9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2018 - Geschichte

Noch immer dient in Spanien Francos Grab in El Valle als monströser Schrein des Faschismus. Spaniens neuer sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez hat jetzt angekündigt, die Anlage in ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus umzugestalten. Für Omar G. Encarnación im Blog der NYRB ist der Schritt überfällig, bisher habe Spanien viel zu wenig getan, um die Franco-Diktatur aufzuarbeiten: "Im Gegensatz zu anderen Demokratien gab es in Spanien keine juristische Aufarbeitung des Franco-Regimes. Es gab keine strafrechtliche Verfolgung nach Art der Nürnberger Prozesse, bei denen die Spitzen des Nationalsozialismus zum Tode verurteilt wurden, oder nach Art der Militärtribunale in Argentinien, die erfolgreich die Architekten des schmutzigen Krieges zu lebenslanger Haft verurteilten. Spanien hat keine Durchleuchtung vorgenommen, um die mit dem autoritären Regime Verbundenen aus den öffentlichen Ämtern zu entfernen wie es das benachbarte Portugal im Falle der Salazar-Diktatur tat, und es hat keine Kommissionen zu Wahrheit und Versöhnung organisiert wie Südafrika, mit denen die Sünden der Apartheid festgehalten wurden. Kein Wunder, dass Spanien mehrmals von der UN kritisiert wurde, weil es internationale Normen verletzte, wie Staaten mit Menschenrechtsverletzungen in großen Stil umgehen sollen, und weil es nicht genug für die Opfer des Bürgerkriegs tat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2018 - Geschichte

Schützenhilfe in einer ganz anderen Sache bekommt die katholische Kirche indes von dem kanadischen Anthropologen Joseph Henrich, schreibt Markus Schär in der NZZ. Henrich stellt die These auf, dass das katholische "Ehe- und Familienprogramm" seit der Spätantike dazubeitrug, dass sich die Menschen nicht weiter inzestuös in Stämmen oder Clans mit ihren nächsten Verwandten organisierten, sondern durch das Inzestverbot auf Individualität setzten und "vertrauensvoll mit Fremden" zusammenarbeiteten: "Nach der Trennung von der östlich orthodoxen packte die westlich katholische Kirche eine Obsession mit diesem Problem: Von den siebzehn Synoden zwischen 511 und 627 verschärften dreizehn die Heiratsregeln immer weiter; im Jahr 1003 verbat schließlich König Heinrich II. im Heiligen Römischen Reich die Ehe bis hin zu Cousins sechsten Grades - also mit einem gemeinsamen Vorfahren unter ihren je 128 Urururururgroßeltern! 'Man durfte nicht mehr in der Familie, musste aber einen anderen Christen heiraten', stellt Joseph Henrich fest. 'Darum gibt es in Westeuropa keine Stämme.'"

Der tschechische Staatspräsident Milos Zeman möchte lieber nicht über den Prager Frühling reden, berichtet Frank Herold im Tagesspiegel. Er wolle Putin nicht verärgern, glauben seine Kritiker, so Herold weiter. Und auch "die tschechischen Schulen tun faktisch nichts, um den Prager Frühling in der Erinnerung zu halten. Erschreckend sind die Ergebnisse einer Umfrage, die die Organisation Post Bellum im Frühsommer unter 18- bis 65-Jährigen durchführte. Rund die Hälfte der Befragten konnte mit dem Prager Frühling nicht mehr viel anfangen. Ein Viertel konnte gar nicht mehr sagen, was vor der Invasion gewesen war."

Hannes Stein empfiehlt bei den Salonkolumnisten einen kleinen Band über Heinrich Böll 1968 in Prag - aus Zufall war Böll in den entscheidenen Tagen in der CSSR. Die Ereignisse prägten ihn und ließen ihn für den Rest seines Lebens mit den Dissidenten solidarisch sein: "Ein paar Wochen vor Böll war beispielsweise der Westberliner Studentenführer Rudi Dutschke nach Prag gereist, um seinen erstaunten tschechischen Kommilitonen in herrischer Diktion mitzuteilen, dass 'die repräsentative Demokratie westlichen Musters keine Alternative zur Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei' sei. Eine Überheblichkeit, vor der Böll, der skrupulöse Beobachter, gefeit war. Mehr noch: Sofort macht er sich Gedanken, welche konkrete Hilfe er leisten könnte."

