Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 77 von 81

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - New York Times

Eine lange Parade von prominenten Rezensenten diese Woche: Nick Hornby (mehr hier) hat sich immer ein bißchen geschämt, wenn er im Taxi einen der sechs Comics oder besser Graphic Novels (hier eine Auswahl der Illustrationen) las, die er in dieser Ausgabe vorstellt. Obwohl er sie anspruchsvoll, innovativ und anregend findet wie es sonst nur gute Bücher sind. Hornby fühlte immer den Drang, dem Taxifahrer ztu erklären, dass zu Hause auf dem Nachttisch eine Menge "echter" Bücher bereitlägen. "die Wahrheit ist natürlich, dass viele dieser richtigen Bücher ungelesen bleiben werden, oder halbgelesen, wohingegen diese Comics verschlungen wurden, schnell und mit großer Lust: Comicbücher sind nie langweilig, nie so, wie Prosa sein kann, und es ist unvorstellbar, eine Graphic Novel nur halb zu lesen, ebenso wie man ein Sonnett nicht nur bis zur Hälfte liest. Und wirklich, eines der Probleme mit einem Buch wie Eric Dookers überwältigend schönem 'Blood Song' besteht darin, wie man es angemessen genießen kann. Man setzt sich kaum hin und beginnt auf Seite 1, und 20 Minuten später findet man sich am Ende, ausgespuckt aus der Geschichte und chancenlos, die ganzen Eindrücke auch nur annähernd aufgenommen zu haben."

Wenn William Langewiesche, Chefreporter des Atlantic Monthly, ein Buch und seinen Autor so rückhaltlos empfiehlt, kann man fast nichts mehr falsch machen. Und Langewiesche ist begeistert, er schwärmt von Charles Bowdens Geschichte (erstes Kapitel) eines Mannes, dessen jüngerer Bruder sterben musste, weil er gegen den Drogenschmuggel an der amerikanisch-mexikanischen Grenze kämpft. "Ist 'Down by the River' ein Exposee, etwas Geschichtliches, eine Biografie, eine Erinnerung, eine Abenteuergeschichte oder philosophisches Sinnieren? Alles auf einmal, Reportage auf höchstem Niveau, und es wechselt zwischen diesen Kategorien ohne Zögern oder Entschuldigung. Es ist auch eine Art Poesie. Wenn Bowden loslegt, schreibt er wie im Fieber."

Außerdem: Robert Gottlieb, Ex-Chefredakteur des New Yorker, lobt die von Susan Stanford Friedman herausgegebenen "Analyzing Freud - Letters of H.D., Bryher, and Their Circle" (erstes Kapitel) - alle waren Patienten von Sigmund Freud -, worin das Wien der 30er Jahre vor dem inneren Auge genau so aufersteht wie der große Freud, der hier aus allernächster Nähe geschildert wird. Patricia Hampl hat durch Ivan Klimas große Biografie (erstes Kapitel) den großen Tschechen Karel Capek kennen- und schätzen gelernt, den sie nach der Lektüre seines neu herausgegebenen Erzählbandes "Cross Roads" (erstes Kapitel) gleichauf mit Kafka und als Vorbild Milan Kunderas sieht. Jodi Kantor findet Susan Antillas Report über sexuelle Belästigung an der Wall Street "Tales from the Boom Boom Room" (erstes Kapitel) zwar schockierend, aber nuancenreicher als die gewöhnliche Aufdeckungs- und Skandalgeschichte.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - New York Times

