Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 15.04.2008 - New York Review of Books

Der Europa-Historiker Tony Judt macht sich Gedanken über die historischen Lehren des 20. Jahrhunderts und stellt fest, dass die USA anders als die Europäer nie erfahren mussten, wie Kriege Gewinner und Verlierer gleichermaßen korrumpieren: "Amerikaner, haben wahrscheinlich als die einzigen in der Welt das 20. Jahrhundert in einem positiven Licht erlebt. Die USA wurden nicht besetzt. Sie haben keine immense Zahl von Bürgern oder großen Flächen ihres Territoriums in Folge einer Besatzung oder Aufteilung verloren. Wenn sie auch in fernen neokolonialen Kriegen gedemütigt wurden (in Vietnam und jetzt im Irak) haben die USA niemals die ganzen Konsequenzen einer Niederlage erlitten. Trotz ihrer Ambivalenz gegenüber ihren jüngsten Unternehmungen glauben die meisten Amerikaner, dass die Kriege, die ihr Land geführt hat, gute Kriege waren."

Barack Obamas Philadelphia-Rede mit Abraham Lincolns Gettysburg Address zu vergleichen, findet Gary Wills übertrieben. Treffender sei die Parallele zu Lincolns Cooper-Union-Rede: "Jeder wollte von seiner Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert werden - gegen einen New Yorker Senator - Lincoln gegen Senator William Seward, Obama gegen Hillary Clinton. Sie beide waren bekannt für ihre Oppostion gegen einen anfangs populären Krieg - Lincoln gegen Präsident Polks auf Grund einer fiktiven Provokation lancierten Mexikanischen Krieg, Obama gegen Präsident Bushs Irak Krieg."

Weiteres: Das Autoren-Duo Hussein Agha, Robert Malley untersucht, wie erfolgversprechend der avisierte Nahost-Friedensplan für die Schublade sein kann. Alison Lurie analysiert verschiedene Versionen von Rapunzel aka Petrosinella oder Sugar Cane unter besonderer Berücksichtigung der Essgewohnheiten schwangerer Frauen. Besprochen werden die Ausstellung "The Arts of Kashmir" in der Asia Society von New York, der Roman "Lush Life" von Richard Price, Keith Gessens Roman "All the Sad Young Literary Men" und zwei Bücher zum Judas-Evangelium.

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - New York Review of Books

Anfangs ein wenig skeptisch hat Stanley Wells Germaine Greers Biografie von Shakespeares Frau Ann Hathaway gelesen, muss dann aber zugeben, dass sie recht überzeugend mit einigen hanebüchenen Zuschreibungen aufräumt. Zum Beispiel Stephen Greenblatts Behauptung, "es sei absolut möglich, dass Shakespeares Frau kein einziges Wort gelesen hat, das er geschrieben hat". "Greer kommentiert dies spitz: 'Natürlich ist es möglich, sogar absolut möglich, dass Ann nicht lesen konnte. Angesichts eines fehlenden Gegenbeweises ist es auch möglich, dass sie blind war.' Von Ann ist keine Handschrift überliefert, aber Greer kann plausibel machen, dass sie zumindest lesen konnte."

Weitere Artikel: Fassunglos konstatiert Raymond Bonner, dass es fast sieben Jahre gedauert hat, um sechs Guantanamo-Gefangene, darunter Khalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshibh, für die Anschläge vom 11. September vor Gericht zu bringen. 240 weitere Gefangene bleiben für ungewisse Zeit und aus ungewissen Gründen in Haft. Elizabeth Drew staunt über Hillary Clintons Fähigkeiten, im Wahlkampf gegen Barack Obama aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Besprochen werden die erste Ausstellung zu Nicolas Poussin als Landschaftsmaler seit dreihundert Jahren im New Yorker Metropolitan Museum, Joseph E. Stiglitz sehr "sozialdemokratisches" Buch "Making Globalization Work", die Edition von John Steinbecks Werken in der Library of America sowie die Herausgabe von Hart Cranes Gedichten ebenda.

Magazinrundschau vom 18.03.2008 - New York Review of Books

Sue M. Halpern arbeitet einen Stapel Ratgeber für ein glückliches Leben ab, fragt sich allerdings, wofür wir sie brauchen, da eh alle Welt glücklich zu sein scheint: "Die Massai in Kenia, die Soccer-Moms aus Scarsdale, die Amish, die Inuit in Grönland, europäische Geschäftsleute - alle sagen, dass sie glücklich sind. Als Glücksforscher Ed Diener, der frühere Präsident der International Society of Quality of Life Studies, 916 Umfragen mit insgesamt über einer Million Menschen in 45 Ländern auswertete, fand er heraus, dass sich die Menschen im Durchschnitt auf einer Skala von null bis zehn auf der sieben platzieren."

