Wunden und Traumata: "Butterfly Vision" In Berlin beginnt morgen das Ukrainian Film Festival. MaksymNakonechnyis kurz vor dem russischen Angriff auf das Land fertiggestellter und in Cannes präsentierter Film "Butterfly Vision" über den Alltag einer im Donbass stationierten Drohnen-Spezialistin Lilia eröffnet das Festival. Der Film fokussiert die Medien, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Lilia wird nach ihrer Rückkehr als Heldin gefeiert. Tapfer lächelt sie in Kameralinsen, bleibt wortkarg, wenn ihr Mikros entgegenstreckt werden. Rita Burkovksas intensives Spiel ist es zu verdanken, dass schnell deutlich wird, welche Wunden und Traumata sie in sich trägt. ... Ein mutigerFilm. Er schildert nicht nur, wie eine traumatisierte, zombiehaft durch ihr neues, altes Leben streifende Frau sich mit stillemTrotz gegen die mediale Vereinnahmung behauptet und sich die Selbstbestimmung über ihren Körper, ihre Seele, ihre Existenz zurückerobert. Sondern er zeigt auch, wie das Verdrängte mit Macht wiederkehrt und wie der im Krieg notwendige Nationalismus in zerstörerischenFanatismus umschlagen kann." Dazu passend rezensiert die taz die ZDF-Miniserie "Himmel und Erde" mit Kurzfilmen ukrainischer Filmschaffender in Deutschland.
Mit sichtlicher Freude am Unbehagen setzte sich Matthias Dell beim Dok.Leipzig-Festival AnnelieundAndrew Thorndikes "Du bist min - Ein deutsches Tagebuch" aus, erzählt der Kritiker auf Cargo über diese Kuriosität aus dem Jahr 1969: Der Film war die teuerste DEFA-ProduktionallerZeiten, verschlang sieben Jahren Produktionszeit, war gedacht als Prestigeproduktion zum 20. Jahrestag des DDR-Bestehens und heraus kam dabei doch nur "ein stählernerHeimatsubjektivismus als Kompilationsfilm auf 70mm und mit 6-Kanal-Ton aus der zu Ende gehenden Ulbricht-Ära, dem im Kino kein Erfolg beschieden war. ... Interessant ist das irrlichternde Begehren der Ich-Erzählerin, sich aus der Vogelperspektive der Luftaufnahmen von Saaleburgen mit DDR, Deutschland, Kultur, aber auch mit Männern zu verbinden in ihrem Selbstgespräch ('Die polnischen Männer haben so ein gewisses … Annelie! … verdammt, ich wurde ganz verlegen'). Bei Goethe geht das mit der Zuneigung nicht so schnell ('Viel musste geschehen, eh ich zu ihm fand, aber nun hat er mich wohl aufgenommen in seinem Weimar'), dafür strahlt dessen fame so hell, dass das eingeblendete Porträtbild nicht benannt werden muss." In der tazresümiert Fabian Tietke das Festival: "Die Welt ist mit Wucht zurück im Dokumentarfilm. Bandenkämpfe in Mexiko, Abholzung des Regenwalds, eine Transgender-Ornithologin - die Filme des Festivals zeigen die Krisen der Welt und die komplexen Wege, in dieser Welt zu leben."
Weitere Artikel: Für die tazspricht Thomas Abeltshauser mit dem Filmemacher SantiagoMitre über dessen auf AmazonPrime gezeigten Film "Argentinien, 1985", der von den mühsamen Prozessen gegen die Junta in den Achtzigern handelt. Gabriel Proedl erzählt im Standard von seiner Begegnung mit WernerHerzog, die für Los Angeles geplant aber, dann aber doch (wie Herzog sagt) durch "eine Verkettung von Zufällen, die nicht einmal ich selbst mehr überblicke" ausgerechnet in der Steiermarkt stattfand. Ein zehnsekündiges Experimentalvideo nahm Proedl im Zuge auch noch auf:
Ich traf Werner Herzog und nahm dann dieses Video auf, verwackelt, mit kaputter iPhone-Kamera. Herzog liebte den Effekt: "Zeig mir, wie ich meine Kamera brechen kann."