"Big History" ist das neue große Ding in der Geschichtsforschung, schreibt Claudia Mäder in der NZZ mit Blick auf Bücher von Yuval Noah Harari Emmanuel Todd oder David Christian, die bis ins All oder mindestens in die Steinzeit ausgreifen, um die Menschheit zu verorten. Abgesehen davon, dass Mäder den Studien wissenschaftlich wenig abgewinnen kann, versucht sie deren Erfolg zu erklären: "Mit der fortschreitenden Globalisierung und der Abwendung vom Nationalstaat rückten in den letzten Jahrzehnten zunächst transnational gefasste Welt-, Verflechtungs- und Transfergeschichten vor - immer mehr Geschichtsbücher untersuchten immer größere geografische Räume. Heute nun, da künstliche Intelligenzen durch jede Diskussion geistern und Maschinen den Menschen zu entthronen drohen, sofern sich dieser zusammen mit seiner natürlichen Umwelt nicht vorher in den Abgrund reitet - in dieser allenthalben alarmistisch beschworenen Situation also dehnen findige Historiker nebst dem Raum auch die Zeit ihrer Untersuchungen aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2018 - Geschichte

Die taz bringt ein ganzes Dossier zum Prager Aufstand, der heute vor 50 Jahren von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde. Prag mit seiner politischen und kulturellen Aufbruchstimmung war für die Ostdeutschen, was Paris in dieser Zeit für die Westdeutschen war, erzählt der Bürgerrechtler Wolfgang Templin. Als sowjetische Soldaten in Tschechien einmarschierten und die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" begruben, kam es in der DDR damals zu "keinen Massenprotesten, aber zu vielen individuellen Aktionen mit Losungen auf Häusern und Brücken, mit Flugblättern. Mein eigenes Beispiel zeigt, wie zeitverschoben die Wirkung der Prager Lektion sein konnte. Ich stand emotional auf der Seite der Reformer. Dennoch ließ ich mich zunächst von den offiziellen Propagandalügen einwickeln, die eine aus dem Westen gesteuerte Konterrevolution behaupteten, der man Einhalt gebieten müsse. Erst Jahre später begriff ich..."

Viel schlimmer noch reagierte die westeuropäische Linke: Ihre Solidarität galt den einmarschierenden Sowjets, schreibt Jan Feddersen. Oder sie schwieg einfach. Einen liberalen ostdeutschen Staat wollte man auf gar keinen Fall: "Generell dominierte in den Zentren der Achtundsechzigerbewegung der Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen den Kapitalismus, für den die USA das Symbol waren und sind: Kein öffentliches Zeichen aus der Studentenbewegung heraus wider die militärische Zerstörung von Freiheit durch die Warschauer-Pakt-Staaten konnte es mit den Protesten gegen die USA und ihren Krieg in Südostasien aufnehmen. Das Leiden am realen Sozialismus fand kein Interesse in linken Kreisen, Bücher wie Manès Sperbers 'Wie eine Träne im Ozean' waren seitens der sozialistischen Kaderschaft der Achtundsechzigerszene als antikommunistische Literatur ignoriert, auf alle Fälle als rechts und reaktionär begriffen worden."

Umso größer - wenigstens im Rückblick - die Courage einzelner russischer Aktivisten wie Pawel Litwinow, die in Moskau ein Zeichen der Solidarität mit den aufbegehrenden Tschechen wagten. "Mir war es wichtig, dass die Tschechoslowakei einen Weg gehen kann, den sie selbst wählt" erklärt Litwinow, der für seine Aktion mit fünf Jahren Verbannung bestraft wurde, im Interview mit der taz. "Und wenn man dort einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz will, dann ist es nicht unser Recht, sich in diesen Weg einzumischen. Irgendwann mal war ich überzeugter Kommunist, doch 1968 fühlte ich mich schon eher als Liberaler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2018 - Geschichte

