Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 19.04.2004 - New York Review of Books

Wer alles über den gegenwärtigen Islam und seine Reformierbarkeit erfahren möchte, sollte Max Rodenbecks ausgesprochen lehrreichen Überblick über die wichtigsten Neuerscheinungen zum Thema lesen. Rodenbeck sieht es derzeit, im Jahre 1425 nach islamischer Zeitrechnung, gewaltig gären, und so ist für ihn nicht die Frage, ob der Islam reformierbar ist, sondern wer es macht. "Die Vorstellung von einem islamischen Staat zum Beispiel, ist zu einem Prüfstein für all die Bewegungen geworden, die den Islam zur zentralen politischen Identität machen wollen, wie die ägyptische Muslimbruderschaft oder Ayatollahs Khomeinis Anhänger im Iran. Aber wie Carl Ernst in 'Following Muhammad' zeigt, seinem, gedankenreichen und fein ausbalancierten Buch über den gegenwärtigen Islam, beantwortet der bloße Gebrauch eines Labels nicht die Frage, ob der Islam den Staat oder der Staat den Islam definieren wird."

Edward R.F. Sheehan schildert in einer langen Reportage aus den palästinensischen Gebieten, wie die dortige Bevölkerung zusehends auseinander fällt: "Der Zusammenbruch ziviler und sozialer Dienste, den ich in Nablus sah, ist mal in schwächerem, mal in stärkeren Ausmaß auch in Dschenin, Tulkarem, Kalkilia, Hebron und dem Gazastreifen zu beobachten. Der palästinensische Menschenrechtsaktivist Bassam Eid schrieb kürzlich in Haaretz über die wie er sie nannte- "Herrschaft der Gauner". Er beklagte, dass Premierminister Ahmed Kurei, und Innenminister Hakam Balawi nicht einmal für die grundlegende Sicherheit der Palästinenser sorgen können. In Tulkarem, behauptete er, dirigieren und organisieren die Al-Aksa-Brigaden die Ordnung der Stadt. Sie drohen, sie schlagen und sie töten." Sowohl die Sicherheitsdienste als auch die zivile Administration der Palästinensischen Behörden scheinen machtlos. Als einige von Arafats Ministern im letzten Frühling Dschenin besuchten, ohne Nahrungsmittel und Jobs mitzubringen, wurden sie von den Leuten mit Steinen beworfen."

Weitere Artikel: In vergangenen Zeiten hat die CIA Kriege gegen andere Länder geführt, Geheimfonds unterhalten oder versucht, missliebige Staatschefs umzubringen. Im Irak hat ein tausend Mann starkes Team es nicht geschafft, Massenvernichtungswaffen zu finden. Der Laden steckt in einer tiefen Krise, wie Thomas Powers ausführlichst analysiert. Adam Shatz begibt sich auf die Suche nach der libanesischen Hisbollah, dem schiitischen "Staat-im-Staate mit einer Armee von mehreren tausend Mann, einem weitgefächerten sozialen Netzwerk, einem beliebten Satellitenfernsehen mit Namen al-Manar und einem jährlichen Budget von über 100 Millionen Dollar." Timothy Ferris wirft einen Blick in die Zukunft der bemannten Raumfahrt, und Larry McMurty freut sich über Mark Perrys Buch "Grant and Twain", von dessen Untertitel "The Story of a Friendship That Changed America" man sich nicht abschrecken lassen sollte.

