Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 18.10.2004 - New York Review of Books

Die New York Review of Books bringt eine Sonderausgabe zu den amerikanischen Wahlen. Eine illustre Liste von Autoren - von Ian Buruma über Michael Ignatieff bis Norman Mailer - gibt im Aufmacher ihre Wahlempfehlung für John Kerry.

Gewohnt gründlich bearbeitet der Historiker Tony Judt den Themenkomplex American Empire, Irak, Bush oder Kerry: "Die Herausforderung, vor der amerikanische Wähler nun stehen, ist nicht, einen Präsidenten zu finden, der die Welt davon überzeugt, dass die USA kein Imperium sind - oder wenn es denn eines ist, dass seine Absichten ehrenvoll sind. Diese Debatte ist verloren und geht am entscheidenden Punkt vorbei. Es geht auch nicht darum zu entscheiden, ob man lieber geliebt oder gefürchtet wird. Dank der amerikanischen Performance im Irak und unserer Unfähigkeit, einen Krieg zu planen - von zweien gar nicht zu reden - werden wir weder geliebt noch gefürchtet. Wir haben die Welt in Schock versetzt, das ja, aber nicht in Schrecken. Und trotzdem ist die Wahl von 2004 die folgenreichste seit 1932, wenn nicht gar seit 1860. Ist John Kerry der richtige Mann zur richtigen Zeit? Ich bezweifle es. Begreift er das ganze Ausmaß von Amerikas Krise? Ich bin nicht sicher. Absolut sicher aber ist, dass Bush es nicht tut."

Joseph Lelyveld attestiert nach einem Ausflug in den "Battleground State" Wisconsin Bushs Wahlkampfteam Bestform. William Dalrymple bespricht eine Reihe von Neuerscheinungen über den Islam, darunter Bernard Lewis' Band "From Babel to Dragomans", der tatsächlich witzig, verspielt und unglaublich lehrreich seien - überhaupt nicht zu vergleichen mit Lewis' Polemiken gegen die Araber, die angeblich "nur die Sprache der Gewalt verstehen". Als Gegenlektüre empfiehlt er vorsichtshalber trotzdem Richard Fletchers Buch "The Cross and the Crescent", das die christlich-islamische Geschichte als eine der "gegenseitigen kulturellen Befruchtung" schildert.

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - New York Review of Books

In einem großen, bitteren, aber sehr lesenswerten Rundumschlag rechnet Joan Didion (mehr) mit der Politik im Amerika der "Neuen Normalität" ab. So bezeichnet Didion den Zustand, der Amerika nach dem 11. September erfasst habe, eine Art kollektive Amnesie, die jegliche politische Kultur als Luxus betrachte, und in der es möglich sei, ungehindert grundlegende begriffliche Neuprägungen in Umlauf zu bringen, mit nur allzu greifbaren Konsequenzen. "Selbst das Wort 'Wahrheit' war insofern neu definiert worden, als man sich entschieden von der empirischen Methode der Wahrheitsfindung verabschiedet hatte: 'Die Wahrheit' war jetzt genau das, was auch immer man als Wahrheit gebrauchen konnte, die Bestätigung der Vorschläge oder der Maßnahmen, von denen wir 'tief in unseren Herzen überzeugt waren' oder an die wir 'glaubten'. 'Überzeugung' und 'Glaube' waren ihrerseits zu Wörtern geworden, die man benutzte, um einen undurchsichtigen Schleier über das, was gesagt worden war, zu werfen und dessen Entschlüsselung (von einer Diskussion ganz zu schweigen) unmöglich zu machen.

Benjamin M. Friedman begutachtet das ökonomische Konzept der beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry und George W. Bush (der nicht sonderlich gut abschneidet) und kommt zu dem Schluss, dass der Wähler, um sich für einen der beiden zu entscheiden, lediglich die Frage beantworten muss, wer Anregungen zum Sparen braucht: die von Zinsen lebenden oberen Zehntausend oder die breite, arbeitende Mittelschicht.

Weitere Artikel: Nur tiefes, persönliches Leid kann Shakespeare in solch schwindelnde künstlerische Höhen getrieben haben, glaubt Stephen Greenblatt. Und tatsächlich: Auf der Suche nach biografischem Humus für den "Hamlet" ist Greenblatt auf den im Sommer 1596 verstorbenen Sohn des Dichters gestoßen. Sein Name? Hamnet. Max Rodenbeck durchforstet eine ganze Reihe von Büchern, die uns Saudi-Arabien näherbringen wollen. Stanley Hoffman fordert einen unbedingten Rückzug der amerikanischen Besatzungstruppen aus dem Irak und entwirft dafür einen Plan. Darryl Pinckney lobt Edward P. Jones' Sklavereiroman "The Known World" als bislang "sonderbarste, traurigste Zusammenfassung dieses Themas".

