Arno Widmann
schreibt in der
FR über den "
Glücksfall der Revolution von 1918/1919". Die Novemberrevolution stehe im Kontext einer
Republikanisierung vieler Länder nach dem Ersten Weltkrieg - die mit der Republikanisierung Chinas schon im Jahr 1911 angefangen habe, so Widmann, der sich in seinem Essay auf
Robert Gerwarths vielgelobtes Buch "Die größte alle Revolutionen" (
mehr in den Büchern der Saison) bezieht: "So gesehen ging es nicht um den Gegensatz von
Kapitalismus und Sozialismus, wie viele Zeitgenossen und viele Historiker des 20. Jahrhunderts annahmen. Und die deutsche Revolution von 1918/1919 blieb, so betrachtet, nicht auf halbem Wege stehen. Die
Sozialdemokratie unter Friedrich Ebert 'verriet' damals auch nicht die Arbeiterbewegung, sondern
rettete sie. In einem Sowjetdeutschland hätte es keine freien Gewerkschaften mehr gegeben. Abgesehen davon, dass es ein Sowjetdeutschland niemals gegeben hätte, sondern nur einen Bürgerkrieg mehr im Nachkriegseuropa. Mit womöglich einem deutschen Mussolini als Sieger."
In der
NZZ erinnert Roswitha Schieb daran, dass der
Erste Weltkrieg für die Völker Osteuropas eine
Befreiung war: "Es ist erstaunlich, wie durch und durch deutsch (oder österreichisch) die jungen Studenten im Jahr 2018 empfinden, wie sehr sie von ihrer nationalen Geschichtsdarstellung durchdrungen und geprägt sind, wie wenig sie es vermögen, über den eigenen Tellerrand auf die nächsten Nachbarstaaten zu schauen und einen Perspektivwechsel vorzunehmen - und das bei einem Thema, das von Europa handelt. Denn '1918' klingt in anderen Ländern nicht nur nach Soldatenfriedhöfen, nicht nach Niederlage, Demütigung, Zerbrechen von Grossreichen, Ende der Monarchie, allgemeinem Untergang und Anfang vom Ende, sondern nach Befreiung,
Unabhängigkeit und triumphalem Neuanfang."
Es gibt immer mehr
Gedenkorte für die Opfer des Stalinismus in Russland. Meist sind es Tafeln mit den Namen der Opfer - damit kehrt
das Individuum mit seiner Lebensgeschichte zurück ins Zentrum der Erinnerungskultur,
schreibt die Osteuropahistorikerin
Ekaterina Makhotina in der
NZZ. Gleichzeitig wächst aber auch die Zahl der Denkmäler und Gedenktafeln
zu Ehren Stalins. Putin steht dazwischen, gedenkt der Opfer, ohne die Täter zu nennen: "Die Erinnerung an den Stalinismus braucht ein anderes Format", meint Makhotina, "über das Gedenken an die Opfer hinaus. Es braucht zuerst und vor allem ein
Bewusstsein für den Funktionsmechanismus des Stalinismus als politisches und soziales System, das Wissen über den Terror und seine Mitträgerschaft und Mittäterschaft in der Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus ist mehr als eine eindeutige negative juristische Bewertung von Stalins Figur. Sie braucht die Bereitschaft, sich dem Unbehagen
der Erinnerung zu stellen, einer schmerzhaften Erinnerung. Schmerzhaft nicht nur wegen des Mitgefühls für die Opfer, sondern auch wegen des Wissens um eine Gesellschaft, in der der eine
von der Not des anderen profitierte und sozial aufstieg, in der nach 'nationalen Verrätern' oder der 'fünften Kolonne' gesucht - und denunziert - wurde."