9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2023 - Kulturpolitik

Dass die Benin-Bronzen aus deutschen Museen in die Obhut des Oba von Benin übergeben werden, war schon seit längerem bekannt, behauptet Matthias Busse in der Welt und verweist auf einen Bericht des nigerianische Senders Arise. Demnach hat der Oba auch versprochen, die Werke in einem Museum öffentlich zu machen. Nicht die Meldung von der Zuständigkeit des Oba ist erstaunlich, so Busse. "Viel mehr erstaunt die angebliche Ahnungslosigkeit deutscher Verantwortlicher. Was bedeutet das für die Qualität der viel beschworenen Museumskooperationen, die Hermann Parzinger mit den Rückgaben anschieben möchte? Immerhin ist der SPK-Präsident in dieser Frage nicht irgendwer, sondern seit 2021 der Koordinator der Bundesregierung für diese Rückgaben - neben der ebenfalls von der Eigentumsübertragung an den Oba überraschten Direktorin des Museums am Rothenbaum in Hamburg, Barbara Plankensteiner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2023 - Kulturpolitik

Im Ton recht dezidiert, in der Sache etwas unscharf, antworten Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, auf den FAZ-Artikel der Göttinger Ethnologie-Professorin Brigitta Hauser-Schäublin, der die neueste Debatte zu den Benin-Bronzen auslöste (unser Resümee). Hauser-Schäublin hatte die verblüffte deutsche Öffentlichkeit informiert, dass der scheidende letzte Präsident Nigerias, Muhammadu Buhari, die restituierten Benin-Bronzen aus Berlin in  einem Dekret dem König von Benin übereignet hatte - also jenem hohen Adligen aus einer ehemaligen Sklavenhändler-Dynastie, vor dem man in Audienzen niederknien muss. Parzinger und Plankensteiner beharren auf der Richtigkeit der bedingungslosen Restitution und darauf, dass möglicherweise alles halb so schlimm ist: "Nach Amtsantritt der neu gewählten nigerianischen Regierung ab Ende Mai 2023 muss geklärt werden, ob, wann und wie die in dem präsidentiellen Dekret verfügten Schritte in Kraft treten." Noch seien "keine Anzeichen zu erkennen, dass die neue Regierung von der am 1. Juli 2022 von Nigeria und Deutschland gemeinsam erklärten Absicht abzuweichen gedenkt, die Werke weiterhin öffentlich zugänglich zu machen". Die Rolle Benins im globalen Sklavenhandel (die in den Ausstellungen im Humboldt-Forum allenfalls sehr schüchtern erwähnt wurde) sei sekundär: "So historisch zutreffend dies auch sein mag, ist es eine historische Tatsache, dass gerade die europäischen Kolonialmächte den Handel mit versklavten Menschen maßgeblich befördert hatten."

Nach dem Dekret des nigerianischen Präsidenten Buhari, mit dem dieser sämtliche bereits zurückgegebenen Benin-Bronzen dem Oba von Benin übereignete, legen allerdings das zur Universität Cambridge gehörende Museum für Anthropologie und Archäologie als auch das Bundesland Sachsen ihre Rückgabe-Pläne zunächst auf Eis, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung.

Das Berliner Humboldt Forum hat sich die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit auf die Fahnen geschrieben, nur der euopäische Binnenkolonialismus wird leider übersehen, ärgert sich die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska in der NZZ mit Blick auf Preußens "kolonialistisch-imperiale Ausdehnung nach Polen". Sie wirft dem Humboldt Forum Ignoranz und ein "stark reduktionistisches Verständnis von Europa" vor: "Tatsächlich fand die territoriale Expansion Preußens vor allem auf Kosten Polens statt. Noch 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, in dem auch zahlreiche polnische Soldaten in deutschen Uniformen an den Fronten starben, schrieb der frühere Reichskanzler Bernhard von Bülow: 'Das Kolonisationswerk im deutschen Osten, das, vor beinahe einem Jahrtausend begonnen, heute noch nicht beendet ist, ist nicht nur das größte, es ist das einzige, das uns Deutschen bisher gelungen ist.' (…) Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Besiedlung des Ostens in das deutsche Kolonialismusmodell als 'Ostkolonisation' eingespeist und als 'Grenzkolonialismus' gerechtfertigt. In der Publizistik, in der Literatur, aber auch in der Geschichtsschreibung und in der Öffentlichkeit ganz allgemein sah man die Deutschen insgesamt in der Rolle der 'Kulturträger' gegenüber den Slawen."

