9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2023 - Kulturpolitik

Eher sanft, aber informativ stellt Stephan Löwenstein in der FAZ die Arbeit des Mathias-Corvinus-Collegiums (MCC) dar, das von Viktor Orban sozusagen als Gegenmodell zur Soros-Stiftung aufgebaut wird, Konservative und noch weit Rechtere in ganz Europa vernetzen will und mit paradiesischen Mitteln ausgestattet ist. Dozenten dürfen sich bester Bezahlung erfreuen, auch Stiftungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung arbeiten mit dem Kolleg zusammen. "Gastdozenten unterrichten für ein oder zwei Jahre. Aus Deutschland lehrte in Budapest zuletzt der Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der bis zur Emeritierung an der TU Dresden wirkte. Anschließend veröffentlichte er das Buch 'Ungarn verstehen', das nicht ganz kritiklos, aber doch um Verständnis werbend die von Viktor Orbán geschaffene Verfassung Ungarns, das politische System und seine Geschichte darstellte."

Man muss das mit den Benin-Bronzen verstehen, meint Matthias Goldmann, Experte für Internationales Recht, in der FAZ. Er antwortet auf einen Artikel der Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin, die kritisiert hatte, dass die Benin-Statuen vom nigerianischen Staat nun in die Obhut des Oba, also des "Königs" des ehemaligen Königreichs Benin übergeben worden waren (unser Resümee): Das entspreche "afrikanischen Begriffen von kollektivem Eigentum", so Goldmann. "Entscheidend ist jedoch, dass das Dekret den Oba in seiner Funktion als Kustos der Kultur, Tradition und des Erbes des historischen Königreichs Benin ermächtigt - also gerade nicht als Privatperson."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2023 - Kulturpolitik

Im SZ-Interview mit Lennart Laberenz blickt der scheidende Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz Frédéric Bußmann ziemlich ernüchtert zurück auf seine fünfjährige Amtszeit, in der es vor Ort immer wieder zu rechtsextremen Ausschreitungen kam. Ein Museum sollte eine "klare Haltung" zeigen, sagt er, aber es sei nie zum Dialog gekommen: "Manch einer meint, Politik sei nicht Aufgabe der Kultur. Da bin ich anderer Auffassung. Kunst ist immer auch politisch. Künstler müssen nicht politische Kunst machen, aber Haltung ist politisch." Aber: "Ich habe gemerkt, dass die Leute, die ich erreichen möchte, eher nicht ins Museum kommen. Wir wollten unsere Arbeit in die Stadt hineintragen. Eine Kollegin wusste von dem leeren Laden hinter dem Karl-Marx-Kopf. Das ist der Ort, über den man spricht, wenn man über Chemnitz spricht, da laufen montags 'besorgte Bürger' und Neonazis mit Russlandfahnen vorbei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2023 - Kulturpolitik

Der Theologe und SPD-Politiker Richard Schröder, einst Fraktionsvorsitzender der SPD in der letzten frei gewählten Volkskammer der DDR, ist heute Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss. In einem ganzseitigen FAZ-Artikel weigert er sich in der Inschrift an der Kuppel des Schlosses, die bekanntlich fordert, "dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind", eine Provokation zu erkennen. Der "angeblich giftige Hintersinn der Inschrift" löse sich in Luft auf, wenn man bedenke, dass die Inschrift keineswegs als Antwort auf 1848 gemeint sei. Und was ist an der Berufung auf Gott überhaupt falsch? "Nach der völlig unverantwortlichen Willkürherrschaft der Nazizeit haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes es für geboten gehalten, in der Präambel an die Verantwortung vor Gott zu erinnern. Den Revolutionären war das allein - verständlicherweise - zu wenig Machtkontrolle. Aber wir gäben viel darum, wenn uns die zwei Diktaturen enthemmter Herrschaft ohne Gewissenbindung erspart worden wären."

