Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 10.04.2007 - New York Review of Books

Nach landläufiger Meinung gelten Michelangelo, Tizian und Raffael als die besten Künstler des 16. Jahrhunderts. Anlässlich einer Ausstellung im Prado überlegt Andrew Butterfield, ob nicht doch Tintoretto der größte von allen war. "Tintoretto benutzte den Pinsel mit einem Grad an Spontaneität und Kraft, die nie zuvor gesehen wurde. Er malte in großer Geschwindigkeit, mit großen Pinseln, er fügte die Lichter mit langen rasanten Strichen hinzu. Diese jagen mit einer erstaunlichen Kraft über die Oberfläche der Leinwand, mit ihrer Bewegung geben sie Form und erschaffen Leben. Zeitgenössische Beobachter verglichen Tintorettos Pinselführung mit Blitzen, und man erkennt leicht, warum: Es ist eine ungeheure Energie, die hier zum Vorschein kommt. Die Pinsel nehmen von der Hand des Künstlers den Schwung auf und ihre Striche wirken so dynamisch, als wären sie noch immer in Bewegung und würde niemals zur Ruhe kommen."

Edmund S. und Marie Morgan erinnern zum vierhundertsten Jahrestag an die Anfänge der USA in Jamestown, Virginia: "Die 108 Männer und Jungen, die am 14. Mai 1607 an Land gingen, und die vier- oder fünftausend, die ihnen in den nächsten fünfzehn Jahren folgten, wurden Opfer eines gescheiterten Handelsunternehmens. Aber es überlebten genug von ihnen Hunger, Krankheit, die Vernachlässigung durch ihre Auftraggeber und die eigenen Fehler, dass sie die erste dauerhafte Siedlung dessen errichten konnten, was die Vereinigten Staaten werden sollten."

Weitere Artikel: Bei den Wahlen 2004 haben 78 Prozent der Evangelikalen für die Republikaner gestimmt, Frances FitzGerald erklärt, dass Evangelikalismus und christliche Rechte trotzdem nicht unbedingt identisch sind, was nun auch einige Kirchenoberen versuchten deutlich zu machen. Sarah Kerr bespricht Joan Didions neues Buch "Tell Ourselves Stories in Order to Live", in dem Didion von ihren Ur-Ur-Ur-Großeltern erzählt, die auf den Trecks von Missouri nach Kalifornien gezogen waren. Besprochen werden außerdem Jonathan Lears Buch "Radical Hope" und anlässlich einer Neuausgabe Roald Dahls "Collected Stories".

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - New York Review of Books

Jason DeParle hat sich einem "amerikanischen Albtraum" bei Lichte genähert: den übervollen Gefängnissen. "Sieben von tausend Amerikanern sitzen hinter Gittern. Das sind fünf Mal so viel wie im historischen Durchschnitt und sieben Mal so viel wie in den meisten Ländern Westeuropas." Das Risiko afroamerikanischer Männer, im Gefängnis zu landen, ist acht Mal größer als das weißer Männer. Leider will daran niemand etwas ändern, konstatiert DeParle. Denn: "Die Masseninhaftierung scheint die Straßen sicherer gemacht zu haben. Der enorme Anstieg der Zahl der Gefängnisinsassen von 380.000 im Jahr 1975 auf 2,2 Millionen heute geht mit einem ebenso erstaunlichen Rückgang an Verbrechen einher."

Der Autor Stephen Greenblatt beschreibt, was er von Bill Clinton über Ethik und Macht bei Shakespeare gelernt hat: "Bei Shakespeare hat keine Figur mit einer klaren moralischen Vision den Willen zur Macht, und umgekehrt hat keine Figur mit einem starken Verlangen zur Herrschaft ein ethisch adäquates Ziel."

