9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2018 - Geschichte

In der Berliner Zeitung springt Arno Widmann für die Sozialdemokratie in die Bresche: Dass die Republik 1919 gegen alles, was links von ihr stand, vorging, war rabiat, aber vernünftig: "Friedrich Ebert und die von ihm geführte Sozialdemokratie haben nicht die Arbeiterbewegung verraten. Sie haben sie gerettet. Freie Gewerkschaften, freie politische Betätigung hätte es in einem rätesozialistischen Deutschland nicht gegeben. Das wussten die Zeitgenossen nur zu gut. Die Entwicklung in der Sowjetunion stand ihnen deutlich vor Augen. Zehntausende Flüchtlinge hatten nicht nur viel zu erzählen. Schon ihre bloße Anwesenheit zeigte jedem, der Augen hatte, wie es um Freiheit und Demokratie in jenem Land aussah, das die Kommunisten als ihr Ideal betrachteten. Die Revolution von 1918/19 ist nicht auf halber Strecke stehen geblieben. Sie wurde gestoppt, bevor sie dazu übergehen konnte, ihre Kinder zu fressen. Das ist das große Verdienst der Sozialdemokratie."

Der kanadische Soziologe Michal Bodemann fragt, warum die Progromnacht vom 9. November 1938 auch unter die deutschen Schicksaldaten subsumiert wird. Es sei doch ein jüdisches Schicksalsdatum. Überhaupt passt ihm das ganze "Gedächtnistheater" nicht: "Sowohl für den 10. November wie auch für den 27. Januar gilt, dass die real existierenden, in Deutschland lebenden Juden nur Rollen als Statisten in diesem Gedächtnistheater übernehmen. Denn bislang wurde kein heute in Deutschland lebender Jude, keine Jüdin gebeten, in einer Gedenkstunde des Bundestags zu sprechen. Diese Rolle im Gedenken aber reflektiert deutlich ihre Position in der deutschen Gesellschaft insgesamt: Sie sind vermittels ihrer legitimatorischen ideologischen Arbeit eng an das politische System und sein 'christlich-jüdisches', den Islam ausschließendes Selbstverständnis gebunden. Sie suchen aber auch selbst die Anbindung an Zentren politischer Macht."

Ebenfalls in der taz erinnert Johanna Roth an die große Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Marie Juchacz, die im Februar 1919 als erste Frau für die SPD im Reichtstag das Wort ergriff und wenige Monate später die Arbeiterwohlfahrt. Daneben beklagt auch die Historikerin Hedwig Richter die fehlende Erinnerung an die Vorreiterinnen von Frauenwahlrecht iúnd Demokratie: "Meine britischen Kolleginnen sind seit Monaten mit Veranstaltungen rund um das Jubiläum beschäftigt. Vor dem Westminster Palace wurde ein Denkmal der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett enthüllt. In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares."

In der NZZ berichtet Marion Löhndorf, dass der Regisseur Peter Jackson für das Imperial War Museum Aufnahmen aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in Farbe und digital remastered hat: "Hundert Jahre alte Aufnahmen von englischen Soldaten im Einsatz an der Westfront, Synonym für den schlimmsten Kriegsschauplatz des Ersten Weltkriegs. Sie bewegen sich ohne Stummfilmflackern in natürlicher Geschwindigkeit und haben sogar ihre Stimmen wiedergefunden. Sie leben, sprechen - und sterben. Das zu sehen, ist unheimlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2018 - Geschichte

