Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 76 von 81

Magazinrundschau vom 03.03.2003 - New York Times

Dunkle Zeiten in der New York Times Book Review: Bücher von Krieg und Faschismus dominieren die Besprechungen. Mark Bowden rühmt "Jarhead" (erstes Kapitel), die Erinnerungen des Golfkriegsveteranen Anthony Swofford, als "eines der besten Bücher, das je über das militärische Leben geschrieben wurde". Selten bekomme der zivile Leser einen so unvermittelten Einblick in die Gedanken eines Soldaten, denn normalerweise werde der Blick durch die "verschwommene Brille des Patriotismus getrübt". Nicht so bei Swofford. Der fängt die "Fröhlichkeit, Anspannung, Geilheit und Einsamkeit" der langen Vorbereitungszeit in der Wüste ein, um dann ehrlich und unverblümt, sprachmächtig und manchmal gar poetisch seine Erfahrungen im Krieg zu vermitteln, schwärmt Bowden. Selten gebe es "Marines, die ihre Erlebnisse überhaupt mitteilen wollen, aber noch seltener sind die Marines, die wie Swofford auch noch schreiben können". Dessen Fazit des Kriegs ist nüchterner als die Rezension: Letztendlich laufe alles darauf hinaus "für alte weiße Männer zu kämpfen und zu sterben".

Antonio Lobo Antunes (mehr hier) lässt in seinem Roman "Inquisitors' Manual" (erstes Kapitel) die Zeit der Diktatur von Antonio Salazar wiederauferstehen. William Deresciewicz hält das Buch für mehr als eine bloße Allegorie auf den Faschismus, vielmehr zeige es auf, wie der Terror die Gesellschaft durchdringe. "Wenn Salazar und sein Regime immer älter werden, atmen wir eine Atmosphäre aus Illusion und Feigheit. Das Regime fällt hier nicht einmal in sich zusammen, sondern viele Male, denn die Geschichte setzt sich aus den Erinnerungen von etwa einem Dutzend sehr verschiedener Charaktere zusammen". Insgesamt, schließt Deresciewicz, das beeindruckende "Porträt einer zur Gänze ruinierten Gesellschaft".

Außerdem: John Sutherland preist Michael Pyes Roman "The Pieces from Berlin" (erstes Kapitel) als technisch ausgefeilte und kunstvolle Reflektion über die Moral. Pyes Protagonistin hilft vor dem Zweiten Weltkrieg jüdischen Freunden, deren Kunstschätze zu verstecken, benutzt diese aber nach dem Krieg als Grundstock für ihren eigenen florierenden Kunsthandel. Joseph Dorman schätzt Gerald Sorins Biografie des Literaturkritikers und langjährigen Sozialisten Irving Howe (erstes Kapitel). Der "emphatische Biograf" Sorin sei zwar mit seiner Figur etwas zu sanft umgesprungen, dennoch sei es ihm gelungen, die Verflechtung von Politik und Literatur in Howes Leben deutlich zu machen. Und David Oshinsky hat Lizabeth Cohens Studie "A Consumers' Republic" mit Gewinn gelesen. Cohen zeige auf, wie sich der kriegsbestimmte Patriotismus in den USA nach 1945 auf den Konsum verlagert hat.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - New York Times

Am interessantesten ist ein Artikel, der zwar auf den Buchseiten, aber nicht direkt in der Review steht: David D. Kirkpatrick berichtet über Querelen bei Random House. Nachdem die renommierte Cheflektorin Ann Godoff gefeuert worden war, weil sie nicht genug Profit gemacht haben soll, lockt sie jetzt renommierte Random House-Autoren (darunter auch Bestsellerautoren) zu ihrem neuen Arbeitgeber Penguin USAGina Centrello, Verlagschefin von Ballantine und Random House, hat Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden, weil der offenbar sehr viel weniger Entscheidungsfreiheit haben wird als Godoff. Dafür muss er enger mit Ms. Centrello zusammenarbeiten, die von der Marketing- und Finanzseite kommt. Außerdem auf den Buchseiten: eine zwiespältige Rezension von John Rockwell zu Frederic Spotts Studie über Hitler als Kunstkritiker.