Krieg erklärt, Allierte gewonnen, Bomben abgeworfen, Taliban vertrieben. So problemlos wie auf den ersten Blick war Bushs Afghanistan-Kampagne gar nicht, weiß Thomas Powers nach der Lektüre von Bob Woodwards "Bush at War" (erstes Kapitel), der gewohnt detailreich und seriös einen intimen Einblick in die Art und Weise gibt, wie Politik im Weißen Haus gemacht wird. So beschreibt wooodward etwa "eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am 16. Oktober, auf der Rumsfeld darauf bestand, dass das Militär der Strategie des CIA in Afghanistan folge. Oh nein, sagte der Vertreter des CIA-Chefs Tenet, John Mc Laughlin, ?unsere Jungs arbeiten mit dem Commander in Chief Tommy R. Franks zusammen. Wir unterstützen ihn nur. Er hat das Kommando.' Nein, entgegnete Rumsfeld, ?ihr habt das Kommando. Wir gehen dorthin, wo ihr uns hinschickt.' Nach dem Treffen, schreibt Woodward, nahm (Condoleeza) Rice Rumsfeld bei Seite und erklärte, 'Don, das ist jetzt eine militärische Operation und Du musst nun wirklich die Leitung übernehmen.'" Das Weiße Haus hat keine von Woodwards Behauptungen dementiert.

In "The Eagle's Shadow" untersucht John Hertsgaard, wie wenig die Amerikaner darüber wissen, wie arrogant und selbstherrlich sie auf den Rest der Welt wirken. "Wenn wir Palästinenser Blue Jeans tragen oder Tschechen Big Macs verschlingen sehen, glauben wir, dass das globale Dorf uns einander näher gebracht hat. Das ist eine gefährlicher Irrtum." Die Annahme Hertsgaards, dass die Amerikaner klug und gerecht handeln werden, wenn sie erst einmal wissen, wie sie auf andere wirken, teilt Rezensent Chris Heedges aber nicht. "Weisheit, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit - die Werte die er uns empfiehlt - erhalten und erweitern keine Reiche. Sie zerstören sie."

Außerdem: Sam Sifton ist entzückt von Sam Chalmers Roman "Who?s Who in Hell" (Auszug aus einer Lesung), dem mitreißenden, erheiternden, anarchischen und sehr witzigen Debüt des Briten. Nur manchmal, bedauert Laura Miller, findet Annie Proulx in "That Old Ace in The Hole" zu gewohnten erzählerischen Stärken zurück. Zu unstimmig, zu überladen kommt ihr die Geschichte über ein Landleben im Südwesten vor. Gar nicht überzeugend findet Caleb Carr Patricia Cornwells "Portrait of a Killer" (erstes Kapitel), in dem sie das Geheimnis um die Identität des legendären Mörders Jack the Ripper gelüftet haben will. Christopher Caldwell beschreibt Alistair Horne als den Typ des britischen Historikers mit einem Talent zum Erzählen und einer Vorliebe für Klatsch, Blutvergießen und das Bizarre. So erscheint Caldwell "Seven Ages of a Paris" (erstes Kapitel) dann zwar informativ-dicht, zugleich aber auch verwirrend-betörend.

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - New York Times

"Tis the night before Christmas, again": Die Weihnachtsausgabe der New York Times Book Review stellt neuen Lesestoff fürs Fest und die Ferien vor und kürt (siehe unten) die besten Bücher des Jahres.

Zuerst war der Honig, so könnte der erste Satz von Tom Richardsons Süßigkeiten-Bibel "Sweets" lauten. Richardson erzählt nicht nur die Geschichte der Süßigkeiten bis zum heutigen High-Tech-Riegel, er befasst sich auch mit den kulturgeschichtlichen Dimensionen des Naschwerks. Und das in einer profunden, eloquenten und witzigen Art, wie Jane und Michael Stern in ihrer Besprechung jubeln. "Während das Buch seine Struktur aus seriöser Forschung bezieht, besteht sein Fundament aus purer Lust. 'Ich mag Süßigkeiten', sagt er auf Seite 1 und erinnert uns, dass bis zum späten 20. Jahrhundert die Liebe der Menschheit für Süßes mit 'gutem Charakter und Vergnügen' assoziert wurde. Naschwerk ist außerdem eine der wahrhaft universellen Facetten menschlicher Kultur - 'der einzige Aspekt der Küche, der fast immer von Ausländern geschätzt und verstanden werden kann'."

