9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2018 - Geschichte

Sehr kenntnisreich führt der Germanist Helmuth Kiesel in der FAZ in die "Frontstellungen" der Weimarer Zeit ein - jene Epoche vor dem Internet, als man noch keine sozialen Medien brauchte, um sich zu hassen - und kommt am Ende zu den Parallelen: "Die meisten der scharfen Antagonismen der Weimarer Zeit sind, wie ihre Ursachen, geschichtlich erledigt und haben keine aktuellen Fortsetzungen oder Analogien. Für vier gilt dies aber nicht: für den Rassismus, das mögliche Zusammenwirken der Extreme, die Klassenkampfidee und die politisch-kulturelle Spaltung in Metropole und Provinz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2018 - Geschichte

In der NZZ gibt Ulrich M. Schmid einen interessanten kurzen Einblick in die jüngere georgische Geschichte, die vom Verhältnis Georgiens zu Russland geprägt ist. Wie kompliziert diese Geschichte ist, sieht man zum Beispiel an einem Denkmal in Tblissi für die "Teilnehmer einer friedlichen Demonstration, die vom sowjetischen Regime am 9. März 1956 blutig niedergeschlagen wurde". So ist es in den Stein graviert. Anlass für die Demo war damals Chruschtschows Kritik am Stalinkult, erzählt Schmid: "Junge Demonstranten zogen mit Stalin-Porträts durch das Stadtzentrum von Tbilissi und forderten die Unabhängigkeit Georgiens. Der Text auf der Erinnerungstafel erweckt den Eindruck, dass es bei der Demonstration von 1956 um demokratische Rechte und föderale Autonomie gegangen sei. Verschwiegen wird dabei, dass die Demonstration sich gegen die Entstalinisierung richtete und deshalb kaum als Musterbeispiel zivilgesellschaftlicher Selbstermächtigung gelten darf."
Stichwörter: Georgien, 1956

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2018 - Geschichte

Auch nach der von Stalin 1948 verordneten antisemitischen Hetze mussten Juden in der Sowjetunion lange Zeit ihre jüdische Identität verleugnen, erinnert sich die russische Schriftstellerin Sonja Margolina in der NZZ. Sie "durften aus dem Opferkollektiv nicht ausscheren", schreibt sie: "Nach dem Ende der antisemitischen Kampagne ging der Staatsantisemitismus in eine routinierte Diskriminierung über: von Studium- und Berufseinschränkungen bis zum immer wieder aufflammenden Kampf gegen Zionismus. Etliche Juden versuchten, dem Numerus clausus an den Hochschulen und der Diskriminierung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen mit Veränderung ihrer Namen oder Nationalität zu entgehen. Oft hatte die jüdische Mimikry komische Nebenfolgen, wie bei einem Freund, der die Aufnahmeprüfungen an der Moskauer Universität als Ukrainer schaffte, aber die Gesichtszüge eines assyrischen Kriegers am Ninive-Tor nicht verbergen konnte und der aufgrund dieser augenscheinlichen Diskrepanz verspottet wurde. Naturgemäß bestätigte die als jüdische Schlagfertigkeit empfundene Verschleierung der Identität antisemitische Vorurteile."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2018 - Geschichte

In Münster war Historikertag.

Nicht einverstanden ist Patrick Bahners in der FAZ mit einer Resolution, die unter anderem mit Unterstützung von Andreas Wirsching, dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, formuliert wurde und die nach Bahners allzu eindeutig für Angela Merkels Position in der Flüchtlingspolitik Stellung bezieht: "Im Historikermilieu scheint die Hegemonie des sogenannten linksliberalen Common Sense ungebrochen. Warum begnügen sich die tonangebenden Leute im Fach nicht damit, die soziale Macht, die ein solcher Konsens bedeutet, in den Formen wissenschaftlicher Kommunikation auszuspielen, durch Tagungen, Bücher, Zeitungsartikel und vielleicht auch Unterschriftslisten? Warum muss ein Fachverband Parteitag spielen mit Kompromissformelsuche in der Flüchtlingspolitik?"

Im Tagesspiegel berichtete gestern bereits David Piorkowski, dass die Resolution vor allem auf Betreiben der Göttinger Zeitgeschichtlerin Petra Terhoeven und ihres ebenfalls in Göttingen lehrenden Kollegen Dirk Schumann zustandekam. Dass der Text der Resolution im Netz nirgends zu finden ist, spricht nicht für den Öffentlichkeitsbegriff der Historiker.

