Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 30.09.2014 - New Yorker

In einer unglaublich faktenreichen Reportage skizziert Dexter Filkins den Kampf der Kurden für einen eigenen Staat, der mit dem Zusammenbruch des Irak in greifbare Nähe rückt. Die Amerikaner bringt das in eine Zwickmühle: Sie befürchten, dass mit der Abspaltung Kurdistans der Irak endgültig zerfällt. Gleichzeitig müssen sie die Kurden mit Waffen unterstützen, sind sie doch die einzigen brauchbaren Bodentruppen im Kampf gegen ISIS: "Jahrzehnte traumatischer Erfahrungen, zumeist von der Regierung in Bagdad verursacht, haben ein Momentum für einen eigenen Staat erzeugt, dass unaufhaltsam scheint. Ein Leben voller Massaker und Verrat hat Masud Barzani, Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, seiner Ansicht nach von der Verpflichtung entbunden, den Irak zum Vorteil anderer retten zu helfen. "Wir haben unser Bestes versucht, um einen neuen Irak aufzubauen, der auf neuen Grundsätzen beruht", sagt er. Wir haben keine Anstrengung gescheut, um diesen neuen Irak funktionstüchtig zu machen. Aber unglücklicherweise hat es nicht geklappt. Die Frage, die wir jetzt an unsere Kritiker stellen, ist: Wie lange sollen wir noch warten, wie lange sollen wir unsere Bestimmung für eine ungewisse Zukunft verleugnen?"


Chris Ofili, Blue Riders (Eye For Eye Tooth For Tooth), 2006

Für das aktuelle Heft des New Yorker und anlässlich einer anstehenden großen Retrospektive in New York besuchte Calvin Tomkins den Maler Chris Ofili, der vor einigen Jahren von London nach Trinidad gezogen ist, in seinem Atelier. "Allein im weißen Cottage auf Trinidad begann er mit Blau zu experimentieren, einer Farbe, vor der er immer zurückgescheut war, denn sie hat die Tendenz, andere Farben zu dominieren. "Ich hatte die Blauen Teufel gesehen und die Macht des dunklen Blaus, und da fiel mir auf, dass es mehr ist als eine Farbe - es hat eine andere Kraft als andere Farben", sagt er. Als er noch in London lebte, hatte er eine Anzahl blau-silberner Gemälde begonnen, die "Blue Rider"-Serie, die er 2005 bei der Contemporary Fine Arts in Berlin zeigte. In Trinidad hat er eine neue Serie von Gemälden mit dunklerem Blau begonnen. "Ich habe herausgefunden, dass wenn man Silber unter das Blau legt, das Blau zurückweicht, wie die Nacht, oder wie Mondlicht leuchtet", sagt er."

Weitere Artikel: Jennifer Gonnerman erzählt die Geschichte des jungen Kalief Browder, der 2010 im Alter von 17 Jahren von der New Yorker Polizei aufgegriffen und beschuldigt wurde, einen Rucksack gestohlen zu haben. Browder saß daraufhin drei Jahre in Untersuchungshaft, wurde von Justizbeamten schikaniert und geschlagen, bevor die Anklage schließlich fallengelassen wurde. Masha Gessen porträtiert die regierungskritische russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja.

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - New Yorker

Style Issue im New Yorker. Bedeutender als Stil scheint Jill Lepore allerdings die, wenngleich zaghafte, Wiederkehr von Wonder Woman, einer 1941 als Projektionsfigur des utopischen Feminismus entstandenen Comicfigur, inspiriert durch die Frauenaktivistin Margaret Sanger und dem Ideal der freien Liebe. Die Amazone soll demnächst an der Seite von Superman und Batman zu sehen sein, als - ja, was eigentlich? Dass die Rolle eher marginal ausfallen wird, hat laut Lepore nicht so sehr mit Wonder Womans vergleichsweise geringem Bekanntheitsgrad zu tun (die letzte TV-Serie wurde 1975 nach drei Staffeln eingestellt), sondern mit Politik: "Superman kommt vom Science Fiction, Batman aus der "hardboiled" Detektivstory. Wonder Woman jedoch kommt direkt aus dem Feminismus. Sie ist das fehlende Glied in einer Ereigniskette, die mit den Sufragetten der 1910er beginnt und mit der schwierigen Situation endet, in der sich der Feminismus 100 Jahre später befindet. Wonder Woman tut sich so schwer im Film, weil der Kampf um die Rechte der Frau ins Abseits geraten ist."