Morgen erscheint die Reportage mit Magnum-Fotograf Christopher Anderson 🌸 das Treffen war lange geplant 1/4.. pic.twitter.com/VefZkWKGt0
Dominik Kamalzadeh empfiehlt im Standard den Viennale-Schwerpunkt mit Filmen der Filmemacherin ElaineMay. Valerie Dirk sichtet auf der Viennale die Filme des mauretanischen Regisseurs MedHondo. Standard-Kritiker Bert Rebhandl nimmt derweil vorlieb mit der Viennale-RetrospektiveYoshidaKiju.
Besprochen werden FatihAkins Biopic "Rheingold" über den Rapper Xatar (Zeit), UliDeckers Dokumentarfilm "Anima - Die Kleider meines Vaters" (Tsp), die True-Crime-Serie "Black Bird" (Zeit) und JaumeCollet-Seras Superheldenfilm "Black Adam" (Standard, unsere Kritik).
Für die NZZspricht Andreas Scheiner mit dem ukrainischen Filmemacher OlegSenzow, der in Russland jahrelang im Straflager saß und nun für die Ukraine an der Front kämpft, während sein neuer Film "Rhino", ein brutaler Gangsterfilm, in den Kinos läuft. Seine Regie-Erfahrungen verhelfen ihm gerade zu "einer kleinen militärischen Karriere", da er es von Dreharbeiten gewohnt ist, "Leute herumzukommandieren." Seine Zeit im Gefängnis zeigte ihm, "wie tiefgreifend Putin die russische Nation verdorben hat. Die Russen sind Schafe geworden, hirntote Lämmer ohne jede Fähigkeit zu kritischem Denken. Es ist der totale Faschismus. Putin arbeitete zwanzig Jahre auf ihn hin, jetzt hat er ihn." In seinem Film wollte er "richtigeBösewichte zeigen, nichts romantisieren. Das war vor dem Gefängnis die Idee. Nach dem Gefängnis habe ich die Bösen besser verstanden. Denn niemand im Gefängnis hält sich für den Schurken. Das ist fundamental menschlich, dass man sich selber nicht als das Böse identifiziert. Stalin und Hitler taten es nicht, Putin tut es nicht. Und genauso denkt auch der Gangster Rhino nicht, dass er der Schlechte ist. Oder erst am Ende der Geschichte. Es ist ein Film über Vergebung."
Beglückt kommt Matthias Dell vom Festival Dok.Leipzig nach Hause, wo die Retrospektive "Defa-Dokumentaristinnen" neue Einblicke verschaffte: Was im offenen Titel "Abstellkammer" versprach, schuf im Gegenteil "auf unkonventionelle Weise Ordnung", schreibt Dell im Tagesspiegel. Die Neugierde der Kuratoren Carolin Weidner und Felix Mende aber "durchkreuzte auf der Suche nach vielfältigen künstlerischen Positionen und besonderen Momenten eben gängige Muster wie die öde Dichotomie von Repression und Widerstand, die in jedem trostlosen Fernsehfilm zum 3. Oktober seit mehr als 20 Jahren DDR spielen soll. Dissidentere Regisseurinnen wie TamaraTrampe, HelkeMisselwitz und PetraTschörtner standen hier neben den vergessenen Staatskünstlerinnen wie AnnelieThorndike (die von 1973 bis 1989 dem Komitee der Leipziger Dokwoche vorstand) und GittaNickel, weil die Arbeiten der letzteren eben auch gegen die Intentionen der einstigen Parteilinie geschaut werden konnten. So beginnt Nickels unterhaltsam-sprunghafter Film 'Jung sein … und was noch?' von 1977 als Porträt einer Stralsunder Jugendbrigade, in dem der Puhdys-Hit 'Alt wie ein Baum' als popkultureller Ausweis von vitaler Frische ein paar Mal zu oft vorgezeigt wird; endet dann aber in einer Klage über den Wohnungsmangel."
Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser wirft für epdFilm einen Blick darauf, wie Kino und Fernsehen den Anschlag auf das Bataclan im Jahr 2015 aufarbeitet. Christiane Peitz gibt im Tagesspiegel einen Zwischenstand zu den von der Berlinale angestrengten Forschungen zum NS-Engagement des ersten Berlinale-Leiters AlfredBauer in Nazi-Deutschland. "Man sollte ihn spielen lassen", findet Claudius Seidl in der FAZ und meint damit KevinSpacey, der von einem US-Gericht gerade in einem, wenn auch diffusen Urteil, freigesprochen wurde, was angebliche sexuelle Übergriffe betrifft. Axel Timo Purr wirft für Artechock einen Blick ins Programm der 12. AfrikanischenFilmtagein München. Stefan Stiletto arbeitet sich für den Filmdienst durch die Filme von DannyBoyle. In der FAZgratuliert Dietmar Dath JeffGoldblum zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden FatihAkins "Rheingold" auf Grundlage der Autobiografie des Rappers Xatar (taz), Susanne Regina Meures' Doku "Girl Gang" über menschliche Litfaßsäulen (ZeitOnline), UliDaeckers Dokumentarfilm "Anima - Die Kleider meines Vaters" (Artechock), die neue Staffel "Babylon Berlin" (NZZ) und JaumeCollet-Seras Superheldenfilm "Black Adam" mit DwayneJohnson (SZ, Artechock, unsere Kritik).
Kein Held und dann auch noch austauschbar: Polizeiarbeit in "November" Cédric Jimenez inszeniert in "November" die Anschläge in Paris im Jahr 2015 als Polizeithriller. Die Filmkritik beobachtet das mit Unbehagen: Zwar gehe es nicht darum, die Figuren zu Helden zu stilisieren, schreibt Simon Rayss im Tagesspiegel, und viel recherchiert wurde auch. "Trotzdem mutet der Anlass für die akribische Polizeiarbeit über weite Strecken merkwürdig austauschbar an. Ein Gefühl für den Schrecken, der vor sieben Jahren Frankreich erschüttert hat, bekommt man erst, als die Ermittler:innen in einem Krankenhaus Überlebende interviewen. Ihre Schilderungen machen nicht nur die Ereignisse für Momente greifbar. Sie werfen auch die Frage auf, inwieweit ein Polizei-Thriller, so gut er funktionieren mag, überhaupt die richtige Form für die Aufarbeitung eines nationalen Traumas sein kann." Der Regisseur hat letzten Endes zwar "keinen politischen Film gemacht", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "sondern doch in erster Linie ein Action-Genre-Stück, das aber auch an die Dilemmata der staatlichen Notwehr rührt".
Im Standard kommtUlrichSeidl nochmal auf die Vorwürfe zu sprechen, die vor einigen Wochen in einer eher diffusen Reportage des Spiegel gegen ihn laut gemacht wurden: "Die Vorwürfe kommen vermutlich unter anderem von einigen Personen, die erst während der Produktion und nur für wenige Tage dazugestoßen sind. Sie wurden aus Zeitdruck offenbar nicht ausreichend darüber informiert, dass ich sehr spezifisch drehe. Sie waren auch nicht unmittelbar am Set dabei. Daraus sind Vermutungen entstanden, die man für Wissen hielt. Viele namentlich genannte Mitarbeiter haben ganz andere Aussagen über die Drehumstände gemacht."
Außerdem: Für ZeitOnlinedurchleuchtet Julia Lorenz den aktuellen True-Crime-Trend, die Kontroversen darum (Hinterbliebene und Opfer fühlen sich zu wenig eingebunden, viele Formate sind zu reißerisch) und mögliche Auswege (allerdings leider ohne die großartige und vorbildliche ZDF-Produktion "Höllental" zu erwähnen). Lena Karger brütet in der Welt darüber, ob es in Ordnung ist, wenn Dünne Dicke spielen.
Besprochen werden JaumeCollet-Serras Superheldenfilm "Black Adam" mit DwayneJohnson (Perlentaucher, FR, Welt), Uli Deckers Dokumentarfilm "Anima. Die Kleider meines Vaters" (Freitag), LukasRinkers Spielfilmdebüt "Ach du Scheiße!" (taz), Tizza Covis und Rainer Frimmels Dokumentarfilm "Vera", der die Viennale eröffnet (Standard) und SönkeWortmanns Hochzeitssause "Der Nachname" (SZ).