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - New York Review of Books

Stephen Greenblatt feiert unter der schönen Überschrift "Me, Myself, and I" eine großes Werk des Historikers Thomas Laqueur: die große Kulturgeschichte der Masturbation "Solitary Sex". Natürlich erzählt er erst einmal lustvoll von all dem Gekicher, das Laqueur von allen Seiten entgegenschlug ("Achtung, Laqueur kommt!"), um dann aber ernst zu werden: "Moderne Masturbation - das ist Laqueurs brillanter Punkt - ist das Geschöpf der Aufklärung." Denn nun warnten nicht mehr religiöse Oberhäupter, sondern Ärzte vor den schweren Folgen: Tuberkulose, Epilepsie oder Pickel. "Es war das Zeitalter der Aufklärung, der Triumph über den Aberglauben und die tolerante, sogar enthusiastische Anerkennung der menschlichen Sexualität, die das Monster des Selbstmissbrauchs heraufbeschwor... Privatheit, Fantasie, Unersättlichkeit: all die konstituierenden Elemente des Aktes, die die Aufklärung zu fürchten und zu verachten lehrte, argumentiert Laqueur, waren die konstituierenden Elemente der Aufklärung selbst."

Außerdem: Stephen Weinberg fragt, welchen Nutzen die bemannte Raumfahrt hat. Eigentlich keinen, meint er, Roboter können schließlich auch Steine nach Hause bringen. Larry McMurty untersucht Mark Twains Verhältnis zur Wahrheit. Immerhin soll von ihm der Ausspruch stammen: "Die Wahrheit zu sagen, ist immer noch der komischste Witz der Welt." Gary Wills fand Mel Gibsons surrealen Sadomaso-Comic "Passion" zum Lachen. William Pfaff empfiehlt Zbigniew Brzezinski außenpolitische Tour d'horizon "The Choice: Global Domination or Global Leadership" als anspruchsvoller in der Analyse und staatsmännischer im Gebaren als die meisten anderen Schriften, die derzeit von den Unterstützern der Bush-Regierung zu haben sind.

Magazinrundschau vom 15.03.2004 - New York Review of Books

Brian Urquhart (mehr hier) hat zwei entscheidende Dokumente zum Irakkrieg gelesen: Hans Blix' Erinnerungen "Disarming Iraq" und den Hutton-Bericht zum Tod des Waffenexperten David Kelly. Mehr oder weniger explizit kommen beide seiner Meinung nach zu dem gleichen Ergebnis: Die Geheimdienste haben genau das getan, was von ihnen erwartet wurde. Und das sei das Problem. "In Kriegszeiten sind nachrichtendienstliche Erkenntnisse eine Angelegenheit von Leben und Tod und deshalb normalerweise immun gegen Politik. Sie dürfen manchmal falsch sein, aber niemals aus politischen Gründen manipuliert ... Die Schuld an der fragwürdigen Kriegsbegründung auf die Geheimdienste zu schieben, wird nicht von der Tatsache ablenken, dass die Entscheidung in erster Linie ein politische war. Wenn wir uns also, wie der Präsident unterstellt, immer noch in einer Kriegssituation befinden, werden Geheimdienstinformationen noch einmal für politische Zwecke zurechtgeschneidert?"

Weitere Artikel: Worte des Bedauerns findet Michael Chabon für Philip Pullman (mehr hier) und andere Autoren fantastischer Literatur: "Sie können einem Leid tun, all die Abenteurer und Autoren von Jugendliteratur, die ihren Weg durch das Grenzland zwischen den Welten machen wollen. Schlimmstenfalls ist es ein unsichtbarer Ort, bestenfalls ein ungastlicher." Emma Rothschild erinnert daran, dass die USA ihre Entstehung dem Niedergang gleich zweier Empires verdanken, des britischen und des französischen.

"Ein kurzes Buch mit wunderbaren Geschichten über die menschliche Dummheit, die als Wissenschaft verkleidet daherkommt", feiert Freman J. Dyson: "Debunked!", ein Buch von Georges Charpak und Henri Broch, lüfte die Geheimnisse der Telepathie, erkläre erstaunliche Zufälle und informiere über Littlewoods Gesetz der Wunder. Außerdem besprochen werden John Flenleys und Paul Bahns Band "The Enigmas of Easter Island", in dem die beiden behaupten, dass es Bäume aus den Osterinseln gegeben hat. Und Jonathan Millers Inszenierung des "King Lear" im Vivian Beaumont Theater in New York.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - New York Review of Books