Novemberrevolution, Pogrom 1938, Mauerfall: Das offizielle Deutschland tut sich schwer mit der Ambivalenz des heutigen Gedenktags, schreiben Stefan Reinecke und Klaus Hillenbrand in der taz in der Eröffnung eines Dossiers über den 9. November. Einige der Errungenschaften, die mit dem 9. November verbunden sind, benennt die taz unter anderem mit "Beginn der Sozialpartnerschaft" (hier), "Abschied von den adligen Privilegien" (hier), "Endlich Frauenwahlrecht" (hier). Und hier thematisiert Mark Jones die Gewalt, die vor allem die Linke zerriss, die Jones aber vor allem den Sozialdemokraten zurechnet, die mit rechtsextremen Freicorps kooperierten: "Heute wäre der Tag, um zu reflektieren, wie aus den Hoffnungen des 9. November 1918 die Mordnacht des 9. November 1938 werden konnte. Doch im offiziellen Gedenken sind die beiden Daten nahezu unsichtbar. Das ist bemerkenswert. Des 500. Jahrestags der Reformation wurde 2017 ausführlich gedacht, sogar mit einem einmaligen bundesweiten Feiertag. Der 9. November 1918 und der 1938 werden offiziell nur mit einem Bruchteil jener Aufmerksamkeit bedacht. Dass die SPD ausgerechnet 2018 ihre Historische Kommission aufgelöst hat, ist ein bitterer Scherz." In dem Dossier der taz denkt Andreas Fanizadeh außerdem über die Kunstzene jener Zeit und die Revolution nach. Und Stefan Reinecke rekonstriert die Ausrufung der Republik.

Außerdem in der taz: Die Historikerin Christina Morina fragt, was jenseits der verklärten Erinnerung von Rosa Luxemburg bleibt. Der sozialdemokratische Historiker Meik Woyke und sein Linksparteikollege Uwe Sonnenberg streiten über das Erbe der Revolution.  Uwe Rada und Dagmara Jajeśniak-Quast beleuchten den Streit um die  preußische Provinz Posen, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen war.

Der 9. November 1918 sollte als deutscher Nationalfeiertag gewürdigt werden, fordert Heribert Prantl in der SZ. Aber die deutsche Demokratie schäme sich: "Die deutsche Demokratie geniert sich ihrer Herkunft, weil die von der Revolution geschaffene Weimarer Republik 'zusammenbrach'. Sie geniert sich, weil die 1918er-Revolution die Nazis nicht verhindert hat. Aber diese Vorwürfe sind ungerecht. Die Republik ist nicht zusammengebrochen, sie wurde von ihren Feinden umgebracht. Und die Weimarer Verfassung war besser, als es ihr Ruf heute ist." Das Feuilleton der FAZ  bringt es fertig, zum Revolutionsjubiläum ein ganzseitiges Interview mit Georg Friedrich Prinz von Preußen, dem Chef des Hauses Hohenzollern, zu bringen, der glatt die Demokratie verteidigt.

Weitere Artikel: Die Novemberpogrome hätten ihn nicht überrascht, erzählt der 1922 geborene Walter Strauss, der erst 1939 nach Liechtenstein fliehen konnte, in der NZZ: "Überall sei die Wochenzeitung 'Der Stürmer' aufgelegen, die nur eine Botschaft kannte: 'Die Juden sind unser Unglück.' Die Propaganda verfehlte ihre Wirkung auch bei den Verfemten nicht. 'Wenn Sie diesen Hass täglich erleben, fühlen Sie sich irgendwann selber minderwertig', so der 96-Jährige." In der Welt erinnert Wolf Lepenies an Georges Clemenceau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2018 - Geschichte

Julius Schoeps, Gründungsdirektor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien, erinnert im Tagesspiegel an die Pogromnacht im November 1938 und sucht nach Gründen, weshalb so gut wie niemand aus der Bevölkerung zur Gegenwehr ansetzte: "Wohl ein entscheidender Grund, warum sich die Bevölkerung so verhielt, war unter anderem das defensive Verhalten der Kirchen, die sich zu den Vorgängen nicht äußerten - oder sie gar begrüßten. So bejubelte etwa der thüringische Landesbischof Martin Sasse die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Deutschland brennenden Synagogen. Am 23. November verschickte er an seine Amtskollegen eine Zusammenstellung aus Luthers Hetzschrift 'Von den Juden und ihren Lügen', versehen mit der Überschrift 'Martin Luther und die Juden: Weg mit Ihnen!'"