Netflix-Chef Reed Hastings versucht in einem Schreiben an seine Aktionäre, diese davon zu überzeugen, dass das Ziel nicht grenzenlosesWachstum sein kann, berichtet Peter Weissenburger in der taz. "Netflix sieht einer realistischen Möglichkeit entgegen: dass sein Markt demnächst ausgeschöpft sein könnte. Bei neuen Märkten, gerade im Netz- und Tech-Bereich, setzt schnell ein Gewöhnungseffekt ein: Stetiges Wachstum wird erwartet. Dennoch kommt irgendwann auch jede Innovation an ihre Grenzen. Netflix versucht, den Moment für sich erzählerisch zu wenden: Wir sind das etablierte Produkt, die gut geölte Nähmaschine. Wir machen Gewinn, und das ist wichtiger als Wachstum." Doch Netflix "befindet sich an einer Sollbruchstelle. Wenn Netflix das Vertrauen der Anleger*innen durch Profit wiedererlangen will, muss es diesen sichern".
Außerdem: Daniel Kothenschulte spricht in der FR mit IrisBerben über deren Leben. Berit Glanz staunt in einem online nachgereichten FAS-Artikel über die Fortschritte im Bereich der Wasser-Darstellungen im Animationsfilm. Johannes Schneider schreibt auf ZeitOnline einen Nachruf auf den Schauspieler FredFussbroich.
Besprochen werden LucileHadzihalilovicsauf Mubi gezeigter Kunst-Horrorfilm "Earwig" (Perlentaucher, critic.de), CédricJimenez' "November" über den Anschlag aufs Bataclan ("Wie gut, dass es weitere Filme zum Thema gibt", seufzt Barbara Schweizerhof in der taz, SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier findet den Film mitunter "politisch mehr als fragwürdig"), SantiagoMitres auf Amazon gezeigtes Geschichtsdrama "Argentina, 1985" (SZ), die DVD-Ausgabe von JulieLecoustres "Zero Fucks Given" (taz), SusanneReginaMeures' Porträtfilm "Girl Gang" über eine junge Influencerin (taz), der Superheldenfilm "Black Adam" mit DwayneJohnson (Tsp, NZZ) und SönkeWortmanns Eheschließungslustspiel "Der Nachname" (Standard, Welt). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Die Unbestechlichen: Maria Schraders "She Said" Als Oscar-Kandidatin positioniert sich MariaSchrader mit ihrem Film "She Said" iin den Augen von Welt-Kritikerin Marie-Luise Goldmann. Denn mit ihrer im Dezember anlaufenden amerikanischen Produktion über die Journalistinnen MeganTwohey und JodiKantor, die HarveyWeinsteins Übergriffe aufdeckten und den Hollywood-Mogul zu Fall brachten, triggere die deutsche Filmemacherin wirklich alles, was es für die Auszeichnung brauche: "Die Oscar-Jury belohnt ein ambitioniertes Vordringen zum Wahrheitskern seit jeher zuverlässig", meint Goldmann. Der Regisseurin schaffe es, "sexuelle Belästigungen, Machtmissbrauch und Vergewaltigungen weder als reines Indidivualproblem, noch als reines Strukturproblem erscheinen zu lassen. ... Immer wieder werden Wimmelbilder aus der Distanz gezeigt, in der Mensa oder im Büro, sodass man erst suchen muss, wer da spricht, bevor die Kamera an die handelnden Personen heranzoomt. Es könnte jeder sein."
Außerdem: AktuelleKinosatiren sind viel zu unbissig, kritisiert Sebastian Seidler in der Berliner Zeitung. Gunda Bartels führt im Tagesspiegel durchs Programm des Festivals Dok.Leipzig. Thomas Hummitzsch hat die ungekürzte Version seines zuvor in der taz erschienenen Gesprächs mit RubenÖstlund in sein Intellectures-Blog gestellt. In der FAZgratuliert Nina Bub dem Fernsehproduzenten ChuckLorre zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden LucileHadžihalilovićs auf Mubi gezeigter Kunst-Horrorfilm "Earwig" (Tsp), Sönke Wortmanns "Der Nachname" (Tsp), der Anime "One Piece: Red" (NZZ) und die Netflix-Serie "The Playlist" über die Geschichte von Spotify (TA).
