Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

393 Presseschau-Absätze - Seite 34 von 40

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - New York Review of Books

Hoffnung auf einen neuen Libanon hat der Economist-Korrespondent Max Rodenbeck bei der großen Demonstration Anfang März geschöpft. "Ein Viertel der Bevölkerung des Landes war dort, und das vorherrschende Gefühl war eindeutig und greifbar, trotz der Vielfalt der anwesenden politischen Parteien (was im Libanon bedeutet: Menschen, die sich zuvor umzubringen pflegten). Ein offensichtliches Gefühl war ein neuentdeckter Stolz darauf, libanesisch zu sein, und eine noch neuere Begeisterung darüber, die Macht zu haben, diesen Stolz zu zeigen. Ein anderes Gefühl bestand in der tiefen Hoffnung, dass die Zukunft eine Befreiung von den besonderen Bürden des Landes versprechen könnte: von der paranoiden Zersplitterung der religiösen Gruppen, von Unglück, Verzweiflung und Zynismus der Bevölkerung, von der Gefangenschaft des Landes im arabisch-israelischen Konflikt. In anderen Worten: Es war, zumindest für viele Libanesen, die Hoffnung, sich der Gemeinschaft der friedlichen Nationen anzuschließen und eine säkulare, offene Gesellschaft zu genießen, Demokratie und die Herrschaft des Gesetzes."

Die Historiker Timothy Garton Ash und Timothy Snyder blicken gewohnt kenntnisreich auf die orange Revolution der Ukraine zurück und hoffen auf ihre Fortsetzung: "Nach seiner Wahl traf sich Viktor Juschtschenko in den karpatischen Bergen mit Michail Saakaschwili, der nach der Rosen-Revolution im Januar des Vorjahres Präsident von Georgien wurde. Die beiden gaben eine Karpaten-Erklärung ab, in der sie die Veränderungen in ihrem Land als den Beginn 'einer neuen Welle der Befreiung Europas' begrüßten, 'die zu dem endgültigen Sieg von Freiheit und Demokratie auf dem europäischen Kontinent' führen würde. Präsident Saakaschwili machte klar, dass diese dritte und letzte Welle der europäischen Befreiung die gesamte post-sowjetische Region umfassen sollte. Wunschdenken? Vielleicht. Doch einige Konservative in Moskau scheinen dem zuzustimmen. Während der ukrainischen Ereignisse schrieb die Rossijskaja Gazeta, ein Kreml-nahes Magazin: 'Russland kann sich eine Niederlage in der Schlacht um die Ukraine nicht leisten. Unter anderem würde eine solche Niederlage lauter samtene Revolutionen in den nächsten Jahren bedeuten, die jetzt der Kiewer Variante folgen - in Weißrussland, Moldawien, Kasachstan, Kirgisien und vielleicht Armenien.'"

In weiteren Artikeln betrachtet Helen Epstein die Rolle evangelikaler Kirchen bei der Bekämpfung von Aids in Afrika. Sue M. Halpern entnimmt neuerer heuristischer Literatur von Malcolm Gladwell ("Blink") und Elkhonon Goldberg ("The Wisdom Paradox"), dass spontane Entscheidungen meist genauso gut sind wie wohlüberlegte", dabei aber Zeit sparen.

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - New York Review of Books

Einen wunderschönen Text über den Nobelpreisträger William Faulkner hat Nobelpreisträger J. M. Coetzee geschrieben. Anlass ist die Faulkner-Biografie "One Matchless Time" von Jay Parini, die Coetzee allerdings nur mäßig gelungen findet (ein gutes Gespür für den Autor spricht er ihm zu, aber auch die "Bereitschaft, ihn zu vulgarisieren"). Coetzee selbst schreibt etwa über Faulkners seltsame Entscheidung, seine besten und produktivsten Jahre in Hollywood zu verschwenden: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Faulkner um ein ausgeglichenes Konto bemühte. Von Beginn an dachte er von sich selbst als poete maudit, und es ist das Los eines poete maudit, gering geschätzt und schlecht bezahlt zu werden. Alles, was also überrascht, ist, dass die Last, die er auf sich lud - eine verschwenderische Frau, die mittellose Verwandtschaft, die unvorteilhaften Studioverträge - mit solcher Ausdauer getragen wurde, sogar auf Kosten seiner Kunst. Loyalität ist ein wichtiges Thema in Faulkners Leben und Schreiben, aber es gibt auch so etwas wie verrückte Loyalität, verrückte Treue (der konföderierte Süden war voll davon)."

