Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 21.06.2004 - New Yorker

Nach seinen sensationellen Recherchen über die Folterungen in Abu Ghraib, untersucht Seymour M. Hersh jetzt die Rolle und die Interessen Israels im Irakkrieg. Er informiert darüber, dass inzwischen "israelische Agenten des Nachrichtendiensts und des Militärs unauffällig in Kurdistan operieren, die Vorsorge für die Ausbildung kurdischer Einheiten treffen, sowie, aus Israels Sicht am wichtigsten, innerhalb der kurdischen Gebiete im Iran und Syrien verdeckte Operationen durchführen. Israel fühlt sich besonders vom Iran bedroht, dessen Position innerhalb der Region durch den Krieg gestärkt wurde. Zu den israelischen Agenten gehören auch Mitglieder des Mossad, Israels geheimem Spionagedienst, die als Geschäftsmänner getarnt in Kurdistan arbeiten und in einigen Fällen keinen israelischen Pass tragen."

Weiteres: Edmund Morris resümiert das "erstaunliche und geheimnisvolle Leben" von Ronald Reagan. Sasha Frere-Jones hat viel Radio gehört und die diesjährigen Sommerhits ermittelt. Nancy Franklin erregt sich über das neue Programmschema von Fox ("Der Sender streicht unsere Sommerferien!"). Michael Egger berichtet über ein "eigenartiges" asiatisches Filmfestival, das ein New Yorker Filmmaniac organisiert und das sich unter anderem auf bizarre japanische Horrorfilme spezialisiert hat. Bruce McCall zählt den olympischen Countdown mit ("Zeus hat dem Finanzausschuss bisher noch keine Antwort auf dessen dringliches Flehen um Ideen gegeben, wie man an eine weitere Milliarde Drachmen wegen unvorhergesehener Mehrausgaben kommen könnte"). Zu lesen ist schließlich die Erzählung "The Plague of Doves" von Louise Erdrich.

Besprechungen: John Updike rezensiert "The Master", einen historischen Roman des Iren Colm Toibin, in dem Henry James zur Hauptfigur avanciert. Louis Menand schließt nicht aus, dass es sich bei der "pedantischen" Geißelung falscher Zeichensetzung "Eats, Shoots & Leaves: The Zero Tolerance Approach to Punctuation" (Gotham) der britischen Autorin Lynne Truss um einen Fake handelt. Denn schon die Widmung enthalte einen Kommafehler und das Vorwort einen falsch gesetzten Apostroph sowie zwei nicht ordnungsgemäß verwendete Semikolons. In den Kurzbesprechungen geht es unter anderem um eine Studie über bestürzende Zustände und Misshandlungen in amerikanischen Auffanglagern für Asylbewerber ("American Gulag").

"Furchtbar komisch" findet David Denby "Fahrenheit 9/11", Michael Moores "Attacke" auf die Bush-Regierung, allerdings mit Einschränkungen. "Die meisten bedeutenden Dokumentarfilmer bemühen sich zumindest - wie unzulänglich, kompromisshaft oder vergeblich auch immer - um ein vielschichtiges Verständnis einer komplexen Situation. Michael Moore gehört nicht dazu und will es auch gar nicht. (...) Er entlarvt wenig Neues, sondern peppt auf, was er bereits weiß; er fordert den Zuschauer nicht heraus oder überzeugt ihn, sondern amüsiert oder irritiert ihn. Er ist ein viel zu schlampiger Intellektueller, um mehr als die schon längst Überzeugten zu überzeugen, zu eifrig bemüht, das Feuer das berechtigten Zorns mit einem weiteren amüsanten Scheit anzuheizen."

Nur in der Printausgabe: eine Zwischenbilanz von Arnold Schwarzeneggers "supermoderater" Rolle als Gouverneur und Lyrik von Zbigniew Herbert.

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - New Yorker

In einem wunderbaren Essay untersucht Joan Acocella die Ursachen von Schreibblockaden bei Schriftstellern. Historisch weit ausholend und viele prominente Beispiele zitierend, stellt sie darin auch die im Lauf der Zeit entstandenen diversen psychologischen und sogar biologischen Erklärungsversuche vor. Schon der Begriff Blockade, aber auch die Beschreibung dessen, was da blockiert wird, sei noch immer schwer zu fassen. Außerdem fragt sie sich: "Wenn ein Alkoholiker mit dem Schreiben aufhört, nennen wir das dann Blockade oder Alkoholismus? (Oder anders: Hemingway etwa litt an Depressionen.) Solchen Fällen fehlt die düstere Würde, die man gewöhnlich mit der Blockade verbindet."