Der Milliardär und Philanthrop George Soros poltert gegen die Politik der USA und Israel, die palästinensische Regierung aus Hamas und Fatah nicht anzuerkennen. Er empfiehlt, dem von Saudi-Arabien vorgeschlagenen Kompromiss zu folgen. Jonathan Raban empfiehlt Andrew Sullivans Buch "The Conservative Soul", in dem der (bekennend) schwule, katholische Konservative ein ziemlich zerrüttetes Bild des republikanischen Amerikas zeichnet. Pankaj Mishra stellt zwei Bücher vor, die eine recht beklemmende Beschreibung nordafrikanischer Modernisierung geben: Hisham Matars Roman über Gaddafis Libyen "In the Country of Men" und Laila Lalamis marokkanischen Roman "Hope and Other Dangerous Pursuits". Sanford Schwartz bespricht die Martin-Ramirez-Ausstellung im American Folk Art Museum. William Finnegan liest John LeCarres "Mission Song".

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - New York Review of Books

Der Schriftsteller Julian Barnes liest Robert und Isabelle Tombs' Geschichte der britisch-französischen Animositäten "That Sweet Enemy". Nach seinem Eindruck dämmert den Franzosen allmählich mit "Beschämung und leichter Übelkeit", dass sie mehr britischen Liberalismus bräuchten. "Die Stimmung in Frankreich ist ohne Zweifel deprimiert. 'Warum läuft es bei uns so schief?', wird der Schriftsteller zu Besuch oft gefragt. Selbst die weniger befrachtete Frage, warum die britische Literatur derzeit so viel besser als die französische sei, impliziert die Antwort, dass Frankreich vielleicht endlich Adam Smith anerkennen sollte. Manchmal ist dies nur routinierte Trübsal, ein Hauch von Masochismus - oft die Kehrseite französischer Heiterkeit. Aber die Lage ist ernst. Luc Ferry, Philosophieprofessor an der Universität Paris VII und früherer Bildungsminister, beschreibt seine Diskussionen mit rebellischen linken Studenten (wenn diese Attribute in Frankreich überhaupt nötig sind). Er selbst, sagt er, sei nie ein 68er gewesen, aber die Rebellen wollten nach Arkadien, zum Parnass oder ins Paradies auf Erden, die Rebellen von heute fürchten um ihre Rentenansprüche. Haben dafür, legt sein Ton nahe, Napoleons Kaiserliche Garden bis zum letzten Mann bei Waterloo gekämpft? Hat dafür ihr General Cambronne die britischen Forderungen nach Kapitulation mit dem berühmten 'Merde' beantwortet?"

Weiteres: Stephen Kinzer wirft einen Blick auf Ruanda, das Paul Kagames Tutsi-Regierung dreizehn Jahre nach dem Völkermord Kinzers Meinung nach recht erfolgreich stabilisiert hat (wenn auch auf Kosten des ausgeplünderten Kongos). Joseph Lelyveld bespricht das neue Buch zum Nahost-Konflikt von Jimmy Carter, der viel Zorn auf sich gezogen hat, weil er die israelische Besatzungspolitik als Apartheid bezeichnet. Andrew Delbanco stellt fest, dass die reichen Studenten auf Amerikas reichen Colleges noch viel reicher sind als ihre Vorgänger.

Besprochen werden außerdem James Oakes' Buch über Abraham Lincolns Kampf gegen die Sklaverei "The Radical and the Republican" und Ron Rosenbaums Buch über die Fehden unter Shakespeare-Experten "The Shakespeare Wars".

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - New York Review of Books

Michael Tomasky untersucht besorgt die Lage der Demokraten in den USA und stellt fest, dass die Partei nur recht disparate Vorstellungen davon hat, wo sie politisch eigentlich hin will. Über die Ausrichtung werden die Präsidentschaftskandidaten - John Edwards (links), Hillary Clinton (Mitte) oder Barack Obama (irgendwo dazwischen) - entscheiden: "George Bush ist geschwächt, die Nation will ihn nur noch loswerden. In den Augen vieler Wähler hat Bush nicht nur sich selbst diskreditiert, sondern auch den Konservatismus... Nach den Wahlen im letzten Herbst gibt es Grund zu glauben, dass die Demokraten von diesem Wandel profitieren werden. Doch zur gleichen Zeit besteht die Gefahr, dass die Demokraten zu viel in diese Wahlen hinein interpretieren. Wie Chuck Schumer bemerkte, gründen die Erfolge der Partei 2006 eher in einer negativen Botschaft an Bush und die Republikaner als in einer Unterstützung für die Politik der demokratischen Partei."