"Brauchen wir nach dreißig Jahren ein weiteres Buch über die Pentagon-Papiere? Ja, tun wir", schreibt Anthony Lewis über John Prados' and Margaret Pratt Porters "Inside the Pentagon Papers", das noch einmal die Geschichte jener Papiere dokumentiert, die bewiesen, dass die USA bereits die Intervention in Vietnam planten, als sie noch öffentlich jegliches Interesse daran leugneten. Absolut aktuell findet Lewis die Fragen nach der Macht des Präsidenten, der Rolle der Gerichte und der Aufgaben der Presse in Kriegszeiten. "Die entscheidende Lektion, die wir aus den Pentagon Papieren und danach aus Watergate gezogen haben, war, dass Präsidenten nicht über dem Gesetz stehen. So dachten wir zumindest. Heute aber erklären uns Regierungsanwälte, dass der Präsident tatsächlich über dem Gesetz steht - dass er die Folter von Gefangenen anordnen darf, auch wenn internationale Verträge und Bundesrecht dies verbieten."

Weitere Artikel: James C. Goodale greift den Bericht eines angeblich unabhängigen Panels auf, das den Fernsehsender CBS dafür kritisiert, Dokumente über George W. Bushs nachlässigen Dienst bei der Nationalgarde vorschnell an die Öffentlichkeit gebracht zu haben. Allerdings meint Goodale, dass der Bericht nichts über die Echtheit der Dokumente sagt und somit am Thema vorbeigeht. John Leonard gibt zu Protokoll, dass es ihn nicht die Bohne interessiert, was Jonathan Lethem über Howard the Duck oder Obi-Wan Kenobi denkt, weshalb er Lethems neue Erzählungen "Men and Cartoons" völlig überflüssig findet. Über Don DeLillo würde er aber gern was von Lethem lesen. Patricia Storace feiert die Erinnerungen "Persepolis" der iranischen Comic-Zeichnerin Majane Satrapi als brillante Erzählung, außerordentlich frisch und fesselnd. Margaret Atwood preist die Neuauflage des Buches "Visa for Avalon" der englischen Schriftstellerin Bryher.

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - New York Review of Books

Michael Kimmelman feiert enthusiastisch die Wiederentdeckung des größten amerikanischen Pianisten des letzten Jahrhunderts: William Kapell. "Er war das Stereotyp eines gebürtigen New Yorkers: schlau, frech, taktlos, ehrgeizig, eingebildet witzig, und dünnhäutig. Er konnte ausgesprochen großzügig sein und schrecklich gehässig. Er wa eine nervöse, obsessive person - und pedantisch. Wie der Pianist Eugene Istomin einmal sagte, war Kapell kein einfacher Mann, sondern ein großartiger. Am Klavier saß er aufrecht und war zugleich konzentriert und gebieterisch, aber seine seltsamen Manierismen auf der Bühne konnten davon ablenken. Er watschelte ungeduldig auf die Bühne und wieder herunter, zuckte ein wenig während der orchestralen Stellen eines Konzerts und zog manchmal sogar einen Kamm aus seiner Tasche, um darauf herumzuratschen."

Stephen Kinzer, Reporter der New York Times, hält nichts von einer Konfrontation mit dem Iran, sondern setzt auf das, was die Europäer so gern kritischen Dialog nennen: "Für die USA wird es zu keinem postiven Resultat führen, den Iran weiter als Pariah zu behandeln. Ihn zu destabilisieren, wird das Regime nur in seinem Gefühl der Isolation bestärken. Ein Angriff auf den Iran wird die bemerkenswert proamerikanische Bevölkerung wieder einmal in Amerikahasser verwandeln... Auch wird ein Regimewandel den Iran nicht von seinem nuklearen Kurs abbringen, da die meisten Iraner jeglicher Couleur darin übereinstimmen, dass das Land so viel Recht zu nuklearer Macht hat wie Israel, Pakistan, Indien und Nordkorea. Den Iran als Mitglied der Weltgemeinschaft zu behandeln, mit seinen eigenen Hoffnungen und Ängsten, mag immerhin zu Verantwortlichkeit, Frieden mit seinem Nachbarn und vielleicht sogar Demokratie führen."

