Hoffnung entwickelt sich nicht beim Blick in die Geschichte, meint die albanisch-britische
Politikwissenschaftlerin und Philosophin Lea Ypi im Interview mit dem
Spiegel. Also nicht so viel zurückblicken, empfiehlt sie, sondern eigene Ideen entwickeln. Dann kann man auch wieder
Sozialist sein und an die universellen Werte der Aufklärung glauben: "Die
sozialdemokratische Tradition lag niemals darin, es dem Kapitalismus bequem zu machen, sondern darin,
demokratische Strukturen zu schaffen. Aber wenn wir in einem Kapitalismus leben, wo ein einzelner Mensch so viel
Geld hat wie Elon Musk, funktioniert die demokratische Idee, dass jede Stimme gleich viel Wert hat, nicht mehr. ... Wenn ich mir den Sozialismus ansehe, würde ich sagen, dass diese Ideologie nicht in ihrer Kapitalismuskritik falschlag. Der
Sozialismus ist gescheitert, weil er Freiheit unterbunden hat. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, wo der
Liberalismus scheitert. Dem Liberalismus ist es nur gelungen, uns in Bezug auf individuelle Rechte zu befreien, aber er befreit uns nicht aus ökonomischer Abhängigkeit und Ungleichheit."
Erinnert sich noch jemand an die
"Dritte Kultur", der Frank Schirrmacher vor 25 Jahren das
FAZ-Feuilleton öffnete? Geprägt hat den Begriff
John Brockman, ein ehemaligen Banker und späterer Literaturagent und Verleger, der auf seiner Webseite
edge.org, von der die
FAZ und später auch die
Süddeutsche eine Reihe von Artikeln übersetzen ließ, einen "
Gegenkanon" aufstellte, so beschreibt es in der
FAZ der sehr kritische
Medienwissenschaftler Martin Müller, "der geisteswissenschaftliche Fragen mit naturwissenschaftlichen Konzepten zu klären versprach.
Genetik statt Geschichte. Kognition statt Hermeneutik. Singularität statt Cultural Studies. Mit seinem Buch
'The Third Culture' gab Brockman dieser Verschiebung ein Programm. Der Titel versprach Dialog, doch gemeint war
Ausschluss. In diesem 'neuen Humanismus' war für die pessimistischen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts kein Platz. Poststrukturalisten und Sozialkonstruktivistinnen galten Brockman als Gefangene eines '
wuchernden Spiralkreislaufs von Kommentaren über Kommentare, an dessen Ende die reale Welt verschwindet'. Statt historisierender Selbstbefragung setzte Brockman auf technowissenschaftliche Funktionalität." Damit setzte laut Müller der Niedergang der Geisteswissenschaften ein und es entstand "eine Wissensordnung, die Kritik durch
futuristische Naturbeherrschung ersetzte".
Außerdem: die
taz veröffentlicht
Marko Martins Dankesrede zum Ovid-Preis 2025, den das PEN-Zentrum verleiht.