Außerdem: Rivka Galchen porträtiert die Ballerina Misty Copeland. Lizzie Widdicombe besucht eine Modenschau für Übergrößen. Adam Gopnik berichtet, wie Zelda und F. Scott Fitzgerald als "Legenden des Westens" weiterhin die Literatur inspirieren. Sasha Frere-Jones stellt das neue Album von Mike Hadreas alias Perfume Genius vor. Peter Schjeldahl besucht Ausstellungen der Maler Helen Frankenthaler und Morris Louis. Und Anthony Lane stellt Terry Gilliams neuen Film "The Zero Theorem" vor, in dem Christoph Waltz ein Computergenie spielt, das für einen orwellschen Konzern arbeitet.

Magazinrundschau vom 09.09.2014 - New Yorker

Derzeit streiken in Amerika tausende Mitarbeiter von Fast-Food-Ketten für eine bessere Bezahlung. In der aktuellen Ausgabe des New Yorker lässt sich William Finnegan daher einmal nicht einen Cheeseburger von McDonald"s, sondern Statistiken zur Unterbezahlung der Angestellten auf der Zunge zergehen. Studien belegen, dass über die Hälfte aller Fast-Food-Arbeiter an der Fürsorge hängen und etwa 7 Milliarden Dollar an Sozialhilfe benötigen, um über die Runden zu kommen: "Damit bezuschusst der Steuerzahler die Fast-Food-Industrie, argumentiert etwa die Organisation Fast Food Forward, und die enormen Saläre der Topmanager des Industriezweigs … Im Schnitt um die 24 Millionen Dollar Jahresgehalt. Die Löhne der Angestellten hingegen gehören zu den schlechtesten in den Staaten. Die Differenz zwischen CEO und Arbeiter ist hier größer als in irgendeinem anderen Dienstleistungssektor - 1200 : 1. Beim Bau ist die Quote 93:1." McDonald"s versucht das mit absurden Online-Hilfeseiten für die Angestellten auszubügeln: "Den Arbeitern wird geraten zu singen, um Stress abzubauen, Schwimmen zu gehen und viel Obst zu essen. Einer zweifachen Mutter aus Chicago, Angestellte bei McDonald"s seit zehn Jahren, riet das Unternehmen, Essensmarken und "Medicaid" zu beantragen. Ein realistischer Vorschlag immerhin."

Außerdem: John Lahr porträtiert Al Pacino und erklärt, was der Schauspieler am Theater so liebt und woher er die Inspiration für seine Figuren nimmt. Und Kelefa Sanneh begegnet dem lange Zeit als idealer Dad gehandelten fabelhaften Bill Cosby on tour.

Magazinrundschau vom 26.08.2014 - New Yorker

Für den aktuellen New Yorker liest Adam Gopnik Matthew Algeos "Pedestrianism", das unseren Drang zum aufrechten Gang historisch erfasst, und erläutert den Reiz des Gehens in den guten alten 80ern: "Damals bin ich ständig zu Fuß in der Stadt unterwegs gewesen. Es gab den Segen einiger technischer Errungenschaften, moderne Laufschuhe etwa, mit denen sogar Plattfüßige wie auf Luft gehen konnten. Dann der Walkman, mit dem die Szenerie zu deinem eigenen Film wurde. Wie die ersten Flaneure in der Zeit zwischen der Gasbeleuchtung, die die Stadt zu einem 24-Stunden-Ereignis machten, und dem Automobil, das die Städte mit Lärm erfüllte, auftauchten, lag Gehen in den 80ern zwischen dem Walkman, der den Lärm der Autos neutralisierte, und dem iPhone, das die isolationistische Ruhe durch den Wahn der dauernden Erreichbarkeit ersetzte. Damals konnte man überallhin gehen und die architektonischen und sozialen Unterschiede etwa zwischen Tribeca, SoHo und East Village wahrnehmen und benennen."

Und gemeinsam mit der Cambridge-Professorin Mary Beard untersucht Rebecca Mead, wie Männer Frauen über den Mund fahren, schon bei Ovid, vor allem aber im Internet, wo es leicht scheint, alle Arten von Frauenfeindlichkeit zu praktizieren: "Ein Kommentar über die Zähne einer Person kann unfein sein, ein Thread über Vergewaltigung ist kriminell."