"I Want That" lautet der programmatische Titel der Untersuchung von Thomas Hines über die Faszination des Konsums. Wie auf einem Basar fühlt sich auch Laura Shapiro, wenn sie sich durch Hines etwas konfuses Sammelsurium an Einsichtungen und Beobachtungen, Fakten und manchmal nie beantworteten Fragen wühlt. Am besten ist Hines, findet Shapiro, wenn er kleine persönliche Geschichten rund um den Konsum erzählt. "Der Gemüseverkäufer, der eine Limone nicht erkannte, der Freund, der erheitert feststellte, dass ein Online-Shop ihm nach dem Erhalt seines Kundeprofils eine Sammlung erotischer Zeichnungen empfahl - solche Porträts erzählen uns mehr über zeitgenössiches Einkaufen als der Großteil der Analysen, die drumherum platziert wurden." (Hier das erste Kapitel)

Ansonsten: Patrica T. O'Conner hofft, dass "Rumpole Rests His Case", die neuen Geschichtensammlung John Mortimers rund um seinen legendären Londoner Rechtsanwalt Horace Rumpole (hier mehr) mit ihrem gelungenen Mix aus liebgewonnenen und liebenswürdigen Charakteren, doch nicht die letzte sein wird, wie der Titel ankündigt. Barry Gewen kann sich mit Jody Rosens flott geschriebener Historie von "White Christmas" (erstes Kapitel) einverstanden erklären - "denn wenn es ein Song verdient, dass man ein Buch über ihn schreibt, dann ist es dieser". Jeanine Basinger bescheinigt Simon Louvish, mit "Stan und Ollie" ein durchaus nützliches Referenzwerk und einen soliden Überblick über die Karriere der berühmten Stummfilm-Comedians (hier mehr) geschrieben zu haben, und Robert H. Boyle ist hingerissen von John McPhees "The Founding Fish" (erstes Kapitel), ein Buch über den "american shad" (ein großer Hering, mehr hier).

Schließlich, wie angekündigt, der Jahresüberblick: die sieben besten Bücher 2002 nach Ansicht der Herausgeber (hier ein Audio-Interview zur anscheinend recht lebhaften Diskussion davor), die Bestenliste zu Prosa, Lyrik und Sachbuch, Kinder-, Mystery- und Science-fiction-Literatur, die Auswahl an Paperbacks und zu guter letzt die Hitparaden zu Architektur, Kunst, Küche, Garten, Fotografie und Reisen.

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - New York Times

Die New York Times Book Review beschäftigt sich heute intensiv mit Deutschlands Vergangenheit und bespricht zwei Bücher über die schicksalsträchtigen Verhandlungen zwischen und während den beiden Weltkriegen. Margaret McMillans Margaret McMillans Studie über die Friedenskonferenz in "Paris 1919" (erstes Kapitel) tritt an gegen "Peacemaking 1919" von Harold Nicolson und John Maynard Keynes "The Economic Consequences of the Peace". Auch wenn McMillan an deren Stil und "intellektuelle Feuerkraft" nicht heranreicht, löst sie ihre Aufgabe doch recht gut, findet Tony Judt. Besonders die Kapitel über die einzelnen Länder gefallen ihm. In ihrem Element sei McMillan, "wenn sie Persönlichkeiten beschreibt und charakterisiert, nicht nur die führenden wie Woodrow Wilson, David Lloyd George und Georges Clemenceau, sondern auch Randfiguren wie Königin Marie von Rumänien und eine Reihe von eher glücklosen Unterhändlern von Peking bis Budapest."

Michael Beschloss hat seine Untersuchung der Rolle von Roosevelt und Truman bei den Verhandlungen über die Zukunft Deutschlands unterbrochen, um auf die Öffnung einiger Archive zu warten, und diese Besinnungspause hat "The Conquerors" (erstes Kapitel) gutgetan, schreibt Thomas Powers. Besonders Roosevelt, der die Formel der bedingungslosen Kapitulation geprägt hat, erscheine in einem neuen Licht. "Der gewöhnliche Amerikaner sah in Roosevelt einen Fels, ernst und zuversichtlich, aber für die Männer in seiner Umgebung war er ein Rätsel. Niemand kannte seine wahren Pläne, niemand konnte sicher sein, was er anderen erzählte oder wann die Linie des Präsidenten sich ändern würde und Mitarbeiter plötzlich um ihren Rücktritt gebeten würden."