Ansonsten ist in dieser Doppelnummer viel Literatur von Menschen ohne Schreibhemmung zu lesen. So Erzählungen von Aleksandar Hemon und Alice Munro und unter dem Sammeltitel "Holidays" Texte von Junot Diaz, T. Coraghessan Boyle, Zadie Smith, Charles D?Ambrosio und Susan Orlean.

In einer ausführlichen Rezension analysiert Ian Buruma die "zwei Denkweisen" von Bernard Lewis, einem der bedeutendsten Islamkenner der Gegenwart (mehr hier). Dessen jüngstes Buch "From Babel to Dragomans" (Oxford) versammelt Essays aus den letzten 50 Jahren. Lewis, schreibt Burmua, sei dann am besten, wenn er "die westliche Doppelmoral im Umgang mit der nicht-westlichen Welt entlarvt". Doch wenn es um Politik geht, könne "ein gelehrter Geist, der die großen historischen Fragen aus olympischen Höhen betrachtet" gelegentlich Dinge übersehen, die "erdnäher" seien.

Die Kurzbesprechungen loben unter anderem eine Biografie von Glenn Gould. Besprochen werden des weiteren zwei neue Fernsehserien: "The Jury" und "Summerland", und Anthony Lane weist auf eine Retrospektive mit Filmen von Ingmar Bergmann hin.

Nur in der Printausgabe: Ein Porträt des 2001 gestorbenen Schriftstellers Ken Kesey ("Einer flog über das Kuckucksnest", mehr hier), zwei weitere Erzählungen von Alice Munro und Lyrik von Charles Simic, Elaine Equi und Linda Gregg.

Magazinrundschau vom 01.06.2004 - New Yorker

Als großen "Manipulator" porträtiert Jane Mayer den wohlhabenden irakischen Bankier und Schiiten Ahmad Chalabi, der seit Jahren an Saddam Husseins Sturz gearbeitet hat. Mayer trägt noch einmal jene "faulen Geschichten" etwa über irakische Massenvernichtungswaffen und eine Verbindung Saddams zu Al Qaeda zusammen, mit denen Chalabi die amerikanische Regierung beliefert hat und die schließlich zur offiziellen Begründung für den Irakkrieg wurden. Die politische Zukunft des inzwischen unbequem gewordenen Informanten, schreibt sie, sei derzeit indes mehr als ungewiss.

In einem Essay denkt Roger Angell über familiäre Erinnerungen nach und erzählt dabei Teile seiner Familiengeschichte ("Erinnerungen sind Fiktion - anekdotische Versionen bestimmter Szenen oder vergangener Ereignisse, die wir für den aktuellen oder zukünftigen Gebrauch speichern"). In einer Glosse macht sich Evan Eisenberg über Bush als "Ohrensesselkrieger" lustig ("Der Ohrensesselkrieger hat keine Angst vor dem Tod, vor allem nicht vor dem anderer Leute"). Henry Hertzberg kommentiert die Rolle des Glaubens im Präsidentenamt. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Suckers" von V.S.Naipaul (mehr).

Besprechungen: Jonathan Rosen beschreibt anlässlich von Veröffentlichungen zum 100.Geburtstag von Isaak B. Singer am 14. Juli wunderbar detail- und kenntnisreich, wie der jiddische Schriftsteller sich in die amerikanische Literatur einführte. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch über das "mörderische Meer". Peter Schjeldahl stellt zwei Ausstellungen mit Arbeiten der inzwischen 92-jährigen amerikanischen Malerin Agnes Martin (mehr hier) vor. Alex Ross schreibt über ein einwöchiges Festival, das anlässlich seines 50. Todestags den Komponisten Charles Ives feierte. John Lahr freut sich über die Wiederaufnahme des "subtilen und brillanten" Stücks "Sight Unseen" von Donald Margulies. Und Anthony Lane widmet seine Filmbesprechung heute ausschließlich Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow". "Dieser Film beschert uns fraglos das Vergnügen, das Empire State Building in das weltgrößte Eis am Stiel verwandelt zu sehen und lässt uns dann für dieses Vergnügen zahlen, indem er uns belehrt, was für verantwortungslose Bürger wir gewesen sind. Das lasse ich mir vielleicht gerade noch Politikern sagen, nicht aber, fürchte ich, von dem Mann, der ‚Stargate’ gemacht hat."

