Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 23.10.2007 - New York Review of Books

Malise Ruthven beleuchtet eine Reihe von neueren Büchern zum Islam, darunter John Kelsays "Arguing the Just War in Islam", Hans Küngs "Der Islam: Geschichte, Gegenwart, Zukunft" und Michael Bonners "Jihad in Islamic History: Doctrines and Practice". Alle drei setzen sich mit der Frage auseinander, ob der Islam eine an sich friedliche Religion ist - wie zum Beispiel Bush und Blair behauptet haben - oder ob der Kampf von vornherein darin angelegt ist. Die Autoren scheinen die Rezensentin dagegen von letzterer Auffassung überzeugt zu haben: "Ob es einem gefällt oder nicht: Die Terror-Kampagnen folgen dem Beispiel des Propheten in seinem Kampf - seinem heiligen Krieg - gegen die Quraisch, einem heidnischem Stamm in Mekka. Im Kontext des ursprünglichen Konflikts zwischen den frühen Muslimen und den Mekkanern sagen die Quellen, einschließlich des Korans und der Erzählungen von Mohammeds Leben, dass der Kampf ein angemessenes Mittel ist, durch den Muslime versuchen sollten sicherzustellen, dass das Leben gemäß göttlichen Geboten geordnet werde." Die militante Lesart des Korans unterscheide sich nicht wesentlich von der gemäßigten eines Sheikh al-Azhar. Die Gemäßigten "hinterfragen zwar die Methoden der Militanten auf der Grundlage praktischer Ethik - bringen die 'Aktionen im Namen der Gerechtigkeit mehr Nutzen als Schaden' - ihre politische Rechmäßigkeit wird jedoch kaum in Frage gestellt."

Weiteres: Marc Danner analysiert das von El Pais veröffentlichte Transkript eines Gesprächs zwischen George W. Bush und Jose Maria Aznar von 2003, in dem diese über den bevorstehenden Krieg gegen Irak und eine mögliche zweite Uno-Resolution debattieren (und in dem sich der schöne Satz von Aznar befindet: "Das einzige, was mich beunruhigt, ist Ihr Optimismus.") Larry McMurtry widmet sich Diane Keatons gesammelten Fotokollektionen. Abgedruckt wird ein offener Brief prominenter Außenpolitker wie Zbigniew Brzezinski oder Brent Scowcroft, der nachdrücklich vor einem Scheitern der anstehenden Nahost-Konferenz warnt.

Besprochen werden die Ausstellungen zu Lorenzo Ghibertis Florentiner Paradiespforte in gleich mehreren Museen und und Arthur M. Schlesingers Tagebücher von 1952 bis 2000.

Magazinrundschau vom 09.10.2007 - New York Review of Books

Charles Rosen präsentiert das "beste Buch über Mozart": die 1920 erschienene Biografie "W.A. Mozart" des Hallenser Musikhistorikers Hermann Abert (mehr hier), die jetzt ins Englische übersetzt wurde und für Rosen die "befriedigendste, lesenswerteste und unterhaltsamste Arbeit" über den Komponisten ist, die man auf Englisch bekommen kann" (auf Deutsch gibt es das Buch nur noch antiquarisch): "Abert und seine Generation hauchten Mozart neues Leben ein, indem sie aus ihm einen Komponisten für das 20. Jahrhundert machten. Sie holten heraus, was sie für die dämonischen Aspekte von Mozart hielten, die dramatische Kraft und sogar die Gewalt. Damit erschufen sie eine Gestalt, die sich gründlich von dem anmutigeren, charmanteren, aber auch faderen Mozart unterschied, den das 19. Jahrhundert schätzte. Diese expressionistische Ästhetik, historisch fragwürdig wie sie ist, hatte einen zweiten Effekt: die historische Restauration der Art, wie Mozart vom 18. Jahrhundert gesehen wurde. Für seine Zeitgenossen war Mozart ein schwieriger Komponist, nicht nur schwer zu spielen, sondern auch schwer zu hören. Die anspruchvollsten Werke, so dachten sie, könnten nur von den größten Könnern aufgeführt werden. Es gab nicht nur zu viele Noten, vor allem gab es zu viele neue Ideen und neue Themen, die alle, eins nach dem anderen, über einen hereinbrachen."