Dick Teresi hätte sich für seine "Lost Dicoveries" (erstes Kapitel), in denen er überzeugend und erschöpfend auf die nicht-westlichen Ursprünge der Wissenschaft hinweist, keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, jubelt Stephen S. Hall. Und spannend sei die Suche nach den arabischen, indischen, chinesischen oder polynesischen Wurzeln unseres Denkens auch noch. Hall empfiehlt es als Pflichtlektüre, für die High School wäre es vielleicht "ein bißchen zu detailliert und überwältigend, geradezu ideal könnte es aber für Seminare über den westlichen Kanon an der Universität sein, oder noch besser, als Grundlage für eine Lektion der Ideengeschichte namens 'Demut 101'."

Außerdem zu lesen in dieser wahrhaft lohnenden Ausgabe: Robert W. Merry ist hoffentlich objektiv, wenn er John F. Stacks "Scotty", ein Porträt der Journalistenlegende James B. Reston (kurze Biografie hier), als klarsichtig und unsentimental feiert. Er nennt Reston die "mächtigste Stimme der mächtigsten Zeitung des Landes" - der New York Times. In den "Selected Poems, 1957-1994" kann man nicht nur die herausragende Poesie des Ted Hughes (alle besprochenen Bücher hier, mehr über Hughes hier) bewundern, sondern bekommt auch neue Einblicke in die künstlerische Entwicklung von Englands großem Poeten, verspricht Peter Davison. Die Krimi-Ecke birgt fünf Kurzbesprechungen neuer Kriminalliteratur, unter anderem Richard Starks "Break Out". Judith Shulevitz schaudert es schließlich im Close Reader vor Dichtern, die ihre Werke nicht vorlesen können, und rät Poeten mit diesbezüglichen Defiziten, doch bitte zu trainieren - für sich und ihre Zuhörer.

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - New York Times

Als "unwiderstehlich spannend" preist Jim Holt "Prey" (hier das erste Kapitel) von Michael Crichton (homepage), der sich in seinem neuen Page-Turner der Wunder und Gefahren der Nanotechnologie (mehr dazu auch in unserer FAZ-Zusammenstellung vom Wochenende) bedient, um in gewohnt gekonnter Manier Wissenschaft und Suspense zu verbinden. Wie immer hat Crichton ausführlich recherchiert, bevor er den vierzigjährigen Computerprogrammierer Jack in seinem "bisher vielleicht ambitioniertesten Buch", wie Holt schreibt, in den Kampf gegen die Nano-Firma Xymos und wildgewordene, intelligente und sich selbst reproduzierende fliegende Mini-Roboter schickt. "Man wird unterhalten und lernt gleichzeitig was dabei", meint der Rezensent, "auch wenn die beiden Ebenen schließlich auseinandergehen. Und natürlich war ich dann nicht wirklich überrascht zu lesen, wie der Good-Guy-Erzähler eine hoffnungslose Situation nach der anderen meistert, bis die Nano-Bedrohung inmitten großer Explosionen vernichtet wird. Auch wenn Crichtons Thema die Unvorhersehbarkeit ist, manchmal kommt es doch genau so, wie man es sich gedacht hat."

