Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2022 - Film

"De Noche Los Gatos Son Pardos" von Valentin Merz

Andreas Scheiner porträtiert in der NZZ den Schweizer Filmdebütanten Valentin Merz, der bei seiner Arbeit auf Laiendarsteller und möglichst wenig Drehbuch setzt. Sein Film "'De Noche Los Gatos Son Pardos' handelt von jungen Leuten, die in Frankreich auf dem Land einen (homo-)erotischen Low-Budget-Kostümfilm drehen. Dann verschwindet der Regisseur, der Valentin heißt (und auch von Valentin Merz gespielt wird). Und wie der Regisseur im Film verschwindet, verschwindet ein Stück weit auch die Regie aus dem Film, den wir sehen." Der Rest war Improvisation nach losen Vorgaben. "Alle haben losgelassen, Merz allen voran. Auch bei den sexuellen Szenen: 'Mir war klar, dass ich es auch machen muss, was zur Folge hatte, dass es für die anderen auch normaler wurde.' Zwei Darsteller kamen aus dem Bereich ethische Pornografie, das waren die 'eigentlichen Divas', wie Merz sagt. Der Rest der Crew bestand aus Laien, Künstlern und einer Handvoll ausgebildeter Schauspieler. Vor dem Film hat Merz mit allen lange Gespräche geführt, jeder sollte auch seine Grenzen festlegen. Das Ziel war, 'möglichst frei einen Film zu machen und sich selber dabei zu überraschen'."

Außerdem: Thomas Hummitzsch spricht in der taz mit Ruben Östlund über dessen neuen Film, den Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness" (unsere Kritik, weitere Besprechungen in Welt und FR, sowie mehr dazu bereits hier). Christiane Peitz führt im Tagesspiegel durchs Programm des Human Rights Film Festivals in Berlin, das heute von Ben Lawrence' (in der FR besprochenen) Assange-Doku "Ithaka" eröffnet wird. Nachrufe auf die Schauspielerin Angela Lansbury schreiben Julia Lorenz (ZeitOnline), Daniel Kothenschulte (FR) und Jürg Zbinden (NZZ).

Besprochen werden Daniela Abkes Dokumentarfilm "Belleville, Belle et Rebelle" über ein Pariser Bistro (SZ, Tsp), David Gordon Greens Abschluss seiner "Halloween"-Trilogie (Perlentaucher), Maggie Perens NS-Drama "Der Passfälscher" (Tsp, SZ), Mano Khalils "Nachbarn", der in Berlin heute das Kurdische Filmfestival eröffnet (Tsp), die Amazon-Serie "Jungle" (taz) und die Netflix-Serie "The Playlist" über die Geschichte von Spotify ("stümperhaft", beschwert sich Kristoffer Cornils auf ZeitOnline). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche wirklich lohnen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2022 - Film

Erpresste Komik: "Triangle of Sadness"

Tobias Kniebe nimmt in der SZ den Kinostart von Ruben Östlunds Reichen-Groteske "Triangle of Sadness" zum Anlass, um über den sagenhaften Erfolg des Regisseurs nachzudenken, der die internationale Filmbühne erst vor etwas über zehn Jahren betreten und sich seitdem schon zwei Goldene Palmen in Cannes abgeholt hat, auch wenn er "nicht der subtilste aller Meisterregisseure ist". Der schwedische Filmemacher operiere am "Schmerz der auseinanderdriftenden Wirklichkeit": "Wer definiert, was 'Wirklichkeit' ist? Alles nur eine Frage der besseren Beweismittel" oder doch nur "eine Machtfrage? ... Kein anderer Regisseur steuert im Augenblick derart zielsicher auf diesen Schmerzpunkt der Gegenwart zu, der sich in den vergangenen Jahren zur schwärenden gesellschaftlichen Wunde ausgeweitet hat. Bei der Frage etwa, ob es eigentlich eine Coronapandemie gibt oder wie gefährlich Wladimir Putin ist. Ziemlich eindeutige Wahrscheinlichkeiten, aber zwei oder noch mehr Wirklichkeiten, überall."