T. Coraghessan Boyle (homepage) hat sich für seinen "unmäßig unterhaltsamen" neuen Roman "Drop City" eine Hippie-Kommune im Kalifornien der Siebziger ausgesucht, die als Hintergrund für zwei ungewöhnliche Liebesgeschichten dient, wie Dwight Garner in seiner Rezension erklärt. Boyle schreibe "unglaublich gut über die Freak-Parade, die er da auf den Leser loslässt", lobt Garner und ist erstaunt darüber, "wie viel menschliche Komplexität" Boyle in dieses Szenario packt. Kurz und gut, "einer der lustigsten und gleichzeitig subtilsten Romane über die Hippie-Ära, die langsam zu verblassen scheint", urteilt Garner, der nur einen Wermutstropfen beklagt: den etwa übereilten Schluss.

In seinem neuen Buch "Spooky Art" (erstes Kapitel) hat Norman Mailer (mehr hier) einige seiner Aussagen zur Kunst des Schreibens versammelt. Das Buch sei aber keineswegs eine Liste von Do's and Don'ts, beruhigt James Campbell, "aber wenn es professionelle Tipps gibt, dann sind sie recht grundlegend". Viele von Mailers Überlegungen hätten aber auch rein gar nichts mit dem Schreiben zu tun. Mit dem Schlusskapitel, in dem Mailer über andere Autoren und Kritiker herzieht, kann Campbell nichts anfangen. "Ein solches Übermaß an Neid und Konkurrenzdenken ist ungesund", rät er dem Altschriftsteller und bescheidet Mailer schließlich, dass er wie viele seiner Kollegen wenig hilfreich sei, andere in die Kunst des Schreibens einzuführen.

"Die Schriftsteller sind unsere öffentlichen Intellektuellen geworden, unsere Universalgelehrten, unsere Geografen, unsere Erforscher der materiellen Welt", stellt Judith Shulevitz in ihrem Close Reader fest. Trotzdem sind Intellektuelle als Handelnde Mangelware im modernen Roman, wundert sie sich, um sich dann einem Buch zu widmen, in dem alles anders ist: Richard Powers' ''The Time of Our Singing'' (hier die Rezension).

Außerdem: Timothy Naftali hält Thomas Powers Abriss der Geheimdienstarbeit seit 1941, "Intelligence Wars", für eine nützliche Einführung in einen bisher vernachlässigten Teil der amerikanischen Geschichte. Kathryn Harrison findet in Valery Martins "Property" (erstes Kapitel) vor allem die Nebengeschichte spannend und faszinierend, den Kampf zwischen der vernachlässigten Ehefrau eines Plantagenfarmers und ihrer Sklavin Sarah. Colin McGinn, Philosophieprofessor an der Rutgers University, verreißt Antonio Damasios "Looking for Spinoza" (erstes Kapitel). Damasio ist Neurologe und hat bereits zwei Bücher über Gefühl und Gehirn geschrieben. Und schließlich druckt die Book Review Tropico, ein Gedicht von Nicholas Christopher, das schon recht tropisch beginnt: "On the abandoned tennis court in the coconut grove where the cows chew weeds along the baseline ...".

Magazinrundschau vom 17.02.2003 - New York Times

Wie eine selbst aufgenommene Kassette mit den eigenen Lieblingsliedern kommt Gerald Marzorati das "Songbook" (erstes Kapitel) von Nick Hornby (hier mehr) vor, eine Sammlung von 26 originellen und leidenschaftlichen Essays, jeder über ein oder zwei Stücke. "Hornby ist überhaupt nicht an den Trends der Musikwelt interesisiert, geschweige denn an den Karrieren der Musiker. Er interessiert sich für - oder besser, ist fasziniert von - den Songs an sich." Marzorati hat sich mitreißen lassen von der Hingabe, mit der Hornby über seine bevorzugten Aufnahmen schreibt, die er als "Vehikel zum Erlangen von so etwas wie dem Göttlichen" sieht. Genauso wie ihn Hornbys Sinnieren über die Sterblichkeit dazu angeregt hat, sich zu überlegen, was für einen Song er gerne bei seinem Begräbnis gespielt haben würde. Hornby wünscht sich auf jeden Fall "Caravan" von Van Morrison.