In Chemnitz laufen die Vorbereitungen für das Kulturhauptstadtjahr, berichtet Lennart Laberenz in der FAZ. Einige kulturelle Missverständnisse sind aber noch abzubauen: "Im März wurden Kulturmanager nach einer Konferenz von polizeibekannten Rechten bedrängt, einer heftig verprügelt: Sie hatten in der Innenstadt Englisch gesprochen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2023 - Kulturpolitik

Thomas Thiel greift in der FAZ Vorwürfe des Mobbings in den "Arolsen Archives" auf, einer wenig bekannten Institution, die aber "alles sammelt, was man über Opfer und Verfolgte des NS-Regimes in Erfahrung bringen kann" (mehr hier). Die Archives werden mit  mit 16,4 Millionen Euro jährlich von der Bundesbeauftragten für Kultur finanziert. Die Chefin Floriane Azoulay und ihr Adlatus Steffen Baumheier sollen ihr Personal in Angst und Schrecken gehalten haben, wie es in einem Dossier von Mitarbeitern heißt, das der Rechtsanwalt Daniel Vogel Anfang März an die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien schickte. "Der Stein war ins Rollen gekommen, als eine Mitarbeiterin im Frühjahr die Missstände intern angesprochen hatte. Daraufhin war ihr fristlos gekündigt worden. Nachdem die Vorwürfe durch die Gruppe der Beschwerdeführer, deren Teil sie war, öffentlich gemacht worden waren, schob man eine zweite Kündigung nach." Nun soll aber aufgeklärt werden, ließ Claudia Roth verlauten, der Untersuchungszeitraum wird aber auf eine kurze Zeit begrenzt: "Damit fällt ein Großteil der erhobenen Vorwürfe unter den Tisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2023 - Kulturpolitik

Matthias Alexander freut sich in der FAZ über nun doch realisierbare Neubaupläne für Frankfurter Theater und Oper. Widerstände notiert er auch: "Die lautstarken Anhänger einer Sanierung der maroden und deshalb von sofortiger Schließung bedrohten Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz werden... nicht aufhören, den längst getroffenen und im Koalitionsvertrag der aktuellen Rathaus-Mehrheit bestätigten Beschluss für einen Abriss infrage zu stellen und alle katastrophalen Erfahrungen, die beispielsweise Köln mit der Sanierung seiner Oper macht, zu ignorieren."
Stichwörter: Frankfurt, Brandt, Willy

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2023 - Kulturpolitik

Der neue nigerianische Präsident Bola Tinubu hat sich am Wochenende erstmals zu den Benin-Bronzen geäußert, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Anlass war der Antrittsbesuch des Oba Ewuare II. bei Tinubu, der seit Ende Mai im Amt ist. Offenbar ist Tinubu gewillt, den Oba beim Bau eines Palastmuseums zu unterstützen, in dem die Bronzen dann ausgestellt werden sollen. Damit düpiert er Deutschland, das bereits vier Millionen in ein anderes Museum für die Benin-Bronzen in Benin-Stadt gesteckt hat. 'Wir werden an dem Museum arbeiten', sagte er laut der Zeitung Premium Times Nigeria und zahlreicher anderer nigerianischer Medien. Tinubu beglückwünschte den Oba hinsichtlich der Wiedergewinnung der Bronzen. 'Wir sind froh, dass wir sie zurückhaben, und wir sind froh, dass Sie glücklich sind', sagte er zu Ewuare II. Das bedeutet wohl, dass er den Oba als deren neuen Eigentümer nicht infrage stellt."
Stichwörter: Benin-Bronzen, Nigeria, Benin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2023 - Kulturpolitik

Im großen FR-Interview mit Lisa Berins spricht Claudia Roth über die Kulturpolitik der AfD und die Kritik an der Rückgabe der Benin-Bronzen: "Seit wann entscheidet der Hehler oder der Dieb, was mit dem Gut passiert? Das kann ja wohl nicht wahr sein! Wir werden uns dafür engagieren, dass es weiterhin öffentliche Zugänge zu den Kulturschätzen gibt. In welcher Form es sie geben wird, das entscheiden die Eigentümer." Außerdem erklärt, wie sie sicherstellen will, das BDS-Sympathisanten nicht in Entscheidungspositionen in der Kulturszene gelangen: "Gesinnungsprüfungen gehen natürlich nicht, aber wir fördern keine Veranstaltungen, auf denen für den BDS geworben wird oder in dem Ziele des BDS vertreten werden. Ich finde aber, wenn jemand vor zehn Jahren einen Satz gesagt hat, der in einem BDS-Zusammenhang war, darf das nicht dazu führen, dass diese Person nie mehr einen Job bekommt. Ich nehme es sehr, sehr ernst, dass der BDS äußerst aggressiv vorgeht gegen Künstlerinnen und Künstler und akzeptiere es nicht, dass Menschen wegen ihrer Herkunft oder Religion ausgeladen oder gar nicht erst eingeladen werden."