Peter W. Galbraith rauft sich die Haare über George Bushs neue Irak-Strategie. Schon wieder folge Bush seinen neokonservativen, nicht seinen militärischen oder politischen Beratern: "Sie empfehlen eine Reduzierung der Kampftruppen, Bush kündigt eine Aufstockung an. Sie dringen auf eine diplomatische Öffnung gegenüber Iran und Syrien, Bush stößt Drohungen aus... Bis jetzt haben die amerikanischen Truppen fast ausschließlich den sunnitischen Aufstand bekämpft. Bushs neuer Plan nimmt das Militär in die Pflicht, auch gegen die Mahdi-Armee und ihre verbündeten Milizen vorzugehen, eine Maßnahme, die bedeuten kann, dass die Truppen in einen allumfassenden Häuserkampf in Bagdad verwickelt werden, einer Stadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern... Da Bush die Rhetorik gegen den Iran anheizt, dürfte die iranische Regierung in einem breiten schiitischen Aufstand gegen die Koalition ihre beste Versicherung gegen einen amerikanischen Angriff sehen."

Weiteres: Alison Lurie preist Alain de Botton, dessen Bücher sowohl unterhaltsam wie intelligent sind (angeblich im Gegensatz zum Großteil der angelsächsischen Sachliteratur, aber Lurie hat wohl noch nie eine deutsche Dissertation gelesen). Joyce Carol Oates bespricht Joan Acocellas Essay "Twenty-eight Artists and Two Saints". Sanford Schwartz stellt zwei neue Bücher über Orson Welles vor. Bill McKibben liest mit Schrecken den Klimabericht des IPCC: "Climate Change 2007: The Physical Science Basis: Summary for Policymakers". Und Richard Horton betrachtet besorgt die medizinische Situation in Gaza.

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - New York Review of Books

Christopher de Bellaigue betrachtet die Lage im kurdischen Teil der Türkei, dessen Autonomiebestrebungen neuen Auftrieb bekommen haben, seit sich das irakische Kurdistan so erfolgreich entwickelt. Sein letzter Besuch scheint allerdings schon etwas her zu sein: "Als oberster Soldat in einem Gebiet mit kurdischer Mehrheit hatte der Captain, mit dem ich sprach, mehr zu sagen als alle anderen Offiziellen, auch wenn er von der lokalen Bevölkerung nicht besonders gemocht wurde. An einem Tag im Jahr 2005 standen wir auf einem Hügel und betrachteten die Trümmer der Polizeistation, die von der PKK ausgebombt worden war, und er sagte, dass die Türkei sich nicht auf einen EU-Beitrittsprozess einlassen sollte, dessen Ziel es sei, das Land zu entmannen. Im Zuge des EU-Prozesses und seiner angeblichen demokratischen Reformen, meinte er, würde nur der Grunsteind für ein unabhängiges Kurdistan in Anatolien gelegt. Mustafa Kemals Regierung hatte maßgebend gehandelt, als sie 1920 die Alliierten von ihren Plänen abbrachte, einen kurdischen Staat zu errichten. Im Angesicht der neuen Bedrohung, versicherte mit der Captain, würden die Streitkräfte und andere patriotischen Türken einen solchen Staat verhindern."