Seit 1992 sammelt die Unesco das Weltdokumentenerbe, 64 neue Dokumente, darunter vier aus Deutschland kommen dieses Jahr hinzu. Aber das "Memory of the world" bildet auch "die globalen Unverhältnisse des Bedeutenden ab", meint Till Briegleb in der SZ: "So rühmt sich der größte Zulieferer, Deutschland, so vieler Auszeichnungen wie der afrikanische Kontinent. Europa und die USA stellen über die Hälfte des Weltgedächtnisses, die arabische Welt gerade einmal 2 Prozent. Rund ein Drittel der UN-Staaten taucht überhaupt nie als weltwissentauglich auf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2023 - Kulturpolitik

Klaus Hillenbrand erzählt in der taz die Geschichte der Kostümbildnerin Aviva (Name geändert), die in einem deutschen Theater angeheuert hatte. Sie ist Jüdin und staunte nicht schlecht, dass sie bei Dienstantritt, wie in Deutschland wegen der Kirchensteuer üblich, als erstes ihre Religionszugehörigkeit angeben sollte. Die Bühne hatte das Intendantenpapier unterschrieben, das unter dem Namen "Weltoffen", BDS-Positionen zulassen will und das zu den Themen einer Konferenz im Haus der Wannseekonferenz gehörte. "Aviva fühlte sich unwohl bei der Arbeit. Sie soll Künstlern eine Bühne bereiten, die ihrerseits eine Nähe zu BDS demonstriert hatten. Sie soll ein Video verbreiten, dessen Protagonist Demonstrationen gegen Israel unterstützt hat. Antisemitismus dagegen sei nie ein Thema bei diesem Theater gewesen, sagt sie. Nach einem halben Jahr reichte Aviva ihre Kündigung ein. Sie sagt: 'Aufgrund meines Jüdischseins war ich dazu gezwungen, meinen Job aufzugeben.' Am Ende sei sie noch inquisitorisch nach ihrer Meinung zur israelischen Besatzung des Westjordanlands befragt worden."

In Köln explodieren die Kosten für die Sanierung der Zentralbibliothek: Ursprünglich war sie auf knapp 16 Millionen Euro angelegt, jetzt werden sie inoffiziell auf knapp 140 Millionen geschätzt, berichtet Alexander Menden in der SZ. Woran das liegt, erfahren wir aus seinem Artikel leider nicht. Doch soll die Sanierung trotzdem besser sein als ein Neubau. Das meint auch der niederländische Designer Aat Voss, der die neue Gestaltung des Innenraums entworfen hat. "Eine technische Sanierung, keine Kosmetik ist das Ziel. Ein 'Dritter Ort' soll aus der aus drei übereinander gelagerten Kuben bestehenden Bibliothek werden. Und zwar in Abgrenzung zum 'ersten Ort', dem eigenen zu Hause, und dem 'zweiten Ort', der Schule oder dem Arbeitsplatz. Ein öffentlicher Platz, der wie Parks oder Museen ein Freizeitangebot macht. Das Kölner Gebäude sei dafür ideal, so Voss, denn die Architekten Franz Löwenstein und Franz Lammersen hätten die Grundstruktur flexibel und effizient geplant".

Rückgabeforderungen von Raubkunst haben die Briten bis jetzt von sich abperlen lassen. Aber das wird auf Dauer nicht funktionieren, erkennt im Guardian Harry Tayler. Den inzwischen fragen nicht nur politische Leichtgewichte, sondern auch Großmächte an, lernt er von dem britischen Autor Sathnam Sanghera und aus dem Daily Telegraph. Indien zum Beispiel hätte gern ein paar Diamanten zurück, darunter den Koh-i-noor, der eine der britischen Kronen schmückt: "Sanghera sagte: 'Unsere Museen und die königliche Familie sind im Besitz von indischem Raubgut im Wert von Milliarden von Pfund. Das war ein systematischer Teil der Kolonialherrschaft. Die königliche Familie erhielt den königlichen Anteil an dieser Beute.' ... Die Forderungen Indiens sind Teil eines umfassenderen Überdenkens der Rolle des Landes als ehemalige Kolonie. Premierminister Modi hat sich dafür eingesetzt, dass Schulklassen in Hindi und anderen Sprachen statt in Englisch unterrichtet werden, das indische Parlament wird umgebaut und die Abgeordneten sollen aus dem von Edwin Lutyens entworfenen Gebäude aus der Kolonialzeit ausziehen, und Straßen, die nach ehemaligen britischen Monarchen benannt sind, wurden geändert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2023 - Kulturpolitik