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über mögliche Veränderungen beim amerikanischen Fernsehsender PBS durch Bemühungen um mehr "Balance" und Lyrik von Jack Gilbert und Maxine Kumin.

Magazinrundschau vom 24.05.2004 - New Yorker

In einer wunderbaren, historisch wie schiffbautechnisch ausholenden Reportage, berichtet Simon Schama über seine Fahrt auf der Queen Mary 2, die seit vergangenen April auf der legendären Passage Southampton - New York verkehrt. Doch obgleich dort alles "Größe und Vornehmheit" ausstrahlt, bestehen doch entscheidende Unterschiede gegenüber ihren Vorgängern, etwa der "Britannia", meint Schama. "Mitte des 18. Jahrhunderts bestand ein ordentliches Frühstück aus Steak und Haxe", was ihr Betreiber "wohl für einen erfreulicheren Start in den Tag auf wogender See hielt als dünnen Tee, abgestandenen Kaffee und ausgetrocknete Croissants. Und jeder, der sein Leben lang auf den Moment gewartet hat, in dem er in seinem leinenbezogenen Liegestuhl die Lektüre von Anita Loos oder Evelyn Waugh unterbrechen kann, um bei einem Steward eine dampfendheiße Bouillon zu bestellen, wird darauf noch ein bisschen länger warten müssen: Auf der Queen Mary 2, bedaure ich berichten zu müssen, gab es keine Bouillon."

Weiteres: William Finnegan porträtiert den Verfassungsrechtler Barack Obama, der für den Senat kandidiert. Gary Giddins erinnert an die "anhaltende Anziehungskraft" der Musik von Glenn Miller und Fats Waller, die seiner Ansicht nach mehr gemeinsam haben, als man angesichts ihrer offenkundigen Unterschiede meinen könnte. Ben McGrath informiert über Pläne für eine New York City Hall of Fame in Queens, in der ausschließlich in und für New York bedeutende Persönlichkeiten, auch nichtprominente, Einzug halten sollen. Kevin Conley verfolgte die Preisverleihung an das Stuntpersonal von Hollywood. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Secret Goldfish" von David Means.

Besprechungen: Adam Haslett bespricht Publikationen über die Entstehung der modernen Ehe und die Homoehe, die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Stalin-Biografie. Paul Goldberger kritisiert das neue National World War II Memorial in Washington ("will majestätisch sein, ist aber nur ein zu groß geratener Platz"; Bilder hier). John Lahr bespricht die Theaterstücke "Boy" und "Light Raise the Roof". Und David Denby sah im Kino" die satirische Komödie "Saved!", ein Debüt von Regisseur Brian Dannelly, und Mario Van Peebles' "Baadasssss!" ("anstrengend und bis zur Erschöpfung vergnüglich").

Nur in der Printausgabe: eine Reportage von Jeffrey Goldberg über jüdische Siedler, die durch ihren Glauben, Gott habe sie in die besetzten Gebiete gesandt, Israel zu zerstören drohten, sowie Lyrik von Kathleen Jamie und John Ashbery.

Magazinrundschau vom 17.05.2004 - New Yorker

Der New Yorker hat ganz klar die Führung in der Aufdeckung der Folterungen im Irak übernommen. Der ebenso unermüdliche wie gründliche Seymour M. Hersh legt in seiner Fortschreibung des Skandals offen, dass Folter offenbar eine "systemimmanente" Praxis des US-Militärs sei. Er zitiert einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, wonach Donald Rumsfeld bereits im vergangenen Jahr in Afghanistan für die Jagd auf Al Qaida-Mitglieder ein "hochgeheimes Programm" angeordnet habe, Gefangene - in diesem Fall Taliban - auch mit "harten Methoden" zum Sprechen zu bringen. Bush habe über diese geheime Anordnung Bescheid gewusst. Hershs Recherchen bringen ihn zu der Überzeugung, dass dieses "Programm" auch für die Gefangenenbefragung im Gefängnis Abu Ghraib gegolten hat. So habe ihm ein Regierungsberater erzählt, dass die "sexuellen Demütigungen" und die "gestellten Fotos" davon zumindest "anfangs einen gezielten Zweck" erfüllen sollten. Genau wissend, dass in der arabischen Welt Sexualität extrem stark von Tabus und Scham geprägt sei, "sei man davon ausgegangen, dass einige Häftlinge alles tun würden, um zu verhindern, dass ihre Familien oder Freunde die Bilder zu Gesicht bekommen - einschließlich der Ausspionierung von Mitgefangenen." (Ein Foto und die wesentlichen Informationen über Seymour M. Hersh finden Sie hier, ein Porträt aus dem Spiegel hier und ein Porträt aus salon.com hier)