Außerdem: Elizabeth Drew begrüßt die Rückkehr des republikanischen Politikers Newt Gingrich auf die Washingtoner Bühne, die er einzig und allein seiner "Gerissenheit und Frechheit" zu verdanken habe. Bill Moyers fragt sich, warum sich ausgerechnet die christliche Rechte so wenig um die Umwelt schert, wo sie doch sonst keinen bevorstehenden Untergang unbeschworen lässt. Der Neurologe Oliver Sacks erinnert an den vergangenes Jahr verstorbenen Entdecker der DNS, Francis Crick, der laut Sacks intellektuell so stark glühte wie ein Atomreaktor.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - New York Review of Books

Pankaj Mishra berichtet in einer großen Reportage von den vielbeschworenen Fortschritten Afghanistans, die er vor allem beim Opiumhandel ausmacht. "Viele Afghanen wundern sich zurecht darüber, dass die 18.000 amerikanischen Soldaten in ihrem Land nicht in der Lage sind, die berüchtigten Drogenbarone festzunehmen. Als ich dies an einen westlichen Diplomaten weitergab, antwortete er, dass auch Al Capone jahrelang als Mafiaboss bekannt war, bevor es genügend Beweise gab, um ihn zu verhaften. Er versprach jedoch Verhaftungen noch in diesem Frühjahr. Bis dahin dürfte man kaum all die Afghanen als Verschwörungstheoretiker abtun können, die behaupten, die USA ignorierten den enormen Anstieg der Mohnproduktion über die letzten drei Jahre, weil sie hoffen, dass ihnen dieses Geld die Kosten für den Wiederaufbau ersparen könnte. Doch zunehmende Hinweise, dass sich auch die Taliban und al-Quaida durch den Drogenhandel finanzieren, dürften die Regierung Bush alarmiert haben, dass der Direktor des UN-Antidrogenprogramms Antonio Maria Costa (hier eine Rede), durchaus recht haben könnte, wenn er - wie im Oktober 2003 - schreibt: "Afghanistan wird sich wieder in einen 'failed state' verwandeln, diesmal unter Drogenkartellen und Drogenterroristen."

Das ganze vorige Jahr wurde an George Balanchine (Biografie und Fotos) erinnert, eine seiner früheren Tänzerinnen, Toni Bentley, nutzt einen Rückblick auf die Feiern, um einige Giftpfeile gegen ihre Nachfolger beim New York City Ballet zu schießen: "Man kann wohl sagen, dass, wenn Balanchine noch am Leben gewesen wäre, sein hundertster Geburtag geschmackvoller begangen worden wäre, besonders von seiner Kompanie, dem New York City Ballet, wo nun der schlechte Geschmack mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit auftritt, und zwar sowohl bei den Produktionen als auch bei den Tänzern selbst. Viele von ihnen scheinen zu glauben, dass es bei einer Balanchine-Performance um ihr eigenes - zugegebenermaßen - liebliches Selbst geht, und so lächeln und wirbeln sie für jeden unpassenden und banalen Effekt. Doch wenn Balanchine seine Tänzer eine Sache gelehrt hat, dann war es, dass es beim Ballett, ob es ihnen nun passt oder nicht, nicht um sie geht, sondern um einen Dienst."

Weiteres: Der Wirtschaftswissenschaftler und Kolumnist Paul Krugmann (homepage) warnt vor einem demografischen Alarmismus, den in den USA etwa Autoren wie Laurence J. Kotlikoff und Scott Burns mit ihrem Buch "The Coming Generational Storm" betreiben: "Das Problem ist natürlich real. Es ist trotzdem von handhabbarer Größe." Andrew Delbanco beklagt den Niedergang der traditionellen Colleges in den USA. Und Luc Sante liest Bob Dylans "Chronicles" (hier das deutsche Bob-Dylan-Portal).

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - New York Review of Books

Zugegeben, meint Christopher de Bellaigue, Korrespondent des Economist in Teheran, nach den Erfahrungen im Irak dürfte ein militärisches Vorgehen der USA gegen den Iran ziemlich wahnwitzig sein. Aber es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass die Europäer mit ihren Verhandlungen über das iranische Atomprogramm erfolgreich sein werden. "Frühere Verhandlungen gerieten über die Unfähigkeit des Iran ins Stocken, seine Politik zu ändern, besonders bei den Menschenrechten und in der Außenpolitik. Seitdem ist der Iran, wenn überhaupt etwas, noch kompromissloser geworden. Sein Bekenntnis zur Demokratie wurde bei den Parlamentswahlen vom Feburar 2004 diskreditiert, bei denen mehr als zweitausend Reform-Kandidaten nicht zugelassen wurden. Seine Verpflichtung zum Freihandel wurde von den isolationistischen Tendenzen der Hardliner in Frage gestellt. Ungeachtet der europäischen Forderungen hat Iran weder die Menschenrechte seiner Bürger geachtet noch die Unterstützung für militante Gruppen eingestellt, die gegen einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern opponieren."