Nicht erst die Debatte um die Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung (unsere Resümees) zeigt, dass Rechtsextremismus es sich in der besten Gesellschaft Deutschlands doch behaglicher machen konnte, als man lange vermutete - auch in Berlin und Potsdam bringen die Debatten um Stadtschloss und Garnisonkirche immer neue Details hervor.  

Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt hatte die Diskussion um den Berliner Stadtschloss-Spender Ehrhardt Bödecker 2021 durch einen Artikel im Tagesspiegel angestoßen (unser Resümee). Die Stiftung Humboldtforum gab ein Gutachten über Bödecker in Auftrag, das nun nach monatelangem Gezerre freigegeben wurde und Oswalts Vorwurf einer rechtsradikal bis rechtsextremen Gesinnung Bodeckers bestätigt. Der Tagesspiegel hat jüngst berichtet (unser Resümee). Jetzt äußert sich Oswalt selbst im Blog des Merkur und attackiert den Anwalt Peter Raue, der die Familie Bödecker vertritt und ihn gegen alle Vorwürfe verteidigt (unser Resümee). Raue habe anlässlich der Veröffentlichung des Gutachtens behauptet, der "angebliche" Antisemit Bödecker habe erst in seinen letzten Lebensjahren problematische Texten verfasst, "von denen 'bis zu seinem Tode niemand wusste'. Doch das Gutachten, dessen Veröffentlichung Raue mit rechtlich nicht haltbaren Einwänden monatelang blockierte, stellt fest, dass derartige Äußerungen bis in das Jahr 1978 zurückreichen und zwei seiner Bücher aus den späten Lebensjahren noch in Auflagen von über 40.000 Exemplaren verbreitet worden waren. Offenkundig geht es Raue nicht um Aufklärung, sondern um die Verteidigung der Interessen seiner Mandaten. Umso unerklärlicher ist es, dass die Stiftung Humboldtforum ihn als Gewährsmann für die Prüfung der ihr gegenüber geheim gehaltenen Großspender der Schlossfassaden akzeptierte." Oswalt äußert sich heute auch in einem Spiegel-Interview.

Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, antwortet auf die Frage von Susanne Lenz in der Berliner Zeitung, ob er wusste, dass die Benin-Bronzen dem Oba von Benin übereignet werden würden: "Das wussten wir nicht. Wir hatten von dem Dekret des Präsidenten aber schon vor der Berichterstattung in Deutschland gehört und waren dazu mit den Kollegen in Nigeria in Kontakt. Zunächst muss man sagen, dass wir die Eigentumsrückübertragung vorgenommen haben, weil es völlig unbestritten ist, dass diese Artefakte in einem klaren Unrechtskontext erworben worden sind. Deshalb kann man bei der Rückgabe auch keine Bedingungen stellen. Wir haben sie in Nigeria an die staatliche Seite übergeben, an die National Commission for Museums and Monuments, die NCMM." In der Welt hofft Matthias Busse, dass zumindest die in Sachsen und Bayern verwahrten Benin-Bronzen nicht den gleichen Weg gehen werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2023 - Kulturpolitik

Dass ein Erbe der Menschheit reprivatisiert und einer royalen Geschichtsversion unterworfen wird, die das Blutige an seiner Geschichte ausblendet, müssen wir hinnehmen, meint Ijoma Mangold in der Zeit zum neuerlichen Streit um die Benin-Bronzen: "Wenn es aber darum geht, koloniale Machtasymmetrien zurückzubauen, dann kann der Westen nicht ein weiteres Mal seine Wertvorstellungen anderen überstülpen. Das tut Deutschland ja mit Blick auf Charles III. auch nicht. So kommt es zu dem Paradox, dass Dekolonisation von der Idee her ein modern egalitärer Diskurs ist, der praktisch zur Aufwertung traditioneller Hierarchien führen kann. Damit sollten wir leben - und zwar in dem Bescheidenheitsbewusstsein, dass es nahezu geisteskrank wäre, aus dem fernen Deutschland zu entscheiden, wer in Nigeria der angemessene Hüter der Tradition ist."