Weiteres: Russell Baker widmet sich ausführlich John Patrick Diggins Ronald-Reagan-Biografie "Fate, Freedom, and the Making of History", die mit kraftvollen Standpunkten aufwarte und in Reagan neben Lincoln und Roosevelt "einen der drei großen Befreier in der amerikanischen Geschichte" sehe: Und zwar nicht nur, weil er Osteuropa vom Kommunismus befreit, sondern auch Amerika von der Scheu befreit habe, selbstsüchtig zu sein. Richard Bernstein blickt auf die bisher ergebnislosen Atom-Verhandlungen mit Nordkorea. Besprochen werden Pedro Almodovars jetzt in den USA anlaufender Film "Volver", Martin Amis' neuer Roman "House of Meetings" und Haruki Murakamis Erzählungen "Blind Willow, Sleeping Woman".

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - New York Review of Books

In einer gemeinsamen Erklärung "verurteilen" mehr als hundert iranische Autoren und Intellektuelle "aufs schärfste die von der Regierung der Islamischen Republik Iran in Teheran vom 11. bis 12. Dezember 2006 unterstützte Holocaust-Konferenz, und ihren Versuch, die Geschichte zu verfälschen. Wir ehren die Erinnerung an die Millionen jüdischer und nichtjüdischer Opfer des Holocaust und bekunden unser Mitgefühl für die Überlebenden dieser ungeheuren Tragödie ebenso wie für alle anderen Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der ganzen Welt."

Die poetische Wahrheit ist eine andere als die historische, dabei nicht weniger wertvoll, bestätigt J.M. Coetzee und heißt Norman Mailers Versuch, in seinem Roman "The Castle in the Forest" (Leseprobe) zu klären, wie Adolf Hitler böse wurde, durchaus gut. Mailers Antwort ist eindeutig. Das Böse war von Anfang an in ihm - seit seiner Empfängnis. "Er war ein böses Kind, bevor er ein böser Mann wurde, und er war ein böser Säugling, bevor er ein böses Kind wurde. Alois und Klara Hitler sind überzeugende Porträts von Menschen, die als Eltern ihr Bestes versuchen, sie sind schließlich nur Menschen und die menschliche Natur ist schwach. Und es haben sich übermenschliche Kräfte gegen sie gestellt. Adolf ist genauso überzeugend als gruseliges, widerwärtiges Kind. Doch trotz der übernatürlichen Interventionen, hat sich Mailer nicht dazu herabgelassen, eine Schauergeschichte zu erzählen. Dunkle Mächte mögen von seiner Seele Besitz ergriffen haben, doch Adolf bleibt unerschütterlich menschlich, einer von uns."

Weiteres: William Pfaff sucht nach einer neuen Rolle für Amerika in der Welt. Joseph Lelyveld fragt, wann eigentlich in einem endlosen Krieg wie dem im Irak die irregulären Kombattanten freigelassen werden. Paul Krugmann stellt die drei Milton Friedmans vor. Michael Chabon bespricht Cormac McCarthys Roman "The Road", und Ian Buruma bespricht Clint Eastwoods zwei Pazifikkriegsfilme "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima".

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - New York Review of Books

Newsweek-Reporter Christian Caryl konstatiert nach seinem Aufenthalt im Irak und der Lektüre einiger neuer Bücher über die verheerende Lage dort: " Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir Amerikaner allmählich völlig unbedeutend werden für die Zukunft des Landes. Während die Leute in Washington weiterhin über den nächsten Kurswechsel debattieren und der Baker-Report die Möglichkeit eines graduellen Rückzugs aufscheinen lässt, schätzen die Iraker die kommende Apokalypse ab und treffen dementsprechend ihre Vorbereitungen."