Weiteres: Brian Urquhart beklagt, dass "der Geist des Unilateralismus und des Nationalismus" in den USA Einzug gehalten hat, das einzige Land, das zweihundert Jahre lang dagegen gefeit gewesen sei. Freeman J. Dyson empfiehlt Brian Cathcarts dramatischen Bericht von den Anfängen der Teilchenphysik "The Fly in the Cathedral - How a Group of Cambridge Scientists Won the International Race to Split the Atom". Martin Filler stellt neue Bücher über den Wiederaufbau von ground zero vor. Und Simon Sebag Montefiore liest die Briefe zwischen Katharina der Großen und Prinz Grigori Potemkin als Zeugnisse einer königlichen Liebesaffäre und einer gleichberechtigten politischen Partnerschaft.

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - New York Review of Books

Nicholas D. Kristof kennt das beste Buch, das jemals über Nordkorea geschrieben wurde: Bradley Martins "Under the Loving Care of the Fatherly Leader: North Korea and the Kim Dynasty". Fünfundzwanzig Jahre hat Martin daran gearbeitet, mit zahllosen Überläufern gesprochen und all seine Erkenntnisse mit einer Klarheit niedergeschrieben, die keinerlei Zweifel lässt: "Nordkorea ist das repressivste und brutalste Land der Welt, hier werden ganze Familien hingerichtet, wenn sich ein Mitglied betrinkt oder den Lieben Führer beleidigt. Es ist auch bei weitem das totalitärste Land, wo jedes Heim mit einem Lautsprecher ausgestattet ist, der von morgens bis spät abends Propaganda sendet."

Nicht der Wohlfahrtsstaat und nicht die mangelnden moralischen Werte entfremden Europa von den USA, glaubt der Historiker Tony Judt, Europas Dilemma liege ganz woanders: "In den Niederlanden, in Paris und Antwerpen und anderen Städten sind die Spannungen zwischen Einheimischen und einer schnell wachsenden muslimischen Minderheit (eine Million in den Niederlanden, mehr als fünf Millionen in Frankreich, wahrscheinlich 13 Millionen in der gesamten EU) sind Graffiti und No-go-Zonen umgeschlagen in Brandanschläge, Übergriffe, Morde... Für die USA ist der Nahe Osten fernes Land, ein passender Ort, in den Amerika seine Probleme exportieren kann, um sie nicht zu Hause zu haben. Für Europa ist der Nahe Osten benachbartes Ausland und ein wichtiger Handelspartner. Von Tanger bis Tabriz grenzt Europa an den Nahen Osten. Eine wachsende Zahl von Europäern kommt von dort. Wenn die EU ihre Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beginnt, wird es seine eigene Einfügung in diesen Nahen Osten vorwegnehmen. Die amerikanische Strategie der globalen Konfrontation mit dem Islam ist keine Option für Europa. Es ist eine Katastrophe."

Weiteres: Die beiden Nahost-Experten Hussein Agha und Robert Malley porträtieren Mahmud Abbas, den "letzten Palästinenser", als komplette Gegenfigur zu Arafat: Abbas, genannt Abu Mazen, "ist wie Arafat, eine Seltenheit: eine genuin nationale palästinensische Gestalt. Aber er ist es auf ganz und gar entgegengesetzte Art: Wo Arafat nationalen Status errang, indem er sich zu jedem einzelnen Wahlkreis zugehörig erklärte und mit sämtlichen partikularen Interessen identifizierte, tat Abu Mazen dies, indem er sich auf nichts festlegte." Elizabeth Hardwick trauert um Susan Sontag. Besprochen wird eine neue kommentierte Sherlock-Holmes-Ausgabe.

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - New York Review of Books

Hellauf begeistert feiert Colm Toibin Alan Hollinghursts bereits mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichneten Roman "The Line of Beauty". Nur mit dem Plot - die Abenteuer eines Provinz-Snobs in London - hat er seine Schwierigkeiten, aber was macht das schon: "Satz für Satz ist der Roman mit so viel Bedacht, mit so viel süßer Sorge für Details, Nuancen, Rhythmus und der blanken Komödie der Dinge geschrieben, dass seine Anstrengung, dies alles in eine Geschichte zu verweben, ganz unwichtig wird."

