Die Jury, Teil 1: Barbara Broccoli, Trine Dyrholm, Mitra Farahani, Greta Gerwig

Beginnen wir mit dem größtmöglichen Pessimismus, auf das uns das Festival dann hinterher nur positiv überraschen kann (die letzten beiden Jahre hatte ich es andersherum versucht...): Alles, was bisher über das diesjährige Festival bekannt geworden ist - und auch, sei dazu gesagt, das meiste von dem, was der Berliner Filmkritik vorab in Pressevorführungen präsentiert wurde - spricht dafür, dass die Berlinale die vorsichtigen reformerischen Ansätze der letzten beiden Jahre vollständig und rückstandslos überwunden hat. Die Programmauswahl und -präsentation erweckt den Eindruck eines Festivals, das einerseits die zentralen Entwicklungen im Gegenwartskino weitgehend verschlafen hat und das andererseits auch nicht den Versuch unternimmt, interessante Alternativen zu solchen natürlich auch immer kritisierbaren Entwicklungen ausfindig zu machen. Kurzum: Die Berlinale wirkt wie ein Festival, das sich künstlerisch längst in der Defensive befindet - das aber gleichzeitig eine derart hektisch vor sich hin schnurrende Betriebsnudel ist, dass niemand auch nur auf die Idee kommt, an dieser Situation etwas zu ändern.


Alain Resnais, Yoji Yamada, Dominik Graf

Als Ende letzten Jahres die ersten Wettbewerbsfilme bekannt gegeben wurden, sah das alles noch etwas anders aus: Mit Alain Resnais' jüngster Ayckbourn-Verfilmung "Aimer, boire et chanter" und Dominik Grafs Historiendrama "Die geliebten Schwestern" wurden gleich zwei nicht nur unter Perlentaucher-Autoren sehnsüchtig erwartete Filme angekündigt. Vergleichbare Freudensprünge rief dann allerdings nach der Vervollständigung des Programms höchstens noch Yoji Yamadas "The Little House" hervor (und das auch nur bei knallharten Traditionalisten wie zum Beispiel mir). Bei aller Vorfreude auf die - natürlich nur aus meiner Sicht - einzigen drei Pflichtfilme des Wettbewerbs sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass es sich da keineswegs um taufrische Entdeckungen handelt: Resnais ist Jahrgang 1922 und seit Jahrzehnten ein unverbesserlicher Modernist des Kinos, Yamada Jahrgang 1931 und seit Jahrzehnten ein ebenso unverbesserlicher Klassizist. Dominik Graf ist deutlich jünger, und sein Filmschaffen nicht einfach so auf einen Begriff zu bringen. Freilich ist er auch schon eine ganze Weile mit dabei - und hat mit der Berlinale (beziehungsweise mit der nicht Vorformatiertem selten freundlich gegenübertretenden Berlinale-Presse) noch mindestens eine Rechnung offen, nachdem sein Meisterwerk "Der Felsen" 2002 fast durchweg in der Luft zerrissen worden war.


Celina Murga, Wes Anderson, Edward Berger, Claudia Llosa

Damit nicht der Eindruck entsteht, dass nur alte und mittelalte Männer in der Lage seien, den Wettbewerb zu retten, sei gleich hinzugefügt, dass die beiden vergleichsweise jungen Lateinamerikanerinnen Celina Murga (in der Auswahl mit dem Familiendrama "La tercera orilla") und Claudia Llosa (die schon einmal, mit dem Kartoffelfilm "La teta asustada", den Goldenen Bären gewonnen hat - hier Ekkehard Knörers Kritik - und die diesmal ihren ersten auf Englisch gedrehten Film "Aloft" mitbringt) ebenfalls zumindest vorsichtig zu den Hoffnungsträgerinnen gezählt werden können. Und dass gleich eine ganze Reihe von wild cards vergeben wurden an Filmemacherinnen und Filmemacher, die bislang noch kaum auf sich aufmerksam gemacht haben und die deshalb für die eine oder andere Überraschung gut sein könnten. Von den drei chinesischen Beiträgen könnte zumindest Ning Haos "No Man's Land" einen Blick wert sein, ein am Italowestern geschulter Genrefilm. Auch Neues von Richard Linklater ("Boyhood") und, zur Eröffnung, von Wes Anderson ("Grand Budapest Hotel") dürfte zumindest aus Auteur-Perspektive interessieren - filmästhetische Risikounternehmungen sollte man allerdings nicht nur bei diesen beiden Filmen nicht erwarten.