Spaniens Bürgermeister setzten auf immer größere Museen, gigantische Superevents und Musikfestivals - ohne Rücksicht auf Verluste, schreibt Reiner Wandler, der für die taz mit dem Humangeografen Luis Alfonso Escudero gesprochen hat: "'Bestimmte Gebiete der Städte werden so einfach dem Tourismus geopfert', sagt Escudero. Er hat die Auswirkungen des Kulturtourismus auf die Gentrifizierung und den Wettbewerb zwischen den Stadtmarken untersucht. Demnach steigen die Mieten an den betroffenen Orten unaufhörlich. Es gibt immer mehr Geschäfte, die nicht für die Bewohner da sind, während klassische Läden schließen. Die Preise in der Gastronomie steigen, Straßen und Plätze sind ständig überfüllt. Die geschaffenen Arbeitsplätze sind meist prekär und auf die Hauptsaison beschränkt. (...) 'Selbst alt eingesessene Museen wie der Prado in Madrid haben heute nicht mehr das Ziel, den Bürgern Kunst und Kultur nahe zu bringen. Es geht um Besucherrekorde, koste es, was es wolle', sagt Escudero."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2023 - Kulturpolitik

"Wann wird endlich jemand auf die Idee kommen, zwischen Kosten und Fristen einen Zusammenhang herzustellen?", fragt sich Gerhard Matzig (SZ) fassungslos mit Blick auf Baudesaster wie den BER, die Hamburger Elbphilharmonie oder jüngst das Kulturzentrum am Gasteig in München. Schuld an Baukostenexplosionen sind laut Matzig weder Inflation noch Handwerkermangel, sondern schlicht die politisch Verantwortlichen: "Es sind bei öffentlichen Bauten in aller Regel die öffentlichen Bauherren, die die Mehrkosten verursachen - darunter sehr selten Leute, die nicht Steuergelder, sondern das eigene Geld riskieren durch ihr Verhalten. Worüber sie aber immer wieder staunen - und dann vermutlich intern beraten, um sich eine Meinung zu bilden. Der Faktor Zeit ist zum entscheidenden Akteur auf den Baustellen geworden. Man muss vorher gründlich planen - und dann schnell bauen. Ist das schon höhere Mathematik? Wenn die Demokratie in diesem Tempo weitermacht, wird man sich bald wieder Könige als Bauherren wünschen."
Stichwörter: Inflation, Elbphilharmonie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2023 - Kulturpolitik

Nach ihrem Wahlsieg erklärte Giorgia Meloni, sie wolle "Italiens Kultur von einem System befreien, wo man nur arbeiten kann, wenn man sich zu einem bestimmten Lager bekennt", erinnert Andrea Dernbach im Tagesspiegel. Geschehen ist seitdem wenig: "Dass sich am Desinteresse seit dem Wahlsieg im September nicht wirklich viel geändert hat, zeigt sich auch am bisher spektakulärsten Fall von politischer Säuberung der Regierung Meloni: In Neapel, Heimatstadt von Kulturminister Sangiuliano, musste am 1. Juni der Intendant des Teatro San Carlo gehen, der erfahrene französische Theatermacher Stéphane Lissner. Doch im Grunde ging es gar nicht um sein Theater. Lissners Job wurde - wieder einmal - für das Fernsehen gebraucht. Um dort einen Direktorenposten für einen Mann des eigenen Lagers freizubekommen, wollte man in Rom den Vorgänger, dessen Vertrag noch eine Zeitlang lief, mit einem schönen Ersatz belohnen, eben dem San Carlo, Europas ältestem noch bespielten Theater."
Stichwörter: Meloni, Giorgia, Italien, Kultur