Frisches Blut sieht Jonathan Raban durch die Adern der Kalten Krieger fließen, die sich jetzt mit Titeln wie "Der vierte Weltkrieg" zurück melden. Raban hat sich durch alle hindurch gearbeitet, von Richard Pipes bis zu Norman Podhoretz, und fürchtet jetzt, den luzidesten Text über den "Krieg gegen den Terror" in der Marine Corps Gazette gefunden zu haben. Darin heißt es: "Kriege der vierten Generation werden wahrscheinlich weiträumig verteilt und nicht erklärt sein; die Trennlinie zwischen Krieg und Frieden wird unscharf bis unkenntlich werden. Es wird keine definierbaren Fronten mehr geben. Der Unterschied zwischen Zivilisten und Militärs könnte verschwinden. Kampfhandlungen werden die Parteien gleichzeitig in ihrer gesamten Tiefe treffen, einschließlich ihrer Gesellschaft, und zwar auch als kulturelle, nicht nur als physische Entität."

Zu lesen ist auch ein Text von Sister Helen Prejean, in dem die Autorin von "Dead Man Walking" und "The Death of Innocents" die Gnadenpraxis von George W. Bush in seiner Zeit als Gouverneur von Texas einer strengen Prüfung unterzieht: "Klar ist, dass er als Gouverneur kein Erbarmen kannte."

Charles Rosen und Henri Zerner sind gar nicht zufrieden mit dem umgebauten Museum of Modern Art, das einige seiner wichtigsten Arbeiten nicht mehr zeigt: "Generell lässt sich sagen: die europäische Kunst nach Miro wurde geopfert für Künstler aus New York." Und Daniel Mendelsohn senkt den Daumen über Oliver Stones Schlachtenepos "Alexander".

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - New York Review of Books

Simon Head geht dem Erfolg der Supermarktkette Wal-Mart nach, die, gemessen am Umsatz, inzwischen das größte Unternehmen der Welt ist: "Mit 1,4 Millionen Beschäftigten weltweit ist die Belegschaft von Wal-Mart inzwischen größer als die von GM, Ford, GE und IBM zusammen. Mit 258 Milliarden Dollar macht der Jahresumsatz von Wal-Mart zwei Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts aus und ist acht Mal so hoch wie der von Microsoft." Die Geheimnisse des Erfolgs: keine Scheu vor unattraktiven Kleinstädten, arme Frauen als Zielgruppe und natürlich die unübertroffene Strategie, Mitarbeiter auszupressen und zu kujonieren: "Zur Disziplinierung der Belegschaft können sich die Wal-Mart-Manager aus einem ganzen Strafkatalog bedienen: Es gibt schriftliche Maßregelungen in Form der Blauen Briefen, mündliche Maßregelungen in Form des Coachings und die Tage der Entscheidung, an denen die Mitarbeiter erklären müssen, warum sie nicht gefeuert werden sollten."

Weitere Artikel: Thomas Powers beschreibt, wie sich die CIA zu einem operativen Arm des Weißen Hauses entwickelt hat, meint aber, sie könne immer noch wichtige Hinweise geben: "Wir können sagen, dass die CIA ähnlich nützlich ist wie der Kanarienvogel in der Kohlemine: Wenn sie Zeichen von Stress zeigt, wissen wir, dass etwas nicht stimmt." Michael Massing gibt die Schuld an George Bushs Wahlsieg den schönfarberischen Irak-Berichten im amerikanischen Fernsehen. Chris Hedges bedauert, dass in den neuen Büchern über den Irak, etwa in Evan Wrights "Generation Kill" oder Jon Lee Andersons "The Fall of Baghdad", nichts darüber steht, wie pathologisch und wie letztendlich verloren dieser Krieg sei.

Einem Streitfall widmet sich die Schriftstellerin Alison Lurie in einem Essay: Jean de Brunhoffs Kinderbuchlegende Babar, dem Elefantenvater, den die einen als gutmütigen Monarchen mit hervorragenden Manieren preisen, und den die anderen als Rassisten und Kolonialisten bei lebendigem Leibe verbrennen möchten.
Stichwörter: IBM, Irak, Microsoft, The Fall

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - New York Review of Books

Nobelpreisträger Amartya Sen wünscht sich eine Wiederbelebung der Beziehungen zwischen China und Indien, wie sie vor zweitausend Jahren waren: "Während China die materielle Welt Indiens bereicherte, exportierte Indien den Buddhismus nach China". Genau so stellt er sich das auch für heute vor: "Indien muss von China viel über Wirtschaftspolitik und Gesundheitsvorsorge lernen, seine Erfahrungen mit Öffentlichkeit und Demokratie könnten dagegen für China sehr lehrreich sein. Allerdings muss daran erinnert werden, dass die Tradition, Autoritäten gering zu schätzen und ihnen zu trotzen, die mit dem Buddhismus von Indien nach China kam, von den Chinesen allein dazu genutzt wurde, den Buddhismus zu kritisieren."