In einem sehr lesenswerten Essay denken Ian Buruma (mehr hier) und Avishai Margalit (mehr hier oder hier) über die westlichen Ursprünge des Islamismus nach: "Die islamistische Bewegung, die uns derzeit von Kabul bis Java zu schaffen macht, hätte nicht ohne den harschen Säkularismus eines Reza Shah oder die fehlgeschlagenen Experimente von Staatsozialismus in Ägypten, Syrien oder Algerien entstehen können. In mehrerlei Hinsicht war es deshalb für den Nahen Osten ein Unglück, dass sie dem Westen erstmals durch den Nachhall der Französischen Revolution begegnet sind. Robespierre und die Jakobiner waren die inspirierenden Helden für arabische Radikale: pogressiv, egalitär und gegen die christliche Kirche." Und später heißt es zum islamistischen Terrorismus: "Was diesen Terror so tödlich macht, ist nicht der alten Texten entliehene religiöse Hass, der zumeist sowieso auf Verzerrungen basiert, sondern die Synthese von religiösem Eifer und moderner Ideologie, von altertümlicher Bigotterie und moderner Technologie."

Weitere Artikel: "So sucht man sich nicht den möglichen Präsidenten aus", schimpft Elizabeth Drew über den Vorwahlkampf der Demokraten, der in solch rasantem Tempo durchgeführt wurde, dass Wählern und Gewähltem gleichermaßen schwindlig geworden sei. Wer wissen will, zu welchem Preis die amerikanischen Universitäten an ihre Gelder herankommen, sollte einen Blick in Sheldon Krimskys Buch "Science and the Private Interest" riskieren. Recht polemisch, aber fundiert, wie Richard Horton meint, stellt der Physiker, Philosoph und Stadtplaner (!) Krimsky darin dar, wie die "traditionellen Standards der unabhängigen Forschung und freien Meinungsäußerung aufgegeben" werden, um sich der Industrie anzudienen.

Thomas Powers hat mit einer gewissen Erleichterung Richard Perles neokonservative Streitschrift "An End to Evil: How to Win the War on Terror" gelesen: "Den Hardlinern gehen die Ideen aus." Allerdings nicht der Ehrgeiz. Frederick Crews hat mit dem Buch "Remembering Trauma" des Harvard-Psychologen Richard J. McNally eine brillante Lektion in Sachen Standards für Rationalität erhalten.

Magazinrundschau vom 09.02.2004 - New York Review of Books

Die Geschäfte der Bush-Dynastie laufen wie geschmiert: Die Regierung vergibt einen Irak-Auftrag an Dick Cheneys Halliburton-Konzern, der schließt Verträge mit saudischen Firmen, die wiederum enge Beziehungen zur Familie Bush unterhalten. Und so geht das seit Jahrzehnten, stöhnt New York Times-Kolumnist Paul Krugman: "Seit vier Generationen gedeiht die Familie Bush, indem sie ihre politischen Beziehungen ausnutzt, um in ihren Geschäften voranzukommen. Und genau so nutzt sie ihre Geschäftskontakte aus, um in der Politik voranzukommen... Die Bush-Dynastie unterscheidet sich von anderen amerikanischen Familien, die Reichtum mit politischer Prominenz verbindet. Während die Kennedys und die Rockefellers große Ansprüche stellten, bewiesen sie immer auch einen Sinn von noblesse oblige. Die Bushs haben dieses Problem nicht. Es gibt keine Philanthropen oder Reformer in diesem Clan. Sie suchen das öffentliche Amt, doch wenn überhaupt etwas, dann glauben sie, dass die Öffentlichkeit da ist, um ihnen zu dienen." Die Details zu den Familiengeschäften lassen sich in Kevin Philipps "American Dynasty: Aristocracy, Fortune, and the Politics of Deceit in the House of Bush" nachlesen.