Weiteres: In einer herrlichen Reportage porträtiert David Grann den neuseeländischen Meeresbiologen Steve O'Shea (mehr), einen Besessenen, der Jagd auf ein Meerungeheuer macht. Ian Frazier meditiert auf amüsante Weise über den schönen amerikanischen Satz "Tom Ford has left Gucci" ("Ich will überhaupt nicht darüber nachdenken, kann aber einfach nicht damit aufhören"). Tad Friend denkt über die unverzichtbare Rolle der Stadt in Katastrophenfilmen nach. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Hell-Heaven" von Jhumpa Lahiri.

Besprechungen: Nicolas Lemann rezensiert die Erinnerungen des politischen Starjournalisten Tim Russert ("Big Russ & Me", Miramax) aus Washington, dessen Name wie eine "eigene Marke" funktioniert und dessen sonntagmorgendliche Fernsehsendung "Meet the Press" Legende ist. Sasha Frere-Jones porträtiert die 19-jährige Sängerin und Pianistin Nellie McKay und begeistert sich über ihr Album "Get Away from Me". Paul Goldberger sieht in der neuen, von Rem Koolhaas gebauten Bibliothek in Seattle eine "Adelung des öffentlichen Raums". Anthony Lane schließlich sah im Kino "Van Helsing" von Stephen Sommers ("weniger eine Geschichte als die visuelle Entsprechung eines Sammelalbums 'The Very Best of Gothic Horror'") und den Dokumentarfilm "Control Room" von Jehane Noujaim über den arabischen Fernsehsender Al Jazeera.

Nur in der Printausgabe: Lyrik von Robert Mezey und Constance Merritt.

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - New Yorker

Der New Yorker ist heute nur sporadisch im Netz, vielleicht ist er dem Ansturm an Lesern nicht gewachsen, denn in Fortsetzung seiner Recherchen zu den Folteranschuldigungen im Gefängnis von Abu Ghraib beschreibt Seymour M. Hersh in dieser Woche den völlig unzureichenden Umgang des Verteidigungsministeriums mit dem "Desaster". So zitiert er einen Pentagon-Mitarbeiter, dass "viele altgediente Generäle sowie Zivilisten aus Rumsfelds Büro glauben, dass General Sanchez und General John Abizaid (mehr) vom Central Command in Tampa, Florida, ihr Bestes getan hätten, um das Thema die ersten Monate des Jahres unterm Deckel zu halten. Die offizielle Befehlskette verläuft von General Sanchez im Iraq zu Abizaid und von dort zu Rumsfeld und Präsident Bush. 'Sie mussten Handeln oder Nichthandeln mit Interessen abstimmen', sagte der Pentagon-Mitarbeiter. 'Und was ist das Motiv, nicht damit herauszurücken? Sie haben schwere diplomatische Probleme vorausgesehen.'" Den Bericht, in dem Hersh den ganzen Skandal aufdeckte, finden Sie hier.

Mehr zu diesem Thema: In einer umfangreichen Reportage aus Bagdad untersucht George Packer, ob sich die moderateren irakischen Kräfte eher der Demokratie oder dem islamischen Fundamentalismus zuwenden werden. Und in seinem Kommentar zu den Vorgängen im Gefängnis von Abu Ghraib kritisiert David Remnick, dass das US-Militär dessen unselige Tradition als bekannter Folterort fortgeführt habe - worüber der Präsident und der Außenminister "schon seit Monaten informiert" gewesen seien.

Weiteres: Ben McGrath berichtet aus der Welt des Baseball, namentlich über Yankees und Red Socks. Alex Ross hat sich unter den jungen Komponisten New Yorks umgesehen. Rebecca Mead porträtiert die Pulp-Autorin Melanie Craft, und Adam Gopnik stellt die Städtebaukritikerin Jane Jacobs vor. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Islanders" von Andrew Sean Greer.