In der SZ kommentiert Johan Schloemann: "In Münster, wo sich über vier Tage Tausende Wissenschaftler trafen, war allerdings gelegentlich zu beobachten, dass in der überwiegend liberalen Akademikerblase manche 'nach Chemnitz' in den Redeformen und den Diskussionsformaten exakt diejenige hektische, aufgeregte Zuspitzung übernehmen, die sie den Rechtspopulisten empört attestieren." Hm, erinnert das nicht ein bisschen an die überwiegend liberale Journalistenblase?

Welche Lehren sind aus dem Münchner Abkommen zu ziehen, das vor achtzig Jahren Hitlers Einmarsch in das Sudentland besiegelte, fragt Arno Widmann in der FR: "Diktatoren hatten es leicht in den krisengeschüttelten Demokratien der Zwischenkriegsjahre und sie hatten es leicht in einer Welt, die darauf setzte, dass alles darauf ankäme, miteinander im Gespräch zu bleiben. Sie konnten das gut. Wer mit ihnen sprach, statt sich ihnen entgegenzustellen, der hatte - in ihren Augen - sich schon ergeben. Das war nicht falsch. Bis es dann doch falsch wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 - Geschichte

Markus Wehner erinnert in der FAZ an die Gründung der DKP vor fünfzig Jahren, die im Zeichen der Entspannungspolitik als Ersatz für die einst verbotene KPD zugelassen wurde. Sie kam zwar bei Bundestagswahlen nie auf mehr als 0,3 Prozent, war aber nicht ohne Einfluss: "In der Honecker-Ära erhielt die DKP rund 70 Millionen D-Mark im Jahr aus Ost-Berlin; Ende der achtziger Jahre unterhielt sie einen Apparat mit 500 hauptamtlichen Funktionären."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2018 - Geschichte

Paul Ingendaay folgte für die FAZ einem Streitgespräch zwischen dem ehemaligen RAF-Anwalt Christian Ströbele und dem ehemaligen Stammheimer Haftrichter Klaus Pflieger: "In der Sache hatte Ströbele dem Hauptargument des schwäbischen Juristen nichts entgegenzusetzen: Der Rechtsstaat musste zeigen, dass es sich bei den deutschen Terroristen nicht um verblendete Träumer, sondern um Straftäter handelte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2018 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly besucht für die Berliner Zeitung mit seinem 11-jährigen Enkel und dessen Freund die neue Dauerausstellung zur Berliner Geschichte im Märkischen Museum Berlin: "Am meisten beeindruckte sie das von der Königlich Preußischen Eisengießerei hergestellte Schachspiel ('total cool'). Dem siebenminütigen Bericht von Paul Koby darüber, wie er 1933 im Columbia-Haus am Tempelhofer Feld gefangen gehalten und gefoltert wurde, folgten die zwei gebannt. Vor den Trümmerfrauen verharrten sie, um das Gespräch sofort auf Syrien zu lenken. ('Berlin sah damals auch wie ein Schrotthaufen aus.') Statt der von der Museumsleitung vorgesehenen Zeit 'Berlingeschichte in einer Stunde' brauchten wir zwei Stunden. Mein Angebot im Café zu pausieren, lehnten die beiden Elfjährigen ab. Donnerwetter - tadellos!"

Weitere Artikel: Emmanuel Macron will erstmals den kostbaren, fast 1000 Jahre alten Teppich von Bayeux für eine Ausstellung nach England reisen lassen, ein Politikum, meint Martina Meister in der Welt. Arno Widmann vertieft sich für die FR in das Berliner Uni-Abgangszeugnis von Karl Marx von 1841, das wieder im Archiv der Humboldt-Universität liegt. Und in der SZ stellt Lothar Müller das von der Alexander-von-Humboldt- Stiftung geförderte internationale Projekt "Geschichte der Psychoanalyse in Polen im deutsch-polnisch-jüdischen Kulturkontext 1900-2015" vor: Die Forschergruppe tagte gerade in Berlin, unter dem Titel "Psychoanalyse im Schatten von Krieg und Holocaust. Deutsche - Juden- Polen", und "es zeigte sich, dass sich wie in Westdeutschland 1968 die Psychoanalyse im Polen der Gegenwart nicht darauf beschränkt, eine Behandlungstechnik zu sein. Sie verbündet sich mit der kritischen Gesellschaftstheorie und Geschichtswissenschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2018 - Geschichte