Zu lesen ist auch die bewegende Rede, die der Schriftsteller David Grossman bei den offiziellen Erinnerungsfeiern für Jitzchak Rabin in Tel Aviv gehalten hat: "Sehen Sie, was aus diesem jungen kräftigen Land geworden ist, das so voll Leidenschaft und Seele war... Wann haben wir die Hoffnung verloren, dass wir eines Tages in der Lage wären, ein anderes, besseres Leben zu leben? Mehr als das - wie kommt es, dass wir heute weiterhin daneben stehen und hypnotisiert beobachten, wie Wahnsinn und Vulgarität, Gewalt und Rassismus unser Haus in Beschlag nehmen. Und ich frage Sie, wie kann es sein, dass ein Volk mit solcher Kreativität und Kraft zur Erneuerung, eine Nation, die sich immer wieder aus dem Staub erhoben hat, sich heute - da sie militärisch so viel Macht hat - in einem solch matten und hilflosen Zustand wiederfindet. Ein Staat, in dem dieses Volk wieder Opfer wird, aber nun Opfer seiner selbst, seiner Angst und Verzweiflung, seiner eigenen Kurzsichtigkeit?"

Weiteres: H. Allen Orr hat nicht ohne Amüsement Richard Dawkins "The God Delusion" gelesen, in dem Dawkins jedwede Religion zum größten Übel der Welt und die religiöse Erziehung von Kindern zum Missbrauch erklärt. Doch überzeugt ist Orr von der Arbeit des Evolutionsbiologen nicht: "Keine von Dawkins lauten Verkündigungen folgt irgendeinem Experiment oder Datenmaterial. Es ist nur Dawkins Gerede." Und Luc Sante hat sich durch Thomas Pynchons Monster von einem Buch "Against the Day" gekämpft.

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - New York Review of Books

Alison Lurie erklärt sich die späte Entdeckung der großartigen Erzählerin Alice Munro in den USA mit den Vorurteilen der Amerikaner gegenüber den Kanadiern: "Die Vorstellung der meisten Amerikaner von Kanada ist ziemlich unscharf. Es gibt dort eine Menge Kiefern, Elche und Mounties; seine Bevölkerung ist relativ klein, seine Politik freundlich. Kanadier sind ehrlich, ernst und ein bisschen langweilig. Einige von uns bemitleiden sie oder verübeln ihnen, dass sie sich nicht der Revolution von 1776 angeschlossen haben. In dieser Sicht sind sie die artigen Geschwister, die sich niemals gegen ihre Eltern auflehnten."

Mark Danner versucht, das große Rätsel das Irakkriegs zu lösen, die unerklärliche Tatsache, dass "so viele verdienstvolle, erfahrene und intelligente Offizielle zusammen solch monumentale, folgenreiche und vor allem offensichtliche Fehler machen konnten". Seiner Ansicht nach führen die USA keinen realen Krieg, sondern einen "Krieg der Einbildung". Als ein Beispiel führt er einen Diplomaten an, der ihm am Vorabend des Verfassungsreferendums von 2005 im sunnitischen Falludschah noch erklärt hatte: "'Morgen werden Sie eine große Überraschung erleben. Die Leute hier werden nicht nur alle wählen gehen. Die Leute - und zwar sehr, sehr viele - werden mit Ja stimmen.'" Mit Nein gestimmt haben 97 Prozent.

Weiteres: Neal Ascherson schwärmt in höchsten Tönen von David Remnicks New-Yorker-Reportagen, die nun in dem Band "Reporting" zusammengefasst erscheinen: "In einer Welt, deren Politik sich schneller aufheizt als ihr Klima, bleibt Remnick ein erstaunlich kühler Reporter. Richard Dorment besucht die große Brice-Marden-Retrospektive im Museum of Modern Art. Außerdem bespricht Margaret Atwood den neuen Roman von Richard Powers "The Echo Maker". Und William H. McNeill stellt Max Boots Studie "War Made New" über den Krieg als Vater der Dinge vor.