Der Filmregisseur Georg Stefan Troller, 1921 geboren, erzählt im Interview mit Peter-Philipp Schmitt im politischen Teil der FAZ, wie er sich vor den Nazis in Wien in der "Reichspogromnacht" versteckte und mit ansah, wie ein älterer jüdischer Nachbar von einem SA-Mann drangsaliert wurde, weil er bei Kniestützen nicht schnell genug war: "Dann brüllte er: 'Was bist du?' Der alte Mann sagte: 'Ich bin Invalide aus dem Weltkrieg.' Noch ein Faustschlag: 'Was bist?' - 'Ich bin ein hochdekorierter...' Wieder ein Faustschlag: 'Was bist?' - 'Ich bin ein Sau-Jud.' - 'Na, also.' Das war der Triumph. Die Juden mussten sich mit hingehaltenem Steiß zu ihrer Minderwertigkeit bekennen, erst dann war der Orgasmus der Sadisten perfekt. Irgendwo war auch mein Vater dabei, wenn auch nicht bei diesem Haufen."

In der NZZ widerspricht der Historiker Peter Reichel der Ansicht, dass die Weimarer Republik keine Zukunft hatte. Die SPD hätte sich als stärkste Reichstagsfraktion um Regierungsstabilität bemühen müssen, meint er: "Trotz der latenten Bürgerkriegsgefahr, trotz den wiederholten Appellen des Reichspräsidenten Friedrich Ebert ließ sich die durch Spaltung und Stimmenverluste geschwächte SPD, aber mit beständig über 20 Prozent stets stärkste Parlamentsfraktion nicht bewegen, kontinuierlich den Kanzler zu stellen, die Regierung zu führen und die Republik in den unruhigen frühen 1920er Jahren gouvernemental zu stabilisieren. Nach dem Zusammenschluss mit der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) war ihr die Überwindung der eigenen inneren Spaltung wichtiger." Und in der Welt würdigt Henryk M. Broder noch einmal die historischen Verdienste der SPD, um sie dann endgültig zu beerdigen.

Bei den Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag des französischen Siegs im Ersten Weltkrieg hat Emmanuel Macron über Philippe Pétain gesagt: "Man kann ein großer Soldat des Ersten Weltkriegs gewesen sein und während des Zweiten schreckliche Entscheidungen getroffen haben". Das reichte, um Empörung über die angebliche Rehabilitation Pétains, der das Kollaborationsregime unter den Nazis führte, auszulösen. Dabei sagt Laurent Joffrin in seinem viel zitierten Libération-Kommentar über die angebliche Ehrenrettung Pétains im Grunde nichts anderes: "Nicht, dass das Handeln Pétains während des Ersten Weltkriegs unterschätzt, geschweige denn ignoriert werden sollte. Als Oberbefehlshaber in Verdun organisierte er die Verteidigung, indem er versuchte, die französischen Truppen durch eine bessere Versorgung und durch ein Rotationssystem zu schonen, das die Kampfzeiten an der Front die Truppen begrenzte." Für dieses Rotationssystem, das dem einzelnen Soldaten eine Überlebenshoffnung gab, wurde Pétain nach dem Krieg geliebt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2018 - Geschichte

Die taz bringt heute eine weiß-blaue Spezialausgabe zu Bayern. Anlass sind die neue Regierung, aber auch der Jahrestag der Räterevolution und die Gründung der Republik unter dem "verkannten" Kurt Eisner, an den Julian Weber sehr schön erinnert: "Spät nachts am 7. November dringt noch eine Gruppe mit Eisner in den Landtag ein, und dieser ernennt sich dort zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten. Spontan bildet sich auch ein Arbeiter- und Soldatenrat (RAR), der bis Ende April 1919 die treibende Kraft der bayerischen Räterevolution bleiben soll. Die wichtigsten Beschlüsse von Eisner und den Räten: Einführung des Frauenwahlrechts, Festlegung des achtstündigen Arbeitstages, Verabschiedung eines Betriebsrätegesetzes, das die Mitbestimmung in den Betrieben regelt, Einführung einer gesetzlichen Kündigungsfrist, Ende des Kriegszensurrechts, Abschaffung der Prügelstrafe in der Schule, Beendigung des Zölibats für Lehrerinnen, Säkularisierung der Lehrpläne, Einrichtung eines Ministeriums für soziale Fürsorge..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2018 - Geschichte