Voll des Lobs ist auch Stacy Schiff nach der Lektüre von Janice Galloways "Clara" (erstes Kapitel), einer Biografie über Clara Schumann. Ein "schimmerndes Werk", jubelt die Rezensentin. Denn die Autorin habe es geschafft, nicht der romantischen Selbstinszenierung ihres Objekts zu verfallen. "Galloway, eine schottische Schriftstellerin mit einem scharfen Blick und einer großen, unverzagten Energie, stolpert nicht über" die 47 Tagebuchbände von Schumann, "sondern denkt ihren Weg in sie hinein und um sie herum." Und trotz einiger Missklänge wie der Obsession der Autorin mit Schriftarten oder erzählerischen Brüchen sei Galloways Buch ein großartig "klingendes, wuselndes Universum".

Außerdem: Margo Jefferson reflektiert über Richard Rodriguez' wunderbare Essayerzählungen "Brown. The Last Dicovery of America", die nach ihrer Meinung "das Ende unserer selbstbeweihräuchernden Frömmigkeit" markieren sollten. Die Farbe Braun steht für Rodriguez dabei für alles "Hybride" im amerikanischen Leben, alles was sich nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien einteilen lässt. Richard Eder hält sich im Aufmacher mit einer klaren Wertung über William Boyds "Any Human Heart" (erstes Kapitel) ziemlich zurück, zumindest gesteht er der Hauptfigur, dem "unbedeutenden britischen Autor, Kunsthändler, Spion, Zufallsgefährten von Dutzenden von Prominenten, unglücklichen Ehemann und Liebhaber" eine gewisse "Integrität" zu.

Magazinrundschau vom 10.02.2003 - New York Times

Rick Marin hat sich prächtig amüsiert bei der Lektüre von Robert Lanhams "The Hipster Handbook", das Nicht-Hippen erklärt, was "deck", also hip ist, und was nicht. Und all das in "Slanguage", der oft übersetzungsbedürftigen Hip-Sprache. Lanham liefere nicht nur Einblicke in Skurrilitäten, sondern auch darüber, wie sich Subkulturen immer weiter spalten, und nicht zuletzt grundsätzlichere Erkenntnisse: "Zahlreiche Seiten sind den Hipster-Beziehungen gewidmet. Dabei kommt heraus, dass Hipster-Männer das wollen, was alle Männer wollen: Sex. Hipster-Frauen dagegen 'begehren keine schmalen, sensiblen, kränklichen Männer in engen T-Shirts mehr. Eigentlich fanden sie solche Männer nie wirklich begehrenswert. Sie hatten nur wenig Auswahl während der Indie-Rocker-Ära der Neunziger.' Für männliche Hipster", so Marin, "könnte dies die wahrhaft nützlichste Erkenntnis dieses Buches sein." (Wer an den Hippen nippen will, der kann das erste Kapitel lesen).

Pankaj Mishra ist angetan, wenn auch nicht ganz, von Pico Iyers Roman "Abandon" (erstes Kapitel), in dem der junge Student John MacMillan sich entschließt, "die Welt durch das Licht des Sufismus zu sehen". "Mit seinem Wissen über den Sufismus", so Mishra, "ist Iyer gut ausgerüstet, um Vorurteile gegen den Islam auseinanderzunehmen. Mit bewundernswertem Taktgefühl und Subtilität, und durch faszinierende iranische Figuren, zeigt er die ursprüngliche Bedeutung von "dschihad" auf und eröffnet, dass der Ayatollah Khomeini irrwitzige Liebesgedichte schrieb. Doch das Aufeinanderprallen der Werte, das Iyer anspricht, kommt als Zusammenprall von nicht-analysierten Abstrakta daher. Es ist eben zur intellektuell glamourösen Art geworden, über schwerwiegendere und tiefere Konflikte politischer und wirtschaftlicher Art nicht zu reden."

Weitere Bücher: Margaret Talbot kann sich nicht recht entscheiden, ob sie Adrian Nicole LeBlancs Dokumentarbuch "Random Family" über arme Familien in der New Yorker Bronx wegen dessen mangelnder Reflektiertheit tadeln, oder ob sie es nicht vielleicht loben soll, weil dessen gedankliche Enge die abgeschottete Perspektive der beschriebenen Familien spürbar macht. Morris Dickstein ist tief beeindruckt von in Sherwin B. Nulands Autobiografie "Lost in America", in der dieser seine Krankheit schildert. Für Dickstein liest es sich "wie eine dieser confessions, die die Seele heilen". Schließlich kann Brooke Allen zwar verstehen, warum man Louise Erdrichs Romanen einen solch enthusiastischen Empfang bereitet, weil sie nämlich die populären Themen des Eingeborenen-Lebens und der Weiblichkeit verknüpft, doch auch in "The Master Butchers Singing Club" (Leseprobe) bleibt sie nach Allens Ansicht weit hinter ihrem Anspruch zurück.