Michael Massing fragt, warum die amerikanischen Medien eigentlich erst jetzt über Bushs fadenscheinige Kriegsgründe berichten. "Warum haben wir nichts über die Betrügereien und Verschleierungen in den Monaten erfahren, als die Regierung in den Krieg drängte - als es also noch einen Unterschied gemacht hätte. Schon im Sommer 2002 lag die Geheimdienst-Community in einem bitteren Streit über die Art, wie Regierungsmitglieder mit den Daten über den Irak umgingen. Viele Journalisten wussten Bescheid, aber nur wenige haben sich entschieden, darüber auch zu schreiben."

H. Allen Orr feiert Richard Dawkins außergewöhnliche, schöne und geistreiche Reflexionen über Hoffnung, Lügen, Wissenschaft und Liebe, Henry Siegman diskutiert den israelischen Grenzzaun, Roger Shattuck widmet sich Leben und Werk von Helen Keller und Joan Acocella hat schon Robert Altmans neuen Film "The Company" gesehen.


Magazinrundschau vom 02.02.2004 - New York Review of Books

Der Drogenhandel floriert, die Warlords mehren ihre Macht, Hilfsorganisationen ziehen sich zurück - es sieht nicht gut aus in Afghanistan, berichtet Ahmed Rashid (mehr hier). Am beunruhigendsten erscheint ihm die Rückkehr der Taliban, die vor allem von Pakistans islamistischer Jamiat-e-Ullema gepäppelt werden. In den Madrassen und Moscheen von Quetta will Rashid sie zu Tausenden gesehen haben, mit ihren "unverwechselbaren schwarzen Turbanen, langen Bärten und ungekämmten Haaren". "Dass die Taliban zwei Jahre nach ihrer Niederlage wieder mit solcher Macht zurückkehren, zeugt hinreichend davon, dass die westliche Unterstützung und Strategie zum Wiederaufbau Afghanistan bisher gescheitert ist", meint Rashid. "In Kabul unterstützen die USA Karzais Regierung, doch auf dem Land haben es die USA versäumt, die Warlords in Frage zu stellen, ihre krasse Verletzung der Menschenrechte, ihren Heroinschmuggel, ihre Ablehnung der Zentralregierung und ihren Widerstand gegen die Demokratie."

Weitere Artikel: Sherwin B. Nuland betrachtet den schon etwas älteren Trend, Ärzte nicht mehr nur Krankheiten behandeln zu lassen, sondern auch schiefe Nasen und gerade Falten. Warren Gamaliel Harding genoss bisher den Ruf, der schlechteste aller amerikanischen Präsidenten gewesen zu sein. Leider, muss Russell Baker feststellen, räumt John W. Dean, einstiger Berater von Richard Nixon, in seiner Biografie mit einigen der tollsten Geschichten auf. Außerdem ist Harding entgegen anderslautenden Gerüchten nicht von seiner Frau ermordet worden. Marshall Frady empfiehlt das Buch "And the Dead Shall Rise", in dem der Journalist Steve Oney den Lynchmord an Leo Franck aufrollt, der - zu unrecht - beschuldigt worden war, eine dreizehnjährige Angestellte seiner Fabrik getötet zu haben.

Daniel Mendelsohn feiert die Verfilmung von Tony Kushners doch recht ambitioniertem Bühnenstück "Angels in America" durch Mike Nichols. Denn in dem Stück geht es nicht nur um Aids in den frühen Achtzigern, sondern auch um Juden, Mormonen und Schwarze, Haufrauen, Drag Queens, Reagan und Tocqueville, um den Teppich von Bayeux und die McCarthy-Ausschüsse und natürlich um Ethel Rosenberg.

Magazinrundschau vom 29.12.2003 - New York Review of Books

Sind die Zeit und Bewusstein etwas Fließendes? Oder eher einer Kette vergleichbar, eine Folge abgeschlossener Momente? Der Neurologe Oliver Sacks hat sich wieder einmal bei seinen Patienten schlau gemacht: "Es gibt eine seltene, aber dramatische neurologische Störung, die eine Reihe meiner Patienten während ihrer Migräne-Anfälle erlebt haben. Dabei verlieren sie ihren Sinn für visuelle Kontinuität und Bewegung und sehen stattdessen eine flackernde Serie von Standbildern." Ähnliches wurde ihm wohl auch von LSD-Trips berichtet.

