Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 17.10.2006 - New York Review of Books

Berkeley-Philosoph John Searle beweist in recht eigener Logik, dass es Bewusstsein gibt, weil nicht bewiesen werden könnte, dass es das nicht gibt: "Bewusstein ist real und unauslöschlich. Es kann nicht als Illusion abgetan werden oder auf irgendein Phänomen reduziert werden. Warum nicht? Es kann keine Illusion sein, denn wenn ich bewusst die Illusion hege, ich sei bei Bewusstsein, bin ich bei Bewusstsein. Bewusstsein existiert subjektiv in dem Sinne, dass es nur von einem menschlichen oder tierischen Subjekt erfahren wird, und deshalb kann es nicht auf etwas Objektives oder ein Phänomen der dritten Person reduziert werden."

In einem Offenen Brief protestieren hundert chinesische Intellektuelle und "Netzbürger" gegen die Schließung der kritischen Website Century China vor einem Jahr: "Die Schließung von Century China ist ein weiteres Beispiel für die Unterdrückung der Freiheit durch die chinesische Regierung. Deshalb müssen wir scharfen und unnachgiebigen Protest erheben gegen den Missbrauch der Macht durch die Regierung."

Weiteres: Christopher de Bellaigue beobachtet den wachsenden Einfluss des schiitischen Islams in der arabischen Welt. Aryeh Neier verteidigt Human Rights Watch, das für seine Kritik an der israelischen Kriegsführung im Libanon seinerseits stark kritisiert wird. Die Autorin Joyce Carol Oates schreibt eine Hommage auf ihre kanadische Kollegin Magaret Atwood, an der sie besonders den "kalten, aber nicht mitleidslosen Blick" bewundert. Besprochen werden außerdem Karen DeYoungs Colin-Powell-Biografie "Soldier" und eine James-Stewart-Biografie von Marc Eliot, die gänzlich ohne Skandale und Affären auskommen muss.

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - New York Review of Books

Jason Epstein macht sich anhand mehrerer Neuerscheinung Gedanken über GoogleBooks, das er eher für Hand- und Wörterbücher geeignet findet als für literarische Werke. Was er aber richtig toll findet, ist Espresso Printing, das gerade als Testversion in der Bibliothek der Weltbank läuft: "Eine Maschine druckt und bindet nach Bedarf Taschenbücher zu niedrigen Preisen und in Bibliotheksqualität, innerhalb von Minuten und mit minimaler menschlicher Intervention - ein Geldautomat für Bücher. Eine zweite Versuchsmaschine wurde bereits in die Bibliothek von Alexandria geschickt und wird dort bald Bücher auf Arabisch drucken. Eine neuere Version wird noch in diesem Jahr in der New Yorker Public Library installiert werden."

Sollten die USA tatsächlich mit Ölbohrungen im Arctic Wildlife Refuge in Alaska beginnen, wie es der Kongress beschlossen hat, fürchtet Peter Matthiessen um die kostbarste Wildnis der USA: "Die letzte Stätte der Fauna der großen Eiszeit, einschließlich Bären, Wölfe, Vielfraße, Moschusochsen, Elche und im Sommer die 120.000 köpfige Karibou-Herde vom Porcubine River. Überall fliegen Kraniche und Seevögel umher, Myriaden von Wasser- und Küstenvögeln, Falken, Eulen, Würger, Lerchen, Ammern ebenso wie eine Vielfalt von Zugvögeln, die von allen Kontinenten der Welt zu den arktischen Hängen ziehen, um dort zu brüten. Und doch debattieren wir Amerikaner, seine Hüter, ob wir tatsächlich diesen wertvollen Ort zerstören sollen, im dem wir ihn an die Ölindustrie ausliefern."