William Dalrymple zeichnet nach einer Reise durch Pakistan ein erstaunlich hoffnungsvolles Bild von der Lage im Land. "Pakistan ist nicht dabei auseinander zu fallen, zu implodieren, in einem Bürgerkrieg zu versinken oder ein Taliban-Staat zu werden, in den Lkws voller Mullahs vom Khyber-Pass nach Islamabad strömen. Es ist nicht ganz klar, ob Pakistans korrupte Polit-Elite in der Lage sein wird, das Land zu regieren und ob sie die Wahlen als Möglichkeit zu mehr Demokratie ansehen oder nur zur persönlichen Bereicherung nutzen werden. Aber sie wird wahrscheinlich nie wieder eine solche gute Gelegenheit habe, dieses strategisch entscheidende Land zu einer stabilen und moderaten islamischen Demokratie zu machen."

Weiteres: Der Dichter Charles Simic sieht in der Unabhängigkeit des Kosovos kein gutes Zeichen für die Zukunft des Balkans:"Solange nationale Identität fast auschließlich durch den Hass auf andere definiert wird, wird es in dieser Region mehr unglückliche als glückliche Völker geben." Richard Dorment besucht die Jasper-Johns-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum.

Magazinrundschau vom 11.03.2008 - New York Review of Books

Der Schriftsteller Nicholson Baker ist so begeistert von Wikipedia, dass er in seinen Lobgesang auch die vermeintlichen Vandalen einschließen kann. "Es ist ein Spiel. Wikipedianer halten Vandalismus für ein Problem, und das kann er auch sein, aber als Beobachter im Geiste Diogenes' muss man zugeben, dass Wikipedia ohne seine bösen Geister niemals so erfolgreich geworden wäre. Es ist ein Nachschlagewerk, das sich ziemlich plötzlich und bösartig gegen einen wenden kann. Wenn man den einstigen kriegerischen Harvard-Präsidenten James Bryant Conant sucht, weiß man nie, ob man einen ausgewogenen Artikel findet oder nur einen einzigen Satz (wie für siebzehn Minuten am 26. April 2006): 'Er ist ein riesiger dummer Kopf.' James Conant war schließlich in wichtiger Hinsicht ein großer Dummkopf. Er war ein Antisemit, glaubte an Wunderwaffen und tüftelte gern neue Möglichkeiten aus, Menschen umzubringen, während er eine große Universität leitete. Ohne die Spinner, Verleumder und Schmierer wäre Wikipedia einfach nur die nützlichste Enzyklopädie aller Zeiten. So ist es eine hektische Version von Paintball."

Weiteres: Die drei hochrangigen US-Diplomaten William Luers, Thomas R. Pickering und Jim Walsh plädieren dafür, Irans Atomprogramm zu internationalisieren. Michael Tomasky analysiert den bisherigen Vorwahlkampf der Demokraten unter besonderer Berücksichtigung der Super-Delegierten, die Barack Obama wohl noch ein Super-Problem bescheren können. Martin Filler widmet sich Renzo Pianos Bau des Los Angeles County Museum of Art (Lacma). Besprochen werden Alan Greenspans Erinnerungen "The Age of Turbulence" und Peter Careys Roman "His Illegal Self" (den Cathleen Schine nur in dem Sinne klein nennen möchte, wie auch Bienen oder Uranmengen klein sind).

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - New York Review of Books

Historisches tut sich in den USA, glaubt der Schriftsteller Darryl Pinckney, schon am Abend der Primaries von New Hampshire hat er es in Harlem im Friseurladen gespürt: Der erste Schwarze steht davor, Präsident der USA zu werden. "Auch wenn Barack Obama dafür gepriesen wurde, die Hautfarbe nicht zum Wahlkampfthema zu machen und sich nicht als schwarzer Kandidat zu präsentieren, ist seine Hautfarbe entscheidend für seine Attraktivität. Schwarze wie Weiße können sich gleichermaßen von seinem gemischten Erbe angesprochen fühlen und von seiner partiellen Geschichte als Immigrant. Aber dies ist keine fabenblinde Wahl. Die Leute werden für Obama nicht trotz der Tatsache stimmen, dass er schwarz ist, oder weil er nur halbschwarz ist. Sie stimmen für ihn, weil er schwarz ist, und das ist ein ganz neues Gefühl in diesem Land und in der Präsidentschaftspolitik. Noch vor vierzig Jahren wurde Robert Kennedy heftig dafür kritisiert, als er sagt, wahrscheinlich könnte ein schwarzer Mann in fünfzig Jahren Präsident der USA werden. 'Heute abend werden wir siegen', sagte mein Friseur, Mr. Sherlock."