Besprechungen: Louis Menand stellt das neue Buch des Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington (mehr zum Autor hier) vor: "Who Are We? The Challenges to America's National Identity" und erkennt darin eine Art "neuer Heimatkunde". Kurzbesprechungen diverser Romane finden Sie hier. Peter Schjeldahl führt durch die Ausstellung byzantinischer Kunst "Faith and Power (1261-1557)" am Metropolitan Museum. Hilton Als begutachtet Inszenierungen der "ehrgeizigen" "Woyzeck"-Adaption "Guinea Pig Solo" von Brett C. Leonard und dem Liebesdrama "Bug" von Tracy Letts. David Denby schließlich nimmt sich Wolfgang Petersens Film "Troja" vor. In seiner Kritik schreibt er den schönen Satz: "Benioff [der Drehbuchautor] und Petersen müssen davon ausgegangen sein, dass in einer modernen Demokratie nur wenige Leute besudelte Ehre als einen Kriegsgrund akzeptieren würden. Deshalb haben sie Agamemnon in eine Art griechischen Bismarck verwandelt."

Nur in der Printausgabe: das Porträt eines anspruchsvollen Einbrechers und Lyrik von Czeslaw Milosz und Mary Karr.

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - New Yorker

Die Folteranschuldigungen gegen amerikanische Militärpolizisten, die irakische Gefangene bewachen, beruht auf einem internen Bericht der US Army des Generals Antonio M. Taguba, berichtet Seymour Hersh in einer seiner großartig trockenen Recherchen. Hersh studiert diesen Bericht, der dem New Yorker zugespielt wurde und geht vor allem der Frage nach, wie hoch die Verantwortung für die Untaten anzusiedeln ist - ziemlich hoch, so scheint es: "Als die internationale Wut stieg, bestanden höchste Offiziere und Präsident Bush darauf, dass die Taten einiger weniger nichts über das Verhalten der Army insgesamt aussagen. Tagubas Bericht kommt jedoch einer schonungslosen Bilanz kollektiven Fehlverhaltnes und eines Versagens der Armee-Hierarchie auf der höchsten Ebene gleich." Online only veröffentlicht der New Yorker auch noch weitere Fotos, die die Vorwürfe belegen.

In einer ausführlichen Rezension bespricht Hendrik Hertzberg "Plan of Attack" (Auszüge), das neue Buch von Bob Woodward über die Vorbereitung des Irakkriegs (Simon & Schuster), und porträtiert dabei auch den Autor. "Wann", fragt Hertzberg eingangs, "ist die Veröffentlichung eines Buchs nicht nur einfach die Veröffentlichung eines Buchs? Das ist kein großes Geheimnis, denn die Antwortet ist inzwischen offensichtlich: Wenn der Autor Bob Woodward heißt."

Weiteres: Jeffrey Toobin beleuchtet John Kerrys Anwaltsvergangenheit. Die Erzählung "The Abandoner" schrieb Ma Jian. Besprochen werden eine Inszenierung des Theaterstücks "A Raisin in the Sun" von Lorraine Hansberry und Andrew Lloyd Webbers Bollywood-Musical "Bombay Dreams". Anthony Lane sah im Kino das Melodram "The Saddest Music in the World? des kanadischen Regisseurs Guy Maddin mit Isabella Rossellini und die Teenykomödie "Mean Girls" von Mark Waters. Und Joan Accocella schreibt über ein europäisches Tanzprojekt an der Brooklyn Academy of Music.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über italienische Luxusschuhe, das Porträt eines südafrikanischen Satirikers, nicht näher spezifizierte Lektionen über Kunst und Fußball und Lyrik von Henri Cole und Rita Dove.

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - New Yorker

Anlässlich des 50. Jahrestages des legendären Falls Brown gegen den Bildungsausschuss, in dem es um die Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen der Südstaaten ging, stellt Cass R. Sunstein eine Reihe von Publikationen vor, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Die Lektüre der Rezension vermittelt einen anschaulichen (und gruseligen) Überblick über die historische Ausgangslage sowie die Folgen des Falles. "Ein Quiz: Wie viele der 1,4, Millionen schwarzen Kinder in den Südstaaten Alabama, Georgia, Louisiana, Mississippi und South Carolina besuchten 1960 gemischtrassige Schulen? Antwort: Null. Noch 1964, zehn Jahre nach dem Fall Brown, gingen über 98 Prozent der farbigen Kinder im Süden auf ausschließlich für Schwarze bestimmte Schulen."