Bei den Salonkolumnisten erinnert Hannes Stein an die Geschichte der Eugenik in den USA, die ihren Gipfel mit einem Urteil des Supreme Courts erreichte, der die Zwangssterilisaton einer armen und angeblich behinderten Weißen für rechtens erklärte. Richter Oliver Wendell "war ein fanatischer Eugeniker und sprach in einem Privatbrief anno 1921 sogar davon, dass Kleinkinder, die 'den Test nicht bestehen', getötet werden sollten. Infolge des Grundsatzurteils von 1927 wurden danach 70.000 Amerikaner zwangssterilisiert - die meisten von ihnen arme, weiße Südstaatler. Schwarze wurden zwar auch Opfer dieser Form der Misshandlung - allerdings gab es kein Interesse, ihre Rasse (wie es später im Nazijargon hieß) 'aufzunorden'. Sie sollten einfach von den Weißen ferngehalten werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2018 - Geschichte

Par ordre de mufti hat Andrea Nahles beschlossen, die einst von Peter Glotz gegründete "Historische Kommission" der SPD abzuschaffen. So traurig das ist - in der Rückbesinnung auf ihre Geschichte sieht Welt-Autor Thomas Schmid keine Antwort auf die Probleme der Partei: "Ihren Abstieg sieht die Partei als große Ungerechtigkeit - und nicht als das, was er ist: Teil einer Krise, die das gesamte Parteiensystem und auch die liberale Ordnung zu erfassen beginnt. Allen demokratischen Parteien hilft es nicht, wenn sie sich erzählen, was sie gut gemacht und auf welche großartige Geschichte sie zurückblicken können. Sie müssen sich vielmehr fragen, was sie übersehen, worauf sie nicht reagiert, was sie falsch gemacht haben."

In der FAZ schreibt der Historiker Jürgen Kocka zum Thema: "Über die Kraft zur Interpretation der eigenen Geschichte verfügen Bewegungen und Institutionen dann, wenn sie die Zukunft auf ihrer Seite wähnen und das Selbstvertrauen besitzen, ihren Ort im historischen Wandel zu bestimmen. Der fortschrittsgläubige Aufschwung der Nationalstaaten ging Hand in Hand mit dem brennenden Interesse an ihrer Geschichte. Die klassischen Arbeiterbewegungen besaßen einen ausgeprägten historischen Sinn, weil sie sich mit der Zukunft im Bunde wähnten." Und doch ist  die beiläufige Abwicklung der ehrwürdigen Institution für Kocke "Zeichen eines früher undenkbaren Desinteresses an historischer Reflexion".

Forscher der Universität Konstanz und der Hertie School of Governance in Berlin haben Wahlstatistiken aus tausend Landkreisen ausgewertet, um zu untersuchen, inwieweit Hitlers Wahlkampfpropaganda zum Aufstieg der NSDAP beitrug, berichtet Claudia Schwartz in der NZZ. Dabei kam die Studie zu erstaunlichen Ergebnissen, so Schwartz: "Der Einfluss von Hitlers insgesamt 455 öffentlichen Auftritten auf den Wahlerfolg sei 'marginal' gewesen. (...) Die Autoren sehen hier andere Studien bestätigt, wonach 'die Bedeutung Hitlers als charismatischer Redner' zurücktritt gegenüber der entscheidenden Rolle von wirtschaftlichen und politischen Zeitumständen, 'also Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not, die mangelnde Unterstützung für die Demokratie, die Entfremdung zwischen etablierten Parteien und Wahlvolk sowie die Schwäche staatlicher Institutionen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2018 - Geschichte

Auf dem zentralen Platz im litauischen Vilnius stand lange eine Leninstatue, damit ist es längst vorbei, aber was statt dessen dort hinsoll, darüber konnten sich die Litauer bisher nicht einigen, berichtet Felix Ackermann in der NZZ. Die Freiheit soll gewürdigt werden, aber wie? "Es stehen sich zwei Fraktionen gegenüber: Die Traditionalisten wollen eine überlebensgroße Statue des Vytis-Reiters aus dem historischen Wappen. Die Modernisten kämpfen für eine abstrakte Parkanlage, deren Hügel die Umrisse eines Bunkers litauischer Partisanen andeutet." Jetzt ist die zweitgrößte Stadt Litauens, Kaunas, in das Vakuum vorgestoßen und hat auf ihrem Platz kurzerhand eine fünf Meter hohe Reiterstatue errichtet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2018 - Geschichte