Weitere Artikel: Frank Rich betrachtet die Misere der amerikanischen Demokraten, die es nicht schaffen, Kapital aus George Bushs wachsender Unbeliebtheit zu schlagen. Besprochen werden Lawrence Wrights Recherchen zu al-Qaida und den 11. September "The Looming Tower", R. Dale Guthries Studie "The Nature of Paleolithic Art" und Michel Houellebecqs Hommage an H.P. Lovecraft, "Against the World, Against Life".

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - New York Review of Books

Timothy Garton Ash stellt Ian Burumas "Murder in Amsterdam" und Ayaan Hirsi Alis Essaysammlung "The Caged Virgin" (die seiner Meinung spürbar werden lässt, wie sich Hirsi Ali von einer islamischen Fundamentalistin zu einer Aufklärungsfundamentalistin wandelte) vor. Dabei verliert er auch einige grundsätzliche Worte über den Islam in Europa: "Kürzlich ergab eine Umfrage des Pew Research Centers, dass die Hauptsorge unter Muslimen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Spanien die Arbeitslosigkeit ist. Angesichts der historischen Trägheit europäischer Arbeitsmärkte, der harten Konkurrenz billiger Wertarbeit aus Asien und einer reflexhaft-fremdenfeindlichen Diskriminierung in vielen europäischen Ländern dürfte dies leichter gesagt als getan sein. Die Wohnverhältnisse sind eine weiterer Missstand... Europas Problem mit seinen muslimischen Einwanderern, die Pathologie der Menschen zwischen allen Stühlen, gäbe es auch, wenn ein blühendes unabhängiges Palästina existierte, und die USA, Großbritannien und einige andere europäische Staaten nicht im Irak einmarschiert wären." (Die gleiche Studie ergibt übrigens, dass in Europa nur die Deutschen mehrheitlich muslimische Einwanderung als etwas Negatives betrachten.)

Joan Didion befasst sich in einem ausführlichen Porträt mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney und dessen lang gehegtem Plan, den Kongress bedeutungslos zu machen. "Es sei schon bemerkenswert, dass Cheney Kongressabgeordneter wurde, sagt sein früherer Kollege Tom Downey, wo er doch dachte, dass wir nur eine schreckliche Unannehmlichkeit für die Regierung darstellen. Bruce Fein, Mitarbeiter im Justizministerium unter Ronald Reagan, sagte Jane Mayer vom New Yorker, dass Cheney bereits der Enthusiasmus für Checks and Balances abging, als er noch nicht Mitglied einer Kriegspräsidentschaft war: 'Dies war schon vor dem 11. September so. Vielleicht wäre er nicht so weit wie bis zu den ungenehmigten Abhöraktionen gegangen. Aber die Idee, den Kongress auf ein bloßes Symbol zu reduzieren, war von vornherein im Spiel. Es war Cheneys politische Agenda.'"

Weiteres: Nicholas D. Kristof berichtet von einigen frustrierenden Erfahren in Entwicklungsländern, in denen humanitäre Hilfe mehr schadete als half. Besprochen werden, gewohnt ausführlich, Michael Winterbottoms halbdokumentarischer Film "The Road to Guantanamo", Flavio Biondos erstmals ins Englisch übersetztes Renaissance-Band "Italy Illuminated" und Daniel Mendelsohns Buch über seine Suche nach sechs Verwandten, die während des Holocausts verschollen sind, "The Lost".

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - New York Review of Books

Robert Malley zieht eine recht bittere Bilanz nach Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon. Ausgerechnet seine Fähigkeit zur Abschreckung, die wiederzuherstellen einer der Kriegsgründe war, hat Israel eingebüßt. "Hisbollah, Hamas, Iran und Syrien sehen ihren Stern steigen. Für einen Großteil der arabischen Welt hat dieser Krieg den Mythos der israelischen Unbesiegbarkeit beschädigt. Die größte Gefahr für Israel ist momentan, nicht mehr als dominierende Macht, sondern als eine erschöpfte angesehen zu werden... In dem Konflikt geht es längst nicht mehr darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen - einen Soldaten freizubekommen oder ein bestimmtes Gebiet zu erobern. Es geht um etwas weniger Greifbares und damit Ernsthafteres: Abschreckungsmacht herzustellen, die Spielregeln zu bestimmen, zu zeigen, wer das Sagen hat. Solche Konfrontationen können schwächer werden, sie könne ruhen. Aber sie enden nicht."

