Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

854 Presseschau-Absätze - Seite 43 von 86

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker porträtiert Adam Gopnik den Soziologen Howard Becker. Gopnik notiert, wie Becker Bourdieu als karrieregeil kritisiert und erklärt, wie Beckers neues Buch "What About Mozart? What About Murder?" die soziale Komponente von irregulärem Verhalten wie Opiumkonsum herausarbeitet: "Becker zeigt Kontinuitäten auf zwischen der Mittelklasse-Hausfrau des frühen 20. Jahrhunderts, die abhängig wurde vom Opium, das man seinerzeit gegen "Frauenprobleme" verschrieb, und schwarzen Jugendlichen, die in ganz anderen Lebensumständen zu den gleichen Drogen greifen … Becker ersetzt das Melodram individueller Pathologien durch den kleinen Realismus sozialer Episoden."

Ferner: Julia Ioffe fragt, ob der frühere Oligarch Michail Chodorkowski nach zehn Jahren Haft für Putin noch gefährlich werden könnte. Und Jonathan Kalb erzählt eine persönliche Leidengeschichte: Wie er sein natürliches Lachen verlor und wie dieser Umstand sein Leben veränderte.

Magazinrundschau vom 09.12.2014 - New Yorker

Sind Youtube und Vine heute, was Kabel 1992 fürs Radio war? Vor allem Teenager nutzen die Video-Plattformen für Unterhaltungsformate, die sie mit unglaublicher Professionalität erstellen. Das im Schnitt zwei- bis siebenminütige Ergebnis kann wohl auch nur Teenagern gefallen. Und so erlebte Tad Friend in diesem Sommer auf der You-Tube-Konferenz VidCon so etwas wie eine Mai-Dezember-Romanze, die die mittelalte Generation völlig außen vor ließ: Hier die jungen Videostars und ihre Fans, die "nicht verdienen wollen, sondern anbeten". Dort Jeffrey Katzenberg, 63-jähriger CEO von Dream Works, das im letzten Jahr für 33 Millionen Dollar AwesomenessTV gekauft hat, eine Firma, die YouTube Stars managed. ""In fünf Jahren wird YouTube die mit Abstand größte Medienplattform in der ganzen Welt sein", sagte mir Katzenberg. Aber der digitale Reich ist kein Land für alte Männer. Jüngere, leichtfüßigere Formen und Stars, die kaum jemand über 13 Jahre versteht, tauchen immer schneller auf. Youtube ist bereits dabei, seine Vorrangstellung bei Teenagern an Vine abzugeben, eine im letzten Jahr gestartete App, die Sechs-Sekunden-Videos im Loop zeigt. Die größten Stars bei AwesomenessTV sind die Teenage Viners Cam und Nash: Cameron Dallas und sein Nash Grier, ein Bengel mit babyblauen Augen, der mit 16 Jahren zehn Millionen Follower hat. Rob Fishman, Mitbegründer von Niche, einer Agentur, die Viners mit Anzeigenkunden in Kontakt bringt, stellt fest, dass ein unrasierter Kundenbetreuer seiner Firma nach wenigen Monaten mehr Besucher hat als die gedruckte Auflage der New York Times."

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - New Yorker

"Syrien ist der komplizierteste Krieg im nahen Osten in den letzten hundert Jahren", erfährt Robin Wright bei Recherchen in der türkischen Grenzstadt Gaziantep, wo sich internationale Hilfsorganisationen, syrische Oppositionelle und amerikanische Militärs auf den Füßen stehen. In einer lesenswerten Reportage verschafft Wright einen Überblick über die schwierige Situation: "Zehn bis Fünfzehn Prozent der drei Millionen Syrer, die im vom IS kontrollierten Gebiet leben, sind auf internationale Hilfslieferungen angewiesen, schätzt Orhan Mohamad, Direktor der Hilfskoordinationseinheit, die von der Opposition betrieben wird und in Gaziantep angesiedelt ist. "Es gibt ein humanitäres und ein politisches Konzept - und die widersprechen einander", sagte er. "Wenn wir Nahrungsmittel in diese Gegend liefern, helfen wir IS politisch. Aber aus humanitärer Perspektive retten wir einer Familie das Leben. So oder so macht man sich schuldig. Es ist eine teuflische Entscheidung.""

Weitere Artikel: Burkhard Bilger gewährt einen ausführlichen Einblick in die Welt von Kindern, die eine Rodeo-Karriere anstreben. Adam Gopnik sinniert über die Bedeutung der Pont des Arts für Paris. D.T. Max porträtiert Hans Ulrich Obrist, den Kodirektor der Londoner Serpentine Gallery. Wahlweise lesen oder vom Autor vorgelesen bekommen können wir außerdem die Kurzgeschichte "Reverend" von Tim Parks.