In dem iranischenGefängnis, bei dem es vergangenes Wochenende bei einem Brand und mehrereTote gab, sind auch die Filmemacher JafarPanahi und MohammedRasoulouf eingesperrt. Panahis Ehefrau konnte sich telefonisch erkunden, wie es den beiden geht, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Panahi habe bestätigt, dass auch er unter dem Einsatz von Tränengas gelitten habe, mit dem die Gefängnisinsassen zurückgedrängt wurden, als sie vor dem Feuer fliehen wollten. Beide, so sagte Saeedi im Interview mit Radio Farda, dem iranischen Ableger von Radio Free Europe, seien den Umständen entsprechend aber wohlauf. Über den dritten, ebenfalls seit Juli inhaftierten Regisseur MostafaAleahmad äußerte sie sich den Angaben zufolge nicht."
Besprochen werden EdgarReitz' Autobiografie (FAZ) und die Serie "This England" mit KennethBranagh als BorisJohnson (Presse).
Robbie Coltrane in seiner berühmtesten Rolle: Als Hagrid in den "Harry Potter"-Filmen
Trauer um den Schauspieler RobbieColtrane, der seinen Künstlernamen tatsächlich als Hommage an John Coltrane trug: Ältere lernten ihn in den Neunzigern in der Krimiserie "Für alle Fitz" schätzen, wer um 2000 herum erstmals Bücher las, wird ihn als Halbriesen Hagrid aus den Harry-Potter-Filmen kennen. "Ein bildfüllenderSchauspieler war das. Noch die namhaftesten Stars sahen neben dem Schotten aus, als schafften sie es gerade noch so ins Bild", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ über die wuchtige Gestalt des Schotten. Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe erinnert sich an einen Schauspieler, der bei nervtötenden Drehpausen die Stimmung mit Witzen am Leben erhielt, schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ: "Dieser Witz kam nicht von ungefähr. Robbie Coltrane gehörte seit den Achtzigerjahren zu der alternativenKomikerszene in London, aus der zum Beispiel auch Emma Thompson kam, mit der er in der Serie 'Tutti Frutti' auftrat." Als Fitz spielte er "einen Kriminalpsychologen, der genial im Job ist, aber hilflos im Privatleben - ein Vorbild nicht nur für die Schwemme an 'gebrochenen' Polizisten-Figuren." In der Rolle war er "ein unwiderstehlich unangepassterSchwermotoriker, Säufer, Kettenraucher, Spieler, Fremdgeher, Depressiver, Beziehungs- und Berufsverzweifelter, der trotz allem weitermacht und - selbstverständlich - den Fall löst, was den Beamten von der Vollpfostenpolizei nie gelingt", erinnert sich Michael Hanfeld in der FAZ.
Außerdem: Matthias Heine resümiert in der Welt die nunmehr abgeschlossen ausgelieferte erste Staffel von AmazonsTolkien-Serie "Ring der Macht", die beim Tolkien-Experten nicht nur aus philologischen Gründen immer wieder Missmut hervorrief, sondern mit ihrem zähen Erzähltempo auch dessen Geduld sehr belastete. Matthias Kelle blickt für ZeitOnline zurück auf AaronSorkins Serie "The Newsroom". Gregor Tholl erinnert in der Berliner Zeitung an TobeHoopers Horrorfilm "Poltergeist", der vor 40 Jahren erschienen ist.
Besprochen werden RubenÖstlunds "Triangle of Sadness" (einen "Film voller Karikaturen und Situationen, die die Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellen", sahJungle-World-Kritiker Georg Seeßlen), David Gordon Greens Horrorfilm "Halloween Ends" (SZ, unsere Kritik) und die "Star Wars"-Serie "Andor" (NZZ).