Andreas Kilb ist in der FAZ von "Triangle of Sadness" derweil deutlich genervt: Der Film exerziere sein Programm anhand dreier Episoden durch, jede dieser Episoden widmet sich einem aktuellen gesellschaftspolitischen Reizthema: Die Schauspieler "hätten die Chance, den Rahmen, den der Film um sie spannt, zu durchdringen, seine Themen lebendig, seine Abstraktionen konkret zu machen, wenn Ruben Östlund, der Regisseur, sie gewähren ließe. Aber Östlund lässt sie nicht, weil er sich für das, was in den Figuren steckt, im Grunde nicht interessiert. ... Der Film zwingt uns, über diese Karikaturen zu lachen, aber es ist eine unfrohe, erpresste Komik, weil sie von Gespenstern und Popanzen ausgeht, nicht von Abbildern der Wirklichkeit." Die Frankfurter Allgemeine Quarterly hat ihr Gespräch mit dem Regisseur online gestellt.

Weitere Artikel: In der Welt skizziert Hanns-Georg Rodek den seit Jahren anhaltenden filmischen Protest im Iran, dessentwegen mittlerweile einige namhafte Filmemacher vom Regime in Haft gesetzt wurden. Nachrufe auf die Schauspielerin Angela Lansbury ("Mord ist ihr Hobby") schreiben Manuel Brug (Welt) und Johanna Bruckner (SZ).

Besprochen werden Gina Prince-Bythewoods "The Woman King" (FAZ), Ana Lily Amirpours "Mona Lisa and the Blood Moon" (Tsp, mehr dazu bereits hier) und Andrina Mračnikars Dokumentarfilm "Verschwinden/Izginjanje" über das Verschwinden der slowenischen Sprache in Südkärnten (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2022 - Film

Gina Prince-Bythewoods Action-Historienspektakel "The Woman King" zeigt wehrhafte schwarze Amazonen, die weißen Kolonialisten auf blutige Weise Mores lehren (unser Resümee). Ganz so einfach geht die Kalkulation allerdings nicht auf, fällt Andreas Scheiner von der NZZ auf: "Noch ehe sie den Film gesehen hat, ist eine Autorin der New York Times gespannt zu erfahren, wie darin die Agojie 'verherrlicht' würden. Denn Dahomey habe 'seinen Reichtum aus der Gefangennahme von Afrikanern für den transatlantischen Sklavenhandel' gewonnen. Der ähnlich progressive New Yorker spricht von einer 'zynischen Geschichtsverfälschung', andere blasen ins gleiche Horn. Die Kritik ist überzogen. Ja, im Königreich handlangerte man für die Europäer. Das verheimlicht der Film aber gar nicht. Er fantasiert nur, der König von Dahomey hätte sich irgendwann gegen den Sklavenhandel entschieden und die Wirtschaft vom Menschenhandel auf Palmöl umgestellt. Ist das schlimm, ist ein bisschen Wunschdenken nicht der Preis des publikumswirksamen Erzählens?"

Besprochen werden Ruben Östlunds in Cannes ausgezeichnete Reichen-Satire "Triangle of Sadness" (FAZ, die Zeit hat ihr Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht), Aelrun Goettes "In einem Land, das es nicht mehr gibt" (ZeitOnline), die Boris-Johnson-Satire "This England" mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle (TA), Patricio Guzmáns Dokumentarfilm "Mi Pais Imaginario" über Chile, der in Deutschland allerdings noch keinen Starttermin hat (NZZ), und der ARD-Film "Martha Liebermann - Ein gestohlenes Leben" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2022 - Film

Bunte Nischen in den Grauzonen: "In einem Land, das es nicht mehr gibt"

Mit ihrem Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt" arbeitet die Filmemacherin Aelrun Goettle ihre Zeit als Mannequin in der DDR auf. "Die DDR war nicht schwarz-weiß", sagt sie im Filmdienst-Interview. "Wenn man sich Farbfotos ansieht, fällt einem gleich auf, dass dieses Grau durchbrochen war und es im Alltag eine schräge Buntheit gab." Und "es gab auch dieses fortschrittliche Element in der Mode, zum Beispiel die Zeitschrift Sibylle, die 'Vogue des Ostens', oder die Exquisit-Läden." Ihr geht es "gerade auch um die Zwischenbereiche, Grauzonen und Nischen. ... Damit wir uns verstehen, müssen wir uns kennen. Aber wenn wir nur durch eine Schablone auf den Osten schauen, können wir uns nicht kennen lernen. Andreas Dresen (mit 'Gundermann') und Andreas Kleinert (mit 'Lieber Thomas') haben diese Richtung bereits eingeschlagen, indem sie Ost-Biografien historischer Persönlichkeiten vorgestellt haben. Ich gehe jetzt den nächsten Schritt, in dem ich keine historische Figur als Vorbild nehme, sondern es persönlich mache." Die FAZ hat Maria Wiesners Kritik online nachgereicht.