Abgedruckt ist auch ein Auszug aus einem BBC-Interview vom 16. September, in dem Kofi Annan auf das Drängen von BBC-Reporter Owen Bennett Jones hin explizit erklärt, die militärische Operation im Irak sei illegal gewesen (hier das gesamte Interview als Videodatei).

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - New York Review of Books

Eine wahre Schatztruhe an Informationen erster Hand über den israelisch-palästinensischen Friedensprozess glaubt Robert Malley mit Dennis Ross' "The Missing Peace" in Händen zu halten. In der Tat hat der langjährige Regierungsbeauftragte für den Nahen Osten darin seine Innenansicht der Friedensverhandlungen - darunter auch Oslo und Camp David - festgehalten. Dabei räume Ross Versäumnisse auf amerikanischer Seite ein, die irgendwann auf einen eigenen Standpunkt verzichtet hatte: "'Verkaufen' wurde Teil unserer Vorgehensweise. Damit begann ein Muster, dass für unseren Ansatz in den Bush- und Clinton-Jahren charakteristisch sein würde. Wir nahmen israelische Ideen oder Ideen, mit denen die Israelis leben konnten, und überarbeiteten sie. Dabei versuchten wir, diese für die Araber attraktiver zu machen, und gleichzeitig die Araber dazu zu bringen, ihre Erwartungen nach unten zu revidieren." Übertrieben findet Malley jedoch Arafats Stigmatisierung als denjenigen, der die Verhandlungen scheitern ließ. Für Ross ist Arafat "der fehlende Frieden im Titel", denn er "konnte mit einem Friedensprozess leben, nicht aber mit einem Friedensschluss."

Weitere Artikel: Bei der Lektüre zweier von militärischen Befehlshabern verfassten Berichten (Schlesinger Report und Fay Report) erlangt Mark Danner die endgültige Gewissheit, dass die Folter in Abu Ghraib keine Ausnahme war, sondern fester Bestandteil einer umfassenden Informationsbeschaffungsmethodik im US-amerikanischen Krieg gegen den Terror. Michael Kimmelman ernennt Kevin Bazzanas "Wondrous Strange: The Life and Art of Glenn Gould" zur bisher besten Glenn-Gould-Biografie. Clifford Geertz schließt aus zwei jüngst erschienenen Büchern (Orin Starns "Ishi's Brain: In Search of America's Last 'Wild' Indian" und Karl und Clifton Kroebers "Ishi in Three Centuries"), dass die Geschichte von Ishi, dem 1911 in Kalifornien aufgefundenen und vermutlich letzten freilebenden Indianer, nun endgültig der Vergangenheit angehört. Norman Rush ist sichtlich verstört von Moses Isegawas starkem Roman "Snakepit" (Die Schlangengrube), der von der Herrschaft des ugandischen Kaligula Idi Amin handelt und beschreibt, wie Menschen sich mit dem Bösen abfinden und ihnen jedes Gefühl für Moral abhanden kommt. Und Jason Epstein ist mit Thomas Franks "What's the Matter with Kansas?" tief im Bush-hörigsten Bundestaat der USA versunken.

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - New York Review of Books

Von den Ambitionen der USA, den Irak zu demokratisieren, scheint für Peter W. Galbraith nicht mehr viel übrig geblieben. Gefragt seien jetzt "Realismus" und Sicherheit, nicht Demokratisierung und Nation-building. "Innerhalb von wenigen Tagen nach seiner Designierung als Premier sprach Ijad Allawi offen davon, die Wahlen zu verschieben, und gab sich selbst das Recht, den Kriegszustand zu verhängen. Anfang August ließ er zur Strafe für unbotmäßige Berichterstattung das Bagdader Büro von al-Dschasira schließen. Währenddessen ließ die Bush-Administration die irakische Übergangsverfassung als Totgeburt fallen - zusammen mit dem ganzen Trara um den Schutz der Menschenrechte, Frauen und Demokratie."