DDR im Kino mal ganz anders, nämlich aus Ost-Perspektive: "In einem Land, das es nicht mehr gibt" Freudig nimmt Franziska Hauser von der Berliner Zeitung zur Kenntnis, dass mit AelrunGoettes "In einem Land, das es nicht mehr gibt" eine Frau aus erster Hand von ihren Erfahrungen in der DDR erzählt. Allzu oft wurden Filme über die DDR von westdeutschen Regisseuren gedreht, was für die Kritikerin reinste kulturelle Aneignung ist: "Genauso wie Donnersmarck die Hälfte des Casts mit DDR-Schauspielern besetzt hat, die Macher aber ein rein westdeutsches Team waren, haben weiße Musiker in den USA, die mit schwarzer Musik berühmt geworden sind, schwarze Musiker alsSpielsteine in den Background gestellt, damit die, von denen die Musik ursprünglich kam, auch noch zu sehen waren. Das Massenpublikum will Verarbeitetes serviert bekommen von jemandem, der am besten genau da steht, wo das Publikum selbst auch steht, nämlich außen. Jemand soll es sich angeeignet haben, so, wie sich die Außenstehenden die fremde Kultur selbst aneignen würden, wenn sie könnten."
Rüdiger Suchsland durchleuchtet für einen Artechock-Essay das schmale, aber immens preisgekrönte Werk des Schweden RubenÖstlund, dessen Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness" (unsere Kritik) gerade in die Kinos kommt. Östlunds Filme "sind moralischeFabeln, ohne zu moralisieren. Oft sind es Filme über Männer, über Männlichkeit und die latente Gewalt des Männlichen. Östlund zeigt gewalttätige Männer und moralisch beleidigte Frauen wie Männer, die öffentliche Entschuldigungen und Schuldeingeständnisse einfordern, gespiegelt in den betretenen, peinlich berührten Reaktionen einer Gesellschaft, die solche Eingeständnisse mitunter gar nicht haben will. Er zeigt unterdrückte Gewalt und die destruktive Natur des Menschen. Dabei sind seine ungemein reichhaltigen, von Einfällen strotzenden Filme präzise Informationen über den Stand der Dinge: Dekadenzanalysen über Unsicherheit und die Erschöpfung unserer Welt, über sozialen Selbstmord aus Angst vor dem Tode - und über die Notwendigkeit, uns neu zu erfinden."
Außerdem: Amerikanische Medien kritisieren die in Hollywood gängige Praxis, dünne Schauspieler in einem Fatsuit Übergewichtige spielen zu lassen, berichtet Brigit Schmidt in der NZZ. Für die Berliner Zeitungplaudert Patrick Heidmann mit JamieLeeCurtis, die für DavidGordonGreens nunmehr abgeschlossene Halloween-Trilogie erneut in die Rolle der Laurie Strode geschlüpft ist, mit der ihre Karriere einst begonnen hatte - Besprechungen des Films bringen NZZ, Standard, FAZ und der Perlentaucher. Matthias Heine freut sich in der Welt, dass der queer-anarchische Trashmeister JohnWaters nach 20 Jahren wieder einen Film drehen will. Isabella Caldard wirft für die taz einen Blick auf die teils befremdlichen Blüten, die die von Netflix produzierte True-Crime-Serie "Dahmer" über den gleichnamigen Serienmörder im Netz treibt - und fordert ein geschärftesethischesSelbstverständnis der Produzenten. Eckhard Haschen resümiert für Artechock das FilmfestHamburg. Auf Artechocktrauert Rüdiger Suchsland noch immer über den Tod von Jean-LucGodard - und legt uns diesen Nachruf bei epdFilm von Georg Seeßlen auf den Autorenfilmer ans Herz. Eher skeptisch nimmt Dirk Peitz auf ZeitOnline zur Kenntnis, dass TomCruise für sein nächstes Filmprojekt ins All fliegen will. Nachrufe auf den Schauspieler RalfWolter schreiben Fritz Göttler (SZ), Axel Weidemann (FAZ) und Andreas Busche (Tsp). Und noch eine traurige Nachricht: Der britische Schauspieler RobbieColtrane ist tot - insbesondere seine Rolle als völlig derangierter Ermittler Fitz bleibt in Erinnerung.
Besprochen werden MaggiePerens NS-Drama "Der Passfälscher" (Artechock) und Maria Schaders Weinstein-Drama "She Said" (FAZ).