Hanns-Georg Rodek stellt in der Welt die Arbeit von Zeitsprung Pictures vor, die neben der Berliner Ufa zu den wichtigsten deutschen Produktionsgesellschaften für historische Kino- und Fernsehstoffe zählt und denen er dafür begeistert dankt: "Die Ufa und Zeitsprung waren die Avantgarde einer Reconquista; man konnte das Erzählen von diesem Lande weder den Leuten überlassen, die Deutschland über alles setzen, noch denen, die es am liebsten auflösen würden. Die Reflektion der eigenen Geschichte gehört zu den Pflichtaufgaben des Nationenbauens; das über seine Verbrechen erschrockene Deutschland hat das lange mutlos Hollywood überlassen, so konnte Tom Cruise Stauffenbergs Augenklappe anlegen." Eine kühne These, die einer filmhistorisch empirischen Betrachtung kaum standhalten dürfte, zumal nur wenige Jahre vor "Operation Walküre" mit Tom Cruise bereits Jo Baier einen deutschen "Stauffenberg"-Film drehte.

Außerdem: Matthias Kalle erinnert auf ZeitOnline an die im Koreakrieg spielende Fernsehserie "MASH". Robin Detje schreibt auf ZeitOnline einen Nachruf auf den Schauspieler Günter Lamprecht. Besprochen werden die Disney-Serie "The Old Man" mit Jeff Bridges (Freitag), Ana Lily Amirpours "Mona Lisa and the Blood Moon" (taz), Lena Dunhams "Catherine Called Birdy" (Tsp), Ulrich Seidls "Rimini" (Jungle World, unsere Kritik hier) und die vierte Staffel "Berlin Babylon" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2022 - Film

Dem Mörder eine Bühne - und dazu ein ansehnliches Honorar: "Tod und Spiele"

Dass die ARD-Doku "Tod und Spiele" über den antisemitischen Terror bei den Olympischen Spielen '72 einen, gelinde gesagt, entspannten Umgang mit den palästinensischen Mördern pflegt, die sich darin ausführlich ihrer Tat rühmen können, darauf hatten wir bereits hier hingewiesen. Nun melden FAZ und ZeitOnline unter Berufung auf den Focus: Dafür wurden obendrein noch 2000 Dollar Honorar gezahlt. "Mit den an der Dokumentation beteiligten Sendern SWR, rbb und BR sei vorab vereinbart worden, dass keine Honorare an noch lebende palästinensische Geiselnehmer gezahlt würden, sagte rbb-Sprecherin Stefanie Tannert dem Focus", so ZeitOnline. "Später habe sich jedoch herausgestellt, dass der verantwortliche Produzent der Dokumentation ein Exklusivhonorar von 2.000 US-Dollar gezahlt habe. In einer Mitteilung der ARD heißt es: 'Für seine Nutzungsrechte hatte der Produzent von LOOKSfilm einige Monate nach den Dreharbeiten eine zeitlich begrenzte Exklusivität mit einem der Geiselnehmer vereinbart, wofür die Produktionsfirma 2.000 US-Dollar zahlte.' Dies sei den beteiligten ARD-Sendern bis zur Anfrage durch den Focus nicht bekannt gewesen."

Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker erzählt in der FAZ, wie es ist, einen Film über Werner Herzog zu drehen. Die erste Hürde dabei: Den bayerischen Autorenfilmer dafür überhaupt erstmal zu gewinnen, denn an Porträts über sich mitzutun, lehnt Herzog so gut wie immer ab. Ein Skype-Interview soll die Sache klären. Von Steinaecker stellt sich als Schriftsteller vor, "also reden wir zunächst über seine Lektüreeindrücke, das Gespräch schwenkt dann auf Quirinus Kuhlmann, einen obskuren deutschen Barockdichter, dessen manische Lyrik Herzog genauso schätzt wie dessen von religiösem Wahn bestimmtes Leben ('Er fand den Tod in Moskau auf dem Scheiterhaufen!'), wir springen zu Hölderlin, machen kurz halt bei A. J. Bakers Tier- und Naturstudie 'Der Wanderfalke' ('Wer dieses Buch nicht gelesen hat, hat umsonst gelebt!') und enden bei Tolstoi. ... Irgendwann gucke ich auf die Uhr, mehr als eine Stunde ist bereits vergangen, Herzog hält inne. Rasch frage ich jetzt nach meinem Projekt, er wisse schon, dieser Film, den ich über ihn drehen will, was denkt er, könne er sich das mit mir vorstellen? Er mustert mich, sogar noch über das Internet eindrucksvoll durchdringend. Dann sagt er: 'Okay.'" Der Film kommt Ende Oktober ins Kino.