Weiteres: Arthur Schlesinger empfiehlt zwei neue Bücher zur Frage, wie die USA in den irakischen Schlamassel geraten konnten: James Mann analysiert in "Rise of the Vulcans" die politische Agenda der Neocons, James Bamford konzentriert sich auf die Geheimdienste (wobei er sogar Hinweise haben will, dass der Mossad gewusst hat, dass der Irak über keine Massenvernichtungswaffen verfügt).

Thomas Powers moniert, dass der US-Senat in seinem Bericht zu Arbeit der Geheimdienste das Weiße Haus und George W. Bush völlig ausgespart hat. Anders der Bericht der 9/11-Kommission: Dafür, dass sich beide Parteien von vornherein darauf verständigt hatten, dem Präsidenten keine Schuld zuzuweisen, hat Bush doch noch eine Menge abbekommen, befindet Elizabeth Drew. Richard Horton sucht nach Gründen, warum noch immer kein Impfstoff gegen Aids gefunden werden konnte.

Besprochen werden unter anderem Ian Caldwells und Dustin Thomsons Campus-Thriller "The Rule of Four" und eine Ausgabe von Edward Albees sämtlichen Theaterstücken.

Magazinrundschau vom 26.07.2004 - New York Review of Books

Kaum hat sich Reporter William Langewiesche den Staub von Ground Zero abgeschüttelt, legt er auch schon ein Buch über das Chaos auf hoher See vor. Jonathan Raban ist begeistert und fassungslos zugleich: "'The Outlaw Sea' ist zum einen eine Folge von luziden und oft aufregenden Geschichten über untergegangene, aufgelaufene oder geenterte Schiffe. Es ist aber auch eine beunruhigende Untersuchung all der Gesetze, Verträge, Konventionen, Traditionen und Organisationen, die die See regulieren sollen, aber nur zu Myriaden von Schlupflöchern führen, die von erfindungsreichen Schurken ausgenutzt werden können. Laut Langewiesche sind über die sieben Zehntel Wasser des Globus 143.000 Schiffe verstreut, die meisten segeln unter den Billigflaggen von Ländern wie Tuvalu; viele sind gefährliche Rostkähne, alle viel zu schlecht bemannt mit Crews, die nach Drittwelt-Löhnen angeheuert sind. Die Besitzer dieser Kähne sind, versteckt hinter einem Gestrüpp von Strohfirmen, nur schwer, meist gar nicht aufzuspüren... Wie Langewiesche trocken bemerkt, sind auch Osama bin Laden und seine Kompagnons im Schiffsgewerbe, mit einer bemerkenswerten Flotte älterer Frachter. Die Aufenthaltsorte und Identitäten dieser vielgesuchten Schiffe sind unbekannt: Sozusagen auf dem üblichen Seeweg sind ihre Namen, ihre Flaggen tief vergraben in einem Ozean irreführenden Papierkrams, jenseits aller Auffindbarkeit."

Weiteres: John Ryle blickt auf die Situation im Sudan und findet es besonders tragisch, dass die Massaker von Darfur auch sämtliche Friedensaussichten für den noch weitaus blutigeren Bürgerkrieg im Südsudan zunichte machen. Dort kämpfen seit 21 Jahren Truppen der islamischen Regierung gegen die christlichen Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung. Ronald Dworkin diskutiert ausführlich das Urteil des Obersten Gerichtshof zu Guantanamo, das "ein für allemal den empörenden Anspruch der Bush-Regierung zurückgewiesen hat, der Präsident habe die Macht, Personen einzusperren, die er für Terroristen hält, ohne Zugang zu Anwälten und ohne die Möglichkeit, ein Gericht anzurufen."

Garry Wills hat Bill Clinton immer noch nicht verziehen, dass er nicht zurückgetreten ist, obwohl er das amerikanische Volk belogen habe. Geoffrey O'Brien hält Michael Moores "Fahrenheit 9/11" für eine notwendige Erinnerung daran, dass "wir mehr sehen und hören müssen, als uns die Regierung und die Nachrichtenkanäle zugestehen." Und schließlich feiert die mexikanische Schriftstellerin Alma Guillermoprieto den Clown Brozo für seine tägliche Sendung "El Mananero", deren letztes Highlight ein Video war, das den Wahlkampfmanager des Bürgermeisters von Mexiko City bei einer Geldübergabe zeigt.