Jon Lee Anderson ist im Irak mit TNT fischen gegangen und hat dabei einiges über den gemeinsamen "Aufstand" von Shiiten und Sunniten erfahren, die ihre Differenzen vorläufig begraben haben. Mehr in seinem langen, langen Brief aus Bagdad.

Weiteres: Rebecca Mead erklärt anlässlich der Wiederaufführung des Dokumentarfilms "Town Bloody Hall" von 1971 - der eine Debatte über Sexualpolitik zwischen Norman Mailer, Germaine Greer, Diana Trilling, Jill Johnston und Jacqueline Ceballos resümiert -, weshalb sie mit einer Wiederbelebung der Frauenbewegung rechnet. In einer Glosse amüsiert Christopher Buckley mit einer fiktiven Unterhaltung zwischen George W. Bush und Bob Woodward. Garry Bass kommentiert den Umgang der New York Times mit dem Begriff "Völkermord" (genocide). Und die Erzählung "Old Boys, Old Girls" schrieb in dieser Woche Edward P. Jones.

Peter Schjeldahl weist auf zwei Ausstellungen in New York und Los Angeles hin: "Singular Forms (Sometimes Repeated): Art from 1951 to the Present" im Guggenheim Museum und "A Minimal Future? Art as Object 1958-1968" im Museum of Contemporary Art. Besprochen werden außerdem die Theaterstücke "Assassins" von Stephen Sondheim und Jumpers" von Tom Stoppard. Und Anthony Lane sah im Kino "Laws of Attraction" von Peter Howitt und "Monty Python's Life of Brian". Die Kurzbesprechungen widmen sich diesmal neuer Lyrik.

Nur in der Printausgabe: Jane Kramer porträtiert die Malerin Dorothea Tanning (mehr hier), die mit Max Ernst verheiratet war, es gibt ein Porträt des Anwalts und Buchautors Raoul Felder und Lyrik von Rowan Ricardo Phillips und Phillis Levin.

Magazinrundschau vom 13.04.2004 - New Yorker

Ziemlich viel Lesestoff, aber schließlich hat man für diese Doppelnummer des New Yorker auch zwei Wochen Zeit. In einer wunderbaren Rezension setzt sich Jim Holt mit einer Geschichte der Witzesammler und ihrer Produkte auseinander. Angesichts der Todesanzeige eines "autodidaktischen Gelehrten für schmutige Witze" stellt er einleitend fest: "Es mag den Anschein haben, dass dem Titel 'Gelehrter für schmutzige Witze' ein gewisse Albernheit anhaftet. Ist das wirklich ein Gebiet, auf dem Gelehrsamkeit angebracht oder lohnend ist? Nun, Witze fallen in den Bereich der Folklore, gemeinsam mit Mythen, Sprichwörtern, Sagen, Kinderreimen, Rätseln und Aberglaube. Und ein gehöriger Anteil dieser Witze dreht sich um Sex oder Fäkalien. Wenn die Geschichte der Folklore anstrebt, eine Geschichte des menschlichen Denkens zu sein - worauf einige ihrer Vertreter bestehen -, dann muss eben irgendwer die lästige Aufgabe übernehmen, obszöne, geschmacklose und blasphemische Witze zu sammeln und sie zwischen zwei Buchdeckel zu bringen."

Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem Romandebüts und einer Studie über Ratten, deren Autor die Tiere "für ein Spiegelbild der menschlichen Rasse" hält.

In einem kleinen Film- und Hollywood-Schwerpunk erklärt Tad Friend, warum die Filme des Drehbuchautors und Regisseurs Harold Ramis ("Und täglich grüßt das Murmeltier", mehr hier) schon seit 25 Jahren erfolgreich komisch sind. Elizabeth Kolbert fragt sich, warum Politiker in Talk Shows auftreten. Und Ian Parker stellt ein Projekt der Farrelly-Brüder vor, die "The Three Stooges", die Helden einer bis in die fünfziger Jahre erfolg- und umfangreichen Kurzfilmreihe von Columbia (mehr hier und hier), wieder zum Leben erwecken wollen.