Magazinrundschau vom 02.02.2003 - New York Times

Heute sind sie ausgestorben, die Universalgelehrten vom Schlage eines Christopher Wren (mehr hier): Lisa Jardine stellt uns den 1632 geborenen Mathematiker, Astronomen und Erfinder in ihrer Biografie "On a Grander Scale" (erstes Kapitel) als geniales Geschöpf der Renaissance vor, der, bevor er sich der Architektur zuwandte und etwa die St. Pauls Kathedrale in London entwarf, von Isaac Newton als einer der drei fähigsten Köpfe der Geometrie bezeichnet wurde und in schon seinen Jugendjahren mit Oxforder Studienkollegen wie William Petty (mehr hier) und Robert Boyle (mehr hier) quasi nebenbei die legendäre Royal Society gegründet hatte. Witold Rybczynskit, selbst Architekturprofessor, glaubt der Renaissance-Spezialistin Jardine in seiner Rezension zwar schon, dass Wren weit mehr war als nur ein begabter Gebäudekonstrukteur, aber "es gibt keinen Zweifel daran, dass er nun mal mit seinen Bauten in die Geschichte eingegangen ist, und eine Biografie, die diese nicht ausgiebig würdigt, wirkt ein wenig luftig. Dieser Mangel wird kompensiert durch einen Reichtum an Informationen über periphere Themen und Individuen; dies ist ein Buch, in dem - metaphorisch gesagt - die Fußnoten ihre Fußnoten haben.

Ganz entzückt ist Jeffrey Eugenides, Autor des viel gefeierten Romans "Middlesex" (Links dazu hier) davon , dass er, im Lieblingscafe von Joseph Roth (mehr hier) in Amsterdam sitzend, eine Sammlung seiner Feuilletons ("What I Saw". Reports from Berlin. 1920-1933) lesen konnte. "Das Schwierigste an dieser Besprechung ist, dass ich jeden Satz aus "What I Saw" zitieren möchte. Es ist wie mit Borges Universal Library; das die ganze Welt enthält: eine richtige Rezension dieses Buches wäre schlicht das Buch selbst. Der Wert dieser Feuilletons hat nichts zu tun mit der typografischen Perspektive, was zählt, ist ihre kontinuierliche Brillanz, ihr unwiderstehlicher Charme und ihre unverminderte Bedeutung." Eugenides gibt nebenbei auch eine aufschlussreiche Kurzdefinition des Feuilletons: "Keine Nachricht. Kein Stadtbericht. Das Gegenteil eines Editorials, beschreibend, philosophisch, mäandernd und poetisch."

Außerdem: Neil Gordon glaubt, Risa Millers gewiefter Debütroman "Welcome to Heavenly Heights" wird gehörig unterschätzt. In dem Buch beschreibt sie den Umzug eines jüdisch-orthodoxen Pärchens von Baltimore in eine mit allem Komfort ausgestattete, von waffenstrotzenden Helikoptern bewachte und dabei noch spottbillige, weil vom Staat und geheimnisvollen Gönnern gesponserte Siedlung nördlich von Jerusalem. Durchaus interessant, aber nicht völlig überzeugend findet John Noble Winford die These des ehemaligen britischen U-Boot-Kommandanten Gavin Menzies, die Chinesen hätten Amerika schon "1421" (erstes Kapitel), also siebzig Jahre vor Kolumbus, entdeckt. Und Walter Kirn ist sich sicher, dass niemand anderes eine so wundervolle Geschichte über die Bedeutung von Kleinigkeiten hätte schreiben können wie der Minaturist Nicholson Baker mit "A Box of Matches" es nun getan hat. (Erstes Kapitel und hier eine Lesung des Autors.)