John B. Judis' and Ruy Teixeiras Prognose, wie die zukünftigen wirtschaftlichen, demographischen und kulturellen Veränderungen die Politik der USA beeinflussen werden, lobt David Kusnet als informatives "intellektuelles Abenteuer". Die Autoren sagen in "The Emerging Democratic Majority" eine langanhaltende Wiedererstarkung der Demokraten voraus, ähnlich der Übermacht der Republikaner während der siebziger und achtziger Jahre. "Judis und Texeira finden diese Zukunft in den urbanen Regionen wie Kaliforniens Silicon Valley und North Carolinas Forschungsdreieck (...). Dort lokalisieren sie die drei Bevölkerungsteile, die mehr und mehr demokratisch werden: rassische und ethnische Minderheiten, gebildete arbeitende Frauen und hochspezialisierte Fachkräfte." (Hier das erste Kapitel)

Weiteres: Laura Miller erinnert an den kalifornischen Schriftsteller Philip Dick (mehr hier), der, obwohl seine besten Arbeiten der Pulp Fiction zugerechnet werden, nach Millers Überzeugung einen unabsehbaren Einfluss auf unser heutiges Alltagsleben ausgeübt hat. Michael Gorra ist ganz angetan von Alice McDermotts Roman "Child of my Heart" (hier das erste Kapitel), in der die 15-jährige Theresa auf dem Long Island der sechziger Jahre die Welt der Erwachsenen entdeckt. Das liegt zum großen Teil an McDermotts sauberem, schlanken Stil, der aber kein Detail vermissen lässt und den Sätzen damit einen "Unterton an Bedeutung" verleiht, wie der Rezensent schreibt. Adam Kirsch hält J. D. Clatchy für den herausragenden Vertreter einer strengen und exakten Tradition in der amerikanischen Poesie und empfiehlt daher auch seine neue Gedichtsammlung "Hazmat" als ansprechende, witzige und elegante Lektüre.

Magazinrundschau vom 18.11.2002 - New York Times

Der große irische Schriftsteller (und eminente Kunstkenner) John Banville (mehr hier) bespricht "Seek My Face", den neuesten Roman von John Updike, in dem es um Kunst geht. Genauer: Um einen nur leicht fiktionalisierten Jackson Pollock und dessen Witwe, der Malerin Lee Krasner (mehr hier), die im Roman Hope Chafetz heißt. Erzählt wird deren Lebensgeschichte in Interviewform, manches - nicht nur die Namen - ist hier freilich anders als es sich im wirklichen Leben ereignet hat. Gelungen ist das Experiment nicht ganz, meint jedenfalls Banville. "Updike has attempted to meld art criticism, or at least art history, with fiction. The result is a fascinating but not entirely successful hybrid." Am besten gefällt Banville die Schilderung des Verhältnisses der alten Hope und der jungen Journalistin Kathryn, die das Interview führt (und die der Erzähler, wie wir erfahren, bis auf die Toilette begleitet). Der Haupteinwand richtet sich gegen die Darstellung Pollocks, den überzeugend zu verlebendigen Updike nicht gelinge. Schlimm aber ist das nicht: "In this novel he may not succeed in finding the face he seeks; nevertheless the search throws up other discoveries, other recognitions, other illuminating revelations." Hier eine Leseprobe.

Anlässlich einer soeben erschienenen Biografie (hier das erste Kapitel) wird der Schriftsteller L. Frank Baum (Biografie) vorgestellt, der auch in den USA halb vergessen ist - und zwar nicht zuletzt wegen des überwältigenden Erfolgs, den die Verfilmung seines Romans "Wonderful Wizard of Oz" (1900 erschienen) hatte. Der Film mit Judy Garland ist längst ein amerikanisches Nationalheiligtum, das Buch - beziehungsweise die ganze Serie von Oz-Büchern (alle im Netz zu lesen hier), die bis zu Baums Tod im Jahr 1919 folgte - steht noch immer in seinem Schatten. Zu Unrecht, meint die Rezensentin Brooke Allen, der Roman lese sich, gerade im Vergleich mit dem Film, erfrischend unsentimental.