Im Freitext auf Zeitonline erzählt die ungarische Schriftstellerin Noemi Kiss von dem unheimlichen Totenkult um Stalin in Georgien, den sie bei einem Besuch eines Museums in Stalins Geburtsstadt Gori erlebt hat: "Tatsächlich ist abscheulich, was uns an Stalin-Verehrung im Museum begegnet. Kein Wort über seine blutigen Taten. Stattdessen Zeugnisse seiner Kindergedichte. Zwischen gut und böse wird hier kein Unterschied gemacht. Später sagt der Verkäufer im Lebensmittelladen, man würde immer noch fürchten, dass Stalin zurückkäme, deshalb das Museum. Außerdem sei es eben so mit dem Toten: Man sagt nichts Schlechtes über sie. Das Museum ist beängstigend idyllisch, unheimlich und furchtbar. Ein Kult der Domestikation, der Gänsehaut bereitet, umso mehr, wenn man in der Bukowina die Grabsteine der verhungerten Ukrainer und Ukrainerinnen gesehen hat. Millionen sind gestorben, auch russische Soldaten. Die Ukraine ist stumm in Georgien, darüber wird kein Wort verloren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2018 - Geschichte

Im Tagesspiegel erzählt die Historikerin Anna Hajkova die Geschichte des in Auschwitz ermordeten Zionisten Fredy Hirsch und des Arztes Jan Mautner, deren schwule Beziehung bis heute von NS-Überlebenden verschwiegen wird, da sie als "ehrenrührig" gelte: "Womöglich verschwand Hirschs große Liebe auch deswegen aus der allgemeinen Erinnerung, weil die Häftlingsgesellschaft vielfach homophobe Vorurteile produzierte, die sich bis heute in den Überlebendenberichten und somit auch in der Geschichtsschreibung zu den KZs widerspiegeln. Eines der seit jeher tiefsitzendsten homofeindlichen Ressentiments ist der Vorwurf der vermeintlichen Pädophilie aller Homosexuellen. Anschuldigen, er habe sich zu Jungen hingezogen gefühlt, trafen auch Fredy Hirsch. Manche Überlebenden erinnerten sich gar, Hirsch habe sie begrapscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2018 - Geschichte

Immer wenn die Bundesrepublik symbolisch bedeutsam werden will, delegiert sie die Organisation der Zeremonie an die Kirchen, so auch jetzt eine Rückgabe von Gebeinen der im Kolonialismus ermordeten Herero und Nama. Der  Herero-Aktivist Israel Kaunatjike begrüßt im Interview mit Elisabeth Kimmerle von der taz die Rückgabe - aber nicht die Zeremonie: "Ich verstehe nicht, warum die Zeremonie in der Kirche stattfindet. Die Menschen, deren Gebeine hierher gebracht wurden, waren keine Christen. Sie sind ermordet worden, und die Kirche war involviert. Ich persönlich bin dafür, dass die Restitution im Bundestag stattfindet und sich die Bundesrepublik sofort entschuldigt. Wir NGOs bleiben draußen vor der Kirche, weil wir finden, dass es nicht respektvoll ist, diese Zeremonie in der Kirche stattfinden zu lassen." Kimmerle berichtet in einem zweiten Artikel von der Rückgabe.

Der Historiker Jost Dülffer hat lange über die deutschen Geheimdienste geforscht und in diesem Jahr ein Buch über die "Organisation Gehlen" veröffentlicht, wie der BND in den sechziger Jahren nach seinem Leiter Reinhard Gehlen, der schon für die Nazis spioniert hatte, genannt wurde. Im Interview mit der FR spricht er über die Rolle des Geheimdienstes in den 60er Jahren unter Adenauer, Nazis beim BND und die Rolle der Medien: "Gehlen hatte eine Reihe von 'Spezis', Journalisten seines Vertrauens, denen er von Zeit zu Zeit vermeintliche Sensationsgeschichten zur Veröffentlichung lieferte. Im Gegenzug standen dann Elogen über den BND und seinen Chef in den Blättern." Zu diesen Spezis gehörte die Springer Presse, Marion Gräfin Dönhoff von der Zeit und: "Bei meinen Recherchen bin ich auch auf ein Detail gestoßen, das Sie bei der FR besonders interessieren dürfte: Der schon erwähnte BND-Oberst Adolf Wicht pflegte eigene Kontakte zum FR-Gründungsherausgeber Karl Gerold, der bei vielen im Ruch eines Kommunistenfreunds stand. Wicht zeigte ihm allerhand Material, das Gerold interessant fand. Und auch wenn er - wie er Wicht bedeutete - nicht direkt mit dem BND zu tun haben wollte, wurde Gerold so doch zu einer Art Sympathisant, der sich gern auch mal nach Pullach in die BND-Zentrale einladen ließ. Sie sehen daran, wie die Gehlensche Landschaftspflege funktionierte."