Die Stiftung Humboldt Forum hat ein Gutachten zum Großspender Ehrhardt Bödecker in Auftrag gegeben, ohne den die Schlossattrappe kaum zustande gekommen wäre. Der Architekt Philipp Oswalt hatte 2021 Bödeckers auf rechtsextreme Gesinnung hingewiesen (unser Resümee), der Anwalt Peter Raue hatte vorgestern im Tagesspiegel empört diese Behauptung zurückgewiesen (unser Resümee). Das Gutachten gewährt nun Einblicke in die recht spezifische Gedankenwelt des Großspenders, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Rassismus und Antisemitismus sah er vor allem als britische und amerikanische Importe. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg habe es englische Konzentrationslager gegeben, Sklavenhaltung und Rassendiskriminierung seien Teil der amerikanischen Geschichte, 'an Verbannung und Arbeitslager war die russische Bevölkerung gewöhnt', heißt es im Band 'Die europäische Tragödie' von 1998. ... Hätten der Förderverein Berliner Schloss und die Stiftung Humboldt Forum Bödeckers zahlreiche, sich zu einer Million Euro summierende Spenden angenommen, wenn sie diese Texte gekannt hätten?" Offenbar hätten sie, erkennt Peitz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2023 - Kulturpolitik

Faire Arbeitsbedingungen am Theater? Davon kann derzeit keine Rede sein, weshalb die Gewerkschaften für einen neuen Tarifvertrag kämpfen, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. "Allen Beteiligten, den Bühnengewerkschaften wie der vom Deutschen Bühnenverein vertretenen Arbeitgeberseite, ist inzwischen klar, dass dieser Zustand unhaltbar ist: Theater sollten halbwegs faire Arbeitsstätten sein, keine sektenartigen Organisationen, die ihre Mitglieder mit Leib und Seele aufsaugen. Dass das Bundesarbeitsgericht im September vergangenen Jahres entschieden hat, dass Unternehmen die Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten systematisch erfassen müssen, erhöht den Druck, die Arbeit auch an den Bühnen stärker zu verregeln." Zu einer Einigung kam man aber nicht, weshalb jetzt, hofft Laudenbach, Streiks anstehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2023 - Kulturpolitik

Im vergangenen Jahr hatte der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt im Tagesspiegel kritisiert, dass unter den Spendern des Berliner Stadtschlosses einige Rechtsextreme gewesen sein könnten, die anonym blieben. (Unser Resümee) Über dieses Thema unterhalten sich heute im Tagesspiegel Christiane Peitz und Rüdiger Schaper mit dem Anwalt Peter Raue, der im Namen der Stiftung Humboldt Forum die Spender überprüfte. Raue findet es völlig unverständlich, dass "die Öffentlichkeit unbedingt wissen will, wer die wenigen anonymen Spender sind". Ehrhardt Bödeckers Aussagen aus seinen letzten Lebensjahren seien "indiskutabel", aber da "davon bis zu seinem Tode niemand wusste, ist der Vorwurf der Annahme der Spenden geradezu absurd", fährt er fort: "Wirft man dem Nobelkomitee vor, Günter Grass geehrt zu haben, der ein SS-Mann war, auch wenn das damals noch keiner wusste?" Geradezu "infam" nennt er den Vorwurf der Einflussnahme: "Die Verwendung der vom Förderverein eingeworbenen 117 Millionen Euro gingen an die Stiftung Humboldt Forum ohne konkrete Bauwünsche und haben ausschließlich den Zweck verfolgt, dass das Schloss seine historische Fassade zurückbekommt. Dabei hat der Förderverein Spenden nie einzeln, sondern nur en bloc weitergereicht. Es ist deshalb ein durch nichts belegter Unsinn zu behaupten, Geldgeber hätten Einfluss auf die Gestaltung des Schlosses genommen oder gar ein einzelner Großspender hätte für den Bau der Kuppel Geld gegeben. Nur Philipp Oswalt durfte im Tagesspiegel schreiben: Ehrhardt Bödecker habe mit einer Million Euro die Kuppel finanziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2023 - Kulturpolitik