Weiteres: Max Rodenbeck liefert eine weitere Analyse des Libanon-Kriegs.Tony Judt liest noch einmal das Mammutwerk "Main Currents of Marxism" des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski. Zur Frage, ob Intelligent Design an amerikanischen Schulen gelehrt werden sollte, meint Ronald Dworkin: "Sollte es irgendeinen wissenschaftlichen Beweis gegen die Evolution gebe, sollte er Schüler sofort gelehrt werden. Aber die Intelligent-Design-Bewegung hat diesen wissenschaftlichen Beweis nicht." Daniel Mendelsohn hält wenig vom Realismus der beiden 9/11-Filme "United 93" von Paul Greengrass und "WTC" von Oliver Stone: "Das Problem mit diesem Realismus ist, das der Film wie auch die Realität selbst keine Struktur hat: und ohne Struktur, ohne Gestaltung können die Ereignisse keine Bedeutung haben." Lorrie Moore stellt Suzanne Marrs' Biografie der Autorin Eudora Welty vor.

Magazinrundschau vom 01.08.2006 - New York Review of Books

Am 22. Januar 2006 wurde der Kokabauer Evo Morales vom Movimiento al Socialismo (MAS) zum Präsidenten Boliviens gewählt. Ist er wirklich ein Indio? Und was bedeutet das für Bolivien, fragt sich Alma Guillermoprieto. Schon die Regierung sei erstaunlich. "Minister kauen zeremoniell Koka während der Kabinettrunden; der Justizminister ist eine Frau, die bis vor kurzem als Hausmädchen gearbeitet hat; der Vorsitzende des Senats ist ein Schullehrer vom Land. Und Sacarias Flores (Vizepräsident der MAS), der jede Woche in Parteiangelegenheiten durch das Land kreuzt und theoretisch ein sehr mächtiger Mann ist, kommt heim zu seinen Sojabohnenfeldern und überlegt, wovon er in Zukunft leben soll. Es gab schon Revolutionen in Bolivien und anderswo in Südamerika, die im Namen der Armen die Macht übernommen haben, anderere politische Parteien haben schon Massen mobilisiert, andere eingeborene Amerikaner - am bekanntesten Benito Juarez im Mexiko der 1850er Jahre - wurden Präsident. Aber nirgends sonst hat eine Graswurzelpartei, deren Mitglieder nicht nur bettelarm, sondern überwiegend indianisch sind, die Regierung übernommen."

Schwer beeindruckt kam Charles Simic aus der Dada-Ausstellung im Moma. Die Bewegung gab's gerade mal von 1916 bis 1924. Aber: "Wenn man den riesigen Einfluss bedenkt, den Dada unter avantgardistischen Künstlern und Dichtern hatte und immer noch hat, entsteht beim Verlassen des Museums der Eindruck, es habe in den letzten achtzig Jahren nicht eine einzige neue Idee gegeben."

Weitere Artikel: Peter W. Galbraith stellt eine Reihe von Neuerscheinungen zum Irakkrieg vor, Stanley Hoffmann hat Bücher über eine neue Außenpolitik der Vereinigten Staaten gelesen, und Michael Kimmelman bespricht Stephen Walshs Buch über Strawinskys Jahre im Exil 1934-1971. Außerdem hat die New York Review of Books zwei ältere (Frühjahr 2004), hervorragend recherchierte Artikel von Adam Shatz über die Hisbollah wieder online gestellt: hier und hier.

Lesen dürfen wir auch die Nachrufe auf Review-Mitbegründerin Barbara Epstein - von Alison Lurie, Darryl Pinckney, Diane Johnson, Edmund S. Morgan, Elizabeth Hardwick, Gore Vidal, John Ashbery, Larry McMurtry, Luc Sante, Pankaj Mishra und Patricia Storace.