Weiteres: Joseph Cirincione untersucht, welchen nuklearen Bedrohungen die USA tatsächlich ausgesetzt sind. Sanford Schwartz begutachtet das filmische Werk Julian Schnabels. Besprochen werden die Ausstellung zu Lucian Freud im New Yorker Moma, Cees Nootebooms Roman "Paradies verloren" (und zwar sehr streng von J.M. Coetzee), die Schrift "Surrender Is Not an Option" des früheren amerikanischen UN-Botschafters John Bolton, Oliver Sacks' neues Buch "Musicophilia" und Michael A. Elliotts Geschichte der Kriege gegen die Indianer "Custerology".

Magazinrundschau vom 29.01.2008 - New York Review of Books

Während führende deutsche Tageszeitungen angesichts von pöbelnden Leserkommentaren und Weblogs eine Kontrolle des Internets fordern, sieht man in Amerika die Sache sportlicher. Sarah Boxer gibt einen Überblick über die höchst lebendige Szene amerikanischer Blogger, die aus dem Irak (Informed Comment) oder in der Pause aus der Met (Paterre Box) berichten, die Journalisten (Little Green Footballs) oder Politiker (Atrios) stürzen - und die von den Mainstream-Medien inzwischen Pyjamaheddin genannt werden. Dass sie Amateure sind, ist das Beste an ihnen, meint Boxer: "Gebt ihnen ein Gehalt, einen Buchvertrag oder einen Presseausweis und es ist nicht mehr dasselbe (und das betrifft auch die Blogs von Magazinen, Firmen oder Zeitungen). Warum? Wenn man für Geld schreibt, sorgt man sich um Prozesse, Satzstruktur, Wortwahl. Man denkt an den Boss, den Verlag, an Mama und das Superego, das einem über die Schulter blickt. So kann man nicht bloggen."

Ehud Olmert mag nicht Israels stärkster Premier sein, aber er ist seit langem der erste, der ernsthaft Frieden mit den Palästinensern sucht, meint der israelische Schriftsteller Amos Elon in einer großen Analyse der gegenwärtigen Lage: "Olmert hat keine biblischen Visionen. Seine Idee von Israel ist die eines säkularen modernen Staates mit einer florierenden Wirtschaft, integriert in den globalen Handel und eng verbunden mit Europa. Nicht ganz das, was Gott und Abraham in der Bronzezeit diskutiert haben. Sharon sprach noch von einem langen und schwierigen Kampf. Olmert sagt, die Israelis seien des Krieges müde, müde, ewig Sieger zu sein. Die Hardliner bringt er immer wieder auf die Palme, wenn er von zwei Staaten spricht, was er oft tut. Olmert ist vielleicht der pragmatischste israelische Führer seit 1967. Es ist zu hoffen, dass er nicht zu spät kommt."

Die Historikerin Anne Applebaum erklärt, warum Andrzej Wajdas Film "Katyn" über die Ermordung von 20.000 polnischen Offizieren durch den sowjetischen NKWD so wichtig sei: "In Polen evoziert das Wort Katyn nicht nur den Mord, sondern so viele sowjetische Falschheiten in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und die sowjetische Invasion Polens von 1939. Katyn war nicht ein einzelnes Kriegsereignis, sonder eine Reihe von Lügen und Verzerrungen, die über Jahrzehnte verbreitet wurden und die Warheit über die sowjetische Nachkriegsbesatzung und Polens Verlust seiner Eigenständigkeit verschleiern sollten."

Außerdem: Frank Rich warnt die amerikanischen Demokraten davor, ihre eigene Stärke zu überschätzen. Besprochen werden David Rieffs Erinnerungen an seine Mutter Susan Sontag "Swimming in a Sea of Death", die Gustave-Courbet-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum. Und schließlich ist auch Tony Judts Rede zur Entgegennahme des Hannah-Arendt-Preises in Bremen zu lesen.