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - New Yorker

Angela Merkel rocks! Oder wenigstens die Koelbl-Fotostrecke, die George Packers Porträt der "stillen Deutschen" im neuen New Yorker einleitet. Wofür steht die "mächtigste Frau der Welt", fragt Packer und versucht sich zugleich an einem Bild der Deutschen insgesamt zwischen Antiamerikanismus und Russland-Sympathie. Die breite Mitte, die Amerika durchaus Sympathie für seine Rolle im und nach dem Zweiten Weltkrieg entgegenbrachte, werde - nicht zuletzt wegen der NSA-Spionage - immer kleiner. Doch das sei nicht alles: "Hinter dem zunehmenden Antiamerikanismus und der deutschen Neigung zu Russland, scheint etwas Grundsätzliches zu stehen … Während des Ersten Weltkriegs trat in Deutschland eine Traditionslinie in den Vordergrund, die autoritär war, konservativ und unpolitisch - näher am Geist Russlands als am oberflächlichen Materialismus des demokratischen Europas. Der Krieg stand für Deutschlands alte Rebellion gegen den Westen. Das imperiale Deutschland weigerte sich mit gezogener Waffe, die universellen Prinzipien der Gleichheit und der Menschenrechte anzuerkennen … Die friedliche Wiedervereinigung und die Erstarkung durch die Eurokrise könnten Deutschland zu einer Identität zurückkehren lassen, die älter ist als die Bundesrepublik mit ihrem unter amerikanischem Einfluss entstandenen Grundgesetz."

Jill Lepore macht auf einen ziemlichen Skandal aufmerksam, der gar nicht neu ist: die Papiere des Supreme Court sind nicht öffentlicher, sondern privater Besitz: "Die Entscheidung, ob diese Dokumente veröffentlicht werden sollen, liegt allein bei den Richtern und ihren Erben. Sie können sie schreddern, sie können sie verbrennen, sie können sie als Platzdeckchen benutzen."

Weitere Artikel: Sasha Frere-Jones widmet sich dem "Sound of Sweden", der gerade die Welt der Popmusik dominiert. Nicholas Lehmann liest neue Bücher über Google und vergleicht sie mit älteren Büchern über General Motors. Anthony Lane sah im Kino Morten Tyldums "The Imitation Game" über Alan Turing und Jennifer Kents "The Babadook". Online lesen dürfen wir außerdem eine Kurzgeschichte von Etgar Keret und ein Kapitel aus Joseph Mitchells nie beendeter Autobiografie.

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - New Yorker

In der Technik-Ausgabe des New Yorker erklärt John Seabrook, wie der Music-Streaming-Dienst Spotify die eine Hälfte der Musikindustrie glücklich, die andere ärgerlich macht und wie Apple dem Unternehmen aus Stockholm künftig das Leben schwer machen könnte: "Apple könnte Spotify bedrohen, indem es eine Art iStream auf dem nächsten iPhone vorinstalliert und den Preis für die Registrierung des Dienstes inkludiert. Siri könnte dein DJ sein. Das würde sofort hunderte Millionen zahlende Kunden bedeuten und die Spotify überrunden. Und weil Apple seinen Umsatz vor allem mit Hardware macht, könnte es Spotify bei den Kosten unterbieten - ein Szenario, das Apple gerade den Plattenlabels schmackhaft zu machen versucht."

Und Lizzie Widdicombe weiß, warum Programmierer-Agenturen und ihre Services im Aufwind sind: "Berücksichtigt man, um wie viel Geld es im Code-Business geht, könnten Angestellte in diesem Bereich viel mehr Lohn verlangen… Ein guter Büroangestellter mag dreimal soviel Umsatz generieren wie ein mittelmäßiger. Aber ein guter Techie kann mit einem Algorithmus bis zu einer Milliarde Leute beglücken… Im Silicon Valley liegt das Durchschnittsjahreseinkommen eines Ingenieurs bei 130.000 Dollar - verglichen mit den potenziellen Profiten ist das billig. Apple macht mehr als zwei Millionen Umsatz im Jahr pro Angestellten. Googles Umsatz liegt bei 60 Milliarden, geteilt durch 10.000 Programmier. Wenn Google seinen Angestellten also All-you-can-eat-Kantinen und einen Wäscheservice spendiert, ist das nichts."