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - New York Review of Books

Jim Hansen, Direktor des NASA Goddard Institute for Space Studies und Professor an der Columbia University liest einige Bücher zur Erderwärmung (darunter Al Gores "An Inconvenient Truth", Auszug) und betont noch einmal das Dramatische der Situation: "Studien über mehr als tausend Pflanzen-, Tier- und Insektenarten zeigen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Wanderung in Richtung nord- beziehungsweise Südpol mit einer Geschwindigkeit von vier Meilen pro Jahrzehnt. Das ist nicht schnell genug. In den letzten dreißig Jahren sind die Linien der sogenannten 'Isothermen', mit denen Durchschnittstemperaturen in Erdregionen angezeigt werden, in einer Geschwindigkeit von 35 Meilen pro Jahrzehnt polwärts gewandert. Bezieht man dieses Tempo auf Landkreise in Iowa, so kann man sagen, dass der Lebensraum der Arten pro Jahrzehnt um eine Reihe von Landkreisen in Iowa nördlich wandert."

Weitere Artikel: Der britische Politologe Robert Skidelsky liest Bücher über die Frage, ob sich die USA zu einem "Reich" entwickeln. Joan Acocella liest eine Neuübersetzung von Stefan Zweigs "Die Ungeduld des Herzens" ("Beware of Pity") und bricht eine Lanze für den in den angelsächsischen Ländern inzwischen vergessenen Autor. Der Autor Tim Parks liest eine große neue Beckett-Ausgabe, die deutsche Verlage auch deshalb interessieren sollte, weil die Vorworte zu den Werken von Autoren wie Colm Toibin, Salman Rushdie, Edward Albee, and J.M. Coetzee geschrieben wurden. Und Jonathan Raban bespricht den neuesten Roman von John Updike, "Terrorist" (Auszug). Leider nicht online zu lesen ist John Grays Artikel über Isaiah Berlin.

Magazinrundschau vom 13.06.2006 - New York Review of Books

Elizabeth Drew beschreibt in einem Report aus Washington, wie sich das Weiße Haus unter George W. Bush eine ungeahnte Machtfülle verschafft hat. "Es versucht systematisch, die Institutionen herauszufordern, zu kontrollieren oder zu bedrohen, die ihm gefährlich werden könnten: den Kongress, die Gerichte und die Presse... Doch sein aggressivster und nachhaltigster Angriff ist gegen die Legislative gerichtet. Bush hat immer wieder deutlich gemacht, dass er die Gesetze auszulegen gedenkt, wie es ihm passt und nicht, wie der Kongress sie verfasst hat."

Fünf Jahre nach dem Sieg der Amerikaner über die Taliban sieht Ahmed Rashid Afghanistan wieder am Rande des Kollaps stehen: "Die wiederbelebte Taliban-Bewegung hat ein Drittel des Landes unregierbar gemacht. Zusammen mit Al-Qaida versuchen Talibanführer neue Basen im Grenzgebiet zu Pakistan zu errichten. Unterstützt werden sie dabei von Afghanistans wiedererstarkter Opiumindustrie, die besonders im Süden ihren Teil zur Verbreitung von Korruption und Gesetzlosigkeit beigetragen hat. Der im Land angebaute Mohn, zu Opium verarbeitet und Heroin verfeinert, macht inzwischen 90 Prozent des globalen Marktes aus."