Politische Bücher: Daniel Levitas Buch "The Terrorist Next Door" über die radikale Rechte Amerikas hält laut Mark Silk auf überzeugende Weise die Erinnerung daran wach, dass gemeingefährliche Irre in den USA nicht arabischer Herkunft sein müssen. (Erstes Kapitel hier.) Und dann hat Al Gore (Sie erinnern sich?) noch ein neues Buch ("Joined At The Heart" - erstes Kapitel hier) geschrieben, gemeinsam mit seiner Ehefrau Tipper. Es geht darin um amerikanische Familienwerte und das ganze hätte, meint Robin Toner, durchaus schlimmer ausfallen können.

Die Krimi-Kolumne: Deutschlands liebster Skandinavier Henning Mankell ist gerade dabei, auch in den USA eine feste Genre-Größe zu werden. Der einflussreichen Rezensentin Marilyn Stasio gefällt er jedenfalls, der "reflective detective" Wallander, den Roman "Firewall" (zu deutsch: Die Brandmauer) lobt sie als "thinking man's thriller". Ebenfalls gut weg kommen Krimis von Andrea Camilleri und Jean-Patrick Manchette.

Magazinrundschau vom 11.11.2002 - New York Times

In regelmäßigen Abständen warnt uns Richard Preston vor den Gefahren durch tödliche Bakterien, Viren und Mikroben. Offensichtlich hat er prominente Leser. Nach der Lektüre seines zweiten Buches soll Präsident Clinton das Budget für die Verteidigung gegen biologische Waffen deutlich erhöht haben. Prestons neues Buch "Demon in the Freezer" (erstes Kapitel hier) widmet sich den Pocken. Die bewährte Mischung aus "Terror, Technologie und Trivialität" will aber diesmal nicht so recht zünden, meint Rezensent Harold Varmus. Etwas unzusammenhängend wirken auf ihn die Essays über das Virus, die Fallgeschichten und Interviews mit Forschern. Nur stellenweise lese man Preston in Bestform, etwa wenn er schildert, "wie eine einzige infizierte Person (wie der zurückkehrende Reisende in Meschede, Westdeutschland, 1970 - heute wäre er wohl ein Bioterrorist) eine Epidemie auslösen kann; und wie schrecklich die Krankheit sein kann (in der hämorrhoiden Variante 'verfärbt sich die Haut bis sie verkohlt aussieht, und kann sich dann in Streifen vom Körper lösen?)."

Der gefeierte Jonathan Franzen präsentiert sich mit seiner Essaysammlung "How to be Alone" ("Anleitung zum Einsamsein") mit Magazinartikeln aus den vergangenen Jahren als nachdenklicher, sensibler und origineller Beobachter der Welt um uns herum, schwärmt A. O. Scott. "Er beginnt mit der jedem guten Schriftsteller vertrauten Hypothese, dass noch die einfachsten, trivialsten Aktivitäten - das Ausdrücken einer Zigarette, das Aufgeben eines Briefes, das Wählen einer Telefonnummer, das Lesen eines Buches - vor Komplexität nur so strotzen, und dann zerlegt er, mit beispielhafter ethischer Ernsthaftigkeit, grimmiger Konsequenz und feinem Witz, diese Komplexitäten in ihre moralischen, psychologischen und historischen Komponenten."

Außerdem: Brooke Allen ist begeistert von Margaret Drabbles elegantem, unaufdringlichem und effektivem Stil in "The Seven Sisters" (erstes Kapitel hier), wo Mauerblümchen Candida mit ihren Freundinnen auf den Spuren von Aeneas von Karthago nach Neapel reist. John Leonard ist noch mitten im Geschwindigkeitsrausch von Dave Eggers' (mehr hier) zweitem Roman "You shall know our Velocity" (erstes Kapitel hier), einem Roman über die atemlose Flucht zweier Freunde von Chicago nach Marrakesch und wieder zurück. Neil Gordon empfiehlt "The Secret", Eva Hoffmans packenden Erstling über eine Frau auf der Suche nach ihrer Identität im Jahr 2025. Und Murray Sayle stellt "A Secret History of the IRA" von Ed Moloney vor.

In der Science-Fiction-Ecke tummeln sich intergalaktische Geheimagenten und 12-jährige Assassinen.