Weiteres: Jonathan Freedland begutachtet, wie sich Gordon Brown in den ersten Monaten als Premier geschlagen hat, und findet es ganz erstaunlich, wie viel Sympathien diese zerknautschte Gestalt mit "einem Gesicht wie ein verregneter Wintermorgen in Fife" gewonnen hat. Rory Stewart erinnert an die "Königin der Wüste", Gertrude Bell, die es während des Ersten Weltkriegs zur ersten Offizierin der britischen Streitkräfte brachte und maßgeblich an der Entstehung des heutigen Iraks beteiligt war.

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - New York Review of Books

Mit Blick auf die große Teile des Iraks beherrschende Mahdi-Armee des radikalen Schiiten Muktada el Sadr erklärt Peter W. Galbraith den Iran, ihren größten Förderer, zum großen Sieger des Krieges: "1639 legte der Vertrag von Qasr-i-Shirin die Grenzen zwischen dem Osmanischen und dem Persischen Reich fest und markierte damit auch die Grenzen zwischen sunnitisch und schiitisch beherrschtem Land. In einem brutalen achtjährigen Krieg versuchte der Iran in den achtziger Jahren vergeblich, diese Linie zu überschreiten. (Und die Regierung Ronald Reagans unterstützte genau deshalb Saddam Hussein, denn sie fürchtete die strategischen Konsequenzen eines von Irans Alliierten kontrollierten Iraks.) Die amerikanische Invasion hat erreicht, was die Armee des Ayatollah Khomeini nicht geschafft hat: Heute erstreckt sich das schiitisch kontrollierte Land bis zu den Grenzen Kuweits und Saudi-Arabiens. Bahrein, das Königreich am Persischen Golf mit schiitischer Mehrheit und einem sunnitischen Monarchen, ist von diesen Entwicklungen am stärksten betroffen, aber auch Saudi-Arabiens östliche Provinz, in der die meisten Schiiten des Landes leben. Die US Navy hat ihre wichtigste Basis im Persischen Golf in Bahrein, während der größte Teil des saudischen Öls unter der östlichen Provinz liegt."

Weiteres: Brian Urquhart fragt, ob wir überhaupt Diplomaten brauchen. Bill McKibben eruiert, ob und wie sich der Klimawandel aufhalten ließe. Caroline Moorehead widmet sich dem Frauen- und Mädchenhandel in Südosteuropa. Besprochen werden die Ausstellung "Dutch Portraits" im Mauritshuis in Den Haag sowie Henry James' Gesammelte Briefe.

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - New York Review of Books

Der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin beobachtet eine jakobinische Revolution, die George W. Bush mit der Ernennung erzkonservativer Richter am Obersten Gerichtshof der USA losgetreten hat. Ein Grundsatz nach dem anderen werde revidiert: "Diese Doktrinen zielten darauf, die Rassentrennung zu reduzieren, die Demokratie vom großen Geld zu emanzipieren, einen vernünftigen Rahmen für die Freiheit des Gewissens und der Rede zu etablieren, die Rechte der Frauen auf Abtreibung zu bewahren und zugleich Bedenken über die Ausübung dieses Rechts zu berücksichtigen, sowie schließlich faire und effektive Prozesse im Strafrecht zu ermöglichen. Wie Stephen Breyer in einer seltenen Klage von der Richterbank erklärte: 'Es kommt in der Justiz nicht oft vor, dass so wenige so viel so schnell verändert haben.' Es wäre falsch zu glauben, dass diese rechte Phalanx in ihrem Eifer von einer sehr konservativen juristischen oder politischen Ideologie getrieben ist. Sie scheint eher von überhaupt keinem juristischen oder politischen Grundsatz getrieben, sondern allein von parteilicher, kultureller und vielleicht religiöser Verpflichtung."

Weiteres: Janet Malcolm kann David Shipleys and Will Schwalbes Handbuch für den überlegten E-Mail-Gebrauch "Send" nur jedem dringend ans Herz legen, der mit diesem verhängnisvollen Hochleistungsgerät umgeht. Sanford Schwartz hat sich Neo Rauchs Ausstellung in New Yorks Metropolitan Museum angesehen und fühlt sich sehr an Bacon, Balthus und de Chirico erinnert, sieht aber auch Anklänge an Herge und Winsor McCay. Ian Buruma liest die Kampfschrift "World War IV: The Long Struggle Against Islamofascism" des neokonservativen Patriarchen Norman Podhoretz und findet darin eine "seltsame Sehnsucht nach dem Kriegszustand". Michael Tomasky ist sich zwar nicht sicher, ob Al Gore noch einmal als Präsidentschaftskandidat antreten sollte, aber über den neuen, von seinen politischen Beratern befreiten Citizen Gore (unter deren Ägide hatte er nicht einmal die Kreationismus-Lehre in den Schulen von Kansas kritisiert) kann er nur staunen.