Außerdem: Reinhard Kleber wirft für den Filmdienst einen Blick auf die Lage des Kurzfilms in Deutschland. Der Schriftsteller Clemens Meyer erinnert sich auf ZeitOnline an den gerade gestorbenen Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (weitere Nachrufe hier). Einen weiteren Nachruf auf Kohlhaase schreibt Fabian Tietke im Filmdienst. Bert Rebhandl (FAZ), Bernd Sobolla (Dlf Kultur), Harry Nutt (FR) und Joachim Huber (Tsp) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Günter Lamprecht. Robert Wagner verneigt sich auf critic.de vor der Hollywood-Schauspielerin Carole Lambard.

Besprochen werden Aelrun Goettes autobiografische Komödie "In einem Land, das es nicht mehr gibt" über ihre Kindheit in der DDR (SZ), Ulrich Seidls "Rimini" (Artechock, unsere Kritik), die neue Staffel von "Babylon Berlin" (FAZ), die Wiederaufführung von Beatrice Mankowskis Berliner Undergroundfilm "Drop Out - Nippelsuse schlägt zurück" von 1998 (critic.de, unsere Kritik hier), Gina Prince-Bythewood' "The Woman King" (Jungle World, Artechock, taz, SZ), Lena Dunhams auf Amazon gezeigter Kostümfilm "Catherine Called Birdy" (SZ), die Netflix-Serie "Dahmer" (NZZ) und ein Buch über Werner Kunz, "den Schweizer Pionier des Nacktfilms" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2022 - Film

Zeigt, wie tief man in Leute gucken kann: "Mona Lisa and the Blood Moon"

Mit "Mona Lisa and the Blood Moon" ist Ana Lily Amirpour irgendwo zwischen Horror und Fantasy "ein mit seltener Konsequenz durchdachter, erz- und urmagischer Film" gelungen, freut sich Dietmar Dath in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. Ein Mädchen bricht aus den Zumutungen psychiatrischer Maßregelung aus "und entdeckt etwas, wovon das Publikum anfangs irrtümlich meint, es sei ihm bereits bekannt: die Wirklichkeit." Bei einem Autorenfilmer alten Schlags wäre diese Reise wohl "schnell anstrengend geworden; sofern es aber etwas wie einen weiblichen, besser vielleicht: emanzipierten (nämlich: in erotischen Fragen an Dominanz und Widerstand weniger als an gleichberechtigtem Spiel interessierten) Blick gibt, zeigt die Regisseurin Ana Lily Amirpour hier wohl, wie unerwartet tief der in die Leute gucken kann: schwindlig, süß, schön."

Zeigt, wie tief man in Leute schneiden kann: "The Woman King"

Mit dem Amazonen-Historien-Epos "The Woman King" ist wiederum Gina Prince-Bythewood "der schönste Gewalt- und Gemetzelfilm der laufenden Kinosaison" gelungen, freut sich Jens Balzer in seiner online nachgereichten Zeit-Kritik. "Es werden Hunderte von Kehlen durchschnitten und Brustbeine zermalmt; es bohren sich Fingernägel in die Gegner, als sei ihr Fleisch lediglich aus Margarine; es werden Augäpfel durchstoßen, dass es eine wahre Freude beim Anschauen ist. Das Tollste ist aber, dass man das alles ohne Reue genießen darf: Tapfere schwarze Frauen kämpfen hier gegen weiße Männer und Sklavenhalter und ihre schwarzen Kollaborateure. In vorbildlicher Weise wird so der Spaß an zwischenmenschlicher Brutalität mit politischer Korrektheit verbunden."