Nachdem der nigerianische Staatspräsident Muhammadu Buhari kurz vor Amtsende die Eigentumsrechte sämtlicher Benin-Artefakte dem Oba von Benin übertragen hat, sah die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin am Samstag in der FAZ die Rückgabe der Benin-Bronzen an das nigerianische Volk kläglich gescheitert (unser Resümee). Heute widerspricht Jörg Häntzschel in der SZ: Was die Nigerianer mit den zurückgegebenen Artefakten machen, sei ihre Sache. Und auch deutsche Museumspolitiker wie Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, oder Andreas Görgen, rechte Hand von Kulturstaatsministerin Claudia Roth, sind "sehr zuversichtlich, dass man eine gute Lösung findet". Ob es wirklich so einfach ist? "In Deutschland wird man sich nicht leichttun damit, diese Sicht zu akzeptieren", ahnt Häntzschel. "Als unser eigener Oba, Georg Friedrich von Preußen, große Teile des früheren Familienbesitzes der Hohenzollern vom Staat zurückforderte, war die Empörung groß." Doch Kwame Opoku, ehemaliger juristischer Berater der UN, beruhigt ihn: "Anders als viele in Europa dächten, würde der Oba viel sorgsamer mit dem restituierten Kulturerbe umgehen als die Regierung, so Opoku: 'Wenn die Regierung das Recht hätte, würde sie viel verkaufen - an Europäer. Die Leute in der NCMM kommen teils von ethnischen Gruppen, die keinen Wert auf diese Werke legen, zum Beispiel die Muslime.'"

Ganz so milde ist Andreas Kilbs Blick auf die Sache in der FAZ nicht: "Der entscheidende Unterschied zwischen einem Palast und einem Museum liegt in der Zugänglichkeit. Ein Museum ist öffentlich, ein Palast privat. In ein Museum gelangt man mit einer Eintrittskarte, in einen Palast mit einer Einladung." Der Oba wolle mit seiner Reprivatierung der Bronzen auch eine bestimmte Geschichtsversion durchsetzen: "Von der realen Geschichte des Königreichs Benin, das in der frühen Neuzeit ein besonders erfolgreicher Räuberstaat unter anderen, weniger erfolgreichen war, weil es unter anderem vom transatlantischen Sklavenhandel profitierte und die von den Portugiesen erworbenen Waffen für seine Kriegszüge nutzen konnte, ist in diesem historischen Narrativ kaum die Rede. Auch über die Menschenopfer, die noch im Jahr 1897, zum Zeitpunkt der britischen Militärexpedition, welche die Unabhängigkeit des Königreichs beendete, gang und gäbe waren, erfährt man darin wenig."

Der Grünen-Politiker Erhard Grundl hat Hauser-Schäublin derweil für ihre "rückwärtsgewandte Herangehensweise" kritisiert, berichtet Hannelore Crolly in der Welt. Und "auch die SPD-Fraktion ist überzeugt: 'Wenn Restitution und Repatriierung nach deutschen Spielregeln erfolgen sollen, dann können wir uns den gesamten Prozess letztlich sparen', so der kultur- und medienpolitische Sprecher Helge Lindh. Er plädierte für das Prinzip 'Kontrolle abgeben'. Eine Haltung der Demut sei angebracht. 'Rückgabe von Raubkunst mit Vorgaben an die betroffenen Staaten und Herkunftsstaaten wäre Fortschreibung des Kolonialismus mit anderen Mitteln.' Selbst wenn Objekte gänzlich der Öffentlichkeit entzogen würden, 'müssen wir das gefälligst ertragen'."

Die nigerianische Entscheidung macht "noch deutlicher, wie unrealistisch Deutschlands Traum für die Benin-Bronzen in Nigeria war", kommentiert Swantje Karich in der Welt: "Ein bereits mit 4,9 Millionen Euro finanziell unterstütztes staatliches Museum, das Edo Museum of West African Art (EMOWAA) von Star-Architekt David Adjaye, sollte in der Hauptstadt des Bundesstaates Edo, Benin City, die Artefakte für das 'Volk' präsentieren. ... Davon spricht schon länger niemand mehr. Man konnte zusehen, wie sich das EMOWAA als offenes Haus des Volkes auflöste und zur europäischen PR-Schimäre wurde."