Der Historiker Leonid Luks stellt bei den Kolumnisten die Frage, warum sich die Bolschewisten vor hundert Jahren halten konnten, obwohl sie bei weitem nicht die Mehrhheit der Bevölkerung hinter sich hatten. Terror von Anfang an (und nicht etwa erst unter Stalin) ist ein Teil der Antwort. Der andere ist die ungeheure Blödigkeit ihrer "weißen" Gegner: "Sie versuchten oft, die früheren Besitzverhältnisse auf dem Lande wiederherzustellen und forderten dadurch die Bauern in einer beispiellosen Weise heraus. Sie standen von nun an auf verlorenem Posten. Denn die Abwendung der Bauern von den Bolschewiki bedeutete keineswegs, dass sie sich von den Idealen der Revolution abgewendet hatten. Der Hass gegen das 'alte Regime' und alle seine Erscheinungsformen, stellte auch weiterhin bei den russischen Unterschichten die allesbeherrschende Emotion dar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2018 - Geschichte

Vor siebzig Jahren tagte auf Herrenchiemsee der Verfassungskonvent, der das Grundgesetz formulierte. In der SZ besingt Heribert Prantl die Mütter und Väter der demokratischen Grundordnung, die heute allesamt in Vergessenheit geraten sind: "Nehmen wir, als Exempel, Rudolf Katz: Er war bis 1933 jüdischer Anwalt in Altona, dann Berater von Chiang Kai-shek in China, dann Zeitungsredakteur in New York; als SPD-Justizminister in Kiel stellte er ab 1946 viele Alt-Nazis ein, weil er glaubte, so ließe sich das Misstrauen der Deutschen gegen Emigranten wie ihn abbauen. 1951 wurde Katz Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts. Ein deutsches Leben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2018 - Geschichte

Mit Blick auf den gestrigen 75. Jahrestag des Aufstands von Treblinka fragt der Judaist Stephan Lehnstaedt in der SZ: "Wenn ausgemergelte, unbewaffnete und unterdrückte Insassen von Treblinka gegen den Genozid kämpfen konnten, warum tat es dann sonst niemand?" Er fordert eine neue Debatte: "Was bedeutet es, wenn ein ganzes Volk zugesehen, zugestimmt und sogar mitgemacht hat, als ein Völkermord stattfand? Und warum ist weniger als ein Promille dieser Menschen dagegen aufgestanden oder hat den Juden zumindest im Stillen geholfen? Diese zentralen Fragen jeder historisch-politischen Bildung sind bisher überhaupt nicht gesellschaftlich gestellt, geschweige denn beantwortet worden, obwohl sie eine universelle Bedeutung haben: Wie verhalten wir uns bei Not, Unrecht und Verfolgung von anderen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2018 - Geschichte

Der sozialdemokratische neue Ministerpräsident Spaniens, Pedro Sanchez, will die Überreste des spanischen Diktators Franco aus dem "Tal der Gefallenen", einem pompösen Bauwerk zum Gedenken an Francos Sieg nahe Madrid, entfernen lassen, schreibt Diego Torres in politico.eu. Das Monument des Klerikalfaschismus mit seinem 150 Meter hohen Kreuz soll so von einem Schrein zu einem Ort des Gedenkens werden: "Der 1959 eingeweihte Ort wurde vom Franco-Regime als Ort der Versöhnung dargestellt - obwohl er eindeutig die siegreiche Seite des Krieges und seinen Führer verherrlichen sollte. Etwa 12.500 der dort begrabenen Menschen sind nicht identifiziert. Nach seinem Tod wurde der Diktator in der Mitte der Hauptkrypta der Basilika begraben. Vor ihm liegt José Antonio Primo de Rivera, der Gründer von Falange, der wichtigsten faschistischen Partei in Spanien, die während des Krieges von den Republikanern hingerichtet wurde. Jedes Jahr am 20. November, dem Tag, an dem Franco starb, versammeln sich Hunderte von Unterstützern, um ihm Tribut zu zollen." Allerdings, so Torres, gibt es in Spanien kaum mehr Sympathien für das Franco-Regime, ein Großteil der Bevölkerung unterstütze den Plan.