Weitere Artikel: In der NZZ wirft Jürg Zbinden einen Blick auf die Unterschiede zwischen Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage" (unsere Kritik) und der Netflix-Serie über die österreichische Kaiserin. Die SZ spricht mit dem Regisseur Ruben Östlund. Im Standard empfiehlt Dominik Kamalzadeh die Achternbusch-Retro im Filmarchiv Austria. Nachrufe auf Wolfgang Kohlhaase schreiben der Filmregisseur Andreas Kleinert (Welt), Claus Löser (ZeitOnline) und Bert Rebhandl (FAZ) - weitere Nachrufe hier. Und eine schöne Nachricht bei Variety: John Waters dreht nach 20 Jahren endlich wieder einen Film.

Besprochen werden Ulrich Seidls "Rimini" (Zeit, unsere Kritik), Aelrun Goettes autobiografische Komödie "In einem Land, das es nicht mehr gibt" (Tsp), Cem Kayas Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod" (Standard, unsere Kritik), Emilie Carpentiers Banlieue-Film "Horizont" (Tsp) und die Arte-Doku "Der letzte Flug" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2022 - Film

Der große Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ist tot. Kurz nach dem Tod Godards (mehr dazu hier und dort) sieht FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erneut "ein wichtiges Kapitel der Nachkriegsfilmgeschichte" abgeschlossen. Kohlhasse wirkte bei der Defa, dort "machte er sich einen Namen als Erneuerer des Studiokinos, als er mit dem Regisseur Gerhard Klein einen ostdeutschen Neorealismus prägte. ... Viele von Kohlhaases Drehbüchern porträtieren die DDR in einem selten gelebten Idealzustand, doch für Propaganda waren ihre Figuren dann doch zu individualistisch. 'Berlin um die Ecke' (1965), eine weitere Zusammenarbeit mit Klein, wurde noch im Rohschnitt verboten und konnte erst nach dem Mauerfall vollendet werden. Als Meister des Dialogs garantierte Kohlhaase seinen realistischen Stoffen einen menschlichen, stets geerdeten Tonfall." Und dass seine Karriere auch nach der Wende nicht abbrach, hatte auch damit zu tun, "dass er etwas beherrschte, was im bundesdeutschen Kino nach dem Ende des Neuen Deutschen Films zur Mangelware wurde: Eine glaubhafte soziale Verortung, verbunden mit einer selbstverständlichen Kombination aus Komik und Melancholie."

Kohlhaase hat sich bis zuletzt "seine unglaubliche Beweglichkeit bewahrt, zart und robust zugleich", schreibt Fritz Göttler in der SZ. "Er hat mit Unbestechlichkeit die Irrwege der DDR und danach des wiedervereinigten Deutschland registriert, all die sanften Widersprüche und Verletzungen, exemplarisch in drei Filmen mit Andreas Dresen ('Sommer vorm Balkon'). ... Die Vergangenheit in die Zukunft überführen, das ist das Kinoprojekt von Wolfgang Kohlhaase, das macht die Gegenwärtigkeit seiner Filme aus." Valerie Dirk erinnert im Standard an "Solo Sunny", Kohlhaases zu Zeiten der DDR im Westen wohl bekanntesten Film. "Wenn dort Renate Krößner als Ingrid 'Sunny' Sommer mit der Stimme von Jazzsängerin Regine Dobberschütz den melancholischen Song der staatlich verhinderten Diva in die Kamera singt, während ein beanzugter Mann sein Essen in sich hineinschaufelt, dann weiß man ganz genau: Im Realsozialismus stießen kreative Frauen auf ähnliche Hürden wie im Kapitalismus."



"Ich teile nicht den typischen Mittelschichtsblick auf die Welt: Die Armen sind nett und selbstlos und die Reichen böse und egoistisch", sagt Ruben Östlund im Zeit-Gespräch mit Thomas Assheuer und Katja Nicodemus, in dem erklärt, weshalb ihn der Kapitalismus fasziniert und er Angst vor der Modeindustrie hat: "Weil Schönheit zur Währung wird und Hierarchien bildet. Schönheit ist ein Ticket für den Aufstieg und überwindet Klassen. Im großen Gesellschaftsspiel ist das für Frauen in viel größerem Maße von Vorteil. Deshalb finde ich die MeToo-Bewegung so interessant. Sie sieht Sexualität und Schönheit nicht als eine Währung, die Macht bedeutet. Es geht mehr um Geschlechterrollen. Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich will nicht die schrecklichen Erfahrungen von Frauen und gelegentlich auch Männern kleinreden. Doch wenn ich mich zu jemandem begebe, der eine Machtposition innehat, dann sollte ich nicht naiv sein und ignorieren, dass ich in diese Situation auch mit meiner eigenen Währung reingehe. Und diese Währung kann Sexualität sein."