Rachid Bouchareb, Dietrich Brüggemann, Feo Aladag, Ning Hao

Bei Namen wie Hans Petter Moland ("Kraftidioten") oder Rachid Bouchareb ("La voie de l'ennemi") stöhnen erfahrene Berlinalebesucher eher auf - in Erinnerung an vormals zugefügte Schmerzen. Was wiederum die deutschen Wettbewerbsbeiträge jenseits von Graf betrifft: Da ist die Auswahl wenigstens originell. Dietrich Brüggemann empfahl sich während des letzten Festivals mit einer Attacke wider die Berliner Schule im Allgemeinen und Thomas Arslans schönen Western "Gold" im Besonderen, jetzt wurde er selbst, mit seinem vierten Spielfilm "Kreuzweg", in den Wettbewerb eingeladen. Da einen Zusammenhang zu konstruieren wäre natürlich auch wieder unfair - vor allem, weil sich "Kreuzweg" ziemlich interessant anhört: Es geht um den Weg eines jungen Mädchens zu Gott, beziehungsweise hinein in die katholische Kirche - in nur 14 Einstellungen, die den Stationen des Kreuzwegs nachempfunden sind. Die Nominierungen von Feo Aladag ("Zwischen Welten") und vor allem des zuletzt höchstens als routiniertem "Tatort"-Regisseur aufgefallenen Edward Berger ("Jack"), darf man als Überraschungen verbuchen.

Die Berliner Schule wiederum, die in den letzten Jahren stets mit einem Film im Wettbewerb vertreten war, bleibt diesmal außen vor. Was nicht heißt, dass in der großen Familie, als die die Berlinale sich selbst versteht, gar kein Platz mehr für sie wäre. Die Berliner Querulanten, die stur darauf beharren, ihr eigenes Filmschaffen in einer zumindest formal widerständigen cinephilen Tradition zu verorten, müssen sich nur vorläufig wieder etwas weiter hinten anstellen, im Forum ("Töchter" von Maria Speth), beziehungsweise im Panorama ("Über-Ich und Du" von Benjamin Heisenberg).


Maria Speth, Benjamin Heisenberg, Fruit Chan, Dante Lam

Man redet miteinander in der Berlinale-Familie, man spricht sich ab, stimmt sich ab. Das hört sich wunderbar an, ist aber vielleicht das eigentliche Problem des Festivals. Die konservative Auswahl der Wettbewerbsfilme enttäuscht lediglich, weil sie die Hoffnungsschimmer der letzten beiden Jahre vergessen lässt und die Kosslick'sche Normallinie mitsamt ihrer sozialdemokratischen Orientierung an "brisanten Themen" (nur kurz: Afghanistan, Asyl, gated communities, IRA) bei gleichzeitiger Affirmation aller filmpolitischen Strukturen, wieder in ihr Recht gesetzt wird; weil, anders ausgedrückt, von Anfang an klar ist, dass es um eine Leistungsschau des Förderkinos geht, und sonst um gar nichts. Weitaus ärgerlicher ist, dass die Differenzen zwischen den Sektionen seit Jahren systematisch nivelliert werden. Ärgerlich nicht nur aus der Perspektive der Besucher, denen die Sektionen als Entscheidungshilfen für die eigene Programmauswahl dienen sollten; sondern auch, weil Festivals eigentlich die Funktion haben sollten, den Normalbetrieb des Kinos zu stören, mit außergewöhnlichen Einzelfilmen einerseits, andererseits aber auch mit einer mutigen Kuratierung, die zusammenbringt, was sonst getrennt bleibt.