Magazinrundschau vom 19.08.2014 - New Yorker

In einem Artikel des aktuellen New Yorker erklärt Christopher Beam, warum in China Patienten ihre Ärzte umbringen. Schuld ist offenbar ein Gesundheitssystem, das an der Erschwinglichkeit von und dem Zugang zu medizinischen Leistungen scheitert. Zwar gewährt die Gesundheitsreform offiziell 95 Prozent aller Chinesen Zugang zu ärztlicher Behandlung, doch die Kompetenz der Ärzte ist mitunter sehr bescheiden. Da alle annehmen, in den Städten sei die Versorgung am besten, sind die Kliniken dort hoffnungslos überlastet. Sprechstunden mit 300 Patienten kommen vor. Patientenbeschwerden werden nicht selten an professionelle Erpresser weitergeleitet. Die Kosten für das Scheitern der Reform dürften hoch sein: "Mit dem Altern der Bevölkerung, steigen die Ausgaben für medizinische Versorgung pro Familie. Übergewicht und Rauchen führt auch bei den Jüngeren zu höheren Arztkosten. Das ist nicht nur ein individuelles Problem; es könnte die gesamte Wirtschaft runterreißen. Die erfolgreiche Exportnation China könnte in Zukunft stärker auf den nationalen Konsum angewiesen sein. Die Chinesen müssten mehr kaufen. Doch solange die Kosten für medizinische Behandlung nicht ausreichend von den Versicherungen abgedeckt werden, werden die Menschen sparen, um im Fall des Falles ihre Arztrechnung bezahlen zu können."

Außerdem: Michael Specter stellt die indische Aktivistin Vandana Shiva vor, die gegen den von Firmen wie Monsanto betriebenen Lebensmittel-Totalitarismus kämpft und für die Diversität der Grundnahrungsmittel. Nick Paumgarten berichtet, wie das Onlinedating-Portal OkCupid seine User narrt, indem es ihnen ideale Partner vorgaukelt (das Tollste: es funktioniert!). Und Tad Friend erinnert an Robin Williams und weiß, warum der Schauspieler zu den Drogen griff: ohne war"s einfach zu öde.

Magazinrundschau vom 04.08.2014 - New Yorker

Im New Yorker schreibt Malcolm Gladwell über zwei Bücher, die beschreiben, wie verschiedene Gruppen in Amerika über den "krummen Pfad" versuchen, sich in die amerikanische Gesellschaft einzugliedern. 1972 beschrieb der Anthropologe Francis Ianni, wie italienische Einwanderer - wie vor ihnen schon die Iren - mit Mord, Alkoholschmuggel, Zuhälterei oder Glückspiel in oft nur einer Generation den Sprung in die Mittelschicht schafften und ihre Geschäfte auf legale Beine stellten. Jetzt hat die Soziologin Alice Goffman mit "On the Run" ein Buch veröffentlicht, das erklärt, warum Afroamerikanern mit dem Drogenhandel dieser Sprung zumeist nicht gelingt. Ein Grund dafür sei, dass Kriminelle früher oft straflos davon kamen - das garantierte eine größere soziale Durchlässigkeit. Dass hat sich seit den Siebzigern mit den modernen Polizeimethoden geändert: "Die Polizei begrub die männliche [schwarze] Bevölkerung unter einer Flut von Haftbefehlen - einige waren Haftbefehle wegen mutmaßlicher Straftaten, aber die meisten wurden ausgestellt, weil der Betreffende es versäumt hatte, zu einem Gerichtstermin zu erscheinen, eine Geldbestrafe zu bezahlen oder weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. Sich vom Gewicht dieser Haftbefehle zu befreien, war so schwierig für die jungen Männer, dass sie wie Flüchtlinge lebten ... Die lokale Polizei, A.T.F., das F.B.I. und der U.S. Marshals Service hatten alle spezielle Verhaftungseinheiten, sie benutzten Computergrafiken, Handyüberwachung und Daten aus jeder vorstellbaren Datenbank: Aufzeichnungen der Sozialversicherung, Gerichtsakten, Krankenhausakten, Strom- und Gasrechnungen, Arbeitsnachweisen."

Außerdem: David Remnick lässt sich von Michael McFaul, 2012 bis 2014 amerikanischer Botschafter in Moskau, erzählen, wie Russland und Putin sich in diesen zwei Jahren verändert haben.