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - New York Review of Books

Über neuen Schwung in die Literaturkritik freut sich Daniel Mendelsohn: "Eindeutige Worte - ganz zu schweigen von aristophanischer Übertreibung, komischer Lebhaftigkeit und dem schuldhaften Vergnügen, die Demütigung anderer zu erleben - bietet ein neues Werk der Literaturkritik, geschrieben von dem Schriftsteller Dale Peck. Der Titel des Buchs, "Hatchet Jobs" sagt eine Menge über den Stil des Autors. Im Sommer 2002 veranstaltete Peck, wie er selbst in seiner Einleitung zu den zwölf Essays stolz schreibt, ordentlich 'Krawall in der Bücherwelt'. Grund war eine vernichtende Kritik, die er zu den Erinnerungen des Romanciers Rick Moody geschrieben hatte - und den Peck in einer für seinen modus operandi typischen Eröffnungssalve als 'den schlechtesten Schriftsteller seiner Generation' bezeichnete." (Einen Artikel über den Zustand der amerikanischen Literaturkritik findet sich auch in der kanadischen Zeitschrift "The Walrus". Darin wünscht sich Andy Lamey mehr von der hohen Kunst, schlechte Kritiken zu schreiben.)

Weiteres: Die Medizinerin Marcia Agnell knöpft sich die Pharma-Industrie vor, die unter der magischen Formel "Forschung und Entwicklung" immer höhere Kosten veranschlagt, dabei aber vor allem immer höhere Gewinne verbucht und immer weniger forscht und entwickelt. Anthony Lewis kommentiert die Memoranden der US-Regierung zur Behandlung von Gefangenen: "Diese Memos lesen sich wie die Ratschläge eines Mafia-Anwalts an seinen Paten." Stephen Kinzer hält es für immer wahrscheinlicher und richtiger, dass die EU im Dezember Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufnehmen wird. John Updike widmet sich der Ausstellung zum Werk des amerikanischen Impressionisten Childe Hassam im Metropolitan Museum of Art in New York. Außerdem besprochen wird eine Geschichte der Festmähler von Roy Strong.

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - New York Review of Books

Daniel Mendelsohn lässt durchblicken, dass Wolfgang Petersens Film "Troja" vor lauter politischer Korrektheit eher irrige und schon absurd abwegige Einblicke in die hellenische Zivilisation gibt. "Beseelt von dem Wunsch, auch die kleinste Andeutung von Homoerotik aus den Ereignissen auszumerzen - in klassischen Zeiten ging es weniger darum, ob Achilles und sein geliebter Patrokles es taten, als vielmehr darum, wie in Platons Symposium, wer genau was mit wem tat - macht Benioff Patrokles zu Achilles' "Cousin", eine seltsame Wahl, die (besonders in einer Zeit, als Familienbande weniger als eh und je zählten) mit voranschreitender Handlung zunehmend aberwitzig wird. Schaut man sich 'Troja' an, könnte man meinen, es hätte für die Griechen des Bronzenen Zeitalters keinen höheren Wert gegeben als Vetternschaft. 'Er hat meinen Cousin getötet!' schreit Achilles Priam an, als dieser am Ende der Geschichte zu ihm kommt, um um den Leichnam seines Sohnes zu bitten. 'Du hast deinen Cousin verloren, nun hast du mir meinen genommen', sagt eine trauernde Briseis (in dieser Version, Hektors Cousine) zu Achilles, 'wann wird es ein Ende damit haben?' Die Vorstellung dieses Films, dass ganze Zivilisationen zerstört wurden aufgrund maßloser Verbundenheit zu Verwandten einer Seitenlinie, ist, sicherlich, eine Premiere in der weltweiten Mythos- Schmiede."

Mark Danner wendet sich entschieden gegen die Verteidigungs-Strategie der US-Armeeführung, die Folter-Vorfälle im Irak gingen auf "wenige faule Äpfel zurück", und greift dazu einen Bericht von gefangengenommenen Reuters-Journalisten auf, von denen erst abgelassen wurde, als ihnen ein Badge mit der Aufschrift "C" angeheftet wurde. "Verschiedene Soldaten, verschiedene Einheit, verschiedene Basis. Und doch ist offensichtich, dass vieles von dem, was man den 'thematischen Inhalt' der Misshandlungen nennen könnte, ist sehr ähnlich: das Überziehen von Hauben, der Lärm, die 'Stress-Haltungen', die sexuellen Erniedrigungen, die angedrohte Körperverletzung und der Missbrauch - alles scheint vom selben Drehbuch zu stammen, ein so bekanntes Drehbuch, dass ein jeder Soldat, dem die Reuters-Leute in der Volturno Basis begegneten, seine Rolle zu kennen schien und sie spielen konnte. All das, sowie der allgemein anerkannte Bagde, deutet auf ein klares Programm hin, das vorsätzlich erdacht und methodisch verbreitet wurde mit der Absicht - in den Worten von General Sanchez' Memorandum des 12. Oktobers -, den amerikanischen Truppen zu helfen, "die Emotionen und Schwächen eines Inhaftierten zu manipulieren".