Magazinrundschau vom 11.11.2014 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker erzählt der Schriftsteller Allen Kurzweil auf tatsächlich recht kurzweilige Weise die Geschichte seines ehemaligen, um zwei Jahre älteren Peinigers auf einem Schweizer Internat in den 70ern. Neben allen möglichen Demütigungen lastet der Autor ihm den Verlust eines Familienerbstücks an, einer goldenen Uhr. Der Verbleib dieser dämonisierten Figur aus den Tiefen der Erinnerung wurde über die Jahre zu Kurzweils fixer Idee. Als er erfährt, dass Cesar, so der Name des einstigen Zimmergenossen, in einen fantastischen Betrugsfall verwickelt ist, nimmt er die Spur auf … Es stellt sich heraus, dass Cesar selbst Opfer massiver Ungerechtigkeit war und eine Leinwand für Kurzweils Projektionen: "Zuerst hörte ich aus Cesars Entschuldigung nur die Gewissensbisse eines Schlägers heraus. Später fiel mir Differenzierteres dazu ein. Ich hatte Cesar wegen der verschwundenen Uhr auf dem Kieker. Seine kindlichen, wenngleich äußerst gemeinen Grausamkeiten allein konnten meine lebenslange Fixierung nicht erklären. Genausowenig sein späteres Verbrechen. Die gestohlene Uhr meines verstorbenen Vaters aber war mehr als ein Talisman. Sie war eine Zeitmaschine, die mich zurückführte zu einem Moment meiner Geschichte, als meine Familie noch intakt und ich glücklich war. Dass Zeit nicht existiert, wie Cesar in seiner Entschuldigung sagte, streite ich ab. Ohne Zeit lernen wir nicht, ohne Zeit heilen wir nicht."
Stichwörter: Kurzweil, Alan, Internat

Magazinrundschau vom 28.10.2014 - New Yorker

Es geht ums Essen in der aktuellen Ausgabe des New Yorker. Dana Goodyear besucht eine Fleischfarm in Kalifornien, auf der man versucht, Fleisch wieder zu einem exklusiven Lebensmittel zu machen, köstlich, teuer, gesund und rar. Und Michael Specter fragt, ob eine glutenfreie Ernährung wirklich sein muss: "Während es keine wissenschaftlichen Erhebungen gibt, die belegen, dass Millionen Menschen allergisch gegen Gluten sind, gibt es überzeugende Gründe für die Annahme, dass Diäten betreffende Selbstdiagnosen fast immer falsch sind. Wir verlassen uns lieber auf Anekdoten und Intuition als auf Statistiken. Seit den Sechzigern etwa gilt Natriumglutamat als schlecht. Chinesische Restaurants werben mit dem Slogan "glutamatfrei". Symptome wie Kopfschmerzen und Herzrasen wurden erstmals 1968 in Fachzeitschriften als "China-Restaurant-Syndrom" gekennzeichnet. Internetseiten weisen auf versteckte Glutamatquellen hin. Trotzdem gibt es nach Jahrzehnten der Forschung keine Hinweise darauf, dass Natriumglutamat diese oder irgendwelche anderen Symptome tatsächlich hervorruft."

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - New Yorker

Ähnliche Erfahrungen beschreibt Jon Lee Anderson in seiner Reportage aus der Zentralafrikanischen Republik. Dort schlachten sich seit dem Einmarsch muslimischer Rebellen 2012 in einem unglaublich brutalen Bürgerkrieg Muslime und Christen gegenseitig ab. Frankreich hat Soldaten geschickt, die UN ebenso. Hat es geholfen? "In einer Rede vor den französischen Botschaftern am 28. August gratulierte François Hollande seinen Friedenstruppen. "Letzten Dezember intervenierten wir in der Zentralafrikanischen Republik", sagte er. " Wir haben das Schlimmste verhindert, und ich meine das Schlimmste." Die meisten Leute mit denen ich gesprochen habe, waren ebenfalls der Ansicht, dass die internationalen Streitkräfte einen Genozid verhindert haben. Kasper Agger, von der NGO Enough Project, meinte: "Ihre Anwesenheit half, dass das Töten nicht völlig außer Kontrolle geriet. Sie war möglicherweise ein Game Changer." Aber niemand glaubt, dass die Unterdrückung der Gewalt ausreichen wird, die Zentralafrikanische Republik in einen zusammenhängenden Staat zu verwandeln. Viele wiesen darauf hin, dass die Kämpfe nur deshalb aufgehört hatten, weil das Land mit Hilfe der Friedenstruppen wirksam in christliche und muslimische Regionen geteilt worden war."