Magazinrundschau vom 24.07.2007 - New York Review of Books

Timothy Garton Ash liefert eine einerseits positive Besprechung von Günter Grass' "Peeling the Onion", kommt aber auch nochmal auf die Affäre um die Enthüllung seiner SS-Mitgliedschaft zurück. Zwar gibt er Grass einen "halben Punkt" in seiner Kritik an der FAZ, aber eben nur einen halben, weil Grass seinem eigenen moralischen Anspruch durch Verschweigen des biografischen Details nicht gerecht wurde. Garton Ash schließt: "Die Zeit wird Günter Grass verzeihen. Denn die deutsche Sprache lebt durch ihn wie auch, anders, durch Christa Wolf, und den Lyriker, mit dem er sich in Paris anfreundete, während er die "Blechtrommel" schrieb, Paul Celan. Seine unerschrockensten Verteidiger sagen, dass auch seine politische und moralische Autorität unangetastet bleibt. Das scheint mir, gelinde gesagt, unwahrscheinlich. Aber auch von seinem Engagement bleibt etwas. Seinen besten politischen Beitrag leistete er für die deutsch-polnische Versöhnung."

Russell Baker unternimmt eine tour d'horizon durch die amerikanische Zeitungskrise, kommt auf das Versagen der Zeitungen im Vorfeld des Irak-Kriegs zurück, auf den Verkauf von Familienunternehmen an anonyme Investoren und auf das Verhältnis der Zeitungen zum Internet, das sie schwächt, ohne sie ersetzen zu können. Neben zwei Büchern erwähnt er dabei auch eine Rede (hier als pdf) des ehemaligen LA-Times-Redakteurs John Carroll, die die veränderte Ökonomie der Information reflektiert: "Wie das Internet die Zeitung als Informationsquelle ersetzen soll, wird von jenen, die das behaupten, nie erklärt. Achtzig Prozent aller Nachrichten im Internet gehen auf Zeitungsquellen zurück, schätzt John Carroll. Keine einzige Internetfirma hat die Ressourcen, die eine mittlere Tageszeitung braucht, um Nachrichten zu bündeln und herauszubringen. Und Firmen wie Google oder Yahoo haben kein Interesse, seriösen Journalismus zu betreiben."

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - New York Review of Books

Jamey Gambrell beschreibt in einem Feature, wie Putin immer stärker versucht, die Medien in seinem Land mundtot zu machen: "Die Ermordung von Journalisten ist nur die sichtbarste Manifestation einer stetigen Kampagne gegen die Presse. Viel effektiver sind die wirtschaftlichen, rechtlichen und administrativen Maßnahmen, mit denen systematisch die Menschenrechte, die Arbeit von Informationen sammelnden Organisationen und anderen unabhängigen Mitgliedern der Zivilgesellschaft unterdrückt werden. Häufige Rechnungsprüfungen, teure und zeitaufwändige Registrierungen gehören zu den Waffen der Wahl. In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Razzien bei Nachrichtenorganisationen gegen 'illegale Software'; das obere Management wurde zwischen staatlich kontrollierten und 'privaten' Fernsehsendern ausgetauscht, Direktiven gaben vor, 50 Prozent positive Nachrichten zu präsentieren; es gab 'Stop-Listen' von Politikern und Aktivisten, die nicht öffentlich genannt werden dürfen, beendet wurden Live-Übertragungen und Talkshows."

Weiteres: In einem Essay zur Zukunft der Biotechnologie setzt Freeman Dyson große Hoffnungen auf diese Industrie, solange sie nicht auf große und zentralisierte Konzerne setzt. Außerdem schreiben in dieser literarischen Sonderausgabe etliche Schriftsteller über ihre lieben Kollegen: Anita Desai über Primo Levi, Al Alvarez über Ian McEwan, Tim Parks über Elfriede Jelinek, Hilary Mantel über Mischa Berlinski, Claire Messud über Andrew O'Hagan, Francisco Goldman über Roberto Bolano und Joyce Carol Oates schließlich über Amnesie-Romane.

