9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2019 - Geschichte

Die Berliner Zeitung hat die Rede des Historikers Götz Aly zum 74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz online gestellt: "Mir bleibt rätselhaft, wie der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland zu folgender Forderung fand: Auch 'wir haben das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen'. Ich verspüre kein solches Bedürfnis. Warum das so ist, erkläre ich Ihnen am Beispiel des Feldwebels Werner Viehweg. Er wurde 1912 geboren und wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Sein Vater verlor 1933 sofort seine Stellung als Bezirksoberschulrat im sächsischen Löbau; 1945 wurde er als Ministerialrat in Dresden reaktiviert. Doch dokumentiert das Kriegstagebuch, das Werner Viehweg 1941/42 in Polen und Russland führte, wie regimekonform er und auch seine beiden Brüder waren - trotz sozialistischer Erziehung..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2019 - Geschichte

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wird immer zersplitterter, beobachtet Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Heute möchte jede Opfergruppe - Polen, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas - sein eigenes Denkmal. "Das war früher in der DDR und in den Jahren nach der Wende harmonischer", sagt Eschebach im Interview mit der FAZ. Einige Polen trugen am Jahrestag der Befreiung im vergangenen Jahr "Armbinden mit dem Abzeichen 'NSZ' (Narodowe Sily Zbrojne, Nationale Streitkräfte). Das ist eine antisemitische, rechte Untergrundorganisation in Polen, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges partiell auf der Seite der Deutschen gekämpft hat. Einige der anwesenden Frauen waren völlig entsetzt und sagten, es könne doch nicht sein, dass hier Faschisten rumlaufen. Die polnische Botschaft hat mir dann gesagt, dass weibliche Angehörige dieses Verbandes in Ravensbrück gefangen waren. Die waren also da, um ihre eigenen Opfer zu betrauern. Und das ist natürlich eine interessante Frage: Ist es überhaupt akzeptabel, dass Gäste mit den Abzeichen antisemitischer Verbände ihrer Toten in Ravensbrück gedenken?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2019 - Geschichte

Alexandra Mostýn erinnert in der taz an die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz - und zieht aus heutiger Sicht ein deprimierendes Fazit: "Das realsozialistische Regime ist aber nicht an Märtyrern wie an Jan Palach zerbrochen. Sondern an der eigenen Unzulänglichkeit. Die Gleichgültigkeit, aus der Palach wachrütteln wollte, hat es aber überlebt. Es sind nicht die Dissidenten von damals, die heute die Geschichte Tschechiens schreiben. Es sind die Wendehälse. Die, die dank der gesellschaftlichen Apathie, die Palach zu seinem Opfer zwang, Karriere gemacht haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2019 - Geschichte

In der NZZ schreibt Oliver Jens Schmitt über das Ende des Ersten Weltkriegs in Osteuropa: "Beim Gedenken an 1918 geht es um viel mehr als bei der Debatte um 1914. Und es handelt sich um Entwicklungen, die nicht auf einen europäischen Nenner gebracht werden können. Zu tief ist der Gegensatz zwischen dem Westen einerseits, der Mitte und dem Osten des Kontinents andererseits sowie zwischen Siegern und Verlierern. Die Verbindung von 1918 zu heute ist unmittelbar. Damit entstand in Grundzügen die heutige politische Landkarte des Kontinents."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ erinnert Urs Schoettli - mit Blick auf Ministerpräsident Shinzo Abe - daran, wie Japan während der Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert den Anschluss an die Moderne fand, der dann allerdings im Nationalismus endete.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2019 - Geschichte

Hundert Jahre nach ihrer Ermordung würdigt in der taz Stefan Reinecke Rosa Luxemburg: "Sie maß die Kommunisten an ihren eigenen Versprechungen - und fürchtete 'eine deformierte Revolution weit mehr als erfolglose', so ihr Biograf Peter Nettl. Für ihr Nachleben war ihr Tod, man muss es so sagen, Glück. Sie wurde zur Märtyrerin der Linken. Die Wahl, in der autoritären KP zu bleiben und sich selbst damit als Intellektuelle auszulöschen, oder zur einflusslosen Renegatin zu werden, blieb ihr erspart." Na, sie hätte doch auch in die SPD gehen können!

Die SZ widmet ihren Leitartikel auf dem Platz des Himmlischen Friedens (der Seite 4 der SZ) ebenfalls Rosa Luxemburg. Joachim Käppner greift ihren berühmten Satz "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" auf und stellt klar: "Zunächst und vor allem galt er der revolutionären Bewegung, nicht dem Klassenfeind." Für den Klassenfeind hatte sie anderes vorgesehen: "Sie verfasste Wuttiraden gegen die Nationalversammlung, den Parlamentarismus, gegen das Prinzip der Mehrheitsbeschlüsse. Sie wollte Revolution - und zwar keine friedliche mit Lichterketten; sie hielt Gewalt für legitim..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2019 - Geschichte