Weiteres: Zig Filme und Serien, dazu ein Roman von Karen Duve: Marie Schmidt denkt in der SZ darüber nach, warum sich derzeit alle auf Kaiserin Sisi stürzen. Besprochen werden Ulrich Seidls "Rimini" (Perlentaucher, taz, NZZ, mehr dazu hier), Gina Prince-Bythewoods Historienspektakel "The Woman King" (Tsp, taz), die Wiederaufführung von Beatrice Manowskis Berliner Undergroundfilm "Drop out - Nippelsuse schlägt zurück" aus dem Jahr 1998 (Perlentaucher), Kristina Buozytes und Bruno Sampers SF-Film "Vesper" (SZ), die DVD-Ausgabe von Kenji Misumis "The Tale of Zatoichi" von 1962 (taz), die Disney-Serie "Pistol" über die Geschichte der Sex Pistols (taz) und Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Der Bauer und der Bobo" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2022 - Film

Zwischen Hagiografie und Elend: "Rimini"

Bevor Ulrich Seidls neuer, umstrittener Film "Sparta" in die deutschen Kinos kommt, kommt erst einmal sein zweitneuester Film "Rimini". Der handelt von einem abgehalfterten Schlagerstar, der in tristen Hotels in Rimini außerhalb der Saison Österreicherinnen auf der Bühne und gelegentlich auch im Bett bespaßt, während draußen der Nebel keine Urlaubsstimmung aufkommen lässt. "Das alles dürfte eigentlich nicht funktionieren", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Wie oft wurde die Schlagerwelt schon als verlogen gezeigt, vor dem Hintergrund kalter Tristesse? Zum wievielten Mal blickt man mit wohliger Angstlust auf die Hässlichkeit von Billighotels? Und der wieviel tausendste Nazivater ist hier zu sehen, der das Leben seiner Kinder ruiniert? Es funktioniert dann aber doch, vor allem weil der Film so gar keine Erlösung verspricht, und auch keine Erkenntnis. Alles ist so elend, wie's halt ist."

Angesichts der rund um "Sparta" erhobenen Vorwürfe, dass Seidl seine Laiendarsteller manipuliert, stellt sich für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche bei "Rimini" nochmal neu die Frage, inwiefern die "Methode Seidl" nicht mal ein Update vertragen könnte. Doch "'Rimini' wirkt schon deshalb unverfänglicher, weil er als überzeichnete Hagiografie angelegt ist, vergleichbar mit - auch hinsichtlich der Physiognomie ihrer Protagonisten - Aronofskys 'The Wrestler'. In diesem Nostalgiemodus kann 'Rimini' in seiner Fremdscham-Inszenierung schwelgen, ohne das Publikum vollends vor den Kopf zu stoßen. Die atmosphärische Adria-Nachsaison tut ihr Übriges: Richie stapft im Pelzmantel wie ein Mammut durch den klammen Herbstnebel am Strand von Rimini, der morbide Charme der leeren Hotelfoyers und Casinos stellt eine Endzeitstimmung her."

Wenn alte Filme wieder ins Kino kommen (aktuell unter anderem Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs" und George A. Romeros "Nacht der lebenden Toten"), dann ist das gerade in Zeiten, in denen das Kino wieder zur Monotonie des Qualitätsfilms neigt, dem die Nouvelle Vague einst den Kampf angesagt hat, mehr als nur Nostalgie, findet Daniel Moersener auf ZeitOnline: "Schließlich kennzeichnet das Kino seit jeher eine widersprüchliche Zeitlichkeit. Anders als das Fernsehen, in dem Aufzeichnung und Ausstrahlung synchronisiert werden, begnügt sich das Kino nicht mit der Gegenwart: Es ist immer 'Out of the Past' und zugleich 'A Better Tomorrow'. Das Kino entwendet sein Material der Vergangenheit und schleudert es der Zukunft entgegen. Hier wird die Projektion zum großen Wurf der Bilder."