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - New York Times

Bücher an die Front: An Weihnachten verteilte das amerikanische Verteidigungsministerium hunderttausend Klassiker an ihre Soldaten. Darunter auch Shakespeares Henry V., was Judith Shulevitz zu einem mokanten Kommentar über die zweifelhaften Absichten der uniformierten Bücherfreunde und die Selbstverteidigungskräfte der Literatur anregt. "Eine der befriedigsten Eigenschaften von Literatur ist, dass sie sich gegen den wenden kann, der sie für seine eigenen Zwecke benutzt. Die Handlung des Stücks beschreibt unsere heutige Situation treffender als das Pentagon es wahrscheinlich beabsichtigte. Der Anspruch eines neugekrönten Königs auf den Thron gibt Anlass zu verfassungrechtlichen Bedenken, da sein Vater ihn sich durch den Mord an dessen früheren Inhaber angeeignet hatte. Der König muss das Vertrauen seines Volkes gewinnen; er will ausserdem seine Jugend als Trinker und Hallodri übertünchen. Er tut genau das, indem er geschickt und wagemutig einen Krieg gegen Frankreich beginnt, genau so wie sein Vater es ihm geraten hatte: 'Be it thy course to busy giddy minds / With foreign quarrels'.

Mit George Bush beschäftigt sich auch David Frum, und das in gut informierter Weise. Frum war der Sprecher des Weißen Hauses im ersten ereignisreichen Regierungsjahr 2001, er war es, der das berüchtigte Wort von der "Achse des Bösen" geprägt hat. In seinem Insider Report "The Right Man" (erstes Kapitel) nimmt er nun kein Blatt vor den Mund, wie Jeff Shesol anerkennend feststellt. "In Bezug auf Bush spricht Frum offen die 'vielen Defizite' des Präsidenten an, etwa dass er oft 'uninteressiert und deshalb schlecht informiert' ist. Frums Bush ist ein komplexerer Charakter als etwa Nonnans Reagan, was sein Porträt glaubwürdiger macht. Insgesamt aber werden die Schwächen des Präsidenten, wie der Buchtitel suggeriert, durch seine Tugenden mehr als ausgeglichen: Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Haltung, Mut und Beharrlichkeit. 'Ein geradezu perfekter Führer in Kriegszeiten'." Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten! Siehe oben.

Genug von Amerika, nun zu Russland. Richard Eder ist ganz angetan von Tatyana Tolstaya, einer Großnichte Leos. Sie hat in den USA gerade den Roman "Slynx" veröffentlicht sowie "Pushkin's Children", eine Sammlung von Essays über ihr Heimatland. "Wenn sie über das schlingernde Leben in Russland schreibt - seine Politik, Geschichte und Kultur, seine Obsessionen, menschlichen Fehlern und dem menschlichen Reichtum - dann glänzt sie und umschreibt ihren Gegenstand, als würde sie mit ihrer Sprache ein inneres Feuer einhegen. Sie fixiert die Realität mit extremen Gefühlen und der poetischen Genauigkeit ihrer Bilder."

Außerdem: Im Aufmacher würdigt Daniel Mendelssohn den Schriftsteller Richard Powers als ungemein talentierten Autor und seinen achten Roman "The Time of Our Singing" (erstes Kapitel), das Porträt einer musikalischen Familie in schwierigen Zeiten, als dicht und ambitioniert wie erwartet. Nina Bernstein prophezeit Randall Kennedys provokanter Studie über "Interracial Intimacy" (erstes Kapitel) ein großes Echo, trotz oder gerade wegen der widersprüchlichen Botschaft. Und David Kelly hat sich bei Tom Carsons "Gilligan Wake" prächtig amüsiert, dessen "trashige" aber sehr lustige Art der Rezensent sich nur als Ergebnis von lebenslangem TV- und Rock'n Roll Konsum erklären kann.

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - New York Times

Er war klein, untersetzt, pockennarbig, wurde später schwerhörig, trieb vermutlich seinen Neffen in den Selbstmord, verfolgte Frauen, die ihn zurückwiesen, litt an chronischer Bronchitis, hatte einen Darmkatarrh und ein unausstehliches Temperament. Seine Wohnung war der "schmutzigste, unordentlichste Ort, den man sich vorstellen kann", wie Baron Tremont 1809 schrieb. Nebenbei komponierte noch großartige Musik. Ist es nicht erstaunlich? Jedenfalls gibt sich Michael Kimmelman Mühe, den New York Times-Leser mit Schmackes an den Gegenstand einer neuen Biografie heranzuführen: Ludwig van Beethoven (mehr hier und hier). Lewis Lockwood, "ein hervorragender Beethoven-Gelehrter und Harvard-Professor", hat dem deutschen Komponisten eine "umfassende, gemäßigte Biografie" gewidmet, die "alle Arten von spezialisierter und neuester akademischer Studien" zusammenfasst, lobt Kimmelman. "Das Buch wechselt zwischen Geschichten über das Leben des Komponisten und sein Milieu und einer Analyse seiner Musik, mit Schwerpunkt auf letzterem. Musik lesen zu können, ist zwar eine Hilfe, aber es gibt keine bessere Studie über Beethovens Kompositionen für ein größeres Publikum."