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2023 - Kulturpolitik

Anfang Juni forderte Catrin Lorch in der SZ mit Blick auf Max Pechsteins "Selbstbildnis, liegend", das von dem Arzt Walter Blank 1936 angeblich an einen Kölner Sammler verkauft wurde und dessen Erben nun Restitutionsansprüche geltend machen, ein Raubkunst-Gesetz, das auch Private Kollektionen in Deutschland zur Rückgabe verpflichtet. (Unser Resümee) Kein Land in Europa hat bisher eine gesetzliche Regelung für Raubkunst in nicht-öffentlichen Sammlungen gefunden, schreiben heute ebenfalls in der SZ die auf Kunstrecht spezialisierten Anwälte Peter Raue und Felix Stang. Aber: "Im Gegensatz zu anderen Ländern verfügt ausgerechnet die Bundesrepublik Deutschland über gesetzliche Regelungen, die zugunsten des 'Rechtsfriedens' die Erwerber von Raubkunst privilegieren. Wie das Bundesverfassungsgericht mehrfach entschieden hat, ist die Bundesrepublik Deutschland mit dem 'Dritten Reich' juristisch 'identisch'. (...) Immer wieder versuchte der Gesetzgeber, die geltenden Regelungen abzuändern. Doch das scheitert stets unter anderem an dem verfassungsrechtlichen Verbot der 'echten Rückwirkung', nach dem Gesetze nicht mit einer Wirkung für die Vergangenheit geändert werden dürfen." Sie fordern daher einen Fonds, der rechtmäßigen Eigentümern den einst gezahlten Kaufpreis erstattet.

Außerdem zum Thema Restitution: Der Wissenschaftsausschuss des Bayerischen Landtags lehnt es ab, den Fall von Picassos "Madame Soler" vor eine Schiedskommission zu bringen, meldet Catrin Lorch ebenfalls in der SZ: "Das bedeutet, dass der Streit um das wertvolle Gemälde von Pablo Picasso, das zur Sammlung der Pinakotheken in München gehört, nicht als Raubkunst vor der sogenannten Limbach-Kommission verhandelt wird. Darum hatten die Erben der ursprünglichen Eigentümer, die Nachfahren der jüdischen Bankiersfamilie Paul von Mendelssohn-Bartholdy, in ihrer Petition gebeten. Die Fraktionen der CSU und der Freien Wähler lehnten das Ersuchen gemeinsam ab, begründeten allerdings gleichzeitig eine Initiative, mit der man den Bund in die Pflicht nehmen will, ein verbindliches Raubkunst-Gesetz zu schaffen."

Glaubt man den umständlichen Erwägungen Patrick Bahners' in der FAZ, so lösen sich die Vorwürfe Marcel Leppers gegen die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung (unsere Resümees) in nichts auf. Ein von Lepper behauptetes Fortwalten rechtsradikalen Geistes kann Bahners trotz der eindeutigen Vergangenheit von Leppers Vorgängern nicht dingfest machen. Auch die von Lepper als Beweis angebrachte große Deutschlandkarte (Bild) von 1934, die in den Gängen des Instituts hing, sei kein Dokument nationalsozialistischer Gesinnung, sondern ein Stück Buchkunst des Schriftkünstlers Rudolf Koch, das mit seinem Waldweben und Hölderlin-Zitaten eher "Wandervogeltöne der Landschaftsästhetik" anschlage. "Die Bereitschaft von Teilen der Öffentlichkeit, lieber an eine Intrige zu glauben als an eine Panne, einen Zusammenstoß der Temperamente oder unterschiedlicher Gestalten des guten Willens, hat mit der schauerromantischen Voreinstellung unserer Debatten über das Nachleben des Nationalsozialismus zu tun. Man malt sich das Schlimmste aus, erst recht, wenn der Schauplatz München heißt. In dem akademischen Milieu, dem die Stiftung schon vor dem Skandal bekannt war, kommt Neid auf die um Abendvorträge gebetenen Auserwählten hinzu."