Weitere Artikel: Nadine A. Brügger wirft für die NZZ einen Blick auf 60 Jahre James Bond im Kino und im Zuge auch auf das sich wandelnde Männerbild des Franchise. Michail Romms Essayfilm "Der gewöhnliche Faschismus" aus dem Jahr 1965 ist heute nur noch aus historischen Gründen aufschlussreich, findet Matthias Heine in der Welt. Besprochen werden Andreas Schmieds "Love Machine 2" (Standard), Gina Prince-Bythewoods Amazonen-Epos "The Woman King" (Standard) und die Disney-Koch-Serie "The Bear" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2022 - Film

In zwei Interviews geht Ulrich Seidl erstmals ausführlich auf die Vorwürfe ein, die der Spiegel gegen den Filmemacher erhoben hatte - angeblich sollten die rumänischen Eltern von Kinderdarstellern nicht hinreichend darüber informiert worden sein, dass sein aktueller Film "Sparta" von Pädophilie handelt, auch soll der Umgang mit den Kindern nicht sensibel genug gewesen sein. Grundlage der Recherchen bildeten Aussagen von Familien, die Seidl nun, nachdem er ihnen den fertigen Film vor Ort in Rumänien gezeigt hat, im Profil-Gespräch zu seiner Verteidigung anführt: Der Film sei gut ankommen, "die Familien sahen ihn ganz anders, waren froh, dass ihren Kindern in keinem Moment etwas Problematisches geschehen ist. Es gab gegen keine einzige Szene Einwände." Belegen könne er dieses Feedback zudem: "Ich habe unsere Gespräche mit deren Einverständnis akustisch aufgezeichnet." Seitens des Spiegel seien gegenüber den Familien "Ängste geschürt" worden. "Mir selbst werfen die Familien - jetzt, wo sie den Film kennen - nichts mehr vor."

Im SZ-Gespräch erklärt Seidl zu seiner Vorgehensweise vor der Produktion, die noch vor der Corona-Pandemie stattfand: "Bei den Kindern bin ich zu allen Eltern gefahren und habe ihnen den Film erklärt: Dass es um einen Mann geht, der sich zu Kindern hingezogen fühlt, sich mit ihnen umgibt. Ich habe nicht das Wort 'Pädophilie' verwendet. Aus ganz bestimmten Gründen: Weil man dann sofort glauben würde, es würden pädophile oder sexualisierte Szenen gedreht. Natürlich ist das nicht gedreht worden ... Unser Fehler war, dass wir danach leider den Kontakt nicht gepflegt haben", doch "nachdem ich das Vertrauensverhältnis wiederherstellen konnte, haben mir die Eltern gesagt, was ihnen vorgehalten wurde: Es könnte ja sein, dass ihr Kind auf irgendwelchen Pornoseiten im Internet auftaucht, oder bei pädophilen Szenen mitspielt." Seidls aktuellen Film "Rimini", der nun in den Kinos startet, bespricht Julia Dettke in der FAS.

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline spricht Cem Kaya über seine Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod" über die Geschichte der türkischen Popularmusik in Deutschland (hier unsere Kritik). Im Tagesspiegel empfiehlt Silvia Hallensleben den zweiten Teil der Reihe "Women Make Film" im Berliner Kino Arsenal. In der taz sieht Isabella Caldart Hollywoods Doppelmoral am Werk, wenn Will Smiths Ohrfeigen-Eklat derzeit immer noch für heiße Debatten sorgt, während man weißen Filmemachern in der Geschichte Hollywoods ganz andere Verfehlungen unbeanstandet durchgehen ließ. Christiane Heil notiert in der FAZ Erinnerungen von Maria Riva an ihre Mutter, Marlene Dietrich. Außerdem melden die Agenturen, dass die Aktivistin Sacheen Littlefeather gestorben ist, die berühmt wurde, als sie 1973 für Marlon Brondo den Oscar abwies und eine Protesnote verlas.



Besprochen werden die Disney-Serie "Pistol" über die Geschichte der Sex Pistols (FAZ) und Emmanuel Carrères "Wie im echten Leben" mit Juliette Binoche, der bei uns bereits seit Ende Juni im Kino läuft, aber nun auch im Österreich startet (Standard, Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2022 - Film

Cornelius Pollmer berichtet in der SZ von seinem Treffen mit Anke Engelke, die aktuell im Kinofilm "Mutter" zu sehen ist. Besprochen werden Mareille Kleins Komödie "Da kommt noch was" (Tsp) und die Serie "Another Monday" (FAZ).