Magazinrundschau vom 29.07.2014 - New Yorker

In Amerika tobt ein Streit zwischen Radikalfeministinnen und Transgender, berichtet Michelle Goldberg. Wobei letztere den - mit ziemlich harten Bandagen geführten - Kampf zu gewinnen scheinen. Aber worum geht es überhaupt? "Trans-Frauen sagen, sie seien Frauen, weil sie sich weiblich fühlen - dass, wie einige erklärten, sie ein weibliches Gehirn in einem männlichen Körper haben. Radikale Feministinnen lehnen die Vorstellung eines "weiblichen Gehirns" ab. Sie glauben, dass wenn eine Frau anders denkt und handelt als ein Mann, sie dies tut, weil die Gesellschaft sie dazu zwingt und von ihnen fordert sexuell attraktiv, pflegend und ehrerbietig zu sein. Weiblichkeit ist, mit den Worten von Lierre Keith, einer Sprecherin von Radfems Respond, "ritualisierte Unterwerfung". Aus dieser Sicht ist Geschlecht weniger eine Identität als eine Kaste. Jeder, der als Mann geboren wird, behält das Privileg des Mannseins in der Gesellschaft. Selbst wenn er sich entscheidet, als Frau zu leben und die damit verbundene untergeordnete soziale Position akzeptiert, so hat er doch eine Wahl und kann darum niemals verstehen, was es wirklich bedeutet, eine Frau zu sein. Wenn Trans-Frauen fordern, als Frauen akzeptiert zu werden, dann üben sie einfach nur eine andere Form der männlichen Anspruchshaltung aus."

Magazinrundschau vom 08.07.2014 - New Yorker

In einem langen, atemberaubenden Artikel des aktuellen New Yorker rekapituliert Héctor Tobar das Grubenunglück im chilenischen San José vor vier Jahren, bei dem 33 Bergleute nach 69 Tagen aus einem Schutzraum in 700 Metern Tiefe gerettet werden konnten: "Es gab eine kleine Explosion, dann niederstürzende Felsen, dann wurde das Geräusch von Metall, das auf Stein schleift, plötzlich vom Geräusch ausströmender Luft abgelöst. Ein Stück Schlauch hing aus dem Fels und darin bewegte sich der Bohrer auf und ab. Oben, bei den Rettungskräften, bemerkte man, dass der Bohrer leerlief. Der Bohrer wurde auf den Boden unseres Tunnels herabgelassen. Mit einem Schraubenschlüssel hieb einer der Männer in einer Mischung aus Freude und Verzweiflung immer wieder auf den Bohrer ein: Hier sind wir! Hier sind wir! Bis der Boss dem Einhalt gebot. Er sagte, sie sollten wie Bergleute denken und aufpassen, dass die Decke über ihnen, durch die der Bohrer hing, nicht einstürzte. Bald waren alle 33 Männer versammelt und starrten den Bohrer ehrfürchtig und mit Tränen in den Augen an. Es war, als streckte eine Hand sich durch den Fels hindurch ihnen entgegen. Abwechselnd schlugen sie mit Steinen und Hammern auf den Bohrerschaft ein, so wie Kinder beim Topfschlagen."

Außerdem: Brian Eno verrät, wie er bei Aufräumen im Studio regelmäßig seinem eigenen Genie begegnet.

Magazinrundschau vom 24.06.2014 - New Yorker

Unter den Theorien des Wandels ist die Diskontinuitätstheorie die unangenehmste, weil sie zeigt, wie ganze Industriezweige und Berufe durch disruptive Technologien überflüssig werden. Jill Lepore stellt die Theorie mit Hilfe von Clayton M. Christensens Buch "The Innovator"s Dilemma. Warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren" und vieler Beispiele (z. B. Disk-Drive-Industrie) vor und fragt, warum sie eigentlich so wenig kritisiert wird: "Große Ideen haben gewöhnlich viele Kritiker. Nicht so diskontinuitive Neuerung. Gründe: bahnbrechende Innovation ist immer überstürzt, während Kritik Zeit braucht. Ihre Verfechter geben den Kritikern das Gefühl altmodisch zu sein und den Fortschritt zu behindern. Ferner ist Neuerung in ihrer heutigen Verwendung so etwas wie Fortschritt als kritikimmuner Springteufel … Den Begriff "Fortschritt" durch "Neuerung" zu ersetzen, umgeht die Frage, ob eine Neuheit eine Verbesserung darstellt oder nicht: Die Welt mag nicht besser werden, dafür werden unsere Geräte immer neuer." Laut Lepore bildet die Theorie die Wirklichkeit nur unzureichend ab, Unternehmer seien nämlich viel klüger: "Diskontinuitätstheorie beschreibt, warum Unternehmen scheitern, nicht mehr. Sie erklärt weder den Wandel noch ist sie ein Naturgesetz. Sie ist historisches Artefakt, zeitbedingte Idee. Geblendet vom Wandel, ist sie blind für Kontinuität; ein schlechtes Orakel."