Weiteres: Ben McGrath porträtiert den schwarzen Cartoonisten Aaron McGruder und untersucht, warum Zeitungsverleger dessen beliebte, aber eben auch scharfe Polit-Cartoonserie "The Boondocks" zunehmend von ihren bunten Seiten verbannen. David Remnick kommentiert den sich ausweitenden Krieg im Irak, und Joshua Kurlantzick erklärt, was an John Kerrys gutem Französisch dann doch schlecht ist. Ian Frazier liefert eine hübsche allegorische Glosse über den Alltag eines Mörders ("Heute wünscht er sich, er hätte mehr Leute umgebracht, als er noch jung genug war"). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Cat ' n ' Mouse" von Steven Millhauser.

Besprechungen: Nancy Franklin stellt die TV-Serie "Showbiz Moms & Dads" über die elterlichen Manager von Kindern im Showgeschäft vor. John Lahr bespricht die Theaterproduktionen "Intimate Apparel" und "Match", Alex Ross schwärmt von einem "ausgelassenen" Schubert-Abend des Pianisten Leon Fleischer in der Carnegie Hall, und David Denby sah den zweiten Teil von Quentin Tarantinos "Kill Bill".

Nur in der Printausgabe: Eine Analyse des Lustigkeitswerts von Hallmark-Grußkarten, ein Bericht, wie man Komiker am Times Square wird, die Reportage über eine Haussuche in Europa, der Versuch einer Beantwortung der Frage, ob man den Schriftsteller und Verfasser humoristischer Bücher P. G. Wodehouse (mehr hier und hier) zu sehr lieben kann, und Lyrik von Gerald Stern und Charles Simic.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - New Yorker

In einer lesenswerten Besprechung stellt Nicholas Lemann eine interessante Untersuchung des Princeton-Soziologen Paul Starr über die Rolle der amerikanischen Regierung für die Entwicklung der Massenmedien und ihrer Macht vor. ("The Creation of the Media: The Political Origins of Mass Communications"). Schon die Rezension vermittelt ein ausführliches Bild der amerikanischen Mediengeschichte von Anfang des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Die einzige kritische Einschränkung des Rezensenten: "Ein gut funktionierendes öffentliches Leben jenseits der Nachbarschaftsebene ist ohne guten Journalismus nur schwer vorstellbar, weil die Leute am bürgerlichen Leben nicht teilhaben können, ohne irgendetwas zu wissen. Starr ist hauptsächlich an Struktur, Umfang und Stellenwert der Medien interessiert. Aber ihre Inhalte sind ebenfalls von Bedeutung."

Weiteres: In einem ausführlichen Artikel untersucht Seymour M. Hersh, warum es in Afghanistan "nicht richtig läuft" und Bush dieses Problem einfach nicht los wird: die Taliban kehren massiv zurück und der Drogenhandel boomt wie nichts gutes. Zugleich ziehen die Amerikaner ihre erfahrensten Leute aus Afghanistan ab und schicken sie nach Baghdad. Die Kooperation mit den Warlords schafft neue Probleme. Hershs Analyse stimmt in vielen Punkten mit der Ahmed Rashids überein, die in der neuen Lettre veröffentlicht ist. Hendrik Hertzberg kommentiert die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Regierung mit der Untersuchungskommission der Anschläge vom 11. September. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Rabbit Hole as Likely Explanation" von Ann Beattie.

Besprechungen: Sasha Frere-Jones schwärmt von dem Album "Madvillainy", einer Gemeinschaftsproduktion des kalifornischen Produzenten Madlib und dem Undergroundstar MF Doom. David Denby sah im Kino "I?m Not Scared" ("Io non ho paura") von Gabriele Salvatores und "die neueste minimalistische Provokation" des Franzosen Bruno Dumont "Twentynine Palms". Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer "überraschend unterhaltsamen" Studie über unterschiedliche kulturelle Reaktionen auf Siamesische Zwillinge und andere anatomische Abnormitäten.

Nur in der Printausgabe: ein Artikel über die Untersuchung einer Christus-Reliquie, ein Porträt der Schriftstellerin Madeleine L'Engle, ein Bericht über eine republikanische Vorwahl, die zu einer Herausforderung für die Partei wurde, und Lyrik von Vijay Seshadri und Melanie Rehak.