Weiteres: Alan Ryan stellt gleich drei Bücher vor, in denen sich hochkarätige Philosophen - Kwame Anthony Appiah, Amartya Sen und Martha Nussbaum - mit Konzepten kultureller Vielfalt und des Kosmopolitismus beschäftigen. Freeman J. Dyson bespricht Daniel C. Dennetts philosophisches Traktat "Breaking the Spell" über Religion, in dem Dennett den "Glauben an den Glauben" als das eigentliche Problem identifiziert. "Er liefert einige Hinweise darauf, dass die meisten Menschen, die sich selbst als gläubig bezeichnen, nicht wirklich an die Doktrinen ihrer Religion glauben, sondern an den Glauben als ein wünschenswertes Ziel." Neal Ascherson preist Wole Soyinkas neues Buch "You Must Set Forth at Dawn", in dem der Titan und Nobelpreisträger von seiner Heimkehr nach Nigeria im Jahr 1998 erzählt. Amos Elon analysiert die Möglichkeiten eines einseitigen Abzugs Israels aus den besetzten palästinensischen Gebieten unter Ehud Olmert.

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - New York Review of Books

Michael Massing stellt sich in der Debatte um John Mearsheimers und Stephen Walts Artikel über die "Israel Lobby" auf die Seiten der Autoren, die behauptet haben, nicht amerikanische Interessen, sondern jüdische Pressure Groups würden die Politik der USA gegenüber Israel bestimmen. Massing räumt aber ein, dass die Autoren in ihrer Studie keine zwingenden Beweise für ihre Anschuldigungen liefern. Aber: "Die schmutzige Kampagne gegen John Mearsheimer und Stephen Walt gibt selbst ein hervorragendes Beispiel für die tyrannisierenden Taktiken dieser Lobby und ihrer Unterstützer." Ach so.

Weiteres: Eduard Iricinschi, Lance Jenott und Philippa Townsend diskutieren ausführlich das jüngst publizierte Judas-Evangelium, das sie immerhin als eine kluge Meditation über das Böse gelten lassen. Trotzdem bringe es einen nicht weiter als Bob Dylan, der bereits gesungen hatte, es liege an uns zu entscheiden, "ob Judas Ischariot Gott auf seiner Seite hatte". Jeff Madrick empfiehlt eher halbherzig Kevin Phillips' Buch "American Theocracy", in dem der frühere Politiker unter Nixon die Abhängigkeit vom Öl, den Einfluss religöser Gruppen und die Schulden zu den größten Gefahren für Amerikas Zukunft erklärt. Dies sei zwar bisher Phillips pessimistischste Analyse, aber für Madrick ist sie noch nicht realistisch genug. Marcia Angell ("Der Pharma-Bluff") konstatiert ein schwindendes Vertrauen in die Pharma-Industrie in den USA, was sie nur allzu begründet finden kann. Und Daniel Mendelsohn gibt harsch zu Protokoll, dass ihn Philip Roth' neuer Roman "Everyman" nicht bewegt und nicht überzeugt hat.

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - New York Review of Books

Abgedruckt ist Orhan Pamuks "Arthur Miller Freedom to Write Lecture", in der er beim New Yorker PEN-Festival Stellung zu den aktuellen Debatte nahm: "In welchem Land auch immer, die Meinungsfreiheit ist ein universelles Menschenrecht", sagt er. "Respekt für die Rechte von religiösen und ethnischen Minderheiten darf niemals eine Entschuldigung dafür sein, die Freiheit der Rede zu verletzen. Wir Schriftsteller sollten in dieser Hinsicht nicht zögern, wie 'provokativ' auch immer der Vorwand sei."

Der Physiker Jeremy Bernstein, der schon beim amerikanischen Atomprogramm von Los Alamos mitgearbeitet hat, kann sich gut daran erinnern, dass niemand eine Ahnung davon hatte, dass der Spion Klaus Fuchs Blaupausen an die Sowjetunion lieferte. Deshalb kann er Jeffrey T. Richelson nur zustimmen, der in seinem neuem Buch "Spying on the Bomb" das Versagen der Militärspionage beschreibt: "Die chinesischen, indischen, pakistanischen und irakischen Atomprogramme haben eines gemeinsam: dass die ausländischen Nachrichtendienste allesamt dabei versagten, sie aufzudecken." Das nordkoreanische Programm hält Bernstein heute für nicht allzu gefährlich, das bitterarme Land, so seine Einschätzung, dürfte sich schnell mit wirtschaftlichen Entschädigungen zufrieden geben. "Was aber die iranische Situation so schwierig macht, ist, dass sie Öl zu verkaufen haben, was sie weniger verwundbar gegenüber wirtschaftlichen Sanktionen macht. Wenn diese drohen, wird der Ölpreis hochgehen und die Iraner reicher werden. Die Chinesen bekommen im Moment vierzehn Prozent ihres Öls vom Iran, deswegen sind sie so unwillig, Druck auszuüben."