Bloomberg Businessweek hat Christensen zu Lepores Artikel interviewt: Der Arme ist so empört über den Angriff, dass er gelegentlich von sich in der dritten Person spricht.

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - New Yorker

Ian Parker befasst sich mit dem englischen Schriftsteller Edward St. Aubyn und seinen kommerziell höchst erfolgreichen Versuchen, den von der Mutter geduldeten sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater und seine Drogensucht mittels des Alter Ego Patrick Melrose literarisch zu verarbeiten. Parker stellt die Verbindung her zwischen Fiktion und einer finsteren Wirklichkeit, die in der "Patrick Melrose"-Trilogie offenbar nur ansatzweise Niederschlag findet: "Edward St. Aubyn zufolge begannen die Übergriffe durch den Vater, als er drei Jahre alt war und endeten, als er acht war. Nick Ayer kennt eine Frau, die als Kind ebenfalls von Roger (St. Aubyn) missbraucht wurde. Wenn Patrick in "Zu guter Letzt" Momente der Missbrauchsgeschichte in seiner Familie rekapituliert, eine Geschichte, die laut St. Aubyn Reportagecharakter hat, gibt es Bezüge zu anderen Opfern neben Patrick … Dies erinnernd, beschreibt St. Aubyn die Ankunft einer neuen Nanny. "Sie sagte, ich bin deine neue Nanny, und nun ist es Zeit für ein Bad, mach dich fertig. Ich ging und zog einen Anzug an, Krawatte, Schuhe, Socken. Sie fragte, was das soll, und ich antwortete: Sie sind eine Fremde, ich werde mich nicht vor ihnen ausziehen. Ich stieg also bekleidet wie ich war in die Wanne. Es ist klar, warum ich das tat."

Gestern kam die Meldung, dass Jaron Lanier mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Deutsche Leser kennen den amerikanischen Cyberpionier - er gilt als Erfinder der virtuellen Realität - nur als Konvertiten, als Mahner vor "digitalem Maoismus" und kybernetischem Totalitarismus. Doch 2011 zeichnete Jennifer Kahn im New Yorker ein sehr viel komplexeres Porträt Laniers: Sie beschreibt seine ungewöhnliche - und dramatische - Kindheit, tief geprägt von der Hippiekultur, was ihn allerdings nicht davon abhielt, für Atari oder (seit 2006) im Forschungslabor von Microsoft zu arbeiten: "Laniers Sehnsucht, sich dem Gespräch zu entziehen, während er gleichzeitig Akzeptanz sucht, hat tiefe Wurzeln. "Als ich aufwuchs fand mein Dad manchmal, dass ich nicht exzentrisch genug bin - in dem Sinne, dass ich später als Erwachsener in einem Haus mit Wänden, die parallel stehen, leben wollte, so Sachen", erzählte Lanier. Dann sprach er über seine Mutter. "Hätte sie länger gelebt, ich glaube ich wäre auf konventionelle Art erfolgreicher geworden", meint er. "Ich wäre Medizinprofessor in Harvard geworden oder etwas ähnliches. Mein Dad sagte "Sei der Buckminster Fuller oder der Frank Lloyd Wrigt" - sei der seltsame Außenseiter, der erfolgreich wird. Was ich dann ja auch irgendwie wurde."

Die allerneueste Ausgabe des New Yorker ist die traditionelle Fiction- und Poetry-Ausgabe. Online lesen darf man ein Porträt des Autors und Videobloggers John Greens lesen sowie Christine Smallwoods Besprechung von Phyllis Roses "The Shelf: From LEQ to LES" für das sich die Autorin durch die Bücher LEQ-LES im Regal ihrer Bibliothek gelesen hat.