Aus dem bewegten Leben des legendären russischen Balletttänzers Rudolf Nurejew (Bilder) hat Colum McCann einen gelungenen Roman gemacht, "wunderschön schwebend", wie Peter Kurth ganz hingerissen schreibt. McCann hat laut Rezensent das einzig Richtige getan, hat alle Formalia weggelassen und sich ganz auf die Persönlichkeit Nurejews konzentriert. "Die Bilder vom Wasser und Wetter, von Erinnerungen, Bewegung und Zeit, sind die Essenz von 'Dancer', weil sie die Essenz von Nurejew sind. Jeder in dem Buch wird in diesen Wirbelsturm hineingezogen."

Margo Jefferson hat D.H. Lawrence' "Studies in Classic American Literature" von 1923 noch einmal gelesen, und ärgert sich, das nicht eine Frau in dem Kanon vertreten ist. Und so stellt Jefferson ihre eigene Liste auf. Wo Lawrence mit Benjamin Franklin anfängt, beginnt sie mit "Susanna Rowson, deren Bestseller-Roman 'Charlotte Temple' 1791, im gleichen Jahr wie der erste Teil von Franklins legendärer 'Autobiography', herauskam." Weiter geht's mit Emily Dickinson und Harriet Beecher Stowe...

Außerdem: N. John Hall hat dem "unvergleichlichen" Sir Max Beerbohm (mehr hier) eine Biografie gewidmet. Valentine Cunningham findet harte Worte für den Künstler: Je mehr Hall ihn zitiert, schreibt sie, desto mehr entpuppt sich Beerbohm als "gemäßigter Meister des Trivial Pursuit". Lisa Zeidner bespricht wohlwollend William Gibsons neuen Roman "Pattern Recognition" (hier ein Auszug zum Hören). Daphne Merkin kann A.S. Byatts "A Whistling Woman" (erstes Kapitel), den vierten und letzten Roman über eine altakadmische Familie in Yorkshire nicht jedem empfehlen, doch wenn es sich auch manchmal etwas zäh lese, sei es doch ein Buch randvoll mit erstaunlichen Einsichten und bemerkenswerten Bildern.

Magazinrundschau vom 13.01.2003 - New York Times

Sechs von zehn Amerikanern sind übergewichtig, auch hier sind die USA Weltspitze, wie der Journalist Greg Critser in "Fat Land" (erstes Kapitel) beschreibt. Auch wenn ihm Critser am Ende etwas zu moralisch wird, Michael Pollan hat viele interessante Einblicke in die politisch-ökonomischen Zusammenhänge hinter der Fresserei bekommen. Dass etwa der Erfinder der Supersize-Portionen David Wallerstein heißt und in den Sechzigern für eine Kinokette arbeitete, um den Popcorn- und Sodaverkauf anzukurbeln. "Wallerstein versuchte alles mögliche - zwei Portionen zum Preis von einer, Vormittags-Specials - aber er konnte einfach niemanden davon überzeugen, mehr als ein Getränk und eine Tüte Popcorn zu kaufen. Warum? Weil sich die Leute schämten, eine zweite Runde zu holen. Wallerstein entdeckte nun, dass die Leute mehr Popcorn und Soda kaufen würden - viel mehr - wenn sie sie in einem einzigen gigantischen Schub bekämen. So wurde der Big Gulp geboren, später wurden daraus der Big Mac und die Jumbo Pommes."