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - New York Review of Books

Michael Tomasky hat "The Audacity of Hope", das neue Buch von Barack Obama gelesen. Obama ist demokratischer Senator von Illinois und der erste schwarze Politiker, dem zugetraut wird, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte. Obama passt weder in ein Links- noch in ein Rechtsschema. Ob das nun eine Stärke oder Schwäche ist, muss sich noch zeigen, schreibt Tomasky. "Als einziger zeitgenössischer Politiker hat Obama ein großes Potential bewiesen, das gegenwärtige rot-blaue Patt aufzubrechen und eine neue Politik zu konstruieren, die fortschrittlich ist, aber auf bürgerlichen Tugenden gründet, die einen viel größeren Teil der amerikanischen Gesellschaft ansprechen als das jetzige Amalgam demokratischer Wähler. Er muss mehr Mut zeigen. Nicht nur seine Hoffnungen, auch seine Taten brauchen mehr Verwegenheit. Er muss seine bürgerlichen Überzeugungen an handfeste Vorschläge heften - darüber, was im Irak zu tun sei, wie die Energiepolitik neu formuliert werden könnte, wie Freiheit und Sicherheit ausbalanciert werden könnte - um uns ganz konkret zu zeigen, wie das Amerika, das er sich vorstellt, aussehen könnte. Wenn Barack Obama das kann, dann ist 'Phänomen' das richtige Wort für ihn."

Weiteres: John Updike preist Robert Polidoris New-Orleans-Fotoband "After the Flood". Besprochen werden neueste Bücher zum Kampf gegen den Terror, Gore Vidals Erinnerungen "Point to Point Navigation", zwei Essay-Bände von Doris Lessing und Sofia Coppolas Film "Marie Antoinette".

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - New York Review of Books

Gary Wills resümiert, wie die Evangelikalen in den USA unter George Bush immer mehr Machtpositionen besetzt und inzwischen die Bereiche Justiz, Soziales, Wissenschaft und selbst den Irakkrieg fest im Griff haben. In letzteren wurden sie bekanntlich von Gott geführt, um Satan aufzuhalten. Das macht den Wiedergeborenen jetzt allerdings Sorge, meint Wills: "Es besteht in einem Krieg, den Gott kommandiert, eine gewisse Gefahr: Was, wenn Gott verliert?"

Martin Filler erzählt die Geschichte des Getty Trusts, der seit den Affären um die aus Italien geschmuggelten Antiquitäten um seinen Ruf fürchten muss. Allerdings hatten der Trust und sein Gründer, J. Paul Getty, von Anfang an schlechte Presse, erinnert sich Filler: "Auch wenn Getty nie müde wurde, seine Liebe zur Kunst herauszuposaunen, liebte der knauserige Milliardär - der seinen Söhnen Besuche auf dem eigenen Surrey-Anwesen Sutton Place, in Rechnung stellte - nichts mehr als ein Schnäppchen, und sein scharfer Blick auf das Saldo half nicht unbedingt seinem Blick für Bilder. Wie sich John Richardson, der Gettys Kollektion gut kannte, erinnert: 'Er wollte Meisterwerke, aber bitte billig.'"

Weiteres: Tiefe Einsichten verdankt Diane Johnson dem Buch "I Feel Bad About My Neck and Other Thoughts on Being a Woman" der Regisseurin Nora Ephron. Zum Beispiel, dass man im Leben mit dreißig Maximen auskommt, darunter: "Kaufe, miete nicht. Kaufe nichts, was zu 100 Prozent aus Wolle besteht, auch wenn es sich beim Anprobieren im Laden noch so weich anfühlt und nicht kratzt. Man kann nicht mit Menschen befreundet sein, die nach 23 Uhr anrufen. Das Flugzeug wird nicht abstürzen." Bill McKibben stellt neue Bücher zur Klimakatastrophe vor, darunter auch "The Revenge of Gaia". Darin sagt der einflussreiche Wissenschaftler James Lovelock einen Temperaturanstieg von acht Grad in den nächsten Dekaden voraus, den wahrscheinlich nur zweihundert Millionen Menschen an den Polarkreisen überleben werden. Die gute Nachricht: Bisher lag Lovelock immer knapp daneben. Robert Paxton bespricht Carmen Callils Studie "Bad Faith" über Vichy-Frankreich und seine übelsten Kollaborateure. Andrew O'Hagan jubelt Stephen Frears' "Queen" zu.