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - New York Review of Books

Michael Massing lobt die US-Zeitungsgruppe McClatchy, die ein einzigartiges Blog auf die Beine gestellt hat: "Vor ziemlich genau eine Jahr hat die Zeitungsgruppe ein Blog ausschließlich für Beiträge ihrer irakischen Mitarbeiter gegründet. Es heißt 'Innenansichten des Irak' und mehrmals in der Woche schreiben irakische Mitarbeiter der Zeitung über ihre Erfahrungen und Eindrücke... 'Es gibt Irakern die Möglichkeit, sich direkt an eine amerikanische Leserschaft zu wenden', sagt Leila Fadel, die aktuelle Büroleiterin, deren Vater aus dem Libanon kommt und deren Mutter aus Michigan stammt, die in Saudi-Arabien aufgewachsen ist und gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt ist. Das Blog füllt eine beträchtliche Lücke in der Berichterstattung... 'Es gibt zu wenige Informationen über irakische Bürger, nicht die Politiker in der Grünen Zone, sondern ganz normale Leute', meinte ein Fernsehjournalist. 'Wir müssen auch ihre Stimmen zu Gehör bringen."

Weitere Artikel: Von einem Besuch in Teheran berichtet Max Rodenbeck. Ian Buruma stellt der amerikanischen Leserschaft zwei Meisterwerke vor: Alfred Döblins kaum zu übersetzenden und nur in unangemessener englischer Übersetzung vorliegenden Roman "Berlin Alexanderplatz" und Rainer Werner Fassbinders nun auf DVD erschienene Verfilmung fürs Fernsehen. Besprochen werden unter anderem J.M. Coetzees neues Buch "Diary of a Bad Year" und der Martin Filler begeisternde Bau des New Museum of Contemporary Art in New York. Abgedruckt wird eine kurze Erinnerung von Literaturnobelpreisträger Derek Walcott an die verstorbene Kritikerin und Autorin Elizabeth Hardwick.

Magazinrundschau vom 04.12.2007 - New York Review of Books

Mehr als eine Handvoll aktueller Bücher darüber, was der Irakkrieg aus den amerikanischen Soldaten macht, hat Michael Massing gelesen. Es sind Bücher dabei, die von Soldaten selbst geschrieben sind, aber auch die Nahbeobachtung "Generation Kill" des Rolling-Stone-Journalisten Evan Wright, die HBO jetzt zu einer Miniserie verarbeitet: "Wright ist ein scharfer Beobachter und in 'Generation Kill' gelingt ihm der Blick hinter die Kulissen, die sonst so viele Aspekte des Militärlebens verbergen. Hier zum Beispiel seine Beschreibung des ersten Besuchs bei General Nathaniel Ficks Männern: 'Im Zelt stinkt es nach Fürzen, Schweiß und eklig süß nach pilzbefallenen Füßen. Alle laufen in Unterhosen herum und kratzen sich an den Eiern. Überhaupt ist öffentliches Kratzen an den Eiern ganz normal bei den Kampftruppen der Marines, sogar in den Meetings hochrangiger Offiziere. Die Geste ist so übertrieben männlich wie der größte Teil der Umgangssprache unter den Marines auch.' Offiziere und Rekruten gefallen sich in Obsönitäten, verwenden immerzu Ausdrücke wie 'schwul', 'Tunte' und 'Motherfucker'. Die Soldaten streiten sich, erzählen sich schmutzige Geschichten, werfen sich rasssistische Beschimpfungen an den Kopf, lesen Pornozeitschriften und masturbieren."

Und noch mehr Obszönes: John Updike hat die Gustav-Klimt-Ausstellung in New Yorks Neuer Galerie besucht und stellt fest, dass Klimt - insbesondere in seinen Zeichnungen - ebenso wie sein Zeitgenosse Egon Schiele einem Gegenstand Gerechtigkeit widerfahren ließ, an dem auch Updike selbst ein oft demonstriertes Interesse hat: "Gemeinsam haben die beiden Männer der nicht-pornografischen Aktzeichnung die Genitalien wiedergegeben und den Sex in so etwas wie seiner melancholischen Komplexität skizziert."

Magazinrundschau vom 20.11.2007 - New York Review of Books

Die chinesische Umweltaktivistin Dai Qing schildert, wie die chinesischen Behörden den Raubbau an den Wasserresourcen des Landes vor den Olympischen Spielen noch einmal kräftig gesteigert haben. Obwohl das Wasser knapp und für die Bauern bereits rationiert ist, werden in Peking künstliche Seen, Hunderte von Golfplätzen und gewaltige Springbrunnen angelegt: "Um den dramatischen Wasser-Mangel auszugleichen, pumpt Peking derzeit 80 Prozent seines Wasserbedarfs aus dem Grundwasser. Aber es tut dies in weitaus schnellerem Maße, als sich die Vorkommen wieder auffüllen könnten, wodurch unter der Hauptstadt der Grundwasserspiegel abstürzte und der Boden in einem 2.000 Quadratkilometer weiten Trichter absackte. Zum Ausgleich wird nun Wasser von den zunehmend verärgerten Nachbarprovinzen Hebei und Shanxi nach Peking gepumpt. Chinas Neureiche und das von der Bürokratie aus Partei und Staat kontrollierte Finanzkapital dehnen sich in alarmierendem Maße auf die Weltmärkte aus. Sie haben einen bisher unbekannten Reichtum geschaffen, doch ist dieser nur durch den gierigen Verbrauch natürlicher Ressourcen zustande gekommen."