Ira Sachs, Denis Coté, Corneliu Poromboiu, Guillaume Nicloux

Inzwischen kann man über das Panorama und das Forum fast dasselbe schreiben wie über den Wettbewerb. Es gibt da jeweils eine knappe Handvoll Filme, auf die man guten Gewissens gespannt sein darf. Abseits derer macht sich eine gewisse Skepsis breit, die von den vorab der Presse vorgeführten Programmauswahlen, vorsichtig ausgedrückt, nicht unbedingt gelindert wurde. Aber um doch ein paar Namen zu nennen: Im Panorama, dessen Auswahl wieder einmal besonders wahllos zusammengewürfelt wirkt, freuen wir uns unter anderem auf die neuen Filme zweier Genre-Regisseure aus Hongkong: Fruit Chan ("The Midnight After") und Dante Lam ("That Demon Within"); und auf das schwule Ehedrama "Love Is Strange" von Ira Sachs. Ein Highlight im Forum dürfte "The Second Game" darstellen, der konzeptuell einzigartige neue Film des Rumänen Corneliu Porumboiu: Der Regisseur kommentiert gemeinsam mit seinem Vater die Fernsehaufzeichnung eines Fußballspiels aus den späten 1980ern - in Echtzeit. Auch "L'enlèvement de Michel Houellebecq" von Guillaume Nicloux könnte für Aufsehen sorgen: Der Autor spielt sich selbst, heraus kommt dabei aber alles andere als ein narzisstischer Porträtfilm, eher genau das Gegenteil. Außerdem: Neues von alten Bekannten wie Heinz Emigholz, Ken Jacobs, und von nicht allzu alten, aber trotzdem schon ein wenig Bekannten wie Denis Coté und Rene Frölke. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass auch "Ich will mich nicht künstlich aufregen", der erste Langfilm des Perlentaucher-Autors Max Linz, Teil der Auswahl ist.


Max Linz, Bong Joon-ho

Ein weiteres Highlight des Forums, wenn nicht des Festivals, ist zweifellos Bong Joon-hos gründlich durchtotalisierter Science-Fiction-Film "Snowpiercer", in dem die gesamte übriggebliebene Menschheit in einem hochgerüstetem Zug eine Höllenfahrt sondergleichen unternimmt. Gleichzeitig hinterlässt diese Programmierung im Forum einen bitteren Nachgeschmack: "Snowpiercer" hat bereits einen deutschen Starttermin, es lässt sich nun also noch eine weitere Sektion von den Verleihern für Gratispromotion instrumentalisieren. Nicht nur das ganze Festival, gleich das ganze Kino scheint auf dieser Berlinale in einem Boot (oder, mit Bongs Film gesprochen, in einem blind durchs ewige Eis rasenden Terrorzug?) zu sitzen. Man muss sich angesichts der weitgehend gleichgeschalteten Berlinalegegenwart nicht unbedingt die ideologisch aufge- und manchmal überladenen Kämpfe der Vergangenheit zurück wünschen, in denen Ulrich und Erika Gregor im Forum dem Rest des Festivals den Krieg erklärten. Vielleicht würde es ja schon genügen, wenn alle einfach nur etwas weniger miteinander redeten.

Und es gibt ja noch viel mehr… Das Generationen-Programm mit Kinder- und Jugendfilmen, das die Kunstszene anflirtende Forum-Expanded-Programm, in dem unter anderem ein 70mm-Film vorgeführt wird ("Spectrum Reverse Spectrum"), im Vermittlungsprogramm einen sogenannten "Think:Film"-Kongress mit filmwissenschaftlicher Starbesetzung, kulinarisches Kino, noch mehr deutsche Filme in der Perspektive...

Wenn ich mich aber für einen einzigen Film entscheiden müsste, würde ich das alles und gleich die ganze Kinogegenwart links liegen lassen und die Retrospektive besuchen, die dieses Jahr der "Ästhetik der Schatten" gewidmet ist, das Kino also von der Frage der Beleuchtung her erschließt (und zwar fast durchweg, was immer seltener wird, auf klassischem 35mm-Filmmaterial); unter anderem gibt es da einen japanischen Film aus dem Jahr 1939 zu sehen, Masahiro Makinos "Oshidori utagassen", zu deutsch "Die Liederschlacht der Mandarinenten", ein wundervolles Regenschirmmusical, in dem der eben noch hochgradig verzweifelten Heldin am Ende erst mir nichts dir nichts ein halbes Vermögen in die Hände fällt - und gleich in der nächsten Szene opfert sie dieses Vermögen dann ebenso mir nichts dir nichts der Liebe. Solche Wirbelstürme der Gefühle entfacht eine auf Konsens gebürstete Berlinale nur allzu selten.



Die Jury, Teil 2: James Schamus, Tony Leung, Michel Gondry, Christoph Waltz