Fast auf den Tag genau vor hundert Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Die FAS lässt ausgerechnet den Autor Uwe Soukup, einst Redakteur der Jungen Welt und gern gesehener Gast beim Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, über das Thema schreiben (hier redet Soukup bei einem KenFM-Talk über den "Tiefen Staat" zum Thema SPD). "Noske, der wird schießen", überschreibt er seinen Artikel. Ob und wie genau der Sozialdemokrat Gustav Noske an den Morden beteiligt war, kann Soukup in seinem Artikel letztlich nicht erhärten. Aber er fragt, ob die Verantwortung nicht noch auszudehnen wäre: "Zu der Frage, ob man Friedrich Ebert, immerhin über Monate Vorgesetzter von Noske, nicht in die Kritik einbeziehen müsse, äußerte ein SPD-Sprecher, eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei an dieser Stelle angebracht. Geschichtliche Ereignisse müssten aber auch aus der Zeit heraus betrachtet werden: 'So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.' Das Blutvergießen - hatte es nicht mit den Morden an Luxemburg und Liebknecht erst richtig begonnen? Tausende starben in den nächsten anderthalb Jahren durch Freikorps-Exzesse." Mit anderen Worten: Die SPD ist Schuld an allen kommenden Desastern?

Weiteres: In der taz empfiehlt Stefan Reinecke eine Reihe mit Filmen zu Rosa Luxemburg im Berliner Arsenal-Kino. In der SZ erinnert Benedikt Franz an die Ausstrahlung der "Holocaust"-Serie vor vierzig Jahren, die das bundesdeutsche Publikum erstmals massiv mit der deutschen Schuld konfrontierte - die Dritten Programme haben sich entschlossen, von ihrer heutigen Irrelevanz abzuweichen, und wiederholen die Serie in diesen Tagen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2019 - Geschichte

Daniel Schneiderman ist ein bekannter Medienjournalist in Frankreich, der der üblichen Linken angehört und also nicht gerade als ein Freund Bernard-Henri Lévys bezeichnet werden kann. Und doch preist der stets zu Großherzigkeit fähige Lévy Schneidermans neues Buch, das auch in Deutschland auf Interesse stoßen könnte: "Berlin, 1933 - La presse internationale face à Hitler". Was Lévy in den Reaktionen der internationalen Presse auf Hitler begegnet: "Die Gewöhnung an den Antisemitismus schon seit der Weimarer Zeit. Die Vergiftung der besten Köpfe, die - wie Raymond Aron - die 'mangelnde Vorsicht' der deutschen Juden beklagen. Die Idee, dass, nachdem eine Zeitung in Jerusalem erstmals den Namen 'Auschwitz' druckte, die Information parteiisch sein könnte und mit der Pinzette anzufassen sei. Oder die Religion der nackten Fakten, also die Verweigerung der Emotion, die hier ihre grausige Grenze findet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2019 - Geschichte

In der FAZ berichtet Joseph Croitoru von einem Streit um das von der PiS-Regierung geplante geplante Museum zum Warschauer Getto in Polen. Kritiker werfen der Regierung vor, dabei den polnischen Antisemitismus herunterspielen zu wollen. Die PiS-Regierung konnte punkten, als sie den israelischen Historiker Daniel Blatman zur Zusammenarbeit gewann. "In Israel wird Blatmans Entscheidung, den Posten zu übernehmen, massiv kritisiert. ... Havi Dreifuss, Geschichtsprofessorin in Tel Aviv und Mitarbeiterin von Yad Vashem, die schon zu den Kritikern der bilateralen Politiker-Erklärung gehörte, warf ihm in der Zeitung Haaretz vor, er lasse sich für die manipulative Gedenkpolitik der PiS-Regierung instrumentalisieren. ... Haaretz befragte auch Blatman: Man habe ihm alle Freiheit bei der Gestaltung der Ausstellung zugesichert. Es liege ihm daran, die gemeinsame Geschichte von Polen und Juden im Zweiten Weltkrieg darzustellen: 'Ich behaupte nicht, dass beide Volksgruppen das gleiche Schicksal teilten, aber beide lebten unter ein und derselben Besatzung und nicht auf verschiedenen Planeten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2018 - Geschichte

Uwe Rada besucht für die taz im Märkischen Museum Berlin eine Ausstellung zur langen Wirkung der Novemberrevolution 1918. Verena Lueken hat sich für die FAZ das Legacy Museum und das National Memorial for Peace and Justice in Montgomery angesehen, die beide an die Opfer von Sklaverei und Lynchmorden erinnern.
Stichwörter: Sklaverei, Memorial, Justice

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2018 - Geschichte

In der NZZ widerspricht der Germanist Simone de Angelis Hoo Nam Seelman, die in einem vor zwei Wochen erschienenen Artikel die These aufstellte, die europäische Aufklärung sei der Ursprung jenes Denkens, "das Farben mit Rassen kombiniert". (Unser Resümee). Angelis erläutert: "Wie die australische Pazifikhistorikerin Bronwen Douglas festhält, berichteten europäische Reisende des 16. und des 17. Jahrhunderts von einer breitgefächerten Diversität in der Hautfarbe und der Erscheinung der Bevölkerung, die sie auf ihren Expeditionen zum 'Mar del Sur' gesehen hatten. Zeitgenössische Europäer reagierten nicht unsensibel auf Varietäten in der physischen Erscheinung von Menschen. Sie deuteten diese aber als Effekte des Klimas, des Lebensstils, der Lage und der Physiologie von Individuen einer einzigen menschlichen Gattung. Die moderne Idee, dass sich Rassen in untilgbaren körperlichen Merkmalen materialisieren, ist nach Douglas vor 1770 unbekannt. Und auch ab diesem Zeitpunkt sind die Positionen differenziert."