Henry Siegmann misstraut dem israelischen Abzug aus Gaza, und für einen neuen De Gaulle hält er Ariel Sharon schon gar nicht: "Für Sharon ist der Rückzug aus Gaza der Preis, den Israel zahlen muss, um die Westbank unter seiner Kontrolle zu behalten. Genauso wichtig ist, Gaza in ein lebendes Beispiel dafür zu verwandeln, dass die Palästinenser einen unabhängigen Staat nicht verdienen."

Richard Rothstein diskutiert neue Studien zur rassischen Diskriminierung in den USA, die alle zu einem ähnlichen Ergebnis kommen: Weiße bekommen bessere Zeugnisse, werden bevorzugt eingestellt, selbst wenn sie vorbestraft sind, und sie bekommen mehr Gehalt. Die Frage ist nun: Können die Schulen etwas daran ändern?

Weitere Robert Gottlieb feiert Meredith Danemans "definitve" Biografie der zähen Ballerina Margot Fonteyn ("Von Anfang an macht Daneman deutlich, dass nichts die kleine Peggy Hookham von einem Weg hätte abbringen können, für den sie sich einmal entschieden hatte."). Nicht ganz so gut besprochen werden Michelle de Kretsers Südsee-Thriller "The Hamilton Case" und Norman Sherrys Biografie "The Life of Graham Greene".

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - New York Review of Books

Garry Wills feiert Michael Walzers neues Buch "Arguing About War", dessen größtes Verdienst er darin sieht, dass Walzer die Debatte neu eröffnet hat, wer eigentlich die Autorität besitzt, einen gerechten oder wenigstens gerechtfertigten Krieg zu erklären - und wie demokratisch diese Entscheidung sein muss: "Walzer beschreibt, dass die amerikanische Regierung, wohlwissend um den Widerstand gegen einen nicht notwendigen Krieg, versucht hat, die Kriegsführung vom demokratischen Prozess zu isolieren. Indem sie die Einberufungen abschaffte, erreichte sie, dass sich einflussreiche Bürger weniger um Einsätze im Ausland sorgten. Luftangriffe mit geringem Risiko und 'intelligente' Kriegsführung sollen die Sterberate reduzieren und den Anteil der Menschen an den Kriegen minimieren, für die sich ihre Herrscher entscheiden. Walzer findet es abstoßend, andere zu töten, wenn man selbst nur ein geringes Risiko eingeht - das entspreche mehr der Rolle eines Heckenschützers oder Attentäters als der eines Kämpfers."

Nobelpreisträger J.M.Coetzee schreibt über Philip Roth' neuen Roman, in dem Charles Lindbergh als Marionette der Nazis ins Weiße Haus zieht. Er zumindest konnte darin keinen Schlüsselroman erkennen: "In jeder sinnvollen Lesart handelt 'The Plot Against America' nur im alleräußersten Sinne von George W. Bushs Präsidentschaft. Es braucht schone einen paranoiden Leser, um das Buch in einen Schlüsselroman der Gegenwart zu verwandeln. Aber schließlich geht es hier ja genau darum: Paranoia." Allerdings meldet Coetzee auch Kritik an: "Roth schreibt einen realistischen Roman über erdachte Ereignisse. Nach Plausibilitätsstandards, denen er sich selbst unterwirft, ist der historische Rahmen mehr als nur ein wenig wackelig."

Weiteres: David Cole trägt zusammen, wie die amerikanische Regierung seit dem 11. September die Bürgerrechte eingeschränkt hat. Russell Baker hat die wiederaufgelegten Bücher des großen Reporters A.J. Liebling gelesen und erinnert sich wehmütig an die Zeit, als Journalisten noch bescheiden waren: "Danach wurden aus der Presse die Medien". Joyce Carol Oates stellt die ultimative Biografie des Boxers Jack Johnson vor, Geoffrey C. Wards "Unforgivable Blackness". Und Richard C. Lewontin bespricht zwei Bücher, die sich mit der Integrität von Wissenschaftlern und der Frage beschäftigen, warum wir ihnen überhaupt glauben sollen.