Im Standard-Gespräch erklärt Cannes-Gewinner RubenÖstlund, warum er seine Superreichen-Groteske "Triangle of Sadness" (unsere Kritik) mit Kotzorgien und Mitteln des Slapsticks angereichert hat: "ich war es leid, europäischesArthouse-Kino zu machen. Es ist zu einer Pose geworden, ein Genre wie die romantische Komödie. Ähnlich wie in der elitistischen Kunstwelt. Als ich mal vom Filmfestival Venedig nach Toronto geflogen bin, habe ich beobachtet, was die Filmleute konsumieren - sie haben nicht eigene Filme, sondern die von Adam Sandler angeschaut. Darauf wird geklickt. Ich wollte meine Themen auch in einem Umfeld platzieren, auf das wir gerne klicken. ... Mein Können soll sich dadurch bewähren, dass das Publikum sich anstecken lässt. Das ist besser als eine snobistischeFilmkritiker-Runde, wo jeder nur daran denkt, was die Person an seiner Seite denkt." Bei Filmfilter-Kritiker Benjamin Moldenhauer kommt das sichtlich gut an: "Die Angehörigen der herrschenden Klasse rutschen in einer fürchterlichen Kotz- und Kackschlacht durch Erbrochenes und andere Ausscheidungen. Während der Kapitän und der Vertreter des postsowjetischen Kapitals sich sturzbesoffen Lenin- undReagan-Zitate an den Knopf knallen. 'Triangle of Sadness' ist ein grober und lustiger Film. Die Aggression gegenüber seinen Figuren kommt von Herzen, in dieser Sequenz wie auch in vielen anderen." In der FRbespricht Daniel Kothenschulte den Film.
Als LucileHadžihalilovicBrianCatlings Weird-Fiction-Roman "Earwig" las, hatte sie "gleich Kafka vor Augen", verrät die Filmemacherin taz-Filmkritiker Thomas Abeltshauser. Ab morgen läuft ihre Verfilmung auf Mubi und Abeltshauser genießt das uneindeutige Werk über ein Mädchen in einem sonderbaren Haus sichtlich: Der Film erzählt "keine Geschichte eines Spukhauses, Hadžihalilović braucht auch keine Schockmomente, um Spannung zu erzeugen. Ihr Film lebt von Verrätselung, einer bedrohlichen Atmosphäre, deren Grund letztlich nicht greifbar ist. ... Das erinnert in seinem Mysterium und der flirrenden Entschleunigung an die klaustrophob-surrealen Welten DavidLynchs, dann wieder an britische Gothic-Ästhetik." Aber "nicht nur die Bilder sind betörend, die Atmosphäre entsteht vor allem auch durch die Tonspur. Kino ist hierfür nonverbales Ausdrucksmittel, der Dialog ist nicht Träger von Information, sondern Teil der Soundtextur, wie die Geräusche und der von WarrenEllis produzierte Filmscore mit dem tranceartigen Leitmotiv."
Weitere Artikel: Fabian Tietke empfiehlt im Tagesspiegel die im Berliner Kino Arsenal gezeigte Filmreihe über die Schauspielerin EllenRichter, die in der Weimarer Republik wegen ihrer Komödien "ungemein beliebt" war, heute aber weitgehend in Vergessenheit geraten ist. JulietteBinochespricht in der FR über ihren neuen Film "Paradise Highway", in dem sie eine Truckerin spielt. Im Tagesspiegeldurchleuchtet Tobias Mayer die Ökonomie des Horrorfilms: Zumindest in den USA sind sie sehr erfolgreich an den Kassen, kosten dabei aber nur einen Bruchteil der Blockbuster, die ansonsten das Geschäft dominieren.
Besprochen werden MartinGressmanns Dokumentarfilm "Nicht verRecken" über Holocaust-Überlebende (taz), DavidGordonGreens Abschluss seiner Halloween-Trilogie (Tsp, unsere Kritik), die Netflix-Serie "The Playlist" über die Geschichte von Spotify (FAZ) und die Apple-Serie "Shantaram" nach dem gleichnamigen Roman (taz).