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - New York Review of Books

Max Rodenbeck schickt eine große Reportage aus dem Libanon, der sich nicht mehr nur gegen die Hisbollah und Syrien zur Wehr setzen muss, sondern auch gegen den internationalen Dschihad, wie die Kämpfe im palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared zeigten. "Die Anführer der Fatah al-Islam sind nach ihrer Freilassung aus syrischen Gefängnissen im vergangenen Jahr in den Libanon gekommen, ausgerüstet mit sehr viel Bargeld. Die meisten ihrer Anhänger kommen nicht aus dem Lager selbst, sondern aus Saudi-Arabien, Algerien oder Syrien, oft über die Straßen des Dschihads im Irak (also eine weitere Konsequenz des Irakkriegs). Die Bewohner des Flüchtlingslager lehnten dieses Eindringen ab, mit dem rigiden Puritanismus der Neuankömmlinge können sie wenig anfangen. Aber vielen Berichten zufolge bewundern sie auch die Kämpfer für ihren Eifer und ihre Kriegserfahrung im Irak. Es war nur eine Frage der Zeit, bevor das Gemisch aus internen Spannungen und dschihadistischen Einschlüssen explodiert."

Allzu optimistisch findet es Pankaj Mishra, in Indien das erfolgreiche, sympathische Gegenmodell zum chinesischen Globalisierungswunder zu sehen: "Mehr als die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren sind in Indien unterernährt; Missernten und Schulden haben in den vergangenen zehn Jahren Hunderttausende von Bauern in den Selbstmord getrieben. Ungleichmäßiges Wirtschaftswachstum und daraus folgende Ungleichheiten bringen neue gewaltige Herausforderungen für Indiens Demokratie und politische Stabilität mit sich."

Weiteres: Abgedruckt wird auch ein schon etwas älterer Artikel von Adam Michnik über die zwei Polen, die sich derzeit gegenüberstehen: "Ein Polen des Argwohns, der Furcht und der Rache liegt im Kampf mit einem Polen der Hoffnung, des Mutes und des Dialogs." (Hier die deutsche Version). Harold Bloom preist eine von Peter Cole edierte Anthologie jüdischer Poesie aus dem maurischen-christlichen Spanien, die weder im umgangsprachlich üblichen Judäo-Arabisch noch in Ladino verfasst war, sondern auf Hebräisch. Besprochen werden außerdem Don DeLillos 9/11-Roman "Falling Man" und Margaret MacMillans Studie zu "Nixon and Mao".

Magazinrundschau vom 05.06.2007 - New York Review of Books

Frankreich mag einige ökonomische Schwierigkeiten haben, aber keine, die man nicht lösen könnte. Die Wahl Nicolas Sarkozys zum Präsidenten behebt in den Augen William Pfaffs ein viel gravierendes Problem: "Kurz vor den Studentenrevolten im Mai 1968, schrieb Le Monde bekannterweise, dass das Land sich langweile - 'La France s'ennuie'. In den Jahren vor dieser Wahl war die Langeweile nach Frankreich zurückgekehrt. Das ist entscheidend für das Verständnis dessen, was sich ereignet hat. Der Präsidentschaftswahlkampf hat Frankreich von seiner Langeweile befreit. Niemand kann behaupten, dass Sarkozy langweilig sei, oder Segolene Royal. Auch Frankreich ist nicht mehr langweilig, es könnte sogar richtig aufregend werden."

Jonathan Freedland betrachtet die außenpolitisch verfahrene Lage der USA und sieht das Land vor der Entscheidung stehen, entweder wie Rom das Imperium zu erhalten und damit die Republik zu verlieren, oder wie die Briten das Empire aufzugeben, um die Demokratie zu retten.

Außerdem liest Ian Buruma neue Bücher über Leni Riefenstahl von Steven Bach und Jürgen Trimborn, James Lardner sichtet Neuerscheinungen zum amerikanischen Buchmarkt, Lee Smolin liest Einstein-Biografien von Walter Isaacson und Jürgen Neffe, und John Leonard schließlich stellt Michael Chabons Roman "The Yiddish Policemen's Union" vor.

Magazinrundschau vom 15.05.2007 - New York Review of Books

Mit Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Das Leben der Anderen" hat die Welt nach Nazis, SS und Auschwitz mit der "Stasi" ein weiteres deutsches Synonym für das abgrundtief Böse in der Geschichte geschenkt bekommen, konstatiert Timothy Garton Ash. Er findet aber, dass die Deutschen selbst dran schuld sind: "Keine Nation war je brillanter, beharrlicher und innovativer in der Untersuchung, Behandlung und Wiedergabe seiner eigenen schrecklichen Vergangenheit." Ash erinnert sich aus seiner Zeit in Berlin während der siebziger Jahre noch gut daran, wie unkritisch viele Westler über die Verhältnisse in Ostdeutschland urteilten. "Einen Vergleich zwischen Nazi und Stasi auch nur anzudeuten galt bei vielen Westlern als altmodisch - als reaktionäre Kalter-Krieg-Hysterie, gefährlich für den Geist der detente. Der Korrespondent des Guardian, Jonathan Steele, erklärte 1977, die Deutsche Demokratische Republik sei 'ein präsentables Modell der Art von autoritärem Wohlfahrtsstaat, in den die osteuropäischen Staaten sich verwandelt haben'. Selbst sogenannte 'realistische' Konservative sprachen damals über das kommunistische Ostdeutschland ganz anders als heute. Das Wort 'Stasi' kam ihnen kaum jemals über die Lippen."

