beim Münchner Filmfest (SZ) und Scott Derricksons Thriller "The Black Phone" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2022 - Film

Im Filmdienst schreibt Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, zum Tod des französischen Kunsthistorikers Jean Louis Schefer, der 1980 mit "L'homme ordinaire du cinéma" eine der "ganz großen Theorien des Films" aufstellte, doch war er, so Gass, keine akademische Übung, sondern eher "'ein großartiges Gedicht', wie Gilles Deleuze schrieb, ohne Vergleich jedenfalls. ... Das Kino, wie Schefer 1991 in einem wichtigen Text in der Zeitschrift Trafic schreibt, macht den Zuschauer zum Mutanten. Der gewöhnliche Mensch des Kinos - Schefer bekennt freimütig die Anspielung auf Musils 'Mann ohne Eigenschaften' - ist aber kein Idiot, jemand mit kognitiven Defekten und Begrenzungen; er ist nicht schlicht, sondern voraussetzungslos -; er ist eine Art Maschine, Teil eines Apparats, der denkt für die begrenzte Zeit, die man sich ihm hingibt. Erst durch die Maschine wird er zu einem Übermenschen, zu etwas, das er nicht war, nicht ist, niemals sein kann, zu reinem Denken, Denken in Bildern; Bilder, die Experimente sind, nicht Darstellungen. Dieser Mensch, sofern man ihn so noch nennen will, ein einsamer und sprachloser sicherlich, wird durch das Kino erfunden. Durch das Kino betrachtet der Film den Menschen, nicht umgekehrt, wie es bei der Kunst der Fall ist. Durch das Kino stellt sich der Film den Menschen vor, nicht der Mensch die Welt, wie durch die Literatur. Kunst am Film ist angekleistert, doch der Regen vor dem Kino ist ihm artverwandt."

Weiteres: In der NZZ berichtet Andreas Scheiner über die Proteste britischer Muslime gegen Eli Kings "The Lady of Heaven", ein Film über Fatima, die Tochter Mohammeds. Besprochen werden Pascal Elbés Komödie "Schmetterlinge im Ohr" (SZ) und Baz Luhrmanns Biopic über Elvis (FAZ).