Dann gibt es eine sehr schöne Kurzgeschichte von J.M. Coetzee (mehr) zu lesen - "As a Woman Grows Older". Darin heißt es zum Beispiel: "'What I find eerie, as I grow older,' she tells her son, 'is that I hear issuing from my lips words I once upon a time used to hear old people say and swore I would never say myself. What-is-the-world-coming-to things.'"

Weiteres: Tim Judah widmet sich der großen Krux des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien: Jede Verhaftung oder Verurteilung eines serbischen Kriegsverbrechers lässt die nationalistischen Parteien erstarken. Andererseits, schreibt Judah, kommen auch deshalb so viele serbische Täter vor Gericht, weil zumindest Teile Serbiens bei der Auslieferung kooperieren - im Gegensatz zum Kosovo etwa. Janet Malcolm hat herausgefunden, warum uns eigentlich Diane Arbus' (mehr) Bilder von Freaks und Transvestiten, Nudisten und Behinderten interessieren. William D. Nordhaus blickt mit Joseph E. Stiglitz auf die Roaring Nineties zurück. Amos Elon stellt zwei neuere Studien vor, die nachweisen, dass die - auch nukleare - Aufrüstung Israels durch die USA nicht erst von der Regierung Johnson betrieben wurde, sondern schon vor dem Sechs-Tage-Krieg unter Kennedy.

Magazinrundschau vom 08.12.2003 - New York Review of Books

"Möge Ananses Netz die Welt umspannen", ruft Kwame Anthony Appiah, Philosophie-Professor in Princeton (mehr), in heller Begeisterung über eine von Nelson Mandela herausgegebene Sammlung afrikanischer Volksmärchen. Sie alle beginnen mit den magischen Worten "Ananse sagt", wobei es sich, wie Appiah erklärt, bei Kwaku Ananse um eine fürchterliche Spinne handelt. Bemerkenswert das jahrhundertealte Märchen "Natiki" aus dem Namaqualand im südlichen Afrika, in dem es um ein junges, hübsches Mädchen mit zwei grässlichen Schwestern geht, die dem armen Ding jegliche Freude missgönnen ...

Henry Siegman geht hart mit Ariel Sharons Politik beziehungsweise Krieg gegen den Terrorismus ins Gericht: "In diesem Krieg ist der palästinensische Terror nicht ein Feind, sondern ein unabdingbarer Verbündeter, der Sharon den Vorwand geliefert hat, mit dem Bau jüdischer Siedlungen in der Westbank und im Gaza-Streifen fortzufahren." Mark Danner berichtet aus dem Irak, wo ihm amerikanische Offiziere beigebracht haben, Terror als Großes Theater zu betrachten. Jeff Madrick sieht die letzte Schlacht um das amerikanische Gesundheitssystem aufziehen.

Edmund S. Morgan feiert Gore Vidals Buch über die amerikanischen Gründerväter "Inventing a Nation". Wie immer verbinde Vidal abstruse Analyse mit wunderbar lebendiger Beschreibung: "Es ist, als sitze Vidal mit uns im Schaukelstuhl am Kamin und erzähle uns von alten Freunden." Daniel Mendelsohn fragt sich, wie Quentin Tarrantino es schafft, die Zuschauer immer wieder in Angst und Schrecken zu versetzen, ohne etwas vom realen Leben zu wissen. Geoffrey O'Brien hat sich Clint Eastwoods Film "Mystic River" angesehen.