Weitere Artikel: Sehr lesenswert ist Louis Menands Artikel über die Entwicklung des Copyrights in den USA. George Packer schickt eine Reportage über die amerikanische Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die amerikanischen Überwachungsexperten, die in Berlin leben, weil sie sich in den USA nicht mehr sicher fühlen und ihren gerade in New York vorgeführten Film "Citizenfour" über Snowden und die NSA-Affäre. Alex Ross stellt eine Reihe neuer Bücher über Beethoven aus den letzten drei Jahren vor. Peter Schjeldahl besucht die Matisse-Ausstellung im Museum of Modern Art. Und Anthony Lane sah im Kino Alejandro González Iñárritus "Birdman" mit Michael Keaton und Damien Chazelles "Whiplash".

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - New Yorker

Im neuen New Yorker (Inhaltsverzeichnis trifft Peter Hessler die Müllmänner von Kairo. Sie arbeiten in einer Schattenwirtschaft, aber (anders als vieles andere in Kairo) effektiv. Und sie kennen ihren Kiez besser als jeder andere, Sayyid etwa: "Weil er nicht lesen kann, achtet er auf subtile Hinweise. Er sortiert den Müll mit der Hand, und eines Tages fand er heraus, dass ausländische Frauen häufig leere Pillenverpackungen wegwerfen, auf denen die Wochentage vermerkt sind. Sayyid folgerte, es müsse sich um Aphrodisiaka handeln. Er fragte mich, ob sie dazu da seien, die Frauen täglich zu stimulieren. Ich erklärte ihm, das stimme nicht ganz, auch wenn seine Vermutung nachvollziehbar war, denn Sayyid findet jede Menge Sexdrogen im Müll, chinesischer Herkunft, mit Namen, wie "Virecta". Die Informationen, die Sayyid aus dem Müll aufliest, helfen ihm beim Umgang mit den Anwohnern."

Evan Osnos zeichnet ein Bild des großartigen Juristen Lawrence Lessig auf seinem Kreuzzug zur Reform der amerikanischen Wahlkampffinanzierung. Lessig machte 1989 seinen Abschluss in Harvard, "in den späten 90er Jahren war er bereits einer der einflussreichsten Theoretiker an der Schnittstelle von Recht, Kultur und Internet in Amerika. Lessig war überzeugt davon, dass Filmstudios, Musiklabels und große Softwareproduzenten die Copyrightgesetze in einer Art und Weise benutzten, die Kreativität beschnitt." Eben diese Produzenten haben es außerdem geschafft, das Copyright innerhalb von weniger als vierzig Jahren elf mal vom Kongress verlängern zu lassen. Geld schafft Recht und genau dagegen richtet sich Lessigs Spendenreformkampagne.

Außerdem: Lauren Hilgers berichtet, wie Agenturen Amerikas Gastronomie mit billigen chinesischen Arbeitskräften versorgen. Und Haruki Murakami erzählt eine postmoderne Version der Märchen aus 1001 Nacht.

Magazinrundschau vom 23.09.2014 - New Yorker

Im New Yorker erläutert Jeffrey Toobin anhand des Falles Nikki Catsouras einen wichtigen Unterschied zwischen europäischem und amerikanischem Internetrecht - das "Recht auf Vergessen" betreffend. Catsouras starb 2006 bei einem Autounfall. Fotos von der Unfallstelle fanden damals den Weg auf die Google-Server und in das Wohnzimmer der Familie. Die Gnade des Vergessens musste erst teuer erkauft werden. Anders in Europa, wo der Fall des Anwalts Mario Costeja González, dessen Zwangsversteigerungsdaten weiter im Netz kursierten, auch als der Mann seine Schulden längst bezahlt hatte, dazu führte, dass Google sämtliche Links zu dem Fall deaktivieren musste. In Amerika ist die Informationsfreiheit ein höheres Gut als das Recht auf Privatsphäre und die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof, so die Befürchtung, könnte von vielen Ländern als Einladung gesehen werden, den Informationszugang ihrer Bürger zu beschränken: ""Viele Ländern sagen jetzt, dass sie ihre eigenen Regeln für das Internet wollen, die ihren lokalen Gesetzen entsprechen", sagt Jennifer Granick, Leiterin der Abteilung für Bürgerrechte am Stanford Center für Internet und Gesellschaft. "Die Entscheidung markiert den Anfang vom Ende des globalen Internets, wo jeder dieselben Informationen findet, und den Beginn des Internets als nationalem Netzwerk, wo die Regierung entscheidet, welche Informationen die Menschen finden dürfen. Das Internet als ganzes wird balkanisiert und die Europäer werden einen ganz anderen Zugang zu Informationen haben als wir.""

Außerdem: Joyce Carol Oates feiert Martin Amis" Auschwitz-Roman "The Zone of Interest" als Triumph über die Barbarei. Und Dexter Filkins verrät, wie Washington die Kurden im Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) im Irak instrumentalisiert.