Frederick C. Crews erzählt von einem Coup der Pharmaindustrie: Der Konzern GlaxoSmithKline ließ gegen ein offenbar stattliches Honorar den Football-Spieler Ricky Williams in Oprah Winfreys Talkshow bekennen, dass er ein Leben lang "unter Schüchternheit" gelitten habe. Dabei, so lernen wir, handelt es sich nicht um einen verbreiteten Wesenszug, sondern eine Krankkeit - genannt Social anxiety disorder. "Medikamentehersteller erzielen ihre enormen Profite mit einer kleine Anzahl von marktführenden Produkten, für die immer wieder neue Anwendungen gesucht werden. Wenn diese nicht in Experimenten oder durch Zufall auftauchen, können sie durch das 'Condition-Branding' heraufbeschwört werden - das heißt, bringt die Massen dazu zu glauben, dass ein üblicher, wenn auch unangenehmer Zustand tatsächlich eine Störung ist, die mit Medikamenten behandelt werden muss. Poetischer nennt man dies 'künstlichen Rasen auslegen'."

Weiteres: William Pfaff kann sich noch immer keinen rechten Reim auf Nicolas Sarkozy machen: "Seine Interesse gilt der Macht an sich, nicht weil er eine persönliche Vorstellung hätte, was er mit ihr anfangen soll." Besprochen werden Philip Roth' neuer Roman "Exit Ghost", David Shulmans Bekenntnis zum Frieden in Nahost "Dark Hope", Robert Reichs Buch über den undemokratischen "Supercapitalism" unserer Tage sowie Jack Goldsmith' Studie "The Terror Presidency", die beschreibt, wie die Regierung Bush mit Hilfe des Juristen David Addington die Folter zu legalisieren versucht.

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - New York Review of Books

Ziemlich resigniert blickt der Oppositionspolitiker und Vorsitzende der Andrei-Sacharow-Stiftung, Sergei Kowaljow, in Russlands Zukunft, das Wladimir Putin auch künftig (wahrscheinlich als Ministerpräsident) beherrschen werde: "Was soll man tun, wenn man dieses byzantinische System der Macht nicht akzeptieren kann? Sich zurückziehen in die Katakomben? Warten, bis sich wieder genug Energie für eine neue Revolte angesammelt hat? Eine Revolte forcieren und dabei eine 'orange Gefahr' beschwören, die Putin und seine Verbündeten seit den ukrainischen Wahlen 2004 benutzen, um die Menschen und sich selbst einzuschüchtern? Sich auf Forderungen nach ehrlichen Wahlen konzentrieren? Die mühsame Aufklärungsarbeit fortsetzen, um die Sicht der Menschen zu verändern? (...) Ich fürchte, dass nur wenige von uns die Wiedereinführung von Freiheit und Demokratie in Russland noch erleben werden. Trotzdem sollten wir im Kopf behalten, dass 'der Maulwurf der Geschichte seine Gänge unbemerkt gräbt'."

Weitere Artikel: Peter Matthiessen weist darauf hin, dass durch das Schmelzen des arktischen Eises nicht nur die niedlichen Eisbären bedroht sind, sondern auch Inuit wie die vom Walfang lebenden Inupiat. John Terborgh widmet sich der Tragödie des Amazonas, mit dessen Abholzung nicht nur ein enormer Waldbestand verloren geht, sondern auch ein unvergleichlicher Artenreichtum, Hunderte von indigenen Stämmen und gewaltige Vorräte an Kohlenstoff. Für Michael Tomasky hat sich New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman mit seinem Buch "The Conscience of a Liberal" als "beständigster und couragiertester" Partisan der Linken etabliert.

Besprochen werden Richard Pevears und Larissa Volokhonskys neue Übersetzung von Tolstois "Krieg und Frieden" ins Englische, Katha Pollitts Erzählungen "Learning to Drive" und eine "Lucia di Lammermoor"-Inszenierung von Mary Zimmerman an der New Yorker Met.