Abgedruckt wird eine Diskussion, in der Rory Stewart, Chef der NGO Turquoise Mountain Foundation von seiner - unerwarteten - Ernüchterung über die Entwicklung im Irak berichtet. Nachdem er jeden Monat 10 Millionen Dollar für Aufbau-Projekte ausgegeben hat, für die sich kein Iraker interessiert, plädiert er nun für den Rückzug der Truppen: "Unsere Anwesenheit infantilisiert das politische System des Irak. Wir sind wie ein falsches Antibiotikum."

Weiteres: Nicholas D. Kristof hat sich bei William T. Vollmanns Porträts der "Poor People" ein wenig gelangweilt. Aber eines kann er nach der Lektüre festhalten: "Das wahre Gesicht der Armut sind nicht der schmerzende Hunger und die demütigenden Lumpen, sondern die unmöglichen Entscheidungen. Wenn man die Schulgebühren nur für einige seiner Kinder aufbringen kann, welches schickt man?" Michael Tomasky stellt fest, dass Washingtons Demokraten sich mehr mit Taktik als mit Inhalten befassen. Besprochen werden Jerome Hortons Ärzte-Verteidigungsschrift von Ärzten "How Doctors Think" und Tom Stoppards Russland-Triologie "The Coast of Utopia".

Magazinrundschau vom 24.04.2007 - New York Review of Books

Um noch kurz beim Thema von Colm Toibin und Ian McEwan zu bleiben: In einem Artikel über Sarah Bernardt zitiert Robert Gottlieb einen ihren Liebhaber, "ihr männliches vis-a-vis an der Comedie Francaise, Jean Mounet-Sully - ein Löwe von einem Mann. Im Alter sagte er: 'Bis ich sechzig war, dachte ich, es wäre ein Knochen.'"

Zu lesen ist ein Auszug aus Vaclav Havels Erinnerungen "Fassen Sie sich bitte kurz" an seine Zeit als Tschechiens Präsident, sozusagen die Schreckensjahre unter Premier Vaclav Klaus: "Ich erlitt viele Niederlage. Die schlimmsten Erinnerungen habe ich an die Mittwochstreffen. Klaus hatte diese an sich vernünftige Idee. So wie der britische Premier mittwochs die Queen informiert, wollte er auch jeden Mittwoch für eine Stunde auf die Burg kommen. Ich konnte nicht ablehnen. Diese Mittwochnachmittage wurden zu meinem schlimmsten Albtraum, von Dienstagabend an war ich nicht mehr zu gebrauchen. Die Treffen liefen immer gleich ab: fünfzehn bis zwanzig Minuten höfliche Konversation über Gott und die Welt, dann der Moment der Wahrheit: irgendeine Beschwerde über mein Verhalten. Es war immer Unsinn, aber es sollte keinen Sinn ergeben, es sollte mich in die Defensive bringen. Wenn Klaus seinen ersten Schlag gelandet hatte, konnte ich jede Erklärung geben, und er stimmte mir sogar zu. Aber ich konnte weder die Schönheit dieses ersten Schlags auslöschen noch aus der Defensive kommen."

Weitere Artikel: Das Autorenduo Hussein Agha und Robert Malley untersucht die Lage im Nahen Osten und kommt zu dem Schluss, dass es sowohl Israelis wie Palästinenser nicht mehr in der Lage sind, in bilateralen Verhandlungen eine Lösung des Konflikts erreichen. Elizabeth Drew erkundet die innenpolitischen Fronten in den USA in Bezug auf den Irakkrieg und das Dilemma der Demokraten, einen Krieg mitzufinanzieren, der immer unpopulärer wird. Hermione Lee stellt eine Reihe neuer Bücher vor, die nach Sinn und Zweck des Romans fragen. Besprochen werden auch Henry Gidels Buch über Sarah Bernhardt und Monografien zu Francis Bacon.