Weitere Artikel: Michael Massing liefert seine Gesamteinschätzung der Berichterstattung, wie sie von den großen amerikanischen Tageszeitungen im Vorfeld des Irakkrieges betrieben wurde - dabei geht er natürlich auch auf die inzwishen schon berühmte Sebstbezichtigung der New York Times ein. Alison Lurie will ihre Leser vom trägen und liebreizend-dümmlichen Walt-Disney-Pinocchio kurieren. Thomas R. Edwards hat sich am "komplexen Hinterland-Horror" erfreut, den John Gregory Dunne in seinem jüngsten Mordfall "Nothing Lost" entwickelt. Und Ian Hacking kann der Studie ("Spinoza: Joy, Sorrow, and the Feeling Brain") des Neurologen Antonio Damasio nur wenig abgewinnen, zumal Damasio seltsamerweise den Emotionen jegliche Beziehung zur Kognition abspricht.

Magazinrundschau vom 24.05.2004 - New York Review of Books

Vorweg die Hymne, die The Nation auf die Wiedergeburt der New York Review of Books singt: Der Staub sei weggepustet, schreibt Scott Sherman. "Im Gegensatz zum New Yorker, dessen Chefredakteur David Remnick in einem eigenen Essay vom Februar 2003 den Irakkrieg ausdrücklich unterstützte, oder zum New York Time Magazine, das Michael Ignatieff, Bill Keller, Paul Berman, George Packer und anderen liberalen Falken breiten Raum zugestand, lehnte die Review den Krieg mit einer bemerkenswert konsistenten und einheitlichen Stimme ab." Auf soviel Lorbeeren darf man sich dann auch ruhig mal ausruhen.

Mark Danner hat sich durch die Untersuchungsberichte von General Taguba und dem Internationalen Roten Kreuz gearbeitet, die Aussagen der irakischen Folteropfer gelesen und ist an der Stelle hängen geblieben, an der ein Mitarbeiter des militärischen Geheimdienst schätzt, dass 70 - 90 Prozent der Häftlinge im Irak zu Unrecht einsitzen. Schließlich meint Danner: "Wir müssen die Fotografien klar ins Auge fassen und uns fragen: Hat sich nur geändert, was wir wissen, oder auch das, was wir akzeptieren?"

Weiteres: Nach Lektüre von Bob Woodwards "Plan of Attack" erklärt Brian Urquhart das Jahr 2004 zum Jahr der singenden Insider und die Seite 440 zu seiner Lieblingspassage: "'Heilige Scheiße', sagt Powell zu sich selbst, als er eine Kopie von Tenets Rede las." Wie immer gut unterrichtet liefert Elizabeth Drew ihren Report aus Bushs Wahlkampf-Komitee. Bill Mc Kibben legt ausführlich dar, warum die Regierung Bush keine Umweltpolitik betreibt, sondern "institutionalisierte Korruption".

"E.L. Doctorow ist wütend", stellt John Leonard fest, der unter anderem Doctorows neue Essays "Reporting the Universe" gelesen hat. "Er ist wütend, weil jemand gerade seinem Land antut, was sonst nur Milos Forman mit Doctorows Büchern macht."

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - New York Review of Books

Für seine Verhältnisse ziemlich ausgelassen feiert Nobelpreisträger J.M. Coetzee das Werk seines Kollegen Saul Bellow, der als erster Autor zu Lebzeiten in die Library of America aufgenommen wird. Neben "Dangling Man" und "The Victim" hat es Coetzee besonders "Augie March" angetan: "Nach eigenem Bekunden hatte er großen Spaß beim Schreiben, und auf den ersten paar hundert Seiten ist seine kreative Erregung ansteckend. Der Leser wird ganz aufgedreht von der waghalsigen Hochgeschwindigkeitsprosa, von der beiläufigen Lässigkeit, mit der er ein mot juste nach dem anderen hinwirft... Vor allem sagt es ein großes Ja zu Amerika."