Die Blicke der Le-Monde-Korrespondentin Lætitia Béraud richten sich nach Kiel. Die Deutschen feiern nämlich nicht den Jahrestag der Niederlage im Ersten Weltkrieg, "die noch heute als Ursprungskatastrophe angesehen wird, die zur Nazi-Barbarei führte": "Jenseits des Rheins feiert man lieber die Novemberrevolution, bei der sich die Seeleute weigerten, in die Schlacht zu ziehen, bald gefolgt von einer breiten Protestbewegung, die das Reich in einer Woche zu Fall brachte. Quer durchs Land finden Ausstellungen, Theaterstücke und Konferenzen statt. In Kiel, der Hafenstadt, aus der der Umsturz hervorging, sieht man sich heute als Wiege der deutschen Demokatie."

Der Neubeginn war allerdings von vornherein vergiftet, ruft Heinrich August Winkler auf der Gegenwartsseite der FAZ in Erinnerung:  "Am Anfang stand eine Dolchstoßlegende.Im September 1918 war der faktische Chef der Obersten Heeresleitung, Generalquartiermeister Erich Ludendorff, zu der Einsicht gelangt, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Die Verantwortung hierfür sollte aber nicht die militärische Führung übernehmen, sondern die 'Mehrheitsparteien' des Reichstags, die Sozialdemokraten, das katholische Zentrum und die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei, die sich im Juli 1917 in einer Resolution für einen Verständigungsfrieden ohne erzwungene Gebietsabtretungen ausgesprochen hatten. Am 29. September überzeugte Ludendorff Kaiser Wilhelm II. von diesem Kalkül."

Um 1968 im Westen wurde in diesem Jahr ein ziemliches Bohei gemacht. Verglichen damit war die Erinnerung an den Prager Frühling eher mau, konstatiert die Autorin Alena Wagnerová, die in der NZZ ihren Teil zu einem ausgewogeneren Rückblick beiträgt und nebenbei die revolutionäre deutsche Linke von damals an ihre unrühmlich Rolle erinnert: "Wie oft habe ich damals von den Linken an der Universität des Saarlandes gehört, der Prager Frühling sei eine Konterrevolution und der Einmarsch der Sowjets eine Notwendigkeit, um den Sozialismus zu retten. Und vor diesem Tribunal war man ohnmächtig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2018 - Geschichte

Vor achtzig Jahren fand die Konferenz von Evian statt, wo die Staaten über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge verhandelten und sich entschlossen, schlechterdings niemanden aufzunehmen. Davon handelt eine Veranstaltung des Jüdischen Zukunftskongresses, der gerade in Berlin statt findet. Dinah Riese unterhält sich in der taz mit Marina Chernivsky vom Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland über das Thema: "Die Gleichgültigkeit und die Bürokratie haben damals verheerende Folgen gehabt. Später hat sich ein beispielloser Völkermord ereignet, im Herzen Europas, unter Beobachtung der Weltgemeinschaft. So etwas kann sich nur ereignen, wenn normative und moralische Grenzen sich schon davor verschoben haben: Dass man Jüdinnen und Juden verfolgen kann, diese Verschiebung war in der Gesellschaft schon verankert. Die Grenzen zwischen Gruppen werden hergestellt, sie entstehen nicht auf natürlichem Wege. Wenn sie erst einmal zementiert sind, ist die Gleichgültigkeit vorprogrammiert." Mehr zur Konferenz von Evian hier. Ebenfalls in der taz schreibt Klaus Hillenbrand über die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland vor achtzig Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2018 - Geschichte

Grünen-Chef Robert Habeck, der auch Autor des Theaterstücks "Neunzehnachtzehn" ist, versichert in der Welt, dass sich selbst die Admiralität in Kiel nicht mehr schwer damit tut, an die Novemberrevolution zu erinnern: "Und zur Uraufführung saßen lauter Offiziere in Uniform in der ersten Reihe und klatschten, als die Sozialistische Republik Schleswig-Holstein ausgerufen wurde. 2011 wurde der Bahnhofsvorplatz auf den Namen Platz der Matrosen getauft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2018 - Geschichte