Im Close Reader beschäftigt sich Judith Shulevitz mit dem neuen Werk des skandalumwitterten irischen Dichters und Oxford-Professors Tom Paulin (mehr hier), "The Invasion Handbook". Paulin hat T.S. Eliot heftig für seinen Antisemitismus kritisiert, gleichzeitig von sich reden gemacht, als er in einem Interview die israelischen Siedler als "zionistische SS" bezeichnete. Das Handbuch "wurde schon als anti-antisemitisches Werk bezeichnet", schreibt Shulevitz. Paulins Verteidiger, darunter Bruce Shapiro in The Nation, zitieren Gedichte, die Walter Benjamin zugeneigt sind und die Kristallnacht missbilligen, als Beweis für Paulins Mitgefühl für die Juden. Es sollte herausgestellt werden, dass weder Bewunderung für Benjamin noch Abscheu für die Kristallnacht eine besonders mutige oder bahnbrechende Position ist." Paulin ist wohl kein Anti-Semit, wie immer behauptet wird, meint Shulevitz nach der Lektüre, "Paulin ist etwas Harmloseres, da leichter zu erkennen. Er ist ein Schläger." Allerdings einer, dessen "schwungvolle, dialogorientierte Rhythmen" und ihr Zusammenspiel mit "delikaten Versmaßen und überzeugenden Reimen", den Leser fesseln, selbst wenn er die eingestreuten nordirischen Dialektausdrücke nicht versteht.

Außerdem: Robert Dallek traut Michael Linds Studie "Made in Texas" über die Ursprünge George Bushs im tiefsten Texas durchaus zu, ein Standardwerk über seine historisch-sozialen Beweggründe zu werden, wenn er sich denn als wirklich so desaströs für Amerika entpuppen sollte, wie Lind es voraussagt. Tony Horwitz hat Geoff Dyers "Yoga for People Who Can't Be Bothered to Do It" genossen, der originelle und urkomische Reisebericht mit ungewöhnlichen Einsichten liest sich für ihn eher wie eine Sammlung von Kurzgeschichten und hat ihn noch Stunden später zum Schmunzeln gebracht. Hier eine Leseprobe. Suketu Mehta ist Samrat Upadhyay dankbar, dass der in seinem Debütroman "The Guru of Love" (erstes Kapitel) über das Leben eines Mittelklasse-Lehrers in Katmandu nicht das Land und seine Gebräuche zum Thema macht, "die Charaktere, die Situation könnten wirklich überall auftauchen - im vorstädtischen New Jersey oder im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts."

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - New York Times

In der Titelgeschichte befasst sich Ann Ducille mit Valerie Boyds Biografie von Zora Neale Hurston (mehr hier), der berühmt-berüchtigten schwarzen Feministin, Menschenrechtlerin, Folklore- und Volksmusikforscherin, vor allem aber routinierten Selbstdarstellerin im Amerika der 30er Jahre. Am besten ist "Wrapped in Rainbows", lobt Ducille, "wo primäre Quellen angezapft werden, um Hurstons Leben zu skizzieren und kritisch zu untersuchen. Weniger gut ist dagegen der Versuch, 'Hurstons Stimme erklingen zu lassen', indem ausgiebig aus ihrer Autobiografie und literarischem Werk zitiert wird." Interessant zu lesen ist das alle Mal, räumt Ducille ein, aber Hurstons Persönlichkeit mit Hurstons literarischen Aussagen über sich selbst zu erforschen, "untergräbt doch die Autorität von Boyds Buch als definitve Biografie, da die zugrundeliegenden 'Fakten' suspekt erscheinen." Zusammen mit den ebenfalls erschienenen Auswahl von Hurstons Briefen (erstes Kapitel) sei Boyds Porträt aber doch ein guter Einstieg in das Leben einer schillernden Persönlichkeit, so das versöhnliche Fazit der Rezensentin.

Mit sichtlichem Vergnügen hat sich Christopher Buckley die Neuauflage von Alex Comforts dreißig Jahre altem "The Joy of Sex" angesehen. Großzügig und lasziv illustriert, ist das legendäre Aufklärungshandbuch immer noch die Lektüre wert, schwärmt der Rezensent. Und zitiert hingebungsvoll aus dem Kapitel, das sich der Achselhöhle widmet. ''Klassische Stelle für Küsse. Sollte auf keinen Fall rasiert werden (siehe Cassolette). Kann an Stelle der Hand benutzt werden, um den Partner beim Klimax ruhigzuhalten." Weiter empfiehlt Comfort, den Handballen vor dem Einsatz im Liebesspiel an der eigenen Achselhöhle sowie der des Partner zu reiben. Angetan ist der Rezensent auch vom warmen, wohlwollenden Grundton der Liebesanleitung, richtig gerührt ist er von der herzerfrischenden Ernsthaftigkeit des Autors, wenn der etwa empfiehlt, beim Motorrad-Sex doch bitte einen Helm zu tragen. Ausgerechnet hier offerriert die Times natürlich keinen Auszug.