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - New York Times

Dieses Buch wird eine Menge Leser haben, und alle werden glauben, es sei speziell für sie geschrieben worden, prophezeit A. O. Scott "The little Friend", dem neuen Roman von Donna Tartt. Scott entdeckt in Tartts 12-jähriger, altkluger und unsentimentaler Heldin Harriet Dufresne, die sich auf die Suche nach den Mördern ihres Bruders macht, etwas von Faulkners Caddy oder Louise Fitzhughs kindlicher Dektetivin "Harriet the spy". "Ein Buch, dass sich sich neugierige junge Leser von dem Bücherregal ihrer Eltern herunterpflücken und mit innigem Eifer verschlingen werden, angezogen von einer Autorin, die ihre Gedanken zu lesen scheint und ihnen die süß-sauren Früchte exotischen, verbotenen Wissens schenkt", rühmt Scott. (Hier das erste Kapitel)

Nach der Lektüre von zwei vorzüglichen Studien über Pakistan (von Owen Bennett Jones und Mary Ann Weaver) ist sich Robert D. Kaplan bewusst geworden, wie kurz das zerrüttete Land vor einer Explosion steht - vielleicht einer atomaren. Und wie gefährdet Präsident Musharraf ist, vielleicht noch mehr als im Oktober 1999 Pakistans letzter demokratisch gewählter Präsident Nawas Sharif, der einen theokratischen Gottesstaat unter dem Deckmantel der Demokratie errichten wollte und "einem zivilen Flugzeug voller Schüler die Landung verweigerte, um einen der Passagiere zu töten. Der Passagier war Generalstabschef Musharraf, dessen Offiziere Sharif aus dem Amt entfernten, buchstäblich Minuten, bevor dem Flugzeug das Benzin ausgegangen wäre."

Weitere Artikel: Im Close Reader zerpflückt Judith Shulevitz die religiöse Spurensuche von Norman Podhoretz (mehr hier), der die Exegese des Alten Testaments für christlich dominiert und damit falsch hält und zu den wahren Aussagen der Propheten des jüdischen Volkes vorstoßen möchte. Wendy Lesser hält Scott Turrows Thriller "Reversible Errors" (hier das erste Kapitel) für ein Buch, über das man noch wochenlang nachdenken kann. Evan Thomas ist erstaunt, wie lebendig und verstörend zugleich ein Bericht über das Versagen der US-Regierung im Vorfeld von 9/11 sein kann ("The Age of Sacred Terror" von Daniel Benjamin und Steven Simon). John Sutherland hat Mike Davis' "Dead Cities", eine apokalyptische Visionen über die Zerstörung der Städte und den Niedergang unserer urbanen Kultur gelesen und viel Wahres entdeckt, aber es ist wie immer: "Cassandra klagt umsonst."

Magazinrundschau vom 28.10.2002 - New York Times

Was macht Marcel Proust zum Genie, was George Eliot unsterblich? Harold Bloom (mehr hier) porträtiert in seinem neuen Buch "Genius" 100 literarische Ausnahmeerscheinungen. Und auch wenn er sich in seinen kurzen Essays unaufhörlich wiederholt, unüberprüfbare Behauptungen in den Raum stellt oder beizeiten einfach unverständlich ist, die Ehrfucht, Liebe und Abneigung zu den Büchern und ihren Autoren ist dem belesensten Literaturkritiker unserer Zeit in jeder Zeile anzumerken, findet Judith Shulevitz. Vor allem seine größte Passion: "Blooms Leidenschaft zur literarischen Persönlichkeit erklärt auch sein merkwürdiges Beharren darauf, dass 'J.', Autor der Genesis, des Exodus und der Numeri eine Frau am Hofe König Davids gewesen sei. Bloom möchte, dass wir auch Gott als einen Charakter in J.'s literarischem Kosmos sehen, einen reichlich mit ihrer boshaften Ironie ausgestatteten und weniger vorhersagbaren und weniger ehrlicheren als die Tradition zugeben mag." 