Es "dürfte nun nicht mehr gewährleistet sein, dass die nach Nigeria restituierten Kunstschätze auch tatsächlich der einheimischen Bevölkerung zugänglich gemacht werden", fürchtet Roman Bucheli in der NZZ. "Auch dieses Versprechen gehörte zu den hehren Intentionen, als die Übergabe im vergangenen Dezember in Abuja gefeiert wurde. Die Rückführung sei die Grundlage für die Auseinandersetzung der nigerianischen Bevölkerung mit ihrem eigenen kulturellen Erbe. In Nigeria hat die vom Präsidenten dekretierte Eigentumsübertragung an das Königshaus in Benin City kaum für Aufsehen gesorgt."

Claudia Roth hat sich gestern in reinem Statement zum Thema geäußert, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Wir werden gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt klären, was diese Maßnahme des scheidenden Präsidenten zu bedeuten hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2023 - Kulturpolitik

Die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin sieht in der FAZ, wie immer von ihr befürchtet, die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria in einem Fiasko enden: Nigerianischen Medien zufolge hat der Staatspräsident Muhammadu Buhari kurz vor Amtsende die Eigentumsrechte sämtlicher Benin-Artefakte dem Oba von Benin übertragen. "Dies gelte für alle bereits zurückgegebenen und alle weiteren zu erwartenden Restitutionen von Benin-Objekten weltweit: "Was von deutschen Politikern und Politikerinnen als ein Zurückgeben des kulturellen Erbes an das 'nigerianische Volk' gedacht war und 'die Wunden der Vergangenheit heilen' sollte (Claudia Roth), ist stattdessen nun zu einem Geschenk an ein einziges Königshaus - eines unter vielen Königshäusern und Sultanaten in der Republik Nigeria - geworden. Ein Königshaus, das zudem, aus heutiger Sicht, bis zu seiner Unterwerfung durch die Briten schlimmste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat: Notorische Angriffskriege über Jahrhunderte hinweg mit Plünderungen, Zerstörungen, Massakern, Versklavung von Kriegsgefangenen, Menschenopfern zu Ehren der in den Gedenkköpfen repräsentierten Ahnen sowie Sklavenjagd und -handel in großem Stil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2023 - Kulturpolitik

In der SZ macht sich Peter Laudenbach ein paar Gedanken darüber, was Berlins designierte Kultursenator Joe Chialo mit dem ihm zur Verfügung stehenden Kulturetat von 938 Millionen Euro anstellen könnte - und muss: "Die deutlichen Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst werden die Budgets der öffentlich getragenen Kultureinrichtungen des Landes mit Mehrkosten in Millionenhöhe belasten. Der künftige Kultursenator kann sich schon mal darauf vorbereiten, im Haushaltsausschuss darum zu werben, diese zusätzlichen Belastungen der Museen, Orchester und Bühnen aus dem Landeshaushalt zu kompensieren. Eine der Großbaustellen ist immer noch das Humboldtforum mit seiner etwas komplizierten Struktur: Neben dem Bund als Hauptträger ist auch das Land Berlin daran beteiligt. Ob und wie diese Beteiligung fortgeführt wird, müssen Berlin und der Bund klären."

Ebenfalls in der SZ wird Jörg Häntzschel nicht ganz klar, worauf die Kritik des Rechercheteams von Dlf Kultur, das aufdeckte, dass auch Verlage aus dem völkisch-rechten Rand beim Corona-Hilfspaket "Neustart Kultur" zugriffen (Unser Resümee) eigentlich abzielt: "Darauf, dass die Zuständigen ihre eigenen Regeln zu lax gehandhabt haben, dass das Programm überdimensioniert war, oder dass Qualität keine Rolle spielte? Offenbar liegt hier ein Missverständnis vor: Es ging um Soforthilfe für eine zentrale deutsche Wirtschaftssparte, nicht um die Förderung von Geisteserzeugnissen mit Prädikat wertvoll."