Berlin ist erst nach 1945 gemordet worden, meint in der FAZ die Historikerin Stefan-Ludwig Hoffmann unter Bezug auf ein berühmtes Buch von Wolf-Jobst Siedler: "Die Großstadtfeindschaft überlebte die Ruinierung der Metropolen durch Nationalsozialismus und Weltkrieg. Mehr noch, in einer absurden Umkehrung wurde die Großstadt selbst für Krieg und Zerstörung verantwortlich gemacht. Das ungeordnete Chaos der Metropolen, die soziale Verelendung und Vermassung habe die Vernichtung herbeigeführt, deshalb wurde die Mietskasernenstadt durch die Nachkriegsmoderne ersetzt."
Stichwörter: Berlin, Nachkriegsmoderne, Siedler

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2018 - Geschichte

In der SZ zweifelt Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg, am Willen der Bundesregierung, sich mit dem kolonialen Erbe Deutschlands auseinanderzusetzen. Anlass dafür ist ein etwas ungeschicktes Interview, das der persönliche Afrikabeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke kürzlich der BZ gab. "Auch das Humboldt Forum, in gefährliche Turbulenzen geraten durch seine Weigerung, sich der kolonialen Amnesie auch nur zu stellen, scheut die offene Debatte mit Kritikern im In- und Ausland. Man wählt lieber selbst aus, mit wem man diskutiert. Derweil hält der neue Intendant Hartmut Dorgerloh die Planung funktionierender Rolltreppen für wichtiger als inhaltliche Debatten über das (post-)koloniale Erbe. Verständlich, denn es braucht Manager, und er steht unter enormem Zeitdruck, dennoch: Zukunft geht anders."

Außerdem: Marion Hahnfeldt besucht für die Welt Kory Darnall in Iowa, der sich für die Erinnerung an die 200.000 deutschen Einwanderer einsetzt, die im amerikanischen Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei kämpften.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2018 - Geschichte

Im Interview mit der SZ erklärt der Historiker Jörn Leonhard die Entstehung der Nachkriegsordnung von 1918 bis 1923 - ein Thema, über das er auch ein Buch verfasst hat: "Der überforderte Frieden". Warum der letzte Satz darin lautet: "Wie es vielleicht gewesen ist: So müsste man beginnen." erklärt er so: "Ich habe dieses Buch auch geschrieben, um zu verstehen, wo die Wurzeln der aktuellen Multipolarität liegen, der Unübersichtlichkeit der Welt. Dafür ist 1918 - 23 ein echtes Scharnier. Vor allem wollte ich die Offenheit des historischen Moments verteidigen: dass man die Möglichkeit der vielen Entwicklungen ernst nehmen muss, die vergangenen Zukünfte. Wer allein von 1933 und 1939 her zurück auf 1918/19 sieht, verengt diese Offenheit zur Zwischenkriegszeit, verstellt den Blick auf die vielen nicht eingetretenen Wirklichkeiten. Sie gehören aber zum Möglichkeitshorizont der Zeitgenossen."

Außerdem: Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Ausstellung "Vertrauensfragen - Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918-1924" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Und Frithjof Benjamin Schenk sucht, ebenfalls für die FAZ, im Solowezki-Kloster (mehr hier) am Weißen Meer, wo die Sowjets eines der ersten Arbeitslager errichteten, nach Spuren der Opfer, zu denen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gehörten: "Der schlichte Granitfindling, dessen Aufschrift nicht zwischen der politischen Gesinnung, Nationalität oder Konfession der Opfer des SLON unterscheidet, hat in den vergangenen Jahren Gesellschaft bekommen. Seit 1999 wird der Gedenkort von einem großen, hölzernen Kreuz dominiert, welches das hier erlittene Leid in eine christliche Martyriumsgeschichte umdeutet."