Über die
ausgebuhte Claudia Roth gibt es nun doch noch Diskussionen. Sie hatte selbst bei der "Jewrovision" reden wollen, geht aus einem
Interview Detlef David Kauschkes mit Zentralratspräsident
Josef Schuster in der
Jüdischen Allgemeinen hervor. Dann lieferte sie aber nur die für sie üblichen Phrasen über "Buntheit" und - ausgerechnet - "
Weltoffenheit". "Der Besuch einer Kulturstaatsministerin bei dieser Veranstaltung ist in erster Linie eine Form der Anerkennung für die Leistungen der jüdischen Jugendlichen", sagt Schuster. "Aber an eine Rede, in diesem Kontext, knüpfen sich dann natürlich auch
hohe Erwartungen. Letztendlich muss man konstatieren, dass es nicht reicht, bei so einem Event ohne ein ernsthaftes Angebot an die jungen Menschen teilzunehmen. Dazu gehört auch, dass es zum Beispiel keine Ansätze gibt, wie jüdische oder antisemitismuskritische Beiträge zu unserer deutschen Kulturlandschaft in Zukunft frei von
Angst und Boykottaufrufen gestaltet werden können."
Man muss ein wenig zurückblicken, um zu verstehen, weshalb
Claudia Roth bei der Frankfurter "Jewrovision" ausgebuht wurde, schreibt Johannes Schneider in einer ausführlichen
ZeitOnline-Analyse: Roth stimmte 2019 nicht für die BDS-Resolution des Deutschen Bundestages, auch hat sie sich nie kritisch zur Initiative GG 5.3 Weltoffenheit geäußert. Aber man wünscht sich eben "eine erste Kulturpolitikerin im Staat, die glaubhaft loyal ist und in Taten die Sorge auffängt, dass antiimperialistische und
vulgär-
postkoloniale Weltdeutungen die Kunstsphäre vereinnahmen und für Israel-Feindschaft und
Antisemitismus öffnen. Genau diese Kulturpolitikerin ist Roth aber tatsächlich nicht. Zu sehr ist sie auch jener anderen Seite und ihren ja ebenfalls berechtigten Anliegen verpflichtet, dass die Kunstfreiheit nicht präventiv zu sehr eingeschränkt werden dürfe und Kritik am Staat Israel, an Unterdrückung und Rassismus gegenüber Palästinenserinnen möglich bleiben müsse. Ferner muss sie auch berücksichtigen, dass
BDS-
Unterstützung im Rest der (
Kunst-)
Welt etwas völlig anderes bedeutet als in Deutschland und man sich intellektuell ziemlich isoliert mit einem deutschen
Reinheitsgebot in dieser Hinsicht. Auch das ist schließlich eine Tatsache: Die Einstufung von BDS als antisemitisch qua Parlamentsresolution hat Deutschland exklusiv." Antisemitismus als Antisemitismus einzustufen, wäre demnach eine deutsche Marotte?
"Ketzerisch würde ich von '
Dekolonisierungstheater' sprechen", sagt
Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts, im
FR-
Gespräch mit Harry Nutt, über die Debatte zur Rückgabe der
Benin-
Bronzen: "Bei uns scheinen viele mit den Rückgaben die Hoffnung zu verbinden, dass sich das Thema Dekolonisierung danach erledigt habe. Ein weiterer Aspekt der
emotionalen Aufladung ist die Konkurrenz mit anderen europäischen Ländern. Nachdem Frankreichs Präsident Macron eine große Restitutionsoffensive angekündigt hat, scheinen wir Deutsche uns darin zu gefallen, nun ebenfalls zu liefern und die
Franzosen sogar zu übertreffen." Allerdings zeige die Debatte um die Benin-Bronzen auch "wie durch ein Brennglas, dass viele in Europa immer noch eine sehr eurozentrische und paternalistische Vorstellung davon haben, wie die Aspekte der kolonialistischen Vergangenheit behandelt werden können und sollen. ... Wenn gleichzeitig
African Americans uns darauf aufmerksam machen, dass die Artefakte in Königtümern gefertigt worden sind, deren Reichtum nicht zuletzt auf Sklavenhandel beruhte, kann die deutsche Kulturpolitik daraus doch nicht den Schluss ziehen, den Nigerianern nahezulegen, sich erst einmal der
Geschichte ihres Sklavenhandels zu vergewissern."
Im Grunde hält Jörg Häntzschel (
SZ) den
Kulturpass, den diesen Juni alle, die 2023 volljährig werden, erhalten für eine gute Idee: Weg von Netflix oder Spotify, rein ins Kino oder Theater - andere EU-Länder haben es bereits vorgemacht. Nur so ganz zu Ende gedacht ist die Idee leider nicht, seufzt Häntzschel: "Warum sind CDs dabei, DVDs aber nicht? Warum botanische Gärten, aber keine Zoos? … Warum ist ein
Diät-
Ratgeber Kultur, Zeitungen und Zeitschriften aber nicht? … Dieser Mix aus Regeln rührt zum Teil von
EU-
Gesetzen her, zum anderen daher, dass der Kulturpass eben keine inhaltliche, sondern eine strukturelle Förderung darstellt", deren App ihre eigenen Tücken hat: "Wird dem
jungen Neonazi nach zwei Käufen von Büchern aus dem Antaios-Verlag eine Rechtsrock-CD empfohlen, wird man ihr Fahrlässigkeit vorwerfen. Schlägt die App hingegen einen
Postkolonialismus-
Reader vor, wird man sie linker Indoktrination bezichtigen."