Außerdem: Mark Costello ist geradezu begeistert von Richard Prices (Feature) neuestem Roman "Samaritan" (erstes Kapitel), einem Thriller voller Drogen, Rassismus und Gewalt. Costello liebt die "kinotauglichen Charaktere, die Atmosphäre von stechender Bösartigkeit; ein übervolles Paket kurz vor dem Explodieren, zusammengehalten von einer starken, spannenden Geschichte". Gary Krist lobt "The Fall" (erstes Kapitel), Simon Mawers Buch vom Leben und Lieben zweier begeisterter Bergsteiger, als reichhaltiges Porträt einer Gruppe von Menschen, die sich von ihren Leidenschaften leiten und in die Irre führen lassen. Adam Hochschild charakterisiert Linda Colleys "Captives", die Geschichte der Engländer, die von Gegnern des Empire zwischen 1600 und 1850 als Geiseln genommen wurden und damit für die Expansion des Weltreichs büßen mussten, als zwar "engagiert und elegant geschrieben, aber irgendwie unbefriedigend".

Zum Schluss noch ein Comic von Marc Alan Stamaty, der allen Buchhändlern unbedingt eine psychotherapeutische Grundausbildung empfiehlt.

Magazinrundschau vom 30.12.2002 - New York Times

Elmore Leonards zweiter Kurzgeschichtenband "When the Women Come Out to Dance" (erstes Kapitel) bringt Charles Taylor zum Schwärmen. "Es gibt ein altes Sprichwort unter Schriftstellern, 'Ich habe viel geschrieben, weil ich nicht die Zeit hatte, es kurz zu schreiben'. Ich will gar nicht an die harte Arbeit denken, die für Leonards dichte Prosa vonnöten ist, seine Fähigkeit, erzählerische Information auf kleinstem Raum unterzubringen. Das Wunder seines Schreibens ist die scheinbare Leichtigkeit." Nicht zuletzt die meisterhaften Dialoge von Leonards Figuren machen Leonard für Taylor zu einem Autor, der nicht nur in seinem Genre seinesgleichen sucht. "Mein diesjähriger Weihnachtswunsch war, dass Cormac McCarthy, Michael Ondaatje und Toni Morrison, um nur drei zu nennen, unter ihren Baum schauen und eine freundliche Seele ihnen ein Exemplar von Leonards neuestem Werk hat zukommen lassen."

Alain Vircondelet hat unter dem Titel "Vanished Splendors" (erstes Kapitel) ein über zwei Jahre andauerndes Gespräch mit dem französischen Maler Balthus (mehr hier und hier) veröffentlicht. John Russel glaubt in den einzelnen Unterhaltungen das Privileg herauszuspüren, das jeder empfand, der mit Balthus zusammentraf. Das Buch profitiert zudem "von den aussagekräftigen und ungewöhnlichen Fotografien. In Frankreich wurde der Band als 'Memoirs de Balthus" herausgegeben, eine beträchtliche Überschätzung angesichts der unstrukturierten und fragmentarischen Unterhaltung. (...) Trotzdem spürt man aber, wie Balthus sich auf dem Weg durch die lange Geschichte seines Lebens vorantastet, Wort für Wort und zum letzten Mal."

Außerdem: Judith Shulevitz hat sich im Close Reader Virginia Woolfs 1925 erschienen Essay "On Being Ill" vorgenommen und empfiehlt, Woolfes Verteidigung der Krankheit als conditio humana des Künstlers schön langsam und aufmerksam zu lesen, um den feinen sarkastischen Charme nicht zu überlesen. Charles McGrath dankt Claire Tomalin für die aufopferungsvolle Recherche zu ihrer gelungenen Biografie von Samuel Pepys (erstes Kapitel), dem schillernden Selfmademan, Politker, Autor und Workaholic. Adam Shatz vermisst an John Szweds Miles-Davis-Porträt "So What" (erstes Kapitel) die Selbstbewusstheit des Interpreten, ohne die seine Biografie der Jazzlegende trotz einiger "inspirierter Momente" zu überladen und verstreut wirkt. Michael Upchurch gefällt an Ross Kings im 18. Jahrhundert spielenden Roman "Domino" (erstes Kapitel) vor allem die Freude des Autors an authentischem Vokabular, das den Leser eintauchen lasse in ein maskiertes Europa voller Trug und Täuschung.