Nachdem der nigerianische Staatspräsident
Muhammadu Buhari kurz vor Amtsende die Eigentumsrechte sämtlicher
Benin-Artefakte dem Oba von Benin übertragen hat, sah die Ethnologin
Brigitta Hauser-Schäublin am Samstag in der
FAZ die Rückgabe der Benin-Bronzen an das nigerianische Volk kläglich gescheitert (
unser Resümee). Heute widerspricht Jörg Häntzschel in der
SZ: Was die Nigerianer mit den zurückgegebenen Artefakten machen, sei
ihre Sache. Und auch deutsche Museumspolitiker wie Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, oder Andreas Görgen, rechte Hand von Kulturstaatsministerin Claudia Roth, sind "sehr zuversichtlich, dass man eine
gute Lösung findet". Ob es wirklich so einfach ist? "In Deutschland wird man sich nicht leichttun damit, diese Sicht zu akzeptieren", ahnt Häntzschel. "Als unser eigener Oba,
Georg Friedrich von Preußen, große Teile des früheren Familienbesitzes der Hohenzollern vom Staat zurückforderte, war die Empörung groß." Doch Kwame Opoku, ehemaliger juristischer Berater der UN, beruhigt ihn: "Anders als viele in Europa dächten, würde der Oba
viel sorgsamer mit dem restituierten Kulturerbe umgehen als die Regierung, so Opoku: 'Wenn die Regierung das Recht hätte, würde sie
viel verkaufen - an Europäer. Die Leute in der NCMM kommen teils von ethnischen Gruppen, die keinen Wert auf diese Werke legen,
zum Beispiel die Muslime.'"
Ganz so milde ist Andreas Kilbs Blick auf die Sache in der
FAZ nicht: "Der entscheidende Unterschied zwischen einem Palast und einem Museum liegt in der
Zugänglichkeit. Ein Museum ist öffentlich, ein Palast privat. In ein Museum gelangt man mit einer Eintrittskarte, in einen Palast mit einer Einladung." Der Oba wolle mit seiner Reprivatierung der Bronzen auch eine
bestimmte Geschichtsversion durchsetzen: "Von der
realen Geschichte des Königreichs Benin, das in der frühen Neuzeit ein besonders erfolgreicher Räuberstaat unter anderen, weniger erfolgreichen war, weil es unter anderem vom
transatlantischen Sklavenhandel profitierte und die von den Portugiesen erworbenen Waffen für seine Kriegszüge nutzen konnte, ist in diesem historischen Narrativ kaum die Rede. Auch über
die Menschenopfer, die noch im Jahr 1897, zum Zeitpunkt der britischen Militärexpedition, welche die Unabhängigkeit des Königreichs beendete, gang und gäbe waren, erfährt man darin wenig."
Der Grünen-Politiker
Erhard Grundl hat Hauser-Schäublin derweil für ihre "rückwärtsgewandte Herangehensweise" kritisiert, berichtet Hannelore Crolly in der
Welt. Und "auch die SPD-Fraktion ist überzeugt: 'Wenn Restitution und Repatriierung
nach deutschen Spielregeln erfolgen sollen, dann können wir uns den gesamten Prozess letztlich sparen', so der kultur- und medienpolitische Sprecher
Helge Lindh. Er plädierte für das Prinzip 'Kontrolle abgeben'. Eine Haltung der
Demut sei angebracht. 'Rückgabe von Raubkunst
mit Vorgaben an die betroffenen Staaten und Herkunftsstaaten wäre Fortschreibung des Kolonialismus mit anderen Mitteln.' Selbst wenn Objekte
gänzlich der Öffentlichkeit entzogen würden, 'müssen wir das gefälligst ertragen'."
Die nigerianische Entscheidung macht "noch deutlicher,
wie unrealistisch Deutschlands Traum für die Benin-Bronzen in Nigeria war", kommentiert Swantje Karich in der
Welt: "Ein bereits
mit 4,
9 Millionen Euro finanziell unterstütztes staatliches Museum, das Edo Museum of West African Art (EMOWAA) von Star-Architekt David Adjaye, sollte in der Hauptstadt des Bundesstaates Edo, Benin City, die
Artefakte für das '
Volk' präsentieren. ... Davon spricht schon länger niemand mehr. Man konnte zusehen, wie sich das EMOWAA als offenes Haus des Volkes auflöste und zur
europäischen PR-
Schimäre wurde."
Es "dürfte nun nicht mehr gewährleistet sein, dass die nach Nigeria restituierten Kunstschätze auch tatsächlich der
einheimischen Bevölkerung zugänglich gemacht werden", fürchtet Roman Bucheli in der
NZZ. "Auch dieses Versprechen gehörte zu den
hehren Intentionen, als die Übergabe im vergangenen Dezember in Abuja gefeiert wurde. Die Rückführung sei die Grundlage für die Auseinandersetzung der nigerianischen Bevölkerung mit ihrem eigenen kulturellen Erbe. In Nigeria hat die vom Präsidenten dekretierte Eigentumsübertragung an das Königshaus in Benin City kaum für Aufsehen gesorgt."
Claudia Roth hat sich gestern in reinem Statement zum Thema geäußert,
meldet Susanne Lenz in der
Berliner Zeitung: "Wir werden gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt klären, was diese Maßnahme des scheidenden Präsidenten zu bedeuten hat."