Weitere Artikel: Richard E. Nicholls zeigt sich beeindruckt von T. J. Stiles' großer Jesse-James-Biografie, die dem legendären amerikanischen Outlaw des Bürgerkriegs bisher ungeahnte Seiten abgewinnt. "Er war gut gekleidet, ein schlauer Publizist und Politiker, ein glänzender Reiter und und ausgesprochen cool." Jeffrey Eugenides (hier mehr) bejubelt Joanna Scott, die sich mit ihrem neuen Roman "Tourmaline", wo sie die Fragen eines Sohnes zu einer Erkundung über die grundlegenden Fragen des Lebens werden lässt, erneut als eine berufene Schriftstellerin erweist. Ruth Franklin würdigt "The Crazed" als radikal und den Verfasser Ha Jin als verwirrendsten Autor der englischen Sprache, der, indem er alle Regeln des Schreibens wie selbstverständlich bricht, Werke von außergewöhnlicher Moral und Schönheit vorlegt.


Magazinrundschau vom 21.10.2002 - New York Times

Endlich ein Buch über den 11. September, bei dem es - wie in den 150 Büchern davor - nicht nur von Helden wimmelt", schreibt Jeffrey Goldberg über William Langewiesches "American Ground". Langewiesche, Starreporter des Atlantic Monthly, hat die Aufräumarbeiten an Ground Zero vom ersten bis zum letzten Tag an mitverfolgt und in gewohnt herausragender journalistischer Qualität geschildert, jubelt Goldberg: "It is a work of original reporting, and its pages are filled with astonishing observations. There are too many arresting passages to recount here, but let me note two: Langewiesche's walk through the ghost world of the Bankers Trust building, which was damaged in the attack but did not fall, is postapocalyptic in its loneliness; and his reconstruction of the last minutes of the planes that slammed into the towers - American Flight 11 and United Flight 175 - is terrifying in its exactness." (Auszüge aus der in drei Teilen veröffentlichte Reportage in Atlantic Monthly finden Sie hier und hier und hier).

Gute Gründe für einen Krieg gegen den Irak findet Jack F. Matlock Jr. in Kenneth M. Pollacks "The Threatening Storm" (Leseprobe). Der frühere Geheimdienstmitarbeiter Pollack verfüge über ein umfangreiches Detailwissen und liefere präzise Analysen, meint der Rezensent. Wie etwa diese: "The idea that opposition groups could lead an invasion and prevail with the support of American air strikes and some special forces, as happened in Afghanistan, is an illusion, he believes. No neighboring states would back such an effort and it would probably fail even if they did. The only sure course is a blitzkrieg by American ground troops."

Weitere Artikel: In ihrem Close Reader folgt Judith Shulevitz Hillel Halkin in das Grenzgebiet zwischen Tibet und Burma, wo ein Volk behauptet, direkt von einem der zehn Stämme Israels abzustammen. Nach der Lektüre von David Rockefellers Memoiren (Leseprobe) sehnt sich David Brooks nach der Zeit zurück, als die Prominenten sich - wie Rockefeller - durch gepflegte Umgangsformen auszeichneten und nicht nur durch ihr monströses Ego. Joyce Carol Oates' 38. Roman "I?ll take you there" (Leseprobe) würdigt Jennifer Egan zwar als bezaubernd, als Oates' Meisterwerk möchte sie es aber nicht bezeichnen. Einen Meister des internationalen Thrillers nennt Richard Eder Martin Cruz Smith, und auch dessen neuestes Werk "December 6" sei ein könnerhaft und fehlerlos inszenierter Krimi im Japan des Zweiten Weltkriegs.

Kurz besprochen werden Sachbücher, darunter eines über Juden in Deutschland, und Kinderbücher, über Hühner und Scheunen. In der Krimi-Ecke geht es etwa um Verbrechen in Florenz, Maryland, Los Angeles und England. Zu guter letzt ein Herbsgedicht von Judy Katz.