Weiteres: Andrew Hacker empfiehlt drei neue Bücher: "Class Matters" (das aus einer Serie der New York Times hervorgegangen ist), James Lardners und David A. Smith' "Inequality Matters" und "The Chosen", die alle eine wachsende Ungleichheit in den USA konstatieren. Dem stimmt Hacker zwar zu, lehnt aber den immer häufiger gebrauchten Begriff der Klasse als viel zu statisch und zu wenig erklärend ab. Berlusconi-Biograf Alexander Stille blickt noch einmal auf die Regierung des Cavaliere und seinen für das Land ruinösen höfischen Kapitalismus zurück. Julian Barnes stellt Frederick Browns Flaubert-Biografie vor, und Hugh Eakin liest Peter Watsons und Cecilia Todeschinis "Medici Conspiracy".

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - New York Review of Books

Edward Ziff und Israel Rosenfield informieren uns über neueste Erkenntnisse in der evolutionären Entwicklungsbiologie (kurz: Evo Devo - von "Evolution and Development"). Zum Beispiel über die Bedeutung der Hox-Gene, die die embryonale Entwicklung quasi mit einem Masterplan regulieren: "Wenn es diesen Plan für die verschiedenen Körperteile nicht gäbe, wären die meisten Variationen tödlich, und die Evolution würde viel langsamer verlaufen. Nehmen Sie an, wir wollten für ein Flugzeug neue Fenster entwerfen, die die Sicht der Passagiere verbessern sollten, den Kabinendruck ausgleichen und besser vor Kälte schützen. Wir würden die neuen Fenster testen, ohne ihre Position zu verändern. Wenn wir das ganze Flugzeug neu entwerfen sollten, würden wir viel langsamer neue und effizientere Flugzeuge entwickeln können. Genauso können Hox-Gene durch Mutation die Muster in einem einzelnen Körperteil verändern und erlauben so der Evolution, mit neuen Formen wie Flügeln und langen Hälsen zu experimentieren, ohne die anderen Teile des Embryos zu betreffen."

Weiteres: Anne Barton liest die neuesten Arbeiten zum Leben Shakespeares. Auch in diesem Jahr wissen die zahllosen Biografen nicht viel mehr als im vorigen, beschäftigen sich aber intensiv mit der Frage, ob Shakespeare ein Papist war. Nich unwichtig findet Barton allerdings auch die Frage, warum Shakespeare seiner Frau allein das "zweitbeste Bett" vermacht hat.

William Pfaff erklärt sich die Proteste in Frankreich gegen die unbedeutende Änderung des Arbeitsrechts mit der Angst relativ privilegierter Mittelklassekinder vor dem ungezügelten Kapitalismus. Von der Änderung des Arbeitsrechts hätten seiner Einschätzung nach vor allem die unterprivilegierten Jugendlichen in den Vorstädten profitiert. Brian Urquhart stellt verschiedene Bücher über den Irakkrieg, die USA und das Völkerrecht vor und stellt fest: "Fünfzig Jahre internationalen Rechts im Namen des globalen Kriegs gegen den Terror einfach wegzuwischen ist eine schlechte Idee, für die USA wie für jeden anderen." Alan Ryan empfiehlt Louise Knights Biografie "Citizen" der Friedensnobelpreisträgerin, Sufragette und Gründerin verschiedener Menschenrechtsorganisationen wie der ACLU und NAACP, Jane Addams.