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - New York Review of Books

Der schottische Journalist und Historiker William Dalrymple hat die "traurigste aller Städte" kennengelernt: Karatschi, "ein Monument des Hasses", eine "Stadt im Krieg, mit sich selbst wie mit der Außenwelt". Ein Blick auf den Lageplan: "Die rosa Zone im Osten wird von der Drogenmafia dominiert; die rote Zone im Westen zeigt die für Entführungen und Erpressungen berüchtigte Gegend; die grüne Zone im Süden ist denen vorbehalten, die sich auf religiöse Gewalt spezialisiert haben. Die afghanischen Flüchtlinge mit ihren Jihad-Fantasien tummeln sich im Norden, einer Zone in hellem Lila. Ein schmaler gelber Streifen im Zentrum der Stadt - die diplomatische Enklave - zeigt eine Zone relativer Sicherheit an, wo nur gelegentliche Bomben die konsularische Ruhe stören." Im übrigen rät Dalrymple von Bernard-Henri Levis "Wer hat Daniel Pearl ermordet?" ab: voller Fehler.

Weiteres: Thomas Powers untersucht en detail die Kluft zwischen behaupteten und gefundenen Massenvernichtungswaffen im Irak. Die ist natürlich gewaltig, und so sieht Powers in der Willfährigkeit, mit der die CIA dem Weißen Haus die angeblichen Beweise vorlegte, ein eher strukturelles denn personelles Problem: Die CIA hat keinen anderen Kunden als das Weiße Haus, also liefert sie, was gewünscht wird.

Darryl Pinckney feiert Toni Morrisons "schönen, beunruhigenden" Roman "Love": "Hinter den sanftesten Zeilen verbergen sich messerscharfe Beobachtungen". Robert Cotrell liefert einen Überblick zur Literatur, die sich der Verbindung von Geschäft, Politik und Kriminalität in Russland widmet. Diane Johnson bespricht Joan Didions Zertrümmerung kalifornischer Mythen "Where I Was From".

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - New York Review of Books

Michael Kimmelman erinnert an Alfred Barr, der im Alter von 27 Jahren das New Yorker MoMA gründete: "Barrs stille Autorität und sein listiger Charme beruhigte viele, wenn auch unter keinen Umständen alle: Er verbrachte einen Großteil seiner Karriere damit, Gefechte auszutragen: mit reaktionären Politikern, die moderne Kunst für eine kommunistische Verschwörung hielten, mit amerikanischen Künstlern, die sich vom Museum vernachlässigt fühlten oder es für nicht modern genug hielten, mit Kritikern, die ihn elitär nannten, mit Kritikern, die ihn für zu populistisch hielten - und natürlich mit seinen Bossen" - einem "bemerkenswerten Trio unternehmungslustiger Damen der Gesellschaft", über die wir auch gern mal etwas lesen würden: Abby Aldrich Rockefeller, Lillie Bliss und Mary Quinn Sullivan.

Paul Krugman verschlägt es nahezu die Sprache angesichts der Gefälligkeiten, die George W. Bush all denen erweist, die ihm ins Amt geholfen hatten: Die großzügigen Spender aus der Bergbauindustrie etwa dürfen jetzt etwa ihren Abraum kostenlos auf bundeseigenem Land entsorgen. Der Sohn eines der Supreme-Court-Richter, die ihn zum Präsidenten gemacht haben, wurde zum Regierungsanwalt bestellt. "Whow!" kann Krugman da nur sagen.

Weitere Artikel: Sichtlich irritiert zeigt sich David Lodge von J. M. Coetzees neuem Buch "Elizabeth Costello", das verschiedene fiktive Lektionen einer australischen Schriftstellerin versammelt. "Drückt Coetzee hier aus, dass er seinen Glauben an die Literatur verloren hat?" Auch wenn Tony Judt dem "letzten Romantiker", Eric Hobsbawm, die seltsame Kombination eines "Tory-Kommunismus" nicht verzeihen mag, muss er doch feststellen, dass der britische Historiker mit seinen Memoiren das beste Buch seines Lebens geschrieben hat. Und: "Hobsbawm weiß nicht nur mehr als andere Historiker. Er schreibt auch besser." Lorrie Moore findet auch in John Updikes "Early Stories" die typische "Updike-Sorte des protestantischen Mystizismus". Elizabeth Drew beobachtet, wie der politisch unerfahrene Wesley Clark bisher durch den Wahlkampf gekommen ist.