"Die Verbindung aus Langeweile und Katastrophe hat etwas sehr Englisches", schreibt Andrew O' Hagan, der darüber nachdenkt, was die Beatles eigentlich in die USA getrieben hat: "England erschien damals als ein Land alter Männer, ein Ort, an dem Träume regelmäßig von abgebrochenen Zähnen zernagt wurden", während Amerika der Ort der Jugend war, ein Ort mit Zukunft, "vom Minirock bis zur Wasserstoffbombe".

Ahmed Rashid empfiehlt wärmstens das Buch "Ghost Wars", für das der Washington-Post-Jornalist Steve Coll zwölf Jahre lang die "geheime Geschichte der CIA, Afghanistans und Bin Ladens" nachrecherchiert hat. Danach sei man besser informiert als jedes Mitglied des Geheimdienstausschuss. Anthony Lewis lobt Michael Ignatieff neues Buch "The Lesser Evil" vor, in dem Ignatieff für eine politische Ethik in Zeiten des Krieges plädiert. Ingrid Rowland feiert die Byzanz-Ausstellung im Metropolitan Museum, "Faith and Power", als triumphalen und prächtigen Tribut an die verbindende Kraft der Ideen. Außerdem abgedruckt wird der offene Brief ehemaliger britischer Botschafter im Nahen und Mittleren Osten, die Tony Blairs Strategie für Israel und den Irak vorwerfen, "zum Scheitern verurteilt" zu sein.

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - New York Review of Books

"Amerikaner glauben gern, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Für den Irak mag das nicht länger stimmen, befürchtet der früheren US-Diplomat Peter W. Galbraith, der als Mitglied der Senate Foreign Relations Committee Saddam Husseins Giftgasangriffe gegen die Kurden enthüllt hatte. Nun untersucht er in der gebotenen Länge die Misserfolge der amerikanischen Besatzungspolitik. Noch düsterer ist sein Ausblick auf die künftige Entwicklung: "2005 wird der Irak den großen Krach erleben zwischen einer gewählten, von Schiiten dominierten Zentralregierung, die versucht, die Interimsverfassung umzustoßen, um ihren Willen dem ganzen Land aufzudrücken, und einer kurdischen Regierung, die darauf beharren wird, ihren de facto unabhängigen Status beizubehalten, den Kurdistan seit dreizehn Jahren genießt. Den politischen Streit wird ein erbittterter territorialer Streit um die ölreiche Provinz Kirkuk verschärfen, an dem sich Kurden, Sunniten, Schiiten, sunnitische Turkmenen und schiitische Turkmenen beteiligen werden. Das ist eine Formel für Bürgerkrieg." Um einigermaßen heil aus dem Irak herauszukommen und eine komplette Auflösung des Landes zu verhindern, fordert er eine Drei-Staaten-Lösung nach dem Vorbild des post-titoistischen Jugoslawiens.

Weitere Artikel: "Ratten machen uns Angst. Nein, sie versetzen uns in Angst und Schrecken. Sie sind unverschämt. Sie leben in unseren Häusern, essen sich durch unsere Wände und beißen unsere Kinder... Andere Tiere sind wesentlich gefährlicher, aber sie kommen uns nicht so nah". Sue M. Halpern hat sich schön mit Robert Sullivans Geschichte der possierlichen Tierchen "Rats" gegruselt. Luc Sante lästert über die jung gebliebenen Leser des jung gebliebenen, aber verantwortungsbewusst gewordenen Nick Hornby: "Wie Hornby können auch sie über ihr jüngeres Selbst lachen, sie hören dämlichen Heavy Metal und sind erleichtert, dass sie sich selbst keinen Herausforderungen mehr stellen müssen. Der Schock des Neuen ist etwas, was sie im Alter zwischen sechzehn und vierundzwanzig gesucht haben."

Brian Urquhart warnt davor, Richard Clarkes "äußerst lesenswertes, oft aufregendes" Buch über die Terrorbekämpfung der Regierung Bush "Against all Enemies" als Neocon-Bashing misszuverstehen: "Es ist ein wichtiges Buch" (Dazu empfiehlt Urquhart auch die website der 9-11-commission). Und Freeman J. Dyson schließlich wünscht sich, so viel zu wissen wie Brian Greene, der mit "The Fabric of the Cosmos" ein grandioses, bestens verständliches Buch über theoretische Physik vorgelegt hat.